Pouva Start

Pouva Start

"Die Kamera der Millionen"

Dieser Karl Pouva und seine kleine Firma sind schon etwas besonderes. Ein "Unternehmer-Ingenieur" erscheint uns eben unter den Verhältnissen, wie sie in der DDR mit ihrer staatsdirigistischen Wirtschaft vorherrschten, gar recht untypisch. Aber in den 50er Jahren ging so etwas eben noch. Dieser Mann fasziniert heute, weil er ganz offensichtlich nach dem Kriege mit einfachsten Mitteln beinah aus dem Nichts heraus eine Firma aufgebaut hat, die sich einem wichtigen Konsumgüterbereich widmete: Der Amateurphotographie. Dabei gab es in Freital bereits eine langjährige Photogerätetradition mit den Kamerawerken Welta und Beier. Auch das Reflekta-Kamerawerk war nicht weit entfernt. Doch Karl Pouva wandte sich einem Marktsegment zu, das preislich noch einmal eine ganze Stufe darunter angesiedelt war. Seine Kamera sollte ein dezidiertes Einsteigergerät sein, was schließlich auch in ihrem Namen unverkennbar zum Ausdruck kommt. Daß diese Kamera, was die Bildqualität betrifft, in irgendeiner Weise mit den Erzeugnissen der obengenanten Firmen konkurrieren sollte, das war dabei von Anfang an nicht angepeilt worden. Die Pouva Start war die Fortführung der altbekannten einachen Boxkamera, was man ihr nur nicht auf den ersten Blick ansah, weil sie von ihrem Schöpfer die Bauform der modernen Tubuskamera mit einem herausschraubbaren Objektiv mitbekommen hatte. Die Boxkamera, wie man sie bislang gekannt hatte, war damit engültig passé.

Pouva Start

Denn als diese Kameragattung in der Zwischenkriegszeit in den Markt eingeführt wurde, stellten die zugehörgen Gerätschaften tatsächlich noch nüchterne, schwarze, eckige Blechkästen dar – daher die Gattungsbezeichnung. Initiatoren waren die Filmhersteller, die möglichst billige Knippsapparate unter die Leute bringen wollten, um den Absatz an Rollfilmen anzukurbeln. Erst in einem zweiten Schritt sprangen die Kamerhersteller auf diesen gut rollenden Zug auf und lancierten eigene Modelle, die manchmal ein wenig besser ausgestattet waren. Trotzdem war die Technik dieser Kameras durchweg spartanisch: Einfacher Schleuderverschluß mit Moment und Zeit, keine Entfernungseinstellung, billige "Objektive" in Form von Periskopen, Achromaten oder meistens gar nur einzelnen Meniskuslinsen. Diese waren weit abgeblendet, um ein leidlich scharfes Bild liefern zu können. Der Vorteil lag aber darin, daß bei gutem Lichte nur noch ausgelöst werden mußte. Genau das richtige für Lieschen Müller. Und von den meist 6x9cm großen Negativen ließen sich auch ohne Vergrößerungsgerät per Kontaktkopie leicht "albumfertige" Papierbilder gewinnen. Nach genau diesem Muster ist auch die Pouva Start gestrickt; auch wenn sie ganz anders aussieht, als die Boxkameras der 30er Jahre.

Die beiden Pioniere des modernen Photojournalismus in der DDR, Erich Höhne und Erich Pohl, ermöglichen uns einen Blick in die Fabrikräume der Pouva-Werkstätte des Jahres 1953 [Deutsche Fotothek Datensatz 70603065]. Die Aufnahmen lassen auch ein wenig von den damaligen Arbeitsbedingungen erahnen, die sicherlich nicht angenehm waren. Der Umgang mit Phenolharzen ist gesundheitlich nicht ganz unbedenklich, zumal die Preßmasse zum Aushärten einige Minuten lang stark erhitzt werden mußte, was phenol- bzw. aldehydhaltige Dämpfe freisetzte. Daß Arbeitshygiene offensichtlich einen untergeordneten Stellenwert einnahm, sieht man auch an der Mitarbeiterin, die meiner Ansicht nach Teerpech erhitzt, um die Linsen für das periskopische Pouva-Start-Objektiv auf die Schleifmaschinentragkörper zu kitten. Dieses Bild beweist zudem: Die Pouva KG stellte diese einfachen Linsen tatsächlich selbst her. Auf dem ersten Photo links sieht man übrigens Karl Pouva noch einmal persönlich.

Vielleicht noch ein Wort zur Materialbasis: Eine Amateurkamera, die in sehr großen Stückzahlen zu einem geringen Preis angeboten werden sollte, durfte natürlich keine übermäßigen Materialkosten verursachen. Aluminiumdruckguß schied in den frühen 50er Jahren für diesen Zweck deshalb aus. Was aber heute beinah in Vergessenheit geraten ist: Die junge DDR hatte einen der größten Betriebe weltweit für die Produktion von Phenolharzen geerbt (in der Fachsprache auch "Plastaresin" genannt). Es war noch L. H. Baekeland persönlich, der Erfinder des nach ihm benannten duroplastischen Kunststoffes Bakelit, der in Kooperation mit den Rütgerswerken in Erkner bei Berlin im Jahre 1910 eine erste Fabrik zur großtechischen Erzeugung dieses Preßstoffes gegründet hatte. Das war der Beginn des Kunststoffzeitalters. Trotz Bombardierung im Zweiten Weltkrieg blieb das Werk lieferfähig. Das Ausgangsprodukt Kohlenteer war aufrund der Stadtgaserzeugung in großen Mengen vorhanden. So wurde eben nicht nur das Gehäuse dieser Boxkamera aus Bakelit gefertigt, sondern auch die Karosseriebeplankung eines bekannten DDR-Kleinwagens.

VEB Plasta, Kunstharz- und Pressmassenfabrik Erkner, Werk I

Dieses Bild zeigt das ab 1914 errichtete erste Fabrikgebäude der Bakelite GmbH; bis 1956 das Werk I des VEB Plasta Kunstharz- und Preßmassenfabrik Erkner, danach Forschungsstätte. Aufgenommen mit einer Pouva Start imOktober 2019.

Als Besonderheit für den DDR-Kamerabau blieb Karl Pouva noch lange Zeit Privatunternehmer. Zwischendurch wurde seine Firma wohl in eine Kommanditgesellschaft gewandelt, das heißt er mußte staatliche Eingriffe in Kauf nehmen, nur um beispielsweise nicht von der Materialversorgung abgeschnitten zu werden. Auch führte diese staatliche Beteiligung oftmals dazu, daß den betroffenen Privatbetrieben jeglicher Anreiz für eine Innovationstätigkeit genommen wurde, da eventuell dafür notwendige Investitionen zumeist eine Ausweitung des staatlichen Anteils nach sich zogen, was wiederum einer schleichenden Enteignung gleichkam. Möglicherweise erklärt sich daraus die Stagnation im Pouva-Werk in den 60er Jahren. Trotzdem blieb der Betrieb noch bis 1972 eigenständig, als schließlich die finale Verstaatlichungswelle unter Honecker den letzten Privatunternehmen ein Ende bereitete.

frühe Pouva Start

Sehr frühe Pouva Start, bei der der Drahtauslöseranschluß, die Tragschlaufen-Knöpfe und der Ring am Objektiv noch aus Metall sind. Der Transportknopf besteht dagegen aus Pertinax.

Marco Kröger


letzte Änderung: 13. Januar 2022