Deko-Pionier

Kodak Deko-Pionier

Die durch Umstellung des Materiales von Blech auf Kunststoff stark modernisierte Boxkamera lag in den 50er Jahren zwar voll im Trend. Der tatsächliche Verkaufserfolg war aber letztlich durchaus eine Frage des Formats.

Denn diese Boxkamera aus Bakelit des Filmherstellers Kodak AG i.V. in Berlin Köpenick hätte mit einem Verkaufspreis von 9 Mark und 95 Pfennigen [Vgl. Die Fotografie, 4/1955 S. 103.] eigentlich das Zeug gehabt, zu einer echten Volkskamera zu werden. Leider war sie aber erstens für den Rollfilm A8 konzipiert, der international als Typ 127 bekannt ist. Anders als in dem unten gezeigten Artikel zu lesen ist, war dieser Rollfilm nie "in ausreichender Menge vorhanden", sondern man tat eigentlich alles dafür, diesen Filmtyp baldmöglichst auslaufen zu lassen. Seine kostspieligen Spulen aus Metall waren seit jeher sehr problematisch, weil sich schon nach kurzer Lagerungszeit der Schichtträger die engen Windungen um die viel zu dünnen Wickelkerne einprägte uns auf diese Weise rasch die Eigenschaften einer Sprungfeder annahm. Für wirklich hochwertige Kameras wurde der Typ A8 daher aufgrund seiner schlechten Planlage regelrecht verschmäht. Daher hatte er schlichtweg keine Zukunft

Helmut Stapf - Kodak-Taschenbuch 1956

Aber es gab einen noch viel triftigeren Grund, weshalb dieser Kamera kein Erfolg beschieden war: Die Auslegung für 16 Aufnahmen im Nennformat 3x4 cm. Die Negative aus einer Pouva Start waren immerhin groß genug, daß zumeist ein einfacher Kontaktabzug in der Größe 6x6 als Erinnerungsbildchen genügte. Dafür reichte auch das billige periskopische Objektiv dieser Kamera aus. Kontaktbelichtungen im Format 3x4 cm waren jedoch viel zu klein, um als Bild wirken zu können. Selbst der bescheidenste Photoamateur konnte mit solch einem Abzug in Briefmarkengröße nicht zufrieden sein. Um Abhilfe zu schaffen, hätte er die Negative also erstens vergrößern müssen, wozu er allerdings einen entsprechenden Vergrößerungsapparat anschaffen mußte, der nicht nur 9,95 Mark gekostet haben dürfte. Zweitens aber waren bei solch kleinen Aufnahmeformaten (im Gegensatz zu einer 6x9-Kamera) die einfachen Meniskuslinsen qualitativ völlig überfordert. Wer also ohnehin bereit war, sich ein Vergrößerungsgerät zu kaufen, der sparte lieber etwas und  legte sich eine  Kamera zu, die wenigstens mit einem anastigmatisch korrigierten Triplet ausgerüstet war. Eine Boxkamera im Kleinbildformat konnte auf diese Weise nie erfolgreich werden – ganz gleich wie billig sie auch verkauft werden mochte.

Kodak Pionier Anleitung 1
Kodak Pionier Anleitung 2

Hin und wieder konfektioniert mal ein Anbieter eine Schwarzweißemulsion als Rollfilm A8 bzw. Typ 127. Wenn man Glück hat, passen sogar die Spulen, auf die er gewickelt wurde, in die historischen Geräte. Dann kann man sogar so eine Deko Pionier wieder zum Leben erwecken. Und weil heutzutage die Negative gescannt statt kontaktkopiert werden, fällt auch alles das weg, was oben als großer Nachteil des 3x4-Formates angegeben wurde. Was dabei herauskommt, das hat natürlich seinen ganz eigenen Charme...

Kodak Pionier
Kodak Pionier
Kodak Pionier
Kodak Köpenick

Heute ist fast in Vergessenheit geraten, daß die junge DDR eine zweite große Filmfabrik hatte - neben Agfa Wolfen den VEB Fotochemische Werke Köpenick. Im Jahre 1905 als Glanzfilm AG gegründet, wurde das Werk 1927 von der Eastman Kodak übernommen. Der Name "Kodak" wurde noch bis 1956 weitergenutzt, obgleich bereits die Nazis das Werk beschlagnahmt hatten. Die anschließend verwendete Abkürzung "Deko" stand wiederum für "Deutsche Kodak". Der Markenname "Kodak" in Bezug auf DDR-Produkte ruft heute nichtselten Verwunderung und Unglauben hervor.

Kodak Berlin Köpenick
Werkseingang Kodak Köpenick

Der Eingang zum ehemaligen Kodak-Werk in Köpenick im Juni 2018. Praktica B200.

Marco Kröger/Yves Strobelt


letzte Änderung: 13. Januar 2022