Lydith 3,5/30

Lydith 3,5/30

Die Objektivbauart des Retrofokus erlebte während der 1950er Jahre rasante Fortschritte. Auch das Feinoptische Werk Görlitz mußte diesbezüglich am Ball bleiben.

Meyer Lydith 3,5/30 mm

Denn Retrofokus-Weitwinkel der "ersten Generation" hatte nun beinah jede Objektivbauanstalt im Programm. Dabei handelte es sich fast durchweg um Objektive mit 35 mm Brennweite und Lichtstärken zwischen 1:4,5 und 1:3,5, die gewissermaßen aus einfachen Triplets oder Tessartypen mit einer vorgeschalteten Zerstreuungslinse bestanden. Meyer-Optik hatte mit dem Primagon 4,5/35mm einen solchen Typ bereits seit 1955 im Programm. Doch mit den gerade einmal knapp über 60 Grad Bildwinkel dieser 35-mm-Objektive wollte sich schon bald niemand mehr zufrieden geben. Während andernorts bereits verschiedentlich daran gearbeitet wurde, den Bildwinkel auf über 80 Grad auszudehnen, ging Hubert Ulbrich in Görlitz daran, erst einmal die 70-Grad-Marke zu überschreiten. Angesichts der teils ein wenig überambitionierten Mitbewerber sollte sich diese Entscheidung als sehr weise herausstellen. Um es vorweg zu nehmen: Das Lydith 3,5/30 mm war derart ausgewogen, daß es drei Jahrzehnte lang im Lieferprogramm des Herstellers verbleiben konnte, ohne völlig überholt zu sein.

DDR-GM Nr. 7230 - Lydith 3,5/30

Um die kürzere Brennweite zu erreichen, war Ulbrich freilich gezwungen, viel mehr Aufwand zu betreiben als zuvor beim Primagon. Der vorgesetzte zerstreuende Meniskus mußte nun eine wesentlich höhere Brechkraft aufweisen, weshalb beim Lydith statt des Fluor-Kron FK5 das deutlich stärker brechende Phosphat-Schwerkron PSK2 für die Frontlinse zum Einsatz kam. Um nicht zuletzt die aufgrund des Vorsetzens einer solch erheblich negativen Brechkraft stark angewachsenen Bildfehler auszukorrigieren, wurde des Triplet-Grundobjektiv (aus SK5, SF14 und SK16) durch eine zusätzliche bikonvexe Sammellinse (aus Schwerflint SF7) erweitert. Heraus kam ein für damalige Verhältnisse ziemlich moderner, gedrungener Aufbau aus fünf einzeln stehenden Linsen. Wie oben zu sehen, war die bildseitige Schnittweite 22,5 Prozent länger als die Brennweite. Damit war das Lydith 3,5/30 für alle Einäugigen Reflexkameras ebenso wie für Sucherkameras mit Hinterlinsenverschluß wie die Altix geeignet.

Lydith 3,5/30 Pentina

Ursprünglich war dieses kleine Weitwinkelobjektiv aber für eine Kamera entwickelt worden, mit der die neu formierten Kamera- und Kinowerke Dresden dem Erfolg westdeutscher Kleinbildspiegelreflexkameras mit Zentralverschluß nacheifern wollten: Die Pentina. Für diesen Einsatzzweck mußte Hubert Ulbrich darüber hinaus dafür sorgen, daß der rückwärtige Teil der Retrofokuskonstruktion schlank genug blieb, um in den recht engen Durchlaß des Prestor Zentralverschlusses zu passen.


Das Resultat seiner Konstruktionstätigkeit ist in der DDR [Nr. 7230 vom 24. 12. 1958] und in der Bundesrepublik [Nr. 1.794.971 vom 30.12.1958] zum Gebrauchsmuster angemeldet worden. Ein rechtlich wesentlich höherwertiger Patentschutz wurde von vornherein nicht angestrebt, weil beim Lydith keine grundsätzlich neue und patentfähige Lösung für den Bau eines Retrofokusweitwinkels erarbeitet werden konnte. Neu war nur, daß ähnliche Objektive bislang mindestens sechs Linsen benötigten, wohingegen das Lydith mit lediglich fünf Linsen auskam. Ein deratiger Neuerungsanspruch verwundert heutzutage, da selbst einfachste Zoomobjektive oftmals aus wenigstens einem Dutzend Linsen aufgebaut sind. Damals jedoch, im Jahre 1958, ergab sich in Anbetracht der aufwendigen Herstellungsverfahren für die Linsenelemente dadurch durchaus ein gewisser Zeit- und Kostenvorteil. Die Fertigstellung einer einzelnen Linse von einem aus dem Glaswerk angelieferten Preßling bis zur Montage im Objektiv benötigte seinerzeit noch zwischen 28 und 32 einzelne Arbeitsschritte, was vor allem darauf zurückzuführen war, daß stets zuerst die eine Seite und darauffolgend die zweite Seite einer Linse den gesamten Vorfertigungsprozeß durchlaufen mußte [Vgl. Kaufmann, Siegfried: So entstehen Objektive von Weltniveau; in: Fotografie 4/1961, S151.]. Das ist zwar prinzipiell heute noch genau so, aber wie man sich denken kann, läuft alles viel automatisierter ab als damals vor über sechs Jahrzehnten.

Pentina Meyer Lydith

Das Meyer Lydith an der Pentina, für die es eigentlich ursprünglich mal geschaffen worden war. In dieser Ausführung hatte es zwar eine Springblende, aber keinen Blendenring. Das liegt daran, daß der Öffnungsdurchmesser der Blende vom Kameragehäuse aus gesteuert wurde. Damit hätte die Pentina sogar das Potential mitgebracht, zum Blendenautomaten weiterentwickelt zu werden.

Meyer Lydith Pentina

Dieses neue Weitwinkelobjektiv wurde dann zusammen mit der Pentina auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1960 vorgestellt [Vgl. Fotografie 6/1960, S.206f]. Zunächst lautete die Bezeichnung Domigon 3,5/30, doch schon kurze Zeit darauf erfolgte eine Umbenennung in "Lydith". Der Hintergrund ist nicht bekannt. Die Vorsilbe "Domi" ist in Görlitz in der Zeit um 1960 intensiv für neue Produkte verwendet worden (Domiron, Domigor, Domiplan, Domiton). Mag sein, daß "Domigon" schon anderweitig als Wortmarke geschützt gewesen war. Vielleicht wollte man aber auch einfach nur Verwechslungen mit dem zeitgenössischen Domiplan 3,5/30 mm für die Penti vermeiden.

Meyer Lydith 1964

Eigentlich hätte nun dieses kleine Weitwinkel mit seiner praxisgerechten Brennweite, seiner guten Bildleistung, seiner vollautomatischen Springblende und seinem amateurgerecht niedrigen Verkaufspreis von bloßen 142,- Mark ja ein richtiger Verkaufsschlager werden müssen. Allein – die Kamera, für die es geschaffen war, entwickelte sich zu einem enttäuschenden Verkaufsflop. Selbst auf dem Inlandsmarkt wurde der VEB KKW Dresden seine Pentina nur sehr schleppend los. Rechnet man alle Tessare für diese Kamera zusammen (ihr einziges Normalobjektiv), dann kommt man auf maximal 47.865 Kameragehäuse. Die Anzahl der tatsächlich verkauften Kameras könnte aber noch einmal deulich darunter liegen. Zum Schluß montierte man die Pentina nämlich ohne die Belichtungshalbautomatik, um die herum sie eigentlich konzipiert worden war, nur um die Gehäuse (zu einem leicht gesenkten Preis) überhaupt noch absetzen zu können. Bedenkt man, daß nur ein Bruchteil der Besitzer einer solchen reinen Amateurkamera Wechselobjektive kauften, dann war das Lydith für die Pentina bestimmt kein großer Verkaufsschlager.

Meyer Lydith

Das wäre aber wirklich schade um das wunderbare Weitwinkel gewesen. Der Görlitzer Hersteller faßte daher den Entschluß, dreieinhalb Jahre nach seiner ersten Vorstellung das Lydith auf der Herbstmesse 1963 erneut herauszubringen nun mit den deutlich größeren Absatz versprechenden Anschlüssen für die Exakta Varex und für Praktica M42 (sowie in geringen Stückzahlen für die bereits ausgelaufene Altix). Leider mußte die automatische Springblende, die beim Modell für die Pentina noch vorhanden war, fallengelassen werden. Zwar existieren Prototypen mit einer Automatikblende, die ähnlich wie beim zeitgenössischen Domiplan aufgebaut war, aber eine Serienfertigung erfolgte leider nicht. Erstens hätte dann wohl der außerordentlich günstige Preis nicht gehalten werden können und zweitens arbeitete Hubert Ulbrich zu jener Zeit gerade an seinem Orestegon 2,8/29 mm, das auf jeden Fall eine automatische Blende bekommen sollte.

Pentacon 3,5/30 mm

Zwar kann der Wegfall der Springblende beim Lydith im gewissen Sinne als ein mechanischer Rückschritt verstanden werden. Bei Weitwinkelobjektiven ist allerdings aufgrund der großen Schärfentiefe eine automatische Springblende eher verzichtbar, als bei Objektiven mit längeren Brennweiten. Außerdem konnte auf diese Weise mit einer Erhöhung um bloße 8,- Mark auf nunmehr 150,- Mark die Preissteigerung im marginalen Bereich gehalten werden. Angesichts dessen blieb das Lydith auch weiterhin ein kompaktes Weitwinkelobjektiv, das wie für den Amateur geschaffen schien. Es wurde von nun an bis zum Ende der DDR in sehr hohen Stückzahlen verkauft. Der Preis blieb dabei mehr als 25 Jahre lang derselbe (!), nur der Name änderte sich nach 1970 zu Pentacon 3,5/30 mm.

Pentacon 3,5/30

Diese Fassungsgestaltung war in Görlitz seit den späten 1960er Jahren aktuell. Sie hatte das Zebra-Design abgelöst und mit ihrer Einführung ging auch das Ende der Firmenbezeichnung "Meyer-Optik" und der Objektivnamen wie "Lydith" einher. Von nun an hießen die Objektive benannt nach dem Kombinat einheitlich "Pentacon".

Pentacon 3,5/30

Ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre folgte die sogenannte Kreuzrändelfassung. Bei ihr blieb es bis zum Schluß; auch wenn sich das Bild der Gravur und die Töne der Einlaßfarben bis 1990 noch ein paarmal änderten.

Lydith 30mm scheme

Der Wolf im Schafspelz: Das kleine, unscheinbare Lydith zeigt schon bei leichter Abblendung auf 1:5,6 hohe Schärfeleistung bis in die äußersten Bildecken. Weil es aber bis zum Schluß nur einschichtig vergütet wurde, kann einem allerhöchstens Streulicht einen Strich durch die Rechnung machen. Abfertigungshalle des "Zentralflughafens" Schönefeld im September 2018 – mittlerweile wohl eine historische Aufnahme. Praktica, Kodak Tri-X.

Ob nun in den 60er oder den 80er Jahren das Lydith 3,5/30 bzw. Pentacon 3,5/30 blieb eines der beliebtesten Zusatzobjektive, die sich der engagierte Amateur für seine Praktica oder Exa anschaffte.

Pentacon 3,5/30 Exa

Marco Kröger


letzte Änderung: 21. April 2022