Knips

Die Knips

Wenn man böse ist, könnte man sagen: Das kommt dabei raus, wenn ein Spielzeug-Hersteller eine Photokamera auf den Markt bringt.

GBZ Knips

Eindeutig unter die Kategorie Box fällt auch diese schlichtweg "Knips" genannte Kamera des VEB Glas-Bijouterie Zittau. Wie die Kodak Pionier war auch dieses kleine Aufnahmegerät, das durch das versenkbare Objektiv sehr kompakt wirkt, für den Rollfilm 127 vorgesehen – hier aber mit einer brauchbareren Bildgröße im Nennformat 4 x 6,5 cm. Brauchbarer deshalb, weil es sich dabei wohl um das allerkleinste Negativ handelt, das überhaupt noch für die sogenannte Kontaktkopie geeignet ist. Das heißt, es war von vornherein nicht vorgesehen, das Negativ auf Photopapier zu vergrößern, sondern im Kontaktverfahren auf billige Weise kleine Papierbildchen von der Größe des belichteten Negativs anzufertigen. Dafür waren damals überall noch kleine Kopierrahmen aus Holz im Handel erhältlich. Wenn man für das Kontaktverfahren noch sogenanntes Auskopierpapier verwendete, dann brauchte man nicht einmal einen Positiventwickler. Nur fixiert werden mußte das Papierbildchen in der recht billigen Natriumthiosulfatlösung abschließend noch.


Um diesem billigen Herstellungsverfahren der Papierpositive gerecht zu werden, war auch die "Knips" auf äußerste Preiswürdigkeit hin ausgelegt. Nur 10 Mark und 90 Pfennige kostete das kleine Gerät. Erreicht werden konnte dies mit einem vollständig aus Kunststoff bestehenden Kameragehäuse und einer Einzellinse als "Objektiv". Um nun die verheerende Wölbung des Bildfeldes auszugleichen, die sich einstellt, wenn eine Einzellinse mit einer Hinterblende versehen wird, war bei dieser kleinen Kamera bereits die Bildbahn durchbogen gestaltet. Aber auch dieses ausgeklügelte technische Merkmal kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß man den Eindruck bekommt, es handele sich bei der "Knips" eher um ein Spielzeug, wenn man diese Kamera das erste Mal in den Händen hält. Vielleicht war sie das ja auch. Der Hintergrund zu dieser Kamera ist nicht ganz klar, aber es ist nicht auszuschließen, daß es sich um eine Konsumgüterproduktion handelte, die durchaus in Spielwarengeschäften vertrieben worden ist. Immerhin gehörten Spielwaren zum Kerngeschäft dieses Zittauer Betriebes. Allerdings ist die "Knips" auch in einem "Gebrauchswaren-Katalog Foto - Kino - Optik" zu finden, der etwa aus dem Jahre 1957 stammen dürfte, und der offensichtlich einen Warenüberblick für den Photohändler bot. Daraus könnte man wiederum schließen, daß es sich durchaus nicht um ein reines Spielzeug oder gar einen Scherzartikel gehandelt hat. Ob es sich bei 7717/0040 um eine Erzeugnisnummer oder eine Art Bestellnummer handelt, ist bislang unklar.

Knips um 1957

Warum also überhaupt derartige Zweifel an der "Ernsthaftigkeit" dieser Kamera? Das liegt daran, daß trotz ihrer Auslegung auf eine extreme Massenproduktion heute nur wenige Exemplare der Knips erhalten geblieben sind. Daraus muß man doch schlußfolgern, daß etwas nicht so gelaufen ist, wie es geplant war. Entweder waren die hergestellten Stückzahlen am Ende doch nur sehr gering oder die Produktionszeit nur ganz kurz oder aber bereits fertiggestellte Exemplare wurden wieder vom Verkauf zurückgezogen. Wieso nur, wo die Knips doch so kompakt und billig gewesen ist? Ein Anhaltspunkt für die Klärung dieser Frage scheint mir in der Tatsache zu liegen, daß diese Kamera nicht aus Preßstoff (also aus Phenolharzen) gefertigt ist, wie dazumal die Pouva Start oder die Perfekta-Modelle, sondern offensichtlich aus dem thermoplastisch verformbaren Kunststoff Polystyrol. Das hatte den herstellungstechnischen Vorteil, daß das Gehäuse nicht aufwändig "gebacken" werden mußte, sondern in rascher Folge im Spritzgußverfahren herstellbar war.

Nun ist es aber leider so, daß dieser Werkstoff eigentlich gar nicht für den Kamerabau geeignet ist. Im Gegensatz zu Bakelit ist Polystyrol nämlich eine glasklare Masse. Das ist an sich eine feine Sache, denn man kann sie, falls man es bunt mag, in allen möglichen Schattierungen anfärben. Aber dann sieht der Gegenstand nur äußerlich gleichmäßig farbig aus. Anhand zweier tiefschwarz scheinender Objektivdeckel aus Polystyrol, die ich aber in der obigen Abbildung mit einer starken Lichtquelle durchleuchtet habe, erkennt man, daß sich die Masse niemals gleichmäßig durchfärben läßt. Aber schlimmer noch: Man bekommt Polystyrol nur schwer lichtdicht. Es genügen aber kleinste Mengen an Licht, wenn sie nur lange genug einwirken, um den Film zu verschleiern. Meine These also: Möglicherweise konnte bei dieser Kamera in einer Serienfertigung nicht sichergestellt werden, daß sie wirklich lichtdicht war. Das könnte der Grund dafür sein, daß sie damals recht bald wieder aus den Geschäften verschwunden ist.

Nachtrag vom 20. August 2020

Von Wissenschaft darf man sprechen, sobald sichergestellt ist, daß die Theorie an der Erfahrung scheitern kann. Dreht man dieses Prinzip um, dann ergibt sich daraus, daß eine Theorie schlichtweg dadurch Bekräftigung erfährt, wenn sie auch durch wiederholte empirische Untersuchung nicht widerlegt worden ist. Damit es nicht zu hochtrabend wird: Wenn oben behauptet wurde, die "Knips" sei aus eingefärbtem Polystyrol gefertigt und dieses Material sei nur schwer lichtdicht zu bekommen, dann wirken Bildergebnisse, wie sie unten gezeigt sind, nicht gerade wie eine Widerlegung dieser Theorie.

Erst einmal muß vorausgeschickt werden, daß die Kamera an sich in Ordnung ist. Das heißt es entsteht ein Bild auf einer Mattscheibe, die man ins Bildfenster legt und der Verschluß arbeitet ebenfalls korrekt. Wenn der entwickelte Film aber so aussieht, wie oben dargestellt, also nur marginale Bildspuren sind von einem gleichmäßigen massiven Schleier überdeckt, dann bleibt fast nur der Rückschluß übrig, daß das Kameragehäuse der Knips beständig diffus Lichtmengen hindurchläßt, die das Filmmaterial sukzessive exponieren. Selbst die Stege zwischen den Bildern sind ja von einem leichten Schleier belegt, obwohl die nur während des Filmtransportes dem Lichteinfall ausgesetzt wären. Nicht so jedoch der Filmrand, denn hier liegt das Material schließlich auf der dicken Bildbahn auf. Eine Gegenprobe zur weiteren Bekräftigung meiner Theorie steht freilich noch aus: Ist der Film auch dann noch so schrecklich verschleiert, wenn man die Kamera nur ganz kurz zum Zwecke des Knippsens dem Tageslicht aussetzt bzw. wenn man das Gehäuse konsequent vor Lichteinwirkung abschirmt? Demnächst also mehr...

Nachtrag vom 12. Januar 2022

Die Frage, die Yves und mich in den letzten Monaten beschäftigt hat, war also, was wohl passiert, wenn man noch einmal einen Film in die Knips einlegt und dabei das Gerät aber immer nur ganz kurzzeitig aus der Tasche nimmt bzw. das Gehäuse zusätzlich in Alufolie einwickelt. Und was soll ich Ihnen sagen...

An Schärfe oder so etwas ähnliches sollte man zwar gar nicht erst denken, aber jetzt zeichnen sich deutlich ganz normale Bildspuren auf dem Film ab und die Durchschleierung des gesamten Bildfeldes ist auf einmal verschwunden. Damit dürfte nun die These, daß der Zittauer Hersteller eine Kamera auf den Markt gebracht hatte, die gar nicht richtig lichtdicht war, und die deshalb auch nach kurzer Zeit wieder aus den Geschäften verschwand, eine ziemlich starke Bekräftigung erfahren haben. Quod erat demonstrandum.

Marco Kröger/Yves Strobelt


letzte Änderung: 15. Januar 2022