Werra


zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de 

Die Werra

Diese Seite soll keine Modellübersicht über die vielfältige Werra-Reihe liefern, sondern lediglich einige Hintergrundinformationen zu den besonderen technischen Merkmalen, die diese Kamera aus der Masse herausragen läßt. Zuvor aber noch eine kleine Prise Zeitgeschichte:

Werra

1. Historische Einordnung


Durch die heutzutage möglich gewordene internationale Vernetzung von Kamerafreunden bin ich zu der Einschätzung gelangt, daß die Werra nach wie vor zu den beliebtesten Erzeugnissen unserer Photoindustrie gehört. Hierzulande wie in Übersee ruft die Werra aufgrund ihres ziemlich einzigartigen Äußeren bis heute Begeisterung hervor. Dabei ist nicht einmal mehr deutschen Werra-Freunden vollauf bewußt, vor welchem politischen Hintergrund diese Kamera damals entstanden ist. Die Werra ist nämlich mit Deutsch-Deutscher Geschichte verbandelt wie keine andere Kamerabaureihe.


Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatte die kleine DDR erschüttert. Diese wenigen Tage der Eskalation waren aber nur der finale Paukenschlag einer Lage, die sich seit einem Jahr immer mehr zuspitzte. In der ersten Jahreshälfte 1952 verschärfte sich der Ost-West-Konflikt und es zeichnete sich ab, daß sich eine Deutsche Einheit in naher Zukunft kaum mehr verwirklichen lassen würde. Stalin – vom Überfall "des Imperialismus" im Jahre 1941 traumatisiert – setzte nun auf Abgrenzung und verstärkte Aufrüstung. In diesem Zuge sollte die kleine DDR seit dem Juli 1952 zu einem großen Rüstungslieferanten für den Sowjetunion ausgebaut werden. Die damit einhergehende forcierte Ausweitung der Schwerindustrie führte nach den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Kriege erstmals dazu, daß sich die Wohlstandsverhältnisse der DDR-Bevölkerung wieder verschlechterten. Nicht nur hochwertige Konsumgüter, sondern auch die kleinen Dinge des täglichen Bedarfs wurden knapp. Und da es wenig zu kaufen gab, war gleichsam zu viel Geld im Umlauf, das nicht ausgegeben werden konnte. Auf der anderen Seite kostete die Rüstung immense Summen, die aufgetrieben werden mußten. Die zu diesem Zweck unter dem Mantel der Arbeitsnormerhöhung verdeckte Lohnkürzung vom Mai 1953 brachte nun das Faß zum überlaufen. Es gährte in der Bevölkerung.


Es war die vonseiten der Sowjetunion Anfang Juni eilig angeordnete Richtungskorrektur um beinah 180 Grad, die die SED-Herrschaft nun ernstlich in Gefahr brachte. Ein "Neuer Kurs" wurde überstürzt verkündet. Die Partei, die bis dahin immer alles wußte und alles konnte und sowieso immer recht hatte, gestand auf einmal Fehler ein. Die bis dato eingeschüchterte Bevölkerung spürte daraufhin plötzlich Oberwasser und traute sich, auf die Straße zu gehen. Rasch wurden politische Forderungen gestellt bis hin zu freien Wahlen. Dieser "Spuk" ließ sich erst durch das gewaltsame Eingreifen der Besatzungsmacht beenden.


Paradoxerweise sollte nun aber gerade diese Eskalation des 17. Juni die wacklige Machtposition Walter Ulbrichts festigen. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes und dem Ausschalten der innerparteilichen Gegner Ulbrichts wurde das System um so fester zementiert. Hatte der „Neue Kurs“ die Partei einige Wochen zuvor noch in helle Aufregung versetzt, so wurde er nun quasi zu einer Maßnahme verwässert, um überwiegend auf der Basis von wirtschaftspolitischen Zugeständnissen Druck aus dem System zu nehmen. Unter anderem mit dem Mittel, den DDR-Bürgern etwas zum Kaufen in die Läden zu stellen, gelang es, politische Grundsatzfragen vom Tableau zu nehmen. Leicht gelockerte Zügel, ein Hauch von Wirtschaftswunder und die rigorose Verfolgung aller Abweichler und Andersdenkenden versetzten die SED in die Lage, ihre Machttposition zu konsolidieren und für die nächsten dreieinhalb Jahrzehnte zu konservieren, bis die damals unter den Teppich gekehrten Grundsatzfragen das Regime ab dem Spätsommer 1989 wieder erbarmungslos einholten.

Die Werra wurde ursprünglich mit einem grünen Vulkanitbelag versehen. Diese Beschichtungs-Technologie wurde von den Zeissianern schon seit Jahrzehnten im Fernglasbau angewandt und war daher genauestens bekannt. Und grün deshalb, weil die Werra als echte Thüringerin so grün sein sollte, wie der Thüringer Wald. So wurde das damals begründet. Geschmackssache. Die hier angedeuteten Farbvarianten wurden leider nie gefertigt, obwohl sie sicherlich attraktiv gewesen wären. Stattdessen stellte man im Laufe der 50er Jahre die Vulkanisierung auf das zeitlose Schwarz um.

Es ist gar nicht meine Absicht, hier zu politisieren, aber unsere Werra ist nun einmal ein beredtes Zeugnis dieser wirtschaftspolitischen Weichenstellungen in der frühen DDR. Sie war ein direktes Ergebnis des besagten Neuen Kurses. Der VEB Carl Zeiss JENA ist nämlich damals dazu verpflichtet worden, eine Kleinbildkamera für die breiten Massen zu konstruieren, die bei zweckmäßigem Aufbau und guter Leistung in möglichst großen Stückzahlen herstellbar sein sollte [Vgl. Miller, Rolf, Die Werra; in Fotografie 12/1957, S. 353ff.]. Dazu wurde im thüringischen Eisfeld, wo unweit der namensgebende Fluß entspringt, eine Produktionsanlage komplett neu aufgebaut – mit all den Schwierigkeiten, die sich bei so einem Vorhaben ergeben. Immerhin sollte man sich vor Augen führen, daß die seit über 100 Jahren bestehende und auf optisch-feinmechanischem Gebiet derart profilierte Werkstätte Carl Zeiss Jena keinerlei Erfahrungen im Kamerabau hatte. Rückblickend betrachtet sticht es geradezu ins Auge, daß die Werra von zwar erfahrenen, aber im Kamerabau bislang völlig unbeleckten Konstrukteuren konzipiert worden ist, die dementsprechend völlig unvoreingenommen an ihre Aufgabe herangehen konnten.

Wolfgang Schröter ermöglicht es uns, einen einmaligen Blick in die im Sommer 1954 gerade erst angelaufene Produktion der Werra zu werfen [Deutsche Fotothek, Datensatz 71621305].

Wenn also Konstrukteure freie Hand bekommen, eine Kamera von Grund auf neu zu entwerfen, dann sind erst einmal prinzipielle Fragen zu klären. Offensichtlich war die Werra von vornherein als eine Sucherkamera konzipiert worden, die bei grundsätzlich klar und einfach gehaltenem Aufbau ein großes Erweiterungspotential haben sollte. Damit das preiswerte, als Massenkamera geeignete Grundmodell so einfach wie möglich gehalten werden konnte, war ein großes Augenmerk auf die Problematik der Kopplung von Filmtransport und Verschlußaufzug zu legen. In diesem Bereich wurde bei der Werra eine Lösung gefunden, die völlig neu war.

Werner Broche und Kurt Wagner - Werra

Diese Aufnahme Wolfgang Schröters aus dem Jahre 1954 zeigt zwei vergessene Kamera-Konstrukteure: Werner Broche (links) und Kurt Wagner hatten nämlich die maßgebliche Konstruktionsverantwortung für die Kleinbildkamera "Werra". Man beachte den Prototypen, der vor ihnen liegt. [Deutsche Fotothek, Datensatz 71206836]

2. Filmtransport


Bislang bestand für die Konstrukteure immer das Problem, daß der Weitertransport des Filmbandes drehende Bewegungen verlangte, das Spannen des Zentralverschlusses aber das Schwenken des zum Verschluß gehörigen Spannhebels. Es mußte also bislang immer die Drehung des Transportgetriebes in irgendeiner (meist aufwendigen) Weise in eine hin- und hergehende der Spannmechanik umgewandelt werden. Bei der Werra ging man genau den umgekehrten Weg. Die für das Spannen des Verschlusses nötige Schwenkbewegung wurde dadurch sehr vereinfacht, indem rund um den Objektivkörper ein breiter Ring angeordnet wurde, in dessen Inneren dieser Spannvorgang gekapselt stattfand. Gleich nach dem Spannen kehrte dieser breite Ring durch Federkraft wieder in seine Ausgangsposition zurück. Die Konstruktionsidee der Zeissianer lag nun darin, mit diesem Ring gleichzeitig eine Zahnstange mitzunehmen, die auf dem Hinweg die Zahntrommel des Filmtransportes in Drehung versetzte. Ein Freilauf sorgte dafür, daß auf dem Rückweg die Transportmechanik entkoppelt wurde. Mit dieser Umkehrung des bisher verwendeten Kopplungsprinzips war sichergestellt, daß der viel problematischere und kraftintensivere Spannvorgang nicht aus der Drehung des Filmtransportknopfes abgeleitet werden mußte.

Werra Filmtransport

3. Grundaufbau


Großer Wert wurde von Beginn an auf robuste Konstruktion gelegt – irgendwelche Lösungen mit Springmechanik und Lederbalg zwischen Objektiv und Gehäuse kamen dabei nicht infrage. Besonderes Augenmerk galt auch der Bildbühne. Rolf Miller hat in seinem Aufsatz „Die Bildleistung der Werra“ [Fotografie, 4/1958, S. 122ff.] ausführlich beschrieben, welche umfangreichen Untersuchungen zur Filmplanlage angestellt wurden, bevor die Bildbühne letztlich Gestalt annahm. Hier haben es die von Zeiss delegierten Chefkonstrukteure Werner Broche und Kurt Wagner anfänglich ein wenig übertrieben. Die ersten Modelle der Werra konnten diese Präzision noch gar nicht ausnutzen.

Das ist eine Nahaufnahme der Filmspreizrippen der Werra. Wie die Bezeichnung andeutet, besteht ihre Aufgabe darin, den Film quer zur Transportrichtung auseinanderzuziehen, und dadurch die Durchwölbung des Schichträgers auf ein absolutes Kleinstmaß zu begrenzen. Um in den vollen Genuß dieses Effektes zu gelangen, war es allerdings empfehlenswert, den Filmtransport immer erst kurz vor der Aufnahme durchzuführen, da ansonsten durch das klimatisch bedingte Eigenleben des Materials die erreichte Planlage rasch wieder zunichte gemacht würde.

Diese konstruktiven Vorleistungen zahlten sich aber aus, als einige Jahre später die Werra mit Wechselobjektiven versehen und zur Meßsucherkammera ausgebaut werden sollte. Jetzt war Präzision gefragt! Die resultierende Bildqualität setzt sich nämlich stets aus der Summe aller Justierungsungenauigkeiten zusammen. Und diese Abweichungen kamen nun nicht nur von der Filmdurchbiegung, sondern auch vom Abgleich des Meßsuchers und von Toleranzen des Anlagemaßes verschiedener Wechselobjektive. Dieses Aufsummieren von Toleranzen ist übrigens ein großes Problem für den Kamerakonstrukteur, weil dies im schlimmsten Fall rasch darauf hinauslaufen kann, daß die ganze Kamera infragestellt wird. Ich kann mir vorstellen, daß schlecht beherrschbare Justagefehler auch die Umstellung der Altix auf Meßsucher vereitelt haben, denn was nützt ein präziser Meßsucher, wenn das Bild am Ende nicht scharf ist, weil die gesamte Abbildungskette nicht präzise genug toleriert ist. Bei der Werra war dieses Problem von Anfang an ausreichend beachtet worden. Das ist ein Hauptgrund dafür, weshalb diese ursprünglich so simple Werra am Ende zu solch einem hochpräzisen System mit Wechselobjektiven und gekuppeltem Belichtungsmesser ausgebaut werden konnte. Das ist wahrlich als eine der größten Konstruktionsleistungen im deutschen Kamerabau anzusehen.

Oben sieht man eine Modellübersicht der Werra-Reihe. Die Werra V befand sich zum Zeitpunkt des Druckes (1958) noch in der Konzeption. Die fertige Kamera hatte dann eine gewölbte Deckkappe, die in der Folgezeit auch sukzessive bei den anderen Modellen übernommen wurde. Die Werra V wurde kurze Zeit später durch die leicht weiterentwickelte Werramatic abgelöst, deren äußeres Kennzeichen die weggefallene Schutzkappe vor dem Einbereichs-Belichtungsmesser war.


Unten dieses besagte Spitzenmodell der Reihe mit einer bequemen Belichtungshalbautomatik und dem speziellen Schnittbild-Entfernungsmesser im großen, hellen Meßsucher mit seinen filigranen Bildbegrenzungsrahmen. Sie stellte mithin den Höhepunkt des Sucherkamerabaus in der DDR dar.

4. Zentralverschluß


Die Werra ist aufs Engste mit der Entwicklung einer eigenen Zentralverschluß-Technologie in der DDR verknüpft. Neben der Pentina ist sie die regelrechte "Indikatorkamera" für das Vorankommen der Industrie in diesem Bereich. Sehr ausführlich habe ich mich zu diesem Thema in einem gesonderten Aufsatz geäußert. Mir scheint es aber angebracht, hier einige der wichtigsten Thesen in geballter Form zusammenzufassen.


Allem voran muß man sich die schwierige Lage vor Augen führen, in die die Kameraindustrie im Dresdner Raum durch die Spaltung Deutschlands zuerst in Besatzungszonen und anschließend in zwei voneinander getrennte Staaten gebracht worden war. Freilich muß es wohl explizit der Firmenpolitik des Zeisskonzerns in den 20er und 30er Jahren zugeschrieben werden, daß eine in Dresden durchaus vorhandene Kompetenz im Bau von Zentralverschlüssen abgebrochen und auf die Standorte der (damals geheimen) Firmentöchter Friedrich Deckel AG in München und Alfred Gauthier in Calmbach konzentriert worden ist. Namentlich Hochleistungs-Spannverschlüsse mit Räderhemmwerk (Typ "Compur") kamen von da ab quasi monopolartig aus München. Carl Zeiss Jena hatte sich mit dieser Kontrolle über das Schlüsselprodukt Zentralverschluß einen verdeckten Einfluß auf die verbliebene unabhängige Kamerabauindustrie (Voigtländer, Franke & Heidecke, Certo, Beier, usw.) gesichert. Für den "mitteldeutschen" Kamerabau bedeutete dies, daß spätestens mit der Gründung der Bundesrepublik, aber de facto bereits mit der westlichen Währungsreform vom Sommer 1948 die Belieferung mit diesem Schlüsselprodukt Zentralverschluß in eine ernstzunehmende Krise geraten war. Die dadurch ausgelöste strukturelle Umorientierung prägte letztlich über 40 Jahre lang die gesamte folgende Produktentwicklung in der DDR-Photoindustrie. Die Dominanz des Schlitzverschlusses bis hinein in den Großformatbereich und andererseits der Mangel im Sortiment an hochwertigen Sucherkameras mit Zentralverschluß zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des DDR-Kamerabaus. Um so bedeutender sind die wenigen Ausnahmen, mit denen man versuchte, diese strukturelle Krise zu durchbrechen. Und die Werra nimmt hierbei eben eine ganz zentrale Rolle ein.


Mithilfe einer Korrespondenz zwischen Zeiss Jena und dem Mimosa Werk in Dresden, die in einer Quellensammlung herausgegeben von Hartmut Thiele wiedergeben ist, läßt sich erahnen, daß aufgrund anhaltender Schwierigkeiten mit dem einfachen Selbstspannverschluß "VELAX" in diesem Betrieb Ende der 1940er Jahre die Arbeiten an einem höherwertigen Spannverschluß in Angriff genommen wurden [Thiele, Die Photoindustrie der SBZ und DDR von 1945 bis 1959, 2020, S. 32.]. Wesentliches Ansinnen bei diesen Entwicklungsarbeiten war, den patentrechtichen Schutz des westdeutschen Compur nicht zu verletzen. Wenn dies zutrifft, dann dürfte daraus der spätere "CLUDOR" entstanden sein ein vergleichsweise einfach aufgebauter Spannverschluß der Baugröße 00 mit drei Sektoren und einer kürzesten Zeit von einer 1/200 Sekunde für Kameras der Mittelklasse. Die Fertigung dieses Verschlusses wurde später offenbar vom VEB Zeiss Ikon übernommen und nach einiger Zeit mit rudimentären Veränderungen als "VEBUR" fortgeführt. Es war dieser in der DDR selbständig entwickelte Verschluß, der es 1954 überhaupt ermöglichte, eine Volkskamera wie die Werra für den inländischen Massenmarkt ins Auge zu fassen. Mit Importverschlüssen wäre ein ein solcher Ansatz nicht zu verwirklichen gewesen.


Die Werra war nun dergestalt konzipert, daß dieser Zentralverschluß nicht zwischen dem vorderen und dem rückwärtigen Teil des Objektives saß, sondern das komplette Novonar bzw. Tessar in einer eigenen Fassung mit Schneckengang VOR den Zentralverschluß gesetzt wurde. Daher mußte das Objektiv auch mit einer eigenen Blende versehen werden. Die üblicherweise im Zentralverschluß hinter den Öffnungssektoren sitzenden Blendenlamellen konnten somit nicht genutzt werden und entfielen daher in der Spezialversion des Vebur für die Werra. Auch das hintere Einschraubgewinde war nicht vorhanden. Die umständlich anmutende Bauweise, das Objektiv vor den Zentralverschluß zu setzen, war zuvor auch schon von einigen Firmen in der Bundesrepublik genutzt worden. Sie ermöglichte es, den Grundkörper der Kamera schlank und elegant zu halten. Hätte man das Objektiv IN den Zentralverschluß eingebaut, so wäre dieser aufgrund der Brennweite von 50 mm weit nach vorne gerückt. Wie dick eine solche Kamera dann rasch wird, kann man gut an der Mimosa erkennen.

In den 50er Jahren findet ein endgültiger Übergang von der Springkamera mit Balgen (z.B. Kodak Retina) hin zur sogenannten Tubuskamera (z.B Agfa Silette) statt, bei denen das Objektiv nun fest verbaut war. Nicht ausschließlich, aber auffallend oft wurde nun das Objektiv VOR den Verschluß gesetzt.

Der einfache Vebur war für das Werra-Grundmodell völlig ausreichend. Allerdings mußte auf einen Selbstauslöser und die damals sehr wichtige Vollsynchronisation für Blitzlampen (SVS-Verschlüsse) verzichtet werden. Der Vebur hatte aber auch noch ganz andere Schwächen, die erst so recht zutage traten, als die Werra hin zu einer komfortableren Bedienung erweitert werden sollte. Dazu muß man bedenken, daß die Kleinbildphotographie in den 50er Jahren vor allem deshalb einen so großen Aufschwung genoß, weil erstmals die Farbphotographie für die breiten Massen in den Bereich des Möglichen rückte. Und "bunt" bedeutete damals fast ausschließlich Dias und Projektion. Da die zugehörigen Umkehrflme sehr genau belichtet werden mußten, wünschte sich so mancher Photoamateur einen Belichtungsmesser zu seiner Kamera. Dabei waren in der Bundesrepublik im gehobenen Marktsegment Kameras üblich geworden, bei denen der Belichtungsmesser nicht einfach nur elegant in die Kamera eingebaut, sondern seine Abgleichnadel mit der Einstellung von Zeit und Blende gekuppelt worden war. Schaut man sich hingegen einen Vebur-Verschluß genau an, fallen einem zwei Dinge auf: Erstens die alte Zeitskala mit 1/5; 1/10; 1/25; 1/50 Sekunde usw., wo quasi die Werte 1/8 und 1/15 fehlen bzw. zusammengelegt werden und daher keine sog. Lichtwertkupplung möglich ist. Dazu gesellte sich auch noch ein mechanisches Problem, denn die Abstände zwischen diesen Zeitwerten sind stellenweise ungleich lang. Daraus folgt: der Vebur war veraltet und konnte mit einer Weiterentwicklung der Werra nicht mehr schritthalten. Da diese Weiterentwicklung sowohl in Hinblick auf einen gekuppelten Entfernungsmesser, einen Selbstauslöser, eine Vollsynchronisation und vor allem einen gekuppelten Belichtungsmesser gefordert wurde, ergab sich das schwierige Problem, daß die Volkseigene Industrie keinen dafür geeigneten Zentralverschluß bereitstellen konnte.


Das heißt aber nicht, daß nicht an solch einem konkurrenzfähigen Zentralverschluß gearbeitet wurde. Wie ich durch intensive Beschäftigung mit der Patentüberlieferung des VEB Zeiss Ikon Dresden nachweisen konnte, lief in diesem Betrieb in der zweiten Jahreshälfte 1954 eine umfassende Entwicklungstätigkeit für einen Verschlußtyp an, mit dem man sich offenbar erhoffte, den Münchner Konkurrenten zu überholen, ohne ihn einholen zu müssen. Dazu griff man ein Funktionsprinzip wieder auf, das der deutschstämmige Gustav Dietz schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA entwickelt hatte: Führen die Sektoren eines herkömmlichen Zentralverschlusses eine hin- und hergehende Bewegung aus, wobei bei der vollen Öffnung des Verschlusses eine Richtungsumkehr stattfindet, so rotieren die Sektoren bei Dietz' Multispeed Shutter nach der vollen Öffnung in der gleichen Richtung weiter, um die Objektivöffnung wieder zu verschließen. Auf diesem Funktionsprinzip des Durchschwingverschlusses basierten auch die Entwicklungsarbeiten bei Zeiss Ikon, auf die offenbar sehr viel Kraft verwendet wurde. Um die Unterschiede zu bisherigen Verschlüssen zu verdeutlichen, ist unten ein einzelner Sektor eines Compurs einem des (späteren) Prestor-Durchschwingverschlusses gegenübergestellt.

Sektoren Compur/Prestor

Meiner Einschätzung nach war es nun aber die strategische Zweigleisigkeit, die der VEB Zeiss Ikon seinerzeit einschlug, die dieses ganze Projekt letztlich zum Desaster werden ließ. Der Prestor-Durchwingverschluß wurde nämlich beileibe nicht dazu entwickelt, damit Zeiss Jena seine Werra aufwerten konnte. Das wurde allenfalls als angenehmer Nebeneffekt einalkuliert: den Prestor auch an andere Firmen zu verkaufen. Wie sich anhand der Patentüberlieferung sehr eindeutig nachweisen läßt, hatte der VEB Zeiss Ikon vielmehr im Sinn, eine Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera nach dem Vorbild der westdeutschen Contaflex auf Basis dieses neuen Verschlusses herauszubringen. Dieses Projekt jedoch geriet zu einer regelrechten Katastrophe und dürfte zumindest einer der Gründe dafür gewesen sein, weshalb vom VEB Zeiss Ikon bald nichts mehr übrig blieb. Das Fatale daran: So groß die Schwierigkeiten bei der Entwicklung des Prestor auch gewesen waren, so konnten diese dennoch im Laufe des Jahres 1955 der Patentliteratur zufolge weitgehend überwunden werden. Im Prinzip lag der neuartige Verschluß dann produktionsreif vor.


Nach meinen Schlußfolgerungen sind nun aber zwei Gründe dafür ausschlaggebend gewesen, weshalb das Prestor-Prokekt anschließend über Jahre hinweg auf Eis gelegt werden mußte. Für einen der beiden ist der VEB Zeiss Ikon selbst verantwortlich zu machen; namentlich der Chefkonstrukteur Walter Hennig. Durch die ganzen Verzögerungen hatte es sich nebenbei herauskristallisiert, daß eine Zentralverschlußspiegelreflex mit fest eingebautem Objektiv eine technische Sackgasse darstellte. Zeiss Ikon in Stuttgart mußte sich nämlich mittlerweile mit völlig unvernünftigen Satzobjektiven behelfen, um ihre Contaflex nachträglich für unterschiedliche Brennweiten zu ertüchtigen. So etwas Umständliches kam jedoch für die DDR nicht infrage. Die Entscheidung, die spätere Pentina mit vollständig wechselbaren Objektiven nach dem Bessamatic-Prinzip zu versehen, sorgte dafür, daß der VEB Zeiss Ikon lange schon nicht mehr exsitierte, als diese komplett umkonzeptionierte Pentina endlich fertig wurde. Daß dieser Betrieb zweitens gar nicht mehr existierte ja regelrecht aus der Öffentlichkeit getilgt werden mußte führe ich anhand der Interpretation des Verfahrensverlaufs der damaligen Patentanmeldungen des VEB Zeiss Ikon in der Bundesrepublik darauf zurück, daß die DDR-Photoindustrie durch Namenrechtsstreitigkeiten mit der Zeiss Ikon AG in Stuttgart davon bedroht war, viele ihrer wertvollen Schutzrechte an diese Firma zu verlieren. Darunter eben auch alle bisherigen zum Prestor-Projekt.

Also kurz und schlecht: Für unsere Werra bedeuteten diese beiden "Baustellen" einen jahrelangen Stillstand in der Weiterentwicklung. Erst nachdem zum 1. Januar 1959 die Kamera- und Kinowerke gegründet worden waren und damit die von verwirrender Zersplitterung überprägte Schwebephase des Dresdner Kamerabaus seit dem Frühjahr 1957 überwunden werden konnte, ging der Prestor Durchschwingverschluß in Produktion. In größeren Stückzahlen wird er wohl allerdings erst nach 1960 zur Verfügung gestanden haben. Bis dahin mußten höherwertig ausgestattete Exemplare der Werra I und II und generell die Werra III und IV mit dem Münchener Synchro-Compur versehen werden, der nicht nur teuer war, sondern obendrein auch noch mit Devisen bezahlt werden mußte. Erst der Prestor stabilisierte die Produktion der höherwertigen Werra-Modelle und ermöglichte letztlich, mit der Werra V noch einmal einen ganzen Schritt weiter zu gehen.


Die Beurteilung des Prestor fällt im Übrigen Zwiespältig aus. Einerseits muß man anerkennen, daß der Dresdner Kamerabau diesen Zentralverschluß mit seinem so andersartigen Funktionsprinzip erfolgreich zuendeentwickelt und auch in die Massenfertigung überführt hat. Ich fürchte allerdings, daß dies nur mit einem über alle Maßen ausufernden Aufwand möglich gewesen ist, der am Ende nur schwer zu rechtfertigen gewesen sein mochte. Der Prestor war schlichtweg NOCH komplexer geraten als herkömmliche Spannverschlüsse der Spitzenklasse. Die Japanische Photoindustrie zeigte zu ebenjener Zeit übrigens deutlich weniger Skrupel im Kopieren von fremden Errungenschaften und war anschließend sehr erfolgreich damit. Oder anders ausgedrückt: Solcherlei Deutsch-Deutsche Zwistigkeiten haben letztlich beiden Seiten geschadet und der Konkurrenz aus Japan obendrein auch noch in die Hände gespielt.


Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß das eigentliche Ansinnen, das hinter diesem Aufwand mit dem Durchschwingverschluß steckte, nämlich erstmals die 1/1000 Sekunde als kürzeste Verschlußzeit für den Zentralverschluß einzuführen, als gescheitert zu betrachten ist. Zwar erreichte der Prestor durch die fehlende Richtungsumkehr der Sektoren tatsächlich günstigere Werte als der Compur, aber die sogenannte Hauptzeit T2, in der der Verschluß kurzzeitig die volle Öffnung erreicht, war eben doch nicht kurz genug, um die kürzeste Verschlußzeit mit einer 1/1000 Sekunde angeben zu können. In diesem Punkt waren die Kamera- und Kinowerke ehrliche Makler. Aufgrund der wirklich besseren Werte als beim Compur ließ man sich es jedoch nicht nehmen, später 1/750 statt 1/500 Sekunde auf den Einstellring zu gravieren. Der Verschluß selbst blieb freilich unverändert. Nur der sogenannte Hilfsverschluß, der beim Durchschwingprinzip unbedingt nötig ist, auf den ich hier aber nicht weiter eingegangen bin, wurde später "entfeinert". Das lag schlichtweg daran, daß die Werra als der einzige praktische Anwendungsfall des Prestor übriggeblieben war. Eine zwiespältige Erfolgsstory also.

Prestor Hilfsverschluß

Hier sieht man den sogenannten Hilfsverschluß des Prestors, dessen Entwicklungsgeschichte ein wichtiger Schlüssel dafür ist, um nachträglich herauszuinterpretieren, was der VEB Zeiss Ikon Mitte der 1950er Jahre eigentlich so richtig im Sinn gehabt hat. Ein Hilfsverschluß ist beim Durchschwingverschluß prinzipiell deshalb unentberhrlich, weil die rotierenden Sektoren beim Spannen des Verschlusses den Lichtpfad freigeben. Damit würde Licht auf den Film fallen, was durch den während des Spannvorgangs geschlossenen Hilfsverschluß verhindert wird. Interessant wird das Ganze dadurch, daß der ursprüngliche, im linken Bild gezeigte Hilfsverschluß auf eine Doppelfunktion hin ausgelegt gewesen ist: Er hätte nach dem Auslösen der Kamera eine zweite Rolle als automatische Springblende übernommen, wie sie beispielsweise in Einäugigen Spiegelreflexkameras benötigt wird. Darin ist eines der Indizien zu sehen, daß man bei Zeiss Ikon eine DDR-Contaflex im Sinne hatte. Aber dazu kam es wie gesagt nicht, die spätere Pentina hatte ihre Springblende in den Wechselobjektiven und als Zwischenlinsenverschluß ist der Prestor in der DDR weder bei der Werra noch bei der Prakti angewandt worden. Weil dadurch die Zusatzfunktion des Hilfsverschlusses als Springblende obsolet war, konnte er später auf zwei einzelne Lamellen reduziert werden, was einerseits den Material- und Fertigungsaufwand verringerte und andererseits den Hilfsverschluß etwas zuverlässiger werden lassen sollte. Die nur durch geringe Federkraft angetriebenen Lamellen verkleben nämlich gerne miteinander und verursachen Funktionsstörungen, die die Kamera völlig unbrauchbar werden lassen. Kontrollieren Sie daher bei Ihrer Werra am besten vor jedem Filmeinlegen, ob beim Spannen des Verschlusses der Hilfsverschluß geschlossen ist und am Ende des Spannvorgangs aufspringt. Ist eines von beidem nicht der Fall, werden Sie keine Aufnahmen erzielen können

5. Sucher


Ein besonderes Charakteristikum der Werra ist wie bereits angedeutet ihre Janusköpfigkeit zwischen möglichst rationell zu fertigender Massenkamera und ihrem Potential zu einem immer höheren Niveau in Sachen Präzision. Das kann man besonders gut an der Evolution ihrer Sucherausstattungen ablesen. Zuerst war in der Deckkappe der Werra lediglich ein großer Glasquader eingebaut, der im Grunde genommen nur einen einfachen Rahmensucher darstellte. Zeiss selbst nannte diese Konstruktion "Planglassucher". Durch das höhere Brechungsvermögen des Glases wirkten allerdings hinterer Einblick und vordere Umrandung näher beieinander und der "Ausguck" schärfer abgegrenzt, als wenn sich zwischen ihnen nur Luft befände, wie das beim üblichen Rahmensucher der Fall ist. Man erhoffte sich dadurch, ohne lichtbrechende Linsen ausommen zu können. Doch dieser Aufbau des Suchers erfüllte nur die nötigsten Ansprüche an eine exakte Bildgestaltung.

DE1081301 Werra Sucher

Zwei Jahre nach dem Produktionsstart der Werra wurden daher umfangreiche Arbeiten an einem verbesserten Suchersystem aufgenommen, die in den Patenten DD16.802 und DE1.081.301 zum Ausdruck kommen, die zwar beide am 12. Juli 1956 in Ostberlin und München angemeldet wurden, sich allerdings inhaltlich geringfügig unterscheiden. Beide beschreiben verschiedene Ausführungsformen eines Suchers, der durch eine Verspiegelung zweier einander zugekehrter Holhflächen einen scharf abgegrenzten, hell aufleuchtenden Rahmen in das Auge des Betrachters entwirft.

DE1081301 Werra Sucher

Der Grundgedanke dieses Spiegelsuchers hätte sogar einen Ausbau bis hin zum Meßsucher mit eingespiegeltem Mischbild ermöglicht, wie weitere Ausführungsformen des Patentes nahelegen. Neben Kurt Wagner und Hugo Eisenhut war immerhin der damalige Chefkonstrukteur der Abteilung Photo des Zeisswerks, der Vater der Flektogone und Spiegellinsenobjektive, Wolf Dannberg, an der Konstruktion dieser Suchersysteme beteiligt. Doch letztlich wurde dieser Ansatz für die kommende Entfernungsmesser-Werra dennoch fallengelassen und auf einen ungleich aufwendigeren Prismen-Fernrohrsucher zurückgegriffen, den ich im folgenden Abschnitt beschreibe. Das Interessante dabei: Nachdem der oben beschriebene Spiegel-Rahmensucher einige Zeit in die Werra I und II erfolgreich eingebaut worden war, wurden diese Kameras nach einiger Zeit doch noch mit einer vereinfachten Variante des Prismensuchers versehen, der mit seinen eingeäzten dünnen Linien einen Sucherrahmen zu bieten hatte, der wie im Sucherbild zu schweben schien und das Aufnahmefeld deutlich und präzise abgrenzte. Selbst die einfache Werra erreichte mit diesem Sucher nunmehr ein kaum zu übertreffendes Niveau innerhalb ihrer Klasse.

6. Entfernungsmesser


Geschützt wurde der aufwendige Meßsucher der Werra mit dem DDR-Patent Nr. 17.655 vom 10. Juli 1956. Hermann Friebe war der Urheber. Mir ist übrigens nicht bewußt, daß das ihm zugrundeliegende Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers von anderen Herstellern in ihren Meßsuchern eingesetzt worden ist. Man findet sonst eigentlich nur den Mischbildentfernungsmesser, der nach dem Überlagerungsprinzip arbeitet. Der Schnittbildentferungsmesser braucht zwar immer eine Kante oder ein anderes markantes Objekt, das eben zerschnitten wirkt, wenn nicht scharfgestellt ist, dafür beeindruckt er mit seinem hellen, klaren Meßfleck, der auch bei wenig Licht und kontrastarmen Objekten ein gutes Scharfstellen ermöglicht. Das Mischbild ist in solchen Fällen meist rasch am Ende.

DD17.655
DD17.655

Erwähnenswert ist noch, daß dieses Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers eine Möglichkeit geboten hätte, nicht nur die Scharfstellung anhand des Suchers vorzunehmen, sondern auch die zur Verfügung stehende Schärfentiefe im Sucher direkt ablesen zu können. Hermann Friebe und Paul Klupsch hatten dazu ein Patent angemeldet, das aber in der Praxis nicht verwirklicht wurde [DD27.363 vom 1. Juli 1957].

Wieso nicht jede x-beliebige Firma solch aufwendige Meßsucher anbieten konnte, erkennt man, wenn man sich einmal die Kombination aus Dackantprisma mit aufgekittetem Ablenkungsprisma anschaut, die in der Werra III...V verbaut wurde. Das war schon höchste optisch-feinmechanische Präzision. Heute werden solche Prismensysteme aus transparenten Kunststoffen gespritzt, aber bei der Werra ist alles aus geschliffenem, poliertem Glase. Bei der Werra V bzw. der Werramatic kam dann noch die Anzeige des Nachführzeigers am unteren Bildrand sowie die Einspiegelung von Zeit- und Blendenskala hinzu. Das war eine große Leistung!

Als die Werra III entwickelt wurde, sollte diese nicht nur einen mit der Scharfstellung gekuppelten Entfernungsmesser aufweisen, sondern als Erschwernis auch noch Wechselobjektive. Ein sogenannter Basisentfernungsmesser, bei dem Spiegel, Prismen oder Linsen um ganz geringe Winkelbeträge verschwenkt werden, stellt an sich schon eine große mechanische Herausforderung dar. Wenn der Entfernungsmesser überhaupt die notwenidige Präzision des Kleinbildes erfüllen und eine gewisse Langzeitstabilität gesichert bleiben soll, dann verlangt eine Entfernungsmesserkupplung bei Wechselobjektivsystemen eine sehr sorgfältige Konstruktionstätigkeit. Nicht umsonst haben die Firmen Leitz und Zeiss Ikon Anfang der 1930er Jahre sehr lange an dieser Problemstellung gearbeitet und sind auch zu sehr unterschiedlichen konstruktiven Lösungen gekommen.

Werra III Flektogon

Die Entfernungsmesserkupplung der Werra folgt nun in gewisser Weise dem Grundprinzip der Leica. Allerdings wird der Schwenkwinkel nicht wie bei der Leica direkt durch ein Gleiten an der Verstellkurve des Objektivs angetrieben, sondern über zwei Stifte, von denen der eine einen Bestandteil der Kamera darstellt und der andere spielfrei im Objektiv gelagert ist. Das garantiert höchste Langzeitstabilität und Verschleißfreiheit. Diese Anordnung war übrigens auch deshalb machbar, weil die Werra mit dem in der DDR weit verbreiteten Schraubbajonett-Prinzip arbeitet, bei dem das Objektiv nicht verdreht werden muß, sondern von vorn aufgesteckt und durch Verdrehen eines Ringes gesichert wird. Entwickelt wurde diese Entfernungsmesserkupplung vom Zeiss-Konstrukteur Paul Klupsch, der sich seine Idee im DDR Patent Nr. 16.873 vom 23. Oktober 1956 hat schützen lassen.

DD16.873

Diese Werra III wurde zwar auf der Herbstmesse 1957 gezeigt, aber das nur mit dem für DDR-Verhältnisse recht ungewöhnlichen Hinweis, daß die just fertig konstruierte Kamera erst in der zweiten Jahreshälfte 1958 in Produktion gehen werde. [Vgl. Bild & Ton, Heft 10/1957, S. 270.]. Dasselbe galt übrigens auch für die Werra IV, die als eine Synthese der Modelle II und III angekündigt wurde. Der Grund dürfte in den anhaltenden Schwierigkeiten der Volkseigenen Zulieferindustrie gelegen haben, den neuen Spitzenverschluß bereitzustellen.


Die Werra II, die ebenfalls auf der Herbstmesse 1957 vorgestellt wurde und sich durch einen eingebauten Belichtungsmesser auszeichnete, war aber offenbar sogleich lieferbar, denn sie kam notfalls mit dem Vebur aus. Weil dieser, wie in Abschnitt 4 bereits beschrieben, keine Lichtwertkopplung zuließ, war nunächst nur eine Lösung mit einem völlig ungekuppelten Belichtungsmesser möglich. Das ist in etwa dasselbe, wie ein in die Kamera fest eingebauter Handbelichtungsmesser. Die Werra II trug dazu die charakteristische Rechenscheibe auf ihrer Rückwand. Damit konnte sich aber niemand bei Zeiss Jena wirklich zufriedengeben.

Werra II

7. Belichtungsmesser


Nicht weniger Aufwand als der gekuppelte Entfernungsmesser der Werra III verlangte die Konstruktion eines einfacher zu bedienenden Belichtungsmessers. Bei der Werra II waren dazu wie gesagt noch Leitwerte nötig, die vom Belichtungsmesser abgelesen und auf die rückwärtige Rechenscheibe übertragen werden mußten, bevor schließlich die passende Zeit-Blenden-Kombination eingestellt werden konnte. Für die Werra IV sollte dieses umständliche Verfahren vereinfacht werden. Um das zu erreichen, hatten sich Helmut Scharffenberg und Johann Koch ein System ausgedacht, das ohne zusätzliche Skalen und Rechenhilfen auskam [DDR-Patent Nr. 20.019 vom 1. September 1957]. Dazu war ein Indexring vorgesehen, der bei Einstellung der Filmempfindlichkeit in eine bestimmte Relation zum gekoppelten Zeit- und Blendeneinstellring gebracht wurde. Der Belichtungsmesser zeigte nun direkt einen Blendenwert an, der  einmalig bei entkoppeltem Zeit-Blendenring dem Index gegenübergestellt werden mußte.  Anschließend konnten beliebige Zeit-Blenden-Paarungen gewählt werden, ohne daß sich die Belichtung änderte. Da der Belichtungsmesser der Werra IV noch ein Zweibereichs-Belichtungsmesser war, waren zwei farbige Indizes auf dem Indexring vorhanden.


Wie oben bereits beschrieben, war für solch einen gekuppelten Belichtungsmesser unbedingt ein Lichtwert-fähiger Verschluß vonnöten. Nicht nur mußte er die neue, lückenlose geometrische Zeitenreihe zu bieten haben, sondern die Abstände zwischen den Rastungen mußten gleich sein. Das verlangte nach einer ausgeklügelten Steuermechanik im Verschluß und nach einem perfektionierten Hemmwerk. Aber damit nicht genug: Auch die Abstände zwischen den einzelnen Blendenwerten des Objektivs mußten konstant sein und zudem dieselbe Größe aufweisen, wie beim Zeiteinstellring. Die Wechselobjektive der Werra IV und ihrer Nachfolgemodelle benötigten daher eine speziell angepaßte Form der Blendenlamellen, um all diese Forderungen miteinander in Einklang bringen zu können.

DD20.019 Werra IV

Trotz allem Aufwand war diese Vereinfachung aber noch nicht einfach genug. Immernoch mußten Zahlen von einer Skala abgelesen und am Index eingestellt werden. Für die Werra V (bzw. Werramatic) sollte der Abgleich ohne Ablesung von Zahlenwerten möglich sein, indem einfach der Zeiger des Belichtungsmessers auf eine Festmarke eingestellt würde (Nachführprinzip). Verkompliziert wurde diese Lösung dadurch, daß diese Nachführung möglich sein sollte, während man das Motiv mit dem Sucher anvisierte. Weil dazu das Meßsystem ohnehin in den Sucher eingespiegelt werden mußte, hatte Johann Koch den Meßabgleich so ausgelegt, daß er entsprechend optomechanisch arbeitete [DDR-Patent Nr. 29.472 vom 5. Oktober 1959]. Dazu wurden Zeit, Blende und Filmempfindlichkeit in eine Stößelbewegung überführt, die eine Verdrehung eines Spiegels bewirkte, der seinerseits den Zeiger im Sucher abbildete. Mit dieser Einrichtung mußte der Zeiger auf den Ausschnitt am unteren Sucherrand eingespielt werden, wie dies oben in der Darstellung des Werramatic-Sucherbildes gezeigt ist. Dieser Mechanismus geriet beinah ebenso aufwendig, wie der Entfernungsmesser derselben Kamera.

DD29.472 Werra V

8. Blendenautomatik


Unter Federführung der Konstrukteure Hermann Friebe und Helmut Scharffenberg wurde die Werramat bis etwa 1965 zu einem Blendenautomaten weiterentwickelt. Diese "WERRA supermat" wurde 1968 (1966?) noch groß in der "Fotografie" angekündgt und umfangreich technisch beschrieben, kam aber offenbar nicht über eine Kleinserie hinaus und gelangte auch nicht offiziell in die Geschäfte.

Aufnahmen: Peter Drijver

Die gesamte Belichtungsautomatik dieser Kamera fußte nun darauf, daß eine aufwendige Mechanik die Stellung des Meßwerkzeigers abtastete, um damit die Blendenöffnung festzulegen, bevor der Verschluß schließlich ausgelöst wurde. Ich dachte bislang immer, der durch diesen Aufbau stark verlängerte Auslöseweg sei der Anlaß gewesen, von der bisherigen Form des Gehäuseauslösers abzugehen und an der Rückseite eine Art Auslöseschieber anzuordnen. Jetzt habe ich allerdings ein Patent gefunden, das Hermann Friebe und Werner Broche am 2. März 1963 angemeldet hatten [Nr. DD43.115] und das den wahren Hintergrund für die Umgestaltung der Auslösebetätigung offenbart. Die bisherigen Werramodelle hatten wie gesagt einen Auslöser gehabt, dessen Betätigungsknopf auf der Deckkappe der Kamera untergebracht war. Das konnte zur Folge haben, daß versehentlich ein Finger die Öffnung des Photoelementes abdeckte. Bislang war das verschmerzlich, da durch die BelichtungsHALBautomatik zwischen Belichtungsmessung und Aufnahme genügend Zeit blieb, den Fehler zu entdecken und abzuwenden. Bei einer Werra mit BelichtungsVOLLautomatik bestimmte das Meßergebnis aber nun direkt und und ohne zeitlichen Verzug die beim Auslösen gebildete Blendenöffnung und eine auch noch so flüchtige Verfälschung der Messung mußte daher unter allen Umständen verhindert werden. Die Erfinder meinten, dieses Ziel durch die Verlegung des Auslösers an die Rückseite der Kamera und die Betätigung mit dem Daumen statt mit dem Zeigefinger sicher erreichen zu können.

DD43.115
DD43.115

Die Tatsache freilich, daß man sich mit Problemen wie dem versehentlichen Verdecken des Belichtungsmessers beschäftigen mußte, zeigt bereits, wie weit hinterher diese Technologie mit Selenzelle und dem mechanisch abgetasteten Meßinstrument im Jahre 1968 bereits gewesen ist. Aus Japan wurden längst vollautomatisch belichtende Sucherkameras geliefert, die mit kleinflächigen Photowiderständen arbeiteten. Diese Photowiderstände waren sogar klein genug, daß man sie innerhalb des Objektivtubus placieren konnte, wo sie nicht versehntlich abgedeckt werden konnten und sogar den Belichtungsfaktor eines vorgesetzten Filters mit registrierten. Überdies geschah bei einigen von diesen vollautomatisch belichtenden Sucherkameras die Belichtungssteuerung bereits vollelektronisch (z.B. Yashica electro 35). Im Angesicht dieses durch die japanische Photoindustrie vorgegebenen technischen Standes war die WERRA supermat nichts als "kalter Kaffee" und die Exportchancen hätten mit großer Sicherheit gegen Null tendiert.


Ich vermute aber, daß es nicht allein die technische Rückständigkeit dieser WERRA supermat gewesen ist, die ihre Serienfertigung verhindert hat, sondern eher die Tatsache, daß der neue Kamerakonzern PENTACON endlich von der Last befreit werden wollte, weiterhin den komplizierten und in der Herstellung problematischen Prestor Zentralverschluß für Zeiss Jena bereitstellen zu müssen. Und ohne Zentralverschluß eben keine Werra mehr.

Bezeichnend ist dieser Prospekt, der aus der zweiten Hälfte der 1960er Jahre stammen dürfte. Streng genommen scheint es sich nur um eine Art Druckfahne zu handeln, denn es ist kaum zu übersehen, daß hier ein Korrektor an allen Stellen den ursprünglichen Namen "WERRA supermat" in "WERRA mat-super" geändert hat. Aber weder Kamera noch Prospekt gingen anschließend in die Serienfertigung.



Unten der Artikel von Scharffenberg und Friebe, mit dem die WERRA Supermat 1968 (1966?) in der Fotografie vorgestellt wurde

Bislang wenig bekannt ist, daß nicht nur die WERRAmat, also das Modell ohne Entfernungsmesser und Wechselobjektive, mit Blendenautomatik ausgestattet werden sollte, sondern auch das Spitzenmodell WERRAmatic. WERRAsupermatic hätte diese Kamera heißen sollen [nach Arnz, Joachim: The Werra: Some interesting rarities; in: Zeiss Historica, 2/2012, S. 8ff.]. Daß dieser Prototyp authentisch ist, das erkennt man wiederum am fehlenden Auslöseknopf auf der Deckkappe. Wie bei der Supermat ist dieser stattdessen auf der Rückseite zu finden.  

Werra Supermatic

Daß Zeiss Jena auch an einer Einäugigen Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluß und Wechselobjektiven nach dem Bessamatic-Prinzip gearbeitet hat, deren "Arbeitstitel" WERRAFLEX lautete, sei hier nur am Rande erwähnt, denn diese Kamera ist offenbar noch mehr im Prototyp-Staus hängen geblieben als die Werras mit Belichtungsvollautomatik. Bilder einer entsprechenden Musterkamera lassen erahnen, daß ihr Verschluß offenbar noch aus dem Vebur heraus entwickelt worden ist. Daraus muß man schlußfolgern, daß diese Kamera mit den oben angeführten Prestor-Entwicklungen bei Zeiss Ikon in keinerlei Verbindung stand.


Die letzte Weiterentwicklung der Werra, die wirklich noch praktisch umgesetzt wurde, betraf übrigens den Rückspulauslöser dieser Kamera. Bislang mußte während der gesamten Zeit, in der man den Film in die Patrone zurückwickelte, der Rückspulknopf gedrückt werden. Mit der DDR-Patentschrift Nr. 43.116 vom 2. März 1963 hatte sich Werner Broche eine Entkuppelungseinrichtung für die Zahntrommel schützen lassen, die ein dauerhaftes Drücken eines Knopfes unnötig machte. Stattdessen wurde der Bodenverriegelung der Werra eine Schaltposition für Rückwicklung hinzugefügt. Eine Hebelkonstruktion im Inneren der Kamera betätigte nun den Rückspulknopf so lange, bis die Rückwand geöffnet wurde. Als angenehmer Nebeneffekt ergab sich, daß die bislang problematische Abdichtung der Rückspulknopfes gegenüber Lichteinfall, für die bislang eine Filzdichtung vorgesehen werden mußte, wegfiel und daher auch keine Störungen mehr verursachen konnte.

DD43116 Werra Rückspulauslöser

Diese letzten Detailverbesserungen sollten aber bereits das Ende der Werra-Reihe einläuten. Es folgte noch eine letzte große gestalterische Umarbeitung mit einer über die gesamte Frontseite der Deckkappe verlaufenden Glasscheibe, hinter der der Sucher- und Belichtungsmesserausguck sowie die Modellbezeichnung untergebracht waren. Zudem wurde der Vulkanitbelag auf eine Belederung mit modisch aktuellem Muster umgestellt. Den Angaben von Joachim Arnz im o.g. Artikel zufolge und deckungsgleich mit den Daten, die durch "den Thiele" überliefert sind, wurde die Produktion der Werra sodann im Jahresverlauf 1966 eingestellt. Bereits im Jahr darauf wurde die Zeiss-Fernglasproduktion nach Eisfeld verlagert und anschließend eine bis dahin unvorstellbare Großserienproduktion dieser Gerätschaften aufgebaut.

late Werra-mat

Arnz gibt an, bis 1964 seien 800.000 Werras hergestellt worden. Diese Zahl wird aber nicht belegt. Ich habe hingegen "im Thiele" ca. 573.500 Tessare 2,8/50 für die Werra gezählt. Dazu kommen noch 42.500 Novonare aus der Anfangszeit. Macht zusammen also etwa 616.000 Werras. Mag sein, daß Herr Thiele bei der Übertragung der Zeiss'schen Karteikarten nicht immer den "Verwendungszweck" aufgespürt hat bzw. er wurde nicht immer vermerkt. Aber scheinen mir dies momentan die einzig wirklich nachprüfbaren Zahlen zu sein. Wie dem auch sei; ob nun 600.000 oder 800.000 oder gar über eine Million: Die Zeiss Werra hat sich in ihrer zwölfjährigen Produktionszeit zu einer außerordentlich erfolgreichen, vielseitigen und beliebten Kamerabaureihe entwickelt, die auch auf Auslandsmärkten erfolgreich war. Besonders faszinierend dabei ist wie gesagt die immer weiter getriebene Steigerung der Komplexität der Kamera, ohne daß die Grundkonstruktion dabei Verlassen werden mußte. Für ein Produkt, mit dem eine Firma von Null aus gänzlich Neuland betreten mußte, ist das ein beachtenswerter Erfolg!

Auch die Briten, die es bekanntermaßen durchaus etwas "different" mögen, scheinen Gefallen an der Werra gefunden zu haben, wie dieses Angebot der

Handelsfirma Cine-Equipment aus dem Jahre 1962 belegt. Eine Besprechung der Werra in der US-Zeitschrift Popular Photography legt hingegen nahe, daß es keinen offiziellen Export dieser Kamera in die USA gegeben hat.


Für die Werra III (und die Nachfolgemodelle) gab es eine gesondert gerechnete Version des Retrofokus-Pioniers Flektogon 2,8/35mm. Obwohl die Werra ja eine Sucherkamera ist, war auch bei ihr diese spezielle Bauform des Weitwinkelobjektivs mit verlängerter Schnittweite nötig, da die Objektive VOR dem Zentralverschluß placiert waren.


Unten die ersten 45 Seiten des Buches "WERRA ABC" von Paul Kroll aus dem Jahre 1960, wo die einzelnen Modelle der Werra noch einmal ausführlich vorgestellt und beschrieben werden. Ein wirklich gutes Kamerabuch übrigens.

Marco Kröger


letzte Änderung: 24. Mai 2020