Sonnar 4/300

Sonnar 4/300

Dieser noch auf Ludwig Bertele zurückgehende Pionier unter den Supertele-Objektiven wurde Anfang der 1960er Jahre noch einmal auf eine neue qualitative Ebene gehoben.

Zeiss Sonnar 4/300

1. Das Sonnar 4/30 cm der Ära "Flektoskop"

Und die erste dieser drei Ären beginnt noch im Rechenbüro des Meisters der Sonnare Ludwig Bertele in Dresden. Hier war im Jahre 1936 das legendäre Olympia-Sonnar 2,8/18 cm geschaffen worden. Es stellte sich aber bald heraus, daß ein derartiges Objektiv nur dann sinnvoll einsetzbar ist, wenn man die Schärfe anhand eines Mattscheibenbildes einstellt. Daher wurde zum Frühjahr 1938 ein Spiegelreflexansatz "Flektoskop" geschaffen, der die Contax-Meßsucherkamera quasi in eine Einäugige Spiegelreflexkamera verwandelte (wenn auch mit einem nicht nur seitenverkehrten, sondern auch kopfstehenden Sucherbild). Da der Objektivkopf selbst auswechselbar war, lag der Gedanke nahe, für diesen Reflexansatz noch weitere langbrennweitige Objektive anzupassen. Neben einem Fernobjektiv 8/50 cm war das zunächst ein Tele-Tessar 8/30 cm. Nun jedoch, da man mit einer Mattscheibeneinstellung arbeitete, mußte man feststellen, daß die Lichtstärke 1:8 dafür nicht besonders günstig ist, da das dunkle und grobkörnig erscheinende Sucherbild das Fokussieren sehr erschwerte. Außerdem verlangten gerade lange Brennweiten nach möglichst kurzen Verschlußzeiten.

Sonnar 4/30cm Flektoskop 1941

Also setzte man in Dresden wieder auf den Sonnartypus, auf dessen Basis in den letzten Jahren so außergewöhnlich fortschrittliche Objektive geschaffen worden waren. Die besondere innere Brechkraftverteilung brachte es dabei mit sich, daß diese Sonnare sowohl bei höchsten Lichtstärken bis 1:1,5 oder eben auch bei ziemlich langen Brennweiten eine relativ kurze optische Baulänge und damit eine kompakte Objektivfassung erlaubten. Diese Eigenschaft, sowie die guten Korrekturpotentiale der Sonnar-Bauart, eröffneten die Möglichkeit, ein lichtstarkes Objektiv mit einer gegenüber der Normalbrennweite sechsfachen Vergrößerung in Angriff zu nehmen, das seiner Zeit weit voraus war. Durch die gezielte Auslegung für das neue Kleinbild waren die Anforderungen an die Schärfe und Kontrastleistung jedoch viel höher als beispielsweise bei einem Normalobjektiv für das Großformat 18x24 cm, dessen Brennweite ja ebenfalls 30 cm beträgt. Für ein kleines Aufnahmeformat verlangte insbesondere die mit wachsender Brennweite stark zunehmende farbliche Querabweichung, die auch in der reinen Schwarzweißphotographie zu unvertretbaren Lichtsäumen führt, nach einer guten Korrektion. Und für die gerade aufgekommene Farbphotographie auf chromogenen Mehrschichtfilmen galt dies um so mehr.

Sonnar 4/300 Zeiss Jena

Die Konstruktion eines Sonnares 4/30 cm geht auf eine erste Rechnung Nr. 1244 vom 21. April 1937 zurück [Vgl. Zeiss Datenblattsammlung Karte 1197.]. Es folgte eine nur geringfügig geänderte Rechnung 1244Z vom 15. August 1938. Von ihr wurden im Oktober 1938 zunächst nur etwa 100 Stück gefertigt. Bemerkenswert an diesem langbrennweitigen Sonnar war, daß es zwar den typischen dreigliedrigen Aufbau mit lediglich sechs Glas-Luft-Grenzflächen zeigte, jedoch das gesamte Glasinventar VOR der Irisblende angeordnet wurde – die Blende also den Abschluß des optischen System bildete. Mit Gläsern wie dem Schwerkron SK18, dem Fluor-Kron FK5 und dem Phosphat-Schwerkron PSK3 wurden zudem Materialien eingesetzt, die gerade erst neu geschaffen worden waren und zum ersten Mal im Glaskatalog von Schott des Jahres 1937 Eingang fanden.

Phosphat-Schwerkron-Gläser hatten zuvor noch zu den Sondergläsern gehört, da sie Phosphorpentoxyd (P2O5) enthielten und deshalb an Luft nicht beständig waren. Durch Verwendung anderer Phosphorverbindung war es in den 30er Jahren gelungen, diese bei niedriger Dispersion recht hoch brechenden Glasarten für den allgemeinen Einsatz brauchbar zu machen. Durch einen anderen Verlauf der Teilzerstreuung gegenüber beispielsweise den Schwerkron-Gläsern ergab sich zudem die Möglichkeit, das sekundäre Spektrum zu vermindern, was für ein derart langbrennweitiges Objektiv von großer Bedeutung war. Dafür ist im Wesentlichen das zweite Kittglied verantwortlich, das eine fast planparallele Platte von geringer Brechkraft bildet, aber mit der stark durchbogenen Kittfläche eine sehr exakte Steuerung der Dispersionswirkung ermöglichte. Nicht von ungefähr bescheinigte Willy Merté diesem Objektiv seines Kollegen Bertele in der von ihm geführten Zeiss-Datenblattsammlung eine außerordentlich gute Abbildungsleistung.

Sonnar 4/30 cm Datenblatt
Sonnar 4/30 cm Grenzblende

Doch auch in mechanischer Hinsicht war dieses Sonnar 4/30 cm bemerkenswert. Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1940 war dieses Objektiv erstmals mit einem "Grenzblendenanschlag" vorgestellt worden [Vgl. Photographische Industrie vom 13. 3. 1940, S. 175.]. Darunter verstand man eine Einrichtung, die nach 1945 allgemein als Vorwahlblende bezeichnet wurde. Beim Sonnar 4/30 cm mußte dazu die Blendenzahl in einem Schauloch eingestellt werden, dann konnte man bei aufgedrehtem Blendenring und damit voller Objektivöffnung scharfstellen, um dann kurz vor der Aufnahme nur noch die Blende bis zum vorgewählten Anschlag zu schließen, ohne die Kamera noch einmal vom Auge absetzen zu müssen. Damit dürfte das Sonnar 4/30 cm das erste Objektiv der Welt gewesen sein, das serienmäßig mit einer solchen, für Einäugige Reflexkameras ungemein praktischen Einrichtung versehen war. Auch die Hausmitteilungen der Zeiss Ikon AG namens "Die Brücke" stellten messebegleitend in ihrem Heft vom Februar/März 1940 diese neue Einrichtung ausführlich vor.

Sonnar 4/30 cm Contax II and Contax S

Das Bild oben [von Miguel Torres, Lissabon] zeigt im Vordergrund ein Sonnar 4/30 cm aus der allerersten Serie (Nr. 2.427.372 vom Oktober 1938) sowie im Hintergrund eines aus der Nachkriegsfertigung (Nr. 3.116.157 vom Oktober 1947). Beide Objektive besitzen die besondere Einrichtung zum Vorwählen der Blende. Im Gegensatz zum Objektiv von 1938, das in einer schweren verchromten Messingfassung eingebaut wurde, besteht die Fassung des Nachkriegsobjektivs nun aus blankem Aluminium, weshalb das gesamte Objektiv unvergleichlich leichter ausfiel. Beim Vorkriegsobjektiv besitzt die Blende außerdem deutlich fühlbare Raststufen.

Flektometer Sonnar 1951

Aber auch das mit dem blanken Aluminium muß sich rasch geändert haben, denn schon bald nach dem Kriege dominierte die schwarz lackierte Fassung mit der Vorwahlblende, wie sie oben zu sehen ist. Zunächst wurde das Sonnar 4/30 cm wieder für den Reflexansatz der Contax II/III bzw. für die in Stuttgart weiterentwickelte Contax IIa/IIIa gefertigt, der nun jedoch mit einem aufrechtstehenden und seitenrichtigen Sucherbild versehen worden war und "Flektometer" genannt wurde.

Jena Sonnar 4/300 an Praktina

Ab 1952 wurde die Produktion dann aber ausschließlich auf die (neuen) Kleinbild-Reflekameras Exakta Varex, Praktica und Praktina konzentriert, für die es jeweils die entsprechenden Wechselsockel gab. Für diese Kameras waren ebenfalls Umkehrprismen erhältlich, die ein seitenrichtiges Sucherbild ergaben und dadurch das Arbeiten mit einer solch langen Brennweite ungemein erleichterten. Erst jetzt setzte langsam eine Großserienfertigung in zunächst recht kleinen, aber kontinuierlich folgenden sowie langsam ansteigenden Produktionslosen ein, was angesichts des für damalige Verhältnisse mit 816,- Mark (1956) sehr hohen Preises nicht verwundert. Diese stetig ansteigende Produktion erfolgte auf Basis einer Neurechnung, die bereits am 6. April 1940 – also wenige Wochen nach der besagten Frühjahrsmesse 1940 – eingeführt worden, aber zu Kriegszeiten kaum noch zum Zuge gekommen war. In dieser optischen Konfiguration wurde das Teleobjektiv als "Sonnar 4/300 mm" bis Mitte der 1960er Jahre in einer Stückzahl von etwa 4600 gefertigt. Das oben gezeigte Exemplar stammt aus einem letzten Produktionslos, das im November 1965 in die Endfertigung gelangte und dem nur noch 20 weitere folgten. Denn schon im Jahr zuvor war die Nullserie eines Nachfolgers in Produktion gegangen.

Sonnar 4/300 an der Praktisix
Sonnar 4/300 Fernsehkamera

Sonderfassung eines Sonnares 4/300 für die Fernseh-Universal-Kamera FUK2 des VEB Studiotechnik Berlin. Hergestellt im Sommer 1963 auf Basis der Rechnung von 1940. Für diese Fernsehkameras gab es auch zwei spezielle Biometare 2,8/55 und 2,8/77 mm, ein Flektogon 2,8/38 mm und zwei Fernobjektive 5,6/420 mm und 6/600 mm (!). Außerdem wurden einige Brennweiten der Visionar-Baureihe für die Fernsehkamera angepaßt und mit einer Blende versehen. Bild: Jens Mascher.

2. Das Sonnar 4/300 der "Zebra-Ära"

Als in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre die damals sehr moderne und lang erwartete Praktisix in die Hände der anspruchsvollen Amateure und Berufsphotographen gelangte, dauerte es nicht lange, bis auch die Sonnare 2,8/180 und 4/300 an diese 6x6-Reflexkamera adaptiert wurden. Möglich war dies, weil ja immer noch das Gewinde aus der Flektoskop-Ära vorhanden war und daher leicht ein kleiner und sehr billiger Adapter zwischengeschaltet werden konnte, den die kleine Firma Huffziger in Leipzig herausbrachte. So wurden beide Sonnare im Mittelformat verwendet, obwohl sie dafür vom Hersteller gar nicht geschaffen waren.

Sonnar 4/300 Zebra

Das funktionierte zwar auch im Falle des Sonnares 4/300 gut, war aber von Zeiss so nie so vorgesehen gewesen. Das Objektiv war ausdrücklich für das Kleinbild geschaffen worden. Die Verwendung im Mittelformat war natürlich für die Anwender besonders verlockend, weil hier die Telewirkung der 300 mm Brennweite nur noch etwa halb so groß wie im Kleinbild war (umgerechnet etwa 166 mm). Doch auch noch ein anderes Augenmerk drängte nach einer gänzlichen Umkonstruktion dieses Objektives. Die seit 1956/57 erhältliche Praktisix war die erste Spiegelreflexkamera der Welt mit einer Vollautomatischen Springblende, das heißt, die Irisblende schloß sich auf den vorgewählten Wert, während der Zeit, in der der Spiegel hochklappte und sie öffnete sich wieder vollständig, sobald der Verschluß gespannt und der Spiegel in die Betrachtungsposition zurückgeführt wurde. Es lag also nahe, das Sonnar 4/300 auch so umzubauen, daß es mechanisch mit dieser Kamera kompatibel war. Durch Originalunterlagen aus dem VEB Zeiss Jena, die uns freundlicherweise Herr Günther Benedix zur Verfügung gestellt hat, läßt sich nun nachweisen, daß dieser Entschluß zur Umgestaltung des Sonnars 4/300 bereits im Frühjahr 1960 gefaßt worden war.

Entwicklungsziel Sonnar 4/300 ASB

Grundlage war eine Versuchsrechnung V305 vom 24. März 1960 als Teil eines Entwicklungsziels zur Umgestaltung des Sonnares 4/300 für das Nennformat 6x6, die im oben gezeigten Schreiben des Entwicklungsleiters Wolf Dannberg vom 2. Mai 1960 zum Ausdruck kommt. Wohlgemerkt war hier noch nicht das Augenmerk auf eine Auslegung der Fassung für die Springblendenautomatik dieser Kamera gelegt worden, sondern erst einmal darauf, die ordungsgemäße Auszeichnung des 80 mm großen Bildkreises des Nettoformates 56x56 mm sicherzustellen. Zwar war der Bildkreis eines derart langbrennweitigen Objektives prinzipiell groß genug, doch mußte insbesondere auf eine gute Randausleuchtung geachtet werden. Auch wenn der Innendurchmesser des Bajonettes der Praktisix mit 60 mm sehr groß dimensioniert worden war, so waren dies immer noch 20 mm weniger als die Formatdiagonale. Dem wurde mit einer Verlegung der Blende Richtung der Optik Rechnung getragen. Das hatte allerdings zur Folge, daß bei der Exakta Varex das nach 1945 eingeführten Außenbajonett angewendet werden mußte, um auch im Kleinbild künstliche Vignettierungen auszuschließen.

Sonnar 4/300 Versuch 305

In der Schnittzeichnung  zum besagten Versuchsobjektiv V305 vom März 1960 wird bereits eine wichtige Änderung gegenüber Berteles Urkonstruktion deutlich: Das innere Kittglied wurde in zwei Einzellinsen aufgelöst und zwischen beiden ein dünner Luftzwischenraum geschaffen. Dies war eine der Maßnahme, durch die die Bildleistung des Sonnares 4/300 nun noch einmal deutlich angehoben werden konnte, was auch im Prüfbericht zu dieser Rechnung zum Ausdruck kommt. Folgerichtig wurde für diese Rechnung auch eine Produktionsfreigabe erteilt.

Sonnar 4/300 Zebra Planplatte

Doch dann passierte, was eingangs schon angesprochen wurde: Ein neu entwickeltes Zeiss-Objektiv, das die Springblendentechnik der Spitzenkamera Praktisix nicht nutzte? Das wäre rückschritlich gewesen. In der obigen Aktennotiz von Paul Klupsch, der zusammen mit Helmut Scharffenberg als Erfinder der Vollautomatischen Springblende gesehen werden muß, wird deutlich, daß im September 1961 die Entscheidung gefallen war, das neue Sonnar 4/300 mit dieser "ASB" auzurüsten. Als Problem dabei ergab sich aber, daß bei diesem Objektiv die Irisblende nicht wie üblich quasi innerhalb der Optik "eingebettet" war. Schon Ablagerungen von Staub oder leichte Fettspuren hätten daher dazu geführt, daß die auf wenige zehn Millisekunden begrenzte Schließzeit der Blende nicht mehr hätte gewährleistet werden können. Herr Klupsch fragte daher im Rechenbüro an, ob deshalb hinter der Optik eine planparallele Platte zum Schutz der Blende hinzugefügt werden könne. Aus dem handschriftlichen Vermerk Wolf Dannbergs läßt sich schließen, daß Klupsch offenbar auch mündlich eine Verlegung der Blende vor das Kittglied angefragt hatte, was Dannberg aber aus drei Gründen ablehnte: Der Blendendurchmesser würde anwachsen und damit wäre die Blendenschließzeit nicht mehr zu gewährleisten gewesen (diese beträgt freilich rund 20 Millisekunden, nicht 20 Mikrosekunden). Zweitens würde sich der nutzbare Hub des Schneckenganges verkürzen, was bei einem so langbrennweitigen Objektiv besonders ungünstig gewesen wäre, da man dann kaum noch echte Nahdistanzen ohne zusätzliche Zwischenringe erreicht hätte. Auch wäre drittens der Außendurchmesser des Objektives unnötig angewachsen.

Jena Sonnar 4/300 Zebra Datenblatt

Zum 19. August 1963 wurde daher in der Abteilung Photo des VEB Carl Zeiss JENA die Rechnung für ein "Sonnar 4/300 mit Abschlußplatte" (Sachnummer 550504:002.25) fertiggestellt, das den mechanischen Anforderungen an die Springblende nachkam. Der bereits angesprochene dünne Luftspalt im vormaligen inneren Kittglied (also zwischen den Linden zwei und drei) wurde laut obigem Datenblatt durch Stanniolplättchen mit einer Dicke von 33 Mikrometern sichergestellt, die in einer Anzahl von drei Stück um 120 Grad versetzt am äußersten Linsenrand zwischengeschaltet waren. Man erkennt diese Plättchen deutlich, wenn man in das Objektiv hineinschaut (siehe auch Eingangsbild dieser Seite ganz oben). Bereits zum 10. April 1964 wurde auf Basis dieser Rechnung die Serienfertigung begonnen.

Sonnar 4/300 1964

Zufällig befindet sich in meinem Besitz das erste Serienobjektiv des Sonnars 4/300 ASB mit der Seriennummer 6.798.601. Laut Zeiss Karteikarten war es der Startpunkt einer Nullserie von 50 Stück (nicht 100, wie bei Thiele angegeben), die im April 1964 gefertigt wurde. Bereits dieses Objektiv hat den Stößel für die mechanische Blendenwertübertragung der späteren Pentacon Super!

Was war neu bei diesem Sonnar 4/300 nach Versuch V305? Zunächst fällt natürlich der Luftspalt zwischen den Linsen 2 und 3 auf. Indem diese beiden Linsen nicht mehr verkittet wurden, war es möglich, daß die Radien 4 und 5 nicht mehr genau denselben Radius haben mußten, sondern im begrenzten Rahmen voneinander abweichen konnten. In der Frontlinse wurde das Schwerkron SK18 durch das etwas geringer brechende Schwerst-Kron SSK7 ersetzt und das von Bertele verwendete Barit-Schwerflint BaSF2 in Linse Nummer 3 durch neuartiges Schwerflint SF19.

Sonnar 4/300 ASB Glasarten

Eine besondere Bedeutung für die Korrektur der chromatischen Längsabweichungen beim Sonnar 4/300 hatte jedoch sicherlich stets das hintere Kittglied. Schon Bertele hatte hier mit BaF2 und PSK3 zwei Glasarten mit nur wenig voneinander abweichenden Brechzahlen verwendet. Die Wirkung der Sammel- und Zerstreuungslinse heben sich also weitgehend auf und das Kittglied hat angesichts der flachen äußeren Radien insgesamt nur eine geringe positive Brechkraft (reichlich 2 Dioptrien). Da jedoch die ny-Werte beider Linsen erheblich voneinander abweichen, läßt sich mit der Durchbiegung der entstehenden Kittfläche die chromatische Wirkung steuern. Dazu kommt noch, daß das BaF2 einen kleinen Betrag einer positiven anomalen Teildispersion im blauen Bereich aufweist, die für die Korrektur des sekundären Spektrums genutzt werden kann.

anomale Dispersion Sonnar 4/300

Um dies zu verdeutlichen, habe ich oben einmal die Teildispersionen PgF' den Abbe'schen Zahlen für einige häufig verwendete Glasarten gegenübergestellt. Man erkennt, daß Gläser wie das SK18 oder auch das PSK3 auf der sogenannten Normalgeraden liegen und damit dem üblichen Dispersionsverlauf folgen. Man sieht aber auch, wie das BaF2 ein Stück oberhalb dieser Normalgeraden liegt und damit eine positive Abweichung ΔPgF‘ von der Normaldispersion aufweist. Interessant wird es nun, wenn man auf die beim neuen Zebra-Sonnar verwendeten Glasarten in diesem Kittglied schaut. Hier liegen das sogenannte Tief-Flint F16 und das Leicht-Flint LF5 sogar auf gegenüberliegenden Seiten dieser Normalgerade; weisen also Im Falle des F16 eine deutliche positive und beim LF5 eine leichte negative anomale Teildispersion im kurzwelligen Bereich auf. Diese spezielle Glaskombination im Kittglied bildete sicherlich die Grundlage dafür, weshalb Wolf Dannberg und Eberhard Dietzsch bei diesem neuen Sonnar 4/300 eine nochmals verbesserte chromatische Korrektur erreichen konnten.

Sonnar 4/300 Zebra ohne Stanniol

Wenn also bereits im April 1964 die Serienfertigung angelaufen war, dann sei an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt, daß man, um den erhöhten Fertigungs- und Montageaufwand mit den "Stanniolplättchen" zu umgehen, zum 17. Dezember 1964 noch eine Variante 003.25 gerechnet hatte, bei der die Linse Nummer drei mit Ihrem Rand direkt auf der Linse Nummer zwei auflag, was durch leicht angepaßte Radien, Durchmesser und Abstände erreicht wurde. Aus der handschriftlichen Notiz auf dem zugehörigen Datenblatt wird ersichtlich, daß diese Variante nicht in Produktion ging, sondern die vorige mit der Sachnummer 002.25 weiter gebaut wurde.

Zustimmungserklärung Sonnar 4/300 Zebra

Das wird auch noch einmal aus der obigen Zustimmungserklärung zum Serienbau des Sonnars 4/300 ASB vom 25. Oktober 1966 deutlich, die die Zeichnungsnummer 002.25 als mit Planplatte versehenem Versuch V305 bestätigt. Dazu ist zu sagen, daß bereits zum 10. April 1964 die Nullserie des "Sonnars 4/300 Steckanpassung" in einer Anzahl von 50 Stück hergestellt worden war und auch schon zum 4. April 1966 die Serienfertigung mit den ersten 100 Stück begonnen hatte. Bis zum August 1976 wurden knapp 4800 Stück dieses außergewöhnlich leistungsfähigen Teleobjektives hergestellt. Und das, obwohl bereits im Jahr zuvor der Nachfolger MC-Sonnar 4/300 mm in Produktion gegangen war.

Sonnar 4/300 Srienproduktion 1966

Der Beginn der Serienfertigung des Sonnars 4/300 mm war sogar dem "ND" eine Meldung wert. Das Teleobjektiv hatte zuvor auf der Leipziger Herbstmesse eine Goldmedaille erhalten. Ebenso die zur Pentacon Six weiterentwickelte Praktisix.

Sonnar 4/300 Zebra

Oben der Verlauf der Strahlen durch das Sonnar 4/300. Gut wird auch sichtbar, was das Sonnar als Teleobjektiv kennzeichnet. Die hintere Hauptebene H', die den Ausgangspunkt für die Bemessung der Brennweite bildet, liegt mehr als 26 mm vor dem vordersten Linsenscheitel. Das sind fast 10 Prozent der Summe aus Baulänge der Optik und bildseitiger Schnittweite.

Sonnar 4/300 Reklame
Sonnar 300 Praktisix
Sonnar 4/300 Exakta

Selbst bei Verwendung für das Kleinbild war das Zebra-Sonnar 4/300 ein für damalige Inbegriffe außergewöhnlich leistungsfähiges Teleobjektiv. Und auch mechanisch war es international gesehen allen Herstellern weit voraus, als es Mitte der 60er Jahre auf den Markt kam. Durch den extrasteilen Schneckengang, der damals bei Zeiss gerade erst entwickelt worden war, ließ sich sehr schnell und trotzdem präzise scharfstellen. Nur das sehr hohe Gewicht, die große Baulänge und der für viele unerschwingliche Preis von 931,80 Mark für die oben angebildete Variante für die Exakta Varex standen einer größeren Verbreitung dieses Objektives entgegen. 

Sonnar Adapter Exakta

Zur Anpassung der Sonnare 2,8/180 und 4/300 an Kleinbildkameras wurden spezielle Adapterstücke entwickelt, die auch das Beibehalten der Blendenautomatik gewährleisten sollten. Für die oben gezeigte Exakta Varex sowie für die (bereits ausgelaufene) Praktina konnte die Funktion einer Vollautomatischen Springblende geboten werden, während der Adapter für das Praktica-Gewinde M42 eine Halbautomatische Springblende daraus machte, die nach dem Auslösen stets von Hand geöffnet werden mußte.

Sonnar Adapter M42
Sonnar 4/300 zwei Stößel

Es läßt sich nachweisen, daß sowohl in der Nullserie von 50 Stück aus dem Jahre 1964, als auch bei weiteren 100 Stück vom April 1966 zumindest einige Exemplare mit dem zusätzlichen Stößel (links) ausgestattet sind, mit dem die mechanische Blendenwertübertragung der Pentacon Super bewerkstelligt wurde. Dazu bedurfte es freilich auch eines speziellen Adapters Praktisix auf M42, der mit dem nötigen zweiten Stößel ausgestattet war.

Mein Dank gilt Herrn Günther Benedix für die Originalunterlagen aus dem VEB Zeiss Jena.

Marco Kröger 


Letzte Änderung: 10. Januar 2026