Altix

Altix

Eine beliebte Kleinbildkamera, die gleichermaßen auf den Einsteiger wie auf den anspruchsvollen Photoamateur abzielte.

Die Altix als einer der Pioniere unter den Kleinbildkameras

Über diese Kameras gibt es bereits gut bebilderte Internetseiten, die auf die genaue Modellfolge dieses Typs eingehen – insbesondere auch aus der Zeit vor 1945. Es ist also unsinnig, diese Aspekte hier zu wiederholen. Erwähnt werden sollte die Altix aber dennoch, denn bei ihr handelt es sich um die zeitweilig beliebteste Amateurkamera der DDR. Für Viele war sie der Einstieg in die ernsthafte Amateurphotographie, denn insbesondere die Modelle mit Wechselobjektiven erlaubten schon eine ziemlich weitgreifende Bildgestaltung. Den phototechnisch Interessierten fasziniert natürlich die technische Evolution dieser Kamera, die paradigmatisch für den generellen Wandel im Kameraubau in der Mitte des 20. Jahrhunderts hergenommen werden kann. Denn ursprünglich waren die Altix-Kleinbildkameras im Prinzip eine reine Blechkonstruktion: Gestanztes, umgeformtes und anschließend miteinander vernietetes oder verschraubtes Stahl- und Messingblech.   

Altix III Teronar

Das hat übrigens einen ganz einfachen Grund: Stanz- und Umformteile waren zwar durch die vielen Arbeitsschritte und dem dazwischenliegenden Werkzeugwechsel aufwendig herzustellen; aber auch kleine Betriebe beherrschten diese Technologie. Für Teile aus Aluminium-Druckguß mußten dagegen meist Spezialfimen beaufragt werden. Eine dieser Firmen befand sich beispielsweise in Berlin-Weißensee. Dort wurden nachweislich die Grundkörper der Meister-Korelle hergestellt. Eine noch größere Rolle für den Dresdner Kamerabau dürfte allerdings traditionell der VEB Druckguß Heidenau (Betriebsteil Dohna) gespielt haben. Schon vor 1945 wurden hier beispielsweise die Außengehäuse der Standard- und Kiné Exakta hergestellt.


Doch mit dem Wechsel zur Druckguß-Technologie wäre ein kleiner Kamerabaubetrieb gleich in zweifacher Hinsicht ein ziemlich tiefgreifendes Abhängigkeitsverhältnis eingegangen: Einmal weil er nun stets auf eine Spezialfirma als Zulieferer angewiesen wäre und zum anderen deshalb, weil er sich mit einem Aluminiumgußkörper sehr auf eine gleichbleibende Gestalt der Kamera festgelegt hätte. Das Anfertigen der Gußformen war nämlich derart aufwendig und teuer, daß nicht eben mal schnell und umkompliziert nachträglich Veränderungen vorgenommen werden konnten, wenn sich an der Kamera etwas änderte. Allein beim Blick auf die hier gezeigten Exemplare der Altix aus den frühen 50er Jahren fällt aber auf, wie viele Variationen ständig vorgesehen werden mußten. Beispielsweise wurden für unterschiedliche Verschlüsse Ausschnitte aus der Blechverkleidung der Kamera ausgestanzt oder gar gefeilt. Die vollständige Blechbauweise, die die Altissa-Werke traditionell als Herstellungsmethode von Boxkameras anwendeten, schien daher bei einer dermaßen kleinteiligen Produktion einer Kleinbildkamera zunächst noch große Vorteile mit sich zu bringen.

Insbesondere unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war eine derartige "Anpassungsfähigkeit" geradezu unverzichtbar für einen Hersteller, der unter den damals sehr widrigen wirtschaftlichen Bedingungen schnellstmöglich die Kamerafertigung wieder anlaufen lassen wollte. Offenbar wurden zunächst tatsächlich alle möglichen noch vorhandenen oder auf irgendeine Weise neu beschaffbaren Objektiv-Verschluß-Kombinationen verbaut. Noch war Deutschland nicht getrennt; nur in Sektoren aufgeteilt. Daher Münchner Verschlüsse und Münchner Objektive an der zierlichen Kleinbildkamera aus Dresden, wie bei dem oben gezeigten Exemplar .


Doch schon mit der Währungsreform vom Sommer 1948; spätestens aber mit Gründung der beiden deutschen Staaten ein Jahr später änderte sich dieses Gefüge nachhaltig. Über lange Zeit hinweg etablierte Versorgungsstränge rissen jäh ab ab. Die DDR-Kameraindustrie mußte sich nun mit solchen Schlüsselprodukten wie den Zentralverschlüssen selbst versorgen ein außerordentlich schwieriges Unterfangen übrigens, das über meherere Jahre hinweg ein eklatantes Versorgungsproblem nach sich zog und den DDR-Kamerabau in der ersten Hälfte der 50er Jahre sehr belastete.

Altix III Novonar

Eine Altix mit dem Saalfelder Novonar, das eigentlich für die Taxona des VEB Zeiss Ikon vorgesehen war. Laut "Thiele" sollen 1953 sogar 1000 Tessare 3,5/37,5 mm in der Altix III verbaut worden sein. Möglich war das deshalb, weil die Altix damals auch noch mit dem Bildformat 24x24 mm arbeitete. Wie bei der Taxona werden bei dieser Altix-Variante die Filter daher verkehrtherum eingeschraubt.

Erst als mit dem oben gezeigten Cludor der Baugröße 00 ein vergleichsweise hochwertiger Spannverschluß zur Verfügung stand, konnte sich der Dresdner Kamerabau endlich mit diesem Schlüsselprodukt selbstversorgen. In der Folge war an der Altix daher auch eine deutliche "Standardisierung" zu beobachten. Die Vielfalt an Objektiv-Verschluß-Kombinationen ging deutlich zurück. Und weil dadurch jetzt essentielle Baumaße verläßlich festlagen, konnte ein erster Schritt zur Abkehr von der Blechbauweise gewagt werden. Während bei der ganz oben auf der Seite gezeigten frühen Altix III selbst die Bildbühne noch aus Blech besteht, konnte zumindest für diesen Teil der Kamera nun erstmals zur Spritzgußtechnologie hinübergewechselt werden. Nun war es nicht nur viel besser möglich, den Abstand zwischen Filmgleitschienen und Anschraubflansch für den Zentralverschluß genau einzuhalten, sondern auch die Parallelität dieser beiden Ebenen also dafür zu sorgen, daß die optische Achse genau senkrecht zum Film steht.

Altix Gehäuse

Das war insbesondere wichtig, als mit den neuen Modellen Altix IV und Altix V das Aufnahmeformat auf 24x36 mm erweitert wurde. Deutlich ist nun eine gemischte Bauweise erkennbar: An einem Aluminium-Spritzgußteil, das vorn die Anbaufläche für den Verschluß trägt und hinten die Filmbahn, ist das eigentliche Kameragehäuse angeschraubt, das nach wie vor auf einer Blechkonstruktion basiert. Auf dem Bild unten wird dies noch einmal aus rückwärtiger Sicht deutlich. Nur der innere Träger mit der eingravierten Seriennummer ist aus Aluminium. Mit dieser Bauweise blieb der Altix aber auch leider eine vollständig zu öffnende Rückwand versagt, die das unbequeme Filmeinlegen von unten erspart hätte. Das war erst mit der vollständigen Neukonstruktion der Kamera im Jahre 1957 zu verwirklichen. Gut zu sehen auf diesem Bild unten ist auch der Filmschaltmechanismus, bei dem der Transportknopf durch eine Sperrklinke festgesetzt wird, nachdem eine Bildlänge transportiert worden ist.

Altix Rückseite

Ein wichtiger Schritt war auch der Wechsel zur Verschlußbaugröße 0, als mit der Altix V wirklich erstmals ernsthaft Wechselobjektive in das Altix-System eingeführt wurden. Im Gegensatz zur Werra oder der Pentina mußten für diese Objektive aber keine übermäßigen Maßnahmen zur Verhinderung von Vignettierungen ergriffen werden, da der eingesetzte Tempor einen deutlich größeren Durchlaß zu bieten hatte (Vergleiche dazu die Ausführung zu den Cardinaren mit denjenigen zum Telefogar).


In diesem Zusammenhang ist auch die Einführung eines neuen Bajonettanschlusses zu erwähnen, der nach einem Steck- und Klemmprinzip funktionierte, das unter Siegfried Böhm zuerst für die Praktina und Praktisix entwickelt wurde, dann aber auch so ähnlich bei der Werra und der Pentina Anwendung fand. Allerdings waren die jeweiligen Dimensionierungen stets unterschiedlich. Nur mit der Pentaflex 8 ist das Altixbajonett direkt kompatibel.

Altix V

Doch die Strukturen im DDR-Kamerabau wandelten sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre mit rascher Vehemenz. Auch der kleine "VEB Altissa-Kamerawerk" eher eine Kameramanufaktur als ein Industriebetrieb wurde bald von dieser Entwicklung getroffen. Zunächst durchaus positiv übrigens. Dazu mehr im folgenden Abschnitt.


Erste Anzeichen für diesen Wandel im Dresdner Kamerabau lassen sich bereits an der oben gezeigten Altix V ausmachen. Nachdem im ersten Halbjahr 1957 der VEB Zeiss Ikon zerschlagen und der Stehbild-Sektor dieses Betriebes übergangsweise dem VEB Kamera-Werke Niedersedlitz unterstellt worden war, prangte paradoxerweise nun das KW-Logo einige Monate auf dem Tempor-Verschluß. Und das obwohl dieser Verschluß eindeutig eine Zeiss-Ikon-Entwicklung gewesen ist und die Kamera-Werke mit Zentralverschlüssen schlichtweg nichts am Hut hatten. Doch das ist nur eine Widerspiegelung des damaligen strukturellen Durcheinanders im Dresdner Kamerabau, das nach meinem bisherigen Kenntnisstand hauptsächlich dadurch ausgelöst wurde, daß der VEB Zeiss Ikon offenbar ab Jahresmitte 1956 unter der ernsthaften Gefahr stand, alle seine in der Bundesrepublik angemeldeten Patente an Zeiss Ikon Stuttgart zu verlieren. Mit der damaligen westdeutschen Doktin des Alleinvertretungsanspruches wäre das schlichtweg darauf hinausgelaufen, daß die DDR-Kamerabauindustrie auf internationaler Ebene grundlegende Schutzrechtsansprüche eingebüßt hätte. Im zweiten Halbjahr 1956 wurden daraufhin in massiver Form Patente und Patentanmeldungen auf diverse andere DDR-Kamerabetriebe oder westdeutsche Alibi-Firmen umgeschrieben. Hergestellt wurde der Tempor freilich die ganze Zeit im Ernemannbau in Striesen. Spätestens mit Gründung der Kamera- und Kinowerke zum 1. Januar 1959 wurde das KW-Logo daher sinnhafter Weise durch den Ernemannturm ersetzt.

Immer dann, wenn Exporterlöse aus westlichen Ländern in Aussicht standen, dann durften auch Devisen für Westimporte ausgegeben werden. Denn mit dem etwas besser ausgestatteten Prontor SVS hatte die Altix wiederum bessere Exportchancen. Also gab es vereinzelt auch eine solche Variante.

Seltenes Bildmaterial aus der Produktion der Altix. Anlaß war der Ausstoß der hunderttausendsten Kamera. Das genaue Datum ist nicht mehr bezifferbar, nur daß die Pressephotographen Erich Höhne und Erich Pohl die Urheber gewesen sind [Bildquelle: Deutsche Fotothek].

Die Altix-n als vollkommene Abkehr vom bisherigen Aufbau

Der Aluminiumdruckguß bot nun das Potential, den Photogerätebau auf ein viel höheres Niveau zu heben. Der Kameragrundkörper an sich stellte nun die tragende Struktur dar, an der alle möglichen Anbauteile befestigt werden konnten. Entfernt vergleichbar ist das mit einem Kraftfahrzeug in Rahmenbauweise, auf das problemlos die verschiedensten Karosserien aufgesetzt werden können. Bei selbstragenden Konstruktionen – sinngemäß also auch bei unserer aus einzelnen Blechteilen zusammengesetzten Altix – ist diese Vorgehensweise deutlich eingeschränkt. Mit einem Kameragrundkörper aus Aluguß konnten nun Präzisionsanforderungen erfüllt werden, die den Einsatz hoch auskorrigierter Objektive wie dem Zeiss Tessar überhaupt erst sinnvoll werden ließ.

Altix nb

Auf der Basis eines solchen Druckgußköpers waren aber auch viel leichter Modifikationen möglich. So gab es, wie oben zu sehen ist, die Altix n mit einem Belichtungsmesser, der erst die links zu sehende Formgebung hatte. Später wurde auch diese Belichtungsmesser-Variante der Altix auf den praktischen Leuchtrahmensucher umgestellt, weshalb der Belichtungsmesser, um genügend Platz für die Leuchtrahmen-Beleuchtung zu schaffen, in die Deckkappe integriert und etwas nach rechts verschoben wurde. Falls dazu überhaupt Änderungen am Grundkörper der Kamera nötig wurden, so fertigte man einfach eine geringfügig abgewandelte Gußform an. Ansonsten änderten sich nur die Anbauteile. Das war fertigungstechnisch ziemlich modern für so eine kleine Firma. Meine Vermutung geht daher in die Richtung, daß auch in den Altissa-Werken im Laufe des Jahres 1957 eine deutliche Einflußnahme der Kamera-Werke Niedersedlitz stattgefunden hat. Eine wichtige Schlüsselperson ist im Bezug auf die kommenden Fortschritte der Konstrukteur Klaus Hintze gewesen, der möglicherweise in das kleine Kamerawerk entsandt worden ist, um eine vollkommen neue Kamera entstehen zu lassen.


Denn das Neue an dieser Altix-n lag ja nicht allein in dem Umstieg auf den Aludruckguß und die damit einhergehende moderne äußere Formgestaltung. Viel tiefgreifender war dagegen, daß auch der mechanische Grundaufbau dieser Kamera vollständig überarbeitet wurde. Dessen rein äußerliches Anzeichen war wiederum, daß der bisherige Filmtransportknopf der Altix V nun durch einen Schnellspannhebel ersetzt wurde. Dazu mußte das Prinzip des Filmtransports bei dieser Kamera aber gänzlich abgewandelt werden. Bislang wurde der Film direkt durch die auf der Welle des Transportknopfes sitzende Filmspule weiterbewegt. Das in die Perforation eingreifende Zahnrad hatte lediglich die Aufgabe, die bewegte Filmlänge abzutasten. War eine Bildlänge, also acht Perforationslöcher entsprechend 38 mm Film, transportiert, wurde der Transportknopf durch das Einfallen einer Sperrklinke gestoppt. Bei der Altix-n wurde dieses Prinzip dahingehend aufgegeben, daß der eigentliche Filmtransport nun durch eine Zahnrolle bewerkstelligt wurde, die doppelt ausgeführt war und damit in beide Perforationsreihen eingriff. Demgegenüber war die Aufwickelspule nun mit einer Friktion ("Rutschkupplung") versehen, die den Film mit einem ausreichenden Bandzug – aber eben deutlich weniger straff als zuvor! – aufwickelte. Nach diesem Verfahren erbeitete schon Barnacks Leica und es hatte sich seitdem als deutlich vorteilhafter erwiesen. Durch die viel geringere Beanspruchung des Films beim Aufwickeln und den dadurch herabgesetzten Windungsreibungen ist die Neigung zum Verschrammen der Filmoberflächen viel geringer.


Zweitens wurde die Altix-n durch diesen Umbau auch deshalb auf ein gänzlich anderes Niveau gehoben, weil ebenjener verbesserte Filmtransport nun außerdem mit dem Verschlußaufzug gekoppelt wurde. Eine solche für den Kameranutzer ungemein nützliche Weiterentwicklung stellt den Kamerakonstrukteur aber vor ganz besondere technische Schwierigkeiten. Um diese Kupplung zu erreichen, müssen im Normalfall nämlich die Drehbewegungen des Filmtransportes in irgendeiner Form in eine Schwenkbewegung des Spannhebels des Zentralverschlusses umgewandelt werden. Bei der Werra hatte man den umgekehrten Weg eingeschlagen: Die Schwenkbewegung des Verschlußspannhebels wurde durch eine Zahnstange zusätzlich in eine Drehbewegung der Zahntrommel des Filmtransportes umgewandelt. Bei der Altix-n ist zwar auch eine Zahnstange vorhanden, aber diese funktioniert nach dem oben zuerst beschriebenen Prinzip: Der Spannvorgang wird aus dem Filmtransport abgeleitet, indem die zugehörige Drehbewegung in eine hin- und hergehende Bewegung eines Mitnehmers umgesetzt wird, die den Verschlußspannhebel erst antreibt um auf dem Rückweg anschließend dessen Ablaufweg sofort wieder freizugeben. Der dazu notwendige Mechanismus wurde von Klaus Hintze und Kurt Heinze entwickelt und am 24. Dezember 1957  im DDR-Patent Nr. 20.881 geschützt. Gleichzeitig wurde eine Priorität für die Zurschaustellung dieser Erfindung auf der Leipziger Herbstmesse 1957 in Anspruch genommen. Hier wurde diese neue Kamera nämlich erstmals gezeigt – und zwar unter der vorläufigen Bezeichnung Altina [Vgl. Bild & Ton, Heft 9/1957, S. 250/251.].

DD20881 Altix n
DD20881 Altix n
DD20881 Altix n

Oben sieht man die Zeichnungen aus dem Altix-n Schlüsselpatent von 1957. Gut zu erkennen ist, wie die Welle, auf der der Verschlußspannhebel sitzt, durch die innen hohle Aufwickeltrommel in den Bodenraum der Kamera zum dortigen Spanngetriebe geführt ist. Auf diese Weise wurde die gesamte linke Oberseite der Kamera für den Einbau des Meßsuchers verfügbar gemacht.


Unten sieht man, wie der in Figur 4 gezeigte Zahnstangenmechanismus zum Spannen des Verschlusses in der Kamera aussieht.

Altix-n Innenaufbau

Aus der Patentschrift geht zudem eindeutig hervor, daß die Verlagerung des Transport- und Verschlußspanngetriebes in den Bodenraum der Kamera auch vor allem in Hinblick darauf geschah, um auf der Oberseite Platz für das optische System eines Meßsuchers zu schaffen. Ein solcher Meßsucher bedeutet ja zweierlei: Einerseits die einblicksgleiche Zusammenlegung der Suchereinrichtung mit einem Entfernungsmesser und auf der anderen Seite eine zwangsläufige Kupplung dieses optischen Entfernungsmessers mit der Scharfstellung des Objektivs. Anhand von Prototypen ist überliefert, daß diese Perfektionierung der Altix wirklich in Angriff genommen wurde.  Eine Überführung in die Serienfertigung erfolgte indes nicht. Hierzu hätte es nämlich nicht genügt, allein das Konzept der Kamera nachträglich neu aufzustellen. Auch die Zulieferfirmen wären in diese Umgestaltung der Altix einzubeziehen gewesen. Bei einem gekuppelten Meßsucher muß schließlich der Metertrieb des Objektives mechanisch abgetatstet und die Hubbewegung möglichst spielfrei in das Kameragehäuse weitergeleitet werden. Dazu hätte irgendwo ein Stößel, durch den "von der Stange" gefertigten Tempor Zentralverschluß geführt werden müssen. Das wollte die ab 1959 zusammengelegte Konstruktionsabteilung der Kamera- und Kinowerke offenbar nicht mehr leisten. Um die Entfernungsmesserübertragung möglich zu machen, hätten natürlich auch die Wechselobjektive neu eingerichtet werden müssen. Das wäre nicht ohne intensive Abstimmung mit den Objektivherstellern in Görlitz und Jena möglich gewesen. Meyer-Optik und Zeiss Jena hätten ihre Objektive dahingehend umbauen müssen, um zu einem einheitlichen Hub der Entfernungsmesser-Ansteuerung zu gelangen. Die ausgesprochen günstigen Preise für das Trioplan 2,9/50 und das Tessar 2,8/50 mit 49,- bzw. 71,- Mark wären keinesfalls zu halten gewesen; von den Wechselobjektiven ganz zu schweigen.


Mir fällt diesbezüglich ein Beispiel aus der bundesdeutschen Kameraindustrie ein, nämlich die "Diax-Reihe" von Voss, bei der die Probleme ganz ähnlich gelagert waren, wie bei der Altix. Um Konkurrenzfähig zu bleiben, hat der Hersteller dieser Sucherkameras in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre nämlich ein modernes Modell mit Wechselobjektiven und gekuppeltem Meßsucher entwickelt (Diax IIb). Wenn man diese Kamera im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen genau studiert, fallen einem umgehend etliche konstruktive Schwierigkeiten ins Auge, die bei der Altix in ganz ähnlicher Form zutage getreten wären. Die Kamera- und Kinowerke, zu den der ehemalige Altissa-Betrieb numehr gehörte, wollten diesen Totalumbau offensichtlich nicht mehr in Angriff nehmen. Damit war Anfang der 60er Jahre das Konzept der Sucherkamera mit Wechselobjektiven im Dresdner Kamerabau ad acta gelegt. Ein paar Jahre später folgte auch die Eisfelder Werra diesem Schicksal. Das Zeitalter der Einäugigen Reflexkamera war angebrochen.


Weshalb diese weiterentwickelten Kameras nie erschienen und die gesamte Altix-Reihe alsbald eingestellt wurde, könnte neben den oben genannten technischen auch rein ökonomische Gründe gehabt haben. Die Altix könnte nämlich ein „Opfer“ der drastischen Preissenkung im Photohandel vom Mai 1960 geworden sein, die dazu geführt haben mag, daß sich weder Weiterproduktion noch gar Weiterentwicklung dieser Kamera wirtschaftlich gelohnt haben. Auch bei der Altix waren die Kamerapreise inkl. Normalobjektiv mit Werten zwischen 11 und 16 Prozent deutlich zurückgedrückt worden. Bei solch einem einfachen Amateurgerät, das ohnehin keine allzu große Gewinnspanne erwarten läßt, war eine derartiger Einschnitt schon weitgreifend. In den Kamera- und Kinowerken, die ja nicht zuletzt aufgrund von wirtschaftlichen Problemen der gesamten Kameraindustrie gegründet wurden, wobei offenbar der Druck zum Zusammenschluß "von ganz hoch droben" kam, mußte numehr mit sehr spitzem Bleistift gerechnet werden. Ausführlicher gehe ich auf diesen bislang völlig unbeachteten Aspekt und dessen Auswirkungen auf den Dresdner Photogerätebau in einem kleinen Aufsatz ein, den ich in Bezug zu den staatlich festgelegten Endverbraucherpreisen im DDR-Photohandel geschrieben habe.

Als wirklich belastbarer Anhaltspunkt für den tatsächlichen Endpunkt der Altix-Produktion kann hergenommen werden, daß lt. Thiele im Dezember 1960 die Fertigung der letzten 5000 Tessare 2,8/50 für diese Kamera begonnen wurde. Das würde auf ein Auslaufen dieser Reihe im Jahr 1961 deuten. Daß diese Einstellung doch recht abrupt beschlossen wurde, könnte man daraus schließen, daß noch 1959/1960 wenigstens kleinere Schritte für eine Weiterentwicklung dieser Kamera in Angriff genommen wurden, wenn schon kein Meßsucher möglich war. Wie oben schon bei den Modellen mit Belichtungsmessern gezeigt, wurde auch das Grundmodell Altix-n noch mit einem Leuchtrahmensucher ausgestattet. Deutlich ist unten die kleine Plastikmattscheibe auf der Deckkappe sichtbar.

Altix-n 2. Version
Altix-n erste Version

Übrigens hätte diese überarbeitete Altix-n mit dem Leuchtrahmensucher eigentlich Altix nL heißen sollen. Jedenfalls ist sie unter dieser Bezeichnung im Sachnummernverzeichnis des DDR-Photogerätebaus (Nr. 122 009) aufgelistet. Wie man oben an dem sehr späten Prospekt erkennt, wurde diese Umbenennung aber nicht offiziell durchgesetzt und auch nicht auf die Deckkappe graviert. Auch beim Modell mit Belichtungsmesser, das im Sachnummernverzeichnis mit Altix nbL (Nr. 123 009) angegeben ist, wurde der Name in der Praxis nicht verändert. Für die Ersatzteilversorgung der Werkstätten waren diese Unterscheidungen natürlich von äußerster Wichtigkeit!


Mittlerweile kann ich übrigens noch eine weitere in Vergessenheit geratene Produktbezeichnung nachreichen: Aufgrund einer Liste in Johannes Steiners Fotojahrbuch 1959 auf Seite 325 kann man erkennen, daß die Altix mit Meßsucher nicht nur tatsächlich fest im Lieferprogramm eingeplant war, sondern daß auch bereits ein eigener Name festgelegt worden war. Die Kamera mit Entfernungsmesser hätte Altix-n e gehießen, dasjenige Modell mit zusätzlichem Belichtungsmesser Altix-n be.


Die Patentliteratur aus jener Zeit läßt erahnen, daß man in den neuen Kamera- und Kinowerken damals offenbar noch viel viel umfangreichere Weiterentwicklungen im Blick hatte. Daß diese Arbeiten zum Teil noch vom ehemaligen Altissa-Werk ausgingen, darauf deutet die bereits oben erwähnte Schlüsselperson Klaus Hintze hin, der maßgeblich hinter der Altix-n gestanden hatte. Seine Patentschriften aus dem Jahre 1960 zielten jetzt aber auf elektromotorische Antriebe und Belichtungsautomatiken ab. Für die Betriebsgeschichte des Dresdner Kamerabaus scheint mir relevant, daß etliche dieser Entwicklungen Hintzes kurze Zeit darauf tatsächlich in der Prakti verwirklicht wurden. Diese auf der Herbstmesse 1960 vorgestellte Kamera sollte ein neues Zeitalter für die Kleinbildkamera einläuten und die bisherigen rein mechanischen Kameras obsolet werden lassen. Wir wissen heute allerdings, daß diese Prakti vielmehr für den Anfang vom Ende der Fertigung hochwertiger Sucherkameras durch den Dresdner Kamerabau steht.

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Altix Tempor-Verschlüsse

Neben der mangelnden Weiterentwicklungsfähigkeit und der durch den Preisschnitt von 1960 nicht mehr lohnenden Produktion könnte es noch einen dritten Grund gegeben haben, weshalb die beliebte Altix-Reihe kurz nach ihrer aufwendigen Modernisierung doch recht abrupt eingestellt wurde: Das Schlüsselprodukt Zentralverschluß nämlich. Der Tempor Spannverschluß war ursprünglich ein Erzeugnis des VEB Zeiss Ikon, um bei den hauseigenen Erconas von Westimporten wegzukommen. Er wurde aber auch anderen Kameraherstellern wie dem Certo-Werk zur Verfügung gestellt. Für die Altix gab es eine Sonderversion ohne hinteres Einschraubgewinde. Nachdem die ganzen Rollfilm-Faltkameras, für die der Tempor eigentlich gedacht war, wegen der eingebrochenen Nachfrage nach ihnen eingestellt worden waren, blieben die Altissa-Werke quasi als einziger Nachfrager nach diesem Typus übrig. lch kann mir gut vorstellen, daß die Kamera- und Kinowerke von diesem aufwendig zu fertigenden Zentralverschluß loskommen wollten

Orestegor 4/200 Altix

Obwohl die Altix-Reihe eigentlich schon eingestellt worden war, brachte Meyer-Optik Görlitz für diesen Anschluß 1963 noch das Lydith 3,5/30 mm heraus. Wenig bekannt ist, daß es auch einen Wechseladapter mit Altix-Bajonett für die neuen Teleobjektive Orestor 2,8/135 und Orestegor 4/200 gab. Wie sinnvoll es war, diese sehr langen Brennweiten ohne Scharfstellhilfe an die Altix anzusetzen, will ich freilich dahingestellt lassen.

Marco Kröger


letzte Änderung: 9. Januar 2022