Telemegor

Die Telemegore

Telemegor – das steht für "Teleobjektiv Meyer Görlitz". Sie gehören zu den Pionieren genau dieser Objektivbauart.

Die Telemegore 1:5,5

Der Begriff des Teleobjektivs wird leider selbst in der Fachliteratur ziemlich uneinheitlich verwendet. Manche Autoren dehnen ihn auch auf den Bereich der Sonnartypen aus, andere wiederum sogar generell auf alle längerbrennweitigen Objektive. Teleobjektive im engeren Sinne zeichnen sich aber speziell dadurch aus, daß sie vor der Blende aus einem sammelnd wirkenden Systemteil aufgebaut sind, dem in einem ziemlich großen Luftabstand ein zerstreuender Systemteil folgt. Dieser aufwendige, stark asymmetrische Aufbau, der es dem Konstrukteur übrigens nicht gerade leicht macht, die Bildfehler seines Objektives im Zaume zu halten, wird einzig und allein deshalb angestrebt, um die begehrte Fernglaswirkung eines langbrennweitigen Objektivs irgendwie mit einer normalen Kamera in Einklang zu bringen. Immerhin soll eine solche Kombination ja händelbar bleiben.


Dabei ist es in diesem Zusammenhang wichtig, die Begriffe Brennweite und Schnittweite auseinanderzuhalten. Der Fachmann spricht zudem noch speziell von einer Äquivalentbrennweite. Darunter versteht man die einer einzelnen Linse entsprechende Brennweite eines mehrgliedrigen System. Völlig unterschiedlich aufgebaute Linsensysteme haben dieselbe Äquivalentbrennweite, wenn der Aufnahmegegenstand mit derselben Größe abgebildet wird. Diese Präzisierung ist hier deshalb wichtig, weil es sich bei einem echten Teleobjektiv eben nicht mehr um eine Einzellinse bzw. einen Achromaten handelt, die einfach zum Brennpunkt denjenigen Abstand haben, wie er eben der Brennweite entspricht. Bei einer derartigen Bauart ergibt sich zwischen dem Achromaten und dem Film nämlich ein sehr langer Luftabstand, den der Fachmann als Schnittweite bezeichnet. Solchermaßen "traditionell" aufgebaute Fernobjektive fallen dementsprechend unhandlich aus. Das starke Auseinanderreißen der Brechkräfte in einem echten Teleobjektiv bewirkt demgegenüber eine "unnatürliche Verlagerung" des hinteren Kardinalpunktes, von dem ab die Brennweite gemessen wird, weit nach vorn – ja manchmal sogar vor die Frontlinse! Der Luftraum zwischen der hintersten Linse und dem Film – die besagte Schnittweite also – verkürzt sich dadurch drastisch. Das ganze Objektiv rückt quasi an die Kamera heran und infolgedessen muß seine Fassung nicht mehr so ausladend gebaut sein. Trotzdem wird das Motiv genau so groß abgebildet, wie beispielsweise bei einem Achromaten, da die äquivaltente Brennweite dieselbe ist.

Telemegore 180 und 250mm

Das Konstruieren eines solchen echten Teleobjektivs war allerdings lange Zeit ein schwieriges Unterfangen. Überhaupt wurden bis etwa zum Beginn des 20. Jahrhunderts symmetrische Aufbauten nur ungern verlassen, weil mit diesem Schritt stets sogleich Fehler wie die Koma, die Farbenvergrößerungsabweichung und bei solchen Tele-Konstruktionen vor allem die Verzeichnung nicht mehr beherrschbare Ausmaße annahmen. Willy Merté, der während des Ersten Weltkrieges die Weiterentwicklung der Tessare vom zum Leiter der Abteilung Photo des Zweisswerks aufgestiegenen Ernst Wandersleb übernommen hatte, meldete im Jahre 1919 ein auf den Konstruktionsprinzipien des Tessars basierendes Zeiss Tele-Tessar zum Patent an. Im Mai 1921 folgte ein Zusatzpatent zu dieser Erfindung, das durch Verkittung auch im vor der Blende liegenden Systemteil eine Erhöhung der Lichtstärke auf 1:5,5 ermöglichte. In diesem Zusatzpatent ist explizit angegeben, das die Wirkungsdauer des Gesamtschutzes zu dieser Telekonstruktion bis zum 16. Juni 1934 galt.


Kein Wunder also, daß neben Schneider in Kreuznach nun gleich nach dem Auslaufen dieses Patentes auch die niederschlesische Objektivbauanstalt rasch mit einem nach diesem Prinzip aufgebauten Teleobjektiv auf den Markt traten. Bei der Optischen Anstalt des früh verstorbenen Hugo Meyer in Görlitz hatte sich nach dem Tode Paul Rudolphs nämlich ein Generationswechsel hin zu jungen, talentierten Konstrukteuren ereignet. Aus dem vergleichsweise kurzen Intermezzo Stefan Roeschleins in Görlitz, bevor dieser 1936 nach Kreuznach ging, stammt diese Serie an echten Teleobjektiven. Die Telemegore 1:5,5 für die Kleinbild-Kamera wurden in den Brennweiten 150; 180; 250 und 400mm angeboten. Meyer-Optik festigte mit diesen Objektiven seine Marktposition als Zulieferer hochwertiger Wechselobjektive für neu aufkommende Kamerabauarten – insbesondere für die moderne Spiegelreflexkamera des Kleinbildes und des Mittelformates. Hier tat sich in der zweiten Hälfte der 30er Jahre ein völlig neues Metier auf und Meyer konnte mit beeindruckender Geschwindigkeit darauf reagieren.

Tele-Tessar 5,5 Patent
Telemegor 5,5 scheme

Der Vergleich der Linsenschnitte des Tele-Tessar 1:5,5 zum Telemegor 1:5,5 zeigt allerdings auch, daß Roeschlein von den stark meniskenhaft durchbogenen Linsen im hinteren Kittglied des Tele-Tessar hin zu einfacheren Linsenformen abgegangen war. Als vorteilhaft für jene Zeit ohne Linsenentspiegelung muß auch angesehen werden, daß die vier Linsen zu je zwei Gruppen zusammenzufaßt waren. Für die damaligen Verhältnisse waren diese Objektive ein gewaltiger Fortschritt. Erstmals wurde es möglich, mit einer leichten, gut transportablen Ausrüstung Aufnahmen von weit entfernten Motiven anzufertigen; beispielsweise in der freien Wildbahn.


Heute kann freilich weder die Lichtstärke noch die Bildleistung mehr begeistern. Es handelt sich schlichtweg um eine ziemlich betagte Konstruktion. Das 150er beispielsweise ist selbst abgeblendet weich; ja geradezu flau. Es wurde nach dem Kriege auch nicht mehr lange gefertigt. In der Zeitschrift "Die Fotografie" wurde diesem Objektiv einmal die höchste UV-Durchlässigkeit unter den Testkandidaten bescheinigt. Hochbrechende Spezialgläser, die dann kaum noch UV durchlassen, wurden also hier ganz offensichtlich noch nicht eingesetzt. Diese eher einfachen Gläser waren aber ausschlaggebend dafür, daß die Telemegore noch in den 50er Jahren als preiswerte Amateurobjektive angeboten werden konnten. Das Telemegor 5,5/180 blieb dabei am längsten von allen im Lieferprogramm. Aufgrund der oben genannten hohen UV-Durchlässigkeit wurde es später übrigens mit einem fest eingebauten UV-Sperrfilter geliefert. Die Telemegore 250 und 400mm wurden hingegen bald durch ein deutlich besseres Telemegor 4,5/300mm ersetzt, das auch einen anderen Grundaufbau aufzuweisen hatte.

Meyer Telemegor 5.5/180 und 5.5/150

Oben: Vergleichsweise früh nach dem Kriege waren auch die Telemegore wieder lieferbar. Immerhin hatten sie einen guten Ruf und waren vergleichsweise preiswert. Die Objektivfassungen waren nun durchweg aus Aluminium, das später schwarz lackiert wurde. Die beiden Telemegore 5,5/180 (links) und 5,5/150 in den blanken Fassungen wurden allerdings noch ohne fest verbautes Sperrfilter geliefert.


Unten: In der Literatur besteht offenbar noch Unklarheit über die korrekte Scheibweise von Herrn Roeschleins Vornamen. Seine eigenhändige Unterschrift unter einer seiner Patentanmeldungen nach dem Kriege zeigt, daß er sich jedenfalls selbst mit "f" statt mit "ph" schrieb.

Telemegor 4,5/300 mm

Dieses Teleobjektiv ist eine der ersten großen Neuentwicklungen der 50er Jahre und läutet daher den Beginn dieser sehr erfolgreichen Phase in der Geschichte der Görlitzer Objektivbauanstalt mit ein. Die alten Telemegore aus der Mitte der 30er Jahre waren mittlerweile ein wenig in die Jahre gekommen; insbesondere die 250er und 400er Brennweite. Um konkurrenzfähig zu bleiben, mußte die Bildleistung verbessert werden. Und wenn auch die Erhöhung der Lichtstärke von 1:5,5 auf 1:4,5 auf den ersten Blick nicht gerade erheblich erscheinen mag: Jede Verbesserung gerade dieser Eigenschaft insbesondere bei solch langen Brennweiten bereitet stets größte Schwierigkeiten, wenn die Abbildung nicht durch ein Anwachsen insbesondere der Farbfehler verdorben werden soll.


Das Telemegor wurde zu diesem Zweck auf Basis moderner Gläser völlig neu berechnet. Neue Korrekturparameter konnten überdies auch dadurch erzielt werden, indem die bisherige Konstruktion verlassen und die vordere Systemhälfte in zwei Einzellinsen aufgespalten wurde. Durch Wegfall der Verkittung zwischen den ersten beiden Linsen brauchten nun die Flächen zwei und drei betragsmäßig nicht mehr denselben Krümmungshalbmesser aufweisen, sondern konnten in weiten Grenzen neu festgelegt werden.  Statt eines sehr weichen Übergangs zwischen zwei verkitteten Linsen, der zwar kaum eine Spiegelung nach sich zieht, dafür aber auch kaum eine Brechung, werden bei zwei Einzellinsen, die durch einen Luftzwischenraum begrenzt sind, zwei neue, je nach den verwendeten Glassorten sehr harsche Übergänge erzielt. Die damit neugeschaffenen Flächenbrechwerte sind der wichtigste Spielball des Optikers, mit dem er die Korrektur des Gesamtsystems optimieren kann. Mit Einführung der Linsenentspiegelung Mitte der 1940er wurde diesbezüglich ein neues Zeitalter eingeläutet. Mußte Roeschlein in den 30er Jahren noch darauf achten, durch möglichst weitgreifende Verkittung Spiegelverluste und den Lichtfleck so klein wie möglich zu halten, so konnten Objektive wie das Telemegor nun nach Bedarf in Einzellinsen aufgelöst werden. Neukonstruktionen wie das Domigor 4/135mm oder das Orestegon 2,8/29mm hatten bald überhaupt keine Kittgruppen mehr.

Eine Tatsache, die man in der Literatur nicht findet: Beim Telemegor 4,5/300 ist die vordere Kittgruppe in zwei Einzellinsen aufgespaltet worden.

Das Telemegor 4,5/300mm war ab dem Katalog 1955 im Sortiment. Dort verblieb es auch ziemlich genau zehn Jahre, bis es durch das neue Orestegor 4/300mm abgelöst wurde. Es ist meines Wissens das einzige der DDR-Objektive, das bei der Preisumstellung vom Frühjahr 1960 eine leichte Erhöhung erfahren hat, wenn auch nur geringfügig von 420,88 Mark (1957) auf nunmehr  422,- Mark. Wieso genau, ist nicht bekannt. Fakt ist, daß in dieser Zeitspanne (um 1958) auch eine Version für die Praktisix erscheint.

Telemegor 4,5/300mm
Telemegor 4,5/300mm
DD39.496
DD39.496

Das oben gezeigte Telemegor ist eine späte Version, die sich durch eine modernisierte Fassung auszeichnet. Gekennzeichnet ist diese zum einen durch das  neue Flachnutenrändel  und zum anderen durch den verbesserten Stativring. Hans Sägel hatte eine neue Bauweise dieses drehbaren Befestigungsringes erfunden, bei der die Kraft für dessen Arretierung nicht axial an den Objektivkörper weitergegeben wurde, sondern radial. Damit  konnte er vermeiden, daß sich beim Festschrauben des Stativringes die Objektivfassung samt Schneckengang verspannte und verformte. Offensichtlich war dies bislang ein Problem gewesen. Dieses Patent Nr. DD39.496 wurde am 4. Dezember 1962 angemeldet, weshalb man getrost davon ausgehen kann, daß die modernisierte Version des Telemegors 300mm in etwa zu dieser Zeit herauskam.

Telemegor 4,5/300 Werbung

Marco Kröger, 2016


Letzte Änderung: 15. Dezember 2021