Pentina

Pentina

Als schwarzes Schaf des Dresdner Kamerabaus muß man diese Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera wohl bezeichnen. Untypisch in der äußeren Form und noch untypischer im technischen Grundaufbau, ist sie gleichsam ein typisches und auch ganz besonders eindrückliches Zeugnis für die konzeptionelle Richtungssuche und den sich daraus ergebenden Irrwegen, die in den 1950er Jahren den VEB Zeiss Ikon belastet haben.

Pentina braune Belederung

Man kann die Pentina aus heutiger Sicht auch aus einem wohlwollenden Blickwinkel heraus betrachten und sie einfach als ein großes Experimentierfeld der damaligen Industrie in technischer wie in formgestalterischer Hinsicht begreifen. Dafür ist auch diese gold-eloxierte Variante mit brauner Belederung ein Beispiel. Wer jedoch historisch denkt, der kann freilich nicht die enorme Belastung für die frisch geformte vereinigte Kamerabauindustrie außer Acht lassen, die der konstruktive wie kommerzielle Fehlschlag dieser Pentina mit sich brachte.


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Denn auf Richtungssuche war diese große Kameraubauanstalt schon seit ihrer Gründung Ende der 20er Jahre. Um seine Vormachtstellung im Photoobjektivbau auszuweiten, hatte Carl Zeiss Jena die kriselnde Situation bei den Kamerherstellern seinerzeit dazu genutzt, diesen Sektor durch Übernahmen weitgreifend zu monopolisieren. Vor allem die Eingliederung der damals sehr bedeutenden Ernemann-Werke war ein wichtiger Schachzug, weil der Zeisskonzern einerseits einen Fuß in die Tür des Kinogerätebaus bringen konnte und gleichzeitig die sich ernsthaft abzeichnende Konkurrenz des Ernemann'schen Objektivbaus unschädlich gemacht werden konnte. Alles andere als einfach gestaltete sich aber, aus diesen Zusammenkäufen von Einzelfirmen einen einheitlichen Photogerätebau zu formen. Schaut man sich die Zeiss-Ikon-Kataloge jener Frühzeit an, so erkennt man bei von Jahr zu Jahr fortschreitender Ausdünnung , daß erst einmal die Kameras der Vorgängerfirmen weitergebaut wurden. Das führte zu einer Unzahl an Variationen desselben Kameratyps; vor allem bei 9x12 Laufboden- und Rollfilm-Faltkameras. In dieser Zeit aber, da sich das riesige Konglomerat Zeiss Ikon erst einmal konsolidieren mußte, drängten andere Firmen mit neuartigen Kamerakonstruktionen auf den Markt, die die Photographie grundlegend verändern sollten: Leica, Rolleiflex und Exakta. In dieser Reihenfolge. All diese neuen Entwicklungspfade Kleinbildsucherkamera mit Entfernungsmesser, Zweiäugige Spiegelreflexkamera und die Einäugige Reflexkamera moderner Bauart waren also von anderen Firmen ausgegangen und die Zeiss Ikon AG sah sich gezwungen, diesem Trend durch Neuentwicklungen nachzueilen. Interessant für an Kameratechnik Interessierte ist nun, daß entweder sehr aufwendige Konstruktionen verwirklicht werden mußten, um die Lösungen der Konkurrenz nicht zu plagiieren (z.B. der Verschluß der Contax I), oder daß in anderen Typenbereichen überhaupt nicht mit einem eigenen Modell reagiert werden konnte.


Besonders auffällig und wichtig in Bezug auf die weitere Geschichte der gesamten Dresdner Kamerabauindustrie ist das Auslassen einer eigenen Einäugigen Spiegelreflexkamera für Roll- oder Kleinbildfilm durch die Zeiss Ikon AG. Meiner These nach lag das durchaus an dem weitgreifenden Patentschutz, den sich Karl Nüchterlein für seine Standard- und Kiné-Exakta seit 1933 hatte sichern können. Die Strategie, dieser Situation mit einer ambitionierten ZWEIÄUGIGEN Kleinbildspielegreflex (Contaflex, 1935) zu entgegnen, hat sich jedenfalls als völliger Fehlschlag herausgestellt. Insbesondere als ein Jahr später die Kleinbild-Exakta auf dem Markt erschien. Historisch gesehen hat sich dieser Exakta-Typus als dermaßen essentiell herausgestellt, daß es aus Sicht der Zeiss Ikon AG eine große Nachlässigkeit bedeutete, diesen kleinen Konkurrenzbetrieb so emporkommen zu lassen (mitsamt der konkurrierenden Objektivbauanstalten).


Erst während des Zweiten Weltkrieges wurde ernsthaft an einer vergleichbaren Kamera gearbeitet ("Syntax"). Möglicherweise immernoch aus patentrechlichen Gründen versuchte man auch hier, den über die kurze Bildfensterseite ablaufenden Zweiwellen-Metallrolloverschluß der Contax Meßsucherkamera in diese Kamera einzubauen mit all den technischen Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben hätten. Ob diese Konstruktionsarbeiten nicht in eine weitere Sackgasse geführt hätten, hat sich nie erweisen müssen, denn sämtliche Arbeiten dazu sind im Februar 1945 verbrannt.


Daß bei Zeiss Ikon einer Einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera größte Priorität eingeräumt wurde, läßt sich daran ablesen, daß unmittelbar nach dem Kriege die Konstruktionsarbeiten zu einer solchen Kamera sogleich wieder aufgenommen wurden. Allerdings wurde von Null auf neu angefangen. Außer dem Umkehrprisma wurde nichts übernommen. Die unter der Leitung Wilhelm Winzenburgs entwickelte Kamera arbeitete nun mit einem horizontal ablaufenden Schlitzverschluß wie bei der Exakta. Er war zwar wesentlich moderner konzipiert und aufwendig angesteuert, verursachte aber immense Probleme und mußte nach kurzer Zeit grundlegend überarbeitet werden. Mit nicht serienreifen Kameras hatte man offenbar devisenträchtige Importeure in den USA vergrault, der Wert der Spiegelcontax brach zusehends ein und die anfänglichen Probleme brachten ihr nachhaltig eine Reputation als unzuverlässige Kamera ein, die sich bis heute gehalten hat. Dem steht freilich entgegen, daß die überarbeitete Kamera zehn Jahre lang gefertigt und in etwa 200.000 Exemplaren verkauft werden konnte. Die Weiterentwicklung der Contax D wurde aber in auffallender Weise sträflich vernachlässigt.

Contaflex Stuttgart

Kompakt, hochwertig verarbeitet, helles Sucherbild mit bis zur Auslösung offenbleibender Blende und trotzdem für den Amateur erschwinglich: Die Contaflex war Anfang der 50er Jahre eine neue, zeitgemäße herangehensweise an das Thema Amateur-Spiegelreflexkamera.

In der Bundesrepublik, wo eine zweite Zeiss Ikon geformt worden war, ist man interessanterweise einen anderen Weg gegangen. Man mag dort womöglich die Konstruktion eines Schlitzverschlusses und die damit in Verbindung stehenden Probleme gescheut haben. Eine viel wesentlichere Ursache dafür, daß die Contaflex der Zeiss Ikon Stuttgart einen Zentralverschluß hatte, dürfte aber darin gelegen haben, daß es in der Bundesrepublik im Gegensatz zur DDR eine führende Industrie für solcherlei Zentralverschlüsse gab und daß dieselbe schon seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg eng an den Zeisskonzern gebunden war. Und der Erfolg sprach für sich: Die Contaflex war nicht nur erfolgreich sondern auch zuverlässig. Die größten Schwierigkeiten, die eine solche Spiegelreflexkamera mit sich bringt, hatten schlichtweg die Deckel-Werke in München abgenommen, die den dazu notwendigen Zentralverschluß konstruiert hatten.


Mithilfe einer umfangreichen Auswertung der Patentüberlieferung des Dresdner Kamerabaus konnte ich nun nachweisen, daß der VEB Zeiss Ikon etwa seit Jahresmitte 1954 intensiv an der Entwicklung einer Einäugigen Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluß nach westdeutschem Vorbild arbeitete. Die dahingehenden Beweggründe interpretiere ich aus folgenden zwei Gesichtspunkten heraus: Einmal aus technischen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie die Dresdner Konstrukteure um Walter Hennig und Werner Hahn damals eine solche Contaflex auf dem Tisch gehabt haben und vom Funktionsablauf dieser kompakten Kamera fasziniert waren. Die Probleme die es immer wieder mit dem Schlitzverschluß der Spiegelcontax gab; vom Verhalten des Tuchmaterials bei tiefen Temperaturen, der Brandlochgefahr bei hochgeklapptem Spiegel und insbesondere das konstruktiv schwer beherrschbare Prellen der Vorhänge am Ende des Ablaufweges all jene Schwierigkeiten waren bei der westdeutschen Contaflex prinzipbedingt erst gar nicht vorhanden. Besonders attraktiv erachtete man sicherlich auch die Vollautomatische Springblende, die diese Kamera zum ersten Mal zu bieten hatte. Sie ermöglichte, daß das Sucherbild bis kurz vor der Aufnahme die volle Helligkeit beibehielt und man nicht händisch abblenden mußte. Und das alles in einem sehr kompakten Gehäuse. In einer gewissen Weise hatten die Stuttgarter Konstrukteure den traditionsreichen Dresdner Spiegelreflex-Kamerabau überholt, ohne ihn einholen zu müssen.


Zweitens gab es wohl auch wirtschaftspolitische Gründe für solch eine Kamera. Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatte schließlich zweierlei Ursachen: Einmal die ideologische Einmischung der SED in fast alle Lebensbereiche der Menschen und die andauernden Bevormundungen und Repressionen, die sich daraus ergaben. Auf der anderen Seite hatten sich seit der II. Parteikonferenz vom Juli 1952, auf welcher der "planmäßige Aufbau des Sozialismus" nach sowjetischem Vorbild verkündet worden war, die realen Lebensbedingungen vieler Bürger wieder verschlechtert. Dieser Aufbau des Sozialismus bedeutete quasi eine durchgehende Sowjetisierung der DDR. War deren Industrie wenige Monate zuvor noch demontert worden, sollte sie nun zum großen Rüstungslieferanten für den Ostblock ausgebaut werden. Durch den damit verbundenen massiven Ausbau der Schwerindustrie ging die Produktion von Konsumgütern nach all den Jahren des Nachkriegs-Aufbaus plötzlich wieder zurück. Das ging sogar so weit, daß sich bei der Bevölkerung trotz der ohnehin geringen Löhne das Geld anhäufte, weil es zu wenig zu kaufen gab. Daraufhin wurden im Mai 1953 die Löhne gesenkt, was aus ideologischen Gründen als eine Erhöhung der Arbeitsnormen getarnt wurde. Interessant ist aber, daß diese Verschärfungen noch durchgedrückt wurden, nachdem aus Moskau bereits Signale zur Mäßigung eingegangen waren. Aber Ulbricht, ansonsten moskauhörig wie kein zweiter, widersetzte sich diesmal. Stalin war gerade gestorben und die Nachfolge ungeklärt. Wie weit die DDR damals kurz vor dem wirtschaftlichen und innenpolitischen Kollaps stand, wird darin deutlich, daß die UdSSR Ulbricht Anfang Juni 1953 zu einem radikalen Umschwenken zwang, trotz der großen Gefahr eines völligen Autoritätsverlustes der Führung. Aber es war bereits zu spät. Die Arbeiter streikten und forderten die Absetzung der Führung. Ohne das gewaltsame Eingreifen der Besatzungsmacht wäre das SED-Regime nach einhelliger Einsicht damals gestürzt worden.


Aber paradoxerweise war es gerade dieser Volksaufstand, der Ulbricht vor seinem Sturz bewahrt hatte. Und damit blieb auch der NEUE KURS aktuell, der ja bereits am 11. Juni verlautbart, aber nicht konsequent genug umgesetzt und vermittelt worden war. Nun, nach dem Knall des 17. Juni, für dessen Zustandekommen eh ausschließlich der Westen verantwortlich gemacht wurde, konnte die 180-Grad-Wende des Neues Kurses tabulos und ausführlich erläutert werden. "Bei uns soll der Werktätige mehr essen und besser mit Konsumgütern versorgt werden als in Westdeutschland" so lautete jetzt die Devise auf einmal. Preise wurden gesenkt und mit der "Verordnung über die Erhöhung und Verbesserung der Produktion von Verbrauchsgütern für die Bevölkerung" vom 17. Dezember 1953 und dem "Milliardenprogramm" vom Mai 1954 sollte nicht nur die Menge des Warenangebots ausgebaut, sondern darüber hinaus auch ganz neue Produkte eingeführt werden. Die bekannte Kleinbildkamera WERRA ist eine Hervorbringung aus genau jener Phase.


Aus einem Artikel von Walter Kresse über die "Entwicklung der Fotoindustrie im neuen Kurs" in der Fotografie vom Juni 1954 kann man herauslesen, unter welchem politischen Druck auch der Photogerätebau als wichtiger Konsumgüterberech damals gestanden haben muß. Die umtriebigen Konstruktionstätigkeiten im VEB Zeiss Ikon ab der Jahresmitte 1954 deuten eindeutig darauf hin, daß offenbar auch von diesem Betrieb ein neues Produkt gefordert wurde: Eine massentaugliche "Volks-Spiegelreflexkamera" nämlich. Und wenn es gelänge, eine solche Kleinbild-Spiegelreflexkamera auf Basis eines Zentralverschlusses zu konstruieren, dann wäre ein gewichtiger Schritt zur Großserienproduktion getan, wie man sich damals sicherlich erhoffte. Ein Zentralverschluß ist zwar durchaus ein kompliziertes Produkt, aber wenn er in großen Stückzahlen hergestellt wird, ist er technisch beherrschbar und ökonomisch vorteilhaft. Die vielen Probleme, die ein Gummituchschlitzverschluß und seine komplizierte Antsteuerung mit sich bringen, wären auf diese Weise zu eliminieren gewesen. Wie naiv man anfänglich an diesen Ansatz heranging, einfach eine vorhandene Zentralverschlußkonstruktion durch leichte Anpassungen für die Anwendung in der Spiegelreflexkamera tauglich zu machen, läßt sich aus den ersten Patentanmeldungen zu diesem Thema ablesen. Man sieht auch, wie komplexer von Mal zu Mal die Problemstellungen in den Folgepatenten werden. Nähere technische Einzelheiten dazu finden sich im Aufsatz zu den DDR-Zentralverschlüssen unter Ergänzungspunkt 2.

Prestor Pentina

Aus dieser Patentüberlieferung ergibt sich zusammengefaßt etwa jenes Bild: Die DDR-Photoindustrie verfügte über keinerlei Herstellungstradition im Bereich hochwertiger Zentralverschlüsse. Die entsprechenden Firmen lagen in der Bundesrepublik. Wenn man in Dresden einen Zentralverschluß mindestens auf dem Niveau des Deckel'schen Compur haben wollte, dann kam man an einer kompletten Neuentwicklung nicht vorbei. Durch den umfassenden Patentschutz, der auf den herkömmlichen Zentralverschlüssen lag, besann man sich bei Zeiss Ikon auf ein anderes Verfahren, das seit Jahrzehnten ungenutzt brachlag: Das Prinzip des Durchschwingverschlusses. Hierbei führen die dünnen Bleche (sog. Sektoren) des Verschlusses keine hin- und hergehende Bewegung aus, sondern eine kontinuierliche Drehbewegung. Das ermöglicht prinzipiell kürzere Verschlußzeiten, weil die Phase der Bewegungsumkehr wegfällt. Die augenfälligste Eigenheit eines solchen Durchschwingverschlusses liegt freilich darin, daß sich der Lichtdurchlaß öffnet, wenn der Verschluß gespannt wird. Aus diesem Grunde ist ein zweites Sektorenpaket als sogenannter Hilfsverschluß nötig, der während der Spannphase Lichteinfall verhindert. Interessant ist nun, daß dieser Hilfsverschluß von Anfang an so ausgelegt wurde, daß er gleichzeitig als Blende dienen konnte ja sogar als vollautomatische Springblende. Das war genau das, was man brauchte, um eine Zentralverschlußspiegelreflexkamera vom Typ Contaflex herausbringen zu können, bei der ja das Objektiv fest eingebaut war und der Verschluß zwischen den Objektivlinsen plaziert werden konnte.


Doch dazu kam es nicht mehr. Im Herbst 1956 werden alle Arbeiten in der Entwicklungsabteilung des VEB Zeiss Ikon eingestellt und der Betrieb im Frühjahr 1957 quasi aufgelöst und die Reste zerschlagen. Es deutet vieles darauf hin, daß die Auseinandersetzung um die Marke "Zeiss Ikon" mit dem Werk in Stuttgart für diesen harten Schritt ursächlich gewesen ist. Die hastige Umschreibung von Patenten und Anmeldungen auf andere Firmen deutet daraufhin, daß der VEB Zeiss Ikon damals unter der Gefahr stand, seine Rechte an diesen Patenten an die Zeiss Ikon AG in Stuttgart zu verlieren. Vergleichbares fand später tatsächlich in Bezug auf die Ihagee tatsächlich statt. Es handelt sich zwar alles nur um Vermutungen meinerseits, aber da in der Literatur das Zerbrechen dieses einstmals wichtigsten Unternehmens im deutschen Kamerabau quasi ausgeklammert wird, habe ich bislang keiner schlüssigere Erklärung finden können. Die Zuerkennung der Schutzrechte ("Erteilung") in München fand damals jedenfalls durchweg erst statt, als der Name Zeiss Ikon aus der DDR-Photoindustrie vollständig getilgt worden war.


Neben dem drohenden Verlust an der Verfügungsgewalt über die Patente mag aber auch eine Rolle gespielt haben, daß die Konstruktionsabteilung des VEB Zeiss Ikon in den 50er Jahren im Stehbildbereich kaum noch verwertbare Entwicklungen hervorbringen konnte. Völlig überambitionierte Projekte wie die "Pentax" und die "Pentaplast" waren schlichtweg am Markt vorbeientwickelt worden und hatte mit den oben ausführlich beschriebenen Forderungen an die Befriedigung des Massenbedarfs an Konsumgüterprodukten im Neuen Kurs nichts gemein. Und da man bei der Entwicklung des Prestor-Durchschwingverschlusses auch völliges Neuland betrat also quasi überholen wollte, ohne einholen zu müssen zogen sich die Entwicklungsarbeiten lange hin. Man hatte die Komplexität, die hinter einer so einfach ausschauenden Contaflex stand, offenbar deutlich unterschätzt.


Erst ab Frühjahr 1958 wurden die Entwicklungsarbeiten wieder aufgenommen nun unter der Ägide des VEB Kamera-Werke Niedersedlitz. Zu diesem Zeitpunkt und in diesem Betrieb muß man die Konzeption einer Contaflex-ähnlichen Spiegelreflexkamera aber als nicht mehr zeitgemäß aufgefaßt haben. Die Spiegelreflexkameras der Kamera-Werke waren seit jeher für Wechselobjektive ausgelegt. Eine Beschränkung auf ein fest eingebautes Objektiv erachtete man offenbar als Rückschritt. Aus diesem Grunde wurde die Konzeption des Projektes über den Haufen geworfen: Nicht mehr die Contaflex der Zeiss Ikon AG, sondern die Bessamatic von Voigtländer in Braunschweig wurde nun zum Vorbild erkoren. Mit diesem Entschluß waren aber wesentliche Entwicklungsansätze des Prestor Zentralverschlusses, die viel Aufwand und Kopfzerbrechen gekostet haben dürften, plötzlich gegenstandslos geworden. Die wirklich ausgeklügelte Verwendbarkeit des Hilfsverschlusses als Automatische Springblende war nun für die Katz, denn wie die Bessamatic sollte die spätere Pentina auf Wechselobjektive ausgerichtet sein; und Wechselobjektive haben ihre eigene Blende. Es gehört zur Tragik der Prestor-Entwicklung, daß beide Kameras, bei denen er fast ausschließlich in großen Stückzahlen eingesetzt wurde der Pentina und der Werra von der doppelten Verwertbarkeit des Hilfsverschlusses als Blende kein Gebrauch gemacht wurde, weil beide Kameras mit vor den Verschluß gesetzten Wechselobjektiven arbeiteten. Ja sogar bei der Prakti gilt das, deren Objektiv ebenfalls eine eigene Blende besitzt, obwohl es fest eingebaut ist.

Bessamatic m

Zum neuen Vorbild für die zu schaffende Dresdner Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera wurde Ende der 50er Jahre die Bessamatic von Voigtländer - hier in einer Ausführung ohne Belichtungsmesser. Man erhoffte sich mit dieser Variante, Käuferkreise anzusprechen, die nicht so viel Geld hatten, sich das teure Standardmodell kaufen zu können. Die Strategie, neue Käuferschichten nun gerade durch weniger Ausstattung erschließen zu können, war eine typisch deutsche irrige Annahme. Die Japaner brachten kurze Zeit später immer besser ausgestattete Kameras in moderner Formgestaltung und hatten damit immensen Erfolg. Auch von der Pentina gab es ein abgespecktes Modell ohne Belichtungsmesser; es geriet gleichsam zum Abgesang auf dieses Dresdner Kameraexperiment.

Diese Umstellung neuer Herstellerbetrieb und eine über den Haufen geworfene Konzeption sorgte dafür, daß nicht nur quasi von vorn begonnen werden mußte, sondern daß dieses Projekt Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera in einem unglaublichen Aufwand ausuferte. Das Fallenlassen einer Contaflex-Konzeption und dafür das Übernehmen einer anderen, einer Bessamatic-Konzeption, erforderte wieder so viel Entwicklungsaufwand, daß die Pentina erst 1960 auf den Markt kommen konnte fast sechs Jahre nach Beginn der Arbeiten an diesem Vorhaben.

Pentina gold braun

Für die Pentina gibt es eine Art Grundsatzpatent, mit dem sich Walter Hennig letzten Endes das etwas seltsame Aussehen „seiner“ Kamera hat schützen lassen [Österreichische Patentschrift Nr. 217.852 vom 15. Februar 1960 bzw. Bundesgebrauchsmuster Nr. 1.815.682 vom 28. Oktober 1959]. Der Ursprung dieses Aussehens der Pentina lag dabei weniger in irgendwelchen formgestalterischen Erwägungen begründet, sondern war Folge einer bestimmten Konstruktionsidee. Als „Design der Ingenieure“ hat Claus Prochnow diesen im deutschen Kamerabau oft anzufindenden Ansatz einmal bezeichnet. Die äußere Form folgte in erster Linie den Notwendigkeiten des inneren Aufbaus. „Vieles war reine Umhüllung des für die Mechanik benötigten Raumes“ [Prochnow, Rollei Report 1, 1993, S. 197]. Diese Aussage Prochnows war auf die Rolleiflex gemünzt. Die Konstruktion der Pentina fand aber ziemlich genau 30 Jahre später statt. Zu jener Zeit hatte sich im Kamerabau die Einsicht durchgesetzt, eine Kamera müsse so konstruiert sein, daß sie sich gut montieren bzw. reparieren läßt. Dazu hatte man es als vorteilhaft erkannt, wenn die Kamera aus einem Innengehäuse besteht, an das alle mechanischen Bauteile nach und nach angebaut werden konnten. Dieses Innengehäuse wurde dann in ein Außengehäuse gesetzt, wie es die Exakta und die damals gerade neu herausgekommene Praktisix vormachten. Solcherlei Außengehäuse  wurden aber laut Hennigs Patentschrift als zu aufwändig in der Fertigung angesehen und kamen deshalb für eine möglichst preiswerte Amateurkamera wie die Pentina nicht infrage. Die Idee Hennigs lag daher darin, das Innengehäuse mit einfachen Blechformteilen zu verschließen und ringsum mit einem Rahmen zu umranden.

Neben dem Gesichtspunkt der erleichterten Montage einer nach dem Gebrauchsmuster 1.815.672 aufgebauten Kamera wurde gleichzeitig angestrebt, das zerklüftete Aussehen bisheriger Spiegelrefleykameras zu überwinden. Bei denen störten Rückwände und insbesondere Sucher und Belichtungsmesser das Gesamtbild der Kamera, weil sie immer wie angesetzt aussähen. Dieser zweite Gesichtspunkt wurde in einem späteren Gebrauchsmuster noch etwas präzisiert. Mit dem Integrieren des Sucherprismas, der Belichtungsmeßeinrichtung und mechanischer Bauteile innerhalb dieses Rahmens [DBGM Nr. 1.817.705 vom 26. November 1959] sollte dieser Raum sinnvoll ausgenutzt werden. Außerdem fiel mit dieser Bauweise die sehr aufwendig zu fertigende Kameradeckkappe weg. Leider stelle sich genau dies später als einer der größten Gegenargumente zur Pentina heraus: Spiegelreflexkameras ohne den typischen Sucherdom hatten es bis in die jüngste Zeit schwer, als vollwertig anerkannt zu werden.

DE1817705 Pentina

Mit dem Gebrauchsmuster 1.815.672 wollte Walter Hennig übrigens nicht nur eine glatte Oberfläche der Kamera erreichen, sondern auch eine leichte Montage. So war laut Patent ausdrücklich vorgesehen, die rahmenförmige Umrandung hauptsächlich mithilfe des Sucherschuhs und der Bodenmutter mit dem Innengehäuse zu verbinden – also wenig zusätzliche Schraubverbindungen einzusetzen. Um ehrlich zu sein: Sehr praktisch ist dieser Aufbau montagemäßig nicht gerade gewesen. Außerdem verbeulte der Rahmen aus dünnem, weichem Aluminium im Gebrauch rasch. Die ungewohnte äußerliche Form dieser Kamera wurde zwar von der Fachpresse damals wohlwollend aufgenommen – der Photoamateur, für den sie eigentlich gedacht war, sah das aber offenbar anders.

Der kaufte sich lieber die im Jahr zuvor herausgekommene Praktica IV. Beide hatten quasi denselben Prismensucher. Wollte er Farbbilder auf dem Agfacolor Umkehrfilm machen, dann beschaffte er sich zusätzlich einen Handbelichtungsmesser. Über den Wert oder Unwert fest eingebauter Belichtungsmesser gab es damals eine breite Diskussion in der »Fotografie«. Solange diese noch auf Selenzellen und stoßempfindlichen Meßwerken basierten, wurden sie eher abgelehnt. Wer trotzdem einen in die Kamera integrierten Belichtungsmesser haben wollte, für den wurde auf der Frühjahrsmesse 1960, auf der auch die Pentina herausgebracht wurde, eine Variante der Praktica IV mit einem ungekuppelten Belichtungsmesser vorgestellt. Das funktionierte genau so gut. Beziehungsweise genau so schlecht. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, daß die Pentina zwar einen mit der Zeit- und Blendeneinstellung gekuppelten Nachführ-Belichtungsmesser zu bieten hatte, dieser aber nur auf der Kameraoberseite abgelesen werden konnte. Damit war jedoch der ganze Sinn der Belichtungshalbautomatik zunichte gemacht, für die es nun einmal notwendig gewesen wäre, Meßnadel und Nachführzeiger ins Sucherbild einzuspiegeln, um nämlich nach dem Abgleich sofort auslösen zu können. So mußte die Pentina für die Belichtungsmessung stets vom Auge genommen werden, was doch am Ende aufs gleiche hinauslief, wie die infragekommenden Zeit-Blenden-Kombinationen vom ungekuppelten Belichtungsmesser der Praktica IVB abzulesen.


Diese unverzeihliche Kalamität hatte ich bislang für die Folge einer vollkommen inkonsequenten Konstruktionstätigkeit gehalten. Mittlerweile habe ich allerdings ein DDR Patent Nr. 24.511 vom 17. März 1959 gefunden, das aufzeigt, daß es nicht an der Konstruktion, sondern der Umsetzung mangelte. Hans-Joachim Daeche (von dem weiter unten noch die Rede sein wird) und Herbert Ziegler (bekannt vom Pentaplast-Projekt) hatten nämlich durchaus eine patentfähige Lösung erarbeitet, wie der Meßwerkzeiger eingespiegelt werden könnte. Die Zeichnungen aus dem Schutzrecht lassen erkennen, daß es sich um eine sehr geschickte  Ausführung gehandelt hätte, die ohne großen zusätzlichen Raumbedarf umsetzbar gewesen wäre.

Fragt sich also, weshalb letztlich eine Verwirklichung unterblieb. Überhaupt fällt ja auf, wie spät alle direkt zur Pentina gehörenden Patente angemeldet wurden manche gar erst kurz vor der bevorstehenden Frühjahrsmesse. Das alles deutet auf große Eile hin und auf einen gewissen Druck, doch endlich mit marktreifen Produkten herauszukommen. Man muß also schlußfolgern, daß Entwicklungen, die vielleicht noch nicht fertig waren, einfach nicht umgesetzt wurden. Oder sie wurden weggelassen, um die Kamera schlichtweg nicht noch weiter zu verkomplizieren. Heraus kam dann eine Kamera, die man objektiv betrachtet als ein halbfertiges Produkt bezeichnen muß. Und das war angesichts des bis hier hin veranstalteten Aufwandes einfach unverzeihlich.

Denn ich denke, ich habe oben ausreichend geschildert, welches Jammertal der Dresdner Kamerabau durchschreiten mußte, um endlich den komplexen Prestor Zentralverschluß fertigungsreif zu bekommen. Und nun baute man in diese komplizierte Kamera einen an Primitivität kaum zu überbietenden Belichtungsmesser ein, der lediglich aus der Reihenschaltung einer Selenzelle mit einem Mikroamperemeter bestand. Da hatte ja die auf derselben Messe vorgestellte Werra V mehr zu bieten, denn bei der war nicht nur der Nachführzeiger im Sucher sichtbar, nein sogar die gewählte Zeit-Blenden-Kombination wurde klar und deutlich eingespiegelt. Das würde ja bedeuten, man hätte bei der großen, ehrwürdigen Zeiss Ikon in Dresden jahrelang an etwas herumkonstruiert, nur um jetzt feststellen zu müssen, daß man letzten Endes von einem kleinen, erst vor ein paar Jahren aus dem Boden gestampften Werk im thüringischen Eisfeld überholt worden war.


 

Mit der Werra gemein hatte die Pentina wenigstens die glattflächige Gestaltung des Kameragehäuses, die der Werra seinerzeit international großes Lob eingebracht hatte. Um dies auch für die Pentina zu erreichen, wurde der Schnellschalthebel links neben dem Sucherprisma unter den beschriebenen Rahmen ins Gehäuse integriert, sodaß nur das Griffstück herausschaute. So etwas hat man sich sogar noch in einem bundesrepublikanischen Gebrauchsmuster Nr. 1.814.619 vom 10. Oktober 1959 schützen lassen.

DBGM 1.814.619

Neben dem angesprochenen Grundsatzpatent Walter Hennigs, das gewissermaßen den äußeren Aufbau der Pentina vorbestimmte, gibt es noch ein zweites solches von Hans-Joachim Daeche [Nr. DD48.510 vom 26. Februar 1960]. Diesem Ingenieur kam nun offenbar die wenig beneidenswerte Aufgabe zu, den vor Jahren gehegten Traum von der Zentralverschlußreflexkamera endlich in die nüchterne Realität umzusetzen. Sachlicher ausgedrückt hatte er das Problem zu lösen, den Zentralverschluß mit der übrigen Kameramechanik zu kuppeln. Daeche hatte sich dazu ein Kurbelgetriebe ausgedacht, das direkt mit der Welle verbunden war, auf der die Aufwickelspule saß.

DD48.510

Wie man anhand der Patentzeichnung erkennen kann, wurde mit dieser Kurbel ein Hebel (Schwinge) verschwenkt, der den Verschluß spannte und am Ende des Spannvorganges die Sektoren in die Öffnungsposition brachte. Gleichzeitig sorgte das zwischenliegende Koppelgestänge dafür, daß der Spiegel in die Betrachtungsposition gebracht wurde. Das war geschickt gelöst, weil zum einen keine aufwändig herzustellenden Zahnradgetriebe notwendig waren und andererseits die Betätigungsorgane am Ende des Spannvorganges vollständig wegschwenkten und daher Spiegel und Verschluß ohne jegliche Hemmung eines Getriebes ablaufen konnten. Weil der Spannweg des Verschlusses sehr genau einjustiert werden mußte, hatte Daeche eine Abgleichmöglichkeit mittels eines exzentrischen Lagers vorgesehen, auf das man noch bis spät im Montageprozeß bequemen Zugang hatte.

DD48.510

Das war also alles bemerkenswert übersichtlich aufgebaut (vor allem im direkten Vergleich zu den westdeutschen Zentralverschlußreflexen mit ihren vielen Getriebeteilen). Trotzdem darf das nicht hinwegtäuschen, wie aufwändig all diese Hebelübertragungen insgesamt ausfielen. Spannen des Verschlusses und Öffnen der Sektoren für die Sucherbetrachtung, Rückführung des Spiegels und einer zusätzlichen Lichtschutzklappe aus dem Bodenraum der Kamera, Öffnen der Springblende und nicht zuletzt das Öffnen eines zusätzlichen Okularverschlusses gegen Lichteinfall während der Spiegelbewegung – all diese Bewegungsvorgänge mußten aus dem Spannvorgang hergeleitet werden. Verglichen mit einer Praktica bedeutete dies eine deutliche Verkomplizierung des Kameramechanismus. Auch darf nicht verschwiegen werden, daß diese ganzen Baugruppen ziemlich viel Platz beanspruchten. Die Pentina war zwar gegenüber der Schlitzverschlußkamera schmaler, dafür wuchs sie disproportional in die Höhe, was sicherlich zu ihrem von vielen als wenig harmonisch empfundenen Äußeren beitrug.

Ein Beispiel dafür, wie komplex eine Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera am Ende wirklich wird, wenn sie vollständig durchgearbeitet wurde, ist dieser Okular-Hilfsverschluß. Dieser ist notwendig, weil der Zentralverschluß einer solchen Kamera vor dem Spiegel placiert ist und nicht dahinter, wie bei einer Schlitzverschlußkamera. Das führt zu dem Problem, daß es in der kurzen Phase, wenn der Spiegel nach oben klappt, zu Lichteinfall über das Okular kommen kann. Deshalb mußte parallel mit dem Beenden der Betrachtungsstellung der Sektoren des Zentralverschlusses auch der Lichtpfad über das Okular abgeschnitten werden, weil der nach oben gehende Spiegel sofort seine Funktion als Hilfsverschluß einbüßte und der Film damit offen für Lichteinfall da lag. An diesem Beispiel erkennt man gut, was ich damit meine, wenn ich behaupte, wie sehr man 1954 die Komplexität einer so einfach anmutenden Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera unterschätzt hatte.

Freilich waren bei der Praktica statt einfach herzustellender Hebel und Kurbeln etliche Getriebeteile notwendig. Die müssen aber als geradezu grobschlächtig bezeichnet werden, wenn man sie mit der Präzision vergleicht, die der Verschluß der Pentina verlangte. Es hatte sich gezeigt, daß der Durchschwingverschluß mit seinen rotierenden Lamellen zwar einen Ansatz bot, einen Hochleistungsverschluß auf dem Niveau des Compur herausbringen zu können, ohne die Schutzrechte des letzteren zu verletzen, aber der Entwicklungsaufwand war erstens enorm und zweitens wurde im Falle der für die Pentina entwickelten Variante auch nur eine kürzeste Verschlußzeit von einer 1/500 Sekunde erreicht. Das eigentliche Ansinnen, generell die 1/1000 Sekunde mit diesem aufwendig konstruierten Zentralverschluß einführen zu können, muß letztlich als gescheitert angesehen werden. Die internationale Spitzenposition und die sich daraus ergebenden Exportchancen, die einen solchen Entwicklungsaufwand gerechtfertigt hätten, konnten somit nicht verwirklicht werden.

Bleibt nur noch ein Gebrauchsmuster zu nennen, das speziell für die Pentina im Prestor angewandt worden ist. Es handelt sich um eine Dämpfungseinrichtung für den Sektorentreibring [DBGM Nr. 1.748.055 vom 29. Oktober 1956]. Das besondere am Durchschwingverschluß ist ja, daß keine Bewegungsumkehr stattfindet, sondern der Sektorentreibring bei kurzen Verschlußzeiten ohne Zwischenstopp durchläuft. Das sorgt dafür, daß er vor allem bei der kürzesten Verschlußzeit sehr hohe Geschwindigkeiten erreichen kann (die ja prinzipiell erwünscht sind). Würde man nun den Sektorentreibring am Ende seiner Bewegung auf einen harten Anschlag auflaufen lassen, wären schon nach kurzer Zeit Materialbeschädigungen die Folge. Also hatte man sich eine Dämpfungseinrichtung aus Gummi ausgedacht, die äußerlich von Metall umgeben war. Genau die Ausführung, wie sie das Gebrauchsmuster zeigt, ist auch später so im Prestor Reflex umgesetzt worden.

DBGM 1.748.055

Und zu genau diesem Gebrauchsmuster kann ich noch eine Begebenheit liefern, die noch einmal die Endphase der Konstruktionsabteilung des VEB Zeiss Ikon dokumentiert sowie die darauffolgende Zeit des organisatorischen Durcheinanders. Angemeldet wurde das besagte Gebrauchsmuster mit einem Brief, den der VEB Zeiss Ikon am 24. Oktober 1956 an das Münchner Patentamt verschickt hatte. Am 16. April 1958 wurde dieses Schutzrecht auf den VEB Kinowerke umgeschrieben. Am 14. September 1958 erfolgte alsdann eine weitere Umschreibung auf den VEB Kamera-Werke Niedersedlitz, die aber auch nur bis zum 25. April 1959 ihre Gültigkeit hatte, weil dann das Schutzrecht letztlich auf den VEB Feinmeß überging. Wieso NACH Gründung der Kamera- und Kinowerke, die man schließlich als letzten Schritt zur Tilgung aller Vorkriegs-Markenrechte ansehen könnte, NOCH EINMAL eine Umschreibung auf den VEB Feinmeß erfolgte, scheint mir schleierhaft. Aber das Ganze ist ein beredtes Zeugnis für die andauernde Angst des Dresdner Kamerabaus um die Verfügungsgewalt über die eigenen Schutzrechte.

Einiges vom Debakel mit der Pentina läßt sich schon daran ablesen, daß diese Kamera zuerst zu einem Preis von unglaublichen 790,- Mark herausgebracht worden ist. Zum Vergleich: Die damalige internationale Spitzenkamera Praktisix kostete mit dem Primotar "nur"  766,- Mark. Nachdem die Produktion der Pentina eingestellt worden war, wurden die Lagerbestände zu reduzierten Preisen verkauft, bei dem das oben gezeigte Spitzenmodell "FM" nun noch 640,- Mark kostete. Gegenüber den 407,- Mark der Praktica IV mit dem gleichen Tessar 2,8/50 war das für den Amateur allerdings immernoch unattraktiv. Neben der Prakti ist die Pentina daher diejenige Kamera, für die Anfang der 60er Jahre im Amateurblatt FOTOKINO-magazin am intensivsten geworben worden ist.

Das ist das Spitzenmodell der Pentina-Reihe. Ich kann es nicht direkt nachweisen, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß es sich bei der hier verbauten bildaufhellenden (und im übrigen völlig unmattierten) Fresnel-Bildfeldlinse mit Meßkeilpaar um dieselbe Scheibe handelt, die auch in der westdeutschen Contaflex Verwendung fand. Offensichtlich hat man diese Scheibe importiert, um die Pentina konkurrenzfähig zu halten.


Man sieht an dieser Kamera auch das wunderbare Cardinar 2,8/85mm, das vonseiten Carl Zeiss Jenas extra für diese Pentina geschaffen worden war. Das war übrigens nicht gerade einfach. Der enge Zentralverschluß verlangte nach neuen Konstruktionsmethoden und dem Einsatz teurer Glassorten. Dieser Aufwand war für den Herstellerbetrieb aber eine Fehlinvestition. Nur etwa 3000 Stück ließen sich verkaufen, weil die Pentina leider zum Flop wurde. Selbiges galt auch für das Domigor 4/135mm, das in Görlitz extra für diese Kamera geschaffen worden war. Auch hier war der Materialaufwand hoch; für den dicken zerstreuenden Meniskus in der Mitte des Objektivs wurde das teure Schwerkron SK 24 eingesetzt, was in Görlitzer Objektiven sonst eher ungewöhnlich war. Allein das ebenfalls für diese Kamera geschaffene Domigon bzw. Lydith 3,5/30mm wurde später auch in Fassungen für andere Kameras weitergenutzt und bis zum Ende der 80er Jahre in sehr großen Stückzahlen hergestellt.

Marco Kröger


letzte Aktualisierung 21. Februar 2020