Flektogon 2,4/35

Flektogon 2,4/35

Auch im Objektivbau ist das Bessere stets der Feind des Guten. Bei Carl Zeiss Jena ging man daher Anfang der 70er Jahre mit der Zeit...

Flektogon 35 mm f/2.4

Immerhin gehörte die weltberühmte optische Anstalt in Jena mit ihrem Flektogon 2,8/35 mm zu den Pionieren im Bau des modernen Retrofokus-Weitwinkelobjektivs. Allerdings war die Schaffung eines solchen Weitwinkelobjektivs mit künstlich verlängerter Schnittweite kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit großen Schwierigkeiten behaftet gewesen, was auch daran lag, daß man anders als es sonst im Objektivbau üblich ist auf keine bestehenden Konstruktionen aufbauen konnte. Bei diesem ersten Flektogon, dessen Entwicklung sich auf das Frühjahr 1948 zurückverfolgen läßt, hatte Rudolf Solisch auf das zur selben Zeit  geschaffene Biometar zurückgegriffen, dessen gute Korrekturmöglichkeiten ihm als vielversprechende Basis für das neue Weitwinkelobjektiv erschien. Aus der Tatsache, daß dieses Flektogon 2,8/35 mm in der Folgezeit etliche Male komplett überarbeitet wurde, läßt sich schließen, wie schwierig die Schaffung eines lichtstarken Retrofokussystems in der Praxis gewesen sein muß. Und obwohl das Flektogon 2,8/35 mm im Jahre 1960 noch einmal deutlich optimiert werden konnte, war man sich bei Zeiss Jena klar geworden, daß der ihm zugrundeliegende Ansatz eine technische Sackgasse darstellte, die sich nicht mehr weiterentwickeln ließ. Durch systematische Untersuchungen hatte man erkannt, daß eine Gaußtyp-Abwandlung nicht gerade die ideale Lösung für das Grundobjektiv eines Retrofokus darstellte.

Flektogon 2,4/35 scheme

Vielmehr hatten sich bei Zeiss Jena und auch in vielen konkurrierenden Objektivbauanstalten bereits seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre Triplet-Abwandlungen als Grundobjektiv eines Retrofokusobjektives durchgesetzt. Mit ihnen ließen sich nicht nur die Bildfehler diese stark asymmetrischen Objektivaufbauten besser korrigieren, sondern sie konnten obendrein auch preiswerter gefertigt werden als beispielsweise der Biometar-Typ des bisherigen Flektogons 35 mm. Als daher Gerhard Risch und Utz Schneider im Jahre 1972 an die Aufgabe gingen, dieses beliebte gemäßigte Weitwinkel komplett neu zu konstruieren, berücksichtigten sie genau diese Erkenntnisse. Deutlich sieht man oben im Linsenschnittbild, wie das Grundobjektiv aus einem Triplet besteht, das mit zwei hinteren Sammellinsen versehen ist. Neu war zudem, daß der große Luftraum zwischen Grundobjektiv und vorgesetztem zerstreuendem Meniskus mit einer Sammellinse von großer Mittendicke ausgefüllt wurde.

Aus der oben wiedergegebenen Patentschrift erfährt man, daß sich mit dieser gegen die Blende erhabenen, dicken Sammellinse die komatischen Fehler vermindern ließen, während der nachfolgende positive Meniskus den Öffnungsfehler (sphärische Aberration) verbesserte. Diese Maßnahmen bildeten die Grundlage dafür, daß gegenüber dem Vorgänger die Lichtstärke von 2,8 auf 2,4 erhöht werden konnte, während sich gleichzeitig die Bildleistung weiter verbesserte. Diese beiden Sammellinsen vor der Blende bewirkten auch, daß sich der Durchmesser der Frontlinse gegenüber dem bisherigen Flektogon beträchtlich verringern ließ.

DD115762 Flektogon 2,4-35

Aus der Patentschrift kann man aber auch herauslesen, daß das eigentliche Ziel der Neukonstruktion darin lag, dieses von Amateuren gerne gekaufte Weitwinkel besonders preisgünstig herstellen zu können. Das steht sogar wortwörtlich in der Patentschrift Nr. 115.762 vom 23. September 1974. Für eine Verbilligung der Herstellung gab es aber nur wenig Spielraum, wenn man an der Bildleistung und der Qualität der Fassung nicht unter das Niveau eines Zeissobjektivs gehen wollte. Risch und Schneider setzten daher den Hebel an den "Nebenkosten" des Objektivbaus an. Hierzu muß man wissen, daß sich zur damaligen Zeit optisches Glas nicht mit absolut konstanten Parametern herstellen ließ. Das betraf zwar meist nur geringe Abweichungen in den hintersten Stellen der Brech- und die Abbe-Zahlen, verlangte aber dennoch eine Anpassung, wenn man sich nicht mit sogenannten "Montagsobjektiven" den Ruf zu verderben wollte. Während ein Hersteller, der seine Objektive nur in relativ kleinen Auflagen auf den Markt brachte, die entsprechenden Gläser am Lager vorhalten konnte, mußte bei einem Objektiv, das in großen Massen ausgestoßen werden sollte, dasselbe stets an neue Glasschmelzen angepaßt werden. Dazu genügte es meist, leichte Änderungen in den Parametern Dicken und Luftabstände sowie notfalls auch bei den Radien der einzelnen Linsen durchzuführen. In der Fachsprache wird dieses Vorgehen als Kombinationsrechnungen bezeichnet. Bei einer Großserienproduktion eines Objektives ist es daher sehr günstig, wenn dasselbe von vornherein gut auf diese Parameteränderungen reagiert, um dem Photorechenbüro, das ständig mit diesen Kombinationsrechnungen belastet ist, möglichst wenig Steine in den Weg zu legen. Die Patentschrift verrät nun, daß das Flektogons 2,4/35 mm besonders gut auf diese Variationsmöglichkeiten hin ausgelegt war. Während der tatsächliche Aufbau des Flektogons aus Tabelle 3 hervorgeht, war selbst mit völlig anderen Gläsern in den Tabellen 2 und 4 ein ähnlich gutes Objektiv erzielbar. Der Aufbau des Flektogons 2,4/35 war also besonders gut auf diesen Aspekt hin ausgelegt. An diesem Punkt ist deutlich die Handschrift von Utz Schneider erkennbar, der seit 1961 im Photo-Rechenbüro genau mit solchen Kombinationsrechnungen beschäftigt war, und der daher genau die Knackpunkte kannte, die in der Praxis eine hochqualitiative Massenproduktion so sehr erschweren konnten.

Dieses neue Flektogon 2,4/35 mm nach Versuch V435 vom 15. Februar 1972 war in optischer Hinsicht von vornherein ein Erfolg. Wie aus dem obigen Prüfbericht vom 26. Februar 1973 hervorgeht [Sammlung Benedix], gab es aber noch deutliche Probleme mit der Fassung. Hierzu muß man wissen, daß bei Zeiss Jena damals gerade der Aufbau der Objektivblende abgeändert wurde. Die Betätigung der Springblende mittels Bowdenzug war nicht optimal und die Einführung der Bauteile für die elektrische Blendenwertübertragung verschärfte die Probleme noch. Die Musterobjektive (9)91.480 bis .482 befriedigten daher noch nicht.

In der Folgezeit wurde die Fassung offenbar noch mehrfach überarbeitet. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1975 vorgestellte Musterobjektive des Flektogons 2,4/35 mm hatten noch eine Fassung in Zebra-Gestaltung. Das oben gezeigte siebente Musterobjektiv mit der Nummer 991.486 hat dann aber bereits die heute bekannte schwarze Fassung. Es verblüfft, daß dieses Exemplar als Pancolar 2,4/35 graviert ist [Bild: Adrian Scheel].

Flektogon 2,4/35

Zwei Varianten des serienmäßig hergestellten Flektogons 2,4/35 mm. Oben in einer Art mechanischen Zwischenstufe, die sich dadurch auszeichnet, daß sie die alte Blendenmechanik der Zebraversion mit der neuen Kreuzrändelfassung kombiniert. Hier liegt auch die Naheinstellgrenze noch bei 19 cm. Unten sieht man die weitverbreitete Fassung mit den "vereinheitlichten Anschlußstücken" aus den späten 70er Jahren.

Flektogon 2,4/35

Die Eigenschaft als Retrofokus-Objektiv und damit die eindeutige Zugehörigkeit zu den Flektogonen wird auch noch einmal anhand der obigen Abbildung deutlich. Bei einer tatsächlichen Brennweite von 36,7 mm ist die bildseitige Schnittweite mehr als 3 mm länger, das sind fast 8 Prozent. Blau dargestellt sind die mit der maximalen Neigung von 31 Grad zur Achse einfallenden Strahlenbüschel. So modern die Konstruktion aus sechs einzeln stehenden Linsen damals auch gewesen sein mag daß das Flektogon 2,4/35 aus heutiger Sicht eine ziemlich betagte Konstruktion ist, erkennt man an der mit 52,6 mm doch recht erheblichen Gesamtbaulänge der Optik. Heute würde man ein solches Objektiv mit höher brechenden Gläsern deutlich kürzer bauen.

Prakticar 2,4/35 Schnittzeichnung

Auffällig ist auch, daß alle sechs Linsen vergleichsweise flache Krümmungsradien aufwiesen. Im direkten Vergleich mit dem alten Flektogon 2,8/35 ist erwähnenswert, daß speziell auf den herstellungstechnisch schwer beherrschbaren, dünnen und stark gewölbten Meniskus im Biometar-Grundobjektiv verzichtet werden konnte. Das Ausschließen von zentrieranfälligen Linsen machte das neue Weitwinkel auch in dieser Hinsicht zu einem sehr ökonomisch herstellbarem Objektiv, das bis zum Ende der DDR in für Zeiss-Verhältnissen ungewöhnlich großen Stückzahlen ausgestoßen wurde. Zwischen August 1975 und November 1988 wurden beinah 210.000 Stück in M42-Fassung produziert. Dazu kamen noch einmal reichlich 24.000 Exemplare als Prakticar 2,4/35 für die Praktica B-Kameras. Auch dieses Zahl ist im Vergleich zu den anderen Zeiss-Prakticaren ungewöhnlich hoch.

Flektogon 2.4/35 Praktica LLC

Die Fertigung des Flektogons 2,4/35 mm wurde also im August 1975 aufgenommen und es war damit wohl das erste serienmäßig hergestellte Zeiss-Jena-Objektiv mit Mehrschichtvergütung. Es konnte wohl auch erst in Produktion gehen, nachdem die Technologie für diesen dreischichtigen Transparenzbelag zur Verfügung stand. Angesichts der zwölf Glas-Luft-Grenzflächen war eine vorherige Einführung offenbar nicht sinnvoll. Ganz gleich ob Mitte der 70er Jahre an einer Praktica LLC oder zehn Jahre später an einer Praktica B200 es handelte sich um eines der beliebtesten Photoobjektive aus DDR-Produktion.

Prakticar 2.4/35 Praktica B200

Das 2,4/35 ist auch nach heutiger Sicht ein erstklassiges Weitwinkelobjektiv, das nach wie vor sehr geschätzt wird. Es läßt sich ohne Einschränkung bei offener Blende einsetzen und zeigt bei Abblendung auf 1:5,6 sein Optimum der Bildleistung. Mit 292,- Mark war das Flektogon auto 2,4/35 mm damals nicht ganz billig, aber trotzdem noch für den Amateur erschwinglich. Als Prakticar 2,4/35 kostete es freilich stolze 525,- Mark!

mit dem Flektogon 2,4/35mm

Oben mit dem Flektogon 2,4/35 mm bei ganz geöffneter Blende. Praktica LTL2, Fuji Pro 400 H.


Unten mit dem Prakticar 2,4/35 an der Praktica B200, Portra 400. Schon bei leichter Abblendung wird ein 35mm-Weitwinkel zum zuverlässisgen Schnappschußobjektiv. Spannende Bildeindrücke sollte man dann aber nicht mehr erwarten.

Bild oben: Nelson Silva, Portugal

Prakticar 2.4/35 mm
Prakticar 2,4/35 mm 1979

Marco Kröger 2016


letzte Änderung: 13. November 2025