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Phototechnik aus Jena, Dresden und Görlitz
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Die Cardinare
Als der DDR-Kamerabau in der Zeit um 1960 zeitweilig auf Zentralverschluß-Kameras mit Wechselobjektiven setzte, mußten im VEB Zeiss Jena speziell dafür angepaßte langbrennweitige Objektive entwickelt werden.

1.Das Cardinar 2,8/85 mm
Dieses kleine Teleobjektiv stellt eines der vielen neuen Erzeugnisse dar, die der VEB Zeiss Jena auf der Frühjahrsmesse 1960 präsentiert hat. Es ist damals als Wechselobjektiv für die Pentina herausgebracht worden – eine Kleinbildspiegelreflexkamera mit Zentralverschluß. Bislang unbekannt war jedoch, daß die Entwicklung ursprünglich für die "hauseigene" Sucherkamera Werra vorgesehen war.

Ausgangspunkt war die Rechnung für ein Versuchsobjektiv V246 vom 30. März 1957 mit den Daten 2,8/80 mm. Günther Benedix hat darauf verwiesen [Vgl. Photographica Cabinett 4/2022.], daß dieses Objektiv mit den Hauptbrechzahlen und ny-Werten aus dem Katalog errechnet wurde, was dann bei der Herstellung des Musterobjektivs eine umfangreiche Anpassung an die tatsächlich vorliegenden Schmelzen erforderte (sog. Kombinationsrechnungen). Außerdem sei auf dem Arbeitsplan vermerkt worden: "Eilt sehr! Dringende Entwicklung. Dringendes Schwerpunktobjektiv!!" Der dahinterstehende Zeitdruck im Sommer 1957 kommt auch durch die unten wiedergegebenen Dokumente zum Ausdruck.

Diese Eile hatte folgenden Hintergrund: Zur Herbstmesse 1957 sollte die Werra III vorgestellt werden [Vgl. Fotografie, 10/1957.]. Dieses neue Modell war mit einem Entfernungsmesser ausgerüstet, der im Jahr zuvor patentiert worden war, sowie einem Bajonettanschluß für Wechselobjektive. Und man kann nun nur vermuten, daß pünktlich zur Messe auch die passenden Wechselobjektive als Muster gezeigt werden sollten. Wie wir heute wissen, hat man sich aber letztlich nicht für die bescheidene Telebrennweite von 80 mm entschieden, sondern das weiter unten beschrieben Teleobjektiv 3,5/100 mm entwickelt. Doch diese Werra III und die Werra IV sind im Anschluß gar nicht in die Serienfertigung gelangt – zumindest nicht unmittelbar.
"Als besonders interessant wurde die Tatsache verzeichnet, daß von der WERRA bereits die Modelle III uns IV fertig konstruiert vorliegen. Sie wurden gleichfalls der Öffentlichkeit vorgestellt, werden aber erst in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres lieferbar sein." [Brauer, Egon: Neuheiten von der Leipziger Herbstmesse 1957, Bild & Ton, Heft 10/1957, S. 270.].
Das ist wohl damit zu erklären ist, daß die Beschaffung der Zentralverschlüsse aus der Bundesrepublik nicht sichergestellt werden konnte und der DDR-eigene Verschluß damals noch nicht in Sicht war. Und damit war auch dieses Teleobjektiv 2,8/80 plötzlich uninteressant geworden.

Das änderte sich im Frühjahr 1960. Wie eingangs erwähnt, war auf der Leipziger Messe die Pentina neu vorgestellt worden [Vgl. Bild&Ton, Heft 3/1960. S. 89/90.]. Doch diese Kamera war ein Politikum. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war der Dresdner Photogerätebau zunehmend in eine Krise geraten. Die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der Produkte sorgte dafür, daß dieser Industriezweig nicht mehr die in ihn gesetzten Erwartungen in Form der volkswirtschaftlich bereits eingeplanten Deviseneinnahmen erfüllen konnte. Dies sorgte dafür, daß sogar Walter Ulbricht persönlich auf dem V. Parteitag der SED vom August 1958 den Dresdner Kamerabau explizit als Hemmnis für den Sieg des Sozialismus anprangerte:
„Eine Überprüfung der wissenschaftlich-technischen Führung des Gebietes Foto-Kino-Technik in den Betrieben VEB-Kamerawerk Dresden-Niedersedlitz und Kinowerk Dresden zeigte, daß auf diesem Gebiet der Rückstand zum technischen Weltniveau nicht geringer, sondern größer geworden ist [...]. Die Ursachen dieses Rückstandes sind darin zu suchen, daß es keine klare verpflichtende Perspektive und keine entsprechende Führung dieses Industriezweiges gibt." [Rede Ulbrichts auf dem V. SED-Parteitag, Neues Deutschland vom 11. 7. 1958.]

Diese Pentina gehörte daher zu denjenigen Kameras, die nach Gründung des VEB Kamera- und Kinowerke unter höchstem politischem Druck neu geschaffen wurden. Die Forschungsabteilung war vor die Aufgabe gestellt worden, endlich exportfähige Erzeugnisse zu entwickeln. Also wurde auch diese Kleinbildspiegelreflexkamera mit Zentralverschluß, die noch auf ein Projekt des "verblichenen" VEB Zeiss Ikon zurück ging, nun mit großem Aufwand zuende entwickelt. Und das obwohl sie eigentlich wie ein Klotz am Bein des neuen Kamera-Großbetriebes hing, denn die Serienertüchtigung des für diese Kamera notwendigen Prestor-Zentralverschlusses erforderte einen ungeahnten Kraftakt.

Der Prüfbericht zum Cardinar 2,8/80 nach Versuch V246 vom 18. September 1957 bescheinigt diesem Objektiv eine sehr gute Bildleistung, die schon bei voller Öffnung über das gesamte Bildfeld hinweg sehr gleichmäßig ausfiel. Ein auf Hochleistung gebrachter Sonnar-Typ.

Die Pentina wurde mit großer Eile fertiggestellt, um endlich ein neues Produkt zu haben. Davon zeugt, daß auf sie bezogene Patente nachweislich noch wenige Tage vor Beginn der Messe angemeldet wurden. Deshalb wurden nun auch ebenso kurzfristig Objektive für diese Kamera gebraucht. Im VEB Zeiss Jena besann man sich des Versuchs V246 von 1957. Der brachte schließlich die Grundvoraussetzung mit, die etwa 30 mm große Eintrittspupille, die sich ergibt, wenn bei 85 mm Brennweite das Öffnungsverhältnis 1:2,8 beträgt, im hinteren Kittglied auf nur 17,5 mm Linsendurchmesser reduzieren zu können. Denn das war wiederum die Voraussetzung dafür, ein derartiges Objektiv VOR einen Zentralverschluß setzten zu können, weil nämlich diese hintere Linsengruppe in den freien Öffnungsdurchmesser des "Prestor-Reflex 00 weit" eintauchen mußte.

Der Schnitt durch das Objektiv zeigt, wie sehr die Fassung in ihrem rückwärtigen Teil verjüngt werden mußte. Hier durfte ein Durchmesser von etwa 22 Millimeter nicht überschritten werden. Andererseits war dieser Wert höher als beim üblichen 00-Verschluß, weshalb die Brennweite des Cardinars für die Pentina von 80 auf knapp 82 mm geringfügig angehoben werden konnte. Wie aus den obigen Datenblatt zu entnehmen ist, wurde dieses neue Cardinar 2,8/85 mm mit Rechnungsabschluß vom 20. August 1959 aus dem ursprünglichen Versuch 246 herausentwickelt. Ab der Kombination Nummer 2 wurde das Schwerkron SK21 in Linse Nummer 2 durch SK24 ersetzt – beide moderne Lanthan-Krongläser.

Damit war dieses Cardinar 2,8/85 mm zweifellos ein aufwendiges und qualitativ hochwertiges Teleobjektiv geworden. Doch die Kamera, für die es gedacht war, entwickelte sich zu einem katastrophalen Flop für die Dresdner Photoindustrie. Auf den Westmärkten wollte das häßliche, klobige Ding mit ihrer mittlerweile völlig unzeitgemäßen Technik niemand kaufen. Die Produktion der Pentina, die sehr schleppend angelaufen war, wurde bald wieder zurückgefahren, weil der Hersteller sie nicht los wurde. Die restlichen Teile wurden noch über einen längeren Zeitraum hinweg in teils abgespeckter Ausstattung montiert und anschließend verschleudert.
Vor diesem Hintergrund konnten auch vom Cardinar 2,8/85 mm nur etwa 3000 Stück abgesetzt werden. Fraglich, ob sich damit überhaupt die Entwicklungskosten wieder einspielen ließen. Großes Geld verdient hat der Hersteller damit jedenfalls nicht, und vor allem keine Devisen. Das war aber der ausschlaggebende Anlaß zur Entwicklung dieser Gerätschaften. Der spezielle Zuschnitt des Cardinars verhinderte jedoch, daß eine „Umnutzung“ an einem anderen System sinnvoll gewesen wäre. Das Cardinar 2,8/85 mm gehörte damit zu denjenigen wirtschaftlichen Fehlschlägen für Zeiss Jena, die der erratischen Modellpolitik des Dresdner Kamerabaus Anfang der 1960er Jahre zu verdanken waren.

Oben wird aus der Schnittzeichnung noch einmal sehr gut deutlich, daß es sich beim Cardinar 2,8/85 um ein klassisches Sonnar handelt. Dieser Typus wies gleich zwei Eigenschaften auf, die ihn für die Anwendung als längerbrennweitiges Zusatzobjektiv für eine Zentralverschluß-Spiegelreflexkamera besonders geeignet machte: Einmal weil sich aufgrund der inneren Brechkraftverteilung eine vergleichsweise kurze Schnittweite ergab, die es erlaubte, das gesamte optische System recht kurz zu bauen und die hinterste Linse so nah wie möglich an die Lamellen des Zentralverschlusses anzunähern, um Vignettierungen an diesem engen Durchlaß zu vermeiden. Zweitens sorgte das mittlere Glied des Sonnartypus mit seiner charakteristischen Formgebung für die oben bereits angesprochene starke Einschnürung des Strahlenganges, die den geringen Durchmesser der rückwärtigen Linsen erlaubte.

Auch wenn es sich eindeutig um einen Sonnartyp handelt, wurde der Begriff "SONNAR" jedoch ganz gezielt nicht verwendet, um den damals erbittert geführten Markenrechtsstreitigkeiten mit Zeiss Oberkochen aus dem Wege zu gehen. Daß mit "CARDINAR" exklusiv ein neuer Gattungsname kreiert worden war, deutet wiederum darauf hin, daß Zeiss Jena mit diesen Neuentwicklungen dezidiert auf westliche Exportmärkte abzielte. Zumindest was dieses 85er Cardinar betrifft, haben sich diese Export-Blütenträume jedoch nicht erfüllen können.
2. Das Cardinar 4/100 mm
Wie das oben besprochene Cardinar 2,8/85 mm für die Pentina wurde auch dieses Cardinar 4/100 mm auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1960 vorgestellt – und zwar für die auf Wechselobjektive hin weiterentwickelte Werra. Dieser Produktinitiative waren etwa drei Jahre an Entwicklungstätigkeit im VEB Carl Zeiss Jena vorausgegangen, in denen man an der schwierigen Problemstellung gearbeitet hatte, Objektive mit langer Brennweite zu entwickeln, die speziell für einen sogenannten Hinterlinsenverschluß geeignet waren. Und Ausgangspunkt für all diese Entwicklungen war die Werra III, die ursprünglich 1957 herausgebracht werden sollte. Doch wegen ausbleibender Zentralverschluß-Lieferungen aus der Bundesrepublik sowie immenser Probleme mit den Einbau-Belichtungsmessern sollte es zum großen Krisenjahr für die Werra werden.
Im obigen Abschnitt zum Cardinar 2,8/85 mm wurde gesagt, der Versuch V246 vom März 1957 sei der Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Zentralverschluß-Teleobjektivs gewesen. Ganz stimmt diese Aussage nicht. Denn im Zuge der Recherche zum Cardinar 4/100 mm hat Günther Benedix in seinen Unterlagen ein hier mit abgeheftetes Datenblatt zu einem Sonnar 4/90 mm gefunden. Dieses Schriftstück belegt damit einerseits, daß der eigentliche Anfang der Entwicklung bereits im Mai 1956 zu suchen ist. Zweitens ist gut zu sehen, daß als "Startsystem" die einfachste Grundbauform eines Sonnares gedient hat, wie sie Ludwig Bertele bereits 1929 patentieren ließ.

Daß dieses Sonnar 4/90 mm tatsächlich mit den späteren Werra-Objektiven in Zusammenhang steht, lässt sich aber nicht nur daraus schließen, daß der Ablageort seines Datenblatts dort gewählt wurde, sondern auch an der Paraphe, die ich als "Fik" lese. Das wäre ein deutlicher Hinweis auf Dr. Erich Fincke, der unter Leitung Harry Zöllners dieses Cardinar errechnet hat. Was man aber auch gut erkennt: Die letzte Linse war mit einem Durchmesser von 20 Millimetern noch viel zu groß, um für einen Zentralverschluß der Baugröße 00 geeignet zu sein.

Die Entwicklung wurde nun zweigleisig fortgesetzt: Einmal mit dem oben bereits im Zusammenhang mit dem späteren Pentina-Cardinar beschrieben Versuch V246 für ein Teleobjektiv 2,8/80 mm vom Frühjahr 1957. Man muß sich aber damals bei Zeiss Jena bewußt gewesen sein, daß eine Brennweite von 80 mm für ein Teleobjektiv ein ziemlich bescheidener Wert ist. Deshalb war mit dem Versuch V237 bereits seit Herbst 1956 parallel an einem Teleobjektiv 3,5/100 mm gearbeitet worden. Dieses Projekt mit einer gegenüber dem Normalobjektiv doppelt so langen Brennweite hat man letztlich für die Werra bevorzugt. Das lag wohl auch daran, daß im Gegensatz zur Pentina, bei der mit dem Meyer Domigor 4/135 mm noch ein zweites, "richtig langes" Teleobjektiv zur Verfügung stand, bei der Werra der Telebereich nur mit einem einzigen langbrennweitigen Objektiv abgedeckt werden sollte.
Der oben wiedergegebene Prüfbericht zum Versuchsobjektiv V237 läßt eine für ein Amateurobjektiv und für die schwierigen Anpassungsverhältnisse, die der Konstruktion zugrundelagen, gute Bildleistung erkennen. In der Bildmitte wird ein sehr hohes Auflösungsvermögen erreicht, wenn auch der Rückgang zum Rande hin ziemlich erheblich ausfiel. Besonders gilt dies auch für den Helligkeitsabfall in den Bildecken, der dem gerade noch akzeptablen Grenzwert von 20 Prozent "Restausleuchtung" doch ziemlich nahe kam.

Basierend auf diesem Versuchsobjektiv V237 wurde das Cardinar 4/100 mm mit dem Rechnungsabschlußdatum 16. Juni 1958 entwickelt. Das oben gezeigte Datenblatt kann uns als Hilfestellung bei zwei zentralen Fragen dienen, die in Bezug auf dieses Objektiv lange im Raume standen und ein zu gewissen Rätseln geführt haben: Einmal wie aus dem unbestimmten "Objektiv" das "Cardinar" wurde und zweitens wie sich die Lichtstärke von 1:3,5 in 1:4,0 gewandelt hat.

Diese Verwirrung um Namen und Lichtstärken haben ihren Ursprung darin, daß zwischen der ersten Messevorstellung dieses Teleobjektivs und der tatsächlichen Serienproduktion mehr als zwei Jahre lagen. Offensichtlich war das Musterobjektiv des Versuchs V237 zusammen mit der Werra III auf der Herbstmesse 1957 gezeigt worden, denn Egon Brauer berichtete damals bereits von einem "neu errechnete[n] Typ 1:3,5, f = 100 mm" [Vgl. Bild & Ton 10/57, S. 270]. Selbst im Messe-Vorbericht der "Bild & Ton" vom März 1960, als dann das Serienobjektiv erschien, war noch von einem namenlosen Teleobjektiv die Rede. Das ist alles nur deshalb erwähnenswert, weil es als Anzeichen dafür dient, daß man bei Zeiss Jena lange gezögert hat, die beiden neuen Teleobjektive 2,8/85 und 4/100 unter dem Markennamen "Sonnar" auf den Markt zu bringen, obwohl es sich durchaus um echte Sonnartypen handelte. Doch der Betrieb war damals in der rechtlichen Auseinandersetzung mit Zeiss Heidenheim offenbar derart verunsichert, daß man begann, völlig neue Objektivnamen zu kreieren. Das obige Änderungsblatt eines "Photo-Kino-Katalogs", der seinerseits auf den September 1959 datiert und mit dem eigentlich Irrtümer und Druckfehler in diesem Katalog nachträglich berichtigt werden sollten, dokumentiert diese Umbenennung des Objektivs 3,5/100 mm in das Cardinar 4/100 mm mitsamt der Änderung seiner Lichtstärke.

Die andere Merkwürdigkeit betrifft die Lichtstärke des Cardinars. Das Teleobjektiv war mit der maximalen Öffnung 1:3,5 schon im November 1956 gerechnet worden und auch das Patent Finckes und Zöllners Nr. DD23.651 vom 17. November 1958 weist diese Lichtstärke aus. Herausgebracht wurde das Cardinar dann aber mit der Lichtstärke 1:4,0. Und schaut man oben auf das Datenblatt des Cardinars nach Sachnummer 550513A, so erkennt man, daß der Durchmesser der Blende für die Öffnung 1:4 11,24 mm beträgt obwohl die freien Linsendurchmesser in Blendennähe die Büschel nur auf etwa 13 mm begrenzen würden, wenn die Blende nicht vorhanden wäre.
Das ist insofern von großer praktischer Bedeutung, als sich auffälligerweise bei fast allen Cardinaren für die Werra die Blende nicht vollständig öffnen läßt. Dieser Umstand läßt vermuten, daß das maximale Öffnungsverhältnis dieses Objektives bewußt mechanisch auf 1:4,0 begrenzt wurde. Und das wiederum muß erst geschehen sein kurz bevor das Cardinar wirklich in die Serienfertigung gelangte. Denn was die Linsendurchmesser betraf, war die Lichtstärke weiterhin auf 1:3,5 ausgelegt. Und sie wäre deshalb auch weiterhin nutzbar, was gut an dem oben rechts abgebildeten Exemplar erkennbar ist, bei dem der mechanische Anschlag außer Kraft gesetzt ist und die Blende sich deshalb ausnahmsweise vollständig öffnen läßt.
Es stellt sich nun die Frage, weshalb Zeiss diesen ungewöhnlichen Weg der Reduktion der Anfangsöffnung gegangen ist. Dazu muß man sich vergegenwärtigen, daß die Konstruktion des späteren Werra-Cardinars auf den November 1956 zurückgeht, als sich die Wechselobjektiv-Werra noch in der Entwicklung befand. Als das Objektiv dann 1960 auf den Markt gelangte, waren die Wechselobjektiv-Werras mit sogenannten lichtwertgekuppelten Zentralverschlüssen ausgestattet. Das heißt der Blendenring war Teil der Kamera und die Teilung zwischen den Blendenzahlen waren genau so groß wie auf dem dahinter liegenden Ring mit den Belichtungszeiten. Auf dem Blendenring waren also nur die Werte der genormten Blendenreihe aufgraviert. Ein "krummer" Öffnungswert von 1:3,5 – der entweder um ⅓ Belichtungsstufe lichtstärker als das Öffnungsverhältnis 1:4,0 war, oder eben ⅔ lichtschwächer als 1:2,8 – paßte nicht in Schema dieser Lichtwertkupplung. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb – zumindest anfänglich – auf dem Zeitenring des Prestor die 1/500 Sekunde graviert wurde, obgleich die kürzeste Verschlußzeit nominell 1/750 Sekunde betrug. Bei Zeiss nahm man es eben sehr genau.
Auch bei der Werra III, die keinen eingebauten Belichtungsmesser besaß, wurde die Lichtwertkupplung angewandt. Die Idee dieser Praxis lag darin, wie bei der Werra IV eine vom Belichtungsmesser angezeigte Zeit-Blenden-Kombination am Verschluß einzustellen – bei der Werra III eben durch Benutzung eines Handbelichtungsmessers. Diese Einstellung erfolgte, indem die Sperrtaste auf dem Blendenring gedrückt wurde. Anschließend rastete diese entweder bei vollen oder bei halben Blendenwerten
wieder ein – aber eben nicht bei einem Drittel Blendenwert! Diese konstruktive Inkonsequenz wurde nun nachträglich durch eine mechanische Begrenzung der Maximalöffnung auf 1:4,0 aus der Welt geschafft. Erst die WERRAmatic mit ihrer Belichtungshalbautomatik per Nachführzeiger hatte einem gegenüber dem Zeitenring stufenlos verstellbaren Blendenring, was sie von der ansonsten baugleichen Werra V unterscheidet.

Als positiver Nebeneffekt ergab sich, daß durch die geringfügige Reduktion der Öffnung die doch recht erhebliche Vignettierung des Cardinars ein beachtliches Stück zurückgedrängt werden konnte, wie Günther Benedix anhand der obigen Abbildung nachweist. Bis zu einem Bildkreis vom Durchmesser der Bildhöhe bleibt die Ausleuchtung bei etwa 85 Prozent. Sie fällt jedoch in den äußersten Bildecken auf unter 30 Prozent, was auf den damals oft verwendeten Farbumkehrfilmen unter Umständen sichtbar werden konnte. Aus dem Prüfbericht ist zu entnehmen, daß bei Zeiss die Untergrenzen von 20 Prozent des Mittenlichtes in den Bildecken nicht unterschritten werden durfte. Das Cardinar lag also in jedem Falle über dieser Grenze.

Dieser Helligkeitsabfall in den äußersten Bildecken ist oben noch einmal anhand des blau gezeichneten Strahlenbüschels für die größte Hauptstrahlneigung gezeigt. Die eingezeichneten Zahlenwerte lassen zudem erkennen, daß die bildseitige Hauptebene noch vor dem vordersten Linsenscheitel lag. Das kennzeichnet das Cardinar eindeutig als Teleobjektiv. Und diese Eigenschaft war wohl auch ausschlaggebend für den neuen Namen: Cardinalpunkte sind die Schnittpunkte dieser Hauptebenen ("Cardinalebenen") mit der optischen Achse.

Bei der Betrachtung des Fassungsaufbaus des Cardinars 4/100 für die Werra ist noch einmal deutlich zu sehen, wie weit die Rücklinse regelrecht hinten aus der Objektivfassung herausschaut, damit sie tief genug in den Zentralverschluß eintauchen kann und damit so nahe wie möglich an dessen Öffnungssektoren zu liegen kommt. Das war die Grundvoraussetzung für eine gleichmäßige und vor allem auch gleichzeitige Belichtung des gesamten Bildfeldes während der Zeit, in der sich die Lamellen des Verschlusses öffnen und wieder schließen. Dazu war auch ein Verlegen der Blende möglichst weit nach hinten notwendig. Erfüllt wurden diese Forderungen gemäß der oben gezeigten Patentschrift dadurch, daß die Hinterlinse als dünnes, sammelnd wirkendes Element ausgeführt wurde, das so nah an den vorderen Objektivteil herangerückt wurde, daß der Luftraum zwischen den beiden Teilen nur 17% der Gesamtbrennweite des System betrug und zudem die gesamte Baulänge des Objektivs vom vorderen Linsenscheitel der Frontlinse bis zum hintersten der Hinterlinse kleiner ist als 57% der Gesamtbrennweite von 100 mm blieb.
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Oben ein Cardinar 4/100 mm aus dem Jahre 1961, darunter eine Exemplar von 1968. Interessant daran: Innerhalb dieses Zeitraumes hat es das Gütezeichen Q verloren. Das Gütezeichen 1 auf einem Jenaer Objektiv ist wiederum etwas Außergewöhnliches. Im Jahr darauf wurde die Produktion eingestellt.
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Von diesem Cardinar 4/100 mm wurden zwischen 1959 und 1969 immerhin etwa 23.000 Stück hergestellt. Trotzdem bedeutet das, daß sich nur ein Bruchteil der Besitzer der Werras III, IV und V wirklich ein Wechselobjektiv zu ihrer Kamera gekauft haben. Mit einem Preis von glatt 200,- Mark und war auch mehr als doppelt so teuer, wie das vergleichbare Telefogar 3,5/90 mm für die Altix.
3. Das Cardinar 4/240 mm für Fernsehkameras
In den 1950er Jahren wurde auch in der DDR das Fernsehen als neues Leitmedium etabliert und stark ausgebaut. Dabei ergab sich jedoch das Problem, daß zwar der aus dem AEG-Röhrenwerk Oberspree hervorgegangene VEB Werk für Fernmeldewesen in Oberschöneweide mittlerweile eigene Bildröhren für die nötigen Empfangsgeräte herstellen konnte. Die Aufnahmekameras blieben jedoch qualitativ hinter der Technik aus dem Westen zurück. Insbesondere für sogenannte Direktübertragungen (also Live-Sendungen) im mobilen Einsatz arbeiteten die Kameras nicht stabil genug. Während das Werk in Oberschöneweide im Jahre 1960 in "VEB Werk für Fernsehelektronik" umbenannt worden war, firmierte ein Produktionsstandort in der Neuen Bahnhofsstraße in Berlin Friedrichshain weiterhin als "VEB Werk für Fernmeldewesen". Hier, in unmittelbarer Nähe zum Ostkreuz, wurde seit 1957 eine zuverlässige Fernseh-Universalkamera entwickelt. Sie konnte als "FUK2" erstmals auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1963 präsentiert werden. Es handelte sich um eine Gemeinschaftsentwicklung zwischen diesem besagten Werk für Fernmeldewesen, dem Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamt der DDR sowie dem VEB Carl Zeiss Jena [Vgl. neue Zeit vom 8. März 1963, S. 5.].

Zum 1. Juli 1963 wurde dieser Betrieb am Ostkreuz in VEB Meßelektronik Berlin umbenannt [Vgl. ND vom 11. Juli 1963, S. 6.]. Die Fernsehgeräteentwicklung wurde dann in den zum 1. Januar 1964 gegründeten VEB Studiotechnik Berlin in der Rungestraße verlegt. Unter dieser neuen Betriebsbezeichnung wurde dann auf der Leipziger Frühjahrsmesse die verbesserte FUK 2-1 präsentiert. Mit Ausnahme des Orthikons war die gesamte Elektronik volltransistorisiert [ND vom 6. März 1964, S. 3.]. Die Kamera arbeitete so stabil, daß erstmals uneingeschränkt Einsätze im Außenbereich in Verbindung mit einem Fernseh-Übertragungswagen möglich waren.


Um bei den Bildaufnahmeröhren von Importen aus dem Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet unabhängig zu werden – nach dem damaligen Sprachgebrauch als "Störfreimachung" bezeichnet – wagte man im Werk für Fernsehelektronik sogar die Entwicklung eigener Orthikon-Röhren [aus ND vom 11. November 1961, S. 4.]. Zur Frühjahrsmesse 1964 konnte der VEB WF das Super-Orthikon F7,5M mit 7,5 cm (3 Zoll) Röhrendurchmesser vorstellen [Vgl. ND vom 15. Februar 1964, S. 3.]. Im Sommer zuvor hatte man in Oberschöneweide eine Schutzgas-Montagestrecke für die serienmäßige Fertigung dieser Aufnahmeröhren aufgebaut. Es wird deutlich, daß die DDR – wie in vielen anderen Fällen auch – Dinge noch einmal neu erfand, die es eigentlich schon gab, nur um jährlich 100.000 DM Devisen einzusparen. Wie viele Millionen DDR-Mark der Aufbau dieser Röhrenfertigung gekostet hat, das wurde in der Tagespresse freilich nicht debattiert.

Der nächste Schritt war die zur Frühjahrsmesse 1966 vorgestellte Aufnahmeröhre Superorthikon F11,5 M1 [Vgl. BZ vom 2. März 1966, S. 4.]. Die 11,5 cm beziehen sich auf den Außendurchmesser von 4,5 Zoll. Durch den in der Röhre integrierten Sekundärelektronenvervielfacher lieferten diese neuen Röhren ein bereits intern hochverstärktes Signal, weshalb gegenüber den 3-Zoll-Typen ein deutlich besseres Signal-Rausch-Verhältnis erreicht wurde. Dieses Aufnahmeröhre wurde in der Fernseh-Universalkamera FUK5 eingesetzt, die bereits 1965 erstmals gezeigt worden war [Vgl. Neue Zeit vom 13. Oktober 1965, S. 3.], aber damals noch mit einem 4,5-Zoll-Image-Orthicon aus England arbeitete.

Blick in eine geöffnete FUK 5. Die Verdrahtung mit Lötösenleisten mag auf den ersten Blick veraltet vorkommen, war aber damals sehr professionell und wartungsfreundlich; zumal es auf äußerste Kompaktheit gar nicht ankam.

Diese FUK5 mit der 4,5-Zoll-Röhre hatte ein Bildformat der Photokathode von 24x32 mm – also beinah Kleinbildgröße. Der VEB Carl Zeiss Jena entwickelte dafür eine Reihe an Sonder-Objektiven. Oben ist die zu Jahresende 1964 für diese FUK5 vorgesehene Objektivpalette überblicksmäßig dargestellt. Seltsamerweise fehlt aber ein Teleobjektiv, das nachweislich speziell für diesen Einsatzzweck produziert wurde: Ein Cardinar 4/240 mm, das für die Fernsehkamera als Tevinar 4/240 bezeichnet worden ist.

Die ursprüngliche Rechnung geht bereits auf den 5. November 1957 zurück, auf den der Versuch V252 datiert. Ein zweites Rechnungsdatum für das Serienobjektiv liegt vom 27. Februar 1959 vor. Die Radien, Dicken und Luftabstände beider Rechnungen sind absolut identisch, nur der Durchmesser der hintersten Linse ist beim Serienobjektiv von 49 auf 39 mm verkleinert worden weil das Format nachträglich auf 24x36 mm reduziert wurde. Das ursprüngliche Objektiv nach V252 war nämlich für das volle Format 56x56 ausgelegt!
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Ein Exemplar des Cardinar 4/240 mm. Die Blende wurde offenbar elektromotorisch eingestellt. Bild: Michael Dümmel.
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Das geht auch aus dem obigen Prüfbericht vom 6. August 1958 hervor, der dem Cardinar 4/240 für das volle Mittelformat eine sehr ausgewogene Bildleistung bescheinigt. Es handelte sich für seine Zeit um ein sehr gutes Teleobjektiv, das ohne Spezialgläser auskam. Man erfährt aber auch, daß es nur hilfsweise mit Praktisix-Anschluß ausgestattet worden war, weil es von vornherein gezielt für Fernsehkameras geschaffen wurde.

Es handelte sich – wie auch bei den anderen hier besprochenen Cardinaren – prinzipiell um ein typisches Sonnar. Freilich mit der Besonderheit, daß wie beim Cardinar 4/100 im mittleren Kittglied ein Luftspalt eingeführt worden war, obwohl hier in diesem Falle die zugehörigen Radien 4 und 5 sogar denselben Radius von 345,1 mm aufwiesen. Mit 3,1 mm hatte dieser Luftspalt aber eine beachtliche Größe.

Eine FUK5-Fernsehkamera im Studio-Einsatz. An ihrem Objektivrevolver sind vier Tevinar-Objektive einsatzbereit. Bild: Manfred Uhlenhut.

Oben: Der dreilinsige Achromat Tevinar 10/1000 mm mit zweimaliger Spiegelumkehr (hier als Fernobjektiv bezeichnet) für die FUK-Fernsehkamera.
Marco Kröger
Letzte Änderung: 24. Januar 2026

Yves Strobelt, Zwickau
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