Orestegor 5,6/500

Orestegor 5,6/500

In den 1960er Jahren wurde die Modernisierung des Teleobjektiv-Sektors bei Meyer-Optik rasch vorangetrieben. Eine gewichtige Rolle bei den diesbezüglichen Überlegungen in der Görlitzer Konstruktionsabteilung spielte sicherlich die Tatsache, daß sich die Praktisix als Standardgerät für die neuzeitliche Mittelformat-Spiegelreflexphotographie durchgesetzt hatte. Zwischenzeitlich hatten sich hieran Zweifel ergeben, weil im Zuge der Zusammenlegung des Dresdner Kamerabaus in den Kamera- und Kinowerken Anfang 1959 und vor allem wegen der von oben angeordneten drastischen Preissenkung für Photogeräte im Frühjahr 1960 die Produktionsziffern der Praktisix jäh eingebrochen waren. Von zeitgenössischen Beobachtern war diese Kamera sogar bereits totgesagt worden [Kleffe, Hans: Jedem die richtige Kamera; in: Fotofalter 11/1960, S. 344ff, Vignette: H. Weber.].

Doch diese Kranzniederlegung kam dann doch 30 Jahre zu früh. Nach einem Tiefpunkt in den Jahren 1960 und 61 stabilisierte sich die Produktion der Praktisix nun wieder auf einem vierstelligen Niveau per annum. Zum Ende des Jahrzehnts sollte mit dem weiterentwickelten Modell Pentacon Six gar der fünfstellige Bereich überschritten werden. Das war Anlaß genug für das Feinoptische Werk Görlitz, bei der Überarbeitung der langbrennweitigsten Objektive eine neue Prämisse zugrundezulegen – nämlich die Auslegung für das Mittelformat 6x6.


Aus photographischer Sicht ist es jedenfalls ratsam, für die Nutzung an der Mittelformatkamera jeweils die längsten Brennweiten vorzusehen, da diese durch den Formatfaktor von 1,8 schließlich fast die Hälfte ihrer Telewirkung verlieren. Aus einem Supertele an der Kleinbildkamera wird demnach ein mittleres Tele an der 6x6-Kamera, das man gut im photographischen Alltag gebrauchen kann. Beispielsweise hatte das Telemegor 5,5/400 mm, das schon seit den 30er Jahren für die Primarflex und Meister Korelle erhältlich war, an diesen Kameras eine Wirkung wie ein Kleinbildobjektiv von etwa 220 mm Brennweite. Aber gerade dieses Modell des Telemegors zeigte drastisch die Schwächen seiner mittlerweile veralteten Konstruktion auf. Weil nämlich die Schnittweite dieses Typs nicht weit genug verkürzt werden konnte, waren bei der Verwendung im Mittelformat inakzeptable Abschattungen in den Randbereichen des Bildes die Folge. Der Fachmann nennt diese Erscheinung künstliche Vignettierung. Das war auch der Grund dafür, weshalb gerade dieses 400er Telemegor nur ganz kurzzeitig mit Praktisix-Anschluß geliefert wurde, obgleich es mit Anpassungen für Kleinbildkameras noch mehrere Jahre im Angebot blieb.

Die für die damaligen Verhältnisse konkurrenzlos großzügige Dimensionierung des Praktisix-Bajonettes erlaubte nun, optisch neue Wege zu gehen. Immerhin bemißt sich der freie Durchlaß dieses Objektivanschlusses auf stolze 60 mm. Da der Bildkreis des Mittelformates 6x6 aber bekanntermaßen noch einmal 20 mm größer ist, wurde es von den beiden Konstrukteuren Otto-Wilhelm Lohberg und Wolfgang Hecking als essentiell erkannt, die Schnittweite so stark zu verkürzen, daß die Rücklinse des Teleobjektives beinah bis in diesen Bajonettanschluß verlegt werden mußte, um ein praktisch völlig an künstlicher Vignettierung freies Superteleobjektiv zu schaffen. Immerhin sollte die Brennweite des neuen Objektivs auch auf 500 mm angehoben werden.


Auf das Ergebnis ihrer Konstruktionstätigkeit wurde am 10. September 1963 in der DDR ein Patent Nr. 30.118 angemeldet (sowie am 16. September 1963 in der Bundesrepublik ein Gebrauchsmuster Nr. 1.980.417). Aus diesen Schutzschriften geht hervor, daß Lohberg und Hecking ein Teleobjektiv konstruiert hatten, bei dem die Länge dieser Schnittweite nur noch ganze 18 Prozent der Objektivbrennweite betrug.

Um bei einer solchen Verkürzung der Schnittweite die Bildfehler korrigieren zu können, wurde die Zerstreuungslinse des positiven Systemteils (also die Linse 2) als ein einzelnstehender Meniskus ausgeführt, dessen Hohlseite (!) der Frontlinse zugeneigt ist und der aus Schwerflint SF3 mit der respektablen Brechzahl von 1,74 besteht. Es ist offenbar auch hauptsächlich der Formgebung dieses Meniskus zu verdanken, daß ein Telephoto-Effekt von 5,47 erreicht wurde. Bei dieser Zahl handelt es sich um eine für die Einordnung von Teleobjektiven sehr bedeutsame Größe. Echte Teleobjektive zeichnen sich klassischerweise dadurch aus, daß diese aus einem vorderen, sammelnd wirkenden und einem hinteren, zerstreuend wirkenden Systemteil bestehen, die beide durch einen großen Luftabstand voneinander getrennt sind. Verfolgt man dieses Konstruktionsprinzip konsequent, dann erhält man nach Albrecht Wilhelm Tronnier – übrigens einer der Pioniere des Teleobjektivbaus – ein optisches System, bei dem die bildseitige Schnittweite beispielsweise nur noch halb so groß ist wie die Äquivalentbrennweite [Vgl. Deutsche Patentschrift Nr. 973.019]. Der Telephoto-Effekt läge in diesem Falle bei 2,0.

Pentacon 5,6/500 scheme

Unter dem  Begriff Äquivalentbrennweite versteht nun der Optiker die einer Einzellinse entsprechende Brennweite eines mehrgliedrigen Systems. Die Brennweite ist dabei die Distanz zwischen dem Punkt, an dem sich die aus dem Unendlichen kommenden (parallelen) Lichtstrahlen nach dem Passieren des optischen Systems auf der optischen Achse vereinigen – dem Brennpunkt – und einer theoretisch gedachten Bezugsebene innerhalb des Objektives, die bildseitige Hauptebene H‘ genannt wird. Diesem einen Bezugssystem steht jedoch die Schnittweite entgegen, deren Bezugspunkt auf der Ebene liegt, wo die Strahlen zuletzt abgelenkt worden sind – also zumeist auf Höhe des letzten Linsenscheitels an der hintersten Linse. Nur bei theoretisch existierenden (nämlich unendlich dünnen) Linsen liegen diese beiden Ebenen aufeinander und es sind daher Brenn- und Schnittweite gleichlang. Beim Teleobjektiv werden diese beiden Bezugsebenen aber in geradezu grotesker Weise auseinandergerissen – und zwar absichtlich. Durch Verlagerung der bildseitigen Hauptebene noch weit vor das eigentliche Objektiv kann bei einer gegebenen Äquivalentbrennweite die Schnittweite so stark verkürzt werden, daß das gesamte optische System um genau diesen Betrag, mit dem die Hauptebene nach vorn verlagert wurde, an die Bildebene herangerückt werden. Und zwar – nach der oben bereits angesprochenen Definition Tronniers, nach der der besagte Telephoto-Effekt sich als der Kehrwert des Verhältnisses der bildseitigen Schnittweite zur Gesamtbrennweite des Objektivs ergibt – auf einen Abstand, der nur noch einen Bruchteil der Brennweite beträgt. Für das Orestegor 5,6/500 mit seinem Telephoto-Kennwert 5,47 bedeutet das, daß der Luftraum hinter der Rücklinse nur noch reichlich 90mm tief ist. Da beim Praktisix-Bajonett alleine schon das Anlagemaß 74 mm davon in Anspruch nimmt, befindet sich also die Rücklinse sehr nah am Bajonettanschluß des Objektives und damit auch am Bildfenster der Kamera. Auf diese Weise war es den Görlitzer Konstrukteuren gelungen, erstmals ein gezielt auf das Mittelformat ausgerichtetes Superteleobjektiv zu schaffen, bei dem die bisher sets sehr problematische Randabschattung auf ein Minimum reduziert werden konnte.


Als typischer Vertreter dieser Gruppe der echten Teleobjektive wurde – der Meyer-Optik Nomenklatur in den 60er Jahren folgend – das neue 5,6/500 mm dann auch als Orestegor bezeichnet. Dieser Gattungsname wurde gerade parallel mit dem Orestegor 4/200 in den Markt eingeführt.

Herausgebracht wurde dieses Supertele zur Leipziger Frühjahrsmesse 1965 [Vgl. Opitz, Helmut: Testbericht Orestegor;  in: Fotografie Heft 5/1965, S. 190f.] und rundete das Teleprogramm nach oben hin ab. Als Besonderheit wurde ein Wechseladapter-System eingeführt, bei dem nun nicht mehr das Objektiv passend zur Kamera gekauft werden mußte, sondern bei Bedarf bequem zwischen verschiedenen Kleinbild-Spiegelreflexkameras bzw. der Praktisix/Pentacon Six hin- und hergewechselt werden konnte. Da auch das zweieinhalb Jahre später erschienene Orestegor 4/300 mm dieses Adaptersystem verwendete, war eine bis dahin nicht gekannte Freizügigkeit bei der Objektiv- und Kamerawahl erreicht worden. Für den Hersteller erübrigte sich damit zudem die unwirtschaftliche Lagerhaltung von Objektiven mit verschiedenen Anschlüssen.

Pentacon Wechseladapter

Das neue Orestegor 5,6/500 mm kostete 706,50 Mark mit Praktica- oder Praktisix-Adapter. Die erste Version von 1965 hatte zwar das bekannte Flachnutenrändel, aber weil die Fassung komplett schwarz lackiert wurde, ergab sich nicht das zeittypische "Zebra-Design". In der ersten Hälfte der 1970er Jahre erfolgte nicht nur die obligatorische Umbenennung in Pentacon 5,6/500, sondern auch die Änderung der Fassungsgestaltung auf den Zwischentyp mit Griffmulden und oranger Auslegung der Fuß-Skala. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre schloß sich sodann die wohl bekannteste Fassung mit einer Kreuzrändelung des Meterringes an. Diese wurde erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre abgelöst, als das Obbjektiv in Prakticar 5,6/500 umbenannt wurde. Jetzt gab es auch ein Anschlußstück mit direktem Praktica-B-Bajonett (ohne den Umweg über den M42-Adapter). Dieses Anschlußstück war allerdings nicht mehr frei mit demjenigen für das Pentacon 4/300 tauschbar, weil offenbar die unterschiedlichen Anfangsöffnungen dieser beiden Objektive eine gezielte Anpassung des für die Offenblendenmessung im Adapter integierten Spannungsteilers bedurfte.


Die äußere Fassungsgestaltung des Prakticar 5,6/500 ähnelte jetzt übrigens wieder dem Flachnutenrändel aus den 60er Jahren. Allerdings war der Entfernungseinstellring wesentlich breiter geworden. Als wichtigste Änderung ist aber die Einführung einer Mehrschichtvergütung anzusehen. Dies geschah, weil grundsätzlich alle Prakticare MC-vergütet sein sollten. Dem Mehraufwand entsprechend wurde der Preis auf 741,50 Mark abgehoben.

Prakticar 5,6/500

Schwer zu beantworten ist die Frage, wie es um den praktischen Wert dieses Orestegors 5,6/500 steht. Die Prämisse lag halt damals hauptsächlich auf einer Optimierung für das Mittelformat. Hier lag es im Vergleich zu dem, was damals international üblich war, durchaus auf der Höhe der Zeit. Die wenigen Konkurrenzprodukte, wie die Schnellschußobjektive von Novoflex oder die "Sport-Fern-Kilare" von Kilfitt, arbeiteten noch mit einfachen zweilinsigen Achromaten, bei denen die Schnittweite fast so lang wie die Brennweite ausfiel und die dadurch freilich keinerlei Optimierung hinsichtlich der Randausleuchtung bieten konnten. Nur was das Scharfstellen betraf, waren diese Objektive etwas günstiger zu handhaben.


Denn auf zwei Dinge muß man deutlich hinweisen: Erstens läßt sich dieses Objektiv durch seine große Baulänge und seine robuste Metallfassung nur vom Stativ aus sinnvoll nutzen und die Scharfstellung geht aufgrund der gewichtigen Fassung ziemlich schwergängig. Das sorgt dafür, daß man bereits bei nur mäßig bewegten Motiven einfach nicht mit dem Scharfstellen hinterherkommt. Denn selbst abgeblendet ist die Schärfentiefe nur minimal. Auch die manuelle Vorwahlblende trägt nicht gerade zu einer Beschleunigung der Handhabung bei.


Zweitens ist  durch die Optimierung auf das Mittelformat hin dieses Objektiv an einer Kleinbildkamera nicht zu den absoluten Spitzenobjektiven zu zählen. Das war aber angesichts des moderaten Preises und des lediglich vierlinsigen Aufbaus aus billigen Glassorten auch nicht zu erwarten. Hoch auskorrigierte Systeme dieses Brennweitenbereiches, wie sie seit den 70er Jahren von den Japanern herausgebracht wurden, kosteten dann rasch das 10-, vielleicht sogar das 20-fache. Hier wurden ganz andere Materialien wie Calciumfluorid oder Gläser mit anomaler Teildispersion eingesetzt, bei denen alleine die dafür nötigen "Zutaten" teurer waren, als das gesamte Pentacon-Objektiv.

Was also den praktischen Einsatz an einer Kleinbildspiegelreflexkamera betrifft, würde ich aus dem oben gesagten schlußfolgern, lieber ein Objektiv mit kürzerer Brennweite und dafür automatischer Blende zu bevorzugen. Das Orestegor bzw. Pentacon 5,6/500 mm ist also nur dann bedingt empfehlenswert, wenn es als Zusatzobjektiv für das Mittelformat 6x6 angeschafft wird, um hier eine außergewöhnliche Bildwirkung durch den ausgeprägten Tele-Effekt zu erzielen. Und ich gehe auch einmal davon aus, daß derjenige, der sich heute noch  mit einer schweren Mittelformatausrüstung auf Phototour begibt, die nötige Weile und Bedächtigkeit mitbringt, um in Ruhe vom Stativ aus scharfzustellen und die Blende manuell zu schließen. Für rastlosere Einsatzfälle, wie die Sport- oder Tierphotographie, ist diese Objektivtechnologie ansonsten völlig überholt.

Marco Kröger


letzte Änderung: 14. Februar 2022