Primotar

Die Primotare

Meyer-Optik Görlitz

Nachdem in den 1920er Jahren die Zeiss‘schen Schutzrechte für das Tessar abliefen, baute fast jeder Objektivhersteller diesen Vierlinser nach. Die trotz des übersichtlichen Aufbaus guten Korrekturmöglichkeiten des Tessartyps machten ihn zu einem echten Universalobjektiv. Die Lichtstärken lagen um 1:4,0 oder sogar noch etwas darüber, was für die meisten damaligen Kameras ohnehin eine praktische Obergrenze darstellte, deren Überschreitung kaum sinnvoll erschien. Nur für die neu aufkommenden Kleinbildkameras und für den Schmalfilm wurde die Lichtstärke verschiedentlich bis auf 1:2,7 getrieben. Aber grundsätzlich war der Tessartyp für beinah jede Anwendung geeignet; auch in den Großformaten und in der Reproduktionsphotographie. Die großen Stückzahlen, die die Dominanz dieses Typus in jener Zeit ausmachen, konnten aber vor allem dadurch erreicht werden, daß es gegenüber dem unverkitteten Triplet, das ebenso erfolgreich war, eine bessere Leistung erreichte. Tessare, Skopare, Solinare, Elmare usw. leistete sich zumeist derjenige Photoamateur, der etwas gehobenere Ansprüche an die Objektivbestückung seiner Kamera stellte.

Primotar 3,5/3cm für Robot


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Bei Hugo Meyer in Görlitz hießen die Tessartypen „Primotar“. Die Errechnung dieses Typs wurde in den 30er Jahren von Paul Schäfter besorgt. Diesen Primotaren standen Stefan Roeschleins dreilinsige Trioplane zur Seite, die das darunterliegende Preissegment abdeckten. Nachdem Ende der 20er Jahre die Zeiss Ikon AG gegründet worden war, mit der der Zeisskonzern versuchte, seine Vormachtstellung im Objektivbau mithilfe einer Monopolisierung im Kamerabau auszuweiten, wuchs paradoxerweise die Bedeutung von Objektivbauanstalten, die außerhalb dieser Strukturen standen. Der Markt war nämlich groß genug und ebenso der Spielraum für ganz neue Konstruktionsideen im Kamerabau, daß auch vom Zeisskonzern unabhängige Kamerafirmen wie beispielsweise der Robot-Hersteller Berning über ausreichend Wachstumspotential verfügten. Auch die Dresdner Ihagee des Johan Steenbergen, mit ihren revolutionären Einäugigen Spiegereflexkameras, entwickelte sich binnen kurzer Frist zu einem wichtigen Mitspieler, der für Zeiss Ikon zunehmend einen ernsthaften Konkurrenten darstellte. Zwar boten diese unabhängigen Hersteller auch Zeissobjektive in ihren Katalogen an – ganz auf das hohe Maß an Qualität und Reputation der Erzeugnisse dieser Objektivbauanstalt wollte und konnte man dann doch nicht verzichten – aber es verwundert nicht, daß mit Zeissobjektiven ausgestattete Exaktas beispielsweise immer die höchsten Verkaufspreise aufwiesen. Die Kamerhersteller hatten demzufolge ein nachvollziehbares Interesse an qualitativ hochwertigen, aber trotzdem deutlich preiswerteren Objektivbestückungen für ihre Kameras. Und neben beisipielsweise Schneider in Kreuznach erlebte auch die Objektivbauanstalt des Hugo Meyer in Görlitz in den 30er Jahren einen dadurch bedingten Aufschwung und Bedeutungsgewinn. Ich bin kein Experte für Schneider, aber für Meyer würde ich diese Zeit der 30er Jahre nach dem raschen Aufstieg vor dem Ersten Weltkrieg als einen zweiten großen Frühling bezeichnen wollen. Trioplane, Primotare und Primoplane aus Görlitz wurden in dieser Zeit zum festen Bestandteil moderner Phototechnik.

Ihagee Anastigmat Exaktar

Dieser Ihagee Anastigmat "Exaktar" ist in Wahrheit ein in Görlitz fabriziertes Primotar. Mit diesem Zulieferobjektiv konnte die Ihagee die oben abgebildete Exakta Modell B für 150,- statt für 170,- Reichsmark anbieten.


Im Anbetracht seines hohen Alters weist dieses Objektiv übrigens eine ganz außerordentliche Abbildungsleistung auf. Schloß Charlottenburg photographiert mit der obigen Ausrüstung im Januar 2020 (nein, nicht 1934!) auf Macophot UP100 Typ 127; 1/200 sec. Blende zw. 5,6 und 8.

Ihagee Exaktar

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich diese Situation aber schlagartig geändert. Die Produktion der darniederliegenden Kameraindustrie lief unter Materialmangel langsam wieder an. Es zählte jetzt nicht mehr unbedingt Konkurrenz und Preisgefüge, sondern bis Anfang der 50er Jahre ging es vielmehr darum, überhaupt ausreichende Mengen zur Verfügung zu stellen. Jetzt galt es, mit möglichst wenig Aufwand möglichst "viel Masse zu machen". Das jedenfalls könnte der Grund für die Dominanz der Trioplane bei Meyer in der Nachkriegszeit sein, während die Primotare als die "etwas besseren" Normalobjektive weitgehend aus dem Katalog verschwanden. Nur noch die langbrennweitigen Primotare 135mm und 180mm wurden als Zusatzobjektive wieder in größeren Stückzahlen gefertigt. Ein Meyer‘scher Tessartyp als Normalobjektiv wurde erst einmal nur für das Mittelformat 6x6 cm in Form des Primotar 3,5/85mm für die Meister Korelle und die Pimarflex angeboten. Es handelte sich dabei nicht um ein Vorkriegsobjektiv, sondern es ist von einem gewissen Thierold neu konstruiert worden. Analog zu den vergleichsweise geringen Stückzahlen dieser handwerklich gefertigten Spiegelreflexkameras war auch der Ausstoß dieses 85er Primotars nicht sehr groß. Nach der doch recht abprupten Einstellung dieser mit etlichen Mängeln behafteten Kameras, gab es dieses Primotar noch einige Zeit als längerbrennweitiges Zusatzobjektiv für die Kleinbildspiegelreflex. Auch ein Primotar 3,5/80mm, das offenbar speziell für die neue Certo (Super) Six geschaffen worden war, verschwand nach kurzer Zeit wieder, nachdem sich der Serienbau dieser Kamera verzögerte.

Primotar 3,5/180 mm

Oben ein Primotar 3,5/180 mm, dessen Konstruktion noch von Schäfter stammte, unten ein Primotar 3,5/85 mm, das nach dem Kriege von Thierold neu geschaffen wurde. Beide mit Anschluß für die Primarflex.

Primotar 3,5/85mm

Ein Primotar für die Kleinbildkamera gab es (wohl abgesehen von einem äußerst kurzlebigen 2,7/50mm) zunächst nicht. Als Premium-Normalobjektiv wurde für die Kleinbildreflexkamera hingegen das Primoplan 1,9/58mm aus der Zwischenkriegszeit wieder aufgelegt und in für damalige Verhältnisse großen Stückzahlen ausgestoßen. Zwischen ihm und den einfachen Trioplanen klaffte bei Meyer-Optik also eine Lücke, die durch Zeiss Jena mit den Tessaren 3,5 und 2,8/50 gefüllt wurde. Diese Sachlage änderte sich erst im Jahre 1956, als man bei Meyer ein neues Primoplan E 3,5/50mm entwickelte. Als Konstrukteure werden in der Literatur Schubert und Thierhold angegeben, aber ich gehe davon aus, daß auch der umtriebige Hubert Ulbrich bereits an der Entwicklung dieses Objektives beteiligt gewesen ist.

Primotar E 3,5/50

Um es vorweg zu sagen: Ich halte dieses Primotar E für das bemerkenswerteste Objektiv, das je in Görlitz entwickelt worden ist. Die Qualität eines Objektives bemißt sich nämlich nicht allein an seiner Bildleistung, sondern vielmehr am Verhältnis zum Aufwand, der betrieben wurde, um diese Leistung zu erreichen. Es gönnen sich zwar viele Objektivhersteller in ihrem Programm ein aufwendig konstruiertes „Prestigeobjektiv“, aber wer im Massenmarkt bestehen will, der braucht ein gutes Objektiv mit angemessenem Verkaufspreis. Und in dieser Hinsicht erreichte das Primotar E ein echtes Optimum. Einer der Gründe dafür war, daß man es mit der Lichtstärke nicht übertrieb und dadurch ein Anwachsen der Bildfehler vermeiden konnte. Zweitens war dieses Primotar E mit der damals aktuellsten Glastechnologie aus „hochbrechende[n] Krongläser[n] und Tiefflinten“ ausgestattet [Ulbrich, Hubert: Das Primotar geht mit der Zeit, Fotografie 8/58, S. 285].   


Aber auch auf einer anderen Ebene ging dieses Objektiv mit der Zeit. Denn das neue Primotar E mußte auch eine Reaktion der Görlitzer auf eine veränderte Marktlage sein. Im Jahre 1956 führten nämlich die Kamerawerke Niedersedlitz unter Siegfried Böhm die Blendenautomatik für das M42-Gewinde ein – erst bei der Praktica und kurz darauf auch bei der Spiegelcontax. Damit hatte Meyer Görlitz plötzlich keine kompatiblen Normalobjektive mehr im Angebot. Zeiss Jena hingegen fertigte bereits seit Februar 1954 Springblendenobjektive mit Innenauslösung, nämlich für die Praktina FX das Biotar und kurz darauf auch das Tessar. Bei Zeiss war diese Technologie also da und sie mußte für den M42-Anschluß nur geringfügig konstruktiv angepaßt werden. Damit konnte Zeiss Jena nahtlos M42-Springblendenobjektive anbieten. Die halbautomatische Springblende, wie sie bei den Zeiss-Objektiven eingesetzt wurde, ging auf ein Patent der Herren Walter Hennig und Horst Strehle zurück, seinerzeit Konstrukteure beim VEB Zeiss Ikon [DDR-Patent Nr. 10752 vom 3. Mai 1952]. Die Weiterentwicklung für das M42-Gewinde bestand darin, daß der zusätzliche Spannhebel der Exakta- und Praktina-Version fortgelassen und das Spannen der Springblende durch Drehen des Blendenrings auf volle Öffnung bewerkstelligt wurde. Diese Neuerungen stammen von Erich Biertümpfel und Rudolf Paul und sind im DDR-Patent 18.920 vom 30. März 1956 geschützt [sowie DBP Nr. 1.132.432].

Springblende Zeiss Jena

Bei Meyer in Görlitz war man nun also gezwungen, sich schleunigst etwas Adäquates auszudenken. Dabei mußte man an zwei Neuentwicklungen gleichzeitig arbeiten, denn einfach eine Blendenautomatik in das 20 Jahre alte Primoplan 1,9/58 einzubauen kam offenbar nicht infrage. Daher wurde nicht nur das neue Primotar E sondern auch erstmals eine eigene Druckblende entwickelt. Druckblende bedeutet, daß die Kraft zum Schließen der Blende nicht aus einem zuvor gespannten Federmechanismus herrührt, sondern während des Auslösens vom „Auslösedruck“ abgezweigt wird. Damit der Auslöser dadurch nicht zu schwergängig wird, mußte der Druckblendenmechanismus so leichtgängig wie möglich konstruiert werden. Aber auch auf ein anderes Augenmerk hat man bei Meyer großen Wert gelegt: Bei den Zeissobjektiven mit Springblende war es fast unmöglich, zur Arbeitsblende zurückzukehren, wenn erst einmal die Springblende gespannt worden war. Ein schnelles abblenden um die Schärfentiefe zu kontrollieren war also sehr schwierig zu erreichen. Hervorstechendes Merkmal des neuen Primotars E war deshalb ein zusätzlicher Schaltring, mit dem schnell und problemlos von der Automatikblende auf Arbeitsblende umgeschaltet werden konnte. Diese Neuerung wurde dann auch im Bundesrepublikanischen Patent Nr. 1.056.925 vom 23. August 1956 patentiert.

Blendenautomatik Primotar E

Bleibt natürlich noch eine Frage: Wieso dieses „E“? Das E steht für „Einstellblende“ – und dies ist das eigentlich Geniale an diesem Objektiv. Ein Tessartyp aus modernen Gläsern mit der Lichtstärke 1:3,5 läßt sich zwar gut korrigieren, bietet aber an und für sich nichts Bemerkenswertes. Gerade bei der Einäugigen Reflex nimmt man gerne ein lichtstarkes Objektiv, weil dann das Sucherbild heller ist und etwaige Meßkeile nicht abdunkeln. Solche lichtstarken Objektive sind aber teuer und werden von Amateuren in der Praxis ohnehin auf 1:4 oder noch stärker abgeblendet. Beim Primotar E haben die Konstrukteure daher einen Kunstgriff angewendet. Das Objektiv ist für die Lichtstärke 1:3,5 berechnet und optimiert. Seine Linsen haben jedoch einen geringfügig größeren Durchmesser, als es für diese Arbeitslichtstärke notwendig wäre. Dadurch ergibt sich, daß das Primotar E beim Einstellen die etwas höhere Lichtstärke von 1:3,0 zur Verfügung stellt. Für diese Öffnung ist das Objektiv nicht korrigiert und auch nicht photographisch nutzbar. Für das Einstellen spielt das jedoch keine Rolle. Hier zählt ein möglichst helles Sucherbild. Und diese paar Ziffern hinter dem Komma machen dabei durchaus einiges aus.

Primotar E Exakta Vergleich

Hier sieht man, wie die Druckblendenbetätigung des Primotar E in der Ausführung für die Exakta Varex bzw. Exa  einen Wandel erfahren hat. Ursprünglich hatte sie die linke, feststehende Bauform. Sie wurde durch die deutlich einfacher aufgebaute Auslösewippe  ersetzt, wie man sie auch am zeitgenössischen Domiron und Domiplan findet. 

Das Primotar E war daher meiner Ansicht nach ein Geniestreich. Die optische Ausrüstung ist knapp zehn Jahre jünger als die des Tessars 2,8/50mm; und an einem modernen Bildsensor ist dieser Unterschied auch deutlich feststellbar. Zweitens war die Meyer’sche Druckblende zusammen mit der Idee einer Einstellblende auch mechanisch die bessere Lösung, als die umständlich zu bedienende und mit lautem Knall zuspringende Automatikblende des Tessars. Und so geschah es, daß Meyer-Optik Görlitz auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1957 ein neues Normalobjektiv vorstellen konnte, das alsbald als Weltspitzenerzeugnis mit dem Gütezeichen Q ausgestattet wurde und damit das prestigeträchtige Tessar ein wenig in den Schatten stellte. Zudem war es mit 109,- Mark auch noch preiswerter als das Springblenden-Tessar mit 123,- Mark (1960).

Das sorgte gehörig für Unruhe. Es gibt leider noch keine sauber ausgearbeitete Firmengeschichte von Meyer-Optik Görlitz. Von Gottfried Kindler* liegt eine Abhandlung vor, die man an manchen Stellen eher als „Erinnerungsbüchlein“ bezeichnen muß. Trotzdem sind seine Hinweise nicht unglaubwürdig (und sie wurden auch von anderer Seite bestätigt), daß es zwischen den beiden Volkseigenen Betrieben in Jena und Görlitz seit den späten 50er Jahren zu einer Konkurrenzsituation kam, die für die sozialistische Zentralverwaltungswirtschaft als zumindest ungewöhnlich zu bezeichnen ist. Ich hatte im Abschnitt zum Primoplan bereits angedeutet, wie Zeiss Jena in der Zwischenkriegszeit Konkurrenzfirmen wie Goerz oder Ernemann ausgeschaltet hatte. Mit Meyer bahnte sich eine nächste Rivalität an, die aber angesichts der bevorstehenden Kriegswirtschaft nicht mehr ausgetragen werden konnte. Nun, fast 20 Jahre später und nach einem spürbaren Technologieschub auf Görlitzer Seite hat man den Eindruck, daß diese Rivalität wieder aufbrach. Die Situation verschärfte sich, als Meyer im Frühjahr 1959 ein Primotar 2,8/50mm herausbrachte, das direkt auf den Markt des bislang konkurrenzlosen Tessars 2,8/50 mit Vorwahlblende abzielte (Exa und andere einfachere Kameras, geschützt im DBGM 1.786.977 vom 7.11. 1958). Und mit dem Domiron 2/50 (geschützt mit dem DBGM 1.786.978 vom 7. 11. 1958) für die Exakta Varex griff Meyer Zeiss Jena zugleich auf dem internationalen Markt der Spitzenobjektive an.

Meyer Primotar 2,8/50mm

Oben das kurzlebige Primotar 2,8/50mm. Dessen vergleichsweise einfache Fassung mit einer Vorwahlblende steht freilich in einem ziemlich starken Kontrast zum optischen Aufwand, der für diesen Tessartyp getrieben wurde. So besteht die Frontlinse aus dem damals frisch eingeführten Schwerkron SK 22, das später eine wichtige Grundlage für Jenaer Objektive wie das Pancolar 1,8/50mm bot. Die Rücklinse basierte sogar auf dem noch höher brechenden Schwerstkron SSK 10, dem Spitzenglas des Jenaer Glaswerks aus der damaligen Zeit, das bei Zeiss Jena gerade einmal den exquisten Biometaren und Flektogonen vorbehalten blieb.

Diese beiden Objektive haben offenbar das Faß zum Überlaufen gebracht. Mit dem Zugriff auf das JENAer Glaswerk waren es nach wie vor die Verantwortlichen bei Zeiss, die im Bereich des optischen Glases – der Materialbasis des Objektivbaues – das Sagen hatten. Gottfried Kindler gibt an, daß nach diesem „Vorfall“ Meyer Görlitz von der Zufuhr hochwertiger Spezialgläser abgeschnitten wurde; allerdings ohne daß er entsprechende Belege anführt. Es gibt aber zwei Hinweise, die seine Angabe stützen und glaubwürdig erscheinen lassen. Erst einmal wurden die beiden obengennannten Objektive Primotar 2,8/50 und Domiron 2/50 nur in geringen Stückzahlen hergestellt, zumindest im Vergleich dazu, welch riesige Mengen später beispielsweise von einem Oreston/Pentacon 1,8/50 produziert wurden. Das war allerdings ein Jahrzehnt später, als Zeiss Jena das Interesse am Photoobjektivbau weitgehend verloren hatte. Zweitens ist auffällig, daß in Patentschriften und Gebrauchsmustern von Meyer Optik Görlitz nach 1960 oft explizit zu lesen ist, daß das vorstechendste Merkmal des neuen Objektives sei, daß es aus einfachen, preiswerten Gläsern zusammengesetzt wäre. Man kann das ganze also durchaus so auffassen, daß sich die Situation des an den Katzentisch gesetzten Feinoptischen Werkes Görlitz sogar in dessen Schutzrechten wiederfindet.



*Kindler, Gottfried: Geschichte der Firma Meyer Optik als Betrieb Feinoptisches Werk Görlitz, Druckschrift der Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz e.V. 2005.

Praktisix Primotar

Auch für die Praktisix gab es ein Primotar E als Normalobjektiv - hier mit den Daten 1:3,5/80mm. Es war nach den gleichen Grundsätzen aufgebaut, wie die Kleinbild-Variante; hatte also ebenfalls eine Einstellblende. Auch dieses Objektiv war offenbar nicht sehr gefragt und wurde daher auch nicht lange gebaut. Die Praktisix war außerdem für damalige Verhältnisse so teuer, daß die Ersparnis der Ausstattung mit dem Primotar gegenüber jener mit dem Tessar von nicht einmal 50 Mark offensichtlich nicht weiter ins Gewicht fiel (1028,- gegenüber 981,- Mark im Jahre 1959).


Das Primotar E 3,5/80mm war aber nicht wie das 50er mit einer Druckblende, sondern einer Vollautomatischen Springblende (mal VSB, oft aber ASB abgekürzt) ausgestattet. Der Blendenstößel hatte hier eine umgekehrte Wirkung: Im eingedrückten Zustand war die Blende offen, wurde er losgelassen sprang er heraus und die Blende schloß sich. Dieser Schließorgang war im Inneren der Praktisix zwangsweise mit dem Auslöser bzw. mit der Spiegelbewegung gekuppelt, sodaß er vollautomatisch und mit großer Geschwindigkeit ablief. Das war noch mal ein gewaltiger Fortschritt gegenüber der sich nur langsam schließenden Druckblende, die ihre Kraft von der Auslöser-Betätigung abzweigte. Nach diesem Verfahren der Automatischen Springblende arbeiteten später fast alle Spiegelreflexsysteme der verschiedensten Hersteller.

M. Kröger


letzte Aktualisierung: 2. Februar 2020