Werra

Die Werra

Diese Seite soll keine Modellübersicht über die vielfältige Werra-Reihe liefern, sondern einige Hintergrundinformationen zu deren Technikgeschichte, die ansonsten vielleicht in Vergessenheit geraten wären. Zuvor aber noch eine kleine Prise Zeitgeschichte:

Durch die heutzutage möglich gewordene internationale Vernetzung von Kamerafreunden bin ich zu der Einschätzung gelangt, daß die Werra nach wie vor zu den beliebtesten Erzeugnissen unserer Photoindustrie gehört. Hierzulande wie in Übersee ruft die Werra aufgrund ihres ziemlich einzigartigen Äußeren bis heute Begeisterung hervor. Dabei ist nicht einmal mehr deutschen Werra-Freunden vollauf bewußt, welcher nüchterne politische Hintergrund diese Kamera einstmals hervorgebracht hat. Die Werra ist nämlich mit Deutsch-Deutscher Geschichte verbandelt, wie keine andere Kamerabaureihe. Die dahinterstehenden Fakten sind rasch zusammengefaßt: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953, der die Machtposition Walter Ulbrichts ernstlich erschüttert hatte, sorgte dafür, daß die stalinistische Führungselite nach einer kurzen Zeit des sich Sammelns in einen regelrechten Aktionismus ausbrach. Mit dem eigentlich schon vor dem 17. Juni eingeschlagenen „Neuen Kurs“, der aber aufgrund von Halbherzigkeiten den Volksaufstand nicht hatte verhindern können, versuchte man, auf der Basis von wirtschaftspolitischen Zugeständnissen Druck aus dem System zu nehmen. Unter anderem mit dem Mittel, den DDR-Bürgern etwas zum Kaufen in die Läden zu stellen, gelang es, politische Grundsatzfragen vom Tableau zu nehmen. Man versuchte damals, das westdeutsche Wirtschaftswunder zu kopieren, obwohl sich das kleine Land dies eigentlich gar nicht leisten konnte. Doch diese Politik von Zuckerbrot und Peitsche zeigte Wirkung. Teils aus Angst vor Repression, teils in der Hoffnung, daß sich die Zustände doch irgendwie bessern werden, teils aber auch aus dem für die Deutschen so typischen Hang zum Opportunismus heraus, konnte die SED ihre Machttposition für die nächsten drei Jahrzehnte konservieren, bis die damals unter den Teppich gekehrten Grundsatzfragen das Regime ab dem Spätsommer 1989 wieder erbarmungslos einholten.

Werra


zeissikonveb.de 

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Die Werra wurde ursprünglich mit einem grünen Vulkanitbelag versehen. Diese Beschichtungs-Technologie wurde von den Zeissianern schon seit Jahrzehnten im Fernglasbau angewandt und war daher genauestens bekannt. Und grün deshalb, weil die Werra als echte Thüringerin so grün sein sollte, wie der Thüringer Wald. So wurde das damals begründet. Geschmackssache. Die hier angedeuteten Farbvarianten wurden leider nie gefertigt, obwohl sie sicherlich attraktiv gewesen wären. Stattdessen stellte man im Laufe der 50er Jahre die Vulkanisierung auf das zeitlose Schwarz um.

Es ist gar nicht meine Absicht, hier zu politisieren, aber unsere Werra ist nun einmal ein beredtes Zeugnis dieser wirtschaftspolitischen Weichenstellungen in der frühen DDR. Sie war ein direktes Ergebnis des besagten Neuen Kurses. Der VEB Carl Zeiss JENA ist nämlich damals dazu verpflichtet worden, eine Kleinbildkamera für die breiten Massen zu konstruieren, die bei zweckmäßigem Aufbau und guter Leistung in möglichst großen Stückzahlen herstellbar sein sollte [Vgl. Miller, Rolf, Die Werra; in Fotografie 12/1957, S. 353ff.]. Dazu wurde eine Produktionsanlage komplett neu aufgebaut – mit all den Schwierigkeiten, die sich bei so einem Vorhaben ergeben. Wolfgang Schröter ermöglicht es uns, einen einmaligen Blick in die im Sommer 1954 gerade erst angelaufene Produktion der Werra zu werfen [Deutsche Fotothek, Datensatz 71621305].



Wenn Konstrukteure freie Hand bekommen, eine Kamera von Grund auf neu zu entwerfen, dann sind erst einmal prinzipielle Fragen zu klären. Offensichtlich war die Werra von vornherein als eine Sucherkamera konzipiert worden, die bei grundsätzlich klar und einfach gehaltenem Aufbau ein großes Erweiterungspotential haben sollte. Damit das preiswerte, als Massenkamera geeignete Grundmodell so einfach wie möglich gehalten werden konnte, war ein großes Augenmerk auf die Problematik der Kopplung von Filmtransport und Verschlußaufzug zu legen. In diesem Bereich wurde bei der Werra eine Lösung gefunden, die völlig neu war.


Bislang bestand für die Konstrukteure immer das Problem, daß der Weitertransport des Filmbandes drehende Bewegungen verlangte, das Spannen des Zentralverschlusses aber das Schwenken des zum Verschluß gehörigen Spannhebels. Es mußte also bislang immer die Drehung des Transportgetriebes in irgendeiner (meist aufwendigen) Weise in eine hin- und hergehende der Spannmechanik umgewandelt werden. Bei der Werra ging man genau den umgekehrten Weg. Die für das Spannen des Verschlusses nötige Schwenkbewegung wurde dadurch sehr vereinfacht, indem rund um den Objektivkörper ein breiter Ring angeordnet wurde, in dessen Inneren dieser Spannvorgang gekapselt stattfand. Gleich nach dem Spannen kehrte dieser breite Ring durch Federkraft wieder in seine Ausgangsposition zurück. Die Konstruktionsidee der Zeissianer lag nun darin, mit diesem Ring gleichzeitig eine Zahnstange mitzunehmen, die auf dem Hinweg die Zahntrommel des Filmtransportes in Drehung versetzt. Ein Freilauf sorgt dafür, daß auf dem Rückweg die Transportmechanik entkoppelt wurde. Mit dieser Umkehrung des bisher verwendeten Kopplungsprinzips war sichergestellt, daß der viel problematischere und kraftintensivere Spannvorgang nicht aus der Drehung des Filmtransportknopfes abgeleitet werden mußte.

Werra Filmtransport

Großer Wert wurde von Beginn an auf robuste Konstruktion gelegt – irgendwelche Lösungen mit Springmechanik und Lederbalg zwischen Objektiv und Gehäuse kamen dabei nicht infrage. Besonderes Augenmerk galt auch der Bildbühne. Rolf Miller hat in seinem Aufsatz „Die Bildleistung der Werra“ [Fotografie, 4/1958, S. 122ff.] ausführlich beschrieben, welche umfangreichen Untersuchungen zur Filmplanlage angestellt wurden, bevor die Bildbühne letztlich Gestalt annahm. Hier haben es die von Zeiss delegierten Chefkonstrukteure Werner Broche und Kurt Wagner anfänglich ein wenig übertrieben. Die ersten Modelle der Werra konnten diese Präzision noch gar nicht ausnutzen.

Das ist eine Nahaufnahme der Filmspreizrippen der Werra. Wie die Bezeichnung andeutet, besteht ihre Aufgabe darin, den Film quer zur Transportrichtung auseinanderzuziehen, und dadurch die Durchwölbung des Schichträgers auf ein absolutes Kleinstmaß zu begrenzen. Um in den vollen Genuß dieses Effektes zu gelangen, war es allerdings empfehlenswert, den Filmtransport immer erst kurz vor der Aufnahme durchzuführen, da er ansonsten durch das klimatisch bedingte Eigenleben des Materiales rasch wieder zunichte gemacht wurde.

Diese konstruktiven Vorleistungen zahlten sich aber aus, als einige Jahre später die Werra mit Wechselobjektiven versehen und zur Meßsucherkammera ausgebaut werden sollte. Jetzt war Präzision gefragt! Die resultierende Bildqualität setzt sich nämlich aus der Summe aller Justierungsungenauigkeiten zusammen. Und diese Abweichungen kamen nun nicht nur von der Filmdurchbiegung, sondern auch vom Abgleich des Meßsuchers und von Toleranzen des Anlagemaßes verschiedener Wechselobjektive. Dieses Aufsummieren von Toleranzen ist übrigens ein großes Problem für den Kamerakonstrukteur, weil dies im schlimmsten Fall die ganze Kamera infragestellen kann. Ich kann mir vorstellen, daß schlecht beherrschbare Justagefehler auch die Umstellung der Altix auf Meßsucher vereitelt haben, denn was nützt ein präziser Meßsucher, wenn das Bild am Ende nicht scharf ist, weil die gesamte Abbildungskette nicht präzise genug toleriert ist. Bei der Werra war dieses Problem von Anfang an ausreichend beachtet worden. Das ist ein Hauptgrund dafür, weshalb diese ursprünglich so simple Werra am Ende zu solch einem hochpräzisen System mit Wechselobjektiven und gekuppeltem Belichtungsmesser ausgebaut werden konnte. Das ist wahrlich als eine der größten Konstruktionsleistungen im deutschen Kamerabau anzusehen.

Werner Broche und Kurt Wagner - Werra

Diese Aufnahme Wolfgang Schröters aus dem Jahre 1954 zeigt zwei vergessene Kamera-Konstrukteure: Werner Broche (links) und Kurt Wagner hatten nämlich die maßgebliche Konstruktionsverantwortung für die Kleinbildkamera "Werra". Man beachte den Prototypen, der vor ihnen liegt. [Deutsche Fotothek, Datensatz 71206836]

Oben sieht man eine Modellübersicht der Werra-Reihe. Die Werra V befand sich zum Zeitpunkt des Druckes (1958) noch in der Konzeption. Die fertige Kamera hatte dann eine gewölbte Deckkappe, die in der Folgezeit auch sukzessive bei den anderen Modellen übernommen wurde. Die Werra V wurde kurze Zeit später durch die leicht weiterentwickelte Werramatic abgelöst, deren äußeres Kennzeichen die weggefallene Schutzkappe vor dem Einbereichs-Belichtungsmesser war.


Unten  dieses besagte Spitzenmodell der Reihe mit einer bequemen Belichtungshalbautomatik und dem speziellen Schnittbild-Entfernungsmesser im großen, hellen Meßsucher. Die Zeichnung darunter zeigt, welch großer optischer und mechanischer Aufwand für diesen Meßsucher vonnöten gewesen ist.

DD17.655
DD17.655

Geschützt wurde der Meßsucher der Werra mit dem DDR-Patent Nr. 17.655 vom 10. Juli 1956. Hermann Friebe war der Urheber. Mir ist übrigens nicht bewußt, daß dieses Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers von anderen Herstellern in ihren Meßsuchern eingesetzt worden ist. Man findet sonst eigentlich nur den Mischbildentfernungsmesser, der nach dem Überlagerungsprinzip arbeitet. Der Schnittbildentferungsmesser braucht zwar immer eine Kante oder ein anderes markantes Objekt, das eben zerschnitten wirkt, wenn nicht scharfgestellt ist, dafür beeindruckt er mit seinem hellen, klaren Meßfleck, der auch bei wenig Licht und kontrastarmen Objekten ein gutes Scharfstellen ermöglicht. Das Mischbild ist in solchen Fällen meist rasch am Ende.


Erwähnenswert ist noch, daß dieses Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers eine Möglichkeit geboten hätte, nicht nur die Scharfstellung anhand des Suchers vorzunehmen, sondern auch die zur Verfügung stehende Schärfentiefe im Sucher direkt ablesen zu können. Hermann Friebe und Paul Klupsch hatten dazu ein Patent angemeldet, das aber in der Praxis nicht verwirklicht wurde [DD27.363 vom 1. Juli 1957].

Wieso nicht jede x-beliebige Firma solch aufwendige Meßsucher anbieten konnte, erkennt man, wenn man sich einmal die Kombination aus Dackantprisma mit aufgekittetem Ablenkungsprisma anschaut, die in der Werra III...V verbaut wurde. Das war schon höchste optisch-feinmechanische Präzision. Heute werden solche Prismensysteme aus transparenten Kunststoffen gespritzt, aber bei der Werra ist alles aus geschliffenem, poliertem Glase. Bei der Werra V bzw. der Werramatic kam dann noch die Anzeige des Nachführzeigers am unteren Bildrand sowie die Einspiegelung von Zeit- und Blendenskala hinzu. Das war eine große Leistung!

Als die Werra III entwickelt wurde, sollte diese nicht nur einen mit der Scharfstellung gekuppelten Entfernungsmesser aufweisen, sondern als Erschwernis auch noch Wechselobjektive. Ein sogenannter Basisentfernungsmesser, bei dem Spiegel, Prismen oder Linsen um ganz geringe Winkelbeträge verschwenkt werden, stellt an sich schon eine große mechanische Herausforderung dar. Wenn der Entfernungsmesser überhaupt die notwenidige Präzision des Kleinbildes erfüllen und eine gewisse Langzeitstabilität gesichert bleiben soll, dann verlangt eine Entfernungsmesserkupplung bei Wechselobjektivsystemen eine sehr sorgfältige Konstruktionstätigkeit. Nicht umsonst haben die Firmen Leitz und Zeiss Ikon Anfang der 1930er Jahre sehr lange an dieser Problemstellung gearbeitet und sind auch zu sehr unterschiedlichen konstruktiven Lösungen gekommen.


Die Entfernungsmesserkupplung der Werra folgt nun in gewisser Weise dem Grundprinzip der Leica. Allerdings wird der Schwenkwinkel nicht wie bei der Leica direkt durch ein Gleiten an der Verstellkurve des Objektivs angetrieben, sondern über zwei Stifte, von denen der eine einen Bestandteil der Kamera darstellt und der andere spielfrei im Objektiv gelagert ist. Das garantiert höchste Langzeitstabilität und Verschleißfreiheit. Diese Anordnung war übrigens auch deshalb machbar, weil die Werra mit dem in der DDR weit verbreiteten Schraubbajonett-Prinzip arbeitet, bei dem das Objektiv nicht verdreht werden muß, sondern von vorn aufgesteckt und durch Verdrehen eines Ringes gesichert wird. Entwickelt wurde diese Entfernungsmesserkupplung vom Zeiss-Konstrukteur Paul Klupsch, der sich seine Idee im DDR Patent Nr. 16.873 vom 23. Oktober 1956 hat schützen lassen.


DD16.873
Werra II

Nicht weniger Aufwand als der gekuppelte Entfernungsmesser verlangte die Konstruktion eines einfach zu bedienenden Belichtungsmessers. Bei der Werra II waren dazu noch Leitwerte und eine passende Rechenscheibe auf der Rückwand der Kamera vonnöten (s.o.). Für die Werra IV hatten sich Helmut Scharffenberg und Johann Koch ein anderes System ausgedacht, das ohne zusätzliche Skalen und Rechenhilfen auskam [DDR-Patent Nr. 20.019 vom 1. September 1957]. Dazu war ein Indexring vorgesehen, der bei Einstellung der Filmempfindlichkeit in eine bestimmte Relation zum gekoppelten Zeit- und Blendeneinstellring gebracht wurde. Der Belichtungsmesser zeigte nun direkt einen Blendenwert an, der  einmalig bei ENTKOPPELTEM Zeit-Blendenring dem Index gegenübergestellt werden mußte.  Anschließend konnten beliebige Zeit-Blenden-Paarungen gewählt werden, ohne daß sich die Belichtung änderte. Da der Belichtungsmesser der Werra IV noch ein Zweibereichs-Beleichtungsmesser war, waren zwei farbige Indizes auf dem Indexring vorhanden.

DD20.019 Werra IV

Trotzdem war diese Vereinfachung noch nicht einfach genug. Immernoch mußten Zahlen von einer Skala abgelesen und am Index eingestellt werden. Für die Werra V (bzw. Werramatic) sollte der Abgleich ohne Ablesung von Zahlenwerten möglich sein, indem einfach der Zeiger des Belichtungsmessers auf eine Festmarke eingestellt würde (Nachführprinzip). Verkompliziert wurde diese Lösung dadurch, daß diese Nachführung möglich sein sollte, während man das Motiv mit dem Sucher anvisierte. Weil dazu das Meßsystem ohnehin in den Sucher eingespiegelt werden mußte, hatte Johann  Koch den Meßabgleich so ausgelegt, das er entsprechend optomechanisch arbeitete [DDR-Patent Nr. 29.472 vom 5. Oktober 1959]. Dazu wurden Zeit, Blende und Filmempfindlichkeit in eine Stößelbewegung überführt, die eine Verdrehung eines Spiegels bewirkte, der seinerseits den Zeiger im Sucher abbildete. Mit dieser Einrichtung mußte der Zeiger auf den Ausschnitt am unteren Sucherrand eingespielt werden, wie dies oben in der Darstellung des Werramatic-Sucherbildes gezeigt ist. Dieser Mechanismus geriet beinah ebenso aufwendig, wie der Entfernungsmesser derselben Kamera.

DD29.472 Werra V

Unter Federführung der Konstrukteure Hermann Friebe und Helmut Scharffenberg wurde die Werramat anschließend bis zum Jahre 1967 zu einem Blendenautomaten weiterentwickelt. Diese "WERRA supermat" wurde 1968 noch groß in der "Fotografie" angekündgt und umfangreich technisch beschrieben, kam aber offenbar nicht über die Nullserie hinaus und gelangte auch nicht offiziell in die Geschäfte.

Aufnahmen: Peter Drijver

Die gesamte Belichtungsautomatik dieser Kamera fußte nun darauf, daß eine aufwendige Mechanik die Stellung des Meßwerkzeigers abtastete, um damit die Blendenöffnung festzulegen, bevor der Verschluß schließlich ausgelöst wurde. Ich dachte bislang immer, der durch diesen Aufbau stark verlängerte Auslöseweg sei der Anlaß gewesen, von der bisherigen Form des Gehäuseauslösers abzugehen und an der Rückseite eine Art Auslöseschieber anzuordnen. Jetzt habe ich allerdings ein Patent gefunden, das Hermann Friebe und Werner Broche am 2. März 1963 angemeldet hatten [Nr. DD43.115] und das den wahren Hintergrund für die Umgestaltung der Auslösebetätigung offenbart. Die bisherigen Werramodelle hatten wie gesagt einen Auslöser gehabt, dessen Betätigungsknopf auf der Deckkappe der Kamera untergebracht war. Das konnte zur Folge haben, daß versehentlich ein Finger die Öffnung des Photoelementes abdeckte. Bislang war das verschmerzlich, da durch die BelichtungsHALBautomatik zwischen Belichtungsmessung und Aufnahme genügend Zeit blieb, den Fehler zu entdecken und abzuwenden. Bei einer Werra mit BelichtungsVOLLautomatik bestimmte das Meßergebnis aber nun direkt und und ohne zeitlichen Verzug die beim Auslösen gebildete Blendenöffnung und eine auch noch so flüchtige Verfälschung der Messung mußte daher unter allen Umständen verhindert werden. Die Erfinder meinten, dieses Ziel durch die Verlegung des Auslösers an die Rückseite der Kamera und die Betätigung mit dem Daumen statt mit dem Zeigefinger sicher erreichen zu können.

DD43.115
DD43.115

Die Tatsache freilich, daß man sich mit Problemen wie dem versehentlichen Verdecken des Belichtungsmessers beschäftigen mußte, zeigt bereits, wie weit hinterher diese Technologie mit Selenzelle und dem mechanisch abgetasteten Meßinstrument im Jahre 1968 bereits gewesen ist. Aus Japan wurden längst vollautomatisch belichtende Sucherkameras geliefert, die mit kleinflächigen Photowiderständen arbeiteten. Diese Photowiderstände waren sogar klein genug, daß man sie innerhalb des Objektivtubus placieren konnte, wo sie nicht versehntlich abgedeckt werden konnten und sogar den Belichtungsfaktor eines vorgesetzten Filters mit registrierten. Überdies geschah bei einigen von diesen vollautomatisch belichtenden Sucherkameras die Belichtungssteuerung bereits vollelektronisch (z.B. Yashica electro 35). Im Angesicht dieses durch die japanische Photoindustrie vorgegebenen technischen Standes war die WERRA supermat nichts als "kalter Kaffee" und die Exportchancen hätten mit großer Sicherheit gegen Null tendiert.


Ich vermute aber, daß es nicht allein die technische Rückständigkeit dieser WERRA supermat gewesen ist, die ihre Serienfertigung verhindert hat, sondern eher die Tatsache, daß der neue Kamerakonzern PENTACON endlich von der Last befreit werden wollte, weiterhin den komplizierten und in der Herstellung problematischen Prestor Zentralverschluß für Zeiss Jena bereitstellen zu müssen. Und ohne Zentralverschluß eben keine Werra mehr.

late Werra-mat

Marco Kröger


letzte Änderung: 21. Januar 2020