Personen

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An dieser Stelle soll in loser Folge an einige wichtige Leute erinnert werden, die für die Mitteldeutsche Photoindustrie Bedeutendes geleistet haben.

Harry Zöllner

Auf diesem Bild aus den 1950er Jahren sieht man Prof. Dr. Harry Zöllner (29. Januar 1912 bis 30. Dezember 2007). Nachdem die Amerikaner die erste und anschließend die Sowjets die zweite Riege an Zeiss-Fachleuten in ihre Länder deportiert hatten, war dieser junge Doktor der Physik, der bis zum Kriegsende sein Handwerk bei Voigtländer in Braunschweig ausübte, als einer der wenigen erfahrenen Objektivkonstrukteure auf dem Gebiet der SBZ übrig geblieben. Das bedeutet freilich nicht, daß dieser Mann dritte Wahl gewesen sei – ganz im Gegenteil. Ihm ist es zu verdanken, daß Jena überhaupt als einer der bedeutendsten Objektivbaustandorte der Welt erhalten geblieben ist. Denn kaum hatte Zöllner seine Aufgabe als Leiter des Rechenbüros der Abteilung Photo aufgenommen, wurde das Werk von der Besatzungsmacht bis beinah auf die letzte Maschine demontiert. Aber in genau diese Zeit fallen die Neu- oder Umkonstruktionen jener Objektivtypen, mit denen Zeiss Jena nach einer Phase der Rekonvaleszenz rasch wieder an den Vorkriegsstand anknüpfen konnte. Ich erinnere nur an das neugerechnete Tessar 2,8/50mm vom Herbst 1947, das später nicht weniger als 40 Jahre lang in dieser Konfiguration gefertigt wurde, oder an Zöllners neuen Typ des Biometars von 1948.


Eine große Rolle hat dieser Mann auch bei der Umstellung auf digitale Rechentechnik („OPREMA“) Mitte der 50er Jahre gespielt. Über den Technologieschub, der sich daraus ergab, habe ich in der Sektion Objektive schon einiges berichtet. Zöllner selbst entwickelte in der Folgezeit mit dem Flexon noch einen Nachfolger des Biotar-Normalobjektivs. Auch ein ultralichtstarkes Röntgenobjektiv sowie Reproduktionsobjektive vom Typ Apo-Germinar konstruierte er noch. Seine Anfang der 50er Jahre angestoßenen Grundlagenarbeiten zu Retrofokusweitwinkeln, aus denen das Flektogon 2,8/35mm hervorging, werden dann aber bereits von jüngeren Kollegen weitergeführt. Zöllner übernimmt ab Anfang der 60er Jahre immer größere Leitungsaufgaben innerhalb der Abteilung Photo und wird Professor an der TU Ilmenau, konstruiert aber bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1977 noch einige Spezialobjektive für das Großformat und für die Mikrophotographie. Für den Photoamateur veröffentlichte Zöllner über die Jahre hinweg einige wertvolle Aufsätze in den Fachzeitschriften des Landes, in denen er in verständlicher Sprache technische Probleme wie die unterschiedliche Farbwiedergabe verschiedener Objektivtypen behandelte, Einblick in die Arbeit des Objektivkonstrukteurs lieferte oder an die schöpferischen Leistungen seiner Vorgänger erinnerte. Harry Zöllner muß ganz in der Tradition Ernst Abbes als einer der bedeutendsten Optiker Deutschlands gesehen werden.

Karl Pouva

Bei diesem eleganten Herrn handelt es sich um Ing. Franz Karl Pouva (1903 - 1989). Links ist er mit dem neuesten Modell seiner Pouva Start zu sehen, die  gerade einen fest ins Gehäuse integrierten Sucher und Blitzsynchronisation bekommen hatte.  Rechts begutachtet er zusammen mit einem Mitarbeiter Kondensorlinsen für den bekannten Amateurprojektor "Pouva Magica". Die Pouva KG Freital hat also nicht nur Preßlinge aus Bakelit hergestellt, sondern besaß sogar eine eigene Linsenschleiferei. Photographiert wurde diese Szene von Richard Peter jun.  [Deutsche Fotothek, Datensatz 71301473]

Pouva Bildwerfer 1939

Karl Pouva wird in Ostdeutschland noch heute als einer jener Pioniere wahrgenommen, die nach dem Zweiten Weltkrieg quasi aus dem Nichts heraus wieder so etwas wie eine industrielle Produktion aufgebaut haben. Von Kochgeschirr aus Flugzeugteilen und ähnlichen "Umwidmungen" gerade vorhandener Materialen ist die Rede. Wenig bekannt ist aber, daß die Firma des Karl Pouva bereits Ende der 30er Photogerätebau betrieben hat. Genau genommen scheint es sich dabei im Wesentlichen um den oben gezeigten Bildwerfer gehandelt zu haben.

Pouva Bildwerfer 1939

Solcherlei Projektoren waren auf einmal sehr stark nachgefragt, nachdem die AGFA im Oktober 1936 den "Agfacolor neu" auf den Markt gebracht hatte. Als erster mehrschichtiger Farbfilm auf Basis einer farbstoffgebenden Entwicklung mit in den Schichten diffusionsfest eingelagerten Farbbildnern eröffnete er ein neues Zeitalter der Photographie. Im Frühjahr 1938 war es zudem gelungen, die Empfindlichkeit dieses Farbumkehrfilmes von ursprünglich 7/10 °DIN gleich auf 15/10 °DIN zu steigern. Damit entsprach seine Lichtempfindlichkeit nunmehr derjenger damals handelsüblicher Schwarzweißfilme. Mit einem Schlage war es auf diese Weise möglich geworden, praktisch mit jeder Kleinbildkamera farbige Aufnahmen anzufertigen. Wie der Kodachrom(e) lieferte der Agfacolor aber dazumal ausschließlich Umkehrpositive, weshalb man wenigstens auf einen einfachen Betrachter angewiesen war. Besser noch man hatte einen Bildwerfer, um die farbigen Diapositive in einem größeren Kreis vorführen zu können. Ein großes, helles Schirmbild in leuchtenden Farben im eigenen Wohnzimmer zu erzeugen das war eine nicht für möglich gehaltene Revolution für den Photoamateur in der zweiten Hälfte der 30er Jahre. Und wer sich beispielsweise eine Altix für 39,- Reichsmark gekauft hatte, der war dankbar, im Hamaphot Katalog von Martin Hanke einen vergleichbar preiswerten Projektor im Angebot zu finden. Dort taucht dieses Pouva-Gerät im Februar 1939 nämlich erstmals auf.

Pouva-Bildwerfer Hamaphot Katalog 1939/40

Anders als die Geräte, die Pouva nach 1945 hergestellt hat, ist dieser Bildwerfer vollständig aus Metall gefertigt. Der Aufbau ist einfach, aber gediegen. Das Gehäuse ist doppelwandig, sodaß man sich beim Berühren des Gerätes nicht die Finger verbrennt. Die Lackierung in geschmackvollem grauem Kräusellack läßt den Pouva-Bildwerfer meines Erachtens sogar gegenüber zeitgenössischen Konkurrenzprodukten von Agfa oder Filmosto hervorstechen. Im Gegensatz zu dem einfachen periskopischen Objektiv des späteren Bakelitprojektors "Pouva Magica" ist das hier verwendete Projektionsobjektiv tatsächlich ein dreilinsiger Anastigmat. Trotzdem besteht kaum ein Zweifel, daß das gesamte Gerät vollständig in der Werkstätte des Karl Pouva entstanden ist und es abgesehen von den Glasrohlingen keinerlei Zulieferteile bedurfte.

Pouva Projektions-Anastigmat 4,5/10 cm

Nach dem Zweiten Weltkrieg galten aber andere Prämissen. Buntmetalle waren Mangelware. Im Gegensatzt dazu scheint in der jungen DDR Plastaresin-Werkstoff in großen Mengen verfügbar gewesen zu sein. In Erkner bei Berlin stand eine riesige Herstellungssanlage, die in der Zwischenkriegszeit quasi den gesamten Europäischen Kontinent mit diesem Bakelit-Grundstoff beliefert hatte. Das eigentliche Ausgangsmaterial in Form von Kohlenteer fiel durch die Berliner Stadtgaserzeugung bis in die 1980er Jahre in derart großen Mengen an, daß man diesbezüglich ganz offensichtlich keinerlei Mangelerscheinungen kannte. Es kommt schließlich nicht von ungefähr, daß auch der DDR-Automobilbau über drei Jahrzehnte lang Karosseriebeplankungen aus Plastaresin gefertigt hat. In dieser Hinsicht muß es wohl als Geniestreich angesehen werden, daß Karl Pouva um 1950 eine neue Amateurkamera auf genau dieser leicht verfügbaren Materialbasis entwickelt hatte.


Seine in großen Stückzahlen ausgestoßene "Pouva Start" war in den 50er und 60er Jahren daher für viele junge Leute der tatsächliche Start in die Amateurphotographie, zumal ihr Preis mit 16 Mark und 50 Pfennigen für Jedermann erschwinglich ausfiel. "Die Kamera der Millionen" hieß es dann bald etwas überschwänglich in den Werbeannoncen. Wir schließen heute daraus, daß Karl Pouva sowohl was das Entwickeln von Produkten, als auch deren Vermarktung betraf, ein geschickter Praktiker gewesen sein muß.

DD46101 Pouva Bändi

Nur mit seinem "Pouva Bändi" Amateurtonbandgerät hatte er sich in den 60er Jahren deutlich übernommen. Das großartig angekündigte, vergleichsweise preiswerte Gerät enttäuschte im Prinzip in jeglicher Hinsicht [Vgl. Jakubaschk: Wir lernten kennen: Tonbandgerät BÄNDI; in: Radio und Fernsehen, Heft 11/1964, S. 349]. Am Ende blieb von der ganzen Euphorie um das Bändi als "Tonband für Jedermann" eine Einstufung als mechanisches Spielzeug übrig. Immerhin vier Patente hatte Karl Pouva diesbezüglich um den Jahreswechsel 1963/64 herum beim DDR-Patentamt angemeldet. Doch es half alles nichts: Das Laufwerk mit dem ungeregelten Gleichtrommotor verursachte große Probleme; trotz der umfangreichen Patentierung der diesbezüglichen Konstruktionseinfälle Pouvas. Auch mit der Transistor-Verstärkerschaltung war Pouva deutlich überfordert. Als völlige Selbstüberschätzung entpuppte sich allerdings, daß sich Pouva gar die Fertigung des Tonkopfes selbst zutraute. Nur den Motor (Petrich) und den Bleiakku (Quaiser) ließ er sich zuliefern. [Vgl. Jakubaschk, BÄNDI - ein billiges transistorisiertes Tonbandgerät; in: Radio und Fernsehen, Nr. 11/1964, S. 348.] Eine redaktionelle Nachbemerkung der Zeitschrift Radio und Fernsehen im Anschluß an Hagen Jakubaschks regelrechten Verriß des Bändi in seinem Testbericht fällt daher für DDR-Verhältnisse außergewöhnlich freimütig aus:


"Die vorausgegangenen Ausführungen und das daraus resultierende negative Gesamturteil des Verfassers sind leider keine Einzelmeinung. Andere Fachleute auf dem Gebiet der Magnettontechnik äußerten sich ebenfalls kritisch zu dieser Neukonstruktion, obwohl auch sie den Grundgedanken begrüßen. Daran ändert auch nichts die superlative Berichterstattung der Tagespresse.

Uns erscheint es wenig sinnvoll, daß ein Hersteller, der bisher keine Erfahrung mit der komplizierten Magnettontechnik hatte, sich gleich an eine so schwierige Aufgabe wagt.

Um einen größeren Schaden zu verhüten, der sowohl für den Hersteller wie auch für die gesamte Volkswirtschaft eintreten kann, wäre es am sinnvollsten, daß die Konstruktion des BÄNDI von einer hierfür zuständigen Entwicklungsstelle unter Berücksichtiging der bei der Fa. Karl Pouva KG. möglichen Technologie nochmals überarbeitet wird. Die Produktion könnte dann von der Fa. Karl Pouva KG. durchgeführt werden."


Dieses Debakel rund um das Bändi zeigte auf, an welche Grenzen ein halbprivater Betrieb mit dem Inhaber als Chefkonstrukteur gelangt war. Der Betrieb wurde daher ab Anfang der 70er Jahre zur bloßen Fertigungsstätte für die neu eingeführten Kleinbildkameras auf Basis der ORWO-SL-Kassette, die nun statt aus pheno- aus thermoplastischen Kunststoffen hergestellt wurden.

Robert Tiedeken



Diesen Mann, über den ich an dieser Stelle leider viel zu wenig sagen kann, möchte ich dennoch hier erwähnt haben, weil man über ihn kaum etwas im Internet findet. Mir ist er aufgefallen durch seinen kleinen Aufsatz "Einiges aus der Arbeit des Optik-Konstrukteurs" in der Fachzeitschrift Bild und Ton, Heft 7/1957. Seine Patentüberlieferung läßt erkennen, daß der Dr. Ing. Robert Tiedeken in den 1930er Jahren in Großhadern bei München gelebt und für das dortige AGFA-Kamerawerk gearbeitet hat. Neben Beleuchtungsoptiken für Farbvergrößerer hat er damals bereits Projektionsobjektive für Filmprojektoren entwickelt [D.R.P Nr. 909.503 vom 25. April 1937].  In diesen beiden Spezialgebieten – Kondensoren und Projektionsobjektive – hat Tiedeken auch nach dem Kriege weitergeforscht; nun allerdings für den VEB Carl Zeiss JENA. Zusammen mit Harald Maenz und Rudolf Wanke schuf er das Projektionsobjektiv "Visionar" [DD22.291 vom 29. Oktober 1958], das nötig wurde, als in der DDR ein eigenes anamorphotisches Breitwandverfahren entwickelt werden sollte, das kompatibel zum amerikanischen Cinemascope sein mußte. Neben dem entzerrenden Vorsatz ("Prokimaskop") benötigte man nun auch ein Projektionsobjektiv, das den gesteigerten Qualitätsanforderen auch gerecht wurde. Immerhin wurde nun nicht nur das Filmbild um den Faktor zwei gestreckt, sondern gleichsam die optischen Restfehler des Projektionsobjektives. Tiedeken hat dieses neue Visionar in einem Aufsatz  in der Bild & Ton Heft 3/1960 vorgestellt. Aus weiteren Aufsätzen geht hervor, daß Robert Tiedeken auch der Vertreter der optischen Industrie der DDR im (damals noch) gemeinsamen Deutschen Normenausschuß ("DIN") gewesen ist und in diesem Zusammenhang an der Vereinheitlichung von Standards  auf diesem Gebiete beteiligt gewesen ist. So geht maßgeblich die geometrische Reihung der Projektionsbrennweiten des Kinos auf ihn zurück, womit der Übergang zwischen den unterschiedlichen Bildformaten sehr erleichtert wurde. Im Idealfall brauchte man nur zwei Brennweiten, um das Schirmbild beim Formatwechsel auf gleicher Bildhöhe zu halten.


Seine letzte Patentanmeldung stammt vom Juli 1979 und beschäftigt sich mit der Übertragung von Aufnahmen aus der Körperhöhle mittels flexibler Faseroptik.

Zeiss Visionar

Wie mir Herr Witold Hackemer mitteilte, sollten zudem Robert Tiedekens didaktische Leistungen gewürdigt werden. In den 1950er Jahren führte er interne Schulungen für die Mitarbeiter des Rechenbüros durch, die sehr tiefgreifend gewesen sein sollen und die 1956 ihre Synthese im "Lehrbuch für den Optik-Konstrukteur" gefunden haben. Dieses Grundlagenwerk konnte neben der Vermittlung der theoretischen Einblicke vor allem auch wertvolle praktische Hilfestellungen für den Konstrukteur optischer Systeme bereitstellen. Ein ausstehender zweiter Band konnte trotz der Vorarbeiten indes nicht mehr verwirklicht werden.

Erich Höhne und Erich Pohl


Auf diesen Seiten sind immer wieder einmal photographische Aufnahmen aus der Frühzeit des Dresdner Kamerabaus in den Kontext eingebaut, die von diesen beiden Pionieren des Photojournalismus der DDR stammen. Deshalb möchte ich Erich Pohl (1904 - 1968, unten links) und Erich Höhne (1912 - 1999, rechts) hier einmal gesondert würdigen. Das Bild stammt aus der Deutschen Fotothek der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden, die das gesamte Werk dieser beiden Photographen verwaltet und öffentlich zugänglich macht.

Erich Pohl und Erich Höhne

Karl Nüchterlein



Bei zwei Männern, die die Dresdner Kameraindustrie entscheidend geprägt haben, fallen einem verblüffende Ähnlichkeiten ins Auge: Zum einen vom rein äußeren Erscheinungsbild her; zum anderen was ihren Werdegang als außergewöhnlich begabte Autodidakten betrifft. Der eine, Ludwig Bertele, hat den Objektivbau revolutioniert, der andere den Kamerabau. Karl Nüchterlein (1904 - 1945) hat im Laufe seiner Tätigkeit bei den Kamerawerken des Johan Steenbergen ein Verständnis für Phototechnik entwickelt, das ihn zu ganz außergewöhnlichen Pionierleistungen befähigte. Er muß neben Oskar Barnack und Reinold Heidecke zu den drei bedeutendsten deutschen Kamerakonstrukteuren gezählt werden, deren herausragende Stellung darin lag, daß sie grundlegende Konzepte einer neuen Kameragattung entwickelt haben. Zwar war weder Barnacks Schlitzverschluß-Sucherkamera noch Nüchterleins Einäugige Reflex und noch nicht einmal die Zweiäugige Reflex Heideckes vollkommen neu, aber das Verdienst dieser drei Herren lag darin, ihren jeweiligen Kameratyp zur konstruktiven Reife gebracht und dabei ein technisches Niveau erreicht zu haben, das später nur noch in Nuancen zu verbessern gewesen ist.

Karl Nüchterlein

Bild: Werner Wurst, Sammlung Gary Cullen

Worin Nüchterleins Leistungen bei der Entwicklung der Einäugigen Reflexkamera des modernen Typs im einzelnen bestand, darüber habe ich ausführlich in einem langen Aufsatz zur Patentüberlieferung seiner Exakta-Entwicklungen referiert. Insbesondere seine Kopplung von Filmtransport, Verschluß und Spiegelbewegung sind erwähnenswert, weil er dabei deutlich über das Maß an Komplexität hinausgehen mußte, dem sich Heidecke und Barnack bei deren Kameratypen gegenüber sahen. Wie außergewöhnlich Nüchterleins Fähigkeiten waren, zeigt sich auch daran, wie schwer sich die riesige Zeiss Ikon AG tat, etwas Adäquates auf den Markt zu bringen. Nüchterlein hat offenbar in weitgehender Einzelleistung das geschafft, was beim großen Konkurrenten ganze Konstrukteursgruppen nicht fertigbrachten. Seine Grundlagenpatente stellten sich darüber hinaus wohl als derart essentiell heraus, daß der Weg zu einer ähnlich ausgereiften Reflexkamera seinerzeit zu großen Teilen versperrt wurde.


Bislang wenig beachtet waren zudem seine Bemühungen, auch noch einen Belichtungsmesser in das vielversprechende Einäugige Reflexprinzip zu integrieren. Auch auf diesem Felde der später als "Innenlichtmessung" bezeichneten Technologie war Nüchterlein in einer Weise vorangekommen, daß seine Ihagee zur führenden Kamerabauanstalt der Welt hätte werden können, wenn nicht dieser verbrecherische Krieg alles zunichte gemacht hätte. Doch ebenjener Krieg sollte dem Dresnder Kamerabau nicht nur zehn wertvolle Jahre nehmen, sondern kurz vor dessen Ende auch noch seinen fähigsten Konstrukteur.





Wolf Dannberg



Über den Diplomphysiker Wolf Dannberg (1918 - 1984) erfährt man noch am ehesten etwas, wenn man sich für Schach interessiert. In diesem seinem Steckenpferd soll er es in den 1950er und 60er Jahren nämlich zu einer großen Meisterschaft gebracht haben im übertragenen wie im direkten Wortsinne. Dabei droht in Vergessenheit zu geraten, daß Dannberg zu den bedeutendsten Objektivkonstrukteuren des 20. Jahrhunderts zu zählen ist. Neben einer sehr überschaubaren Gruppe von Kollegen (u.a. Rudolf Solisch und Walter Wöltche [Isco], Günther Lange [Zeiss Oberkochen] Günter Klemt [Schneider], Hans Lautenbacher [Enna] und natürlich Pierre Angénieux) war er einer der Väter des Retrofokus-Weitwinkelobjektivs "des zweiten Typs". Darunter versteht man solcherlei für die Spiegelreflexkamera geeignete Weitwinkelsysteme, die ihre lange Schnittweite dadurch erzielen, daß einem Grundobjektiv mit ausreichend langer Brennweite ein afokaler Vorsatz mit verkleinernder Wirkung vorgeschaltet wird. Mit seinem DDR-Patent Nr. 23.457 "Afokales Weitwinkel-Vorsatzsystem" vom 22. Juni 1955 hat Dannberg diesbezüglich wertvollste Grundlagenarbeit geleistet, die wenige Jahre später ihre praktische Verwertung in den Retrofokus-Pionieren Flektogon 4/25mm und Flektogon 2/5,5mm fand. Eine für etliche Jahre international ohne Beispiel stehende Leistung war das unter seiner Führung entwickelte Weitwinkelobjektiv Flektogon 4/20mm, mit dem erstmals ein Bildwinkel von 90 Grad überschritten werden konnte. Seine zahlenmäßig erfolgreichste Schöpfung dürfte freilich das Pancolar 1,8/50mm gewesen sein, das über zwei Jahrzehnte hinweg in großen Stückzahlen gefertigt worden ist und bis heute hoch geschätzt wird.

Der Schach spielende Wolf Dannberg im Jahre 1950.


Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dannberg,Wolf_1950_Jena.jpg

Keine großen Erfolge waren hingegen Dannbergs Pionierleistungen im Bereich der Spiegellinsenobjektive beschieden (DDR-Patent Nr. 13.303 vom 22. Oktober 1954). Das lag freilich nicht an mangelhafter Konstruktion sondern schlicht daran, daß sich diese Objektivtypen einfach nicht in der photographischen Praxis bewährten. Das herausragend auskorrigierte Spiegelobjektiv 4/500 wies eine derart geringe Schärfentiefe auf, daß damit in der bildmäßigen Photographie kaum etwas anzufangen war. An diesem prinzipiellen Fehler litt auch der Nachfolger 5,6/1000, der aber bis in die 1980er Jahre wenigstens in kleinsten Serien gefertigt wurde. Derlei lichtstarke Spiegellinsenobjektive blieben im Bereich der Photographie auf wenige spezielle Einsatzfälle beschränkt.

Carl Zeiss Jena Spiegelobjektiv
Carl Zeiss Jena Spiegelobjektiv
Carl Zeiss Jena Spiegelobjektiv
Carl Zeiss Jena Spiegelobjektiv

Marco Kröger


letzte Änderung 24. April 2021