Carl Zeiss Jena

Carl Zeiss Jena 1970er

Die Einführung der Mehrschichtvergütung und die letzten Neukonstruktionen

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurde die Stellung des VEB Carl Zeiss JENA innerhalb des wissenschaftlich-technischen Gerätebaus der DDR neu definiert. Das Zeisswerk sollte zum Zentrum der Forschung und Herstellung für Geräte der Rationalisierungs- und Automatisierungstechnik werden. Meß- und Analysegeräte sowie die Speichertechnik (Mikrofilmtechnik und oftmals unter dem Schlagwort „Kybernetik“ zusammengefaßte Binärrechentechnik) sollten nun im Vordergrund stehen. Demgegenüber sollte der Anteil der Astronomischen Geräte, der Ferngläser und auch der photographischen Objektive sukzessive in den Hintergrund gestellt werden [Vgl. Hellmuth/Mühlfriedel: Zeiss 1945-1990, S. 203ff.].

"Kybernetik-Wahn" in der DDR der späten Ulbricht-Ära. Der VEB Carl Zeiss JENA wird zu einem der Leitbetriebe dieses neuen Technologiefeldes und stellt beispielsweise solcherlei Bandspeichergeräte vom Typ ZMB61 her. Photographiert von Wolfgang Schröter im März 1973 [Deutsche Fotothek Nr. 71206769 ].

Allerdings änderte sich die Situation bereits Anfang der 70er Jahre wieder, weil der Machtwechsel an der Staatsspitze der DDR seinen Ausdruck auch in neuen wirtschaftspolitischen Prämissen fand. Um die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem System zu verbessern, wurde nun ein größeres Augenmerk auf gesteigerte Konsumgüterproduktion gelegt, um den „Bevölkerungsbedarf“ zu befriedigen. Von jetzt an waren bei gleichbleibender Qualität gesteigerte Quantitäten gefragt. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte Carl Zeiss Jena mit der Optischen Anstalt Saalfeld eine Tochterfirma aufgebaut, in der auch ein Teil der Zeiss Objektivfertigung erfolgte (so zum Beispiel die Sucherobjektive der Rolleiflex). In den 50er und 60er Jahren wurden hier die OPREMA und der Nachfolger ZRA1 (Zeiss Rechenautomat auf Röhrenbasis) entwickelt und gefertigt. Spätestens seit Anfang der 60er Jahre – viel früher als ich das bislang vermutet habe – muß der gesamte Photoobjektivbau hier hin verlagert worden sein; Zitat:


"Längst sind die Fabrikationsgebäude in Jena zu klein geworden, es sind verschiedene Zweigwerke entstanden, so zum Beispiel eines in Saalfeld, in dem unter anderem die gesamte Fertigung der Fotoobjektive vor sich geht." [Krenz, Erich: Triumph der Fotografie, Leipzig/Jena/Berlin, 1963, S. 74.]


Im Laufe des Geschäftsjahres 1973 wurden nun in diesem Zweigwerk die Kapazitäten für die Fabrikation photographischer Objektive stark erweitert, um die oben angesprochene Bedarfsbefriedigung auf dem Inlandsmarkt sicherstellen zu können. [Vgl. Hellmuth/Mühlfriedel: Zeiss 1945-1990, S. 225f.]. Vergleichbares fand im Bereich der Feldstecher statt, deren Produktion an den Standort Eisfeld ausgelagert wurde, wo bislang die Werra fabriziert worden war. Sowohl bei den Feldstechern als auch den Photoobjektiven fand von nun an eine merkliche Ausweitung der hergestellten Mengen statt. Im "Thiele" kann man das daran ablesen, daß selbst komplizierte Zusatzobjektive wie die Flektogone 4/20 oder 4/50 in Produktionslosen von 1000, 2000 oder gar 5000 Stück gefertigt wurden, anstatt wie zuvor lediglich ein paar hundert.


Bei den Objektiven mit M42-Anschluß wurde diese Ausweitung der Produktionsziffern dadurch erleichtert, daß deren Fassungsaufbau in der zweiten Hälfte der 70er Jahre umkonstruiert, vereinfacht und vereinheitlicht wurde. Rationalisierung („Ratio“) lautete dafür das Schlagwort in der DDR. Die Fassungen waren nun so aufgebaut, daß das kameraseitige Anschlußstück zu einem vereinheitlichten Bauteil wurde, das vom Grundaufbau her allen Objektiven gemein war. Es wurde lediglich zwischen solchen mit Druckblende und solchen mit Druckblende und elektrischer Blendenwertübertragung unterschieden. Ob das Objektiv mit oder ohne Blendenelektrik ausgeliefert werden sollte, konnte nun also während der letzten Schritte der Endmontage entschieden werden. Außerdem war der Fassungsaufbau der MC-Objektive nun deutlich entfeinert, ließ sich also besser automatisiert fertigen und kam zudem mit deutlich weniger Kleinteilen aus. Letztere konnten außerdem teilweise aus Kunststoff hergestellt werden, ohne daß sich die Qualität oder Zuverlässigkeit des Objektives verschlechterte. Nur als man irgendwann in den 80er Jahren die Geradführungsnase von Aluminium auf Plastwerkstoff umstellte, kam es zu Schadensfällen. Zwar gab der Kunststoff der Geradführung quasi selbstschmierende Eigenschaften, aber die hochbelasteten Nasen brachen manchmal ab, wenn der Objektivkörper zum Beispiel beim Abschrauben eines festsitzenden Filters mit einem zu hohen Drehmoment belastet wurde.

Pancolar 1,8 Bowdenzug

Oben: In den späten 1960er Jahren hatte man bei einigen Zeissobjektiven diese Bowdenzug-Mechanik eingeführt, um den Springblendenmechanismus zu übertragen. Offenbar war das im Zuge der Einführung der extrasteilen Schneckengänge geschehen, wordurch man mit dem Pancolar 50mm jetzt bis auf 35cm ans Motiv herangehen konnte. Für diese Naheinstellung war ein Hub des Schneckenganges von 16mm notwendig. Dieser über solch große Wege hinweg bewegliche Blendenkörper mußte nun mit dem festen Objektivanschluß verbunden werden. Der lange Bowdenzug war dabei eine platzsparende Lösung. Leider benötigte sie aber auch viele Einzelteile und einen großen Montageaufwand. Im Zuge der Vereinfachung der Fassungsgestaltung wurde diese Bauweise in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre bei den meisten Objektiven wieder verlassen.


 

Unten: Die von Paul Klupsch, Ulrich Dreßler und Rudolf Paul entwickelte Springblendenmechanik über Bowdenzugbetätigung wurde abwechselnd bei etlichen Zeiss Jena-Objektiven während der 70er Jahre  eingesetzt. Die Erfindung Nr. DD73.237 wurde am 29. März 1968 beim DDR-Patentamt angemeldet.

DD73.237 Bowdenzugmechanik

Die im Text beschriebenen vereinheitlichten Anschlußstücke, die ab etwa 1976/77 die meisten vorherigen Lösungen mit Bowdenzügen oder Hebelschwingen ablösten. Sie unterschieden sich freilich in jeweils unterschiedlich gravierten Blendenringen, verschieden ausgeführten Streulichtuben und natürlich mußten auch die Übertragungselemente zwischen Anschlußstück  und Blendenkörper je nach Steilheit des Schneckenganges unterschiedlich lang sein. Letztere konnten nun übrigens kostensparend aus modernen Kunststoffen hergestellt werden. Im Gegensatz zu den vorigen Bowdenzügen stellte das alles eine nicht zu unterschätzende Vereinfachung und Vervollkommnung des Fassungsaufbaus dar.

Interessant ist auch die optische Umgestaltung der Fassungen, denn hier hat es einen Zwischenschritt gegeben. Ein Bericht zur Frühjahrsmesse 1975 in der „Fotografie“ zeigt das neue Flektogon 2,4/35 in einer Zebrafassung. Das stellte offenbar damals noch den vorherrschenden Standard bei Zeiss dar. Interessant ist aber, daß das auf derselben Messe vorgestellte Sonnar 3,5/135 (das nun mit elektrischer Blende lieferbar war) eine völlig schwarz lackierte Zebrafassung aufwies. Auch auf Werbebroschüren dieser Zeit sind Zeissobjektive mit schwarzlackierter Zebrafassung (betriebsintern „Flachnutenrändel“) neben den neuen Görlitzer Objektiven mit schwarzer Fassung und sogenanntem Kreuzrändel zu sehen. Zeiss zog hier also sukzessive nach und stellte auf die neue Farbgebung um. Zuerst wurde die bisherige Zebrafassung einiger Objektive einfach durch die neue Formgestaltung mit Kreuzrändel ersetzt, ohne daß sich der interne Aufbau änderte. Das heißt aber auch, es blieb hier vorerst bei der Übertragung der Blendenmechanik mit einem Bowdenzug. Erst in einem zweiten Schritt wurden die Fassungen der Objektive in der oben beschriebenen Weise umgestaltet und die Blende über eine Hebelmechanik betätigt. Dieser Umgestaltungsprozeß wurde durch zahlreiche Objektivneuerscheinungen zusätzlich vorangetrieben. Es sollte das letzte Mal sein, daß von Zeiss Jena in großem Stile neue Objektivkonstruktionen auf den Markt kamen.

Car Zeiss  Jena Sonnar 2,8/180mm

Die gestalterische Entwicklung, welche die Zeissobjektive während der 1970er Jahre durchlaufen haben, wird besonders gut beim Sonnar 180mm deutlich. Links sieht man die noch auf die 60er Jahre zurückgehende sog. Zebrafassung. Dann hat man, offenbar um das einheitliche Erscheinungsbild mit den Görlitzer Objektiven zu wahren, ziemlich rasch und ohne sonstige Veränderung der Fassung auf die schwarze Kreuzrändelung umgestellt. Beim mittleren Sonnar vom Januar 1976 handelt sich nämlich quasi nur um die Zebravariante mit neuem Bedienungsrändel. Es hat nach wie vor die einschichtige Vergütung und arbeitet auch noch mit der alten Blendenmechanik und deren Öffnungskorrektur bei Nahaufnahmen. Erst die kantigere Version ganz rechts war dann MC-vergütet und bekam eine Schnittstelle verpaßt, mit der die Stellung des Blendenringes  an einen M42-Adapter mit elektrischer Blendensimulation weitergegeben werden konnte. Letzteres Merkmal war wichtig für das neue Spitzenmodell Praktica EE2, weil hier die Blendenelektrik gebraucht wurde, um die neu eingeführte, schnelle Zeitautomatik auch wirklich ausnutzen zu können. 


Und eins noch: Während oben die Rede war, daß mit Umstellung von der Zebragestaltung auf die neuen schwarzen Fassungen die bislang üblichen Bowdenzüge wegfielen, dann verhielt sich das beim Olympiasonnar eigentümlicherweise genau umgekehrt. Mit der MC-Variante wurde hier nämlich ein Bowdenzug neu eingeführt, dessen mechanischer Aufwand bei den kürzeren Brennweiten gerade eingespart worden war. Meinem Eindruck nach war das deshalb notwendig, um ausreichende Bewegungsfreiheit für den Mitnehmer der o.g. Blendenwertübertragung zu erlangen. Dasselbe geschah nämlich auch beim neuen 300er Sonnar, das ebenfalls eine solche Blendenübertragung integriert bekam.

Sonnar 180 Bowdenzug

Die besagte Blendenübertragung mithilfe einer Objektiv-Adapter-Kombination ist oben noch einmal im Detail gezeigt. Die Kupplungsstellen zwischen Objektivblende und Adapter-Potentiometer liegen jeweils  auf etwa der 10-Uhr-Position.


Unten die Einzelkomponenten eines solchen Jena Sonnars 2,8/180 mm

Jena Sonnar 180mm Einzelteile

Bei aller Begeisterung, die ich oben über den modernen Fassungsaufbau der neuen Generation an Zeiss-Objektiven habe anklingen lassen, so gibt es dennoch eine gewisse Schattenseite zu vermerken: Durch die starke Rationalisierung, die ihren Ausdruck hauptsächlich in einer drastischen Reduktion von Einzelteilen sowie gleichzeitig deren "Entfeinerung" gefunden hat, sind die Jenaer M42-Objektive mit den neuen schwarzen Fassungen sehr anfällig gegenüber Verschmutzungen des Schneckenganges. Das liegt daran, daß das Innengewinde der mehrgängigen Fokussierhelix nun direkt in die Innenseite des Meterringes geschnitten wurde und dadurch keine nennenswerte Kapselung vorhanden ist. Staub und Fussel, die mit der Zeit rings um das Filtergewinde herum in den Spalt hineingelangen, setzen sich nach und nach im Schmiermittel des Schneckenganges fest, sodaß es hier rasch zum Kratzen und zur Schwergängigkeit kommt. Die Reinigung und das neue Abschmieren stellen zwar eine Standardreparatur dar, die bei geschickter Ausführung sogar ohne einen Neuabgleich des Fokusmaßes auskommt; ein erneutes Verschmutzen wird dadurch aber leider nicht ausgeschlossen. Aus meiner Werkstattpraxis heraus muß ich sogar konstatieren, daß bereits ein einziger Urlaub in einem Wüstengebiet oder an der See eine ernsthafte Verunreinigung des Schneckenganges mit Sandkörnern nach sich ziehen kann. Sollte dies geschehen sein, ist das betroffene Objektiv sofort außer Betrieb zu setzen. Denn ist der präzise geschliffene Schneckangang erst einmal durch Sand verschrammt, dann können später auch die besten Schmiermittel nicht mehr bewirken, daß das Objektiv jemals wieder "butterweich" läuft.

MC Sonnar 3,5/135mm

Dieses Objektiv wurde 1975 zusammen mit dem Flektogon 2,4/35mm vorgestellt. Wirklich neu war es freilich nicht. Die Konstruktion stammt aus dem Jahr 1965. Nur die Mehrschichtvergütung und die Fassung mit Blendenelektrik waren hinzugekommen. Dieser Vierlinser wurde seit Anfang der 30er Jahre gebaut und blieb bis kurz vor der Wende im Programm. Er wurde in sehr großen Stückzahlen gefertigt und ist ein sehr empfehlenswertes Fernobjektiv. Mit 237,- Mark war er in der M42-Variante zudem amateurgerecht preiswert.


Das traf allerdings nicht für das Prakticar zu, das mit 470,- Mark doppelt so teuer ausfiel. Das ist ein gutes Beispiel für die zunehmenden Widersprüche innerhalb der Zentralverwaltungswirtschaft der DDR. Aus politisch-ideologischen Gründen waren sukzessive Verteuerungen von Konsumgüterprodukten, Mieten, Lebensmitteln usw. verpönt. So kam es vor, daß manche Produkte wie Grundnahrungsmittel über die gesamte Existenz der DDR hinweg denselben Preis behielten und damit 40 Jahre Preisentwicklung auf dem Weltmarkt an ihnen vorbeiging. Solche Produkte waren am Ende eine hochsubventionierte Last für den Staat und ein gewichtiger Grund für seinen ökonomischen Niedergang. Bei den Konsumgüterprodukten konnte die Industrie die notwendigen Preissteigerungen nur dann durchsetzen, wenn sie eine „Gebrauchswerterhöhung“ nachweisen konnte. Hierbei handelte es sich um einen typischen DDR-Begriff. Eigentlich suggeriert er etwas positives – die Erhöhung des Gebrauchswertes eben. Für den DDR-Bürger entwickelte er sich allerdings rasch zum Signalwort für verdeckte Preissteigerungen – und damit für den Verfall seiner DDR-Mark. Wie groß das Ausmaß der tatsächlichen Inflation in der DDR war, läßt sich also nur auf Umwegen ablesen – zum Beispiel eben an einem solchen Objektiv. Mit dem Einbau des vierlinsigen Sonnars in eine Fassung mit Bajonettanschluß konnte der Hersteller 15 Jahre  später dessen Preis endlich auf ein Niveau anheben, bei dem sich die Produktion wieder rentierte. Und dazu mußte jener eben tatsächlich verdoppelt werden.

Sonnar 135
Prakticar 3,5/135
MC Sonnar 135

Links wieder die besagte Zwischenversion, schon mit schwarzer Kreuzrändelfassung aber noch der alten Blendenmechanik mit Bowdenzug. Rechts die Praktica-B-Variante.


Anhand des des MC Sonnars 3,5/135 mm kann man auch noch einmal eine detailierte Darstellung des Wandels der Blendenmechanik in den Jahren 1976/77 verdeutlichen. Das linke Objektiv hat die Seriennummer 9.952.307 und stammt vom September 1975. Das dürfte die erste Serie des Sonnars in schwarzer Fassung gewesen sein. Das rechte Objektiv gehört mit der Nummer 11.009.768 zu den wenigen tausend Objektiven, die eine Seriennummer über 11 Millionen besitzen. Schon beim nächsten Produktionslos fand dann ab 1980 die neue Zählweise Anwendung, bei der jeder Objektivtyp einzeln erfaßt wurde.

Anhand der Vergleichsaufnahmen der Grundkörper (oben) und der Anschluß-Rückteile (unten) eines "alten und neuen" Sonnars möchte ich also noch einmal die wesentlichen Umänderungen bei der Neukonstruktion der Fassung darstellen, die etwa um 1976/77 zu verorten sein wird. Man erkennt, daß im Objektiv oben rechts viel weniger Mechanik drin steckt. Zwar ist dadurch das hintere Anschlußstück vollgestopfter, allerdings handelt es sich hier um eine deutlich weniger komplexe Hebelübertragung, die auf einfache Weise montiert und abschließend VON AUSSEN justiert werden konnte. Die wesentlichen Teile bestehen nun übrigens aus Kunststoff-Spritzguß, was für große Massenproduktion stets sehr vorteilhaft ist. Die besagten Anschlußstücke stellten außerdem mitsamt dem Blendenring eine Einheit dar und ließen sich abgekoppelt von der Endmontage des Objektivs vorfertigen. Sie brauchten anschließend nur noch mit dem Objektivgrundkörper "verhochzeitet" werden.

Sonnar 2,8/200 mm

Das bewährte Sonnar 2,8/180mm war seit Mitte der 60er Jahre mit einem Zwischenstück erhältlich, mit dem man es an M42-Kameras verwenden konnte. Das Objektiv bot dann eine Halbautomatische Springblende, wie sie seit den 50er Jahren bekannt war; das heißt die Blende mußte von Hand geöffnet werden, sprang aber bei Auslösung des Verschlusses selbsttätig auf den Arbeitswert. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre wurde das Olympiasonnar sogar auf MC-Vergütung umgestellt. Der Wert dieses effektiveren Antireflexbelages ist bei diesem Objektiv freilich begrenzt, denn es hat ja lediglich sechs Glasluftflächen. Aber es ging halt mit der Zeit. Dazu zählte auch, daß es eine neue, schwarze Fassung bekam und im Zuge dessen eine mechanische Übertragung zwischen Wechseladapter und Blendenring eingeführt wurde. Über diese Mechanik wurde ein Potentiometer innerhalb des M42-Adapters bewegt, das die elektrische Offenblendenmessung ermöglichte. Für Kameras wie die Praktica PLC2, VLC2 oder EE2 war das eine sehr gute, wenn auch ein wenig voluminöse und schwere Lösung. Das Olympiasonnar ist halt einfach ein großer Brocken.


Für Kameras mit Arbeitsblendenmessung, wie die LTL, MTL oder DTL, war diese Lösung mit der Halbautomatischen Springblende allerdings äußerst unbefreidigend. Denn jedesmal, wenn man die Meßtaste betätigte, um die Belichtung zu prüfen, sprang die Blende zu und blieb daraufhin geschlossen. Weil man zum Scharstellen – zumal bei einem solch langbrennweitigen Objektiv – aber unbedingt eine offene Blende benötigt, war man ständig damit beschäftigt, abwechselnd die Meßtaste und den Blendenöffnungshebel zu betätigen, um nach der Belichtungsmessung wieder ein helles Sucherbild zu erhalten. Das war vollkommen unpraktisch.

Aus diesen beiden Gründen, weil das Sonnar 180mm groß und schwer war und keine Vollautomatische Druckblende zuließ, entwickelte man im April 1977 ein neues Sonnar 2,8/200mm, das trotz der längeren Brennweite kleiner und leichter ausfiel als das Olympiasonnar. Außerdem war es dafür eingerichtet, dieselben kameraseitigen Anschlußstücke zu verwenden, wie die anderen MC-Objektive in schwarzer Fassung. Es stand nun also eine vollwertige Blendenautomatik zur Verfügung die jeweils mit oder ohne Blendenelektrik angeboten werden konnte. Außerdem ist das Sonnar 2,8/200 an der Kleinbildkamera das bessere Objektiv, weil es exklusiv auf das Bildfeld des Kleinbildformates korrigiert ist. Es handelt sich einfach um die modernere Konstruktion. Das kam natürlich auch im Preis zur Geltung: 825,- Mark kostete es gegenüber der M42-Variante des 180ers mit 734,80 Mark.


Es nennt sich zwar „Sonnar“, ist aber keins. Statt einer Tripletvariante ist diese Neukonstruktion nämlich ein echter Teletyp. Etwa 16.000 Stück wurden bis zum Frühjahr 1989 hergestellt. Damit zählt es zu den eher selteneren Zeissobjektiven. Nichtsdestoweniger muß das Sonnar 2,8/200 als eine der letzten Neukonstruktionen von Carl Zeiss Jena bezeichnet werden, die überhaupt noch in Großserie produziert worden sind.


Sonnar 2,8/200mm
Sonnar 2,8/200 scheme

MC Sonnar 4/300

Das im Juli 1974 neuberechnete 300er Sonnar kam ein reichliches Jahr später in die Produktion, als in Saalfeld die Anlagen zur Mehrschichtvergütung der Glasoberflächen zur Verfügung standen. Es wurde bereits in der Auflistung der 1950er Jahre beschrieben. Um es noch mal kurz zusammenzufassen: Die Vorgängerversionen, die echte Sonnare gewesen sind, wiesen daher auch die für diesen Objektivtyp charakteristischen dicken Linsen im mittleren Objektivteil auf. Das machte das bisherige Sonnar sehr schwergewichtig und war sicherlich auch was die Herstellung betrifft nicht gerade billig. Dieses neue "Sonnar 4/300" gehörte nun freilich in die Gruppe der Teleobjektive. Die deutlich dünneren Linsen sorgten für eine ganz erhebliche Gewichtsreduzierung. Auch lassen sich flache Krümmungen der Glasoberflächen viel besser mehrschichtvergüten. Das MC Sonnar 4/300 kann man zwar als deutlich moderneres Objektiv bezeichnen; ein Zugewinn an Bildleistung war damit allerdings nicht verbunden. Eher im Gegenteil. Das liegt aber nicht daran, weil das MC Sonnar ein schlechtes Objektiv ist, sondern weil die vorige Zebra-Version so hervorragend korrigiert war. Im Abschnitt Objektivtests habe ich die Abbildungsleistungen eingehend miteinander verglichen.


Heute ist das 300er Sonnar eigentlich nur noch als Zusatzobjektiv zur Pentacon Six empfehlenswert. Es war zwar über ein Adaptersystem dezidiert auch für die Praktica vorgesehen, aber ohne Autofokus und Bildstabilisation sind solche langen Brennweiten nur schwer mit Erfolg einzusetzen. An der Mittelformatkamera hat das 300er aber eine Bildwirkung wie ein Kleinbildobjektiv mit etwa 165mm Brennweite – also eigentlich noch eine schöne Portraitbrennweite. Aber auch hier ist wenigstens ein Einbeinstativ empfehlenswert, das bequem am objektveigenen Sockel befestigt werden kann.


Mit einer Stückzahl von 13.200 Objektiven ist das MC-Sonnar nicht unbedingt ein seltenes Teleobjektiv, zumal es mit dem Pentacon 4/300 stets einen leistungsmäig vergleichbaren Konkurrenten hatte, bei dem allerdings auf eine Springblendenautomatik verzichtet werden mußte. Dafür lag der Endverbraucherpreis aber auch bei happigen 849,- Mark – über 300 Mark mehr als das Pentacon-Objektiv.

MC Sonnar 4/300mm

Ein interessantes Detail möchte ich noch ergänzen. Nachdem mir unser Leser Andreas Poschinger mitgeteilt hatte, daß es auch vom 300er Sonnar eine solche "Übergangsvariante" gibt, stellte sich heraus, daß das alte und das neue Sonnar eine kurze Zeit lang parallel zueinander gefertigt wurden. Offensichtlich war es so, daß im Oktober 1975 das bisherige Zebra-Sonnar 4/300 (Rechnung vom 19. August 1963) nunmehr mit einer schwarzen Fassung versehen wurde. Wenn die Übertragung aus den Zeiss-Karteikarten durch Herrn Thiele fehlerfrei ist, so sind aber bereits im August 1975 200 Exemplare des neuen MC-Sonnars 4/300 (Rechnung vom 11. Juli 1974) gefertigt worden. Erstens würde dies bedeuten, daß das Sonnar neben dem Flektogon 2,4/35 mm die ersten MC-Objektive bei Zeiss gewesen sind. Diese dreischichtige Entspiegelung stand also offenbar ab diesem Zeitpunkt zur Verfügung. Zweitens: Nachdem dann im Januar 1976 weitere 500 Exemplare des MC-Sonnars gefertigt worden waren, folgten im August verblüffenderweise noch einmal 500 Exemplare des alten Sonnars – also des echten Sonnartyps mit den schweren Linsen, nur eben nicht mehr in einer Zebrafassung, sondern in einer schwarzen mit Kreuzrändel. Ein wenig sonderbar das Ganze.


Wieso das so war, darüber läßt sich natürlich wieder nur spekulieren. Ich kann mir aber vorstellen, daß noch Linsensätze des alten Sonnars vorhanden waren, die nach und nach gefaßt und montiert wurden. Es war wohl üblich, Glasmaterial von Wechselobjektiven (die ja nicht von den Kameraherstellern in Auftrag gegeben wurden, wie die Normalobjektive) "vorzuproduzieren" und dann je nach Nachfrage in Fassungen einzubauen. Der Bedarf am neuen MC-Sonnar war aber offenbar vorrangig, denn dessen neue Fassung war ja auf die Übertragung der Blendenelektrik ausgelegt, wie sie oben beim 180er Sonnar beschrieben wurde. Diese Blendenelektrik wurde nun dringend für die Familie der Prakticas mit Offenblendenmessung gebraucht. Denken wir auch an die in den Startlöchern stehende Praktica EE2, deren Zeitautomatik ohne Blendenübertragung wenig sinnreich gewesen wäre. Das alte Sonnar, das lediglich in eine schwarze Fassung gesteckt wurde, hatte nämlich genau diese Übertragungsmechanik nicht. Die Blendenelektrik blieb dem MC-Sonnar vorbehalten.

Jena MC Biometar 80 mm

An mehreren Stellen auf dieser Seite habe ich die Frage aufgeworfen, welche Objektive wohl die ersten gewesen sein mögen, die mit einer Mehrfachvergütung versehen worden sind. Offiziell war dies das neue Flektogon 2,4/35; so zumindest suggerieren es entsprechende zeitgenössische Veröffentlichungen in der Fachpresse. Aber diese beziehen sich offenbar allein auf Neuerscheinungen. Laufende Serien wurden anscheinend schon viel früher auf MC-Vergütung umgestellt. Die Seriennummer dieses MC Biometars 2,8/80 mm würde diese Umstellung bereits auf den Jahreswechsel 1973/74 (!) verorten. Leider ist im Thiele nur selten angegeben, ob der neue T3-Belag verwendet wurde, weshalb man immer nur anhand auftauchender Objektive Datierungen vornehmen kann. Dieses Biometar ist jedenfalls das früheste MC-Objektiv, das mir bislang untergekommen ist.


Wie bei vielen anderen frühen Jenaer MC-Objektiven, ist auch die Fassung dieses Biometars noch etwas anders gestaltet, als bei den späteren MC-Biometaren. Unten sieht man eine Überblendung vom besagten Exemplar aus der ersten Serie der MC-Biometare (etwa Jahresanfang 1974) und einem Exemplar aus der letzten Serie (Herbst 1989).

Marco Kröger 2016


letzte Änderung: 3. Januar 2022