Flektogon 2,8/20

Flektogon 2,8/20 mm

Welch eine Sensation wäre dieses lichtstarke Superweitwinkel gewesen, wenn es nicht erst Jahre nach der Fertigstellung seiner Berechnung erschienen wäre.

Zeiss Flektogon 20mm f/2.8

Zweifellos konnte sich der VEB Carl Zeiss JENA als Wegbereiter für das moderne Superweitwinkel begreifen. Mit dem Flektogon 4/20 mm war es im Jahre 1963 erstmals gelungen, bei einem Retrofokusobjektiv den Bildwinkel auf über 90 Grad auszudehnen. Dem hatten andere Hersteller lange Zeit nichts Adäquates entgegenzusetzen. Derart kurze Brennweiten schienen unvereinbar mit dem Bauprinzip der Spiegelreflexkamera, die schließlich zwischen Objektivrückseite und Film einen großen freien Luftraum für den namensgebenden Klappspiegel benötigte. Einige Hersteller begnügten sich daher in den 60er Jahren damit, für solch große Bildwinkel behelfsmäßig ein symmetrisch gebautes Superweitwinkelobjektiv einzusetzen, das meist ihrem parallelen Meßsucherprogramm entstammte. Das hatte aber erstens den Nachteil, daß in diesem Falle die Spiegelreflexkamera zur einfachen Sucherkamera degradiert wurde, weil nämlich zweitens nur solche Kameratypen überhaupt infrage kamen, bei denen der Spiegel hochgeklappt werden konnte, ohne daß sofort der Verschluß ausgelöst wurde. Da alle Spiegelreflexmodelle Dresdner Herkunft diese Betriebsweise generell nicht erlaubten, konnte der DDR-Photoobjektivbau gar nicht erst in die Versuchung geraten, diese technische Sackgasse zu betreten. Ein 90-Grad-Superweitwinkel für die Praktica, die Exakta und die Praktina konnte demnach nur auf Basis der Retrofokusbauart geschaffen werden, und die war damals allerhöchste Spitzentechnologie.


Objektive wie das Distagon 2,8/25 mm aus Oberkochen, das bald nach dem 20er Flektogon auf dem Markt erschien, zeigten aber bereits einen neuen Trend auf, daß nämlich die Lichtstärke der Retrofokusweitwinkel immer weiter angehoben wurde. Eberhard Dietzsch, der bereits maßgeblich am Flektogon 4/20 mm beteiligt gewesen war, versuchte daher schon während der 1960er Jahre, die maximale Öffnung des 20 mm Objektivs auf 1:2,8 anzuheben. Dazu mußte die Blende weiter nach vorn verlegt werden, was wiederum Änderungen im hinteren Systemteil bedingte. Hier näherte er sich dem typischen Tripletaufbau an, allerdings mit zwei einzelnen Sammellinsen bildseitig – ein Aufbau, den sich Dietzsch durchaus bei Retrofokuskonstruktionen anderer Hersteller abgeschaut hatte. [Vgl. Dietzsch, Retrofokusobjektive, 2002, S. 16.]

Flektogon 2,8/20 scheme

Bereits 1967 lag ein Prototyp vor, der auf dem Kaustikprüfstand für Abbildungen auf Unendlich eine ausgezeichnete Bildleistung gezeigt habe. Doch groß war die Enttäuschung, wenn dasselbe Objektiv auf nahe Distanzen eingestellt wurde. Hier sei der Prototyp praktisch nicht zu gebrauchen gewesen. [Vgl. Ebenda]. Es waren tiefergehende theoretische Untersuchungen nötig, um diesen unerwarteten Leistungsabfall im Nahbereich erklären zu können. Bei den bisherigen Objektivkonstruktionen zeigte ein auf Unendlich korrigiertes Objektiv immer noch mindestens eine brauchbare Bildleistung, wenn auf mäßige Nahdistanzen eingestellt wurde. Der extrem asymmetrische Aufbau von Retrofokuskonstruktionen mit ihren starken Zerstreuungsgliedern im vorderen Objektivteil führte nun freilich zu einem deutlich abweichenden Verhalten. Hier trat bei einer Vergrößerung des Abbildungsmaßstabes nun plötzlich ungewöhnlich starker Astigmatismus und Bildfeldwölbung auf.


Hervorgerufen wird diese Erscheinung durch die eigentümliche Winkelvergrößerung bzw. den stark auseinanderlaufenden Pupillenmaßstab dieser Objektivtypen. Der Pupillenmaßstab ist das Verhältnis der Durchmesser von Austritts- und Eintrittspupille. Die Eintrittspupille sieht man, wenn man aus einiger Entfernung von vorn in das Objektiv hinein schaut, die Austrittspupille entsprechnd bei Betrachtung von der Rückseite. Beim alten Flektogon 4/20 war der Durchmesser der von hinten sichtbaren maximalen Öffnung 2,17 mal größer als bei Durchsicht von vorn. Bei diesem Pupillenmaßstab ergibt sich für den Fall des Flektogons 4/20, daß sich bei einer Auszugsverlängerung von einem Millimeter die sagittale Bildschale um 0,21 mm am Bildrand durchwölbt, die Meridionalschale allerdings um ganze 1,24 mm – also mehr als die Auszugsverlängerung betrug. Bei dieser Auszugsverlängerung um einen Millimeter, die einer durchaus öfter vorkommenden Einstellung auf eine Entfernung von 50 cm entspricht, ergäben sich also beträchtliche Randunschärfen, die im speziellen Fall des Flektogon 4/20 durch dessen besondere Eigenheiten nach Dietzsch aber gerade noch im erträglichen Maße geblieben seien [Vgl. Ebenda, S. 17]. Beim Prototyp des Flektogon 2,8/20 mit seinem noch größeren Pupillenmaßstab von 1:2,8 und seiner beträchtlich vergrößerten Lichtstärke nahm der Betrag der Meridionalwölbung nun aber völlig unzumutbare Ausmaße an. Schon zu diesem Zeitpunkt, im Jahre 1967, hatte Dietzsch erkannt, daß eine Korrektur dieses Fehlers beispielsweise durch das Verändern der Tiefe eines geeigneten Luftzwischenraums möglich sei. Noch im selben Jahre brachte die japanische Firma Nippon Kogaku ein Nikkor 2,8/24 mm heraus, das mit einem automatischen Korrektionsausgleich versehen war, der diesen Grundgedanken verwirklichte. Für das zusätzliche Verschieben von einzelnen Linsen oder Gruppen innerhalb des Objektivs beim Scharfstellen setzte sich dann in der Folgezeit der Begriff „Floating Elements“ durch. Dieses Verfahren, bei dem also innerhalb des Objektives noch einmal ein zweiter Schneckengang für einzelne Teile des Gesamtobjektivs untergebracht werden mußte, erhöhte aber den Montage- und Justageaufwand beträchtlich und wurde daher vorerst noch aus Kostengründen abgelehnt. Die Korrektur der Meridionalwölbung mit ebendieser Maßnahme hätte dann folgendermaßen ausgesehen:

Meridionalwölbung Flektogon 2,8/20mm mit Floating-Korrektur

Um ein 20mm-Retrofokus mit der Lichtstärke 1:2,8 dennoch zu verwirklichen, schlug Dietzsch Anfang der 70er Jahre einen anderen Weg ein. Sein „Trick“ lag in einer angepaßten Komakorrektur: „Infolge eines künstlich eingeführten Asymmetriefehlers (Koma) entsteht für einen relativ weiten Abbildungsmaßstabsbereich immer noch ein gewisser Bildkern, d.h. man erhält eine ausreichende Bildqualität“ [Ebenda, S. 19.]. Dazu  unten ein Vergleich der Queraberrationen bei  einem Abbildungsmaßstab ⁠β' = 1 : ∞ (ausgezogene Linie) und  ⁠β' = 1 : 40 (was in etwa einen Aufnahmeabstand von 90cm entspricht).

Flektogon 2,8/20mm Korrektionscharakteristik

Die Konstruktion dieses lichtstarken 20mm-Objektives, das gezielt auf Floating Elements verzichtete, konnte bereits zum 1. Februar 1971 fertiggestellt werden. In Produktion ging es indes nicht. Erst als längst andere Hersteller (Canon, Minolta, Leitz) solcherlei lichtstarke Weitwinkelobjektive mit über 90 Grad Bildwinkel im Angebot hatten, begann fünfeinhalb Jahre nach dem Abschluß der Konstruktion doch noch die Großserienfertigung des Flektogons 2,8/20 mm. Man darf aber auch sicherlich davon ausgehen, daß erst die Einführung des T3-Belages abgewartet werden mußte. Angesichts der 16 Glas-Luft-Grenzflächen war eine Mehrschichtvergütung der Glasoberflächen unverzichtbar.


Patentiert wurde das Flektogon 2,8/20 unter der Nummer DD129.582 gar erst am 10. Februar 1977. Neben Eberhard Dietzsch ist hier noch Gudrun Schneider als Erfinderin benannt. Aus der Schutzschrift geht überdies hervor, daß auch bei diesem Objektiv ein besonderes Augenmerk darauf gelegt wurde, daß sich trotz Verdoppelung der Lichtstärke die Herstellungskosten nicht wesentlich erhöhten. Durch geschickte Konstruktion konnten die beiden Errechner dieses Objektives vermeiden, Glasarten mit extremen Eigenschaften und damit auch extremen Preisen verwenden zu müssen. Vor allem im vorderen Objektivteil mit seinen großen Durchmessern wären solche Linsen sehr teuer geworden. Die wichtigste Konstruktionsidee für das Flektogon 2,8/20mm lag daher darin, die beim 4/20 noch inmitten des sammelnden Objektivteiles liegende Blende vor dieses zu verschieben, in den baulich günstigen Bereich hinter dem Kittglied. Mit diesem Kunstgriff konnte laut Patentschrift vermieden werden, daß die Brechkraft des zerstreuenden Teiles übermäßig erhöht werden mußte. Das hätte bedeutet, hier hochbrechende Gläser mit möglichst geringer Dispersion verwenden zu müssen. So aber konnten die Herstellungskosten im Rahmen gehalten werden.

Praktica EE2 Flektogon 2,8/20

Es wäre müßig, an dieser Stelle die DDR-Verkaufspreise von 660,- Mark für die M42-Variante bzw. 880,- Mark für Praktica B in irgendeiner Form mit den Preisen für vergleichbare japanische oder westdeutsche Objektive ins Verhältnis zu setzen. Das verbietet die abgeschottete Wirtschaft und die spezielle Stellung von Luxuskonsumgütern in der DDR. Für DDR-Verhältnisse waren die oben genannten Preise natürlich viel Geld. Aber das war nicht unbedingt das Ausschlaggebende. Daß das Flektogon 2,8/20 mm ökonomisch gut ausgewogen war, erkennt man daran, daß es schlicht und ergreifend so lange und dabei auch in erstaunlich hohen Stückzahlen hergestellt wurde. Es dürften bis 1991 etwa 64.000 Exemplare mit M42-Gewinde und etwa 8800 mit B-Anschluß fabriziert worden sein. Bei Erscheinen des Flektogons 2,8/20 mm war das M42-Gewinde und die Praktica im Bereich der hochwertigen Amateurkamera angesiedelt. In Anbetracht dieses angepeilten Marktsegments war das Flektogon 2,8/20 mm ein hervorragendes Objektiv mit einem guten Kompromiß zwischen Preis und Aufwand und einer ausgezeichneten Fertigungsqualität. Außerdem gab es nun erstmals wahlweise eine Fassungsvariante mit elektrischer Blendenwertübertragung, welche die Belichtungsautomatik einiger Praktica-Modelle voll unterstützte.

Zeiss Flektogon 2,8/20
Zeiss Prakticar 2,8/20

Oben die Fassung des Flektogon 2,8/20 mit M42-Gewinde, unten das Prakticar 2,8/20 mit Praktica-Bajonett

Für erwähnenswert halte ich noch, daß Eberhard Dietzsch noch lange Zeit an einem würdigen Nachfolger gearbeitet hat, um auf dem internationalen Stand der Technik zu bleiben. In der Objektivzusammenstellung der 80er Jahre zeige ich das nur in geringen Stückzahlen gefertigte Prakticar 2,4/28 mm, das im DDR-Patent Nr. 149.826 vom 10. März 1980 geschützt ist (Erfindung zusammen mit Gudrun Schneider). Gegenstand dieses Patentes ist ein abbildungsmaßstabsabhängiger Bildfehlerausgleich ("floating elements"), der laut Patentschrift auch in einem weiterentwickelten Flektogon 2,8/20 mm hätte umgesetzt werden sollen. Dazu kam es leider nicht. Kürzlich habe ich zudem noch eine weitere Patentanmeldung Nr. DD221.570 von Eberhard Dietzsch entdeckt, bei dem er diese Bildfehlerkompensation noch weiter (auf die Koma nämlich) ausgedehnt und gleichzeitig die Lichtstärke des 20 mm Objektivs auf 1:2,4 erhöht hätte. Auch diese am 2. Januar 1984 zum Patent angemeldete Weiterentwicklung wurde leider nicht mehr umgesetzt.

Oben ist die Kontrastübertragung des Flektogons 2,8/20 mm bei Abblendung auf 1:5,6 gezeigt [nach Nasse: Retrofocus-Objektive - und warum sie erfunden wurden, Oberkochen, 2011]. Angesichts dieser hohen maximalen Öffnung und des großen Bildwinkels sind das beachtliche Werte - immer vor dem Hintergrund betrachtet, daß wir uns, was die Errechnung dieses Systems betrifft, im Jahre 1971 befinden! Wenn meine Recherchen stimmen, dann gab es beispielsweise bei Canon ein 2,8/20 auch erst ab 1973, bei Nikon gar erst ab 1984. Andere Systeme, wie beispielsweise das Elmarit 2,8/19 mm von Leitz mögen besser auskorrigiert gewesen sein - bei denen waren aber auch das Komma im Verkaufspreis um eine Stelle weiter nach rechts verschoben.

Das Flektogon 2,8/20 mm ist selbst für den heutigen Anwender ein guter Kompromiß zwischen Abbildungsleistung und finanziellem Aufwand. Bei der Aufnahme oben wurde auf 1:5,6 abgeblendet. Die Bildmitte ist dann tadellos und auch über das Feld hinweg ist die Bildleistung gut. Einzig in den Bildecken läßt das Auflösungsvermögen sichtbar nach. Das ist aber den extrem widrigen Bedingungen geschuldet, die eine Retrofokusbauart nach sich zieht und auch die Superweitwinkelobjektive anderer Hersteller zeigen in diesem Bereich ihre Schwächen. Die qualitativen Nachteile von Retrofukusweitwinkeln werden aber meiner Ansicht nach dadurch relativiert, daß man die Bildkomposition wie gewohnt anhand des Reflexsuchers vornehmen kann. Wer schon mal versucht hat, die Kamera anhand eines fummeligen Aufstecksuchers so auszurichten, daß keine stürzenden Linien auftreten, der weiß diesen Vorteil der echten Mattscheibenabbildung über alle Maßen zu schätzen.

Das Flektogon 2,8/20 mm umgebaut auf die Leicaflex, mit der auch das obige Bild entstanden ist. Man mag ja von diesem Hersteller halten, was man will, aber die Fertigungsqualität dieser Kameras ist einfach nur ehrfurchterregend. Kein Wunder: Immerhin 1916,- D-Mark kostete diese SL mit dem Summicron, als sie vor einem halben Jahrhundert herauskam. Abwegig mutet das an ihr adaptierte Flektogon nur deswegen an, weil beide Gerätschaften von getrennten Seiten des Eisernen Vorhanges stammen. Ich möchte aber daran erinnern, daß Leitz seine Retrofokus-Superweitwinkelobjektive damals durchaus nicht immer selbst konstruiert, sondern von Schneider-Optik, später Minolta und sogar Zeiss Oberkochen zugekauft hat. Angesichts der immensen Schwierigkeiten, die das Errechnen sowie die Massenfabrikation solcher Objektive mit sich bringen, war das eine nachvollziehbare Entscheidung. Der Kamerabau allein war Ende der 60er Jahre schon schwierig genug geworden...

Oben: Das Prakticar 2,8/20 mm bei voller Öffnung der Blende. Praktica BX20, Kodak Portra 400.

Prakticar 2.8/20

Sehr modern aufgebaut war die Fassung des Prakticar 2,8/20 mm mit seiner kugelgelagerten zirkukaren Blendenansteuerung und der quasi als Modul entnehmbaren Blendeneinheit. Das Objektiv war allerdings auch noch einmal ⅓ gegenüber dem Modell mit M42 teurer geworden.

Prakticar 2,8/20

Praktica BX 20 mit Jena Prakticar 2,8/20 mm. Eingang zur Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Fomapan 100, Paraminophenolentwickler. Blende 4.


Marco Kröger


letzte Änderung: 7. Januar 2022