Primarflex

Primarflex

Aufgrund der Tatsache, daß zum Hintergrund dieser Kamera so gut wie keine Primärquellen existieren, müssen die spärlichen Informationen fast durchweg aus Sammelgut hergeleitet werden.

Primar-Reflex II Trioplan

Zu den faszinierendsten Kameras der Mitteldeutschen Photoindustrie zählt sicherlich diese 6x6-Rollfilm-Spiegelreflex. Sie war, als sie Mitte der 30er Jahre herausgebracht wurde, derart ihrer Zeit voraus, daß sie es gar nicht so leicht hatte, am Markt zu bestehen. Immerhin müssen wir uns vor Augen führen, daß Rollfilme eigentlich damals das Material für einfache Amateurkameras war. Zwar hatte bereits die Rolleiflex diesen Filmtyp und das Aufnahmeformat 6x6 auf eine professionelle Ebene geholt – aber eine aufwendige Einäugige Reflexkamera mit Schlitzverschluß und Wechselobjektiven für dieses kleine Bildformat, das wurde doch in Fachkreisen mit Zweifel bedacht. Derartige Kameras arbeiteten damals typischerweise mit Platten der Größen 9x12; 10x15; oder gar 13x18 cm und die Firma Curt Bentzin in Görlitz war damals einer der profiliertesten Hersteller dieser Geräte neben Ernemann bzw. Ica und Mentor in Dresden.

Doch der "schnelle" Rollfilm, der es gestattete, mehrere Aufnahmen hintereinander in rascher Folge anzufertigen, gewann damals zunehmend an Anhängerschaft, nachdem man sich mit der Arbeitsweise angefreundet hatte, die kleinen Negative nicht mehr im Kontakt kopieren zu können, sondern sie vergrößern zu müssen. Bestimmte Gruppen von Berufslichtbildnern, beispielsweise Portraitphotographen, wußten es alsbald zu schätzen, daß nun ein Kameramodell dieses Formates am Markt war, das es erlaubte, das Objektiv gegen längere Brennweiten auszuwechseln. Und im Gegensatz zur Rolleiflex stimmten Sucherbild und Aufnahme stets exakt überein. Diese Eigenschaften brachten frischen Wind in den Photomarkt und deshalb blieb die Primarflex auch nicht lang allein. Neben der fast zeitgleich erschienenen Reflex-Korelle kamen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mindestens noch die Beier-Flex und die Exakta 6x6 hinzu. Zum Teil wurden für diese Kameras dieselben Objektive verwendet, wie diese Aufstellung von Walter Kross aus dem Jahre 1939 zeigt [Spiegelreflex 6x6, 2. Auflage, 1941, S. 55].

Die Sonderstellung der Primarflex lag dabei darin, daß sie den würfelförmigen Aufbau der Platten-Spiegelreflexkameras übernahm und ins Rollfilm-Zeitalter überführte. Diese Bauweise hat später noch einige Nachahmer gefunden hat. Sie ermöglichte ein beeindruckend kompaktes, gut in der Hand liegendes Kameragehäuse; das allerdings nur zu dem Preise, daß sowohl der Film als auch der Ablauf der Verschlußtücher abgeknickt werden mußten, um in dem kompakten Gehäuse platzzufinden. Bei der Primarflex sind die Rollos des Verschlusses unten um 90 Grad umgelenkt. Trotzdem blieben nur geringe Bewegungsräume der Tücher zu Beginn und zum Ende des Verschlußzyklus übrig, was große Schwierigkeiten bei der Schlitzbildung und beim Abbremsen der Tücher mit sich brachte. Darin ist die Ursache zu sehen, weshalb es später gar nicht so viele Nachahmer des Primarflex-Aufbaues gegeben hat. Eine derartige würfelförmige 6x6-Spiegelreflexkamera bereitete immer große Probleme bei der Konstruktion des Schlitzverschlusses, der schließlich auf engstem Raum untergebracht werden muß. Es ist schon bemerkenswert, daß die Hersteller von Kameras dieses Typs (Hasselblad 1600 F, Bronica de Luxe und ihre jeweilgen Nachfolger, Rolleiflex SL66) irgendwann den Schlitzverschluß aufgegeben und durch einen in den Wechselobjektiven aufgebauten Zentralverschluß ersetzt haben. Schlitzverschlußkamers nach der sogenannten T-Form, bei denen sowohl Film, als auch Verschlußtücher gestreckt ablaufen konnten, haben sich aufgrund des einfacheren Aufbaus dagegen länger halten können.

Primarflex Curt Bentzin

Man kann der Primarflex dabei bescheinigen, für die 30er Jahre eine ungemein moderne Konstruktion gewesen zu sein. Sie bot beispielsweise einen mit dem Filmtransport gekuppelten Verschlußaufzug (das hatte damals noch nicht einmal die Rolleiflex). Auch scheint von Anfang an eine automatische Filmschrittsteuerung vorhanden gewesen zu sein. Noch an der Primarflex II aus den 50er Jahren erkennt man aber, welche Pionierstellung diese Kamera dabei innehatte: Das Filmeinlegen mutet aus heutiger Sicht kurios an. Der eingelegte Film muß nämlich bei offener Rückwand so lange weitergedreht werden, bis gerade der Klebestreifen sichtbar wird, mit dem der Film am Schutzpapier befestigt ist. Der Grund ist ganz einfach: als die Primarflex erschien, gab es noch keinen Startpfeil auf dem Schutzpapier. Rollfilmkameras arbeiteten damals ausschließlich mit einem Nummernfenster. Für einen automatischen Filmtransport gab es daher nur die Klebestelle als eindeutiges Startzeichen. Aus ebenjenem Grunde arbeitete auch der revolutionäre Rolleiflex Automat von 1937 mit einer mechanisch sehr aufwendigen Abtastung des Klebestreifens, die das Filmeinlegen bei dieser Kamera so kinderleicht machte.

Primarflex

Wie das Bild oben zeigt, war die Primarflex für ihre Zeit sehr komplex aufgebaut. Die Verschlußsteuerung mit einem einzigen Zeiteinstellknopf und ohne umlaufende Teile war geradezu revolutionär. Leider ist über die Kamera und ihren Hersteller nur wenig bekannt. Gerne würde ich den eigentlichen Konstrukteur benennen, aber trotz intensiver Recherchen ist nichts Näheres zu finden. Einzig ein Gebrauchsmuster Nr. 1.512.498 vom 27. November 1941 zu einem verbesserten Bajonettanschluß habe ich ausfindig machen können. Aber auch hier ist nur die Firma Curt Bentzin, Rauschwalder Straße 28 in Görlitz benannt, jedoch kein Erfinder. Weitere Details zum Hintergrund dieser Kameras bleiben daher leider im Dunkeln, weil sich keine Primärquellen finden lassen.

DE1512498 Bentzin Primarflex
Bentzin Primarflex

So möchte ich wenigstens noch die Bedienungsanleitung zeigen, die einer späten "Primar-Reflex II" beigegeben war, die bereits mit einem Tessar mit Vorwahlblende ausgestattet gewesen ist. Man beachte diese Namensänderung für Exportmodelle noch kurz vor Einstellung der Produktion. Bei dieser Kamera ist auch die 1/1000 Sekunde fortgelassen worden (sie ist ohnehin nie erreicht worden). Trotz Modernisierung Ende der 40er Jahre war das Grundprinzip der Primarflex hoffnungslos veraltet. Man hätte die Kamera komplett neu konstruieren müssen, was aber offenbar durch die Verantwortlichen im Feinoptischen Werk Görlitz ("Meyer-Optik"), die die Herstellung dieser Kamera übernommen hatten, gescheut wurde. Vergleichbares geschah zu ebenjener Zeit in den Kamerawerken Niedersedlitz, wo die Meister-Korelle des WEFO-Werkes weitergebaut werden sollte. Angesichts der unzureichenden Auslegung der Kamera und ihrer handwerklichen Produktion wurde das freilch durch die Niedersedlitzer Betriebsleitung abgelehnt. Reflex-Korelle und Primarflex – das waren halt mittlerweile Kameras aus einer längst vergangenen Zeit. So sorgten zwar sowohl die neue Primarflex, als auch die Meister-Korelle für Aufsehen, als sie auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1950 als überarbeitete Versionen altbekannter Typen neu erschienen [Vgl. Fotografie 4/1950, S. 92/93.]. Daß beide Kameras aber nach kurzer Zeit wieder vom Markt verschwanden, läßt die großen Probleme erahnen, die die jeweiligen Hersteller mit der antiquierten Bauweise ihrer Kameras hatten.

Primarflex

Trotzdem ist die Primarflex eine ernstzunehmende Kamera, die im Osten bis zum Erscheinen der Praktisix sehr gefragt blieb. Man kann mit ihr auch heute noch gut arbeiten, wenn man sich Zeit nimmt. Insbesondere die fehlende Springblende verlangsamt den Ablauf doch erheblich, weil man vor dem Auslösen stets noch die Blende zudrehen muß. An diesem Punkt wird einem klar, weshalb Siegfried Böhm unbedingt eine komplett neue Kamera entwickeln wollte, die gezielt auf die vollautomatische Springblende hin ausgelegt sein sollte. Bei den langen Brennweiten des Mittelformates, die unbedingt bei voller Blendenöffnung bis unmittelbar vor dem Auslösen fokussiert werden müssen, ist eine solche Einrichtung unheimlich hilfreich.

Photographiert man hingegen statische Motive, dann erzielt man auch mit der Primarflex beachtliche Resultate, deren Bildwirkung nichtzuletzt durch die begehrenswerten Primotare, Trioplane und Tessare erzielt werden, die zeitgenössisch zu dieser Kamera geliefert wurden. Aufnahmen mit diesen historischen Objektiven zeichnen sich nicht durch extreme Schärfeleistung, sondern vornehmlich durch eine bemerkenswerte Plastizität aus, die sich mit Worten kaum beschrieben läßt.

Olympiasonnar 2,8/180mm an der Primarflex II

Leider gab es für die Primarflex kein Weitwinkelobjektiv. Adaptionen der später für die Praktisix gelieferten Flektogone verlangen nach einem Umbau der Kamera, da ansonsten der Spiegel anstößt. Ich habe eine Lösung gefunden, die vielleicht nicht ganz stilecht ist, aber bei der die Kamera unangetastet bleiben kann. Und die Bildleistung ist entsprechend dem optischen Aufwand tadellos.

Primar - Reflex Sekor

Die Primarflex hat übrigens eine interessante Funktion zu bieten: Mit einem Knopf läßt sich nach dem Auslösen der Spiegel in die Betrachtungslage zurückführen, ohne daß der Verschluß gespannt werden muß. Daher muß auch der Film erst einmal nicht transportiert werden. Es ist beim Rollfilm immer günstig, aufgrund der schlechten Filmplanlage den Transport immer erst kurz vor der Aufnahme durchzuführen, damit das Material so straff wie möglich im Bildfenster liegt. Leider wird dieser Vorteil wieder durch ein anderes Problem infrage gestellt, das nahezu alle würfelförmigen Rollfilmkameras aufweisen: Durch die Umlenkrolle prägt sich nach längerer Zeit ein Knick in den Film ein, der beim nächsten Transport meist genau mitten in der Bildfläche zu liegen kommt. Über die daraus resultierenden partiellen Unschärfen ärgerten sich auch Hasselblad-Photographen jahrzentelang...

Wenn die Kamera prinzipiell in Ordnung ist, dann läßt sich mit der Primarflex II natürlich auch heute noch ganz gut arbeiten. Wirklich leicht ist das freilich nicht - die fehlende Blendenautomatik macht sich bemerkbar. Und wie gesagt: Schon das Einlegen des Filmes läßt einem heutzutage die Haare zu Berge stehen. Es gibt allerdings ein Merkmal dieser Kamera, das ich ungeheuer praktisch finde. Mit einem Knopf an der Seite läßt sich nämlich der Spiegel bereits wieder in die Betrachtungsposition bringen, ohne den Verschluß spannen zu müssen. Bei all dem, was oben über die Filmplanlage dieser Kamertypen gesagt wurde, bringt diese kleine Zusatzfunktion schon einen nicht zu vernachlässigenden Vorteil mit sich. Man kann nämlich dadurch den Bildtransport stets so lange aufschieben, bis das Motiv auf der Mattscheibe wirklich gefällt.

Beide Aufnahmen mit dem Tessar 3,5/105mm; unten weit geöffnet

Über den angeblichen Zusammenhang zwischen Primarflex und Hasselblad

Ursprünglich habe ich es bewußt vermieden, in diesem Artikel in irgend einer Weise an der Legende mitzustricken, Victor Hasselblad habe die Primarflex kopiert. Ich wollte einfach diesen Unsinn nicht noch unnötig weiter protegieren. Da aber vor nicht allzu langer Zeit ein Buch über die Görlitzer Photoindustrie erschienen ist, wo wieder einmal genau diese Parallelen gezogen werden, fühle ich mich genötigt, hier einmal energisch Widerspruch einzulegen. Der Autor, der über die Primarflex auch nichts Konkretes zu sagen weiß (außer daß er einen Konstrukteur namens Helwig benennt, ohne jedoch Belege zu liefern), bringt es doch tatsächlich fertig, unter dem Stichwort Primarflex letztlich nur über die Hasselblad und die Mondkameras zu schwärmen. Die alte Leier also.


Um es hier ein für alle Mal klarzustellen: Primarflex und Hasselblad haben in etwa so viel gemeinsam, wie ein VW Käfer und ein Trabant. Für meine Oma gibt es da kaum einen Unterschied; es sind beides zwei knuffige Autos mit jeweils vier Rädern dran. Der Autokenner hingegen weiß, daß es sich um zwei grundverschiedene Automobilkonstruktionen handelt. Der Käfer mit seiner auf den Rahmen aufgesetzten Karosserie, der Trabant selbsttragend, der Käfer mit Heckmotor und Heckantrieb, der Trabant mit Frontmotor und Frontantrieb, der Trabant ein Zweitakter, der Käfer ein Viertakter, et cetera. Und genau so grundverschieden ist die Konstruktion von Primarflex und Hasselblad. Wer sich von den reinen äußerlichen Ähnlichkeiten beider Würfelkameras täuschen läßt, ist meiner Ansicht nach genau so ein Kameraexperte, wie meine Oma ein Autoexperte ist.


Die Primarflex folgt doch einem altbewährten Aufbau, der schon seit dem späten 19. Jahrhundert bei einäugigen Großformat-Reflexkameras verbreitet war. Hierbei läuft der Schlitzverschluß in senkrechter Richtung ab, wobei hinter dem Spiegel gerade genug Platz blieb, um zwei der vier Vorhangwalzen unterzubringen. Für Victor Hasselblad oder genauer gesagt für seinen Konstrukteur Algot Percy Svensson kam dieser Aufbau jedoch nicht infrage, weil die Hasselblad von vornherein in Hinblick auf Wechselmagazine ausgelegt war. Weil solche Magazine viel Platz zwischen Verschluß und Film beanspruchen, war es nötig, den Schlitzverschluß so platzsparend wie möglich aufzubauen. Deshalb mußten die vier Vorhangwalzen links und rechts vom Spiegelkasten untergebracht werden und der Schlitzverschluß der Hasselblad 1600F demzufolge in horizontaler Richtung ablaufen. Nur dadurch konnte der Schlitzverschluß nahe genug an den Spiegel und der Spiegel nahe an die Mattscheibe verlegt werden. Das führte zu einem völlig neuartigen Aufbau des Schlitzverschlusses bei einer Spiegelreflexkamera, der demzufolge auch entsprechend patentfähig war [DBP Nr. 886.247 vom 29. Oktober 1949].

Primarflex Bauform
DE886247 Hasselblad Schlitzverschluß

Um das zu verdeutlichen ist nun oben links das Verschlußbauprinzip der Primarflex gezeigt (Seitenansicht) und rechts dasjenige von der Hasselblad (Draufsicht). Während bei der Hasselblad die Schwenkachse des Spiegels direkt über den horizontalen Ablaufwegen der Verschlußtücher untergebracht werden konnte, lag diese bei der Primarflex bauartbedingt weit vorn und außerdem weit unten, was den Lichtpfad derart verlängerte, daß diese Bauart niemals genügend Raum für ein Wechselmagazin geboten hätte.


Ich kann zwar nicht ausschließen, daß Victor Hasselblad die Primarflex gekannt hat und von ihrer prinzipiellen Formgebung inspiriert wurde, aber das ist aus technischer Sicht in etwa so ausslaggebend, wie die Tatsache, daß die Konstrukteure des Trabant sicherlich den Käfer gekannt haben.

Bentzin Reflex-Primar

Die Firma Curt Bentzin hatte naturgemäß eine lange Tradition als Hersteller von Plattenkameras; darunter war auch seit Jahrzehnten eine klassische kastenförmige Reflexkamera im Programm. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese modernisierte Reflex-Primar für das Format 9x12 herausgebracht. Die Fertigungszahlen waren aber gering und mit dem generellen Ende des Görlitzer Kamerabaus im Jahre 1952 lief auch dieses Modell nach etwa zwei Jahren aus. Die Dresdner Firma Mentor hatte vergleichbare Atelierreflexkameras noch ein paar Jahre länger im Programm. Bild: Heiko Pilz


Unten: In den 20er Jahren gab es die Primar-Spiegelreflexkameras für verschiedene Plattenformate [nach Pritschow, Karl: Die photographische Kamera und ihr Zubehör; in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band II, Wien, 1931, S. 164.]

Pritschow: Bentzin Reflex Primar

Auf der "Landesspartakiade" läßt ein Bildberichterstatter einen kleinen Jungen in den Lichtschacht seiner Primarflex schauen. [Bild: Abraham Pisarek, Deutsche Fotothek, Datensatz Nr. 88931820, undatiert - vor 1956]

Marco Kröger


letzte Änderung: 4. Februar 2023