Werra

Die Werra

Diese Seite soll keine Modellübersicht über die vielfältige Werra-Reihe liefern, sondern lediglich einige Hintergrundinformationen zu den besonderen technischen Merkmalen, die diese Kamera aus der Masse herausragen läßt. Zuvor aber noch eine kleine Prise Zeitgeschichte:

Werra

Die Schutzkappe über dem Objektiv, die nach Abschrauben des vorderen Deckels im umgedrehten Zustand als Gegenlichtblende verwendet werden konnte, war von Anfang an eine zwiespältig diskutierte Eigenheit der Werra. Zu umständlich gestaltete sich ihre Handhabung für viele Amateure. Der Hersteller dieser Kamera erhoffte sich jedoch mit einer solchen Lösung, die für ihn außerordentlich lästige Zurverfügungstellung lederner Bereitschaftstasche umgehen zu können. Dieses Ansinnen scheiterte indes bereits nach kurzer Zeit. Über den Umweg in Form eines Reißverschlußbeutels war er aufgrund des Drängens der Kundschaft gezwungen, am Ende doch noch eine traditionelle Bereitschaftstasche anbieten zu müssen. Bei der Schutzkappe blieb es aber trotzdem!

1. Historische Einordnung


Durch die heutzutage möglich gewordene internationale Vernetzung von Kamerafreunden bin ich zu der Einschätzung gelangt, daß die Werra nach wie vor zu den beliebtesten Erzeugnissen unserer Photoindustrie gehört. Hierzulande wie in Übersee ruft die Werra aufgrund ihres ziemlich einzigartigen Äußeren bis heute Begeisterung hervor. Dabei ist nicht einmal mehr deutschen Werra-Freunden vollauf bewußt, vor welchem politischen Hintergrund diese Kamera damals entstanden ist. Die Werra ist nämlich mit Deutsch-Deutscher Geschichte verbandelt wie keine andere Kamerabaureihe.


Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatte die kleine DDR erschüttert. Diese wenigen Tage der Eskalation waren aber nur der finale Paukenschlag einer Lage, die sich seit einem Jahr immer mehr zuspitzte. In der ersten Jahreshälfte 1952 verschärfte sich der Ost-West-Konflikt und es zeichnete sich ab, daß sich eine Deutsche Einheit in naher Zukunft kaum mehr verwirklichen lassen würde. Stalin – vom Überfall "des Imperialismus" im Jahre 1941 traumatisiert – setzte nun auf Abgrenzung und verstärkte Aufrüstung. Auch der erste Stellvertreterkrieg im Ost-West-Konflikt in Korea spielte dabei eine treibende Rolle. Vor diesem Hintergrund sollte die kleine DDR seit dem Juli 1952 zu einem großen Rüstungslieferanten für den Sowjetunion ausgebaut werden. Die damit einhergehende forcierte Ausweitung der Schwerindustrie führte nach den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Kriege erstmals dazu, daß sich die Wohlstandsverhältnisse der DDR-Bevölkerung wieder verschlechterten. Nicht nur hochwertige Konsumgüter, sondern auch die kleinen Dinge des täglichen Bedarfs wurden knapp. Und da es wenig zu kaufen gab, war gleichsam zu viel Geld im Umlauf, das nicht ausgegeben werden konnte. Auf der anderen Seite kostete die Rüstung immense Summen, die aufgetrieben werden mußten. Die zu diesem Zweck unter dem Mantel der Arbeitsnormerhöhung verdeckte Lohnkürzung vom Mai 1953 brachte nun das Faß zum überlaufen. Es gährte in der Bevölkerung.


Es war die vonseiten der Sowjetunion Anfang Juni eilig angeordnete Richtungskorrektur um beinah 180 Grad, die die SED-Herrschaft nun ernstlich in Gefahr brachte. Ein "Neuer Kurs" wurde überstürzt verkündet. Die Partei, die bis dahin immer alles wußte und alles konnte und sowieso immer recht hatte, gestand auf einmal Fehler ein. Die bis dato eingeschüchterte Bevölkerung spürte daraufhin plötzlich Oberwasser und traute sich, auf die Straße zu gehen. Rasch wurden politische Forderungen gestellt bis hin zu freien Wahlen. Dieser "Spuk" ließ sich erst durch das gewaltsame Eingreifen der Besatzungsmacht beenden.


Paradoxerweise sollte nun aber gerade diese Eskalation des 17. Juni die wacklige Machtposition Walter Ulbrichts innerhalb seiner Partei festigen. Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes und dem Ausschalten der innerparteilichen Gegner Ulbrichts wurde das System um so fester zementiert. Hatte der „Neue Kurs“ die Partei einige Wochen zuvor noch in helle Aufregung versetzt, so wurde er nun quasi zu einer Maßnahme verwässert, um überwiegend auf der Basis von wirtschaftspolitischen Zugeständnissen Druck aus dem System zu nehmen. Unter anderem mit dem Mittel, den DDR-Bürgern etwas zum Kaufen in die Läden zu stellen, gelang es, politische Grundsatzfragen vom Tableau zu nehmen. Leicht gelockerte Zügel, ein Hauch von Wirtschaftswunder und die rigorose Verfolgung aller Abweichler und Andersdenkenden versetzten die SED in die Lage, ihre Machtposition zu konsolidieren und für die nächsten dreieinhalb Jahrzehnte zu konservieren, bis die damals unter den Teppich gekehrten Grundsatzfragen das Regime ab dem Spätsommer 1989 wieder erbarmungslos einholten.

Die Werra wurde ursprünglich mit einem grünen Vulkanitbelag versehen. Diese Beschichtungs-Technologie wurde von den Zeissianern schon seit einiger Zeit im Fernglasbau angewandt und war daher genauestens bekannt. Und grün deshalb, weil die Werra als echte Thüringerin so grün sein sollte, wie der Thüringer Wald. So wurde das damals begründet. Geschmackssache. Die hier angedeuteten Farbvarianten wurden leider nie gefertigt, obwohl sie sicherlich attraktiv gewesen wären. Stattdessen stellte man im Laufe der 50er Jahre die Vulkanisierung auf das zeitlose Schwarz um. Daß die Werra mit Kunststoff beschichtet wurde, geht übrigens höchstwahrscheinlich auf Rudolf (genannt Rudi) Müller zurück, der als Technischer Direktor leitende Verantwortung für die Entstehung der Werra innehatte. Müller war gleichzeitig Fachmann für diese Vulkanitbeläge [Vgl. DDR Patent Nr. 10.157 vom 29. Juli 1955]

Es ist gar nicht meine Absicht, hier zu politisieren, aber unsere Werra ist nun einmal ein beredtes Zeugnis dieser wirtschaftspolitischen Weichenstellungen in der frühen DDR. Sie war ein direktes Ergebnis des besagten Neuen Kurses. Der VEB Carl Zeiss JENA ist nämlich damals dazu verpflichtet worden, eine Kleinbildkamera für die breiten Massen zu konstruieren, die bei zweckmäßigem Aufbau und guter Leistung in möglichst großen Stückzahlen herstellbar sein sollte [Vgl. Miller, Rolf, Die Werra; in Fotografie 12/1957, S. 353ff.]. Dazu wurde im thüringischen Eisfeld, wo unweit der namensgebende Fluß entspringt, eine Produktionsanlage komplett neu aufgebaut – mit all den Schwierigkeiten, die sich bei so einem Vorhaben ergeben. Immerhin sollte man sich vor Augen führen, daß die seit über 100 Jahren bestehende und auf optisch-feinmechanischem Gebiet derart profilierte Werkstätte Carl Zeiss Jena keinerlei Erfahrungen im Kamerabau hatte. Rückblickend betrachtet sticht es geradezu ins Auge, daß die Werra von zwar erfahrenen, aber im Kamerabau bislang völlig unbeleckten Konstrukteuren konzipiert worden ist, die dementsprechend völlig unvoreingenommen an ihre Aufgabe herangehen konnten.

Wolfgang Schröter ermöglicht es uns, einen einmaligen Blick in die im Sommer 1954 gerade erst angelaufene Produktion der Werra zu werfen [Deutsche Fotothek, Datensatz 71621305].

Wenn also Konstrukteure freie Hand bekommen, eine Kamera von Grund auf neu zu entwerfen, dann sind erst einmal prinzipielle Fragen zu klären. Offensichtlich war die Werra von vornherein als eine Sucherkamera konzipiert worden, die bei grundsätzlich klar und einfach gehaltenem Aufbau ein großes Erweiterungspotential haben sollte. Damit das preiswerte, als Massenkamera geeignete Grundmodell so einfach wie möglich gehalten werden konnte, war ein großes Augenmerk auf die Problematik der Kopplung von Filmtransport und Verschlußaufzug zu legen. In diesem Bereich wurde bei der Werra eine Lösung gefunden, die völlig neu war.

Werner Broche und Kurt Wagner - Werra

Diese Aufnahme Wolfgang Schröters aus dem Jahre 1954 zeigt zwei vergessene Kamera-Konstrukteure: Werner Broche (links) und Kurt Wagner hatten nämlich die maßgebliche Konstruktionsverantwortung für die Kleinbildkamera "Werra". Man beachte den Prototypen, der vor ihnen liegt. [Deutsche Fotothek, Datensatz 71206836]

2. Filmtransport und Spannmechanismus


Bislang bestand für die Konstrukteure immer das Problem, daß der Weitertransport des Filmbandes drehende Bewegungen verlangte, das Spannen des Zentralverschlusses aber das Schwenken des zum Verschluß gehörigen Spannhebels. Es mußte also bisher immer die Drehung des Transportgetriebes in irgendeiner (meist aufwendigen) Weise in eine hin- und hergehende der Spannmechanik umgewandelt werden. Bei der Werra ging man genau den umgekehrten Weg. Die für das Spannen des Verschlusses nötige Schwenkbewegung wurde dadurch sehr vereinfacht, indem rund um den Objektivkörper ein breiter Ring angeordnet wurde, in dessen Inneren dieser Spannvorgang gekapselt stattfand. Nach einem kurzen Dreh an diesem breiten Ring kehrte jener durch Federkraft wieder in seine Ausgangsposition zurück. Die Konstruktionsidee der Zeissianer lag nun darin, mit diesem Ring gleichzeitig eine Zahnstange mitzunehmen, die auf dem Hinweg die Zahntrommel des Filmtransportes in Drehung versetzte. Ein Freilauf sorgte dafür, daß auf dem Rückweg die Transportmechanik entkoppelt wurde. Mit dieser Umkehrung des bisher verwendeten Kopplungsprinzips war sichergestellt, daß der viel problematischere und kraftintensivere Spannvorgang nicht aus der Drehung des Filmtransportknopfes abgeleitet werden mußte.

Werra Filmtransport

3. Grundaufbau


Großer Wert wurde von Beginn an auf robuste Konstruktion gelegt – irgendwelche Lösungen mit Springmechanik und Lederbalg zwischen Objektiv und Gehäuse kamen dabei nicht infrage. Besonderes Augenmerk galt auch der Bildbühne. Rolf Miller hat in seinem Aufsatz „Die Bildleistung der Werra“ [Fotografie, 4/1958, S. 122ff.] ausführlich beschrieben, welche umfangreichen Untersuchungen zur Filmplanlage angestellt wurden, bevor die Bildbühne letztlich Gestalt annahm. Hier haben es die von Zeiss delegierten Chefkonstrukteure Werner Broche und Kurt Wagner anfänglich ein wenig übertrieben. Die ersten Modelle der Werra konnten diese Präzision noch gar nicht ausnutzen.

Das ist eine Nahaufnahme der Filmspreizrippen der Werra. Wie die Bezeichnung andeutet, besteht ihre Aufgabe darin, den Film quer zur Transportrichtung auseinanderzuziehen, und dadurch die Durchwölbung des Schichträgers auf ein absolutes Kleinstmaß zu begrenzen. Um in den vollen Genuß dieses Effektes zu gelangen, war es allerdings empfehlenswert, den Filmtransport immer erst kurz vor der Aufnahme durchzuführen, da ansonsten durch das klimatisch bedingte Eigenleben des Materials die erreichte Planlage rasch wieder zunichte gemacht würde.

Diese konstruktiven Vorleistungen zahlten sich aber aus, als einige Jahre später die Werra mit Wechselobjektiven versehen und zur Meßsucherkammera ausgebaut werden sollte. Jetzt war Präzision gefragt! Die resultierende Bildqualität setzt sich nämlich stets aus der Summe aller Justierungsungenauigkeiten zusammen. Und diese Abweichungen kamen nun nicht nur von der Filmdurchbiegung, sondern auch vom Abgleich des Meßsuchers und von Toleranzen des Anlagemaßes verschiedener Wechselobjektive. Dieses Aufsummieren von Toleranzen ist übrigens ein großes Problem für den Kamerakonstrukteur, weil dies im schlimmsten Fall rasch darauf hinauslaufen kann, daß die ganze Kamera infragestellt wird. Ich kann mir vorstellen, daß schlecht beherrschbare Justagefehler auch die Umstellung der Altix auf Meßsucher vereitelt haben, denn was nützt ein präziser Meßsucher, wenn das Bild am Ende nicht scharf ist, weil die gesamte Abbildungskette nicht präzise genug toleriert ist. Bei der Werra war dieses Problem von Anfang an ausreichend beachtet worden. Das ist ein Hauptgrund dafür, weshalb diese ursprünglich so simple Werra am Ende zu solch einem hochpräzisen System mit Wechselobjektiven und gekuppeltem Entfernungsmesser ausgebaut werden konnte. Das ist wahrlich als eine der größten Konstruktionsleistungen im deutschen Kamerabau anzusehen.

Oben sieht man eine Modellübersicht der Werra-Reihe. Die Werra V befand sich zum Zeitpunkt des Druckes (1958) noch in der Konzeption. Die fertige Kamera hatte dann eine gewölbte Deckkappe, die in der Folgezeit auch sukzessive bei den anderen Modellen übernommen wurde. Die Werra V wurde kurze Zeit später durch die leicht weiterentwickelte Werramatic abgelöst, deren äußeres Kennzeichen die weggefallene Schutzkappe vor dem Einbereichs-Belichtungsmesser war.


Unten dieses besagte Spitzenmodell der Reihe mit einer bequemen Belichtungshalbautomatik und dem speziellen Schnittbild-Entfernungsmesser im großen, hellen Meßsucher mit seinen filigranen Bildbegrenzungsrahmen. Sie stellte mithin den Höhepunkt des Sucherkamerabaus in der DDR dar.

Werra Typmerkmale

4. Zentralverschluß


Die Werra ist aufs Engste mit der Entwicklung einer eigenen Zentralverschluß-Technologie in der DDR verknüpft. Neben der Pentina ist sie die regelrechte "Indikatorkamera" für das Vorankommen der Industrie in diesem Bereich. Sehr ausführlich habe ich mich zu diesem Thema in einem gesonderten Aufsatz geäußert. Mir scheint es aber angebracht, hier einige der wichtigsten Thesen in geballter Form zusammenzufassen.


Allem voran muß man sich die schwierige Lage vor Augen führen, in die die Kameraindustrie im Dresdner Raum durch die Spaltung Deutschlands zuerst in Besatzungszonen und anschließend in zwei voneinander getrennte Staaten gebracht worden war. Freilich muß es wohl explizit der Firmenpolitik des Zeisskonzerns in den 20er und 30er Jahren angelastet werden, daß eine in Dresden durchaus vorhandene Kompetenz im Bau von Zentralverschlüssen abgebrochen und auf die Standorte der (damals geheimen) Firmentöchter Friedrich Deckel AG in München und Alfred Gauthier in Calmbach konzentriert worden ist. Namentlich Hochleistungs-Spannverschlüsse mit Räderhemmwerk (Typ "Compur") kamen von da ab quasi monopolartig aus München. Carl Zeiss Jena hatte sich mit dieser Kontrolle über das Schlüsselprodukt Zentralverschluß einen verdeckten Einfluß auf die verbliebene unabhängige Kamerabauindustrie (Voigtländer, Franke & Heidecke, Certo, Beier, usw.) gesichert. Für den "mitteldeutschen" Kamerabau bedeutete dies, daß spätestens mit der Gründung der Bundesrepublik, aber de facto bereits mit der westlichen Währungsreform vom Sommer 1948 die Belieferung mit diesem Schlüsselprodukt Zentralverschluß in eine ernstzunehmende Krise geraten war. Die dadurch ausgelöste strukturelle Umorientierung prägte letztlich über 40 Jahre lang die gesamte folgende Produktentwicklung in der DDR-Photoindustrie. Die Dominanz des Schlitzverschlusses bis hinein in den Großformatbereich und andererseits der Mangel im Sortiment an hochwertigen Sucherkameras mit Zentralverschluß zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des DDR-Kamerabaus. Um so bedeutender sind die wenigen Ausnahmen, mit denen man versuchte, diese strukturelle Krise zu durchbrechen. Und die Werra nimmt hierbei eben eine ganz zentrale Rolle ein.


Mithilfe einer Korrespondenz zwischen Zeiss Jena und dem Mimosa Werk in Dresden, die in einer Quellensammlung herausgegeben von Hartmut Thiele wiedergeben ist, läßt sich erahnen, daß aufgrund anhaltender Schwierigkeiten mit dem einfachen Selbstspannverschluß "VELAX" in diesem Betrieb Ende der 1940er Jahre die Arbeiten an einem höherwertigen Spannverschluß in Angriff genommen wurden [Thiele, Die Photoindustrie der SBZ und DDR von 1945 bis 1959, 2020, S. 32.]. Wesentliches Ansinnen bei diesen Entwicklungsarbeiten war, den patentrechtichen Schutz des westdeutschen Compur nicht zu verletzen. Wenn dies zutrifft, dann dürfte daraus der spätere "CLUDOR" entstanden sein ein vergleichsweise einfach aufgebauter Spannverschluß der Baugröße 00 mit drei Sektoren und einer kürzesten Zeit von einer 1/200 Sekunde für Kameras der Mittelklasse. Die Fertigung dieses Verschlusses wurde später offenbar vom VEB Zeiss Ikon übernommen und nach einiger Zeit mit rudimentären Veränderungen als "VEBUR" fortgeführt. Es war dieser in der DDR selbständig entwickelte Verschluß, der es 1954 überhaupt erst ermöglichte, eine Volkskamera wie die Werra für den inländischen Massenmarkt ins Auge zu fassen. Mit Importverschlüssen wäre ein ein solcher Ansatz einfach nicht zu verwirklichen gewesen.


Die Werra war nun dergestalt konzipert, daß dieser Zentralverschluß nicht wie üblich ZWISCHEN einer vorderen und einer rückwärtigen Hälfte des Objektives saß, sondern das komplette Novonar bzw. Tessar in einer eigenen Fassung mit Schneckengang VOR den Zentralverschluß gesetzt wurde. Daher mußte das Objektiv auch mit einer eigenen Blende versehen werden. Denn die üblicherweise im Zentralverschluß in der Nähe der Öffnungssektoren sitzenden Blendenlamellen konnten bei dieser Bauweise nicht genutzt werden. Daher entfielen diese in jener für die Werra konzipierten Spezialversion des Vebur auch gänzlich. Auch das hintere Einschraubgewinde war aus diesem Grunde nicht vorhanden. Die auf den ersten Blick unnötig umständlich anmutende Bauweise, das Objektiv vor den Zentralverschluß zu setzen, war wohl in den späten 1930er Jahren durch Hubert Nerwin mit seiner Tenax der Zeiss Ikon AG eingeführt und nach dem Kriege umfangreich von einigen Firmen in der Bundesrepublik genutzt worden. Sie ermöglichte es, den Grundkörper der Kamera schlank und elegant zu halten. Hätte man das Objektiv IN den Zentralverschluß eingebaut, so wäre dieser aufgrund der Brennweite von 50 mm weit nach vorne gerückt. Wie dick eine solche Kamera dann rasch wird, kann man gut an der Mimosa erkennen.

In den 50er Jahren findet ein endgültiger Übergang von der Springkamera mit Balgen (z.B. Kodak Retina) hin zur sogenannten Tubuskamera (z.B Agfa Silette) statt, bei denen das Objektiv nun fest verbaut war. Nicht ausschließlich, aber auffallend oft, wurde nun das Objektiv VOR den Verschluß gesetzt.

Der einfache Vebur war für das Werra-Grundmodell völlig ausreichend. Allerdings mußte auf einen Selbstauslöser und die damals sehr wichtige Vollsynchronisation für Blitzlampen (SVS-Verschlüsse) verzichtet werden. Der Vebur hatte aber auch noch ganz andere Schwächen, die erst so recht zutage traten, als die Werra hin zu einer komfortableren Bedienung erweitert werden sollte. Dazu muß man bedenken, daß die Kleinbildphotographie in den 50er Jahren vor allem deshalb einen so großen Aufschwung genoß, weil erstmals die Farbphotographie für die breiten Massen in den Bereich des Möglichen rückte. Und "bunt" bedeutete damals fast ausschließlich Dias und Projektion. Da die zugehörigen Umkehrflme sehr genau belichtet werden mußten, wünschte sich so mancher Photoamateur einen Belichtungsmesser zu seiner Kamera. Dabei waren in der Bundesrepublik im gehobenen Marktsegment Kameras üblich geworden, bei denen der Belichtungsmesser nicht einfach nur elegant in die Kamera eingebaut, sondern seine Abgleichnadel mit der Einstellung von Zeit und Blende gekuppelt worden war. Schaut man sich hingegen einen Vebur-Verschluß genau an, fallen einem zwei Dinge auf: Erstens die alte Zeitskala mit 1/5; 1/10; 1/25; 1/50 Sekunde usw., wo quasi die Werte 1/8 und 1/15 fehlen bzw. zusammengelegt sind und daher keine sog. Lichtwertkupplung möglich ist. Dazu gesellte sich auch noch ein mechanisches Problem, denn die Abstände zwischen diesen Zeitwerten auf dem Einstellring sind stellenweise ungleich lang. Daraus folgt: der Vebur war veraltet und konnte mit einer Weiterentwicklung der Werra nicht mehr schritthalten. Da diese Weiterentwicklung sowohl in Hinblick auf einen gekuppelten Entfernungsmesser, einen Selbstauslöser, eine Vollsynchronisation und vor allem einen gekuppelten Belichtungsmesser gefordert wurde, ergab sich das schwierige Problem, daß die Volkseigene Industrie keinen dafür geeigneten Zentralverschluß bereitstellen konnte.


Das heißt aber nicht, daß nicht bereits frühzeitig an solch einem konkurrenzfähigen Zentralverschluß gearbeitet worden wäre. Wie ich durch intensive Beschäftigung mit der Patentüberlieferung des VEB Zeiss Ikon Dresden nachweisen konnte, lief in diesem Betrieb in der zweiten Jahreshälfte 1954 eine umfassende Entwicklungstätigkeit für einen Verschlußtyp an, mit dem man sich offenbar erhoffte, den Münchner Konkurrenten zu überholen, ohne ihn einholen zu müssen. Dazu griff man ein Funktionsprinzip wieder auf, das der deutschstämmige Gustav Dietz schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA entwickelt hatte: Führen die Sektoren eines herkömmlichen Zentralverschlusses eine hin- und hergehende Bewegung aus, wobei bei der vollen Öffnung des Verschlusses eine Richtungsumkehr stattfindet, so rotierten die Sektoren bei Dietz' Multispeed Shutter nach der vollen Öffnung in der gleichen Richtung weiter, um die Objektivöffnung wieder zu verschließen. Auf diesem Funktionsprinzip des Durchschwingverschlusses basierten auch die Entwicklungsarbeiten bei Zeiss Ikon, auf die den zeitgenössischen Dokumenten nach zu urteilen sehr viel Kraft verwendet wurde. Um die Unterschiede zu bisherigen Verschlüssen zu verdeutlichen, ist unten ein einzelner Sektor eines Compurs einem des (späteren) Prestor-Durchschwingverschlusses gegenübergestellt.

Sektoren Compur/Prestor

Meiner Einschätzung nach war es nun aber die strategische Zweigleisigkeit, die der VEB Zeiss Ikon seinerzeit einschlug, die dieses ganze Projekt letztlich zum Desaster werden ließ. Der Prestor-Durchwingverschluß wurde nämlich beileibe nicht dazu entwickelt, damit Zeiss Jena seine Werra aufwerten konnte. Das wurde allenfalls als angenehmer Nebeneffekt einalkuliert: den Prestor auch an andere Firmen zu verkaufen. Wie sich anhand der Patentüberlieferung sehr eindeutig nachweisen läßt, hatte der VEB Zeiss Ikon vielmehr im Sinn, eine Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera nach dem Vorbild der westdeutschen Contaflex auf Basis dieses neuen Verschlusses herauszubringen. Dieses Projekt geriet jedoch zu einer regelrechten Katastrophe und dürfte zumindest einer der Gründe dafür gewesen sein, weshalb vom VEB Zeiss Ikon bald nichts mehr übrig blieb. Das Fatale daran: So groß die technischen Schwierigkeiten bei der Entwicklung des Prestor auch gewesen waren, so konnten diese dennoch im Laufe des Jahres 1955 der Patentliteratur zufolge weitgehend überwunden werden. Im Prinzip lag der neuartige Verschluß zu diesem Zeitpunkt also bereits produktionsreif vor.


Nach meinen Schlußfolgerungen sind nun aber zwei Gründe dafür ausschlaggebend gewesen, weshalb das Prestor-Prokekt anschließend über Jahre hinweg auf Eis gelegt werden mußte. Für einen der beiden ist der VEB Zeiss Ikon selbst verantwortlich zu machen; namentlich der Chefkonstrukteur Walter Hennig. Durch die ganzen Verzögerungen hatte es sich nebenbei herauskristallisiert, daß eine Zentralverschlußspiegelreflex mit fest eingebautem Objektiv eine technische Sackgasse darstellte. Zeiss Ikon in Stuttgart mußte sich nämlich mittlerweile mit völlig unvernünftigen Satzobjektiven behelfen, um ihre Contaflex nachträglich für unterschiedliche Brennweiten zu ertüchtigen. So etwas Umständliches kam jedoch für die DDR nicht infrage. Die Entscheidung, die spätere Pentina mit vollständig wechselbaren Objektiven nach dem Bessamatic-Prinzip zu versehen, sorgte dafür, daß der VEB Zeiss Ikon lange schon nicht mehr exsitierte, als diese komplett umkonzeptionierte Pentina endlich fertig wurde. Daß dieser Betrieb zweitens gar nicht mehr existierte ja regelrecht aus der Öffentlichkeit getilgt werden mußte führe ich anhand der Interpretation des Verfahrensverlaufs der damaligen Patentanmeldungen des VEB Zeiss Ikon in der Bundesrepublik darauf zurück, daß die DDR-Photoindustrie durch Namenrechtsstreitigkeiten mit der Zeiss Ikon AG in Stuttgart davon bedroht war, viele ihrer wertvollen Schutzrechte an diese Firma zu verlieren. Darunter eben auch alle bisherigen zum Prestor-Projekt.

Also kurz und schlecht: Für unsere Werra bedeuteten diese beiden "Baustellen" bei Zeiss Ikon einen jahrelangen Stillstand in der Weiterentwicklung der Eisfelder Sucherkamera. Erst nachdem zum 1. Januar 1959 die Kamera- und Kinowerke Dresden gegründet worden waren und damit die mindestens seit dem Frühjahr 1957 währende "Schwebephase" des Dresdner Kamerabaus überwunden werden konnte, ging der Prestor Durchschwingverschluß in Produktion. In größeren Stückzahlen wird er wohl allerdings erst nach 1960 zur Verfügung gestanden haben. Bis dahin mußten höherwertig ausgestattete Exemplare der Werra I und II und generell die Werra III und IV mit dem Münchener Synchro-Compur versehen werden, der nicht nur teuer war, sondern obendrein auch noch mit Devisen bezahlt werden mußte. Erst der Prestor stabilisierte die Produktion der höherwertigen Werra-Modelle und ermöglichte letztlich, mit der Werra V noch einmal einen ganzen Schritt weiter zu gehen.


Die Beurteilung des Prestor fällt im Übrigen Zwiespältig aus. Einerseits muß man anerkennen, daß der Dresdner Kamerabau diesen Zentralverschluß mit seinem so andersartigen Funktionsprinzip erfolgreich zuendeentwickelt und auch in die Massenfertigung überführt hat. Ich fürchte allerdings, daß dies nur mit einem über alle Maßen ausufernden Aufwand möglich gewesen ist, der am Ende nur schwerlich zu rechtfertigen gewesen sein mochte. Der Prestor war schlichtweg NOCH komplexer geraten als herkömmliche Spannverschlüsse der Spitzenklasse. Die Japanische Photoindustrie zeigte zu ebenjener Zeit übrigens deutlich weniger Skrupel im Kopieren von fremden Errungenschaften und war anschließend sehr erfolgreich damit. Oder anders ausgedrückt: Solcherlei Deutsch-Deutsche Zwistigkeiten haben letztlich beiden Seiten geschadet und der Konkurrenz aus Japan obendrein auch noch in die Hände gespielt.


Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß das eigentliche Ansinnen, das hinter dem ganzen Aufwand mit dem Durchschwingverschluß steckte, nämlich erstmals die 1/1000 Sekunde als kürzeste Verschlußzeit für den Zentralverschluß einzuführen, als gescheitert zu betrachten ist. Zwar erreichte der Prestor durch die fehlende Richtungsumkehr der Sektoren tatsächlich günstigere Werte als der Compur, aber die sogenannte Hauptzeit T2, in der der Verschluß kurzzeitig die volle Öffnung erreicht, war eben doch nicht kurz genug, um die kürzeste Verschlußzeit mit einer 1/1000 Sekunde angeben zu können. In diesem Punkt waren die Kamera- und Kinowerke ehrliche Makler. Aufgrund der wirklich besseren Werte als beim Compur ließ man sich es jedoch nicht nehmen, später 1/750 statt 1/500 Sekunde auf den Einstellring zu gravieren. Der Verschluß selbst blieb freilich unverändert. Nur der sogenannte Hilfsverschluß, der beim Durchschwingprinzip unbedingt nötig ist, auf den ich hier aber nicht weiter eingegangen bin, wurde später "entfeinert". Das lag schlichtweg daran, daß die Werra schon bald als der einzige praktische Anwendungsfall des Prestor übriggeblieben war (und diese Kamera die mögliche Doppelfunktion des Hilfsverschlusses als Springblende nie nutzte). Damit ist das ganze Prestor-Projekt insgesamt als eine ziemlich zwiespältige Erfolgsstory einzuschätzen.

Prestor Hilfsverschluß

Hier sieht man den sogenannten Hilfsverschluß des Prestors, dessen Entwicklungsgeschichte ein wichtiger Schlüssel dafür ist, um nachträglich herauszuinterpretieren, was der VEB Zeiss Ikon Mitte der 1950er Jahre eigentlich so richtig im Sinn gehabt hat. Ein Hilfsverschluß ist beim Durchschwingprinzip prinzipiell deshalb unentbehrlich, weil die rotierenden Sektoren beim Spannen des Verschlusses ansonsten den Lichtpfad freigeben würden. Damit würde Licht auf den Film fallen, was durch den während des Spannvorgangs geschlossenen Hilfsverschluß wirksam verhindert wird. Interessant wird das Ganze dadurch, daß der ursprüngliche, im linken Bild gezeigte, Hilfsverschluß auf eine Doppelfunktion hin ausgelegt gewesen ist: Er hätte nach dem Auslösen der Kamera eine zweite Rolle als automatische Springblende übernommen, wie sie beispielsweise in Einäugigen Spiegelreflexkameras benötigt wird. Darin ist eines der Indizien zu sehen, daß man bei Zeiss Ikon eine DDR-Contaflex im Sinne hatte. Aber dazu kam es wie gesagt nicht, die spätere Pentina hatte ihre Springblende in den Wechselobjektiven und als Zwischenlinsenverschluß ist der Prestor in der DDR weder bei der Werra noch bei der Prakti angewandt worden. Weil dadurch die Zusatzfunktion des Hilfsverschlusses als Springblende obsolet war, konnte er später auf zwei einzelne Lamellen reduziert werden, was einerseits den Material- und Fertigungsaufwand verringerte und andererseits den Hilfsverschluß etwas zuverlässiger werden lassen sollte. Die nur durch geringe Federkraft angetriebenen Lamellen verkleben nämlich gerne miteinander und verursachen Funktionsstörungen, die die Kamera völlig unbrauchbar werden lassen. Falls Ihre Werra also mit Prestor ausgestattet ist, so kontrollieren Sie am besten vor jedem Filmeinlegen, ob beim Spannen des Verschlusses der Hilfsverschluß geschlossen ist und am Ende des Spannvorgangs aufspringt. Ist eines von beidem nicht der Fall, werden Sie keine Aufnahmen erzielen können!

5. Sucher


Ein besonderes Charakteristikum der Werra ist wie bereits angedeutet ihre Janusköpfigkeit zwischen möglichst rationell zu fertigender Massenkamera und ihrem Potential zu einem immer höheren Niveau in Sachen Präzision. Das kann man besonders gut an der Evolution ihrer Sucherausstattungen ablesen. Zuerst war in der Deckkappe der Werra lediglich ein großer Glasquader eingebaut, der im Grunde genommen nur einen einfachen Rahmensucher darstellte. Zeiss selbst nannte diese Konstruktion "Planglassucher". Durch das höhere Brechungsvermögen des Glases wirkten allerdings hinterer Einblick und vordere Umrandung näher beieinander und der "Ausguck" schärfer abgegrenzt, als wenn sich zwischen ihnen nur Luft befände, wie das beim üblichen Rahmensucher der Fall ist. Man erhoffte sich dadurch, ohne lichtbrechende Linsen ausommen zu können. Immerhin waren die ersten 140.000 Werras mit diesem "Einfachsucher" ausgestattet worden [Vgl. Miller, Rolf, Die Werra; in Fotografie 12/1957, S. 354.]. Doch diese Bauweise eines Suchers erfüllte nur die nötigsten Ansprüche an eine exakte Bildgestaltung.

DE1081301 Werra Sucher

Zwei Jahre nach dem Produktionsstart der Werra wurden daher umfangreiche Arbeiten an einem verbesserten Suchersystem aufgenommen, die in den Patenten DD16.802 und DE1.081.301 zum Ausdruck kommen, die zwar beide am 12. Juli 1956 in Ostberlin und München angemeldet wurden, sich allerdings inhaltlich geringfügig unterscheiden. Beide beschreiben verschiedene Ausführungsformen eines Suchers, der mithilfe einer Verspiegelung zweier einander zugekehrter Hohlflächen einen hell aufleuchtenden Rahmen in das Auge des Betrachters entwirft. Mit diesem neuen Spiegelrahmensucher konnte nicht nur endlich der exakte Bildausschnitt scharf abgegrenzt werden, sondern es wurde auch möglich, deutlich sichtbare Parallaxenmarken für Aufnahmen im Nahbereich anzuzeigen.

DE1081301 Werra Sucher

Der Grundgedanke dieses Spiegelsuchers hätte sogar einen Ausbau bis hin zum Meßsucher mit eingespiegeltem Mischbild ermöglicht, wie weitere Ausführungsformen des Patentes nahelegen. Neben Kurt Wagner und Hugo Eisenhut war immerhin der damalige Chefkonstrukteur der Abteilung Photo des Zeisswerks, der Vater der Flektogone und Spiegellinsenobjektive, Wolf Dannberg, an der Konstruktion dieser Suchersysteme beteiligt. Doch letztlich wurde dieser Ansatz für die kommende Entfernungsmesser-Werra dennoch fallengelassen und auf einen ungleich aufwendigeren Prismen-Fernrohrsucher zurückgegriffen, den ich im folgenden Abschnitt beschreibe. Das Interessante dabei: Nachdem der oben beschriebene Spiegel-Rahmensucher einige Zeit in die Werra I und II erfolgreich eingebaut worden war, wurden auch diese Kameras am Ende  noch auf eine vereinfachte Variante dieses besagten Prismensuchers umgestellt, der aufgrund seines Arbeitsprinzips in Form einer reelen Zwischenabbildung einen Sucherrahmen ermöglichte, der wie im Sucherbild zu schweben schien und das Aufnahmefeld dadurch noch deutlicher und präziser abgrenzte. Das war möglich, indem in der Ebene dieser reellen Zwischenabbildung die sehr feinen Linien dieses Sucherrahmens in den Spiegelbelag einer Feldlinse eingeäzt wurden. Selbst die einfache Werra I erreichte mit diesem Sucher nunmehr ein kaum zu übertreffendes Niveau innerhalb ihrer Klasse.

6. Entfernungsmesser


Geschützt wurde der aufwendige Meßsucher der Werra mit dem DDR-Patent Nr. 17.655 vom 10. Juli 1956. Hermann Friebe war der Urheber. Als Grundlage nutzte er das Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers, das von anderen Herstellern nur selten in Meßsuchern eingesetzt wurde. Meßsucher bedeutet ja ein optischer Verbund, wo Sucher und Entfernungsmesser einblicksgleich zusammengelegt sind. Von wenigen Ausnahmen abgesehen dominierte in diesem Bereich der Mischbildentfernungsmesser, der nach dem Überlagerungsprinzip arbeitet. Der Schnittbildentferungsmesser braucht zwar immer eine Kante oder ein anderes markantes Objekt, das eben zerschnitten wirkt, wenn nicht scharfgestellt ist, dafür beeindruckt er mit seinem hellen, klaren Meßfleck, der auch bei wenig Licht und kontrastarmen Objekten ein gutes Scharfstellen ermöglicht. Das Mischbild ist in solchen Fällen meist rasch am Ende.

Mischbildentfernungsmesser
Schnittbildentfernungsmesser

Oben ist einmal das Funktionsprinzip des Mischbildentfernungsmessers, wie er beispielsweise in der Leica M3 verwendet wurde, dem des Schnittbildentfernungsmessers der Weimar III gegenübergestellt. Beide Bilder zeigen jeweils den defokussierten Zustand.

Wie im Abschnitt 5 bereits angesprochen, arbeitet der Prismenfernrohrsucher der Werra mit einer reellen Zwischenabbildung. Während der sonst übliche Newtonsucher nur ein virtuelles Bild des Motivs liefert, das mit einem Okular vergrößert betrachtet wird, blickt man bei der Werra mit dem Okular (5) auf eine reelle Zwischenabbildung, die von einem Sucherobjektiv (1) projiziert wird. Das hat den Vorteil, daß in der Ebene der reellen Abbildung (8) angebrachte Markierungen wie Sucherrahmen oder Einspiegelungen wie Meßwerkzeiger genau so scharf und deutlich abgegrenzt gesehen werden, wie das Motiv selbst. Um den Meßsucher der Werra III bis V mit diesem Prinzip der reellen Zwischenabbildung in Einklang zu bringen, mußte ein zweites Objektiv vorgesehen werden, das allein dafür zuständig war, ein reelles Bild im zentralen Meßfleck des Suchers zu erzeugen. Dieses Meßobjektiv (7) war zu diesem Zweck derart mit dem Schneckengang des Kameraobjektivs gekuppelt worden, daß es sich bei Naheinstellung in Pfeilrichtung (A) bewegte.

DD17.655

Dem Vorteil eines sehr hochwertigen Sucherbildes mit einer klaren seitlichen Abgrenzung und eines hellen Entfernungsmessers stand freilich der große optische Aufwand dieses Bauprinzips gegenüber. Um den Sucher insgesamt geradsichtig und die rellen Abbildungen der beiden Sucherobjektive aufrechtstehend zu machen, waren mehrere Spiegelungen in Prismenkörpern nötig, die dazu entsprechende Dachkanten aufweisen mußten. Im Patent DD17.655 wurde zwar eine Anwendung von Kunststoffpreßlingen vorgeschlagen, in der Praxis ist der Meßsucher der Werra jedoch ganz und gar aus Glas gefertigt worden.

DD17.655

Erwähnenswert ist noch, daß dieses Prinzip des Schnittbildentfernungsmessers eine Möglichkeit geboten hätte, nicht nur die Scharfstellung anhand des Suchers vorzunehmen, sondern auch die zur Verfügung stehende Schärfentiefe im Sucher direkt ablesen zu können. Hermann Friebe und Paul Klupsch hatten dazu ein Patent angemeldet, das aber in der Praxis nicht verwirklicht wurde [DD27.363 vom 1. Juli 1957].

Wieso nicht jede x-beliebige Firma solch aufwendige Meßsucher anbieten konnte, erkennt man, wenn man sich einmal die Kombination aus Dackantprisma mit aufgekittetem Ablenkungsprisma anschaut, die in der Werra III...V verbaut wurde. Das war schon höchste optisch-feinmechanische Präzision. Heute werden solche Prismensysteme aus transparenten Kunststoffen gespritzt, aber bei der Werra ist alles aus geschliffenem, poliertem Glase. Bei der Werra V bzw. der Werramatic kam dann noch die Anzeige des Nachführzeigers am unteren Bildrand sowie die Einspiegelung von Zeit- und Blendenskala hinzu. Das war eine große Leistung!

Als die Werra III entwickelt wurde, sollte diese nicht nur einen mit der Scharfstellung gekuppelten Entfernungsmesser aufweisen, sondern als Erschwernis auch noch Wechselobjektive. Ein sogenannter Basisentfernungsmesser, bei dem Spiegel, Prismen oder Linsen um ganz geringe Winkelbeträge verschwenkt werden, stellt an sich schon eine große mechanische Herausforderung dar. Wenn der Entfernungsmesser überhaupt die notwenidige Präzision des Kleinbildes erfüllen und eine gewisse Langzeitstabilität gesichert bleiben soll, dann verlangt eine Entfernungsmesserkupplung bei Wechselobjektivsystemen eine sehr sorgfältige Konstruktionstätigkeit. Nicht umsonst haben die Firmen Leitz und Zeiss Ikon Anfang der 1930er Jahre sehr lange an dieser Problemstellung gearbeitet und sind auch zu sehr unterschiedlichen konstruktiven Lösungen gekommen.


Die Entfernungsmesserkupplung der Werra folgt nun in gewisser Weise dem Grundprinzip der Leica. Allerdings wird der Schwenkwinkel nicht wie bei der Leica direkt durch ein Gleiten an der Verstellkurve des Objektivs angetrieben, sondern über zwei Stifte, von denen der eine einen Bestandteil der Kamera darstellt und der andere spielfrei im Objektiv gelagert ist. Das garantiert höchste Langzeitstabilität und Verschleißfreiheit. Diese Anordnung war übrigens auch deshalb machbar, weil die Werra mit dem in der DDR weit verbreiteten Schraubbajonett-Prinzip arbeitet, bei dem das Objektiv nicht verdreht werden muß, sondern von vorn aufgesteckt und durch Verdrehen eines Ringes gesichert wird. Entwickelt wurde diese Entfernungsmesserkupplung vom Zeiss-Konstrukteur Paul Klupsch, der sich seine Idee im DDR Patent Nr. 16.873 vom 23. Oktober 1956 schützen lassen hat.

DD16.873

Diese Werra III wurde zwar auf der Herbstmesse 1957 gezeigt, aber das nur mit dem für DDR-Verhältnisse recht ungewöhnlichen Hinweis, daß die just fertig konstruierte Kamera erst in der zweiten Jahreshälfte 1958 in Produktion gehen werde. [Vgl. Bild & Ton, Heft 10/1957, S. 270.]. Dasselbe galt übrigens auch für die Werra IV, die als eine Synthese der Modelle II und III angekündigt wurde. Der Grund dürfte in den anhaltenden Schwierigkeiten der Volkseigenen Zulieferindustrie gelegen haben, den neuen Spitzenverschluß bereitzustellen.

Werra III Flektogon

7. Die Werra-Wechselobjektive


Eng mit der Werra III und ihrem Entfernungsmesser sind auch die beiden Wechselobjektive verbunden, die speziell für diese Kamera geschaffen wurden. Daß diese Wechselobjektive besonders zugeschnitten sein mußten, liegt wiederum daran, daß die Werra eine Kamera mit hinter dem Objektiv liegenden Zentralverschluß war. Das Wechselobjektiv wurde also VOR den Zentralverschluß gesetzt, der seinerseits fester Bestandteil der Kamera blieb. Diese spezielle Bauweise der Kamera hatte zweierlei Auswirkungen auf die Konstrukton der Wechselobjektive, die für das Weitwinkel und das Tele gesondert zu betrachten sind:


Um den Weitwinkelbereich abzudecken, gab es für die Werra III (und die entsprechenden Schwestermodelle) eine Version des Retrofokus-Pioniers Flektogon 2,8/35mm. Dieses Objektiv war im Sommer 1949 speziell für die zukunftsträchtigen Kleinbild-Spiegelreflexkameras des Dresdner Kamerabaus geschaffen worden. Während die aufwändige Bauart bei der Spiegelreflexkamera deshalb nötig war, damit der Spiegel genügend Bewegungsspielraum hat, sorgte bei der Werra der zwischen Kameragehäuse und Objektiv sitzende Zentralverschuß für ein ähnlich gelagertes "Platzproblem". Rudolph Solisch kam daher bei Zeiss die Aufgabe zu, ein Objektiv mit einem großen Bildwinkel zu schaffen, bei dem der Luftzwischenraum zwischen der hintersten Linse und der Bildebene länger sein mußte als die Brennweite. Nach einem etwa zu selben Zeit in Frankreich entwickelten Pendant wurde diese Objektivbauart in der Folgezeit allgemein Retrofokus-Weitwinkel genannt.


Interessant ist nun, daß für die Werra zum 12. März 1956 eine gesondert gerechnete Variante dieses Flektogons geschaffen wurde, die sich zwar im Grundaufbau nicht von dem Typus für die Reflexkamera unterschied, aber offenbar so für die Werra zugeschnitten werden mußte, daß die besagte Rechnung auch nur für diese Kamera verwendet wurde. Etwa 11.000 Stück wurden ab Sommer 1958 offenbar innerhalb eines einzigen Jahres produziert. Mit dem Rechnungsdatum vom 23. September 1960 folgte dann ein letztmalig optimiertes Flektogon 2,8/35, das nun gleichermaßen für die Spiegelreflexkamera wie für die Werra geeignet war. Auf Basis dieser Rechnung wurden zwischen Jahresanfang 1964 und Jahresende 1968 noch einmal etwa 3350 Stück fabriziert.

Obwohl die Werra ja eine Sucherkamera ist, war also bei ihr diese spezielle Bauform des Retrofokusobjektivs mit verlängerter Schnittweite nötig, um die Forderung nach einem Weitwinkel für diese Kamera mit ihrem Konzept des Hinterlinsenverschlusses in Einklang bringen zu können. Wie man sich leicht denken kann, wurde die Konstruktion eines langbrennweitigen Zusatzobjektives für die Werra ebenfalls von diesen Bedingungen geprägt. Allerdings waren hier die Schwierigkeiten ein wenig anders gelagert. Nicht ein zu kurzer Abstand der hintersten Linse von der Bildebene war hier das Problem, sondern daß dieses rückwärtige Element durch den engen Durchlaß des Prestor 00 stark im Durchmesser eingeschränkt sein mußte. Um die sich aus diesen Vorgaben ergebenden Anforderungen an ein Teleobjektiv zu erfüllen, hatte Erich Fincke zusammen mit Harry Zöllner [DDR Patent Nr. 23.651 vom 17. November 1958] auf eine Sonnarkonstruktion zurückgegriffen, die so ausgelegt wurde, daß


1. der Strahlengang weit genug eingeschnürt wurde, um die eintretende Lichtmenge durch den engen Prestor zu bekommen.

2. die hinterste Linse kurz vor den Verschlußsektoren zu liegen kam, um den Wirkungsgrad des Verschlusses nicht zu mildern.

3. die Blende des Objektivs nah an diese hinterste Linse gebracht wurde, um Vigettierungen zu vermeiden.


Von diesem hochwerigen Cardinar 4/100 mm wurden zwischen 1959 und 1969 (!) knapp 18.000 Stück hergestellt. Auf das Mysterium, daß die geometrische Lichtstärke dieses Objektivs eigentlich bei 1:3,5 liegt, auf der Fassung aber 1:4,0 graviert ist und größtenteils auch durch eine Manipulation des Blendenmechanismus mechanisch auf auf diesen Wert begrenzt wurde, gehe ich hier ausführlicher ein. Es ist den Konstrukteuren wohl erst im Nachhinein klar geworden, daß in Hinblick auf die später noch folgenden Werramodelle mit gekuppelten Belichtungsmessern ein Wert der Lichtstärke von 1:3,5 als sehr ungünstig angesehen werden mußte, weil dieser nicht in die internationale Blendenreihe paßte und daher einfach nicht mit dem Prinzip der Lichtwertkupplung in Einklang zu bringen war. Der Wert 1:3,5 ist eben etwa eine drittel Blendenstufe von 1:4,0 entfernt oder aber zu zwei Dritteln von 1:2,8 und eine der beiden Abweichungen würde stets in jeder Belichtung wirksam werden, wenn man die "krummen" 1:3,5 als Anfangslichtstärke zugrundegelegt hätte.

Werra Wechselobjektive

Links das Tessar als Normalobjektiv, in der Mitte das Flektogon und rechts das Cardinar [nach: Müller, Rudolf: Das WERRA-System, Bild & Ton, 5/1958, S. 140 ff.] Die Schnittbilder zeigen auch deutlich, wie stark der Hersteller sein Augenmerk darauf richten mußte, die hintersten Linsenfassungen im Durchmesser klein genug zu halten, damit sie in den freien Durchlaß des Prestor-Verschlusses eintauchen konnten.

Werra Cardinar 100 mm

8. Belichtungsmesser


Man erkennt also schon an solchen Problemen mit der Lichtstärke der Objektive, wie kompliziert sich die Konstruktion eines einfach zu bedienenden Belichtungsmessers gestaltete. Im Abschnitt 6 wurde bereits gesagt, daß auf der Leipziger Herbstmesse 1957 die neuen Typen Werra II, III und IV vorgestellt wurden, aber nur die Werra II ging anschließend sogleich in Prodution. Das lag sicherlich daran, daß diese Werra II zwar mit einem eingebauten Belichtungsmesser versehen wurde, sich aber ansonsten nicht von ihrer Schwesterkamera Werra I unterschied. Insbesondere bedeutete dies, daß sie mit dem bisherigen Vebur auskam. Weil dieser Zentralverschluß, wie in Abschnitt 4 bereits beschrieben, keine Lichtwertkopplung zuließ, konnte daher auch zunächst nur eine Lösung mit einem völlig ungekuppelten Belichtungsmesser verwirklicht werden. Das war in etwa dasselbe, wie ein in die Kamera fest eingebauter Handbelichtungsmesser. Aus diesem Grunde trug die Werra II auch die für solche Geräte charakteristische Rechenscheibe auf ihrer Rückwand. Das Meßwerk des Belichtungsmessers zeigte oben auf der Deckkappe der Kamera Leitwerte an, die abgelesen und anschließend auf die rückwärtige Rechenscheibe übertragen werden mußten. Erst danach konnte schließlich die passende Zeit-Blenden-Kombination ausgewählt werden, die zu guter letzt auch noch auf den Verschluß und den Blendenring übertragen werden mußte. Neben diesen mehrfachen Ablese- und Einstellvorgängen gestaltete sich das Belichtungsmessen mit der Werra II auch deshalb recht unbequem, weil die Kamera dafür ständig in grotesker Weise hin- und hergedreht werden mußte. Mit einer solchen regelrechten Notlösung konnte sich bei Zeiss Jena also niemand wirklich zufriedengeben.

Werra II

Um von der umständlichen Bedienung des Belichtungsmessers bei der Werra II abzukommen, sollte für eine Werra IV dieses Verfahren deutlich vereinfacht werden. Um das zu erreichen, hatten sich Helmut Scharffenberg und Johann Koch ein System ausgedacht, das ohne zusätzliche Skalen und Rechenhilfen auskam [DDR-Patent Nr. 20.019 vom 1. September 1957]. Dazu war ein Indexring vorgesehen, der bei Einstellung der Filmempfindlichkeit in eine bestimmte Relation zum gekoppelten Zeit- und Blendeneinstellring gebracht wurde. Der Belichtungsmesser zeigte nun direkt einen Blendenwert an, der einmalig bei entkoppeltem Zeit-Blendenring dem Index gegenübergestellt werden mußte. Anschließend konnten nun beliebige Zeit-Blenden-Paarungen gewählt werden, ohne daß sich die Belichtung änderte. Da der Belichtungsmesser der Werra IV noch ein Zweibereichs-Belichtungsmesser war, mußten zwei farbige Indizes auf dem Indexring aufgebracht werden.


Wie oben bereits beschrieben, war für solch einen gekuppelten Belichtungsmesser unbedingt ein Lichtwert-fähiger Verschluß vonnöten. Nicht nur mußte er die neue, lückenlose geometrische Zeitenreihe zu bieten haben, sondern die Abstände zwischen den Rastungen mußten gleich sein. Das verlangte nach einer ausgeklügelten Steuermechanik im Verschluß und nach einem perfektionierten Hemmwerk. Aber damit nicht genug: Auch die Abstände zwischen den einzelnen Blendenwerten des Objektivs mußten konstant sein und zudem dieselbe Größe aufweisen, wie beim Zeiteinstellring. Die Wechselobjektive der Werra IV und ihrer Nachfolgemodelle benötigten daher eine speziell angepaßte Form der Blendenlamellen, um all diese Forderungen miteinander in Einklang bringen zu können.

DD20.019 Werra IV

Trotz allem Aufwand war diese Vereinfachung aber noch nicht einfach genug. Immernoch mußten Zahlen von einer Skala abgelesen und am Index eingestellt werden und war es zu hell oder zu dunkel, dann mußte mit der Klappe vor der Selenzelle der Bereich gewechselt werden. Für eine weiterentwickelte Werra-Generation sollte der Abgleich der Belichtung gänzlich ohne Ablesung von Zahlenwerten möglich sein. Dazu wurde der Zeiger des Belichtungsmessers bei der Werra V (bzw. der späteren Werramatic und der einfacheren Werramat) in das Sucherbild eingespiegelt. Ohne die Kamera vom Auge absetzen zu müssen war es dadurch möglich, den Zeiger des Belichtungsmessers auf eine Festmarke einzuspielen (Nachführprinzip). Das ergab eine Form der Automatisierung und Vereinfachung der Belichtungsmessung, die keinerlei Abstriche an die Kontrolle über die indviduelle Kombination von Zeit- und Blendenwerten erforderte.

DD29.472 Werra V

Verkompliziert wurde dieses Ansinnen durch mehrere erschwerende Forderungen. Dazu gehörte, daß der Belichtungsmesser nur noch einen Meßbereich haben sollte. Auch mußte eine Kupplung mit Wechselobjektiven möglich sein. Weil das Meßsystem wie erwähnt ohnehin in den Sucher eingespiegelt werden mußte, hatte Johann Koch den Meßabgleich so ausgelegt, daß er entsprechend optomechanisch arbeitete [DDR-Patent Nr. 29.472 vom 5. Oktober 1959]. Dazu wurden Zeit, Blende und Filmempfindlichkeit in eine Stößelbewegung überführt, die eine Verdrehung eines Spiegels bewirkte, der seinerseits den Zeiger im Sucher abbildete. Mit dieser Einrichtung mußte der Zeiger auf den Ausschnitt am unteren Sucherrand eingespielt werden, wie dies oben in der Darstellung des Werramatic-Sucherbildes gezeigt ist. Der dazu nötige Mechanismus geriet letztlich beinah ebenso aufwendig, wie der Entfernungsmesser der Werramatic.

Werramatic Belichtungsmesser

Weil nun auch der Meßwerkzeiger in der reellen Zwischenbildebene des Suchers (9) abgebildet werden mußte, war bei der Werramatic ein drittes Sucherobjektiv (8) und ein zugehöriges Prisma (8a) nötig. Dieses auf dem Hebel (6) sitzende Objektiv wurde nun so lange verschoben, bis der Zeiger des Meßwerks (1) in der besagten Aussparung des Meßfeldes im Sucher zu liegen kam. Man sieht, daß die tatsächlich in der Werra umgesetzte Verstellung der Belichtungssteuerung weit aufwendiger geriet, als im Patent angedeutet. Die über den Stößel (3) vermittelte Zeit-Blenden-Kombination mußte über ein Schneckengetriebe (4) in eine Verdrehung der Kurve (5) umgesetzt werden. Die Formgebung dieser Kurve war übrigens individuell an die Charakteristik des Belichtungsmessers angepaßt [Vgl. Krohs: Belichtungsmesser; in: Handbuch der Phototechnik, 2. Aufl. 1962, S. 298]. Am Einsteller 10 wurde zuvor die Filmempfindlichkeit ins Meßsystem eingegeben. Mit der Taste (2) mußten zum Zweck des Belichtungsabgleichs Zeit- und Blendenring  entkuppelt werden. Wurde diese Taste anschließend losgelassen, so konnten nun Zeit und Blende gemeinsam verstellt werden. Das bedeutet Zeit- und Blendenkombinationen konnten gegeneinander verschoben werden, ohne daß sich die Stärke der Belichtung veränderte. Mit den Spiegeln (11 a und b) wurden zudem die Werte der Blende und Verschlußzeit in das Sucherobjektiv (12) eingespiegelt und erschienen dadurch ebenfalls in der reellen Zwischenbildebene des Suchers. Das war eine große Leistung der Zeissianer. Diese Einspiegelung der Zeit-Blenden-Werte macht eine Belichtungsautomatik mit Sucherabgleich erst richtig sinnvoll. Ich habe zwar nachweisen können, daß zur selben Zeit in den Kamera- und Kinowerken in Dresden für die Pentina auch an einer Einspiegelung des Meßwerkzeigers in deren Reflexsucher gearbeitet wurde. Diese Arbeiten wurden aber nicht in der fertigen Kamera umgesetzt. Das mag daran gelegen haben, weil es anders als bei der Werra nicht gelungen war, auch die gewählte Zeit-Blenden-Kombination im Sucher sichtbar zu machen.

WERRA matic

9. Blendenautomatik


Auch wenn oben in Bezug auf die Nachführmessung der Werramatic bereits von einer Belichtungsautomatik gesprochen wurde, so war diese natürlich noch keine automatische Steuerung im engeren Sinne. Um in dieser Hinsicht den internationalen Trends nachzukommen, wurden die Werramat und Werramatic unter Federführung der Konstrukteure Hermann Friebe und Helmut Scharffenberg bis etwa 1965 zu einem Blendenautomaten weiterentwickelt. Diese "WERRA supermat" wurde 1968 (1966?) noch groß in der "Fotografie" angekündgt und umfangreich technisch beschrieben, kam aber offenbar nicht über eine Kleinserie hinaus und gelangte auch nicht offiziell in die Geschäfte.

Aufnahmen: Peter Drijver

Die gesamte Belichtungsautomatik dieser Kamera fußte nun darauf, daß eine aufwendige Mechanik die Stellung des Meßwerkzeigers abtastete, um damit die Blendenöffnung festzulegen, bevor der Verschluß schließlich ausgelöst wurde. Das war eine international übliche Ausführungsform der Belichtungsvollautomatik, die sogar schon in der DDR zuvor zur Anwendung gekommen war (Certi, Prakti). Der Hintergrund dieser Bauweise liegt darin, daß ein Selenelement nur wenige Hundert Mikrowatt Leistungs abgeben und damit keine direkten Steuerungsfunktionen übernehmen kann. Also muß der indirekte Weg beschritten und der Ausschlag des Meßwerkzeigers mechanisch abgetatstet werden. Die große Schwierigkeit bei der Realisierung einer solchen Belichtungsautomatik lag nun darin, daß die Einstellung der Blendenöffnung zwischen den Blendenzahlen 2,8 und 22 bei allen Belichtungszeiten zwischen 1 und 1/750 Sekunde und allen Filmempfindlichkeiten zwischen 9 und 27 DIN möglich sein sollte. Dies mit rein mechanischen Getrieben zu erreichen (statt wie später nur durch eine Verarbeitung von bloßen Spannungswerten) war ein sehr schwieriges Unterfangen.


Ich dachte bislang immer, der durch diesen Aufbau stark verlängerte Auslöseweg sei der Anlaß gewesen, von der bisherigen Form des Gehäuseauslösers abzugehen und an der Rückseite eine Art Auslöseschieber anzuordnen. Jetzt habe ich allerdings ein Patent gefunden, das Hermann Friebe und Werner Broche am 2. März 1963 angemeldet hatten [Nr. DD43.115] und das den wahren Hintergrund für die Umgestaltung der Auslösebetätigung offenbart. Die bisherigen Werramodelle hatten wie gesagt einen Auslöser gehabt, dessen Betätigungsknopf auf der Deckkappe der Kamera untergebracht war. Das konnte zur Folge haben, daß versehentlich ein Finger die Öffnung des Photoelementes abdeckte. Bislang war das verschmerzlich, da durch die BelichtungsHALBautomatik zwischen Belichtungsmessung und Aufnahme genügend Zeit blieb, den Fehler zu entdecken und abzuwenden. Bei einer Werra mit BelichtungsVOLLautomatik bestimmte das Meßergebnis aber nun direkt und und ohne zeitlichen Verzug die beim Auslösen gebildete Blendenöffnung und eine auch noch so flüchtige Verfälschung der Messung mußte daher unter allen Umständen verhindert werden. Die Erfinder meinten, dieses Ziel durch die Verlegung des Auslösers an die Rückseite der Kamera und die Betätigung mit dem Daumen statt mit dem Zeigefinger sicher erreichen zu können.

DD43.115
DD43.115

Die Tatsache freilich, daß man sich mit Problemen wie dem versehentlichen Verdecken des Belichtungsmessers beschäftigen mußte, zeigt bereits, wie weit hinterher diese Technologie mit Selenzelle und dem mechanisch abgetasteten Meßinstrument Mitte der 1960er Jahre bereits gewesen ist. Aus Japan wurden mittlerweile vollautomatisch belichtende Sucherkameras geliefert, die mit kleinflächigen Photowiderständen arbeiteten. Diese Photowiderstände waren sogar klein genug, daß man sie innerhalb des Objektivtubus placieren konnte, wo sie nicht versehentlich abgedeckt werden konnten und sogar den Belichtungsfaktor eines vorgesetzten Filters mit registrierten. Überdies zeichnete sich als neuer Trend bereits ab, daß bei diesen vollautomatisch belichtenden Sucherkameras der durch den Photowiderstand fließende Strom nicht mehr mechanisch, sondern vollelektronisch durch eine Transistorschaltung ausgewertet werden würde (z.B. Yashica electro 35, 1966). Im Angesicht dieses durch die japanische Photoindustrie vorgegebenen technischen Standes war die WERRA supermat nichts als "kalter Kaffee" und die Exportchancen hätten mit großer Sicherheit gegen Null tendiert.


Ich vermute aber, daß es nicht allein die technische Rückständigkeit dieser WERRA supermat gewesen ist, die ihre Serienfertigung verhindert hat, sondern eher die Tatsache, daß der neue Kamerakonzern PENTACON endlich von der Last befreit werden wollte, weiterhin den komplizierten und in der Herstellung problematischen Prestor Zentralverschluß für Zeiss Jena bereitstellen zu müssen. Und ohne Zentralverschluß eben keine Werra mehr.

Bezeichnend ist dieser Prospekt, der aus der zweiten Hälfte der 1960er Jahre stammen dürfte. Streng genommen scheint es sich nur um eine Art Druckfahne zu handeln, denn es ist kaum zu übersehen, daß hier ein Korrektor an allen Stellen den ursprünglichen Namen "WERRA supermat" in "WERRA mat-super" geändert hat. Das erfolgte offenbar nach einem Namenrechtseinspruch von Seiten Kodaks. Aber auch das war letztlich gleichgültig: weder Kamera noch Prospekt gingen anschließend in die Serienfertigung.



Unten der Artikel von Scharffenberg und Friebe, mit dem die WERRA Supermat 1968 (1966?) in der Fotografie vorgestellt wurde

Bislang wenig bekannt ist, daß nicht nur die WERRAmat, also das Modell ohne Entfernungsmesser und Wechselobjektive, mit Blendenautomatik ausgestattet werden sollte, sondern auch das Spitzenmodell WERRAmatic. WERRAsupermatic hätte diese Kamera heißen sollen [nach Arnz, Joachim: The Werra: Some interesting rarities; in: Zeiss Historica, 2/2012, S. 8ff.]. Daß dieser Prototyp authentisch ist, das erkennt man wiederum am fehlenden Auslöseknopf auf der Deckkappe. Wie bei der Supermat ist dieser stattdessen auf der Rückseite zu finden.  

Werra Supermatic

Die letzte Weiterentwicklung der Werra, die wirklich noch praktisch umgesetzt wurde, betraf übrigens den Rückspulauslöser dieser Kamera. Bislang mußte während der gesamten Zeit, in der man den Film in die Patrone zurückwickelte, der Rückspulknopf gedrückt werden. Mit der DDR-Patentschrift Nr. 43.116 vom 2. März 1963 hatte sich Werner Broche eine Entkuppelungseinrichtung für die Zahntrommel schützen lassen, die ein dauerhaftes Drücken eines Knopfes unnötig machte. Stattdessen wurde der Bodenverriegelung der Werra eine Schaltposition für Rückwicklung hinzugefügt. Eine Hebelkonstruktion im Inneren der Kamera betätigte nun den Rückspulknopf so lange, bis die Rückwand geöffnet wurde. Als angenehmer Nebeneffekt ergab sich, daß die bislang problematische Abdichtung der Rückspulknopfes gegenüber Lichteinfall, für die bislang eine Filzdichtung vorgesehen werden mußte, wegfiel und daher auch keine Störungen mehr verursachen konnte.

DD43116 Werra Rückspulauslöser
Werra Broche

10. Das Ende der Werra-Reihe


Diese letzten Detailverbesserungen sollten aber bereits den Niedergang der Werra-Reihe einläuten. Es folgte noch eine größere gestalterische Umarbeitung mit einer über die gesamte Frontseite der Deckkappe verlaufenden Scheibe, hinter der der Sucher- und Belichtungsmesserausguck sowie die Modellbezeichnung untergebracht waren. Zudem wurde der Vulkanitbelag auf eine Belederung mit modisch aktuellem Muster umgestellt. Das war das äußere Kennzeichen der Werra E-Serie. Mit ihrer Einführung im Frühjahr 1965 wurde übrigens auch das bisher rigoros eingehaltene Konzept des völlig glattflächigen Gehäuses durchbrochen, indem die Werra nun erstmals einen fest eingebauter Blitzschuh verpaßt bekam [Vgl. FOTOKINO magazin Nr. 7/1965, S. 195.].

late Werra-mat

Doch die Werkleitung des VEB Carl Zeiss JENA hatte bereits am 23. Februar 1965 beschlossen, die Werra-Produktion ab 1968 einzustellen [Vgl. Ausführlicher Abschlußbericht WERRAsupermatic, 1966, S. 2]. Als Gründe wurden einerseits "ungünstiger werdender Devisenerlös der gesamten Werra-Reihe" angegeben. Damit ist das gemeint, was ich oben schon angedeutet habe: Auf den entscheidenden Westmärkten wollte die überalterte Werra keiner mehr haben. Und nur für den DDR-Bedarf war diese Kamera viel zu aufwendig. Das deckt sich mit der zweiten Begründung einer "Produktionsprofilbereinigung innerhalb des Betriebes". Die Fertigungskapazitäten, die die Werra bei Zeiss band, sollten einträglicheren Produkten freigemacht werden. Nach den Angaben von Joachim Arnz im o.g. Artikel und in Übereinstimmung mit den Daten, die durch "den Thiele" bezüglich der Werra-Objektve überliefert sind, wurde die Produktion der Werra offenbar schon im Jahresverlauf 1966 sukzessive heruntergefahren. Denn bereits im Jahr darauf ist die Zeiss-Fernglasproduktion nach Eisfeld verlagert und anschließend eine bis dahin unvorstellbare Großserienproduktion dieser Gerätschaften aufgebaut worden. Mit dem Ablauf des Jahres 1967 scheint dann diese Übergangsphase endgültig abgeschlossen gewesen zu sein.


Nach den großen anfänglichen Startschwierigkeiten, die sich schließlich fast automatisch ergeben, wenn ein Betrieb nicht nur eine Neukonstruktion wagt, sondern gleich noch ein komplett neues Geschäftsfeld betritt, wurde die Werra im Laufe der Zeit doch noch sehr erfolgreich. Mitte Juni 1961 hatte die Werra die Herstellungsziffer von 250.000 Stück überschritten und sie wurde in 30 Länder exportiert [Vgl. Fotofalter, 11/1961, S. 324.]. Das war nach sieben Jahren Produktionszeit. Wir wissen heute, daß damals bereits die "Halbzeit" überschritten war. In den folgenden Jahren muß die Poduktion noch einmal deutlich gesteigert worden sein. Arnz gibt an, bis 1964 seien 800.000 Werras hergestellt worden. Diese Zahl wird aber nicht belegt. Ich habe hingegen "im Thiele" insgesamt ca. 573.500 Tessare 2,8/50 für die Werra gezählt. Dazu kommen noch 42.500 Novonare aus der Anfangszeit. Macht zusammen also etwa 616.000 Werras. Mag sein, daß Herr Thiele bei der Übertragung der Zeiss'schen Karteikarten nicht immer den "Verwendungszweck" aufgespürt hat bzw. er wurde nicht immer vermerkt. Aber scheinen mir dies momentan die einzig wirklich nachprüfbaren Zahlen zu sein. Wie dem auch sei; ob nun 600.000 oder 800.000 oder gar über eine Million: Die Zeiss Werra hat sich in ihrer zwölfjährigen Produktionszeit zu einer außerordentlich erfolgreichen, vielseitigen und beliebten Kamerabaureihe entwickelt, die auch auf Auslandsmärkten erfolgreich war. Besonders faszinierend dabei ist wie gesagt die immer weiter getriebene Steigerung der Komplexität der Kamera, ohne daß die Grundkonstruktion dabei verlassen werden mußte. Für ein Produkt, mit dem eine Firma von Null aus gänzlich Neuland betreten hatte, ist das ein beachtenswerter Erfolg!

Auch die Briten, die es bekanntermaßen durchaus etwas "different" mögen, scheinen Gefallen an der Werra gefunden zu haben, wie dieses Angebot der Handelsfirma Cine - Equipment aus dem Jahre 1962 belegt. Eine Besprechung der Werra in der US-Zeitschrift Popular Photography legt hingegen nahe, daß es keinen offiziellen Export dieser Kamera in die USA gegeben hat.


Daß dieser Export in westliche Länder mehr und mehr wegbrach, weil die Werra schlichtweg nicht mehr zeitgemäß war, muß wohl als hauptverantwortlich für ihr Ende angesehen werden. Aber auch die material- und personalaufwendige Produktion hat sicherlich ein Gutteil dazu beigetragen. Bedenken Sie, daß die Preise für Konsumgüter in der DDR nicht nur staatlich festgelegt, sondern regelrecht zementiert waren. Preiserhöhungen konnten herstellerseits nur dann durchgesetzt werden, wenn er eine deutliche Gebrauchswerterhöhung nachweisen konnte. Deshalb versuchten die Betriebe, durch Materialeinsparungen die Kosten zu senken. Der Ersatz der aufwendigen Vulkanisierung durch eine einfache Belederung ist dafür ein Zeichen. Oder der sogenannte Schaltgriff 56 10 50 - 26 (für die Umschaltung von X- auf M-Synchronisation und für den Selbstauslöser) wurde bei der Werra-E statt aus verchromten Messing aus Plastik hergestellt. Weil man mit diesem Schaltgriff am Kameraboden gerne hängen blieb, brach er rasch ab. Das sorgte für aufwendige Reparaturen, weil zum Austausch dieses kleinen Teils der ganze Verschluß abgebaut werden mußte.


Auch als sprichwörtlicher "Schuß in den Ofen" hat sich nachträglich eine weitere Kosteneinsparung herausgestellt. Irgendwann im Laufe der Werra C-Reihe hatte man die Gravuren der Blenden- und DIN-Werte auf den Einstellringen durch ein Druckverfahren ersetzt. Diese aufgedruckten Zahlen waren aber auf dem verchromten Messing nicht dauerhaft und nutzten sich nach kurzer Zeit ab. Wie die unten im Auszug gezeigte "Information über Reparaturpreise" des Produktionsbetriebs Eisfeld vom Januar 1968 beweist, hatte der Hersteller offenbar viel damit zu tun, diesen Fehler nachzubesern. Die wenigen Worte in Punkt 3  lassen erkennen, daß man doch tatsächlich die abgenutzen Zahlenaufdrucke nachträglich gravierte. Ob sich der damit verbunde Demontage- und Montageaufwand mit bloßen 6 Mark 65 abdecken ließ, scheint mehr als fraglich. Aber auch Reparaturpreise waren in der DDR staatlich gedeckelt...

Unten die ersten 45 Seiten des Buches "WERRA ABC" von Paul Kroll aus dem Jahre 1960, wo die einzelnen Modelle der Werra noch einmal ausführlich vorgestellt und beschrieben werden. Ein wirklich gutes Kamerabuch übrigens.

Werralux

Eng verknüpft mit der Geschichte der Werra ist übrigens auch der Handbelichtungsmesser "Werralux" des VEB Feingerätewerk Weimar. Dieses im Jahre 1950 gegründete Werk wurde um 1953 Teilbetrieb des VEB Carl Zeiss Jena. Hier wurde unter anderem der in Dresden bei Zeiss Ikon entwickelte Schmalfilmprojektor P8 in Serie gefertigt. Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1956 wurde dann dieser Belichtungsmesser als Ergänzung zu den Werra Modellen I und II herausgebracht [Vgl. Bild & Ton, 4/1956, S. 97]. Wie sein Vorgänger, der nur kurze Zeit gefertigte Belichtungsmesser "Zeiss", arbeitete der Werralux nach dem Prinzip des Nachführzeigers, der durch Drehen der Rechenscheibe mit der Nadel des Meßwerks zur Deckung gebracht werden mußte. Die dazu nötige Kurvensteuerung im Inneren der Rechenscheibe machte es dabei möglich, dieselbe sehr exakt auf die photoelektrische Kennlinie der Selen-Sperrschichtzelle anzupassen, wodurch eine linearisierte Blenden- und Belichtungszeitenreihe erzielt werden konnte. Selbst das Umstellen auf die neue geometrische Zeitenreihe, wie beim oben abgebildeten späteren Modell des Werralux, war dadurch problemlos möglich.

Hervorzuheben ist zudem die vergleichsweise hohe Anfangsempfindlichkeit des Werralux von gerade einmal 1,5 Lux. Das war unter anderem auch durch die im VEB Carl Zeiss JENA entwickelte Selenzelle vom Typ SeA möglich, die in diesen Geräten zum Einsatz kam [Vgl. Krohs, Alfred: Belichtungsmesser und Belichtungsmessung; in: Teicher, Handbuch Fototechnik, 1962, S. 292.]. So auch in dessen Nachfolger "Weimarlux", der neben einigen technischen Verbesserungen (Lichtwähler mit Wabenlinsen, Null-justierbares Meßwerk) auch die nominelle Bindung zur Werra ablegte. Diese Belichtungsmesser wurden nämlich längst nicht nur als Ergänzung für die Werra gekauft.

11. Die WERRAFLEX


Abschließend sollte hier unbedingt noch erwähnt werden, daß Zeiss Jena auch an einer Einäugigen Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluß gearbeitet hat, deren "Arbeitstitel" Werraflex lautete. Dabei ist die Zugehörigkeit dieser Kamera zum "Werra-Universum" allein durch ihre äußere Anmutung unverkennbar. Allerdings scheint diese Entwicklung noch mehr im Prototyp-Staus hängen geblieben zu sein, als die späteren Werras mit Belichtungsvollautomatik. Bilder einer entsprechenden Musterkamera zeigen deutlich, daß ihr Verschluß aus dem Vebur heraus entwickelt worden ist. Daraus muß man schlußfolgern, daß diese Kamera mit den oben unter Punkt 4 erwähnten Prestor-Entwicklungen bei Zeiss Ikon, die 1960 in der Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera Pentina mündeten, in keinerlei Verbindung stand.


Vielmehr ist das Projekt Werraflex offenbar viel älter, als bislang gedacht. Es muß wohl genau in dieselbe Zeit verortet werden, in der auch die Entwicklung der Werra-Sucherkamera stattfand. Das jedenfalls legt ein CIA-Bericht vom 2. September 1954 (Distributionsdatum) über Aktivitäten beim VEB Carl Zeiss Jena in den Punkten 3 und 5 nahe [CIA-RDP80-00810A004700410008-0]. Demnach war die Werraflex als "Volkskamera-Spiegelreflex" projektiert. Eine Verwechslung dieser Entwicklungsarbeiten mit denjenigen zur Werra-Sucherkamera durch den Informanten des CIA ist auszuschließen, weil sich letztere zu diesem Zeitpunkt bereits in der Serienfertigung befand und außerdem gerade auf der Leipziger Herbstmesse 1954 vorgestellt wurde. Es kann daher kein Zweifel daran bestehen, daß tatsächlich die Werraflex gemeint ist

CIA-RDP80-00810A004700410008-0 Volkskamera

Diesem Bericht zufolge waren ganze 15.000 Stück von dieser "Volks-Reflexkamera" für den Rest des Jahres 1954 anberaumt gewesen, obwohl noch nicht einmal die Konstruktionsarbeiten abgeschlossen waren. Nicht nur, daß der VEB Carl Zeiss Jena in Bezug auf die Herstellung einer derartig komplexen Kamera keine Erfahrungen vorzuweisen hätte, der Bericht deutet darüber hinaus an, daß dafür auch eine umfassende Reorganisation des Betriebes nötig gewesen wäre, um entsprechende Produktionskapazitäten zu schaffen. Auf der anderen Seite erfahren wir durch diese unverblümt kritische Einschätzung so offenherzig übrigens, wie man es kaum jemals von einer offiziellen zeitgenössischen DDR-Quelle zu erwarten hätte wie Jena durch den fortschreitenden Bedeutungsgewinn Oberkochens zunehmend mit einem regelrechten "Produktionsvakuum" konfrontiert worden sei, weil offenbar sukzessive der Westen als Absatzmarkt die einstmals konkurrenzlosen Erzeugnisse Jenas wegfiel. Das wirft meiner Ansicht nach noch einmal ein ganz anderes Licht auf die Geschichte der Werra. Schließlich legt die Quelle mit dieser Aussage nahe, Rudi Müller habe, als es nach dem 17. Juni darum ging, die Versorgungslage der Bevölkerung im Bereich der Photogeräte zu verbessern, auch deshalb laut "hier" gerufen, weil seine Weltfirma zu jener Zeit schlichtweg nach einer neuen Möglichkeit zur Auslastung der Produktionskapazitäten suchen mußte. Eine solche Sichtweise auf die damalige Situation des VEB Carl Zeiss Jena habe ich ehrlich gesagt noch nirgends gelesen.

Werraflex

So wird der Prototyp der Werraflex im Museum in Jena präsentiert. Die Angabe zu ihre Entstehungszeit sollte wohl allerdings um einige Jahre nach unten korrigiert werden. Bild oben Simon Worsley, unten L.F. Oliveira.

Doch damit ist längst noch nicht alles über den Fall Werraflex gesagt. Wie auf dem Bild oben gut zu sehen ist, kombinierte diese Spiegelreflexkamera ja immerhin einen feststehenden Zentralverschluß mit vorgesetzten auswechselbaren Objektiven. In der Fachwelt nennt man das gern "das Bessamatic Prinzip". Diesen Ausdruck sollten wir uns wohl lieber abgewöhnen. Die Bessamatic der Braunschweiger Firma Voigtländer nahm nämlich erst 1958 Gestalt an ganze vier Jahre nach dem Werraflex-Prototypen. An dieser Prioritätsfrage würde sich übrigens selbst dann nichts ändern, wenn der Werraflex-Prototyp nie vollständige Funktionstüchtigkeit erreicht hätte. Rudolf Fischer gilt ja schließlich auch als Erfinder des Prinzips des Mehrschichtenfarbfilms mit farbstoffgebender Entwicklung obschon es erst 25 Jahre später einer neuen Generation an Photochemikern gelang, basierend auf den in Fischers Patenten angegebenen Prinzipien einen Agfacolorfilm hervorzubringen.


Aber damit immer noch nicht genug. Ein erste Patentanmeldung zu jener Bessamatic stammt nämlich ausgerechnet von einem gewissen Walter Swarofsky [Nr. DE1.063.454 vom 12. Januar 1956]. In diesem Patent bezieht sich Swarofsky wiederum auf ein DDR-Patent Nr. DD8826, das er selbst zusammen mit Max Burckhardt sowie einem gewissen Kurt Wagner am 11. Oktober 1952 angemeldet hatte. Wer nun diese Seite aufmerksam gelesen hat, der weiß, daß Kurt Wagner der Chefkonstrukteur der Werra gewesen ist. Anhand weiterer Auslandsanmeldungen dieser Zeiss-Erfindung ließe sich sogar abschätzen, daß Walter Swarofsky irgendwann zwischen dem 15. September 1955 (sein letztes Patent für Zeiss Jena in GB) und dem 12. Januar 1956 in die Bundesrepublik gegangen sein müßte. Wie dem auch sei es gehört nun nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, wie Swarofsky als ehemaliges Mitglied der Werraflex-Entwicklergruppe die in Jena mittlerweile ad acta gelegte Konstruktionsidee dieser Kamera mit nach Braunschweig genommen und diese dort sogleich mitilfe weiterer diesbezüglicher Schutzanmeldungen für Voigtländer patentrechtlich abgesichert hat.


Um es noch einmal konkret zu herauszustellen: Es ging bei den Patenten zur Bessamatic natürlich nicht mehr um Grundprinzipien, wie den feststehenden Zentralverschluß und die vor diesen Verschluß gesetzten Wechselobjektive, sondern um ganz spezielle Details, wie beispielsweise die Verknüpfung einer bei Reflexkameras wichtigen Springblendenautomatik mit den Bewegungsabläufen des dahinter befindlichen Zentralverschlusses. Und genau diese schutzrechtliche Konkretisierung einer Zentralverschlußspiegelreflexkamera mit auswechselbaren Objektiven hat Swarofsky in der Folgezeit für Voigtländer bewerkstelligt.


An diesem Punkt muß man sich aber vor Augen führen, wie das oben Gesagte geradezu tragische Rückwirkungen auf die DDR-Photoindustrie in sich barg: Kaum drei Jahre später nämlich, als die jungen Kamera- und Kinowerke mit ihrer Pentina endlich ein altes Projekt des VEB Zeiss Ikon in die Tat umsetzen wollten, waren sie gezwungen, nur deshalb mit viel Aufwand versperrte Lösungswege zu umschiffen, weil sich doch offenbar im Jahre 1954 der VEB Carl Zeiss Jena dazu entschlossen hatte, ein zu aufwendig gewordenes Projekt einer Zentralverschlußspiegelreflexkamera auf Eis zu legen und lieber die einfachere Sucher-Werra zu bauen. Schön. Aus damaliger Sicht vielleicht die richtige Entscheidung. Doch anstatt sie weiter patentrechtlich abzusichern, ließ man den unter Umständen ebenfalls "auf Eis gelegten" Walter Swarofsky mit der neuartigen Kameraidee in den Westen abziehen. Und daß Swarofsky bereits eine zentrale Figur in diesem Werraflex-Projekt gewesen sein muß, das kann man daran ablesen, daß er für Voigtländer binnen kurzer Zeit eine Reihe an ganz dezidierten Erfindungen in Bezug auf diese spätere Bessamatic anmeldet. Er schaffte es auf diese Weise, das Werraflex-Prinzip mit dem Compurverschluß und seinem Lichtwertprinzip kompatibel zu machen - ein wichtiger Fortschritt, der auf Basis des Vebur niemals möglich gewesen wäre. Damit ist die Werraflex wohl als ein weiteres Opfer des Beschaffungsproblems Zentralverschluß in der DDR zu verbuchen.

Werraflex

Archivbilder legen nahe, daß es noch einen anderen Prototypen gegeben hat oder etwas, was wir heute als Designstudie bezeichnen würden. Diese Fragen bedürfen noch einer genaueren Untersuchung. [Technische Hauptleitung CZJ, Signatur BIII 00452/1, August 1954]

Bei ihrer Vorstellung auf der Leipziger Herbstemesse (5. bis 15. September 1954) traf die Werra zumindest beim männlichen Publikum auf reges Interesse. Festgehalten von Roger Rössing [Deutsche Fotothek, Aufn.-Nr.: df_roe-neg_0006722_012].



Unten: Die ziemlich unvoreingenommene Konstruktionsfreudigkeit der Werra-Schöpfer ist bis in das Zubehör hinein erkennbar, wie bei diesem Zwischenstück, mit dem die Kupplung zweier Kameragehäuse möglich gemacht werden sollte. Allerdings wollten in der Praxis nur wenige Photofreunde gleichzeitig Farb- und Schwarzweißaufnahmen anfertigen, weshalb dieses Zubehörteil in den Geschäften liegen blieb.

Doppelwerra

Marco Kröger


letzte Änderung: 27. November 2021