Retrofokus

Retrofokus

Ein Blick in die frühe Entwicklungsgeschichte dieser speziellen Bauart des Weitwinkelobjektives

Retrofocus lenses

1. Wozu überhaupt Retrofokus?

Nach dem Zweiten Weltkrieg, der die Weiterentwicklung der Phototechnik und ihrer Herstellerbetriebe massiv gestört hatte, verbreitete sich von Deutschland ausgehend der Typus der Einäugigen Kleinbild-Spiegelreflexkamera nun um so vehementer. Verständlicherweise kam recht bald der Wunsch auf, mit diesen technisch hochentwickelten Kameras auch Weitwinkelaufnahmen anfertigen zu können, so wie man es von den Kleinbild-Sucherkameras des Typs Leica bereits seit den 30er Jahren gewohnt war. Dabei stellte sich aber gerade der namensgebende Reflexspiegel als Hemmnis in den Weg, denn dieser benötigte stets einen ausreichend großen Bewegungsspielraum hinter der Rücklinse des Objektivs, um ungehindert hochklappen zu können. Diesen Abstand zur Bildebene bezeichnet der Fachmann als Schnittweite.

single lens reflex retrofocus

Es ist unschwer einzusehen, weshalb kurzbrennweitige Objektive nach einer besonderen Bauform verlangen, um mit dem Funktionsprinzip einer Spiegelreflexkamera sprichwörtlich nicht in Kollission zu geraten. Der Schwenkbereich des Spiegels (blau) muß bei den allermeisten Modellen freigehalten werden, um die Funktion des Gerätes überhaupt zu gewährleisten, denn nur die wenigsten gestatten ein Arbeiten mit hochgeklapptem Spiegel.

In etwa zur selben Zeit brachten zudem die Kamerahersteller vermehrt Modelle von Sucherkameras mit Wechselobjektiven heraus, bei denen der Zentralverschluß zwischen Objektiv und Kameragehäuse angeordnet war. Da also die Objektive als komplette Einheit vor den Verschluß gesetzt wurden, verlangte diese Bauweise nach ähnlich langen Lufträumen zwischen Objektiv-Rücklinse und Filmebene, wie bei den Spiegelreflexkameras. Die Kamerahersteller konfrontierten daher Anfang der 1950er Jahre ihre Objektivzulieferfirmen mit der Forderung nach speziellen Weitwinkelobjektiven, die trotz der kurzen Brennweite eine ausreichend lange Schnittweite bieten mußten. Die sich angesichts dieser Aufgabenstellung auftürmenden optischen Klippen haben die Objektivhersteller vor große Schwierigkeiten gestellt und den Konstrukteuren abverlangt, völlig neue Lösungsansätze auszuloten.

viewfinder camera retrofocus

Schlitzverschlüsse mit einem breiten Verschlußzeitenbereich waren sehr aufwendig. Die Konstrukteure kamen daher auf die Idee, für gehobene Amateur-Sucherkameras die Wechselobjektive (grün) VOR einen FEST EINGEBAUTEN Zentralverschluß (rot) zu setzen. Dieser war zuverlässig und aufgrund der Massenherstellung vergleichsweise preiswert. Das Problem lag aber darin, daß dieser Zentralverschluß in einem ausreichend großen Abstand vor der Bildebene placiert werden mußte, damit der Lichtfluß (blau) nicht künstlich abgeschnitten wurde. Bei einem Verschluß der Baugröße 0 beträgt der freie Durchlaß nur 24 mm, bei einem Modell der Baugröße 00 gar nur 17,8 mm. Das sind jeweils nur Bruchteile der Diagonale des Kleinbildformates. Durch die weit vorgerückten Verschlußsektoren ergaben sich bei dieser Kamerabauart im Hinblick auf kurzbrennweitige Objektive quasi dieselben Schwierigkeiten wie bei den Spiegelreflexkameras .

US1910492 Mellor Retrofocus 1931

Dabei war diese Problemstellung, daß hinter dem Objektiv nicht genügend freier Luftraum für die mechanischen Anforderungen des Kamerasystems vorhanden ist, an sich gar nicht neu. Ein Beispiel dafür war die frühe Farb-Kinématographie, die nach einem Farb-Auszugsverfahren arbeite, bei dem die Farbinformation des Motivs auf zwei oder drei Grundfarben aufgesplittet und anschließend auf ebensovielen getrennten Schwarzweißfilmen aufgezeichnet wurde. Filmkameras, die für dieses komplizierte Verfahren geeignet sein sollten, brauchten einen großen Freiraum hinter dem letzten Linsenscheitel, um zwischen Objektiv und Film die für die Farbauszüge nötigen Strahlenteilerprismen unterbringen zu können. Im oben gezeigten US-Patent Nr. 1.910.492 aus dem Jahre 1931, das auch wirklich für die Technicolor-Gesellschaft praktisch ausgeführt und eingesetzt wurde, hatte Lewis L. Mellor zwei zerstreuend wirkende Achromate vor ein lichtstarkes Grundobjektiv vom Gaußtyp gesetzt. Der Abstand dieser stark negativen Komponente lag dabei in der Größenordnung der objektseitigen Brennweite dieses Grundobjektivs, wodurch sich die Äquivalentbrennweite des Gesamtsystems kaum veränderte, die bildseitige Schnittweite im Vergleich dazu jedoch stark verlängert wurde.

Retrofokus-Prinzip 1

Damit war bereits zu jener Zeit eine der beiden grundlegenden Lösungsmöglichkeiten für ein Retrofokus-Objektiv praktisch umgesetzt worden: Durch die in den Bereich der dingseitigen Brennebene F des Grundobjektivs gesetzte Zerstreuungslinse verschiebt sich die bildseitige Hauptebene H', von der ab die bildseitige Brennweite f' bemessen wird, weit in Richtung der Bildebene. Um genau diesen Betrag Δs' verlängert sich dadurch die bildseitige Schnittweite s', was ermöglicht, das gesamte Objektiv um ebendiese Entfernung von der Bildebene wegzurücken. Auf diese Weise war die gewünschte Vergrößerung des Lufraumes zwischen Objektiv und Filmebene erzielt worden. Nichts anderes als diese künstliche Rückverlegung des Brennpunktes bedeutet der von Pierre Angénieux gewählte Begriff "Retrofocus".


In der älteren Fachliteratur und in Patentschriften ist alternativ zum Begriff Retrofokus auch oftmals von einem System "nach der Bauart des umgekehrten Teleobjektivs" die Rede, was darauf hindeutet, daß viele Optiker dieses Funktionsprinzip der manipulierten Schnittweite aus dem seit dem späten 19. Jahrhundert bekannten echten Teleobjektiv abgeleitet ansahen, wo der oben beschriebene Effekt quasi im umgekehrten Sinne erzielt wird. Das sollte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß mit der immer stärkeren Aufweitung des Bildwinkels Retrofokusobjektive rasch eine völlig eigene Objektivbauform bildeten. Diese Formulierung mit dem umgekehrten Telesystem wurde oftmals auch nur deshalb verwendet, um gezielt den Ausdruck Retrofokus zu vermeiden. Es bringt immer Probleme mit sich, wenn sich ein ursprünglicher Markenname im Laufe der Zeit zum Gattungsbegriff wandelt.

US1955590 Lee Retrofocus

Anfang der 1930er Jahre scheint zunächst jener Gesichtspunkt der verlängerten Schnittweite im Vordergrund gestanden zu haben nicht jedoch eine gleichzeitige Weitwinkelwirkung. Die Brennweite des Retrofokus-Objektivs Mellors war mit 52 Millimetern in Anbetracht des Kino-Aufnahmeformates 18x24 mm noch ausgesprochen lang. Auch Horace William Lees im US-Patent Nr. 1.955.590 vom Oktober 1930 geschütztes Retrofokus (oben) hatte nur einen normalen Bildwinkel von 50 Grad. Der heute mit einer Retrofokus-Konstruktion so eng verknüpfte Aspekt, daß die stark verlängerte Schnittweite noch zusätzlich mit einem möglichst großen Bildwinkel einhergehen soll, der kristallisierte sich erst im Laufe der folgenden Jahre mit der Weiterentwicklung insbesondere der Schmalfilm- und Kleinbildkameras heraus.

US2341385 Kingslake Retrofokus

Als eine der ersten Konstruktionen, die ausdrücklich eine verlängerte Schnittweite mit einem deutlich aufgeweiteten Bildwinkel verband, muß das US-Patent Nr. 2.341.385 vom 6. November 1941 genannt werden, das Rudolf Kingslake und Paul W. Stevens für Kodak erarbeitet hatten. Dieses frühe Retrofokus-Weitwinkel, das wahrscheinlich für eine 8-mm-Schmalfilmkamera gedacht war, erreichte bei einer Lichtstärke von 1:3,5 einen Bildwinkel von mehr als 60 Grad.

Retrofokus-Prinzip 2. Typ

Es gibt aber noch eine zweite Möglichkeit, ein Objektiv mit einer gegenüber der Brennweite stark verlängerten Schnittweite zu konstruieren. Dazu gibt man dem Grundobjektiv eine Brennweite, die lang genug ist, daß auch die Schnittweite ausreichend lang wird. Diesem nun viel zu langbrennweitigen Grundobjektiv wird jedoch ein verkleinernd wirkender Vorsatz nach der Art des umgekehrten Galilei'schen Fernrohres vorgesetzt, um die Kombination insgesamt wieder zu einem Weitwinkel werden zu lassen [Vgl. Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; in: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002, S. 110f]. Dieser Vorsatz führt nämlich dazu, daß lediglich die Äquivalentbrennweite des Gesamtsystems um den Betrag Δf' verkürzt wird, die lange Schnittweite des Grundobjektivs aber in ihrer Größe unangetastet bleibt.

US1934561 Rayton Retrofocus

Diesen Weg hatte erstmals Wilbur. B. Rayton mit seinem am 10. März 1932 für die Firma Bausch & Lomb angemeldeten US-Patent Nr. 1.934.561 beschritten. Er setzte einem Grundobjektiv A von 32 mm Brennweite einen brennweitenlosen Vorsatz B vor, der aus den Linsen D und C gebildet wurde, und erhielt daraufhin ein Weitwinkelobjektiv von 25 mm Gesamtbrennweite. Die Lichtstärke veränderte sich hingegen nur unmaßgeblich.


Damit könnte man den Eindruck gewinnen, bereits in den 30er Jahren wäre diese Retrofokus-Bauweise eines Objektives weitgehend ausgelotet gewesen. Doch es sollte sich bald zeigen, daß derart asymmetrische Objektivaufbauten die Konstrukteure vor große Schwierigkeiten in Bezug auf das Auskorrigieren der Bildfehler stellte. Derartige Weitwinkelobjektive waren regelrechtes Terra incognita und jede Objektivbauanstalt mußte anfangs ihren eigenen Zugang zu den lediglich prinzipiell bekannten Lösungsmöglichkeiten finden. Entsprechend umfangreich fällt auch die diesbezügliche Patentliteratur der 50er und 60er Jahre aus.

Leitz Elmarit 2,8/24 mm

Zum Abschluß dieser knappen Einleitung ist oben beispielhaft das Schnittbild eines mit dem Erscheinungsjahr 1974 deutlich späteren, bereits sehr hoch entwickelten Retrofokus-Weitwinkelobjektives Leitz Elmarit-R 2,8/24 mm gezeigt, bei dem die bereits angesprochenen Merkmale noch einmal zum Ausdruck kommen. Gut zu sehen die weit hinter das optische System verlagerte bildseitige Hauptebene H'. Auf diese Weise konnte trotz der kurzen Brennweite der bei Kleinbildspiegelreflexkameras nötige Luftraum von etwa 37 mm eingehalten werden. Dazu war im vorderen Systemteil eine stark zerstreuende Komponente notwendig, die aus Gründen der Bildfehlerbeherrschung auf zwei einzelne negative Menisken aufgeteilt werden mußte. Nicht im Bild zu sehen ist, daß dieses ursprünglich von Minolta entwickelte Objektiv einen automatischen Korrektionsausgleich besitzt, der vorgesehen werden mußte, um das hohe Maß an Bildleistung dieses Spitzenobjektives auch im Nahbereich aufrecht zu erhalten (mehr dazu im Abschnitt 7 und im Abschnitt 8). Nach etwas mehr als zwei Jahrzehnten teils stürmischer Entwicklungsarbeit hatten damit die Retrofokus-Weitwinkel bereits Anfang der 70er Jahre einen technischen Stand erreicht, der die Grenzen des Machbaren auslotete und den sich die Pioniere der 30er und 40er Jahre so nicht erträumt hatten.

2. Lithagon und Ennalyt: Retrofokus-Pioniere aus München

Hans Lautenbacher ist heute leider ein vergessener Objektivkonstrukteur. Dabei gehört er neben Kollegen wie Rudolf Solisch, Hubert Ulbrich, Günter Klemt, Walter Wöltche und Günther Lange zur ersten Generation deutscher Objektivkonstrukteure, die nach dem Zweiten Weltkrieg im schwierigen Metier der Retrofokus-Weitwinkelobjektive erste Lösungen erarbeiten konnten.

Enna Lithagon 4,5/35 mm

Denn die Marktposition einer Weltfirma steht und fällt mit ihrem Fachpersonal. Der Optikkonstrukteur ist für eine Objektivbauanstalt in etwa das, was der Emulsionär für eine Filmfabrik ist. Eine Mischung aus einem über lange Zeit hinweg erworbenen Erfahrungswissen und immer wieder frisch aufkeimenden Konstruktonsideen war die Grundlage für zeitgemäße Objektive. So auch bei den Enna-Werken. Hans Lautenbacher kam offenbar 1953 vom Agfa Kamerawerk, wo er zusammen mit Theodor Brendel das Color-Solinar geschaffen hatte, zur Optischen Anstalt des Werner Appelt in München. Hier sorgte er binnen kurzer Zeit für einen beachtlichen Technologieschub für das kleine Werk.

DE1667235U Lithagon 4,5/35 mm

Dabei war der Ausgangspunkt für die Entwicklung dieser Retrofokus-Technologie der einfachst mögliche: Einem als unverkittetes Triplet aufgebauten Grundobjektiv wurde ein zerstreuender Meniskus vorgesetzt. Aufgrund der beschränkten Lichtstärke und einer geschickten Abstufung der Dispersionzahlen der eingesetzten Gläser erreichte dieses erste Lithagon 4,5/35 mm eine erstaunlich gute Bildleistung. Im gesamten sichtbaren Lichtwellenbereich zwischen 434 und 656 Nanometer konnte eine chromatische sowie eine sphärische, komatische und astigmatische Korrektur gewährleistet werden. Wie man aus dem Deutschen Bundesgebrauchsmuster Nr. 1.667.235 vom September 1953 herauslesen kann, beruhte dieser Erfolg auch darauf, daß für die Linse Nummer 2 hochbrechendes Lanthan-Flint LAF3 zum Einsatz kam. Auf der gleichen Basis wurde anschließend ein Lithagon 3,5/35 mm entwickelt, doch war damit der Ansatz mit einem einfachen Triplet als Grundobjektiv bereits überreizt.

Das mit seinen vier Linsen recht simpel aufgebaute Lithagon 3,5/35 mm an einer King Regula automatic, eine Meßsucherkamera mit Hinterlinsen-Zentralverschluß. Bild: Morinaka.

Enna Lithagon 2,8/35 mm

Um den Verlust an Bildleistung wieder einzufangen und gleichzeitig neues Potential für eine weitere Steigerung der Lichtstärke zu schaffen, entwickelte Hans Lautenbacher mit seinem Bundespatent Nr. 1.102.435 vom 19. Februar 1955 ein deutlich komplexer aufgebautes Retrofokus-Weitwinkel. Nicht nur daß das Grundobjektiv nun als Tessartyp aufgebaut wurde, sondern eine zusätzlich zwischen diesem Grundobjektiv und dem Vorsatzmeniskus eingefügte Sammellinse sorgte dafür, daß der große Luftabstand verkürzt und damit insbesondere die für Farbaufnahmen problematische Vignettierung verringert werden konnte. Das nach diesem Patent aufgebaute Lithagon 2,8/35 mm blieb für viele Jahre im Angebot der Enna-Werke größere Stückzahlen wurden aber offenbar nicht erreicht. Das wird unter anderem daran gelegen haben, daß die oben bereits angesprochene Linse L2 aus dem hochbrechenden Lanthanflintglas LAF2 bestand. Auch für die anderen Linsen des Grundobjektives fanden ausgesprochen schwere Kron- und Flintgläser Verwendung (L3: Schwerstkron SSK10, L6: Lanthan-Kron LAK9), die ein solches Objektiv auch für den Hersteller rasch aufwendig und teuer werden ließen.

DE1062028 Lithagon 2,8-35mm
Gina Lollobrigida Edixa Enna Lithagon

Gina Lollobrigida bei Werbeaufnahmen mit einer Edixa und dem Enna Lithagon 2,8/35. Bild: Ivo Bulanda

Ultra-Lithagon 3,5/28 mm

Genau ein Jahr später am 13. Februar 1956 folgte das nächste Patent Nr. DE1.100.313, mit dem Lautenbacher einen zweigleisigen Ansatz einschlug: Eine Erhöhung des Bildwinkels und damit eine weitere Verkürzung der Brennweite verlangte, daß die bildseitige Schnittweite entsprechend prozentual verlängert werden mußte. Lautenbacher hatte dazu zwischen der frontseitigen Zerstreuungslinse und dem Systemhaupteil ein Element eingefügt, das dem Frontteil seine konkave Seite zuwendet. Neben der Verlängerung der Schnittweite erleichterte diese dünne Sammellinse auch die astigmatische Ebnung des Objektives und verringerte zudem den Helligkeitsabfall zum Bildrand hin. Diese Neuerung war zum einen die Grundlage für das Ultra-Lithagon 3,5/28 mm, mit dem es Lautenbacher gelang, den Bildwinkel auf 75 Grad auszudehnen und die Schnittweite auf 126 Prozent der Brennweite zu verlängern.

DE1100313 Super-Lithagon 2,5/35

Lautenbacher gibt in dem oben genannten Patent aber auch noch ein zweites Ausführungsbeispiel seiner Erfindung an. Bei einer Beschränkung des Bildwinkels auf etwa 65 Grad konnte die Objektivöffnung weiter angehoben werden: Basierend auf demselben Grundaufbau entwickelte er das Super-Lithagon 2,5/35 mm, das für die damalige Zeit als ausgesprochen lichtstark bezeichnet werden muß. Im Gegensatz zur Version mit 28 mm Brennweite kam bei diesem Objektiv wieder schweres Lanthan-Kronglas in der Linse Nummer 3 zur Anwendung.

Enna Super-Lithagon 2,5/35mm

Doch damit noch nicht genug für Herrn Lautenbacher. Im September 1958 ließ er sich sogar eine Linsenanordnung patentieren, mit der er ein Retrofokus-Weitwinkel schuf, das in der Lichtstärke zu dem aufschließen konnte, was die damals üblichen Normalobjektive leisteten [DBP Nr. 1.102.435]. Das Super-Lithagon 1,9/35 mm mit seinen vielen einzeln stehenden Linsen aus niedrig dispergierenden Gläsern war seiner Zeit deutlich voraus. Leider lag es wohl auch außerhalb des Preisbereiches, für den das Enna-Werk seine Marktlücke gefunden hatte, weshalb die Stückzahlen nicht sehr hoch waren. Auch die damals noch einschichtige Vergütung dürfte bei 16 Glas-Luft-Grenzflächen wohl zu Problemen im pratischen Einsatz geführt haben.

Enna Super Lithagon 1,9/35mm

Die negative Brechkraft der Frontgruppe ist bei diesem Super-Lithagon 1,9/35 mm erstmals auf zwei zerstreuende Menisken aufgeteilt, die wie bei den vorigen Objektiven aus dem besonders gering dispergierenden Phosphat-Kron PK2 bestehen. Linse 8 und 9 sind dagegen aus hochbrechendem Lanthan-Kron LAK9 gefertigt.

Lithagon Ennalyt 4/24 mm

In der Folgezeit ging die Weiterentwicklung in Bezug auf die Retrofokus-Typen bei Enna in eine gänzlich andere Richtung. Statt einer Erhöhung der Lichtstärke forcierte Lautenbacher nun gezielt eine Ausweitung des Bildwinkels auf über 80 Grad. Mit dem Lithagon (später Ennalyt) 4/24 mm war er im September 1960 in ein Gebiet vorgedrungen, das bislang nur von den allerbesten Objektivbaufirmen betreten worden war. Neben einem Angénieux R61 3,5/24 mm hatte der in den Westen geflohene Zeissianer Rudolf Solisch im November 1956 ein 4/24 mm zum Patent angemeldet, das kurze Zeit später von ISCO in Göttingen als Westrogon auf den Markt gebracht wurde. Im Frühjahr 1960 folgte schließlich ein Flektogon 4/25, mit dem es Carl Zeiss Jena gelungen war, den Bildwinkel auf über 80 Grad auszudehnen. Wolf Dannberg hatte zwischenzeitlich die von Solisch aufgelassene Lücke gefüllt. Erst im Laufe der 60er Jahre war es auch anderen Firmen vergönnt, in diese Gefilde vorzustoßen. Zeiss Oberkochen folgte 1961 mit dem lichtstarken Distagon 2,8/25 mm und mit der heute beinah vergessenen Firma Topcon betrat alsbald auch die japanische Photoindistrie diesen Spitzensektor.

DE1228820 Lithagon 4/24

An diesem Ennalyt fällt die im Vergleich zu den genannten Konkurrenten ausgesprochene Kompaktheit auf. Das liegt auch an der vergleichsweise kleinen Frontlinse. Man erkennt aus dem in der Patentschrift Nr. DE1.228.820 angegeben Linsenschnittbild, daß Hans Lautenbacher seinen bereits für das Ultra-Litagon 3,5/28 mm erarbeiteten Ansatz weiter ausgebaut hatte. Wieder gibt es die charakteristische Sammellinse (M), die zwischen der negativen Frontgruppe (F) und dem Grundobjektiv (H) eingefügt ist und die ihre konkave Seite in Richtung der Frontgruppe weist. Dieser zerstreuende Teil des Retrofokus ist nun auf zwei Linsen aufgeteilt. Neu ist auch die große Mittendicke des zerstreuenden Elements im Triplet-Grundobjektiv.

Elbaflex Ennalyt 24 mm

So sensationell ein solches Superweitwinkelobjektiv damals auch gewesen sein mag, so enttäuscht ist man heute von der Bildleistung dieses frühen Modells. Die Schärfe ist selbst abgeblendet außerhalb der Bildmitte unzureichend. Außerdem vignettiert es außerordentlich stark. Für Farbfilm war das eigentlich unzumutbar. Der Blick auf die in der Patentschrift angegebenen recht moderaten Glassorten erinnert uns, daß wir uns, was diese Konstruktion betrift, im Jahr 1960 befinden. Auch der Preis dieses Enna-Objektives sollte wohl deutlich unter demjenigen der schier unerschwinglichen Modelle von Angénieux und ISCO bleiben.


Trotzdem blieb dieses Ennalyt 24 mm recht lange im Angebot, später sogar mit Automatikblende und Kunststofffassung. Es ließ sich wohl preiswert genug herstellen, um mit fernöstlichen Erzeugnissen konkurrieren zu können. Für den angepeilten Kundenkreis mit ihren 9x13-Abzügen war die zweitklassige Bildleistung wohl ohnehin nebenrangig.

Werra Ennalyt 4/24

Die oben zu sehende Version des Ennalyt 4/24 ist natürlich nicht authentisch. Ich habe aus Ersatzteilen angefertigt. Aber man erkennt deutlich, wie kompakt dieses Ennalyt doch gebaut ist, daß es sogar harmonisch an eine Sucheramera mit Hinterlinsenverschluß gepaßt hätte.

3. Deutsche Retrofokus-Pioniere Teil 2: Schneider und ISCO

Wenn man sich mit Patentschriften beschäftigt, dann kann man manchmal Informationen aus ihnen herauslesen, die deutlich über den reinen Erfindungsgegenstand hinausgehen, der da eigentlich beschrieben wird. So habe ich beispielsweise herausgefunden, daß Rudolf Solisch, der Errechner des Flektogon 2,8/35, Mitte der 50er Jahre ganz offenbar in die Bundesrepublik geflohen ist und wohl auch die Idee für einen neuen Typus des Weitwinkelobjektivs gleich im Gepäck miführte. Sind von ihm noch aus dem Frühjahr 1955 Jenaer Patentanmeldungen überliefert, so bildete sein im November 1956 für die Göttinger Firma ISCO angemeldetes Patent Nr. DE 1.063.826 unmittelbar die Grundlage für deren Westrogon 4/24 mm. An dieser Stelle sei gleich erwähnt, daß von Beginn an der Hersteller ISCO eng an die Mutterfirma Schneider in Kreuznach gebunden war und sich daher auch die Produktentwicklungen immer wieder kreuzten.

ISCO Westrogon 1:4/24 mm

Das Exemplar oben und der Linsenschnitt unten zeigen es deutlich: Weil man mit den damaligen Glassorten Schwierigkeiten hatte, die ausreichende Stärke der negativen Brechkräfte zu erreichen, wurde die Frontgruppe sehr groß im Durchmesser. Was man auch sieht: Das Grundobjektiv basiert auf dem Biometartyp. Den hat also Solisch offenbar gleich mit zu ISCO und damit zu Schneider "entführt". Tatsächlich wurde von Schneider ein Biometar-Aufbau bereits im März 1952 patentiert [DE1.015.620].

DE1063826 Westrogon 4/24 mm
ISCO Westrogon 4/20

Aus weiteren Patentanmeldungen Solischs erfährt man, daß dieser spätestens ab 1959 mit einem Konstrukteur namens Walter Wöltche zusammengearbeitet hat. Aus dieser Zeit stammen die bekannten Teleobjektive dieser Firma, die zum Beispiel unter dem Namen Iscaron auf dem Markt erschienen. Auch die als Iscorama bekannt gewordenen Anamorphoten stammen aus dieser Phase und es wurden sogar Vario-Objektive für Schmalfilmkameras patentiert. In der Folgezeit erscheinen dann die zahlreichen Patente des Gespanns Solisch/Wöltche unter dem Firmennamen Schneider Kreuznach. Aus dieser fruchtbaren Phase sind auch solche weltbekannten Objektive wie das Xenon 1:0,95 für den Kinefilm hervorgegangen [DE1.249.555 vom 20. April 1963]. Um 1965 muß Rudolf Solisch aber verstorben sein, denn bereits 1963 angemeldete Patente, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre bekannt gemacht wurden, weisen diesen Umstand so aus.

Schneider PA-Curtagon 4/35mm

Also fährt Walter Wöltche mit seiner Arbeit alleine fort und schafft dabei insbesondere im so interessanten Metier der Retrofokus-Konstruktionen einige bemerkenswerte Meilensteine, von denen ich hier zwei herausgreifen möchte. Zum einen ist dies das PA-Curtagon 4/35 mm von Schneider Bad Kreuznach. "PA" steht dabei für perspektivischer Ausgleich. Durch ein Verschieben des Objektivkörpers parallel zur optischen Achse können Gegenstände außerhalb des eigentlichen Bildfeldes abgebildet werden, ohne daß die Kamera beispielsweise gekippt werden muß. Diese aus der Großformatphotographie altbekannte Vorgehensweise verhindert die ansonsten unvermeidlichen "stürzenden Linien" ein unästethisches Zusammenlaufen eigentlich paralleler Kanten des Motivs. Heute nennt man diesen Korrekturvorgang allgemein "shiften".

PA-Curtagon Exakta

Um diese Möglichkeit der Parallelverschiebung der optischen Achse für das Arbeitsgerät der einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera zu erschließen, mußte ein dafür brauchbares Objektiv gleich dreierlei nur schwer in Einklang zu bringende Forderungen erfüllen: Erstens sollte ein solches Objektiv an sich schon die Wirkung eines Weitwinkels aufweisen, da es sich hier ja hauptsächlich um Einsatzfälle in der Architekturphotographie dreht, wo der Aufnahmeabstand stehts begrenzt ist. Zweitens mußte dieser Bildwinkel aber darüber hinaus noch einmal deutlich größer sein, da ein Verschieben des ganzen Objektives natürlich einen ausreichend großen Bildkreis erfordert. Drittens mußte dieses Objektiv zu allem Unglück auch noch eine ganz besonders lange Schnittweite bieten, damit die Verschiebung der vorderen Objektivfassung in Einklang mit den meist zu engen Durchmessern der Kameraanschlußstücke zu bringen sei. Diese Vorraussetzungen allesamt zugleich zu erfüllen, das war damals in den 60er Jahren ein schwieriges Unterfangen.

DE1447270 PA Curtagon Wöltche

Beinah hat es nun den Anschein, als sei dieses PA-Curtagon nur ein Beiprodukt größerer Arbeiten Wöltches an Retrofokusobjektiven gewesen, denn es taucht nur als zweites Zahlenbeispiel in einer Offenlegungsschrift "Photographisches oder kinematographisches Weitwinkelobjektiv mit langer bildseitiger Schnittweite" auf. In Deutschland hat es diese Patentanmeldung [Nr. DE1.447.270 vom 30. Mai 1964] offensichtlich nie zu einer Erteilung geschafft, wohl aber in Frankreich [FR1.433.922 vom 18. Mai 1965]. Geeignet für die Verwendung als Shiftobjektiv war dieses Erfindungsbeispiel insbesondere durch den gedrungenen Aufbau, der den Lichtverlust zum Rande hin begrenzte sowie aufgrund der großen Schnittweite von über 130% der Brennweite. Die moderate Lichtstärke von 1:4,0 genügte für den vorgesehenen Anwendungszweck hingegen vollkommen.

PA Curtagon Exakta

Die genannte Offenlegungsschrift läßt auch erkennen, daß für das Jahr 1964 ziemlich hochbrechende Glassorten Verwendung fanden. Statt des für das 24x36-Format notwendigen Bildkreises von von 43,3 mm zeichnete das PA-Curtagon einen solchen von 57 mm Durchmesser aus, wodurch sich das Objektiv in alle Richtungen um 7 mm verschieben ließ. An der Skizze unten erkennt man auch gut, wie ausgeprägt der hintere Hauptpunkt H' in Richtung der Bildebene verschoben ist – weit außerhalb des optischen Systems.

Schneider PA-Curtagon

Die unten zusammengestellten Leistungsdaten des PA-Curtagon lassen erkennen, daß zum Abrufen der besten Leistung ein Abblenden auf den Wert 1:8 zu empfehlen ist. Dann erreicht das Objektiv auch für heutige Verhältnisse bis weit in die Randzonen eine sehr gute Bildleistung und auch der Lichtabfall bleibt mit weniger als ⅓ Blendenwert überraschend gering.

PA Curtagon Bildleistung

Es sollte freilich nicht verschwiegen bleiben, daß bei 35 mm Brennweite eine Verschiebung von maximal 7 mm nur einen sehr bescheidenen Zuwachs an Bildfläche mit sich bringt. Die wirklichen Nöte des Architekturphotographen in Bezug auf den Zwang zum Ankippen der optischen Achse bei hohen Gebäuden ließen sich mit einem solchen Objektiv noch nicht völlig ausmerzen. Schließlich lag der maximal ausgenutzte Bildwinkel dieses PA-Curtagon auch nur bei bescheidenen 78 Grad. Im Grunde genommen handelte es sich also nur um ein Retrofokus-Weitwinkel von etwa 27 mm Brennweite, das auf 35 mm hochskaliert wurde, was neben dem Anwachsen des Bildkreises auch die nötige Verlängerung der Schnittweite mit sich brachte. Von den extremen Shift-Konstruktionen, die heute Bildwinkel weit über 100 Grad bieten, war dieser Pionier also noch weit entfernt. Trotzdem verblieb dieses Objektiv verblüffend lange im Angebot dieses Herstellers.

Schneider PA-Curtagon Test

Das Schneider PA-Curtagon war in der Fassung für für Leicaflex bzw. Leica R so lange im Angebot, daß es sogar noch in einem Sonderheft des Fotomagazins aus dem Jahre 1995 auftaucht, in dem alle damals erhältlichen Leica R-Objektive gestestet wurden. Man beachte, daß die Kurven für die Schärfe und Brillanz für eine Bildhöhe von 28 mm abgetragen sind, also über den vollen Bildkreis des Objektives hinweg. Für eine damals bereits 30 Jahre alte Objektivkonstruktion waren das nach wie vor ganz erstaunlich gute Werte.

In seiner oben angesprochenen Offenlegungsschrift, die das PA-Curtagon enthielt, hatte Walter Wöltche in einem Ausführungsbeispiel Nummer 3 bereits eine Lösungsmöglichkeit für ein Retrofokusobjektiv etwa mit den Daten 2,8/25 mm angegeben. Schneider Kreuznach zielte ganz offensichtlich darauf ab, ein Pendant zum Oberkochener Distagon 2,8/25 mm auf den Markt bringen. Diesen ersten Ansatz nahm Wöltche daher in einer Patentanmeldung vom 22. Oktober 1966 wieder auf, von der wiederum nur eine Offenlegungsschrift [Nr. DE1.497.596] erhalten geblieben ist. Man muß also davon ausgehen, daß auch in diesem Falle zumindest in der Bundesrepublik kein Patentschutz erreicht werden konnte (wohl aber in den USA [US3.512.874] und in Frankreich [FR83.412]). Aus diesen Arbeiten ging ein Superweitwinkel hervor, das im Sektor der Retrofokus-Konstruktionen ein bisher nicht gekanntes Qualitätsniveau einführte: Das Super-Angulon-R 4/21 mm für die Leicaflex SL.

Super Angulon 4/21 mm Leicaflex

Mit diesem Superweitwinkelobjektiv war Walter Wöltche nur drei Jahre nach dem Flektogon 4/20 mm von Dannberg/Dietzsch zu den absoluten Spitzenkonstrukteuren im deutschen Objektivbau der Nachkriegszeit aufgestiegen. Meine Faszination für diese Retrofokusobjektive, wie ich sich sicherlich nicht verbergen kann, rührt schließlich daher, daß auf diesem Gebiete nach 1945 wirklich noch einmal völliges Neuland betreten werden konnte. Und die Anforderungen, die das Errechnen dieser hochkomplexen Systeme an den Konstrukteur stellte, erreichten ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß. Vergleichbar ist dieses Gebiet allenfalls mit den zu ebenjener Zeit aufkommenden Varioobjektiven für Film und Fernsehen. Und es kommt nicht von ungefähr, daß es gerade die Objektivbauanstalt in Kreuznach gewesen ist, die auch auf diesem Neuland eine führende Rolle einnehmen konnte. Diese Tatsache zeugt davon, daß man hier inbesondere die aufkommende digitale Rechentechnik im Griff hatte und äußerst fruchtbar zur Optimierung der komplexen Systeme einzusetzen vermochte.

DE1497596 Super Angulon 4/21

Charakteristisch bei diesem Super-Angulon sind natürlich die beiden mittleren Kittglieder B und C mit ihren großen Mittendicken und der plattenartigen Formgebung. Dem Patent zufolge trägt insbesondere die sammelnd wirkende Verbundfläche in der dritten Gruppe C zur Beherrschung der sphärischen Aberration und der Koma bei. Interessant ist, daß mit Ausnahme der Linse Nummer 7 nur niedrig dispergierende Glassorten bzw. solche zum Einsatz kamen, die mit ny-Werten knapp über 45 zwischen Flint und Kron changieren. Extreme Gläser, wie Lanthanflinte oder Lanthankrone, die in den 70er Jahren in der Bundesrepublik und in Japan zunehmend verwendet wurden, finden sich hier allerdings noch nicht. Trotzdem geriet dieses ab Jahresende 1968 für die neue Leicaflex SL gelieferte Super-Angulon-R 4/21 mit fast 1000,- D-Mark nicht ganz billig. Es sollte nicht weniger als ein Vierteljahrhundert lang im Leitz'schen Lieferprogramm bleiben.

Super Angulon 4-21 Test

Auch dieses Super-Angulon 4/21 verblieb derart lange im Angebot, daß es noch im oben bereits erwähnten Test aus dem Jahre 1995 auftaucht. Von den Kontrastwerten in den Bildecken abgesehen, lag die Abbildungsleistung nach wie vor auf hohem Niveau. Völlig unzeitgemäß war allerdings die im Vergleich zur Lichtstärke ausgesprochen voluminöse Bauweise, die eigentlich bereits in den 1970er Jahren als überholt angesehen werden mußte, wie der unten zu sehende 1:1 Vergleich mit einem Olympus Zuiko 3,5/21 mm zeigt, das auch nach heutigen Maßstäben noch als sehr kompakt bezeichnet werden kann.

Super-Angulon und Zuiko 21 mm

Noch einmal zurück zur Firma Schneider in den 1950er Jahren. Hier gab es mit den Herren Günter Klemt und Karl Macher quasi noch ein zweites Konstruktionsteam der Spitzenklasse. Sie entwickelten unter anderem Tronniers Xenon weiter, schufen die als Auswechselglieder ausgelegten Weitwinkel- und Teleobjektive für die Kodak Retina-Kameras und legten vor allem auch den Grundstein für das sehr erfolgreiche Programm der Schneider'schen Varioobjektive für Schmalfilm- und Fernsehkameras. Günter Klemt muß zudem als Vater der Super-Angulone genannt werden, die als symmetrische Weitwinkelobjektive das Großformat revolutioniert haben [DE985.637 vom 1. September 1954].

Schneider Curtagon 4/28 mm

Als große Leistungs Klemts ist aber auch das oben gezeigte Curtagon 4/28 mm anzusehen. Es kam im Jahre 1959 für die Kodak Retina Reflex III auf den Markt, die anstatt der bisherigen Auswechselglieder nun auf vor den Zentralverschluß gesetzte und in ihrer Gesamtheit auswechselbare Objektive umgerüstet worden war. Dazu hatten mehrere westdeutsche Kamerahersteller ein von der Firma Deckel erarbeitetes Wechselbajonett übernommen und jeweils nur geringfügig modifiziert. Wenig bekannt dürfte aber sein, daß die Konstruktion dieses kurzbrennweitigsten Objektives für dieses Zentralverschluß-Bajonett deutlich älter ist als die zugehörigen Kameras. Sie wurde nämlich im Deutschen Bundespatent Nr. 1.014.752 vom 5. Juli 1955 geschützt das war nur drei Jahre nach dem Angénieux Retrofocus R11 3,5/28 mm (siehe Abschnitt 5). Äußerlich fällt aber sofort auf, daß das Curtagon ungleich kompakter als das Modell aus Paris ausgeführt ist.

DE1.014.752 Curtagon 4-28 Klemt

In dieser Patentschrift zum Curtagon 4/28 mm stechen die für damalige Verhältnisse außergewöhnlich hochbrechenden Glassorten hervor. Allein die Linse Nummer 4 ist gezielt als sammelnd wirkender Meniskus aus dem sehr niedrig brechenden und auch niedrig dispergierenden Fluor-Kron FK1 aufgebaut, mit dem die Ebnung des Bildfeldes erreicht wurde (Schutzanspruch 1). Dieses Korrekturverfahren hatte Klemt bereits im Curtagon 2,8/35 mm angewandt, auf das er sich in seinem Patent zum Curtagon 4/28 mm auch indirekt bezieht, weshalb man davon ausgehen kann, daß es ebenfalls von ihm stammt. Als Neuerung ist nun jedoch das letzte Glied als eine Kittgruppe ausgelegt, die aus zwei hochbrechenden Gläsern mit fast gleicher Brechzahl, aber erheblich voneinander abweichenden Farbzerstreuungen zusammengesetzt ist. Die resultierende Kittfläche nutzte Klemt für die Komakorrektur (Schutzanspruch 2), die angesichts des großen Bildwinkels des Objektives entsprechend sorgfältig durchgefürt werden mußte. Mit diesen beiden Maßnahmen hatte Klemt ein angesichts des frühen Konstruktionsjahres sehr hochwertiges Weitwinkelobjektiv geschaffen, das nach dem Ende der Zentralverschluß-Spiegelreflexkameras noch lange Zeit als Wechselobjektiv für Schlitzverschlußkameras im Programm blieb.

Schneider Curtagon 28 + 35 mm

Für das Curtagon 2,8/35 mm gibt es (mindestens) zwei Linsenschnitte. Offensichtlich wurde später die Rücklinse des Grundobjektivs auf zwei einzelne Sammellinsen aufgespaltet. Gemeinsam ist beiden Versionen die ins Triplet-Grundobjektiv eingefügte Linse Nummer 3, die als stark durchbogener Meniskus aus niedrig brechendem Glas ausgeführt ist und mit der Klemt die Bildschalen ebnete. Sie findet sich auch in etwas weniger stark gebogener Form beim Curtagon 4/28 mm wieder.

4. Retrofokus-Pioniere Teil 3: Zeiss West und die Distagone

Zeiss Distagon 5,6/60 mm

In Heidenheim bzw. Oberkochen beginnt die Ära der Retrofokusobjektive im Sommer 1953 mit einem Distagon 5,6/60 mm für die Hasselblad 1000F Mittelformat-Spiegelreflexkamera. Das diesbezügliche Bundespatent Nr. 947.750 war am 9. Juli 1953 von Günther Lange angemeldet worden. Dieses Distagon erreichte bei einer tatsächlichen Brennweite von 59,5 mm eine Schittweite von 66,3 mm, also über 111% der Brennweite. Daß man sich bei Zeiss West freilich noch ganz am Anfang der Entwicklungstätigkeit im Bereich Retrofokus-Objektive befand, zeigt sich daran, daß mit einem maximalen Öffnungsverhältnis von 1:5,6 von vornherein nur ein sehr bescheidener Wert angepeilt wurde. Schaut man sich das Schnittbild zu diesem Objektiv an, dann erkennt man, daß es sich im Grunde genommen lediglich um ein Triplet-Gundobjektiv mit einem vorgesetzten zerstreuenden Meniskus handelt, wie man es von etlichen Kleinbild-Weitwinkeln aus dieser Zeit mit etwa den Daten 4,5/35 her kennt. Zur besseren Bildfehlerkorrektur, wie sie für das Mittelformat nötig war, sind lediglich die beiden hinteren Glieder des Triplets als Kittgruppen ausgeführt. Trotzdem war die Leistung dieses Weitwinkels zum Bildrand hin noch ziemlich bescheiden.

DE947750 Distagon 5,6/60 Hasselblad

Daher folgte knapp fünf Jahre später, nachdem die Hasselblad 500 C auf den Markt gekommen war, eine Weiterentwicklung dieses Objektivs, die prinzipiell gleichartig aufgebaut war. Sie wurde in Form eines verbesserten Distagon 5,6/60 für das Mittelformat sowie eines neuen Distagon 4/35 mm für das Kleinbild praktisch verwirklicht. Zur besseren Auskorrektion der Bildfehler war nun die vordere Zerstreuungslinse als Kittglied aus zwei Linsen ausgelegt und der zerstreuend wirkende Teil des Triplets zur Beseitigung der Farbfehler gar aus drei miteinander verkitteten Linsen. Geschützt wurde dieses Retrofokus-Weitwinkel mit seinen 64 Grad Bildwinkel und seiner 116 Prozent der Brennweite betragenden Schnittweite im Bundespatent Nr. 1.063.767 vom 27. Februar 1958. Als Erfinder wurde neben Günther Lange auch Helmut Eismann benannt. 

DE1063767 Distagon 4/35

Bei diesem Distagon 4/35 mm handelt es sich um ein ganz außergwöhnlich hoch auskorrigiertes Weitwinkelobjektiv. Die Behebung der Bildfehler übertrifft das Flektogon 2,8/35 aus der DDR bei weitem, was freilich angesichts der geringeren Lichtstärke kaum verwundert. Durch den gedrängten Aufbau konnte die Frontlinse für die damalige Zeit  sehr klein im Durchmesser gehalten werden, was die sonst recht problematische Streulichtanfälligkeit bei diesen Objektivtypen minimiert. Daß der ansonsten immer auffällig große Luftraum zwischen zerstreuendem Vorsatz und dem Grundobjektiv in diesem Fall kaum vorhanden ist, liegt wohl auch an der erstaunlich großen Dicke des vorderen Elements dieses Grundobjektives.

Distagon 4/35 Contarex

Auch die zu großen Anteilen aus Messing bestehende Fassung überragt alles, was seinerzeit von anderen Herstellern geboten wurde. Als Folge der durchdachten Grundkonstruktion der Contarex, bei der die Einstellung der Blende ein Bestandteil der Kamera ist, konnte die zirkuar angesteuerte Blendenautomatik funktionell sehr einfach gehalten werden. Trotzdem wurde die Mechanik aufwendig kugelgelagert. Leider war das gesamte Contarex-System aufgrund einer Zeiss-Ikon-typischen Überkonstruktion völlig überteuert und damit am Photomarkt ohne großen Erfolg. An diesem Dilemma konnte auch das oben gezeigte vereinfachte Modell der Contarex ohne Belichtungsmesser letztlich nichts mehr ändern.

Distagon 4/35

Geschlossen wegen Vandalismus. Bahnhof Berlin Schönefeld. Das Distagon 4/35 an der Contarex, Blende 5,6.

Einen Artikel über Weitwinkelobjektive aus Heidenheim und Oberkochen zu schreiben, ohne Erhard Glatzel zu erwähnen, das wäre unvollständig. Dieser späterhin noch so dominierende Objektivkonstrukteur tat sich wohl im Jahre 1959 erstmals mit einer größeren Entwicklungsarbeit hervor, die nun ausgerechnet in dem komplexen Metier der Retrofokusweitwinkel angesiedelt war. Aber neben den Varioobjektiven stellten die Retrofokustypen damals eben noch weitgehend Neuland dar, auf dem man sich mit wertvoller Grundlagenarbeit eine Reputation erarbeiten konnte. So verwundert auch nicht, daß sein Patent Nr. DE1.187.393 vom 25. November 1959 erst einmal mit einer langen Abhandlung darüber beginnt, auf welche zwei grundlegende Weisen man solche Weitwinkelobjektive mit verlängerter Schnittweite überhaupt realisieren könne. Seine Darlegungen decken sich dabei im Prinzip mit den Ausführungen, die auch sein Zeitgenosse Eberhard Dietzsch einige Jahre später zu Papier gebracht hat [Vgl. Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; aus: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002]: Man kann entweder einem gegebenen Grundobjektiv ein vergleichsweise geringzerstreuendes Glied vorsetzen, dessen Einfluß auf die Bildfehler dann im beherrschbaren Rahmen bleibt. Allerdings setzt dies voraus, daß diese negative Brechkraft weit vor dem Grundobjektiv placiert wird, was zu einer sehr ausladenden Bauweise führt. Will man das negative Glied aber näher an das Grundobjektiv heranrücken, um Platz zu sparen, so muß man ihm eine sehr stark zerstreuende Wirkung geben, was nur schwer beherrschbare Folgen auf die Bildfehler nach sich zieht. Zu dem stark negativen Glied hätte dann zusätzlich ein weiteres positives eingefügt werden müssen, das dann aber die Wirkung des negativen Anteiles sogleich wieder weitgehend aufgehoben hätte. Glatzel hatte einen Ausweg aus dieser Sackgasse gefunden, indem er das auf das zerstreuende Vorderglied folgende sammelnde Glied nur schwach positiv auslegte, die notwendige starke positive Brechkraft aber auf die Bildseite des Systems verlegte, also hinter der Blende. Der Beweggrund für diese Erfindung läßt sich zwischen den Zeilen seines Patentes herauslesen: Es ging in erster Linie darum, ein möglichst schlankes Retrofokus-Weitwinkel zu entwickeln, denn je kürzer ein solches gebaut werden kann, um so kleiner kann auch der Durchmesser der Frontgruppe gehalten werden.

Bild: Dirk Bonnmann

Roleiflex Distagon 4/55 mm

In dieser Prämisse verbirgt sich der unzweideutige Hinweis darauf, wofür dieses Weitwinkelobjektiv gedacht war. Eine Weitwinkel-Rolleiflex verlangte aufgrund ihres Spiegels im Sucher nach einer Retrofokuskonstruktion; gleichzeitig war aber wegen der unmittelbaren Nachbarschaft der beiden Objektive der maximale Durchmesser auf ein sehr kleines Maß beschränkt. Nur ein möglichst gedrängter Aufbau konnte die Einhaltung der für das zweiäugige Reflexprinzip nötigen Abstände des Aufnahme- und Sucherobjektivs gewährleisten. Allerdings ermöglichten die drei in diesem Patent angegebenen Beispiele nur Bildwinkel von knapp über 60 Grad. Um die Anschaffung einer eigens für die Weitwinkelphotographie gedachten Rolleiflex zu rechtfertigen, mußte der Bildwinkel freilich die 70-Grad-Marke überschreiten. Knapp zwei Jahre später meldete Glatzel daher ein Zusatzpatent an, mit dem er diese Forderung erfüllen konnte [DE1.220.164 vom 3. Oktober 1961]. Die weitere Verkleinerung von Baulänge und Durchmesser bei einer gleichzeitigen Steigerung des Bildwinkels auf bis zu 72 Grad erreichte Glatzel, indem er die schwach positive Komponente hinter dem zerstreuenden Vorsatz in ihrer Dicke stark ausweitete und damit die Ausdehnung des Luftraumes gleichzeitig weiter verkleinerte. Entstanden war das Distagon 4/55 mm mit 71 Grad Bildwinkel, das in der recht kurzlebigen Weitwinkel-Rolleiflex zum Einsatz kam.

DE1220164 Distagon 4/55
Distagon 4/55 MTF

Im Sektor dieser Retrofokus-Weitwinkel scheint Erhard Glatzel nun fast so etwas wie eine Lebensaufgabe gefunden zu haben. Jedenfalls wird er in den nächsten Jahrzehnten einer der profiliertesten Experten auf diesem Gebiet werden und sehr wertvolle Konstruktionen hervorbringen, die nur dadurch etwas im Schatten stehen, weil ab 1970 die westdeutsche Kameraindustrie durch ihre verfehlte Modellpoltik in Windeseile vom Tableau gefegt wurde. Zeiss Oberkochen verkam daher, was den Bereich der Photoaufnahmeobjektive anbetrifft, in der Folgezeit ein wenig zum Zulieferer für schwedische und japanische Kamerahersteller. Doch gerade hier fand sich eine Lücke im breitgefächerten Photomarkt, wo man sich mit hochpreisigen Spitzenobjektiven weiterhin über Wasser halten konnte, weshalb die Objektivabteilung des Zeisskonzerns  anders als zuvor die Kamerasparte in Form von Zeiss Ikon/Voigtländer nicht ebenso unaufhaltsam in den Abgrund schlitterte.

Zeiss Distagon 2,8/25 mm

Essentiell für die nächsten Schritte war Glatzels Bundespatent Nr. 1.250.153 vom 15. Februar 1962. Es war als Weiterentwicklung seines oben bereits angesprochenen Hauptpatentes Nr. 1.187.393 von 1959 anzusehen. Durch Hinzufügen eines weiteren streuenden Meniskus sollten nun der Bildwinkel und die Schnittweite deutlich angehoben werden. Dem Haupatent folgend waren den beiden Zerstreuungslinsen jeweils ein bikonvexes Sammelglied nachgeschaltet, dessen Dicke zur Ebnung des Bildfeldes größer ausgelegt wurde als die Tiefe des Blendenraumes.

DE1250153 Glatzel Distagon 2,8-25

Auf dieser im Patent DE1.250.153 geschützten Entwicklung fußend wurden zwei in den 60er und 70er Jahren sehr fortschrittliche Retrofokus-Weitwinkelobjektive von Zeiss Oberkochen aufgebaut. Zum einen war dies das oben zu sehende Distagon 2,8/25 mm, mit dem Glatzel das Überschreiten der Bildwinkelgrenze von 80 Grad für die Contarex-Kleinbildspiegelreflex erreichen konnte. Das hatten zwar andere Hersteller schon einige Jahre zuvor geschafft, aber die hohe Lichtstärke war für längere Zeit konkurrenzlos.

DE1250153 Glatzel Distagon 4-50

Auf derselben Basis wurde auch ein Distagon 4/50 mm für Mittelformatkameras des Formates 6x6 entwickelt, das lange Jahre sehr erfolgreich für Hasselblad- und Rollei-Spiegelreflexkameras im Angebot blieb. Es zeichnete sich durch seine schlanke Bauform und für damalige Verhältnisse sehr gute Bildqualität aus. Das Objektiv mit seinen 14 Glas-Luft-Grenzflächen profitierte stark, als später die Mehrschichtvergütung eingeführt wurde.

Distagon 4/50 mm
Distagon 4/50 MTF

5. Angénieux Retrofocus – Pionier der Pioniere

Eigentlich hätte ich diese Seite zur Frühgeschichte des Retrofokus-Weitwinkelobjektivs ja mit dieser französischen Firma beginnen müssen. Und zwar gleich aus zweierlei Gründen: Zum einen fällt dem Optiker Pierre Angénieux unstrittigerweise die Priorität zu, den Begriff "Retrofocus" für diese Objektivbauart eingeführt zu haben, der sich in der Folgezeit als regelrechte Gattungsbezeichnung durchsetzen konnte.


Auf der anderen Seite gilt die Optische Anstalt des Pierre Angénieux als derjenige Hersteller, der 1950 als erster überhaupt ein solches Weitwinkelobjektiv mit verlängerter Schnittweite für die Kleinbildreflex herausgebracht habe. Genau hinter dieser bisherigen Gewißheit würde ich aber ein Fragezeichen setzen wollen, da Rudolf Solisch bereits zum 13. August 1949 die Rechnung für das Flektogon 2,8/3,5 cm fertiggestellt hatte. Für dieses Zeiss-Weitwinkelobjektiv läßt sich zudem nachweisen, daß ab 24. Juli 1950 eine erste Serie von 50 Stück für die Exakta in die Endmontage gelangte [Vgl. Thiele, Fabrikationsbuch Photooptik II, Carl Zeiss Jena]. Man kann also getrost davon ausgehen, daß beide Hersteller in etwa zur selben Zeit mit diesem speziellen Objektivtyp am Markt erschienen.

Angénieux Retrofocus 2,5/35

Die bislang überall behauptete Priorität des Pierre Angénieux in Hinblick auf die Konstruktion eines Weitwinkelobjektivs mit verlängerter Schnittweite erklärt sich auch daher, daß er seine Lösung bereits zum 17. Februar 1950 in Frankreich zum Patent angemeldet hatte [Nr. FR1.013.652], während Zöllner und Solisch die Patentierung des Flektogons 2,8/35 mm erst 1953 nachholten aus welchen Gründen auch immer.

Angénieux Retrofocus R1 2.5/35 mm

Gut ist zu erkennen, wie das Grundobjektiv in der Lösung von Pierre Angénieux zwar wie im Flektogon fünflinsig aufgebaut ist, aber in Form eines erweiterten Tripletts statt einer Gaußtypabwandlung. Erst viele Jahre später stellte sich heraus, daß dies der erfolgversprechendere Ansatz gewesen ist [Vgl. Dietzsch, Retrofousobjektive, 2002, S.  6]. Ansonsten folgen beide Retrofokus-Pioniere demselben Konstruktionsgedanken: Ein zerstreuender Meniskus wird etwa im Abstand der dingseitigen Brennweite vor ein positives Grundobjektiv gestellt (das Patent spricht von einem Abstand von mehr als 50% der Brennweite). Dadurch verlagert sich die hintere Hauptebene des kurzbrennweitigen Gesamtobjektivs so weit Richtung Bildebene, daß dieses Gesamtobjektiv um genau denselben Betrag von der Bildebene weggerückt werden kann, ohne daß sich dessen Brennweite (nenneswert) verlängert. Mit dieser Maßnahme ergibt sich die gewünschte Verlängerung der Schnittweite, um dem Klappspiegel der Reflexkamera den nötigen Bewegungsspielraum zu verschaffen. Dieses Angénieux Retrofocus R1 2,5/35 mm offenbarte daher im Jahre 1950 angesichts des zu erwartenden Bedeutungsgewinns der Einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera ein hervorragendes Gespür der Pariser Optikanstalt für eine offene Marktlücke.


Pierre Angénieux und seine Firma sind auch deshalb als Vorreiter beim Bau von Weitwinkelobjektiven für Kleinbildspiegelreflexkameras so bedeutend, weil sie sehr frühzeitig Vorstöße unternahmen, deutlich größere Bildwinkel zu erreichen. Dem Angénieux Retrofocus R11 3,5/28 mm hatte für einige Jahre kein anderer Hersteller etwas entgegenzusetzen. Schließlich wurde das Patent zu diesem Objektiv bereits am 29. Mai 1952 angemeldet [Nr. FR1.013.652].

Angénieux Retrofocus R11 3,5/28

Dabei läßt das Patent erkennen, daß das Angénieux 3,5/28 mm grundsätzlich auf dem vorherigen Angénieux 2,5/35 mm basierte. Die Schwierigkeit bestand aber darin, daß für die gewünschte Verkürzung der Brennweite nun die Schnittweite anteilsmäßig um so stärker verlängert mußte. Schließlich durfte deren Absolutwert von etwa 37... 38 mm für die korrekte Spiegelbewegung keinesfalls unterschritten werden. Um das Verhältnis der Schnittweite zur Brennweite stärker auseinanderzurteiben, mußte die Brechkraft der vorgesetzten Zerstreuungslinse deutlich angehoben werden. Dabei konnte laut Patent jedoch ein gewisser Wert nicht überschritten werden, weil ansonsten die Verzeichnung des Bildes ein inakzeptables Ausmaß annehmen würde. Einen Ausweg, die anwachsende Distorsion wieder einzufangen, hatte Pierre Angénieux darin gefunden, indem er die einzelne Zerstreuungslinse durch ein Paar aus einer Zerstreuungs- und einer Sammellinse ersetzte.

Bild: Derek Leath

Angénieux Retrofocus R11 3,5/28 mm

Da Pierre Angénieux aber bei diesem 28-mm-Objektiv beim klassischen Konstruktionsprinzip für Retrofokusweitwinkel blieb, bei dem das zerstreuende Glied in etwa im Abstand der dingseitigen Brennweite des Grundobjektivs placiert wird, mußte dieses zerstreuende Glied vergleichsweise weit vorgerückt werden. Das hatte wiederum einen ausgesprochen großen Durchmesser dieser Frontgruppe zur Folge, wie man sie von modernen 28-mm-Objektiven so nicht kennt. Diese großen Glasflächen und die insgesamt zwölf Glas-Luft-Übergänge zogen zudem eine ausgeprägte Streulichtanfälligkeit nach sich, die ein sorgsames Umgehen mit diesem frühen Weitwinkel erforderte. Doch das galt gewissermaßen für alle derartigen Objektve jener Zeit.

Angénieux Retrofocus R51 3,5/24 mm
Angénieux Retrofocus R61 3.5/24 mm

Aus der weiteren Patentüberlieferung ist ersichtlich, daß auch die Firma Angénieux erst neue Konstruktionswege finden mußte, um den nächsten Schritt gehen zu können. So brauchte es mehr als fünf Jahre, bis der Pariser Hersteller den Bildwinkel seiner Retrofokus-Weitwinkel auf über 80 Grad ausdehnen konnte. Dies ging in zwei Schritten vonstatten. Vom 23. September 1957 liegt ein französisches Patent Nr. 1.192.221 vor, das dem Angénieux Retrofocus R51 3,5/24 mm zugrundeliegt. Dieser Typ wurde aber offenbar nur kurze Zeit gefertigt, denn bereits zum 9. Oktober 1958 wurde eine Schutzrechtsanmeldung nachgeschoben, die erkennbar eine weitere Verbesserung beinhaltet. Diese bezieht sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Angénieux Retrofocus R61 3,5/24 mm, bei dem die einzelne Sammellinse zwischen den beiden zerstreuenden Menisken im vorderen Glied auf zwei dünne Sammellinsen aufgespalten wurde. Das ergab nicht weniger als 16 Glas-Luft-Grenzflächen. Doch eben diese Flächen sind nun einmal das wichtigste Werkzeug des Objektivkonstrukteurs bei seiner Korrekturarbeit.

6. Voigtländer: Vom Skoparon zum Skoparex

Auch bei der Braunschweiger Firma Voigtländer hat man sich frühzeitig nach dem Zweiten Weltkrieg mit Retrofokus-Weitwinkelobjektiven befaßt. Den Ausschlag hierfür gab allerdings nicht der Typ der Einäugigen Reflexkamera, sondern eine Sucherkamera namens Prominent. Diese arbeitete mit vor einen Zentralverschluß gesetzten Wechselobjektiven, weshalb ähnliche Forderungen an eine Mindestschnittweite zu erfüllen waren wie bei den Reflexkameras.

Voigtländer Skoparon

Diese Kamera war bereits zwei Jahre im Handel, als ab 1953 endlich ein Weitwinkelobjektiv zur Verfügung gestellt werden konnte. Das lag daran, daß auch die Firma Voigtländer auf diesem Gebiet Neuland betrat. Dabei war es kein geringerer als Albrecht Wilhelm Tronnier, der diese Pionierabeit für Voigtländer geleistet hat. Dieser für die Photooptik so bedeutende Mann, der vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges für Schneider und Isco gearbeitet und hier große Leistung bei der Optimierung des Gaußtypobjektives erbracht hatte, war in der Endphase des Krieges für Voigtländer dienstverpflichtet worden. Hier half er auch nach 1945 regelmäßig aus und entwickelte unter anderem die epochemachenden Objektive Ultron, Nokton und Septon.

DE1024730 Tronnier Skoparon 35mm

Das Skoparon 3,5/35 mm ist dabei als Ausführungsform Nummer 4 im Deutschen Bundespatent Nr. 1.024.730 vom 5. März 1952 "versteckt". Einem erweiterten Triplet vom Skopar-Typ ist in einem Luftabstand a1 ein zerstreuender Meniskus aus einem sehr niedrig brechenden Fluor-Kron-Glas vorangestellt. Da die nachfolgende Sammellinse dagegen aus einem schweren Glas mit stark gewölbter Frontfläche besteht, ergibt sich für die dazwischenliegende Luftlinse A ebenfalls die Wirkung eines zerstreuenden Meniskus, der gegenüber der nachfolgenden Sammellinse eine große Brechzahldifferenz bildet, mit dem Tronnier dieses Objektiv trotz der vergleichsweise hohen Lichtstärke gut auskorrigieren konnte. Wie komplex dieses Metier der Retrofokusobjektive seinerzeit gewesen ist und wie groß die Vielzahl der Neuerscheinungen waren, läßt sich daran ablesen, daß das Patentamt in München mehr als acht Jahre gebraucht hat, um Tronnier den Patentschutz endlich im Sommer 1960 zu erteilen.

Skoparex 3,4/35 mm

Doch so lange konnte man sich bei Voigtländer nicht aufhalten. Mit der Vitessa T wurde 1956 eine Kamera eingeführt, die auf einem neuen Wechselobjektiv-Standard aufbaute, der von der Firma Deckel zur Verfügung gestellt wurde. Es handelte sich um ein Einheitsbajonett für vor den Zentralverschluß Synchro-Compur 00 gesetzte Wechselobjektive, das oben im Abschnitt 3 bereits in Bezug auf die Retina Reflex angesprochen wurde. Die Besonderheit lag darin, daß nun auch für Sucherkameras dasselbe Anlagemaß zugrundegelegt wurde, wie für Spiegelreflexkameras. Das heißt, noch bevor Voigtländer 1958 mit der Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera Bessamatic herauskam, mußte bereits für die Vitessa T ein neues Weitwinkelobjektiv entwickelt werden, das die Forderungen an die nochmals verlängerte Schnittweite zu erfüllen vermochte.

DE1044440 Skoparex 3,4-35

Eine weitere Anhebung der Schnittweite sorgte allerdings für eine gewaltige Zunahme an Astigmatismus. Fritz Determann entwickelte deshalb das bisherige Skoparon weiter, indem er dem Triplet-Gundobjektiv eine weitere Sammellinse vorsetzte. Er bezeichnete dieses Element in seinem Bundespatent Nr. 1.044.440 vom 12. September 1956 als "Zuschaltlinse Lz". Von den drei im Patent angegebenen unterschiedlichen Ausführungsformen wurde dabei die erste umgesetzt, bei der diese Zuschaltlinse auffallend stark meniskenförmig durchbogen war. Dieses neue Retrofokus-Weitwinkel 3,4/35 mm wurde zunächst als Skoparet für die Vitessa T hergestellt und anschließend als Skoparex für die Bessamatic und Ultramatic sowie danach noch einige Jahre für die Icarex von Zeiss Ikon.

Skoparex Ultramatic

7. Nikon-Retrofokus: Japan auf der Überholspur

Nikkor 24 mm f/2.8

1967 ist das Jahr zweier großer Durchbrüche im Retrofokus-Bereich für die japanische Firma Nippon Kogaku. Und zumindest das oben gezeigte Nikkor 2,8/24 mm hat dabei eine Bedeutung, die über die bloße Firmengeschichte dieses Herstellers hinausgeht. Dieses Retrofokusobjektiv gilt nämlich gemeinhin als erstes, das serienmäßig mit einem automatischen Korrektionsausgleich ("floating elements") versehen wurde. Das große Problem bei Retrofokus-Weitwinkelobjektiven mit ihrer ausgesprochen asymmetrischen Bauweise und den stark zerstreuenden Komponenten im vorderen Systemteil liegt nämlich darin, daß sich die Bildqualität sehr verschlechtert, wenn das Objektiv auf nahe Entfernungen eingestellt wird. Insbesondere bei lichtstarken Retrofokus-Weitwinkeln wird es schlichtweg unmöglich, sie gleichermaßen für weite und nahe Objektentfernungen auszukorrigieren, weil mit größer werdendem Abbildungsmaßstab die Bildfeldwölbung und der Astigmatismus über die Maßen ausbrechen. Dieses Problem hat die Weiterentwicklung von Retrofokusobjektiven in den 1960er Jahren allgemein gehemmt.

Erst nach intensiver Forschungsarbeit hat man in den Objektivbaufirmen erkannt, wie man dieser Problematik entgegentreten könne. So ist zu erklären, daß das optische System des Nikkor 2,8/24 mm zunächst ohne diesen Korrektionsausgleich patentiert wurde. In Deutschland geschah dies mit dem Bundespatent Nr. 1.497.543 vom 24. Dezember 1966. Als Erfinder wurde Yoshiyuki Shimizu aus Tokio benannt. Die negative Frontgruppe aus den Linsen 1 bis 3 erzeugt ein virtuelles Bild des Objektes, das mit den Linsen 4 bis 8 im Unendlichen abgebildet und mit der Linse 9 schließlich auf die Bildebene geworfen wird. Diese Linse Nummer 9 besteht dazu aus einem hochbrechenden Lanthanflintglas.

DE6606937 Nikon floating elements

Neun Montate später wurde dann eine Erfindung nachgereicht, mit der das oben erwähnte Ausbrechen der Bildfehler im Nahbereich unter Kontrolle gebracht werden konnte. In der Bundesrepublik wurde diesbezüglich ein Gebrauchsmusterschutz Nr. 6.606.937 vom 23. September 1967 erzielt. Dazu wurde ein veränderlicher Luftspalt eingeführt, dessen Tiefenänderung an den Gesamtauszug des Objektives gekoppelt war. Dieser variable Luftspalt war in einem Teil des Objektives placiert, in dem der Lichtfluß parallel erfolgte und deshalb dessen Veränderung keine Auswirkungen auf die Brennweite, Schnittweite und Lichtstärke des Gesamtobjektives hatte. Beim Nikkor 2,8/24 wurde dafür die Distanz zwischen den Linsen 6 und 7 (Luftabstand d11) veränderlich gemacht, indem im Objektiv quasi ein zweiter Schneckengang vorgesehen war, der nur die drei hintersten Linsen bewegte. Wer japanisch lesen kann, der findet denselben Inhalt auch in der Originalpatentschrift Nr. JP45-39875 ebenfalls vom 23. September 1967.

Nikkor 2,8/24 floating elements

Oben sieht man nun, was dieser automatische Korrektionsausgleich im Falle des Nikkors 2,8/24 mm bewirkt. In Figur 2 ist die sphärische Aberration (a), der Astigmatismus (b) und die Verzeichnung (c) bei unendlicher Objektentfernung aufgezeichnet (aus unverständlichen Gründen ist beim Astigmatismus nicht wie üblicherweise der halbe, sondern der volle Bildwinkel angegeben). Darunter finden sich dieselben Bildfehler bei einem Vergrößerungsmaßstab von 0,114 (etwa 1:8,8), was einer Naheinstellung auf etwa 25 cm entspricht. Während die sphärische Aberration und die Verzeichung kaum eine Veränderung erfahren, brechen die Kurven für die sagittale und insbesondere die meridionale Bildschale extrem aus. In diesem Zustand wäre das Objektiv im Nahbereich quasi völlig unbrauchbar. In Figur 3 ist ersichtlich, wie durch den Korrektionsausgleich Astigmatismus und Wölbung im Nahbereich völlig eingefangen werden können und mindestens dieselbe Bildleistung erreicht wird wie bei Einstellung auf Unendlich. Durch diesen großen optischen und mechanischen Aufwand bot das Nikkor 2,8/24 mm im Jahre 1967 eine Abbildungsleistung, die selbst heutige Ansprüche noch vollauf befriedigt.

Nikon Nikkor 20mm f/3.5

Der zweite große Wurf der Firma Nippon Kogaku des Jahres 1967 war dieses Nikkor-UD 3,5/20 mm. Es gehörte zu den wenigen Retrofokus-Konstruktionen des Weltmarktes, die damals die 90-Grad-Marke in Bezug auf den diagonalen Bildwinkel überschritten. Gleichzeitig war das elflinsige Objektiv außerordentlich leistungsfähig, wie unten der Vergleich der Kurven für die Modulationsübertragung gegenüber dem Jena Flektogon 4/20 mm (alt) und dem Canon FL 3,5/19 mm zeigen [aus: Fotomagazin 10/1969, S. 41.]. Dieses Ergebnis ist besonders vor dem Hintergrund zu würdigen, daß die Entwicklergruppe um Yoshiyuki Shimizu gleichzeitig parallel sowohl am 20- wie a 24-mm-Objektiv arbeitete.

MTF Canon 3,5/19, Nikon 3,5/20, Zeiss 4/20

Eine ausgereifte Reflexkamera mit ihrem robusten Metallfolien-Schlitzverschluß sowie eigene Hochleistungsobjekive ließen die Firma Nippon Kogaku während der 1960er Jahre zum führenden Hersteller des Weltmarktes im sogenannten Profi-Sektor aufsteigen. Bild: Neal Angrisano

Nikon Nikkor 20mm 1:4

Doch trotz der hohen Leistungsfähigkeit erlebte das UD-Nikkor 3,5/20 mm nur eine kurze Produktionsdauer. Bereits im Jahre 1974 wurde es durch ein nur unmaßgeblich lichtschwächeres Pendant ersetzt, das auf außergewöhnlich hohe Kompaktheit getrimmt war. Es ist bis heute eines der kleinsten SLR-Objektive mit einem Bildwinkel über 90 Grad. Selbst an der späteren Nikon-Kompaktreihe der Modelle FE und FE2 wirkt es zierlich, da es gar kürzer gebaut ist als das damalige Normalobjektiv 1,8/50.

Nikon FE2 Nikkor 20 mm f/4

Durch den gedrängten optischen Aufbau konnten als Nebeneffekt die Linsen im Durchmesser klein gehalten werden. Das hatte nicht nur zur Folge, daß an diesem Objektiv die Nikon-Standardfilter mit dem M52-Durchmesser verwendet werden konnten, sondern daß aufgrund der kleineren Glasoberflächen dieses Superweitwinkel deutlich weniger streulichtempfindlich war als konkurrierende Objektive dieser Bauart in jener Zeit. Im Verbund mit der Einführung mehrschichtiger Entspiegelungsbeläge in der ersten Hälfte der 70er Jahre wurde nunmehr ein ausgezeichneter Bildkontrast auch bei ungünstigem Lichteinfall gewährleistet. Das war wichtig in Einsatzbereichen wie der Reportagephotographie, wo wenig Zeit für Bildkontrolle bleibt. Gerade in diesem Sektor hatte die Firma Nippon Kogaku eine große Marktdominanz. 

DE1804888 Nikkor 4-20

Dabei scheint dieses kompakte Nikkor 4/20 aus den Entwicklungsarbeiten bei Nikon an einem 90-Grad-Retrofokus für das Mittelformat 6x6 hervorgegangen zu sein. Darin könnte der Ursprung des Nikkor 4/40 für die Bronica S2 liegen. Das Deutsche Bundespatent Nr. 1.804.488 vom 24. Oktober 1968 bzw. das US Patent Nr. 3.549.241 vom 15. Oktober 1968 weisen mehrere Bauformen von Superweitwinkelobjektiven aus, die als Gemeinsamkeit eine Frontgruppe gebildet aus einer Sammellinse gefolgt von zwei Zerstreuungslinsen haben. Der Objektivaufbau in Figur 3 dieses Patentes kommt dabei dem tatsächlich verwirklichten Nikkor 4/20 sehr nahe. Allein das hier angedeutete Aufteilen der Linse Nummer 5 auf zwei Einzelelemente, um mit ihnen den automatischen Korrektionsausgleich durchführen zu können, wurde in der Praxis so nicht verwirklicht. Als Erfinder dieses Objektives ist Ikuo Mori zu nennen.

Nikkor 4/20 Schnitt

Diese beiden Beispiele des Nikkor 2,8/24 als erstem Retrofokus mit mechanischem Korrektionsausgleich und dem Nikkor 4/20 mit seiner bisher nicht für möglich gehaltenen Kompaktbausweise sollen dokumentieren, welche Fortschritte nach 25 Jahren der Entwicklung von Retrofokus-Weitwinkelobjektiven erzielt worden waren. Über die Retrofokus-Konstruktionen speziell der Firma Nippon Kogaku, die binnen kurzer Zeit zu den profiliertesten Objektivherstellern aufgestiegen war, gäbe es natürlich noch viel mehr zu sagen. Unten ist beispielhaft noch das von Yoshiyuki Shimizu im Jahre 1970 fertiggestellte Nikkor 2/28 mm gezeigt, das für einige Jahre das lichtstärkste Retrofokus mit einem Bildwinkel über 70 Grad darstellte. Mit seinem parallel erschienenen Nikkor 1,4/35 verschob Shimizu die Grenze der Lichstärke weiter nach oben während gleichzeitig sein firmeninterner "Rivale" Ikuo Mori mit den Nikkoren 4/18 mm, 5,6/15 mm und sogar 5,6/13 mm den Bildwinkel auf immer neue Rekorde trieb.

Nikkor 2/28 mm Schnitt

Die Firma Nikon konnte sich dieses Ausloten der Extreme auch deshalb erlauben, weil sie eine prominente Position im Markt der Berufsphotographen innehatte, wo der Preis des photographischen Handwerksgerätes nicht das Ausschlaggebende war. Der große mechanische Aufwand des automatischen Korrektionsausgleiches, der Einsatz teurer Lanthangläser sowie das Aufbringen mehrschichtiger Vergütungen konnten daher bei Nikon in einer Weise standardmäßig angewandt werden, wie es sich konkurrierende Firmen damals nicht leisten konnten. Umso größere Schwierigkeiten hatte man bei Nikon freilich, den Massenmarkt der Amateure zu bedienen, wo ein harter Preiswettbewerb stattfand.

Nikon Nikkor 2/28

8. Minolta: Zwischen Profi- und Massenmarkt

Man muß schon die Patentschriften der Firma Minolta Camera KK in Osaka zu Rate ziehen, um in Erfahrung zu bringen, weshalb die Konkurrenzfirma Nippon Kogaku in Tokio im Jahre 1967 keinen Patentschutz auf ihren revolutionären automatischen Korrektionsausgleich bei Retrofokus-Weitwinkelobjektiven erlangen konnte, sondern zumindest in der Bundesrepublik letztlich nur eine Gebrauchsmuster-Hilfsanmeldung zugesprochen bekam. Ein gewisser Max Reiss in Rochester arbeitete gegen Ende des Zweiten Weltkrieges an Vergrößerungsobjektiven für die Firma Kodak, die gezielt auf die Qualitätsanforderungen der neuen photographischen Farbverfahren ausgerichtet sein sollten. Zwar gelang ihm mit seinem US-Patent Nr. 2.455.808 vom 30. Juni 1944 eine gute Behebung des sekundären Spektrums und der sphärochromatischen Fehler, doch hatte er Schwierigkeiten, diesen Korrekturerfolg gleichmäßig über einen größeren Bereich von Abbildungsmaßstäben aufrechtzuerhalten. Er stellte daraufhin systematische Untersuchungen an, wie durch das axiale Verschieben einzelner Linsen die Verschlechterung der Bildleistung des Objektivs im Nahbereich wieder ausgeglichen werden könne. In seinem am 28. Mai 1948 nachgeschobenen Patent Nr. US2.537.912 gibt er nicht nur rechnerische Werte über den best-geeigneten Luftzwischenraum an, sondern liefert auch auch mechanische Lösungen dafür, wie die Änderung des besagten Luftzwischenraumes an die Verstellung des Abbildungsmaßstabes bzw. der Schärfe gekoppelt werden könne.

US2537912 Reiss Korrektionsausgleich

Damit war das Grundprinzip des automatischen Korrektionsausgleiches bereits 1948 gesichert worden und deshalb konnte die Firma Nikon in ihrem Bundesgebrauchsmuster Nr. 6.606.937 auch nur noch dessen Anwendung in Hinblick auf Retrofokus-Weitwinkelobjektive für sich als Neuerung beanspruchen. Doch gerade hier hatte dieses Verfahren der "floating elements" ja auch eine zentrale Bedeutung, wenn man als konkurrierender Objektivhersteller bei der Weiterentwicklung lichtstarker Retrofokus-Weitwinkel irgendwie am Ball bleiben wollte. Dem Minolta-Konstrukteur Toshinobu Ogura kommt nun das Verdienst zu, für das Prinzip des Korrektionsausgleichs noch einmal einen gänzlich neuen Ansatz gefunden und dabei die nötige Erfindungshöhe erreicht zu haben, um das Verfahren auch für die Firma Minolta patentfähig zu machen.

DE2224429 Minolta VFC 2,8/24 mm

Dazu schlug Ogura im Bundespatent Nr. 2.224.429 vom 19. Mai 1972 ( in Japan schon am 24. Mai 1971 angemeldet) vor, die Verschiebung von einzelnen Linsen im Retrofokusobjektiv nicht allein dafür zu nutzen, um das Ausbrechen der Bildfeldwölbung im Nahbereich zu kompensieren, sondern um darüber hinaus diese Wölbung des Bildfeldes gezielt so zu steuern, daß die Abbildungscharakteristik des Objektives beeinflußt werden kann. Und zwar in der Hinsicht, daß neben einer völlig planen Abbildung nach Belieben auch eine konvexe oder konkave Bildkrümmung eingestellt werden könne. Die Idee dahinter war, daß schließlich nur selten Motive photographiert werden, die ihrerseits völlig plan sind, sondern sie haben meist eine mehr oder weiniger ausgerprägte Tiefenstaffelung. Vor allem bei Weitwinkelobjektiven mit ihren großen Bildwinkeln werden oft viele Motivteile in den Randbereichen erfaßt, die dann vor allem bei voller Objektivöffnung nicht mehr von der Schärfentiefe abgedeckt werden. Ein typisches Beispiel dafür ist, wenn in der Reportagephotographie in eine Menschengruppe hineinphotographiert wird. Die Menschen am Rand stehen dann meist näher an der Kamera als in der Mitte des Bildes. Durch Einführung einer künstlichen Bildfeldkrümmung wären diese Personen im Randbereich trotz geringer Schärfentiefe genau so scharf abbildbar wie die weit entfernten in der Bildmitte. Dazu hatte Toshinobu Ogura einen automatisch arbeitenden Korrektionsausgleich ähnlich wie bei Nikon vorgesehen, der aber durch einen zusätzlichen Einstellring manuell beinflußt werden konnte um eine künstliche konvexe oder konkave Feldkrümmung vorzugeben. Diese Einrichtung wurde von Minolta "Variable Field Curvature VFC" gennant.

Minolta VFC Rokkor 2,8/24 mm

Oben ist dieser zusätzliche Einstellring am Minolta Rokkor VFC 2,8/24 zu sehen und wie die Wirkung des Verstellgrades auf verständliche Weise mithilfe der Objektivgravur visualisiert wurde. Man erkennt gut, welch riesiger Tiefenbereich analog zur Schärfentiefe gewonnen werden konnte, ohne jedoch abblenden und die Belichtungszeit verlängern zu müssen. Der große Vorteil lag außerdem darin, daß die Wirkung der Verstellung im Sucher der Spiegelreflexkamera genau konntrolliert werden konnte und zwar im Unterschied zur Schärfentiefenkontrolle bei voller Helligkeit des Sucherbildes.


Der Firma Minolta scheint aber bewußt gesesen zu sein, daß dieses Sondermerkmal ihres lichtstarken 24-mm-Objektives längst nicht den gesamten Käuferkreis interessieren würde. Die Objektivkonstruktion wurde daher auch auch in einer vereinfachten Version mit einem fest an die Entfernungseinstellung gekoppelten Korrektionsausgleich ohne zusätzliche manuelle Eingriffsmöglichkeit zu einem deutlich günstigeren Preis angeboten. Dieses Rokkor 2,8/24 mm bot für die damalige Zeit eine sehr gute Bildleistung und wurde gar zu einem der Kaufargumente für das gesamte Minolta-System. Zu bemerken ist noch, daß das Serienobjektiv abweichend von der oben wiedergegebenen Patentzeichnung neunlinsig aufgebaut war, indem die Linse Nummer 4 des Patent-Prototyps weggelassen wurde. Der exakte Linsenschnitt wurde bereits eingangs im Abschnitt 1 gezeigt hier in Form des Leitz Elmarit 2,8/24 mm, das optisch mit dem Rokkor identisch ist. Leitz hatte das Weitwinkelobjektiv in der Phase der Kooperation mit Minolta während der 70er Jahre übernommen und die Minolta-Optik in eine eigene Fassung eingebaut. Leitz fertigte dieses Objektiv mit eigenen Gläsern bis in die 1990er Jahre weiter, nachdem Minolta die Konstruktion bereits Anfang der 80er Jahre durch ein einfacheres und kompakteres Objektiv ersetzt hatte. Dieser Umstand spricht meines Erachtens dafür, daß das Rechenbüro Oguras bereits Anfang der 70er Jahre einen sehr hohen Leistungsstand erreicht hatte. Als Kuriosum sei noch erwähnt, daß sein 1972 angemeldetets Patent erst im August 1989 erteilt wurde. Offensichtlich hat es um die Priorität des floating-Verfahrens hinter den Kulissen intensive Auseinandersetzungen zwischen den Herstellerfirmen gegeben.

DE2227448 Korrektionsausgleich Minolta

Der noch zehnlinsige Prototyp des Rokkor 2,8/24 mm. Oben mit einem dreiteiligem Objektivschneckengang (2; 6 und 9). Unten wurde dieser so vereinfacht, daß nur noch zwei zusammengelegte Gewinde-Paare (45 und 52) nötig waren.

DE2227448 Korrektionsausgleich Minolta2

Man muß sich auch vor Augen führen, was für eine große Herausforderung ein solches Retrofokus-Weitwinkelobjektiv mit automatischem Korrektionsausgleich in Bezug auf das Herstellen der Objektivfassung bdeutete. Moderne Objektive arbeiten mit einer sogenannten Geradführung, das heißt man dreht zum Zwecke der Scharfstellung einen äußeren Einstellring die Optik samt Blendenmechanismus wird dabei aber axial verschoben ohne sich selbst zu drehen. Dazu sind im Objektiv zwei Paar Einstellgewinde nötig. Sollen obendrein einzelne Elemente oder Linsengruppen unabhängig vom Fokussierhub verschoben werden, dann bedarf es noch eines weiteren Satzes an Einstellgewinden. Das verkompliziert (und verteuert) die Herstellung der Objektivfassung immens. Mit dem Bundespatent Nr. 2.227.448 vom 6. Juni 1972 [Japan: Nr. JP48539-71 vom 9. Juni 1971, Shigeaki Sugano] wurde daher der mechanische Aufwand für das 2,8/24 mm zunächst auf zwei Paare an Einstellgewinden reduziert.

DE2339723 Korrektionsausgleich Minolta

In der Praxis ergaben sich mit diesen Schneckengängen aber große Probleme. Ein Gewinde braucht immer ein Spiel, um einstellbar zu bleiben. Im Hinblick auf die Gesamtverstellung eines optischen Systems zum Zwecke der Scharfstellung ist ein solches Spiel weitgehend unkritisch. Da nun jedoch für den Korrektionsausgleich einzelne Elemente oder Gruppen INNERHALB des Objektives verschoben werden sollten, wuchsen die Präzisionsanforderung an die Gewinde immens. Sie mußten genau zentrisch und außerdem exakt gerade in die Tuben des Objektives eingeschnitten werden, weil jede Dezentrierung der optischen Achse oder Verkippung der Linsen die Bildleistung eines Hochleistungsobjektives vollkommen zerstören kann.


Auf dieses Problem reagiert das Bundespatent Nr. 2.339.723 vom 6. August 1973 [Japan: Nr. JP47-92617 vom 7. August 1972, Kyozo Uesugi]. Zitat: "Ein Knick in der optischen Achse eines Linsensystems wirkt sich aber auf die Abbildung mindestens ebenso verheerend aus wie die Aberrationsfehler, denen mit der relativen Verstellung der Linsengruppen zueinander entgegengewirkt werden soll." Ganz gleich wie präzise man die Gewinde in die Tuben auch einschnitt, allein das besagte Gewindespiel konnte unzulässige Maßabweichungen nach sich ziehen. Für Minolta ergab sich die Einsicht, daß auf diese Weise keine technisch beherrschbare und ökonomisch sinnvolle Fertigung möglich sei. Die Lösung des oben genannten Patentes bestand nun darin, daß statt einer Gewinde- eine Hülsenanpassung (15) vorgesehen war. Derartige Hülsen lassen sich mit geringem Aufwand in hoher Präzision mithilfe eines üblichen Zylinderschleifverfahrens herstellen. Die Verstellung dieser Hülse um den richtigen Betrag erfolgte mit der Führungsnut 16. Mit diesem vereinfachten Aufbau war ein Retrofokus-Weitwinkel mit floating elements "für Jedermann" möglich geworden.

Minolta Rokkor 1,8/35 mm

Schon vor diesem Rokkor 2,8/24 mm hatte Toshinobu Ogura (japanisch: 者 小倉 敏 誠) für Minolta spektakuläre Retrofokus-Weitwinkelobjektive geschaffen. So zum Beispiel das W.Rokkor-HH 1,8/35 mm. Damals wurden noch keine Patentierungen in Europa vorgenommen, daher existiert nur eine japanische Schutzschrift Nr. 4539874 vom 19. Juli 1967. In dieser fallen die für die damalige Zeit ausgesprochen hochbrechenden Glassorten auf und darunter speziell der Einsatz teurer lanthanhaltiger Schwerkrongläser. Im Verbund mit der neuen SR-T 101, die im Jahr zuvor vorgestellt worden war und die eine Innenlichtmessung bei Offenblende zu bieten hatte, brachte die Firma Minolta die Sparte der auf den gehobenen Amateurbedarf ausgerichteten Spiegelreflexkameras auf ein neues Niveau. Und die europäischen Kamera- und Objektivhersteller waren binnen kurzer Zeit eklatant ins Hintertreffen geraten.

JPS4539874 Minolta Rokkor 1,8-35

Marco Kröger


letzte Änderung: 5. Februar 2023