Pouva Start

Pouva Start

"Die Kamera der Millionen"

Pouva Start

Dieser Franz Karl Pouva (1903 - 1989) und seine kleine Firma sind schon etwas Besonderes. Ein "Unternehmer-Ingenieur" erscheint uns eben unter den Verhältnissen, wie sie in der DDR mit ihrer staatsdirigistischen Wirtschaft vorherrschten, gar recht untypisch. Aber in den 50er Jahren ging so etwas eben noch. Dieser Mann fasziniert heute, weil er ganz offensichtlich nach dem Kriege mit einfachsten Mitteln beinah aus dem Nichts heraus eine Firma aufgebaut hat, die sich einem wichtigen Konsumgüterbereich widmete: Der Amateurphotographie.


Dabei gab es in Freital bereits eine langjährige Photogerätetradition mit den Kamerawerken Welta und Beier. Auch das Reflekta-Kamerawerk war nicht weit entfernt. Doch Karl Pouva wandte sich einem Marktsegment zu, das preislich noch einmal eine ganze Stufe unter dieser Ebene angesiedelt war: Seine Kamera sollte ein dezidiertes Einsteigergerät sein, was schließlich auch in ihrem Namen unverkennbar zum Ausdruck kommt. Daß diese Kamera, was die Bildqualität betrifft, in irgendeiner Weise mit den Erzeugnissen der obengenanten Firmen konkurrieren sollte, das war dabei von Anfang an nicht angepeilt worden. Die Pouva Start war die Fortführung der altbekannten einachen Boxkamera, was man ihr nur nicht auf den ersten Blick ansah, weil sie von ihrem Schöpfer die Bauform der modernen Tubuskamera mit einem herausschraubbaren Objektiv mitbekommen hatte. Die Boxkamera, wie man sie bislang gekannt hatte, war damit engültig passé.

Karl Pouva
Karl Pouva

Bei diesem eleganten Herrn handelt es sich um Karl Pouva persönlich. Auf dem ersten Bild ist er mit dem neuesten Modell seiner Pouva Start zu sehen, die gerade einen fest ins Gehäuse integrierten Sucher und Blitzsynchronisation bekommen hatte. Auf dem zweiten begutachtet er zusammen mit einem Mitarbeiter Kondensorlinsen für den bekannten Amateurprojektor "Pouva Magica". Die Pouva KG Freital hat also nicht nur Preßlinge aus Bakelit hergestellt, sondern besaß sogar eine eigene Linsenschleiferei. Photographiert wurde diese Szene von Richard Peter jun. [Deutsche Fotothek, Datensatz 71301473 und 90038199]

Denn als diese Kameragattung in der Zwischenkriegszeit in den Markt eingeführt wurde, stellten die zugehörgen Gerätschaften tatsächlich noch nüchterne, schwarze, eckige Blechkästen dar – daher die Gattungsbezeichnung. Initiatoren waren die Filmhersteller, die möglichst billige Knippsapparate unter die Leute bringen wollten, um den Absatz an Rollfilmen anzukurbeln. Erst in einem zweiten Schritt sprangen die Kamerhersteller auf diesen gut rollenden Zug auf und lancierten eigene Modelle, die manchmal ein wenig besser ausgestattet waren. Trotzdem war die Technik dieser Kameras durchweg spartanisch: Einfacher Schleuderverschluß mit Moment und Zeit, keine Entfernungseinstellung, billige "Objektive" in Form von Periskopen, Achromaten oder meistens gar nur einzelnen Meniskuslinsen. Diese waren weit abgeblendet, um ein leidlich scharfes Bild liefern zu können. Der Vorteil lag aber darin, daß bei gutem Lichte nur noch ausgelöst werden mußte. Genau das richtige für Lieschen Müller. Und von den meist 6x9 cm großen Negativen ließen sich auch ohne Vergrößerungsgerät per Kontaktkopie leicht "albumfertige" Papierbilder gewinnen. Nach genau diesem Muster ist auch die Pouva Start gestrickt; auch wenn sie eben gänzlich anders aussieht, als die Boxkameras der 30er Jahre.

Erich Höhne und Erich Pohl, die beiden Pioniere des modernen Photojournalismus in der DDR, ermöglichen uns einen Blick in die Fabrikräume der Pouva-Werkstätte im Juli 1953 [Bildquelle: Deutsche Fotothek]. Die Aufnahmen lassen auch ein wenig von den damaligen Arbeitsbedingungen erahnen, die sicherlich nicht immer angenehm waren. Der Umgang mit Phenolharzen ist gesundheitlich nicht ganz unbedenklich, zumal die Preßmasse zum Aushärten einige Minuten lang stark erhitzt werden mußte, was phenol- bzw. aldehydhaltige Dämpfe freisetzte. Daß Arbeitshygiene offensichtlich einen untergeordneten Stellenwert einnahm, sieht man auch an der Mitarbeiterin, die meiner Ansicht nach Teerpech erhitzt, um die Linsen für das periskopische Pouva-Start-Objektiv auf die Schleifmaschinentragkörper zu kitten. Auf dem ersten Photo sieht man Karl Pouva noch einmal persönlich.

Pouva Start
Pouva Start
Pouva Start
Pouva Start
Karl Pouva KG
Pouva Magica

Auf dem letzten Bild oben ist auch die Montage des Kleinbild-Projektors "Pouva Magica" zu sehen. Dabei handelte es sich regelrecht um das zweite Standbein des Betriebes. Und das obwohl beide Produkte – die 6x6-Kamera für Schwarzweißaufnahmen und der Projektor für Kleinbilddias – im Grunde genommen gar nicht zusammenpaßten. Aber genau das war das Erfolgsrezept. Beide Produkte sprachen getrennte Käuferschichten an und kamen sich im Kampf um die Käufergunst daher nicht "in die Quere". Der Magica wurde von Familienvätern gekauft, um dem Nachwuchs am Sonntag Abend die damals sehr beliebten Märchen-Bildbänder vorzuführen. Auch gab es fertige Bildbänder von Städten und Sehenswürdigkeiten in der DDR und dem Ausland zu kaufen. Und wenn Papa im Sommerurlaub an der Ostsee mal selbst einen Farbfilm in seiner Welti oder Beltica verschossen hatte, dann wurden die Dias zumindest anfänglich ebenso mit diesem Bakelit-Projektor vorgeführt. Mit seinem Verkaufspreis von 22 Mark und 10 Pfennigen (bzw. 24 Mark 84) war er aber auch generell für jedermann als Einstieg in die Diaprojektion erschwinglich. Der Pouva Magica blieb daher erfolgreich, selbst nachdem die Nachfrage nach der Pouva Start im Laufe der 60er Jahre immer weiter zurückgegangen war.

Pouva Magica

Nachdem man die Filmspulen abgenommen und die Bildbahn aus dem Kanal entfernt hatte, ließen sich mit dem Pouva Magica auch in handelsüblichen Deckgläsern oder Plast-Rähmchen gefaßte Diapositive vorführen. Die Schärfe des Bildes war aufgrund des einfachen periskopischen Projektionsobjektives freilich mäßig. Das gilt auch für die Helligkeit des Schirmbildes. Das Zugrundelegen von Allgebrauchs-Glühbirnen als Lichtwurflampe war insgesamt ungünstig. Die zum Ausgleich in der Bedienungsanleitung vorgeschlagene Verwendung von 100 Watt Birnen ließ das Gehäuse des Projektors nach kurzer Zeit sehr heiß werden. Als bei späteren Modellen eine der beiden Kondensorlinsen aus Kunststoff statt aus Glas gefertigt wurde, schmolz diese nicht selten oder verformte sich.

Wenn man diese zeitgenössischen Bilder aus dem Pouva-Werk betrachtet, gewinnt  man rasch den Eindruck, Karl Pouva müsse wohl ein sehr offener Mensch gewesen sein, der nichts zu verbergen hatte. Als mittelständischer Geschäftsmann nutzte er sicherlich auch gerne die Werbewirkung, wenn die Presse zugegen war. Darauf könnte man jedenfalls dadurch schließen, daß ungewöhnlich viel Bildmaterial von verschiedenen Photojournalisten vom Produktionsprozeß in seinem Betrieb überliefert ist. So auch die unten gezeigten Aufnahmen von Richard Peter jun., die ebenso aus der Mitte der 50er Jahre stammen dürften.

Auch der Photograph und Kameramann Heinz Woost ermöglicht uns einen Blick in das Freitaler Pouvawerk, welcher mit dem 17. Februar 1962 zudem sehr genau datiert ist [Bildquelle: Deutsche Fotothek]. Er läßt uns kennen, daß zu jenem Zeitpunkt die Pouva Start gerade mit cremefarbenen Suchergehäusen und Objektivfrontkappen gefertigt wurde. Darunter ist ein Arbeiter zu sehen, der die Bildbühne des Gehäuses plan schleift. Damit wurde im Prinzip das Fokusmaß der einfachen Kamera festgelegt.

Pouva Start
Pouva Start
Pouva Start grün creme

Die obigen Bilder von Heinz Woost zeugen davon, daß die Experimente im Pouva-Werk in Hinblick auf eine etwas abwechslungsreichere Gestaltung der Kamera offenbar im Jahr 1962 verortet werden müssen. Die Spritzgußteile wurden aus weißem (heute meist cremefarbenem) Thermoplast gefertigt. Daneben wurde sogar versucht, die üblicherweise schwarze Pressemasse des Kameragehäuses mit einem Grünton anzufärben. Leider läßt sich Bakelit nur schwer einfärben bzw. der Farbton dunkelt im Laufe der Zeit stark nach. Das nur als Hauch zu bezeichnende Grün läßt sich daher im Photo nur schwer wiedergeben.

Pouva Start grün creme

Materialbasis: Bakelit

Neben einer für die Gattung der Boxkamera sehr fortschrittlichen äußeren Formgebung stach die Pouva Start auch durch die Materialwahl für ihr Gehäuse hervor. Die Überlegung dabei dürfte gewesen sein: Eine Amateurkamera, die in sehr großen Stückzahlen zu einem geringen Preis angeboten werden sollte, durfte natürlich keine übermäßigen Materialkosten verursachen. Aluminiumdruckguß schied in den frühen 50er Jahren für diesen Zweck deshalb aus. Was aber heute beinah in Vergessenheit geraten ist: Die junge DDR hatte einen der größten Betriebe weltweit für die Produktion von Phenolharzen geerbt (in der Fachsprache auch "Plastaresin" genannt). Es war noch L. H. Baekeland persönlich, der Erfinder des nach ihm benannten duroplastischen Kunststoffes Bakelit, der in Kooperation mit den Rütgerswerken in Erkner bei Berlin im Jahre 1910 eine erste Fabrik zur großtechischen Erzeugung dieses Preßstoffes gegründet hatte. Das war der Beginn des Kunststoffzeitalters. Trotz Bombardierung im Zweiten Weltkrieg blieb das Werk lieferfähig. Das Ausgangsprodukt Kohlenteer war aufrund der Stadtgaserzeugung in großen Mengen vorhanden. So wurde eben nicht nur das Gehäuse dieser Boxkamera aus Bakelit gefertigt, sondern auch die Karosseriebeplankung eines bekannten DDR-Kleinwagens.

VEB Plasta, Kunstharz- und Pressmassenfabrik Erkner, Werk I

Dieses Bild zeigt das ab 1914 errichtete erste Fabrikgebäude der Bakelite GmbH; bis 1956 das Werk I des VEB Plasta Kunstharz- und Preßmassenfabrik Erkner, danach Forschungsstätte. Aufgenommen mit einer Pouva Start im Oktober 2019.

Ursprünglich wurde der Sucher der Pouva Start aus Metall gefertigt. Um die Mitte der 50er Jahre hat sich Herr Pouva aber eine kleine Spritzguß-Maschine zugelegt. Mit dieser Technologie war es möglich, die Sucherabdeckung und die vordere Abschlußkappe des Objektives aus thermolastischem Kunststoff herzustellen. Oben sieht man, wie der Mitarbeiter dieses kleine Teil für den Sucher in der Hand hält. Es ist weiß, weil zu diesem Zeitpunkt ausnahmsweise weißes Kunststoffgranulat verarbeitet wurde. Diese sogenannten Spritzmassen lassen sich halt sehr gut einfärben. Bilder: Heinz Woost [Deutsche Fotothek].

frühe Pouva Start

Sehr frühe Pouva Start, bei der der Drahtauslöseranschluß, die Tragschlaufen-Knöpfe und der Ring am Objektiv noch aus Metall sind. Der Transportknopf besteht dagegen aus Pertinax.

Pouva Bildwerfer

Karl Pouva als unternehmerischer Ausnahmefall in der DDR

Noch einmal zurück zu Karl Pouva als privatwirtschaftlicher mittelständischer Unternehmer: Dieser Mann muß heute in Ostdeutschland als einer jener Pioniere wahrgenommen werden, die nach dem Zweiten Weltkrieg quasi aus dem Nichts heraus wieder so etwas wie eine industrielle Produktion aufgebaut haben. Von Kochgeschirr aus Flugzeugteilen und ähnlichen "Umwidmungen" gerade vorhandener Materialen ist die Rede. Wenig bekannt ist aber, daß die Firma des Karl Pouva bereits Ende der 30er Photogerätebau betrieben hat. Genau genommen scheint es sich dabei im Wesentlichen um den hier gezeigten Bildwerfer gehandelt zu haben.

Pouva Bildwerfer 1939

Solcherlei Projektoren waren auf einmal sehr stark nachgefragt, nachdem die AGFA im Oktober 1936 den Agfacolor neu auf den Markt gebracht hatte. Als erster mehrschichtiger Farbfilm auf Basis einer farbstoffgebenden Entwicklung mit in den Schichten diffusionsfest eingelagerten Farbbildnern eröffnete er ein neues Zeitalter der Photographie. Im Frühjahr 1938 war es zudem gelungen, die Empfindlichkeit dieses Farbumkehrfilmes von ursprünglich 7/10 °DIN gleich auf 15/10 °DIN zu steigern. Damit entsprach seine Lichtempfindlichkeit nunmehr derjenger damals handelsüblicher Schwarzweißfilme. Mit einem Schlage war es auf diese Weise möglich geworden, praktisch mit jeder Kleinbildkamera und ohne irgendwelches Spezialzubehör, wie es zuvor noch beim alten Agfacolor Streifenrasterverfahren gebraucht wurde, farbige Aufnahmen anzufertigen. Wie der Kodachrom(e) arbeitete der Agfacolor aber dazumal ausschließlich als Umkehrmaterial, weshalb man zum Betrachten der Diapositive wenigstens auf einen einfachen Hand-Betrachter angewiesen war. Besser noch man hatte einen Bildwerfer, um die farbigen Dias einem größeren Kreis vorführen zu können. Ein großes, helles Schirmbild in leuchtenden Farben im eigenen Wohnzimmer zu erzeugen – das war eine nicht für möglich gehaltene Revolution für den Photoamateur in der zweiten Hälfte der 30er Jahre. Und wer sich beispielsweise bei Martin Hanke eine Altix für 39,- Reichsmark gekauft hatte, der war dankbar, im selben Hamaphot Katalog auch einen vergleichbar preiswerten Projektor im Angebot zu finden. Dort taucht dieses Pouva-Gerät im Februar 1939 nämlich erstmals auf.

Pouva Bildwerfer Hamaphot Katalog 1939/40

Anders als die Geräte, die Pouva nach 1945 hergestellt hat, ist dieser Bildwerfer vollständig aus Metall gefertigt. Der Aufbau ist einfach, aber gediegen. Das Gehäuse ist doppelwandig, sodaß man sich beim Wechseln der Dias nicht die Finger verbrennt. Die Lackierung in geschmackvollem grauem Kräusellack läßt den Pouva-Bildwerfer meines Erachtens sogar gegenüber zeitgenössischen Konkurrenzprodukten von Agfa oder Filmosto hervorstechen. Im Gegensatz zu dem einfachen periskopischen Objektiv des späteren Bakelitprojektors Pouva Magica, ist das hier verwendete Projektionsobjektiv tatsächlich ein dreilinsiger Anastigmat. Trotzdem besteht kaum ein Zweifel, daß das gesamte Gerät vollständig in der Werkstätte des Karl Pouva entstanden ist und es abgesehen von den Glasrohlingen keinerlei Zulieferteile bedurfte.

Pouva Proj Anastigmat 1:4,5 f=10 cm

Pouva "Bändi"

Der Ingenieur Karl Pouva war also prinzipiell zu mehr in der Lage, als einfache Knipser und Bildwerfer aus Kunststoff zu fertigen. Doch sein Versuch aus den 60er Jahren, die preisgünstige Produktionsweise auf Basis von Plastwerkstoffen auf komplexere Produkte auszudehnen, geriet zu einem eklatanten Fehlschlag. Mit seinem Pouva Bändi Amateurtonbandgerät hatte sich Karl Pouva deutlich übernommen. Das großartig angekündigte, vergleichsweise preiswerte Gerät enttäuschte im Prinzip in jeglicher Hinsicht [Vgl. Jakubaschk: Wir lernten kennen: Tonbandgerät BÄNDI; in: Radio und Fernsehen, Heft 11/1964, S. 349]. Am Ende blieb von der ganzen Euphorie um das Bändi als "Tonband für Jedermann" eine Einstufung als mechanisches Spielzeug übrig.

DD46.101 Pouva Bändi

Immerhin vier Patente hatte Karl Pouva diesbezüglich um den Jahreswechsel 1963/64 herum beim DDR-Patentamt angemeldet. Doch es half alles nichts: Das Laufwerk mit dem ungeregelten Gleichtrommotor verursachte große Probleme; trotz der umfangreichen Patentierung der diesbezüglichen Konstruktionseinfälle Pouvas. Auch mit der Transistor-Verstärkerschaltung war Pouva deutlich überfordert. Als völlige Selbstüberschätzung entpuppte sich allerdings, daß sich Pouva gar die Fertigung des Tonkopfes selbst zutraute. Nur den Motor (Petrich) und den Bleiakku (Quaiser) ließ er sich zuliefern. [Vgl. Jakubaschk, BÄNDI - ein billiges transistorisiertes Tonbandgerät; in: Radio und Fernsehen, Nr. 11/1964, S. 348.] Eine redaktionelle Nachbemerkung der Zeitschrift Radio und Fernsehen im Anschluß an Hagen Jakubaschks regelrechten Verriß des Bändi in seinem Testbericht fällt daher für DDR-Verhältnisse außergewöhnlich freimütig aus:


"Die vorausgegangenen Ausführungen und das daraus resultierende negative Gesamturteil des Verfassers sind leider keine Einzelmeinung. Andere Fachleute auf dem Gebiet der Magnettontechnik äußerten sich ebenfalls kritisch zu dieser Neukonstruktion, obwohl auch sie den Grundgedanken begrüßen. Daran ändert auch nichts die superlative Berichterstattung der Tagespresse.

Uns erscheint es wenig sinnvoll, daß ein Hersteller, der bisher keine Erfahrung mit der komplizierten Magnettontechnik hatte, sich gleich an eine so schwierige Aufgabe wagt.

Um einen größeren Schaden zu verhüten, der sowohl für den Hersteller wie auch für die gesamte Volkswirtschaft eintreten kann, wäre es am sinnvollsten, daß die Konstruktion des BÄNDI von einer hierfür zuständigen Entwicklungsstelle unter Berücksichtiging der bei der Fa. Karl Pouva KG. möglichen Technologie nochmals überarbeitet wird. Die Produktion könnte dann von der Fa. Karl Pouva KG. durchgeführt werden."

Karl Pouva Bändi

Auf diesen beiden Bildern sieht man Karl Pouva beim Basteln an seinem "Bändi". Festgehalten von Heinz Woost im Januar 1962 [Deutsche Fotothek]. Die obligatorische Zigarre ist auch dabei und eine Pouva-Start-Rückwand dient als Aschenbecher. Die zeitgenössische Bildbeschreibung läßt übrigens wissen, daß Herr Pouva sein Magnettongerät damals noch "Phoni" nennen wollte.

Pouva Bändi

Wohl um Scherereien mit dem Einzelhandel aus dem Wege zu gehen, wurde das Bändi bevorzugt über das Versandhaus Leipzig verkauft - das übrigens berüchtigt für das Veräußern von Ladenhütern an die mit wenig Einkaufsmöglichkeiten ausgestattete Landbevölkerung war. Auch ist aus der obigen Anzeige zu entnehmen, daß das Bändi mit dem ursprünglich verwendeten Quaiser-Akku 2250 Gramm wog. Mit dieser Stromquelle gab es aber viel Ärger. Das ist auch kein Wunder, denn als klassischer Blei-Säure-Sammler war er nicht kipp- und auslaufsicher. Nachdem Bändi-Nutzer einen Umbau auf die damals sehr modernen Blei-Trockenakkus Typ RZP veröffentlicht hatten, reagierte Pouva, indem er sein Bändi werksmäßig auf diese Energiequelle umstellte. Damit wurde das Gerät gleich mehr als ein halbes Kilo leichter (s.u.). Legendär ist dabei Karl Pouvas Lade-Abschaltautomatik, die so funktionierte, daß der Ladevorgang abgebrochen wurde, weil sich die Akkus durch das einsetzende Gasen ausdehnten und daraufhin den Kontakt öffneten, über den der Ladestrom floß. Das Entwicklerkollektiv eines großen VEB wäre wohl in die Produktion geschickt worden, wenn es mit solch einer hemdsärmeligen Lösung dahergekommen wäre...

Dieses Debakel rund um das Bändi zeigte auf, an welche Grenzen ein privater Betrieb mit dem Inhaber als Chefkonstrukteur damals in der DDR gelangen konnte. Karl Pouva konnte während der gesamten 50er und 60er Jahre die in der DDR stets drohende Enteignung vermeiden, da er im Jahre 1957 seine kleine Firma in eine Kommanditgesellschaft (KG) gewandelt hatte [Vgl. Krause, Ulrich: FP beuschte in Freital "Bändi"-Vater Karl Pouva, Freie Presse vom 29. Oktober 1963]. Das heißt er hatte staatliche Eingriffe in Kauf genommen, um nicht von der Materialversorgung abgeschnitten zu werden. Mit großer Wahrscheinlichkeit geschah dies im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der Pouva Start und dem Erwerb der dazu nötigen Spritzguß-Technik.


Eine solche staatliche Beteiligung war freilich für Privatbetriebe in der DDR eine außerordentlich zwiespältige Angelegenheit. In vielen Fällen entpuppte sie sich als ein regelrechter "Pakt mit dem Teufel", weil Kredite zum Abdecken weiterer Investitionen meist eine entsprechende Ausweitung ebendieses staatlichen Anteils nach sich zogen. Letztlich lief dies auf eine schleichende Enteignung der Firma hinaus. Statt also einen solchen halbstaatlichen Betriebe voranzubringen, wurde den Besitzern defacto jeglicher Anreiz für eine Innovationstätigkeit genommen. Und das war politisch-ideologisch durchaus so gewollt. Selbst Karl Pouvas Abenteuer rund um das Magnetbandgerät konnte kaum noch von der sichtlichen Stagnation im Pouva-Werk während der 1960er Jahre hinwegtäuschen

Bis 1972 blieb der Betrieb formal noch eigenständig, bis schließlich die letzte große Verstaatlichungswelle unter Honecker den wenigen noch verbliebenen Privatunternehmen ein Ende bereitete. Der fast 70-jährige Karl Pouva zog sich daraufhin aus dem Geschäft zurück und sein ehemaliger Betrieb wurde in der Folgezeit zur bloßen Fertigungsstätte für die modernen und in schieren Massen ausgestoßenen Kleinbildkameras auf Basis der ORWO-SL-Kassette. Diese wurden nun nicht mehr gemächlich aus Bakelit "gebacken", sondern im Akkord auf Basis von thermoplastischen Kunststoffen "gespritzt". Trotzdem waren in zwei Jahrzehnten mehr als 1,7 Millionen Pouva Start enstanden; in den besten Zeiten über 500 Stück am Tag!

Marco Kröger


letzte Änderung: 12. Juli 2022