Pentina

Pentina

Als schwarzes Schaf des Dresdner Kamerabaus muß man diese Zentralverschluß - Spiegelreflexkamera wohl bezeichnen. Untypisch in der äußeren Form und noch untypischer im technischen Grundaufbau, ist sie gleichsam ein typisches und auch ganz besonders eindrückliches Zeugnis für die konzeptionelle Richtungssuche und den sich daraus ergebenden Irrwegen des VEB Zeiss Ikon in den 1950er Jahren.

Pentina braune Belederung

Man kann die Pentina aus heutiger Sicht auch aus einem wohlwollenden Blickwinkel heraus betrachten und sie einfach als ein großes Experimentierfeld der damaligen Industrie in technischer wie in formgestalterischer Hinsicht begreifen. Dafür ist auch diese gold-eloxierte Variante mit brauner Belederung ein Beispiel. Wer jedoch historisch denkt, der kann freilich nicht die enorme Belastung für die frisch geformte vereinigte Kamerabauindustrie außer Acht lassen, die der konstruktive wie kommerzielle Fehlschlag dieser Pentina seinerzeit mit sich brachte.

1. Zeiss Ikon als notorischer Hinterherläufer

Denn auf Richtungssuche war diese große Kameraubauanstalt schon seit ihrer Gründung Ende der 20er Jahre. Um seine Vormachtstellung im Photoobjektivbau auszuweiten, hatte Carl Zeiss Jena die kriselnde Situation bei den Kamerherstellern seinerzeit dazu genutzt, diesen Sektor durch Übernahmen weitgreifend zu monopolisieren. Vor allem die Eingliederung der damals sehr bedeutenden Ernemann-Werke war ein wichtiger Schachzug, weil der Zeisskonzern einerseits einen Fuß in die Tür des Kinogerätebaus bringen konnte und gleichzeitig die sich ernsthaft abzeichnende Konkurrenz des Ernemann'schen Objektivbaus unschädlich gemacht werden konnte. Alles andere als einfach gestaltete sich aber, aus diesen Zusammenkäufen von Einzelfirmen einen einheitlichen Photogerätebau zu formen. Schaut man sich die Zeiss-Ikon-Kataloge jener Frühzeit an, so erkennt man bei von Jahr zu Jahr fortschreitender Ausdünnung , daß erst einmal die Kameras der Vorgängerfirmen weitergebaut wurden. Das führte zu einer Unzahl an Variationen desselben Kameratyps; vor allem bei 9x12 Laufboden- und Rollfilm-Faltkameras. In dieser Zeit aber, da sich das riesige Konglomerat Zeiss Ikon erst einmal konsolidieren mußte, drängten andere Firmen mit neuartigen Kamerakonstruktionen auf den Markt, die die Photographie grundlegend verändern sollten: Leica, Rolleiflex und Exakta. In dieser Reihenfolge. All diese neuen Entwicklungspfade Kleinbildsucherkamera mit Entfernungsmesser, Zweiäugige Spiegelreflexkamera und die Einäugige Reflexkamera moderner Bauart waren also von anderen Firmen ausgegangen und die Zeiss Ikon AG sah sich gezwungen, diesem Trend durch Neuentwicklungen nachzueilen. Interessant für an Kameratechnik Interessierte ist nun, daß entweder sehr aufwendige Konstruktionen verwirklicht werden mußten, um die Lösungen der Konkurrenz nicht zu plagiieren (z.B. der Verschluß der Contax I), oder daß in anderen Typenbereichen überhaupt nicht mit einem eigenen Modell reagiert werden konnte.

Contaflex Zeiss Ikon AG 1935

Besonders auffällig und wichtig in Bezug auf die weitere Geschichte der gesamten Dresdner Kamerabauindustrie ist das Auslassen einer eigenen Einäugigen Spiegelreflexkamera für Roll- oder Kleinbildfilm durch die Zeiss Ikon AG. Meiner These nach lag das durchaus an dem weitgreifenden Patentschutz, den sich Karl Nüchterlein für seine Standard- und Kiné-Exakta seit 1933 hatte sichern können. Die Strategie, dieser Situation mit einer ambitionierten ZWEIÄUGIGEN Kleinbildspielegreflex (Contaflex, 1935) zu entgegnen, hat sich jedenfalls als völliger Fehlschlag herausgestellt. Insbesondere als ein Jahr später die Kleinbild-Exakta auf dem Markt erschien. Historisch gesehen hat sich dieser Exakta-Typus als dermaßen essentiell herausgestellt, daß es aus Sicht der Zeiss Ikon AG eine große Nachlässigkeit bedeutete, diesen kleinen Konkurrenzbetrieb so emporkommen zu lassen (mitsamt der konkurrierenden Objektivbauanstalten).


Erst während des Zweiten Weltkrieges wurde ernsthaft an einer vergleichbaren Kamera gearbeitet ("Syntax"). Möglicherweise immernoch aus patentrechlichen Gründen versuchte man auch hier, den über die kurze Bildfensterseite ablaufenden Zweiwellen-Metallrolloverschluß der Contax Meßsucherkamera in diese Kamera einzubauen mit all den technischen Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben hätten. Ob diese Konstruktionsarbeiten nicht in eine weitere Sackgasse geführt hätten, hat sich nie erweisen müssen, denn sämtliche Arbeiten dazu sind im Februar 1945 verbrannt.


Daß bei Zeiss Ikon einer Einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera größte Priorität eingeräumt wurde, läßt sich daran ablesen, daß unmittelbar nach dem Kriege die Konstruktionsarbeiten zu einer solchen Kamera sogleich wieder aufgenommen wurden. Allerdings wurde von Null auf neu angefangen. Außer dem Umkehrprisma wurde nichts übernommen. Die unter der Leitung Wilhelm Winzenburgs entwickelte Kamera arbeitete nun mit einem horizontal ablaufenden Schlitzverschluß wie bei der Exakta. Er war zwar wesentlich moderner konzipiert und aufwendig angesteuert, verursachte aber immense Probleme und mußte nach kurzer Zeit grundlegend überarbeitet werden. Mit nicht serienreifen Kameras hatte man offenbar devisenträchtige Importeure in den USA vergrault, der Wert der Spiegelcontax brach zusehends ein und die anfänglichen Probleme brachten ihr nachhaltig eine Reputation als unzuverlässige Kamera ein, die sich bis heute gehalten hat. Dem steht freilich entgegen, daß die überarbeitete Kamera zehn Jahre lang gefertigt und in etwa 200.000 Exemplaren verkauft werden konnte. Die Weiterentwicklung der Contax D wurde aber in auffallender Weise sträflich vernachlässigt.

2. Der Impuls kam vom Rivalen in Stuttgart

In der Bundesrepublik, wo eine zweite Zeiss Ikon geformt worden war, hatte man Anfang der 50er Jahre interessanterweise einen anderen Weg eingeschlagen. Man mag dort womöglich die Konstruktion eines Schlitzverschlusses und die damit in Verbindung stehenden Schwierigkeiten gescheut haben. Eine viel wesentlichere Ursache dafür, daß die Contaflex der Zeiss Ikon Stuttgart einen Zentralverschluß hatte, dürfte aber darin gelegen haben, daß es in der Bundesrepublik im Gegensatz zur DDR eine führende Industrie für solcherlei Zentralverschlüsse gab und daß dieselbe schon seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg eng an den Zeisskonzern gebunden war. Und das Ergebnis sprach für sich: Die Contaflex war nicht nur erfolgreich, sondern auch zuverlässig. Die größten Schwierigkeiten, die eine solche Spiegelreflexkamera mit sich bringt, wurden Zeiss Ikon in Stuttgart schlichtweg vom Deckel-Werk in München abgenommen, die den dazu notwendigen Zentralverschluß konstruiert hatten.

Contaflex Stuttgart

Kompakt, hochwertig verarbeitet, helles Sucherbild mit bis zur Auslösung offenbleibender Blende und trotzdem für den Amateur erschwinglich: Die Contaflex war Anfang der 50er Jahre eine neue, zeitgemäße Herangehensweise an das Thema Amateur-Spiegelreflexkamera.

Mithilfe einer umfangreichen Auswertung der Patentüberlieferung des Dresdner Kamerabaus konnte ich nun nachweisen, daß der VEB Zeiss Ikon etwa seit Jahresmitte 1954 intensiv an der Entwicklung einer Einäugigen Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluß nach westdeutschem Vorbild arbeitete. Die dahingehenden Beweggründe interpretiere ich aus folgenden zwei Gesichtspunkten heraus: Einmal aus technischen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie die Dresdner Konstrukteure um Walter Hennig und Werner Hahn damals eine solche Contaflex auf dem Tisch gehabt haben und vom Funktionsablauf dieser kompakten Kamera fasziniert waren. Die Probleme, die es immer wieder mit dem Schlitzverschluß der Spiegelcontax gab vom Verhalten des Tuchmaterials bei tiefen Temperaturen, der Brandlochgefahr bei hochgeklapptem Spiegel und insbesondere das konstruktiv schwer beherrschbare Prellen der Vorhänge am Ende des Ablaufweges all jene Schwierigkeiten waren bei der westdeutschen Contaflex prinzipbedingt erst gar nicht vorhanden. Besonders attraktiv erachtete man sicherlich auch die Vollautomatische Springblende, die diese Kamera zum ersten Mal zu bieten hatte. Sie ermöglichte, daß das Sucherbild bis kurz vor der Aufnahme die volle Helligkeit beibehielt und man nicht händisch abblenden mußte. Und das alles in einem sehr kompakten Gehäuse. In einer gewissen Weise hatten die Stuttgarter Konstrukteure den traditionsreichen Dresdner Spiegelreflex-Kamerabau rechts überholt.

3. Kamerabau im Neuen Kurs

Zweitens gab es wohl auch wirtschaftspolitische Gründe für solch eine Kamera. Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatte schließlich zweierlei Ursachen: Einmal die ideologische Einmischung der SED in fast alle Lebensbereiche der Menschen und die andauernden Bevormundungen und Repressionen, die sich daraus ergaben. Auf der anderen Seite hatten sich seit der II. Parteikonferenz vom Juli 1952, auf welcher der "planmäßige Aufbau des Sozialismus" nach sowjetischem Vorbild verkündet worden war, die realen Lebensbedingungen vieler Bürger wieder verschlechtert. Dieser Aufbau des Sozialismus bedeutete quasi eine durchgehende Sowjetisierung der DDR. War deren Industrie wenige Monate zuvor noch demontiert worden, sollte sie nun zum großen Rüstungslieferanten für den Ostblock ausgebaut werden. Durch den damit verbundenen massiven Ausbau der Schwerindustrie ging die Produktion von Konsumgütern nach all den Jahren des Nachkriegs-Aufbaus nun sogar wieder zurück. Das hatte als Nebeneffekt zur Folge, daß sich bei der Bevölkerung trotz der ohnehin geringen Löhne das Geld anhäufte, weil es zu wenig zu kaufen gab. Daraufhin wurden im Mai 1953 die Löhne gesenkt, was aus ideologischen Gründen als eine Erhöhung der Arbeitsnormen getarnt wurde. Interessant ist aber, daß diese Verschärfungen noch durchgedrückt wurden, nachdem aus Moskau bereits Signale zur Mäßigung eingegangen waren. Aber Ulbricht, ansonsten moskauhörig wie kein zweiter, widersetzte sich diesmal. Stalin war gerade gestorben und die Nachfolge ungeklärt. Wie weit die DDR damals kurz vor dem wirtschaftlichen und innenpolitischen Kollaps stand, wird darin deutlich, daß die UdSSR Ulbricht Anfang Juni 1953 zu einem radikalen Umschwenken zwang, trotz der großen Gefahr eines völligen Autoritätsverlustes der Führung. Aber es war bereits zu spät. Die Arbeiter streikten und forderten die Absetzung der Führung. Ohne das gewaltsame Eingreifen der Besatzungsmacht wäre das SED-Regime nach einhelliger Einsicht damals gestürzt worden.


Aber paradoxerweise war es gerade dieser Volksaufstand, der Ulbricht vor seinem Sturz bewahrt hatte. Und damit blieb auch der Neue Kurs aktuell, der ja bereits am 11. Juni verlautbart, aber nicht konsequent genug umgesetzt und vermittelt worden war. Nun, nach dem Knall des 17. Juni für dessen Zustandekommen eh ausschließlich der Westen verantwortlich gemacht wurde konnte die 180-Grad-Wende des Neues Kurses tabulos und ausführlich erläutert werden. "Bei uns soll der Werktätige mehr essen und besser mit Konsumgütern versorgt werden als in Westdeutschland" so lautete jetzt die Devise auf einmal. Preise wurden gesenkt und mit der "Verordnung über die Erhöhung und Verbesserung der Produktion von Verbrauchsgütern für die Bevölkerung" vom 17. Dezember 1953 und dem "Milliardenprogramm" vom Mai 1954 sollte nicht nur die Menge des Warenangebots ausgebaut, sondern darüber hinaus auch ganz neue Produkte eingeführt werden. Die bekannte Kleinbildkamera WERRA ist eine Hervorbringung aus genau jener Phase.


Aus einem Artikel von Walter Kresse über die "Entwicklung der Fotoindustrie im neuen Kurs" in der Fotografie vom Juni 1954 kann man herauslesen, unter welchem politischen Druck auch der Photogerätebau als wichtiger Konsumgüterberech damals gestanden haben muß. Die umtriebigen Konstruktionstätigkeiten im VEB Zeiss Ikon ab der Jahresmitte 1954 deuten eindeutig darauf hin, daß offenbar auch von diesem Betrieb ein neues Produkt gefordert wurde: Eine massentaugliche "Volks-Spiegelreflexkamera" nämlich.


Mit der viel zu aufwändigen und teuren Spiegel-Contax war dieses Ziel aber nicht zu erreichen. Um so mehr müssen sich die Dresdner Konstrukteure inspiriert gefühlt haben, das Spiegelreflex-Verfahren mit dem kostengünstigen Zentralverschluß zu kombinieren. Damit wäre ein gewichtiger Schritt zur Großserienproduktion einer hochwertigen Kamera getan, die keine derart weitgreifende Vereinfachung verlangt hätte, wie die zeitgenössische Exa der Ihagee. Ein Zentralverschluß ist zwar durchaus ein kompliziertes Produkt, aber wenn er in großen Stückzahlen hergestellt wird, ist er technisch beherrschbar und ökonomisch vorteilhaft. Die vielen Probleme, die ein Gummituchschlitzverschluß und seine komplizierte Antsteuerung mit sich bringen, wären auf diese Weise zu eliminieren gewesen. Wie naiv man anfänglich an diesen Ansatz heranging, indem man offenbar davon ausging, einfach eine vorhandene Zentralverschlußkonstruktion durch leichte Anpassungen für die Anwendung in der Spiegelreflexkamera tauglich zu machen, läßt sich aus den ersten Patentanmeldungen zu diesem Thema ablesen. Man sieht auch, wie komplexer von Mal zu Mal die Problemstellungen in den Folgepatenten werden. Nähere technische Einzelheiten dazu finden sich im Aufsatz zu den DDR-Zentralverschlüssen im Ergänzungsbeitrag zu den Patenten für den Prestor-Durchschwingverschluß.

Pentina gold braun

4. Zuflucht in ein neues Konstruktionsprinzip

Dieser Patentüberlieferung offenbart nun aber zusammengefaßt noch ein ganz anderes Bild: Die DDR-Photoindustrie verfügte nämlich über keinerlei Herstellungstradition im Bereich hochwertiger Zentralverschlüsse. Die entsprechenden Firmen lagen in der Bundesrepublik. Wenn man in Dresden einen Zentralverschluß mindestens auf dem Niveau des Deckel'schen Compur haben wollte, dann kam man an einer kompletten Neuentwicklung nicht vorbei. Und die war durch den umfassenden Patentschutz, der auf den herkömmlichen Zentralverschlüssen lag, ziemlich verbaut. In der Not besann man sich bei Zeiss Ikon auf ein anderes Verfahren, das seit Jahrzehnten ungenutzt brachlag: Das Prinzip des Durchschwingverschlusses. Hierbei führen die dünnen Bleche (die sogenannten Sektoren) des Verschlusses keine hin- und hergehende Bewegung aus, sondern eine kontinuierliche Drehbewegung. Das ermöglicht prinzipiell kürzere Verschlußzeiten, weil die Phase der Bewegungsumkehr wegfällt. Die augenfälligste Eigenheit eines solchen Durchschwingverschlusses liegt freilich darin, daß sich der Lichtdurchlaß öffnet, wenn der Verschluß gespannt wird. Aus diesem Grunde ist ein zweites Sektorenpaket als sogenannter Hilfsverschluß nötig, der während der Spannphase Lichteinfall verhindert. Interessant ist nun, daß dieser Hilfsverschluß von Anfang an so ausgelegt wurde, daß er gleichzeitig als Blende dienen konnte ja sogar als vollautomatische Springblende. Das war genau das, was man brauchte, um eine Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera vom Typ Contaflex herausbringen zu können, bei der ja das Objektiv fest eingebaut war und der Verschluß zwischen den Objektivlinsen plaziert werden konnte.

Prestor Hilfsverschluß

Oben ist an einem Versuchsmuster des Prestors gut zu sehen, wie der Hilfsverschluß als Blende fungieren kann [Bild: Benjamin Kotter]. Um diese Doppelfunktion drehen sich viele Erkenntnisse zu den damaligen Entwicklungsvorhaben bei Zeiss Ikon, auch wenn die Zusammenhänge nicht leicht verständlich erscheinen mögen. Denn bei einer Anwendung in einer Spiegelreflexkamera vom Contaflex-Typus wurden diese Sektoren nur in ihrer Funktion als automatische Springblende gebraucht. Als Hilfsverschluß waren sie hingegen überflüssig, weil Zentralverschluß-Spiegelreflexkameras ohnehin stets eine zusätzliche Lichtschutzklappe vor dem Film benötigen. Als Hilfsverschluß wurden sie nur bei Sucherkameras und Zweiäugigen Reflexkameras gebraucht.

Doch zu solch einer DDR-Contaflex kam es nicht mehr. Im Herbst 1956 werden alle Arbeiten in der Entwicklungsabteilung des VEB Zeiss Ikon eingestellt und der Betrieb im Frühjahr 1957 quasi aufgelöst und die Reste zerschlagen. Es deutet vieles darauf hin, daß die Auseinandersetzung um die Marke "Zeiss Ikon" mit dem Werk in Stuttgart für diesen harten Schritt ursächlich gewesen ist. Die hastige Umschreibung von Patenten und Anmeldungen auf andere Firmen lassen erahnen, daß der VEB Zeiss Ikon damals unter der Gefahr stand, seine Rechte an diesen Patenten an die Zeiss Ikon AG in Stuttgart zu verlieren. Vergleichbares fand später tatsächlich in Bezug auf die Ihagee tatsächlich statt. Es handelt sich zwar alles nur um Vermutungen meinerseits, aber da in der Literatur das Zerbrechen dieses einstmals wichtigsten Unternehmens im deutschen Kamerabau quasi ausgeklammert wird, habe ich bislang keiner schlüssigere Erklärung finden können. Die Zuerkennung der Schutzrechte ("Erteilung") in München fand damals jedenfalls durchweg erst statt, als der Name Zeiss Ikon aus der DDR-Photoindustrie vollständig getilgt worden war.


Neben dem drohenden Verlust an der Verfügungsgewalt über die Patente mag aber auch eine Rolle gespielt haben, daß die Konstruktionsabteilung des VEB Zeiss Ikon in den 50er Jahren im Stehbildbereich kaum noch verwertbare Entwicklungen hervorbringen konnte. Völlig überambitionierte Projekte wie die "Pentax" und die "Pentaplast" waren schlichtweg am Markt vorbeientwickelt worden und hatte mit den oben ausführlich beschriebenen Forderungen an die Befriedigung des Massenbedarfs an Konsumgüterprodukten im Neuen Kurs nichts gemein. Und da man bei der Entwicklung des Prestor-Durchschwingverschlusses auch völliges Neuland betrat also quasi überholen wollte, ohne einholen zu müssen zogen sich die Entwicklungsarbeiten lange hin. Man hatte die Komplexität, die hinter einer so einfach ausschauenden Contaflex stand, offenbar deutlich unterschätzt.

5. Neues Dach und neues Konzept

Erst ab Frühjahr 1958 wurden die Entwicklungsarbeiten wieder aufgenommen nun unter der Ägide des VEB Kamera-Werke Niedersedlitz, dem der Stehbildsektor des zerschlagenen VEB Zeiss Ikon angegliedert worden war. Zu diesem Zeitpunkt und in diesem Betrieb muß jedoch die bisherige Konzeption einer Contaflex-ähnlichen Spiegelreflexkamera als völlig inakzeptabel erschienen sein. Schließlich waren die Spiegelreflexkameras der Kamera-Werke Niedersedlitz seit jeher für Wechselobjektive ausgelegt gewesen. Eine Beschränkung auf ein fest eingebautes Objektiv wäre demgegenüber einem unvertretbaren Rückschritt gleichgekommen. Ja, die ganze Sinnhaftigkeit des Typs der Einäugigen Spiegelreflexkamera, der durch das vollständig mit der späteren Aufnahme übereinstimmende Sucherbild wie kein zweiter Kameratyp für Wechselobjektive geeignet war, wurde durch ein fest eingebautes Objektiv regelrecht ad absurdum geführt. In Stuttgart und Oberkochen versuchte man damals, dieses Dilemma mit dem Rückgriff auf Satzobjektive aufzulösen, indem die Frontlinse des fest eingebauten Tessars gegen riesige Vorsatzsysteme austauschbar gemacht wurde, was in einem unverhältnismäßigen optischen Aufwand ausartete und nur schwer zu vermarktende Kompromisse in Bezug auf Brennweitenbandbreite und Lichtstärke nach sich zog.

Pentina Schnittzeichnung

Vor diesem Hintergrund wurde nun in Dresden die Konzeption des gesamten Projektes über den Haufen geworfen: Nicht mehr die Contaflex der Zeiss Ikon AG, sondern die Bessamatic von Voigtländer in Braunschweig wurde nun zum Vorbild erkoren. Diese Kamera arbeitete nach einem Konzept, bei dem der Zentralverschluß zwar weiterhin fester Bestandteil des Kameragehäuses blieb (im Gegensatz zur Hasselblad 500C), bei dem die Objektive jedoch als vollständige Einheit samt Schneckengang und eigener Springblende ausgeführt waren und die daher in ihrer Gesamtheit ausgewechselt werden konnten. Mit dem Entschluß, die Pentina nach dieser Lösung umzukonzeptionieren, waren aber wesentliche bisherige Entwicklungsansätze des Prestor Zentralverschlusses, die viel Aufwand und Kopfzerbrechen gekostet haben dürften, plötzlich gegenstandslos geworden. Die wirklich ausgeklügelte Verwendbarkeit des Hilfsverschlusses als Automatische Springblende war nun völlig für die Katz, weil komplette, vor den Verschluß gesetzte Wechselobjektive nun einmal ihre eigene Blende brauchen. Und dieser, wieder vom Zentralverschluß räumlich getrennte Blendenmechanismus, mußte nun darüber hinaus auch noch über komplizierte und justierempfindliche Übertragungsmechanismen angesteuert werden. Es gehört zur Tragik der Prestor-Entwicklung, daß bei beiden Kameras, bei denen dieser Zentralverschluß fast ausschließlich in großen Stückzahlen eingesetzt wurde der Pentina und der Werra von der doppelten Verwertbarkeit des Hilfsverschlusses als Blende kein Gebrauch gemacht wurde, weil diese Kameras mit vor den Verschluß gesetzten Wechselobjektiven arbeiteten. Ja sogar für die Prakti gilt das, deren Objektiv ebenfalls eine eigene Blende besitzt, obwohl es fest eingebaut ist.

Bessamatic m

Die zu schaffende Dresdner Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera wurde Ende der 50er Jahre nach dem Vorbild der Bessamatic von Voigtländer umkonzipiert hier gezeigt in einer vereinfachten Ausführung ohne Belichtungsmesser. Eine Spiegelreflexkamera mit vollständig auswechselbaren Objektiven, aber fest in der Kamera integriertem Zentralverschluß, bezeichnet man nach diesem Muster als dem Bessamatic-Prinzip folgend. Entsprechend dieser Denkweise hätte man also in Dresden mit der Pentina wiederum ein Vorbild aus der Bundesrepublik kopiert. Das muß wohl aber nach neuen Erkenntnissen relativiert werden:

Es ist bereits bekannt gewesen, daß die Bessamatic von Walter Swarofsky konstruiert wurde und auch, daß jener zuvor aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen war. In Vergessenheit geraten war aber, daß eine derartige "Volks-Spiegelreflexkamera" auf Basis eines Zentralverschlusses offenbar nicht nur vom VEB Zeiss Ikon, sondern zuvor auch bereits vom VEB Zeiss Jena in Angriff genommen worden war. Parallel zur Werra-Sucherkamera wurde hier eine sogenannte Volks-Spiegelreflex mit Namen WERRAFLEX entwickelt. In einem Patent vom Oktober 1952 ist neben dem Werra-Chefkonstrukteur Kurt Wagner auch Walter Swarofsky als Erfinder benannt. Ein späterer Prototyp dieser Kamera belegt, daß man auch bereits vor den Zentralverschluß gesetzte Wechselobjektive vorgesehen hatte. Da die Entwicklung dieser Kamera in Jena anschließend auf Eis gelegt wurde, darf man davon ausgehen, daß Swarofsky dieses Konzept zu Voigtländer "verschleppt" hat. Damit müssen Werraflex, Bessamatic und Pentina als Teil eines deutsch-deutschen Zusammenhanges begriffen werden. Und die Ironie dabei liegt darin, daß man in der DDR am Ende das kopieren mußte, was hier zwar ursprünglich entwickelt worden war, aber letztlich erst im Westen zuende geführt wurde. Siehe dazu auch den Unterpunkt 11 auf der Seite zur Werra, wo die genannte Werraflex auch im Bilde zu sehen ist.

DD8826 Swarofsky

Diese Umstellung neuer Herstellerbetrieb und eine über den Haufen geworfene Konzeption sorgte dafür, daß nicht nur quasi von vorn begonnen werden mußte, sondern daß dieses Projekt Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera in einem unglaublichen Aufwand ausuferte. Das Fallenlassen einer Contaflex-Konzeption und dafür das Übernehmen einer anderen, einer Bessamatic-Konzeption, erforderte wieder so viel Entwicklungsaufwand, daß die Pentina erst 1960 vorgestellt konnte fast sechs Jahre nach Beginn der Arbeiten an diesem Vorhaben. Bis sie aber tatsächlich in den Geschäften auftauchte, wird mindestens noch einmal ein Jahr ins Land gegangen sein. Dieser Umstand brachte damals den jungen VEB Kamera- und Kinowerke (KKWD) in höchste Bedrängnis.


Über diese schwierigste Phase des Dresdner Kamerabaus seit dem Zweiten Weltkrieg ist bislang nur wenig publiziert worden. Weder Blumtritt noch Jehmlich sind in ihren Standardwerken näher auf diese Umbruchzeit in den späten 1950er Jahren eingegangen und das, obwohl sie als Zeitgenossen diese Phase ja selbst miterlebt hatten. Das deutete bislang für mich darauf hin, daß über die damalige Krise des Dresdner Kamerabaus seinerzeit nicht öffentlich gesprochen wurde und diese Tabuisierung auch in späterer Zeit nicht überwunden wurde.


Im Februar 2022 habe ich nun einen geheimen Lagebericht des Ministeriums für Staatssicherheit gefunden, der vom 27. Februar 1961 stammt und der einen ungeschönten Einblick in die damalige Lage liefert.

Lage im Bezirk Dresden


Als Schwerpunktbetrieb im Bezirk Dresden ist z. Zt. der VEB Kamera- und Kinowerke Dresden einzuschätzen, wo es große Schwächen in der Leitungstätigkeit, Unklarheiten über Fragen der Weltspitze und Schlamperei gibt. Bereits auf dem V. Parteitag der SED wurde das Kamera- und Kinowerk Dresden (KKWD) kritisiert, weil es mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt nicht standgehalten hat. Die seit dieser Zeit stehende Aufgabe, durch straffe Leitungstätigkeit die Stagnation im Betrieb zu überwinden, neue Geräte zu entwickeln und schnellstens in die Produktion zu überführen, die Planerfüllung zu gewährleisten und die Rekonstruktion zum Großbetrieb durchzuführen, wurden nicht gelöst. In der Abteilung Forschung und Entwicklung wurde die Kritik zwar richtig erkannt und [es gelang] einige neue Geräte (vollautomatische Kamera »Prakti«, halbautomatische Kamera »Pentina«), die Weltspitze aufweisen, zu entwickeln. Aber es ist nicht gelungen, diese und andere Geräte wie vorgesehen bereits 1960 und im I. Quartal 1961 dem Handel zur Verfügung zu stellen. Für verspätete Lieferungen dieser und anderer Geräte und für auftretende Gütemängel wurde der Betrieb im Jahre 1960 mit einer Vertragsstrafe von 105 000 DM belegt. Das Exportprogramm konnte ebenfalls nicht erfüllt werden und es besteht ein Rückstand von 940 000 DM.

 

1960 wurde die Warenproduktion mit 94,8 % und die Bruttoproduktion mit 98,5 % erfüllt. Die Planerfüllung im Januar 1961 liegt jedoch nur bei 92,6 % und nach voraussichtlicher Schätzung wird der Plan im I. Quartal mit 1,5 Mio. DM unerfüllt bleiben. Die Ursachen dafür sind die völlig ungenügende Leitungstätigkeit in diesem Werk, eine Reihe ideologischer Unklarheiten, was beim Werkleiter beginnt und sich bis hinunter zum Meister erstreckt. Es gibt kein kollektives Zusammenwirken des Werkleiters mit den Direktionsmitgliedern. Die leitenden und mittleren Wirtschaftsfunktionäre erkennen zwar selbst immer mehr, dass die ungenügende Führungstätigkeit Schuld an vielen Mißständen und Schlampereien sowie an der Nichterfüllung des Planes hat, doch tun sie selbst nicht den entscheidenden Schritt zur Veränderung und dulden weiterhin Schlampereien und Mißstände. Es gibt keine zielstrebige Zusammenarbeit der einzelnen Direktionsbereiche und Fertigungsbereiche sowie der Technologie, Forschung und Entwicklung im Betrieb. Auch die Zusammenarbeit mit den übergeordneten Organen, wie VVB und Staatliche Plankommission, ist ungenügend. Es gibt im KKWD noch keinen konkret ausgearbeiteten Struktur-, Organisations- und Funktionsplan. Z. Zt. ist die Ausschußarbeit besonders in der Vorfertigung im Ansteigen, speziell bei Teilen für neue Geräte.

 

Den leitenden und mittleren Wirtschaftsfunktionären ist der Ernst dieser Lage offensichtlich nicht bewußt und sie setzen sich nicht energisch genug durch, um die Ursachen aufzudecken und verantwortliche Mitarbeiter für diese Mängel zur Rechenschaft zu ziehen. Der Werkleiter selbst vertrat im II. Quartal 1960, als die Planrückstände zunahmen, die Meinung, dass die Planerfüllung ja erst am Jahresende abgerechnet wird. Er ließ wichtige Beschlüsse und Protokolle der VVB, der Staatlichen Plankommission und der Betriebsparteiorganisation und andere Unterlagen über Planauflage und Planerfüllung lange Zeit unbeachtet in seinem Schreibtisch liegen. Änderungen der VVB, die zum Beispiel eine Selbstkostensenkung um drei Mio. DM vorsahen, ignorierte er, weil »der Plan für 1961 vom KKWD sowieso nicht erfüllt würde«. Ideologische Unklarheiten zeigen sich auch beim Planungsleiter, der erklärte, dass kleinere Betriebe ihren Plan besser erfüllen könnten, »weil es dort keine hauptamtlichen BPO und BGL gibt«. Durch die ernsthafte Lage im VEB KKWD, die vom Werkleiter und von den leitenden Funktionären nicht richtig eingeschätzt wird, mussten sich bereits die Deutsche Notenbank einschalten. Die in gemeinsamer Besprechung mit der Deutschen Notenbank festgelegten Maßnahmen, wie Verbesserung der Leitungstätigkeit, Planaufschlüsselung, Kontrolle der Planerfüllung, Abbau der Überplanbestände und andere Probleme, wurden aber durch den Werkleiter und die Werkleitung nicht beachtet.

 

Quelle: Info Nr. 91/61, BStU, MfS, ZAIG 382, Bl. 1–19 (5. Expl.).

Dieser Lagebericht ist indirekt als eine Abrechnung mit dem alten VEB Zeiss Ikon anzusehen, denn der V. Parteitag der SED fand bereits im Sommer 1958 statt, als es den hier namentlich angeprangerten VEB Kamera- und Kinowerke noch gar nicht gab. Die Tatsache also, daß der Betrieb in einer Stagnation verharrte, dem technischen Fortschritt hinterherhinkte, keine konkurrenzfähigen Produkte am Markt hatte und den Plan nicht erfüllte, ist als das Ergebnis einer seit vielen Jahren anhaltenden "Schlamperei" zu interpretieren, die nun in den Jahren 1960/61 ihre volle Wirkung zeigte, als Kameras wie die Spiegelcontax selbst auf dem Inlandsmarkt nur noch schwer absetzbar waren.


Neben Kritik an der übergeordneten Leitungsebene wird dabei insbesondere die Abteilung Forschung und Entwicklung als verantwortlich herausgestellt also Walter Hennig. Dabei hat es für uns heute beinah etwas Komisches, daß die Neuentwicklungen Prakti und Pentina gewissermaßen als Lichtblicke gesehen wurden, an denen nur kritisiert wird, daß sie nicht rechtzeitig in die Geschäfte und den Export gelangten. Wir wissen ja, daß gerade diese beiden Kameraflops die Situation in der Folgezeit noch verschlimmerten, anstatt aus ihr herauszuhelfen.

Situation auf der Leipziger Herbstmesse 1963

 

„Erhebliche Schwierigkeiten gibt es beim Export von Kameras in das kapitalistische Ausland, da sich der Abstand zur Weltspitze ständig vergrößert. Das hat einen rapiden Preisverfall für Erzeugnisse aus der DDR zur Folge. (Der Preis der Exakta-Varex, der 1957 noch bei 100 bis 150 Dollar lag, beträgt jetzt nur noch 60 bis 65 Dollar.) Die Funktionssicherheit der Geräte ist unbefriedigend. In einer Reihe von Ländern treten zum Beispiel bei sämtlichen gelieferten Kameras mit eingebautem Belichtungsmesser Reklamationen auf.“


Quelle: 3. Bericht, Info Nr. 523/63, BStU, MfS, HV A 200, Bl. 182–187 (2. Expl.).

Das zentrale Problem lag dabei darin, daß der DDR-Kamerabau als wichtiger Garant für Devisenerlöse aus dem Exportgeschäft eingeplant war aber die jungen Kamera- und Kinowerke im Jahre 1960 dahingehend bereits fast eine Million Defizit erwirtschaftet hatten. Um es hier vorwegzunehmen: Daß diese Situation in lediglich fünf Jahren komplett gedreht werden konnte, und das MfS im Umfeld zur Frühjahrsmesse 1965 Dresden dafür kritisierte, daß man weniger Prakticas liefern könne, als von westlicher Seite geordert würden, das gelang nur dadurch, daß die alten Zöpfe aus Zeiten des VEB Zeiss Ikon nach 1960/61 ganz rasch abgeschnitten worden waren.

Einzelinformation Nr. 802/65 über den Verlauf der Leipziger Herbstmesse 1965

 

Eine Reihe von Schwierigkeiten gibt es beim Export der Kameratypen Praktica Nova B und Praktica-mat, die von der Industrie nicht entsprechend dem Absatzvertrag mit dem Außenhandel geliefert werden können. Es entsteht eine Fehlmenge von ca. 8 000 Kameras vom Typ Praktica Nova B und 1 600 Kameras Praktica-mat. Vom Außenhandel wird darauf hingewiesen, dass durch Mängel in der Ausspezifizierung der Exportpläne, insbesondere bei den AHU Stahl-Metall, Chemieausrüstungen und anderen AHU, Exportmöglichkeiten nicht genutzt werden können.

 

Quelle: BStU, MfS, HV A 213, Bl. 425–432 (5. Expl.).

Pentina E

Weiter oben ist eine Bessamatic m gezeigt, bei der der Belichtungsmesser weggelassen wurde. Man erhoffte sich wohl, mit dieser Variante Käuferkreise anzusprechen, die nicht so viel Geld hatten, sich das teure Standardmodell kaufen zu können. Eine solche Strategie, neue Käuferschichten nun gerade durch weniger Ausstattung erschließen zu wollen, war eine typisch deutsche irrige Annahme. Die Japaner brachten zu jener Zeit immer besser ausgestattete Kameras in moderner Formgestaltung und hatten damit immensen Erfolg. Um so fataler war es, daß mit der Pentina E der DDR-Kamerabau sogar diesen bundesrepublikanischen Irrweg kopierte. Diese Sparmaßnahme jedoch, ein um den Belichtungsmesser abgespecktes Modell auf den Markt zu bringen, geriet gleichsam zum Abgesang auf das Dresdner Kameraexperiment namens Pentina.


Zur oben gezeigten Kamera ist noch anzumerken, daß sie tatsächlich in die Bundesrepublik (bzw. hier Westberlin) exportiert wurde und sie zweitens eine unmattierte Bildfeldlinse hat, die sich von denjenigen der Pentina fm unterscheidet und DDR-Eigenentwicklung zu sein scheint. Das aus dem vorletzen Produktionslos stammende Objektiv bezeugt, daß es sich bei der Pentina E um späte Modelle handelt. Im Frühjahr 1964 wurde dann noch mal eine letzte Serie von 3000 Tessaren für die Pentina montiert, dann war Schluß. Seit Dezember 1959 wurden damit knapp 48.000 Normalobjektive für die Pentina produziert, wodurch sehr gut die Gesamtstückzahl dieser Kamera belegt ist.

6. Zusätzliche Patente speziell zur Pentina

Für die Pentina gibt es eine Art Grundsatzpatent, mit dem sich Walter Hennig letzten Endes das etwas seltsame Aussehen „seiner“ Kamera hat schützen lassen [Österreichische Patentschrift Nr. 217.852 vom 15. Februar 1960 bzw. Bundesgebrauchsmuster Nr. 1.815.682 vom 28. Oktober 1959]. Der Ursprung dieses Aussehens der Pentina lag dabei weniger in irgendwelchen formgestalterischen Erwägungen begründet, sondern war Folge einer bestimmten Konstruktionsidee. Als „Design der Ingenieure“ hat Claus Prochnow diesen im deutschen Kamerabau oft anzufindenden Ansatz einmal bezeichnet. Die äußere Form folgte in erster Linie den Notwendigkeiten des inneren Aufbaus. „Vieles war reine Umhüllung des für die Mechanik benötigten Raumes“ [Prochnow, Rollei Report 1, 1993, S. 197].

AU217852 Pentina Patent
AU217852 Pentina Patent

Diese Aussage Prochnows war auf die Rolleiflex gemünzt. Die Konstruktion der Pentina fand aber ziemlich genau 30 Jahre später statt. Zu jener Zeit hatte sich im Kamerabau die Einsicht durchgesetzt, eine Kamera müsse so konstruiert sein, daß sie sich gut montieren bzw. reparieren läßt. Dazu hatte man es als vorteilhaft erkannt, wenn die Kamera aus einem Innengehäuse besteht, an das alle mechanischen Bauteile nach und nach angebaut werden konnten. Dieses Innengehäuse wurde dann in ein Außengehäuse gesetzt, wie es die Exakta und die damals gerade neu herausgekommene Praktisix vormachten. Solcherlei Außengehäuse  wurden aber laut Hennigs Patentschrift als zu aufwändig in der Fertigung angesehen und kamen deshalb für eine möglichst preiswerte Amateurkamera wie die Pentina nicht infrage. Die Idee Hennigs lag daher darin, das Innengehäuse mit einfachen Blechformteilen zu verschließen und ringsum mit einem Rahmen zu umranden.

Neben dem Gesichtspunkt der erleichterten Montage einer nach dem Gebrauchsmuster 1.815.672 aufgebauten Kamera wurde gleichzeitig angestrebt, das zerklüftete Aussehen bisheriger Spiegelrefleykameras zu überwinden. Bei denen störten Rückwände und insbesondere Sucher und Belichtungsmesser das Gesamtbild der Kamera, weil sie immer wie angesetzt aussähen. Dieser zweite Gesichtspunkt wurde in einem späteren Gebrauchsmuster noch etwas präzisiert. Mit dem Integrieren des Sucherprismas, der Belichtungsmeßeinrichtung und mechanischer Bauteile innerhalb dieses Rahmens [DBGM Nr. 1.817.705 vom 26. November 1959] sollte dieser Raum sinnvoll ausgenutzt werden. Außerdem fiel mit dieser Bauweise die sehr aufwendig zu fertigende Kameradeckkappe weg. Leider stelle sich genau dies später als einer der größten Gegenargumente zur Pentina heraus: Spiegelreflexkameras ohne den typischen Sucherdom hatten es bis in die jüngste Zeit schwer, als vollwertig anerkannt zu werden.

DE1817705 Pentina

Mit dem Gebrauchsmuster 1.815.672 wollte Walter Hennig übrigens nicht nur eine glatte Oberfläche der Kamera erreichen, sondern auch eine leichte Montage. So war laut Patent ausdrücklich vorgesehen, die rahmenförmige Umrandung hauptsächlich mithilfe des Sucherschuhs und der Bodenmutter mit dem Innengehäuse zu verbinden – also wenig zusätzliche Schraubverbindungen einzusetzen. Um ehrlich zu sein: Sehr praktisch ist dieser Aufbau montagemäßig nicht gerade gewesen. Außerdem verbeulte der Rahmen aus dünnem, weichem Aluminium im Gebrauch rasch. Die ungewohnte äußerliche Form dieser Kamera wurde zwar von der Fachpresse damals wohlwollend aufgenommen – der Photoamateur, für den sie eigentlich gedacht war, sah das aber offenbar anders.

Der kaufte sich lieber die im Jahr zuvor herausgekommene Praktica IV. Beide hatten quasi denselben Prismensucher. Wollte er Farbbilder auf dem Agfacolor Umkehrfilm machen, dann beschaffte er sich zusätzlich einen Handbelichtungsmesser. Über den Wert oder Unwert fest eingebauter Belichtungsmesser gab es damals eine breite Diskussion in der »Fotografie«. Solange diese noch auf Selenzellen und stoßempfindlichen Meßwerken basierten, wurden sie eher abgelehnt. Wer trotzdem einen in die Kamera integrierten Belichtungsmesser haben wollte, für den wurde auf der Frühjahrsmesse 1960, auf der auch die Pentina herausgebracht wurde, eine Variante der Praktica IV mit einem ungekuppelten Belichtungsmesser vorgestellt. Das funktionierte genau so gut. Beziehungsweise genau so schlecht. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, daß die Pentina zwar einen mit der Zeit- und Blendeneinstellung gekuppelten Nachführ-Belichtungsmesser zu bieten hatte, dieser aber nur auf der Kameraoberseite abgelesen werden konnte. Damit war jedoch der ganze Sinn der Belichtungshalbautomatik zunichte gemacht, für die es nun einmal notwendig gewesen wäre, Meßnadel und Nachführzeiger ins Sucherbild einzuspiegeln, um nämlich nach dem Abgleich sofort auslösen zu können. So mußte die Pentina für die Belichtungsmessung stets vom Auge genommen werden, was doch am Ende aufs gleiche hinauslief, wie die infragekommenden Zeit-Blenden-Kombinationen vom ungekuppelten Belichtungsmesser der Praktica IVB abzulesen.


Diese unverzeihliche Kalamität hatte ich bislang für die Folge einer vollkommen inkonsequenten Konstruktionstätigkeit gehalten. Mittlerweile habe ich allerdings ein DDR Patent Nr. 24.511 vom 17. März 1959 gefunden, das aufzeigt, daß es nicht an der Konstruktion, sondern der Umsetzung mangelte. Hans-Joachim Daeche (von dem weiter unten noch die Rede sein wird) und Herbert Ziegler (bekannt vom Pentaplast-Projekt) hatten nämlich durchaus eine patentfähige Lösung erarbeitet, wie der Meßwerkzeiger eingespiegelt werden könnte. Die Zeichnungen aus dem Schutzrecht lassen erkennen, daß es sich um eine sehr geschickte  Ausführung gehandelt hätte, die ohne großen zusätzlichen Raumbedarf umsetzbar gewesen wäre.

Fragt sich also, weshalb letztlich eine Verwirklichung unterblieb. Überhaupt fällt ja auf, wie spät alle direkt zur Pentina gehörenden Patente angemeldet wurden manche gar erst kurz vor der bevorstehenden Frühjahrsmesse. Das alles deutet auf große Eile hin und auf einen gewissen Druck, doch endlich mit marktreifen Produkten herauszukommen. Man muß also schlußfolgern, daß Entwicklungen, die vielleicht noch nicht fertig waren, einfach nicht umgesetzt wurden. Oder sie wurden weggelassen, um die Kamera schlichtweg nicht noch weiter zu verkomplizieren. Heraus kam dann eine Kamera, die man objektiv betrachtet als ein halbfertiges Produkt bezeichnen muß. Und das war angesichts des bis hier hin veranstalteten Aufwandes einfach unverzeihlich.

Denn ich denke, ich habe oben ausreichend geschildert, welches Jammertal der Dresdner Kamerabau durchschreiten mußte, um endlich den komplexen Prestor Zentralverschluß fertigungsreif zu bekommen. Und nun baute man in diese komplizierte Kamera einen an Primitivität kaum zu überbietenden Belichtungsmesser ein, der lediglich aus der Reihenschaltung einer Selenzelle mit einem Mikroamperemeter bestand. Da hatten ja die auf derselben Messe vorgestellten Sucherkameras  Penti II und Werra V mehr zu bieten, denn bei ihnen war der Nachführzeiger im Sucher sichtbar. Bei der Werra wurde überdies sogar die gewählte Zeit-Blenden-Kombination klar und deutlich eingespiegelt. Das würde ja bedeuten, man hätte bei der großen, ehrwürdigen Zeiss Ikon in Dresden jahrelang an etwas herumkonstruiert, nur um jetzt feststellen zu müssen, daß man letzten Endes von einem kleinen, erst vor ein paar Jahren aus dem Boden gestampften Werk im thüringischen Eisfeld überholt worden war.


 

Mit Werra und Penti gemein hatte die Pentina wenigstens die moderne glattflächige Gestaltung des Kameragehäuses, die damals einen neuen Trend im Kamerabau einleiteten. So wenig wie möglich Zerklüftung und hervorspringende Teile. Um dies auch für die Pentina zu erreichen, wurde der Schnellschalthebel links neben dem Sucherprisma unter den beschriebenen Rahmen ins Gehäuse integriert, sodaß nur das Griffstück herausschaute. So etwas hat man sich sogar noch in einem bundesrepublikanischen Gebrauchsmuster Nr. 1.814.619 vom 10. Oktober 1959 schützen lassen.

DBGM 1.814.619

Neben dem angesprochenen Grundsatzpatent Walter Hennigs, das gewissermaßen den äußeren Aufbau der Pentina vorbestimmte, gibt es noch ein zweites solches von Hans-Joachim Daeche [Nr. DD48.510 vom 26. Februar 1960]. Diesem Ingenieur kam nun offenbar die wenig beneidenswerte Aufgabe zu, den vor Jahren gehegten Traum von der Zentralverschlußreflexkamera endlich in die nüchterne Realität umzusetzen. Sachlicher ausgedrückt hatte er das Problem zu lösen, den Zentralverschluß mit der übrigen Kameramechanik zu kuppeln. Daeche hatte sich dazu ein Kurbelgetriebe ausgedacht, das direkt mit der Welle verbunden war, auf der die Aufwickelspule saß.

DD48.510

Wie man anhand der Patentzeichnung erkennen kann, wurde mit dieser Kurbel ein Hebel (Schwinge) verschwenkt, der den Verschluß spannte und am Ende des Spannvorganges die Sektoren in die Öffnungsposition brachte. Gleichzeitig sorgte das zwischenliegende Koppelgestänge dafür, daß der Spiegel in die Betrachtungsposition gebracht wurde. Das war geschickt gelöst, weil zum einen keine aufwändig herzustellenden Zahnradgetriebe notwendig waren und andererseits die Betätigungsorgane am Ende des Spannvorganges vollständig wegschwenkten und daher Spiegel und Verschluß ohne jegliche Hemmung eines Getriebes ablaufen konnten. Weil der Spannweg des Verschlusses sehr genau einjustiert werden mußte, hatte Daeche eine Abgleichmöglichkeit mittels eines exzentrischen Lagers vorgesehen, auf das man noch bis spät im Montageprozeß bequemen Zugang hatte.

DD48.510

Das war also alles bemerkenswert übersichtlich aufgebaut (vor allem im direkten Vergleich zu den westdeutschen Zentralverschluß - Reflexkameras mit ihren vielen Getriebeteilen). Trotzdem darf das nicht hinwegtäuschen, wie aufwändig all diese Hebelübertragungen insgesamt ausfielen. Spannen des Verschlusses und Öffnen der Sektoren für die Sucherbetrachtung, Rückführung des Spiegels und einer zusätzlichen Lichtschutzklappe aus dem Bodenraum der Kamera, Öffnen der Springblende und nicht zuletzt das Öffnen eines zusätzlichen Okularverschlusses gegen Lichteinfall während der Spiegelbewegung – all diese Bewegungsvorgänge mußten aus dem Spannvorgang hergeleitet werden. Verglichen mit einer Praktica bedeutete dies eine deutliche Verkomplizierung des Kameramechanismus. Auch darf nicht verschwiegen werden, daß diese ganzen Baugruppen ziemlich viel Platz beanspruchten. Die Pentina war zwar gegenüber der Schlitzverschlußkamera schmaler, dafür wuchs sie disproportional in die Höhe, was sicherlich zu ihrem von vielen als wenig harmonisch empfundenen Äußeren beitrug.

Ein Beispiel dafür, wie komplex eine Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera am Ende wirklich wird, wenn sie vollständig durchgearbeitet wurde, ist dieser Okular-Hilfsverschluß. Dieser ist notwendig, weil der Zentralverschluß einer solchen Kamera vor dem Spiegel placiert ist und nicht dahinter, wie bei einer Schlitzverschlußkamera. Das führt zu dem Problem, daß es in der kurzen Phase, wenn der Spiegel nach oben klappt, zu Lichteinfall über das Okular kommen kann. Deshalb mußte parallel mit dem Beenden der Betrachtungsstellung der Sektoren des Zentralverschlusses auch der Lichtpfad über das Okular abgeschnitten werden, weil der nach oben gehende Spiegel sofort seine Funktion als Hilfsverschluß einbüßte und der Film damit offen für Lichteinfall da lag. An diesem Beispiel erkennt man gut, was ich damit meine, wenn ich behaupte, wie sehr man 1954 die Komplexität einer so einfach anmutenden Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera unterschätzt hatte.

Freilich waren bei der Praktica statt einfach herzustellender Hebel und Kurbeln etliche Getriebeteile notwendig. Die müssen aber als geradezu grobschlächtig bezeichnet werden, wenn man sie mit der Präzision vergleicht, die der Verschluß der Pentina verlangte. Es hatte sich gezeigt, daß der Durchschwingverschluß mit seinen rotierenden Lamellen zwar einen Ansatz bot, einen Hochleistungsverschluß auf dem Niveau des Compur herausbringen zu können, ohne die Schutzrechte des letzteren zu verletzen, aber der Entwicklungsaufwand war erstens enorm und zweitens wurde im Falle der für die Pentina entwickelten Variante auch nur eine kürzeste Verschlußzeit von einer 1/500 Sekunde erreicht. Das eigentliche Ansinnen, generell die 1/1000 Sekunde mit diesem aufwendig konstruierten Zentralverschluß einführen zu können, muß letztlich als gescheitert angesehen werden. Die internationale Spitzenposition und die sich daraus ergebenden Exportchancen, die einen solchen Entwicklungsaufwand gerechtfertigt hätten, konnten somit nicht verwirklicht werden.

Prestor Pentina

Oben ist der Prestor 00 weit Reflex gezeigt, wie er in der Pentina verbaut wurde. Gegenüber dem "Standardmodell" handelt es sich quasi um eine komplette Neuentwicklung, auch wenn das Prestor-Grundprinzip sowie seine Grundkomponenten zur Verschlußzeitsteuerung übernommen wurden. Rechts sind die charakteristischen Sektoren des Durchschwingverschlusses zu erkennen. Die Besonderheit liegt aber darin, daß beim Reflex-Prestor die Sektoren nicht fest im Verschluß gelagert waren, sondern auf einem drehbaren Ring. Auf diese Weise wurde (nach westdeutschem Vorbild) die zusätzliche Öffnungsfunktion der Sektoren ermöglicht. Bei einer Einäugigen Reflexkamera muß der Zentralverschluß ja nach dem Spannen erst einmal geöffnet sein, um überhaupt das Sucherbild betrachten zu können. Nach dem Auslösen der Kamera muß diese "Betrachtungsposition" dann aber rasch verlassen und der Verschluß geschlossen werden, bevor letztlich seine Belichtungszeit ablaufen kann. Um diese Öffnung der Verschlußsektoren bei gespanntem Verschluß zu ermöglichen, wurden einfach ihre Lagerzapfen verschoben, während der unter großer Federspannung stehende sogenannte Sektorentreibring nicht bewegt zu werden brauchte.


Mit dieser Öffnungsfunktion für die Reflexanwendung begann übrigens am 2. November 1954 der Aufbau des Patentschutzes zum Reflex-Prestor [Nr. DE 1.138.621], was heute Rückschlüsse auf die Priorität einer solchen DDR-Contaflex zuläßt. Der letztlich in der Pentina verwirklichte Prestor kam jedoch völlig ohne jene Springblende aus, die Rolf Noack bereits anderthalb Monate zuvor angemeldet hatte [DBP Nr. 1.103.753 vom 14. September 1954]. Auch ein Hilfsverschluß wird bei der Reflexkamera nicht gebraucht, weshalb die gesamten dafür nötigen Bauteile einfach fortgelassen werden konnten. Weil dadurch aber auch die Abbremsung des Sektorrentreibringes am Ende seines Ablaufes wegfiel (quasi als dritte Funktion des Hilfsverschlusses), mußte dafür eine gesonderte Lösung gefunden werden (siehe weiter unten).

Bleibt nur noch ein Gebrauchsmuster zu nennen, das speziell für die Pentina im Prestor angewandt worden ist. Es handelt sich um eine Dämpfungseinrichtung für den Sektorentreibring [DBGM Nr. 1.748.055 vom 29. Oktober 1956]. Das besondere am Durchschwingverschluß ist ja, daß keine Bewegungsumkehr stattfindet, sondern der Sektorentreibring bei kurzen Verschlußzeiten ohne Zwischenstopp durchläuft. Auch fehlt beim Reflex-Prestor die Dämpfungswirkung, die Noack quasi als dritte Funktion des Hilfsverschlusses vorgesehen hatte [DBP Nr. 1.103.753 vom 14. September 1954]. Dies sorgte dafür, daß der gesamte Antrieb der Verschlußsektoren vor allem bei der kürzesten Verschlußzeit sehr hohe Geschwindigkeiten erreichen konnte (die ja prinzipiell erwünscht sind). Würde man nun den Sektorentreibring am Ende seiner Bewegung auf einen harten Anschlag auflaufen lassen, wären schon nach kurzer Zeit Materialbeschädigungen die Folge. Also hatte man sich eine Dämpfungseinrichtung aus Gummi ausgedacht, die äußerlich von Metall umgeben war. Genau die Ausführung, wie sie das Gebrauchsmuster zeigt, ist auch später so im Prestor Reflex umgesetzt worden.

DBGM 1.748.055

Und zu genau diesem Gebrauchsmuster kann ich noch eine Begebenheit liefern, die noch einmal die Endphase der Konstruktionsabteilung des VEB Zeiss Ikon dokumentiert sowie die darauffolgende Zeit des organisatorischen Durcheinanders. Angemeldet wurde das besagte Gebrauchsmuster mit einem Brief, den der VEB Zeiss Ikon am 24. Oktober 1956 an das Münchner Patentamt verschickt hatte. Am 16. April 1958 wurde dieses Schutzrecht auf den VEB Kinowerke umgeschrieben. Am 14. September 1958 erfolgte alsdann eine weitere Umschreibung auf den VEB Kamera-Werke Niedersedlitz, die aber auch nur bis zum 25. April 1959 ihre Gültigkeit hatte, weil dann das Schutzrecht letztlich auf den VEB Feinmeß überging. Wieso NACH Gründung der Kamera- und Kinowerke, die man schließlich als letzten Schritt zur Tilgung aller Vorkriegs-Markenrechte ansehen könnte, NOCH EINMAL eine Umschreibung auf den VEB Feinmeß erfolgte, scheint mir schleierhaft. Aber das Ganze ist ein beredtes Zeugnis für die andauernde Angst des Dresdner Kamerabaus um die Verfügungsgewalt über die eigenen Schutzrechte.

Einiges vom Debakel mit der Pentina läßt sich schon daran ablesen, daß diese Kamera zuerst zu einem Preis von unglaublichen 790,- Mark herausgebracht worden ist. Zum Vergleich: Die damalige internationale Spitzenkamera Praktisix kostete mit dem Primotar "nur"  766,- Mark. Nachdem die Produktion der Pentina eingestellt worden war, wurden die Lagerbestände zu reduzierten Preisen verkauft, bei dem das oben gezeigte Spitzenmodell "FM" nun noch 640,- Mark kostete. Gegenüber den 407,- Mark der Praktica IV mit dem gleichen Tessar 2,8/50 war das für den Amateur allerdings immernoch unattraktiv. Neben der Prakti ist die Pentina daher diejenige Kamera, für die Anfang der 60er Jahre im Amateurblatt FOTOKINO-magazin am intensivsten geworben worden ist.

In der Bundesrepublik wurde die Pentina 1963 für 429,- DM angeboten, das Modell FM für 475,- DM. Angesichts der konkurrierenden Zentralverschluß-Spiegelreflexkameras von Kodak, Voigtländer, Carl Braun, Zeiss Ikon usw., die ja auch bereits ihren Zenit überschritten hatten, war diese DDR Kamera quasi unverkäuflich. Ihre gewöhnungsbedürftige Anmutung, die den Eindruck erweckt, man habe es eher mit einem Transistorradio zu tun, dürfte dabei ihr Übriges beigetragen haben.


Die untenstehende Annonce läßt uns heute wissen, daß die Pentina ursprünglich sogar in den US-amerikanischen Markt eingeführt werden sollte und daß dazu eigens eine "Pentina Camera Co. Inc." gegründet worden war. Aus der Tatsache jedoch, daß diese Kamera heute in Übersee quasi unbekannt ist, läßt sich der seinerzeitige Erfolg dieses Ansinnens abschätzen.

Pentina Reklame USA

Das ist das Spitzenmodell der Pentina-Reihe. Ich kann es nicht direkt nachweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß es sich bei der hier verbauten bildaufhellenden (und im übrigen völlig unmattierten) Fresnel-Bildfeldlinse mit Meßkeilpaar um dieselbe Scheibe handelt, die auch in der westdeutschen Contaflex Verwendung fand. Offensichtlich hat man diese Scheibe importiert, um die Pentina konkurrenzfähig zu halten.


Man sieht an dieser Kamera auch das wunderbare Cardinar 2,8/85mm, das vonseiten Carl Zeiss Jenas extra für diese Pentina geschaffen worden war. Das war übrigens nicht gerade einfach. Der enge Zentralverschluß verlangte nach neuen Konstruktionsmethoden und dem Einsatz teurer Glassorten. Dieser Aufwand war für den Herstellerbetrieb aber eine Fehlinvestition. Nur etwa 3000 Stück ließen sich verkaufen, weil die Pentina leider zum Flop wurde. Selbiges galt auch für das Domigor 4/135mm, das in Görlitz extra für diese Kamera geschaffen worden war. Auch hier war der Materialaufwand hoch; für den dicken zerstreuenden Meniskus in der Mitte des Objektivs wurde das teure Schwerkron SK 24 eingesetzt, was in Görlitzer Objektiven sonst eher ungewöhnlich war. Allein das ebenfalls für diese Kamera geschaffene Domigon bzw. Lydith 3,5/30mm wurde später auch in Fassungen für andere Kameras weitergenutzt und bis zum Ende der 80er Jahre in sehr großen Stückzahlen hergestellt.

Unten ein Beispiel, wie die Pentina damals in der Amateur-Fachpresse der DDR vorgestellt wurde. Wie bei der Prakti war man um Vorschußlorbeeren kaum verlegen. Journalistische Distanz oder gar kritisches Hinterfragen von technischer Konzeption und äußerer Gestaltung sucht man meist vergeblich. Und da eine freie Presse als gesellschaftliches Korrektiv ausfiel, wurden natürlich auch Mißerfolge und Rückschläge anschließend nicht offen diskutiert. Zu oft hatte sich in den 60er Jahren das von der Welt abgeschottete Land das Weltniveau als Selbstzeugnis ausgestellt. Später verstummte die Presse angesichts der Realitäten in dieser Hinsicht immer mehr. Fast ein Gleichnis für die Entwicklung in der DDR insgesamt.

7. Die Pentina im praktischen Gebrauch

Und wie macht sich diese 60 Jahre alte Kamera-Konstruktion, wenn man sie heutzutage noch einmal zum Einsatz bringen möchte? Um es vorwegzunehmen: Es ist genau so schrecklich, wie ich es oben bereits geschrieben habe. Und damit meine ich gar nicht die vielen kleinen Hürden, die man bei solch alten Kameras ohnehin beachten muß. Zum Beispiel, daß man nicht vergessen darf, das Bildzählwerk einzustellen, weil es nicht von selbst zurückspringt (was bei der Pentina nach Schließen der Rückwand auch nicht mehr korrigierbar ist). Oder daß man generell mit Selenzellen-Belichtungsmessern umgehen können muß. Dazu gehört vor allem, daß der Belichtungsmesser aufgrund des ungünstig großen Meßwinkels immer etwas gegen den Boden geneigt werden muß, um nicht in den Einfluß des verfälschenden Himmelslichtes zu geraten. Bei schwierigen Kontrastverhältnissen kommt man um eine Nahmessung kaum umhin, was bei Portraits zeitraubend und unangenehm ist.

Sucherbild Bessamatic de Luxe

Nein, mir geht es um etwas ganz anderes. Die Pentina muß sich nun einmal mit dem Stand der damaligen Technik messen lassen. Das oben gezeigte Sucherbild der Bessamatic zeigt schon deutlich auf, worin dabei das Problem lag: Bei der Pentina stört einfach ungemein, daß der Belichtungsmesser nicht im Sucher abgeglichen werden kann. Es nervt, die Kamera immer wieder vom Auge absetzen zu müssen und so zu halten, daß man von oben auf die Meßanzeigen schauen kann. Dynamisches Photographieren und schnelles Reagieren auf Motivänderungen sind auf diese Weise kaum möglich. Dabei läßt sich im Grunde genommen mit dem Blendensteller am Objektiv der Pentina viel angenehmer arbeiten, als mit dem Nachführknopf auf der linken Oberseite der Bessamatic. Man wählt quasi stets mit dem Zeitsteller eine passende Verschlußzeit nach Erfahrungswert vor und braucht mit dem Blendensteller nur noch den zugehörigen Öffnungswert nachführen, indem man beide Zeiger zur Deckung bringt. Wie rasch und unkompliziert würde dieser Vorgang vonstatten gehen, wenn man ihn im Gleichklang mit dem Scharfstellen anhand einer Sucheranzeige vornehmen könnte. Dann wäre es freilich auch angenehm, wenn man den gewählten Zeit- und Blendenwert ebenfalls im Sucher ablesen könnte, wie dies eine verbesserte Bessamatic ab etwa 1962 möglich machte. Mit der generellen Außenablesung haben sich die Kamera- und Kinowerke diesen technischen Aufwand freilich von vornherein erfolgreich vom Leibe halten können.


Photographieren mit der Pentina ist also ziemlich behäbig. Der gesamte Wert ihrer Belichtungsautomatik ist durch diese konstruktive Nachlässigkeit fatal geschmälert. Dabei muß man sich noch einmal vor Augen führen, was für ein Aufwand betrieben worden war, um überhaupt diese Automatik zu verwirklichen. Weshalb in der Pentina überhaupt ein Zentralverschluß eingesetzt wurde, hat ja im Wesentlichen damit zu tun, um die sogenannte Lichtwertkupplung zu ermöglichen. Das heißt, daß Zeit und Blendenwert auf ihren jeweiligen Einstellringen mit genau denselben Abstufungen gegenüberstehen und gemeinsam so verstellt werden können, daß man die Kombinationen von Zeit und Blende verschieben kann, ohne den Belichtungswert zu ändern. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen (zum Beispiel der Contarex der Zeiss Ikon AG, Stuttgart) war diese Kreuzkupplung des Belichtungsmessers mit der Blendeneinstellung und der Verschlußzeit bei Schlitzverschlußkameras damals noch unüblich. Mit ihrer Außenablesung führte die Pentina aber die wertvollen Vorteile eines solchen Lichtwertverschlusses nicht konsequent zuende.


Zur Ehrenrettung der Kamera- und Kinowerke sei aber hier noch einmal gesagt, daß es nur fünf Jahre dauern sollte, bis mit der PRAKTICAmat alle oben genannten Inkonsequenzen überwunden waren. Diese Spiegelreflexamera hatte nämlich nicht nur eine Innenlichtmessung, sondern dieselbe war nun auch mit der Zeit- und Blendeneinstellung gekuppelt und im Sucher ablesbar. Dafür mußte freilich der Schlitzverschluß der bisherigen Praktica so umgebaut werden, daß seine Zeitsteuerung eine lückenlose, geometrisch gestaffelte Zeitenreihe ermöglichte. Mit diesem Schritt betrat der Dresdner Kamerabau ein neues Zeitalter.


Aber natürlich will ich hier die Pentina nicht in Bausch und Bogen verdammen. Wenn man eine ergattert hat, die wirklich noch funktioniert (!), dann lassen sich mit ihr ganz außergewöhnlich hochwertige Aufnahmen anfertigen. Denn schließlich macht das Objektiv das Bild. Und was das angeht, sind die vier Objektive der Pentina über jeden Zweifel erhaben. Man kann diesen Gesichtspunkt sogar herumdrehen und sagen: Insbesondere das Lydith 3,5/30 und das Cardinar 2,8/85 sind ein regelrechtes Argument FÜR die Pentina. Erstens sind das meiner Ansicht nach genau die Brennweiten, die man im Photoalltag am meisten benötigt. Zweitens handelt es sich bei beiden um völlig unterschätzte Hochleistungsobjektive.

Lydth 3,5/30 Pentina

Die Aufnahme oben und unten wurden mit dem Lydith angefertigt. Daß es sich bei diesem Weitwinkel trotz seines niedrigen Preises um ein Qualitätsobjektiv handelt, dürfte sich bereits herumgesprochen haben. Allerdings steht es nur für die Pentina mit einer Automatischen Springblende zur Verfügung, bei der das Sucherbild bis zum Auslösen hell bleibt.

Lydith 3,5/30 Pentina
Cardinar 2,8/85 Pentina

Weitgehend unbekannt ist hingegen das Cardinar 2,8/85mm, weil es nur für die Pentina geschaffen wurde und durch den fehlenden Blendenring an keine andere Kamera paßt. Es ist ein vollwertiges Portraitobjektiv, weil es sich ohne Vignettierungsgefahr bist auf einen Meter Entfernung fokussieren läßt. Die günstige Brennweite lädt auch zur Schnappschüssen ein (Bild oben und unten).

Cardinar 2,8/85 Pentina
Domigor 4/135 Pentina

Oben ist noch beispielhaft eine Teleaufnahme mit dem Domigor 4/135mm bei voller Öffnung der Blende gezeigt. Trotz allen optischen Aufwandes sieht man deutlich eine gewisse Vignettierung bei offener Blende. Diese Schwierigkeiten waren wohl auch der Grund dafür, weshalb die Konstruktion noch längerer Brennweiten für dieses Kamerasystem abgebrochen wurde.


Um die Objektivreihe der Pentina zu komplettieren unten noch eine Nahaufnahme mit dem Normalobjektiv Tessar 2,8/50 bei Blende 4. Hier war der kürzest mögliche Aufnahmeabstand von 50 cm Entfernung eingestellt. Stärkere Vergrößerungen, die bei der Praktica beispielsweise durch einen billigen Zwischenringsatz erzielt werden konnten, waren mit der Pentina aufgrund des engen Durchlasses des Zentralverschlusses prinzipiell nicht möglich. Davon abgesehen überzeugt das einfach aufgebaute Tessar sowohl im Nah- wie im Fernbereich durch seine überraschend scharfen, kontrastreichen Aufnahmen.

Tessar 2,8/50 Pentina

Überhaupt sind die Bildergebnisse, die diese Kamera trotz ihrer umständlichen Bedienung abliefert, absolut zurfriedenstellend. Das Fazit zur Pentina könnte somit lauten: Eine etwas zweifelhafte Kamera mit einer über alle Zweifel erhabenen Objektivbestückung.


Bleibt zum Abschluß noch anzumerken, daß man durchaus auffällt, wenn man mit dieser Kamera in der Großstadt unterwegs ist. Kommentare wie "nice camera you have there" waren öfters zu hören. Ja, es ist doch bereits beruhigend, wenn die Pentina selbst von jungen Leuten überhaupt als Kamera erkannt wird. Dabei scheinen sich auch geschmackliche Vorbehalte was das äußere Erscheinungsbild einer Spiegelreflexkamera anbetrifft in den letzten sechs Jahrzehnten deutlich entspannt zu haben. Die Winkelzüge des ästhetischen Empfindens sind eben unergründlich...

Werbung Prakti und Pentina 1963

Nachdem sich die Pentina und die Prakti als regelrechte Flops in Bezug auf den Westexport erwiesen hatten, fiel nun offenbar dem DDR-Binnenhandel die Aufgabe zu, größere Mengen dieser Kameras über die inländischen Verkaufsstellen "loszuwerden". Aus verschiedenen Indizien läßt sich schließen, daß die für den DDR-Amateurmarkt völlig überteuerten Kameras regelrecht den Photohandel überschwemmten und wie Blei in den Läden lagen, weshalb für diese beiden Gerätschaften außergwöhnlich intensiv Reklame gemacht wurde. So auch in diesem Prospekt "Urlaub, Reise und was dazugehört" aus dem Jahre 1963, der Dinge anpries, die seiner Suggestion nach "zu einem unbeschwerten Urlaub gehören".

Marco Kröger


letzte Aktualisierung: 16. Mai 2022