zeissikonveb.de
Phototechnik aus Jena, Dresden und Görlitz
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Leica-Sonnar
... und andere rätselhafte Objektiv-Hinterlassenschaften des Krieges
1. Fälschungen als Phänomen bei der Umstellung auf eine Friedenswirtschaft
Noch bis in die letzten Wochen des Krieges wurden in Nazis-Deutschland mit riesigem Aufwand Rüstungsgüter fabriziert, für die auch sehr aufwendige optische Bauteile benötigt wurden. Natürlich konnte auch damit die deutsche Niederlage nicht mehr abgewendet werden. Doch bei Kriegsende waren von diesen Geheimprojekten bei optischen Firmen wie Zeiss in Jena viele Reste übriggeblieben. Und was die Amerikaner nicht gleich mitgenommen haben, geriet auf den Schwarzen Markt. Die Not war groß in den Hungerwintern nach 45 und man versuchte, alles einzutauschen um sich und seine Familie ernähren und kleiden zu können. So eine Leica übrigens war damals eine kleine Lebensversicherung.
In diesen Jahren bis zur Währungsreform müssen gar seltsame Dinge vor sich gegangen sein. Das ist ja auch kein Wunder, wenn hochspezialisierte Facharbeiter arbeitslos sind. Die suchen sich dann eben ihren Unterhalt. Und so ähnlich, wie niemand recht sagen kann, wo genau eigentlich zu ebenjener Zeit die Mimosa-Kamera herkam, so verhält es sich auch mit diesem ominösen Leica-Sonnar. Dieses Objektiv gibt es in vielen, in Details voneinander abweichenden Ausführungen – mit unterschiedlichen Brennweitenangaben, mit verschiedenen Lackierungen und ab und an sogar vergütet. Eines haben diese Objektive aber allesamt gemein: Sie sind weder von Leitz ("Leica") noch von Zeiss ("Sonnar") fabriziert worden. Diese beiden Markenbezeichnungen wurden schlichtweg geklaut.

Diese Leica-Sonnare, die hin und wieder auftauchen, sind interessante Überreste aus der oben beschriebenen kurzen Phase der späten 1940er Jahre, als Deutschland unter Besatzung stand. Diese kurze Zeitspanne ist heute zum Teil schon vergessen, weil sie in beiden deutschen Staaten sehr rasch von einer Ära des Wiederaufbaus und der Neuentwicklungen abgelöst wurde, deren Glanz noch heute das geschichtliche Bild bestimmt. In Wirklichkeit war jedoch die Zeit vor allem kurz nach den Währungsreformen vom Sommer 1948 noch einmal von großer wirtschaftlicher Depression und hoher Arbeitslosigkeit geprägt. Um so wertvoller ist eine zeitgenössische Veröffentlichung der Abteilung Photo des Zeisswerkes aus dem Jahre 1949, die unter dem Titel "Ein trübes Kapitel: Nachahmungen und Fälschungen" ein Licht auf diesen Zeitabschnitt wirft:
"Während der Demontage im Winter 1946 auf 1947 sind, teils durch Werksangehörige, teils durch Außenstehende, die während dieser Zeit Zutritt zum Werk hatten, Objektive in fertigem und halbfertigem Zustand, teils auch nur in Einzelteilen, herausgeschafft und fremden Stellen in die Hand gespielt worden. Soweit es sich um fertige oder fast fertige, jedenfalls schon geprüfte Objektive handelte, ist eine Schädigung unseres Namens kaum eingetreten. Anders liegt der Fall bei den aus Einzelteilen von anderer Seite mit mehr oder weniger Geschick und Glück zusammengebauten Objektiven. Nur da, wo die Objektive errechnet und hergestellt werden, kennt man die genauen Daten und Maße, die beim Fassen unbedingt eingehalten werden müssen, soll jedes Objektiv die vorgeschriebene Leistung haben. Linsen aus verschiedenen Fabrikationsserien kann man nicht ohne weiteres zu einem vollwertigen Objektiv kombinieren. Darum kehren sie die Pfuscher aber nicht, wenn nur das Objektiv äußerlich wie 'Zeiss' aussieht und so graviert ist.
Wir haben sogar in einigen Fällen Gelegenheit gehabt festzustellen, daß einzelne Linsen fehlten.
Ein großer Teil der gefälschten Objektive ist dem sorgfältigen Beobachter äußerlich an der schlechten Gravierung der Entfernungs- und Meterteilung oder der üblichen Objektivbeschriftung zu erkennen. Auch die vielfach ganz willkürlich gewählten Fabrikations-Nummern berechtigen zu Zweifeln an der Echtheit, wenn sie bei Sonnaren unter der Zahl 2 000 000 liegen.
[...] Seit vorigem Jahr [also 1948, MK] sind an vielen Stellen Objektive mit der Gravierung Sonnar 1,5/5,8 cm (oder 6 cm) aufgetaucht, vereinzelt auch mit der Gravierung 5 cm. Hauptsächlich werden diese Objektive in Fassungen für die Leica angeboten. Die Gravierung lautet mitunter 'Leica-Sonnar' ohne jede Firmenbezeichnung, während manche auch mit Carl Zeiss, Jena graviert sind.
Es handelt sich bei diesen Linsen um während des Krieges von anderer Seite für Sturzvisiere nach einer Sonnarform hergestellte Objektive in einer ziemlich rohen Fassung ohne Irisblende und ohne jede weitere Beschriftung. Es ist anzunehmen, daß verschiedene Werkstätten, die leider noch nicht ermittelt werden konnten, diese Objektive umgefaßt und ergänzt haben. Die Käufer derartiger Objektive haben verschiedentlich bei uns wegen der schlechten Bildqualität reklamiert. Selbstverständlich lehnen wir jede Nachprüfung und Instandsetzung ab und versuchen, die Objektive aus dem Verkehr zu ziehen.
[...] Durch eine Anzeige in verschiedenen Fach- und Tageszeitungen haben wir vor dem Ankauf von unter der Hand angebotenen Objektiven gewarnt und gebeten, vorher unter Angabe der vollen Beschriftung und der Fabrikations-Nummer anzufragen, ob es sich um ein Original-Zeiss-Fabrikat handelt. Eine sichere Feststellung ist natürlich nur an Hand des betreffenden Objektivs möglich, da wir an Hand der Nummer nur feststellen können, ob darunter ein Objektiv der angegebenen Art von uns hergestellt worden ist. Die Fälscher können nämlich absichtlich oder zufällig eine Nummer aufgraviert haben, unter der tatsächlich ein gleiches Objektiv von uns hergestellt und ausgeliefert worden ist.
[...]"
Halten wir also fest: Die Optik selbst stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einer der Zeiss-Fabrikationsstätten. Zweitens spielt die Zeitspanne der Demontagen eine zentrale Rolle. Einmal, weil während diese vonstatten ging ein völliger Kontrollverlust darüber eintrat, was das Werksgelände verließ und von wem es mitgenommen wurde. Zweitens aber folgte diesen Demontagen eine Phase, in der Zeiss Jena selbst als Lieferant von Photoobjektiven völlig ausfiel. Es klaffte also eine riesige Angebotslücke, die sich mit den Fälschungen ausgleichen ließ, gleichgültig wie schlecht sie auch gemacht sein mochten.
2. Wer hat während des Krieges eigentlich die Sonnare weiterentwickelt?
Sturzvisiere waren spezielle Zielgeräte für Kampfbomber. Wer über diese martialischen Tötungsmaschinerien Nähreres wissen möchte, der lese in einschlägigen Quellen unter den Stichworten "Stuvi" und "Stuka" nach. Da das ganze Gerät bei der Zeiss Ikon in Dresden gefertigt wurde, scheint als erste Schlußfolgerung nahe zu liegen, auch das zugehörige Objektiv werde wohl von dort her stammen. Ja, vielleicht ist es sogar noch von Ludwig Bertele, dem Erfinder der Sonnare, errechnet worden, der schließlich sein Büro in den ehemaligen Ernemannwerken behalten hatte. Und so wie die Mimosa allen Indizien nach durch arbeitslose Zeiss Ikon Mitarbeiter geschaffen worden sein mag, so könnten auch diese Leica-Sonnare auf ähnliche Weise entstanden sein, indem in Dresden die vorhandenen Linsen neu gefaßt und mit einer Irisblende versehen wurden.

Nachdem die Amerikaner abgezogen waren und das Werk den Russen übergeben wurde, nahmen die sowjetischen Offiziere alles mit an Unterlagen, das sie bekommen konnten. Sie interessierten sich aber nicht nur für die militärischen Projekte, sondern vor allem auch für die allgemeinen Photoobjektive. Wir sollten uns nicht wundern, wenn die sowjetischen Objektive der 50er und 60er Jahre den Eindruck erwecken, sie seien direkte Kopien Jenaer Originale. Aus dieser Zeit, als Herr Jachontow und vor allem Herr Wolosow alle Konstruktionsunterlagen inklusive Variations- und Kombinationsrechnungen anforderten, um sie in die SU zu verbringen, stammt die obige Aktennotiz (Sammlung Benedix). Sie gibt uns Auskunft darüber, daß das hier behandelte Sonnar 2,5/25 cm in Dresden berechnet wurde und zwar von einem gewissen "WR".
Ein Blick in die Zeiss-Datenblattsammlung sowie in die Patentliteratur vermittelt allerdings einen ganz anderen Eindruck. Aus dieser Quellenüberlieferung muß man schlußfolgern, daß während des Zweiten Weltkrieges die Entwicklung des Sonnar-Typs tatsächlich auch in Jena erfolgt sein muß – und zwar allem Anschein nach schon lange bevor Ludwig Bertele den Zeiss Konzern Ende 1941 verlassen hat. Fest steht jedenfalls, daß Willy Merté im September 1942 das unten zu sehende Patent auf Sonnare genommen hat, bei denen in der zweiten Gruppe das charakteristische Kittglied aufgelöst und stattdessen eine dünne Luftlinse eingefügt bzw. bei gleichgroßen Radien die beiden Linsen nur aneinander geheftet ("angesprengt") wurden. Die Optik unseres Leica-Sonnars kann also durchaus auch in Jena entwickelt worden sein.


Die Zeiss-Datenblattsammlung, die über 30 Jahre von Willy Merté geführt wurde, gibt uns mit diesen beiden Karten Nr. 1430 von 1939 und 1440 von 1941 einen Einblick in die Sonnar-Entwicklung während des Krieges. Gut ist zu sehen, daß bereits beim Objektiv vom August 1939 die "Füll-Linse" im ersten Kittglied (wieder) durch einen kleinen Luftspalt ersetzt wurde.


Ein Sonnar 1,5/5 cm vom April 1942. Zu diesem Zeitpunkt war Ludwig Bertele definitiv nicht mehr für Zeiss tätig. Linse 2 und 3 sind nicht miteinander verkittet sondern bilden einen Luftspalt oder sind aneinandergeheftet.
Unten: Sonnare aus Dresden aus derselben Zeit wurden hingegen ausdrücklich mit "Zeiss Ikon" gekennzeichnet. Diese Objektive könnten von Robert Geißler gerechnet worden sein.

Doch damit ist noch nicht die Frage beantwortet, wie diese Linsensätze nach dem Kriege in eine Fassung für den Leica-Gewindeanschluß gelangt sind. Daß dies im Ikon-Werk geschehen ist, scheint wenig plausibel, da dort die Anlagen und Maschinen zu großen Teilen in Trümmern lagen und die Reste noch 1945 von der Sowjetischen Besatzungsmacht demontiert wurden. Gerade deshalb mußten ja die ersten Zeiss-Ikon-Nachkriegskameras in angemieteten Räumen bei Mimosa gebaut werden. Bei genauerer Betrachtung dieses ominösen Sonnars fallen dagegen etliche Ähnlichkeiten mit Objektiven auf, wie sie vor, während und nach dem Kriege von Meyer-Optik in Görlitz gefertigt wurden. Dazu gehören die Machart der Aluminiumfassung genau so, wie die Gravur mit ihrem charakteristischen Schriftbild. Aber das sind natürlich nur Vermutungen, die heute keiner mehr belegen oder entkräften kann. Dennoch deutet viel auf eine professionelle Fertigung der hier zu sehenden Objektivfassung hin, was auch daran abzulesen ist, daß wegen der längeren Brennweite nicht wie bei den originalen Leica-Normalobjektiven einfach der Objektivhub abgetastet werden konnte, um den Entfernungsmesser mit dem Objektiv zu kuppeln. Vielmehr mußte der Kurve für die Abtastrolle des Entfernungsmesser eine besondere Form gegeben werden.
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Daß dieses dubiose Leica-Sonnar keine für photographische Zwecke ausreichende Bildqualität erreicht, muß übrigens nicht verwundern. Schließlich lag seine Aufgabe ursprünglich im rein visuellen Bereich, indem es zwei Visiermarken – eine gekoppelt an die Flugzeuglängsachse, die andere an die Bordwaffe – im Unendlichen abbildete, mit deren Hilfe dann gezielt werden konnte.
3. Objektivbau in den Fängen der Rüstungsfertigung
Dabei ist das "Leica-Sonnar" als Teil eines Zielgerätes nur eines unter vielen "Überbleibseln" an aufwendigen Objektiven aus der Kriegszeit. Insbesondere nach dem Überfall auf die Sowjetunion und der Erkenntnis, daß die "Eroberung des Ostens" nicht in Form eines Blitzkrieges vonstatten gehen wird, wurden von der Abteilung Photo bei Carl Zeiss Jena noch viel komplexere Abbildungsoptiken verlangt. Einen ganz speziellen Entwicklungspfad machten dabei extrem lichtstarke Objektive aus, die im Zusammenhang mit Kathodenstrahlröhren als Nachtsichtgeräte im unsichtbaren Infrarotbereich genutzt wurden. Um solches Neuland betreten zu können, waren bedeutende wissenschaftliche Leistungen im Bereich der optischen Konstruktion notwendig. Solcherlei "Errungenschaften" bildeten letztlich aber auch den Grund dafür, weshalb dieser verbrecherische Krieg bis fünf Minuten nach Zwölf weitergeführt werden konnte.

"Adler, Uhu, Seehund". Was klingt wie aus Brehms Tierleben war in Wirklichkeit ein hinter Tarnbezeichnungen versteckter Geräteapparat zur photographischen und/oder visuellen Luftaufklärung aber vor allem für den Einsatz als Ortungs- und Waffenleitgeräte auf Schiffen, Panzern und in Jagdbombern. Hier wurde im für das Auge unsichtbaren Ultrarot-Bereich (heute Infrarot genannt) gearbeitet, was diese höchsten Objektivlichtstärken sowie eine spezielle Korrektur in diesem Spektralgebiet verlangte. Das oben genannte "FG1252" wurde beispielsweise auf Panzern montiert, um im Schutze der Dunkelheit operieren zu können. Es war ein als "Fahrgerät" bezeichnetes, aktives Nachtsichtgerät, bei dem das Gelände mit einem Infrarotscheinwerfer ausgeleuchtet und mit einem dieser hochlichtstarken Objektive auf einem Bildwandler abgebildet wurde. Die Seehund-Geräte wurden dagegen bei der Marine eingesetzt; und zwar hier zur Nachrichtenübermittlung. Es gab außerdem auch rein passiv arbeitende Ortungsgeräte ("Wärmepeilgeräte" genannt), für die derartige hochlichtstarke Optiken benötigt wurden.
Die Ausdrücke "UR" und "IR" wurden wahlweise verwendet, ohne daß sich ein Schema erkennen läßt. We gleich gezeigt werden wird, waren die Objektive 1,0/5 cm; 7,5 cm und 9 cm (das hier in den Listen gar nicht enthalten ist, aber existiert) im Grundsatz von derselben Bauart.

Links ein IR-Objektiv 1:1 f = 5 cm für den Seehund III, rechts eines mit 9 cm Brennweite für das besagte Fahrgerät FG1252. Bilder: Stefan Baumgartner.

Anhand der Karte 1408 aus der Zeiss-Datenblattsammlung für ein Objektiv 1,0/7 cm ist oben gezeigt, daß einer der Ausgangspunkte für diese IR-Objektive in Mertés Biotar gelegen hat. Im Grunde genommen haben wir es bis zum zweiten Kittglied mit einem damals bereits viel verwendeten Doppelgauß-System zu tun. Wie auch heute noch üblich, ist lediglich die bildseitige Sammellinse auf zwei Elemente aufgespaltet, von denen wiederum die erste als Kittglied ausgelegt ist. Ungewohnt erscheint dagegen die nur wenige Millimeter vor der Bildebene stehende bikonkave Zerstreuungslinse. Hier handelt es sich nach ihrem Erfinder Charles Piazzi Smiyth benannte Smyth'sche Linse zur Ebnung des Bildfeldes. Sie muß zerstreuend sein, um eine Unterkorrektion der Wölbung aufzuheben [Vgl. Flügge, Photograpisches Objektiv, 1955, S. 98.]. Wie gleich noch gezeigt werden wird, kann man eine solche Linse kurz vor der Bildebene auch dazu nutzen, um der Wölbung eine ganz bestimmte Form aufzuzwingen.

Die Besonderheit speziell dieses Versuchsobjektivs Nr. 13 von 1941 liegt darin, daß es für sichtbares Licht korrigiert ist, weshalb diese Bauform für die allgemeine Photographie geeignet gewesen wäre. Dazu war eine umfassende Korrektur der von der Lichtwellenlänge abhängigen Bildfehler nötig, was bei reinen für IR ausgelegten Objektiven vernachlässigt werden konnte. Man erkennt die dafür typischerweise verwendeten Maßnahmen im zweiten Kittglied, wo die Gläser SF15 und SK18 einander gegenübergestellt sind, die zwar ähnlich hoch brechen, jedoch erheblich voneinander abweichende Dispersionswerte haben. In Linse Nummer 8 fällt zudem die Verwendung des neuen Barit-Schwerflint BaSF 7 auf.

Oben der Verlauf der achsenparallelen (rot) und der in einem Halbwinkel von etwa 17 Grad geneigt einfallenden (blau) Strahlenbüschel durch das mit 15 Flächen für die damalige Zeit ungeheuer aufwendig gebaute Objektiv. Die Smyth'sche Linse, die in sehr kurzem Abstand vor der Bildebene steht, bewirkt sichtlich die nötige Ebnung des Bildfeldes, wenn man Mertés Konstruktionsdaten in ein Optik-Rechenprogramm eingibt. Der nach außen hin zunehmende Lichtweg durch diese Zerstreuungslinse bewirkt, daß der Brennpunkt der Randstrahlen auf dieselbe Bildebene wie für den Nullstrahl gezwungen wird.
Mit der Abbildung unten ist gezeigt, wie die Durchbiegung des Bildfeldes gezielt so gesteuert werden kann, daß sie genau mit der gekrümmten Oberfläche der Empfängerröhre zusammenfällt. Das ließ sich erreichen, indem die Krümmungsradien dieser Smyth-Linse entsprechend abgeändert wurden. Natürlich muß in der Praxis das Gesamtsystem daraufhin neu abgestimmt werden, um die Koma usw. wieder auszukorrigieren. Deshalb gibt es wohl von diesen hochlichtstarken Systemen derart viele Rechnungen.


Diesen Aufbau hat sich Willy Merté dann im Juli 1941 auch patentieren lassen, wodurch nun seine Urheberschaft eindeutig belegbar ist. Das Patent wurde freilich erst 13 Jahre später im Juli 1954 veröffentlicht, weshalb es auch nicht in Mertés Aufsatz "Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929" [in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943.] enthalten ist. All diese Entwicklungen fanden bereits unter Geheimhaltungsstufe statt.

Diese hochlichtstarken Objektive wurden aber nicht für die Zwecke allgemeiner photographischer Aufnahmen benötigt, sondern um mit einem Bildwandler Beobachtungen mit unsichtbarem Infrarotlicht zu machen. Darauf scheint sich die gesamte Entwicklung in der Folgezeit konzentriert zu haben. Oben ist der optische Aufbau eines IR-Objektivs 1,0/5 cm mit dem Abschlußdatum 23. Oktober 1942 gezeigt, das in dieser Form tatsächlich in die Fertigung gelangt ist. Am Achsenschnittbild fallen zwei Besonderheiten auf. Zunächst haben wir es wieder mit einer auf zwei Einzelelemente aufgespaltenen bildseitigen Sammelkomponente zu tun, wobei hier jedoch keine der beiden als Kittglied ausgelegt ist (es gab auch Varianten dieses Objektivs mit nur einer Sammellinse). Zweitens ist das für das Biotar typische zweite zerstreuende Kittglied hier auf eien einzelnen negativen Meniskus reduziert worden. Das erinnert sehr an den Biometar-Typ, der offenbar auf Merté zurückgeht, der aber erst nach 1945 durch Zöllner zur Serienreife gebracht werden wird. Schaut man auf die Koordinatensysteme, dann beeindruckt natürlich allem voran die extrem schlanke Kurve der sphärischen Aberration, die bei solch einer hohen Öffnung Grundvoraussetzung für eine einigermaßen kontrastreiche Abbildung war. In den beiden Darstellungen zu den b-Kurven hat uns Merté einmal gezeigt, welche Wirkung die Smyth-Linse hatte. Links ist das tatsächlich auf der konvexen Oberfläche der Röhre entstehende Bild gezeigt, bei dem die meridionale Schale (punktiert) sehr gut der Röhrenoberfläche angenähert ist, während die sagittale Schale (durchgezogene Kurve) im Maximum nur etwa 1 Prozent davon ins Negative ausbricht. "Auf Röhre" gab es also einen lediglich geringfügigen Astigmatismus. Daß es aber falsch wäre, von einem gut geebneten Bildfeld zu sprechen, zeigt die Darstellung rechts. Die Smyth-Linse sorgt in Wahrheit nämlich für eine starke Überkorrektion der Bildfeldwölbung, sodaß sich das Bildfeld regelrecht der gekrümmten Röhrenoberfläche anschmiegte.

Beim Blick auf den Glas-Aufbau dieser UR-Objektive 1:1,0/5 cm wird deutlich, daß das zweite zerstreuende Kittglied des Biotars nicht nur durch eine Einzellinse ersetzt, sondern diese aus dem tief-roten Filterglas RG8 hergestellt wurde, um das sichtbare Licht gänzlich auszuschalten. Oben im Datenblatt wird deutlich, daß diese IR-Objektive ganz und gar auf monochromatisches Licht der Wellenlänge 1014 nm ausgelegt waren. Das bewirkte der Einsatz der Schott-Filtergläser RG2, RG5 oder RG8. Es handelte sich um ein in der Masse gefärbtes Glas, das optisch in etwa den Bor-Kron-Gläsern (BK5, BK7) glich. Auf diese Weise war also der Infrarotfilter gleich innerhalb der Optik integriert. Die enge Eingrenzung auf 1014 nm erledigte dann offenbar der Infrarotscheinwerfer.

Oben ein Exemplar eines derartigen UR-Objektives 1:1/5 cm, das bei den "kombinierten Richtblinkern" vom Typ Seehund zur Nachrichtenübermittlung eingesetzt wurde [Bild: Baumgartner]. All diese Entwicklungen waren damals so geheim, daß man auch heute nur teilweise darüber Bescheid weiß. Sogar die Fertigungsstätten wurden chiffriert: So steht "blc" beispielsweise für die Jenaer Militärabteilung. Ein weiterer Tarnname für Zeiss war "rln", der offenbar für das sogenannte Jenaer Südwerk verwendet wurde.

Bei dem obigen Exemplar sind die beiden vorderen Gruppen herausgenommen, sodaß man direkt auf die Linse Nummer 4 schaut. Dieser zerstreuende Meniskus ist aus dem Filterglas RG2 gefertigt, das eine tiefrote Färbung hat und Lichtwellen unterhalb 650 nm mit steiler Kurve ausschaltet.

Beim Blick auf die durch das IR-Objektiv 1/5 cm mit Rechnung vom Juli 1943 verlaufenden Lichtbüschel stechen die zum Teil sehr steilen Winkel ins Auge, mit denen die Strahlen auf die Linsenoberflächen fallen. Soweit bisher bekannt ist, waren all diese Objektive mit einem Transparentbelag versehen. Es sei noch erwähnt, daß Merté zwar die Lage der Blende angibt, an dieser Stelle jedoch mechanisch gar kein Raum zur Verfügung steht, um tatsächlich eine übliche Irisblende unterzubringen

Um eine Vorstellung zu bekommen: ein solches UR-Beobachtungsgerät - heute würde man wohl von einem Nachtsichtgerät sprechen. Gut zu sehen die Wölbung der Röhrenoberfläche (47). Das obige Exemplar ist allerdings mit einem vom Petzval-Typ abgeleiteten Objektiv ausgestattet, wie es anfänglich von Zeiss geliefert worden ist, aber auch von Meyer-Görlitz, wie aus Willy Mertés Datenblattsammlung hervorgeht. Das Gerät unten ist dagegen mit einem von Leitz hergestellten, achtlinsigen UR-Objektiv bestückt, das ebenso in Mertés Datenblättern enthalten ist.


Auch dieses Leitz U.R.-Objekiv 1,0/9 cm vom März 1943 ist in der Zeiss Datenblattsammlung enthalten. Vier der acht Linsen bestehen aus Schwerkron SK16; die inneren Zerstreuungslinsen aus Schwerflint SF10.

Diese 9-cm-Objektive wurden im Fahrgerät FG1252 eingesetzt, die es dem Panzerfahrer ermöglichten, sich auch bei Nacht im Gelände zurechtzufinden. Auch bei Zeiss wurde im Oktober 1943 ein UR-Objektiv 1/9 cm abgeschlossen (bzw. dessen Kombinationsrechnungen K2 und K3). Aus dem obigen Dokument können wir schließen, daß es in der Optischen Anstalt Saalfeld gefertigt wurde, einer (geheimen) Tochterfirma des Zeisskonzerns, in die dann zu DDR-Zeiten die gesamte Photoobjektiv-Fertigung verlagert wurde. Wir dürfen zudem vorsichtig schlußfolgern, daß diese 9-cm-Objektive in ziemlich großen Stückzahlen gebraucht wurden. In den Unterlagen wurde es auch allgemein als "Bildwandlerobjektiv" bezeichnet.

Oben ist eine solche komplette Richtblinkanlage vom Typ "Seehund II mit P 4/10 / A 18 LT 41" zu sehen. Rechts der Sender in Form eines IR-Scheinwerfers, in der Mitte ein Prismenfeldstecher zum Peilen, links das eigentliche Empfangsgerät. "LT" steht für Lichttelegraphie, "41" für das Konstruktionsjahr und das "A" ist eine Chiffre für die AEG. Bei Betrachtung dieser Anlage wird nun auch klar, weshalb man überhaupt solch ein hochkorrigiertes Objektiv benötigt hat. Die Brennweite ist ja ziemlich kurz und der Sichtwinkel entsprechend groß. Auf diese Weise war nur eine einigermaßen grobe Peilung notwendig und leichte Bewegungen zwischen beiden Sendeanlagen (zum Beispiel auf Schiffen) hatten keinen Einfluß auf die Sichtbarkeit des Lichtsignals. Natürlich bedeutete dieser große Blickwinkel, daß auf der Röhre wirklich nur ein ganz kleiner Lichtpunkt abgebildet wurde, weshalb ein möglichst hohes Auflösungsvermögen des Objektives benötigt wurde. Der deutlich kompakter gebaute "Seehund III", der aus der Hand heraus verwendet werden konnte, wurde jedoch tatsächlich als Nachtsichtgerät zur visuellen Beobachtung der Umgebung verwendet, was die nochmals erhöhten Anforderungen an das Abbildungssystem erklären würde.
4. Wenig bekannte Objektiventwicklungen aus der Kriegszeit
4.1 Das Telikon
Die während der Kriegszeit in den Rechenbüros von Koch, Merté, Richter usw. entwickelten Sonderkonstruktionen hatten meist derart spezielle Anwendungsbereiche, daß sie normalerweise nur unter ihren Versuchsnummern geführt wurden. Von ihnen wurden auch oftmals nur wenige Exemplare gefertigt. Es gibt aber auch Entwicklungen aus dieser Zeit, die man bei Zeiss offenbar als universell genug anwendbar hielt, daß man neue Markenbezeichnungen einführte. Zu diesen Neukonstruktionen gehört das Teleobjektiv Telikon.

Entwickelt wurde diese, zu den echten Teleobjektiven gehörende Konstruktion bereits vor Ausbruch des Krieges. Es läßt sich ein Telikon 6,3/7,5 cm mit Abschlußdatum 2. November 1938 nachweisen. Mit dem Öffnungsverhältnis 1:5,6 wurden die Brennweiten 18,75 cm; 28 cm (18. September 1942) und 50 cm (22. Dezember 1942) gerechnet; mit der Öffnung 1:6,3 die Brennweiten 75 cm ( 25. Januar 1940), 100 cm (9. Mai 1941) und 150 cm (18. Dezember 1940). Von der Version mit 75 cm Brennweite wurden etliche 100 Stück gefertigt. Die einzelnen Brennweiten haben prinzipiell denselben Glasaufbau, nur in der dritten Linse wechseln die Gläser zwischen den Barit-Flinten BaF4, 5 und 7. Es fällt auf, daß das gesamte Objektiv ausschließlich aus Flintgläsern aufgebaut ist!

Das Besondere an diesem Aufbau ist die konkave Luftlinse im bildseitigen Systemteil. Zu Beginn der Entwicklung hat es wohl zwei Ausführungen gegeben – einmal mit verkittetem Frontglied und einmal mit einem kleinen Luftspalt. Die tatsächlich gefertigten Objektive haben offenbar alle den Luftspalt. Charakteristisch an einem solchen echten Teleobjektiv mit zerstreuend wirkendem Hinterglied ist die hier gut zu sehende Vorverlegung der bildseitigen Hauptebene, wodurch die Baulänge des Objektivs unter 80 % seiner Brennweite bleiben konnte.

Dieses Teleobjektiv wurde von Robert Richter entwickelt. Er hat seine Erfindung zum 30. März 1940 in Italien unter der Nummer 382.977 zum Patent anmelden lassen. Die Schutzschrift scheint jedoch verschollen zu sein, denn sie ist bislang nicht in den Datenbanken zu finden. Gut sieht man die beiden Patentbeispiele einmal ohne und einmal mit Luftspalt im Vorderglied. Anhand der Bildfehlerkurven in Mertés Aufsatz im "Ergänzungsband des Handbuchs der Photographie" könnte man meinen, die Version mit Luftspalt habe zwar eine völlig beseitigte Bildfeldwölbung, dafür jedoch größere sphärische Abweichungen und eine größere Verzeichnung. Die realen Objektive wurden jedoch mit anderen Glasarten gefertigt als im Patent angegeben. Die extrem langbrennweitigen Telikone wurden im Kriege für Zwecke der Luftaufklärung verwendet.

Oben ein Telikon 5,6/18 ¾ cm [Bild. Stefan Baumgartner].

Bevor das Werk demontiert wurde, mußte Zeiss Jena für die Sowjetunion etliche der militärisch nutzbaren Objektivkonstruktionen nachbauen. Neben den speziellen Weitwinkelobjektiven Topogon und Pleon gehörten auch verschiedene Brennweiten des Objektivs Telikon zu diesem Nachfertigungsprogramm. Bei all dem herrschte hoher Zeitdruck, denn Stalin hatte ja schon lange zuvor festgelegt, daß im darauffolgenden Herbst die Demontagen stattfinden würden..
4.2 Das Telemetar 5/100 cm
Obwohl bei Zeiss mit dem gerade beschrieben Telikon bereits die Konstruktion eines echten Teleobjektivs vorlag, wurde in der Abteilung Photo während des Krieges ein weiterer Tele-Typ entwickelt, der darauf ausgelegt war, bei sehr langen Brennweiten noch höhere Öffnungen zu erreichen.

Mit Blick auf das Achsenschnittbild erkennen wir hier einen Aufbau, den wir aus so manchen Objektivkatalog deutscher und japanischer Photofirmen kennen. Nach dem Muster dieses Telemetars waren später unzählige Teleobjektive im mittleren Brennweitenbereich aufgebaut, auch wenn der Glaseinsatz natürlich ein anderer war. Da für eine Brennweite von einem Meter nur geringe positive Brechkräfte benötigt wurden, setzte man in Jena in den vorderen Sammellinsen das sehr niedrig dispergierende Phosphat-Kron ein.

Im direkten Vergleich mit dem Telikon 6,3/100 cm wies das Telemetar 5/100 cm eine etwas kürzer gebaute Optik auf, die bildseitige Schnittweite war jedoch deutlich länger. Die Gesamtlänge aus Summe aller Dicken und Abstände sowie der Schnittweite blieb aber dennoch unter 90 Prozent der Brennweite. Der Bildwinkel betrug etwa 25 Grad, wobei für diesen Winkel sowohl die Wölbung als auch die Verzeichnung sehr gering gehalten werden konnten. Die sphärischen Abweichungen waren außerordentlich gut behoben.

Der obige Ausschnitt aus einer Zusammenstellung von Objektiven, die während des Krieges für die Rüstungsindustrie gefertigt wurden, zeigt noch einmal einige der langbrennweitigen Typen. Das Telemetar ist hier (fälschlicherweise) als Telemar bezeichnet. Die Abkürzung "Rb" steht für Reihenbildner (= Reihenbildkamera), was als Verwendungszweck eindeutig auf das Luftbildwesen verweist. Interessant ist auch die Spalte mit den diagonalen Bildwinkeln. Das Telikon 6,3/1000 muß speziell für ein kleineres Bildformat gerechnet gewesen sein. Es waren offenbar zwei verschiedene Rollfilmformate üblich; eines von ihnen lieferte die Bildgröße 18x18 cm auf einem etwa 10 m langen Film, was durch die Bezeichnung "/18" gekennzeichnet ist. "/30" steht für das größere Bildformat 30x30 cm.
Reihenbild- bzw. Reihenmeßkameras (RMK) wurden am Boden eines Flugzeuges angebracht mit Blickrichtung senkrecht nach unten. Entsprechend der Flughöhe und -geschwindigkeit wurde in regelmäßigen Abständen die Kamera ausgelöst und das Gelände sozusagen abgescannt. Weitwinkelobjektive (bei Zeiss vom Typ Topogon) erlaubten eine große Überdeckung der einzelnen Aufnahmen, die bei richtiger Auswertung zu stereoskopischen (räumlichen) Bildern führte, mit denen jegliche Unebenheiten des Geländes genau erkannt werden konnten.

Die langbrennweitigen Telikone und das Telemetar waren dagegen offenbar für große Flughöhen vorgesehen und dienten wohl eher für Zwecke der Luftaufklärung. Dieses besondere Einsatzfeld im Bereich des Bildmeßwesens erklärt jedenfalls, weshalb bei diesen echten Telekonstruktionen größter Wert auf höchstmögliche Korrektur der Verzeichnung gelegt wurde: Nur wenn die Aufnahmen orthoskopisch (also verzeichnungsfrei) waren, ließen sie sich wie ein Mosaik zu einem großen Bild bzw. zu Landkarten zusammenfügen. Die Verzeichnung war bislang ein großer Schwachpunkt der echten Teleobjektive gewesen, die nun erstmals auf wenige Promille der Bildhöhe begrenzt werden konnte. Auch wird das Streben nach möglichst großen Öffnungsverhältnissen ist verständlich: Angesichts der hohen Fortbewegungsgeschwindigkeit des Flugzeuges erlaubte die Erhöhung der Lichtstärke des Telemetars 5/1000 mm gegenüber dem Telikon 6,3/1000 mm praktisch eine Halbierung der Belichtungsdauer. Und noch eine Anmerkung: Man hat es vermieden, auf den Objektiven die hier genannten Bezeichnungen aufzugravieren, sicherlich um alle Hinweise auf die Herkunft zu verschleiern, falls das Gerät in die Hände der Gegner gefallen wäre. Stattdessen wurde beispielsweise "Bauart: blc" für Telikon und "Hersteller: blc" für Zeiss Jena graviert.
4.3 Das Montar 3,5/50 cm
So vorteilhaft sich der Aufbau echter Teleobjektive auf die Baulänge und damit die Handlichkeit der Objektiv-Kamera-Kombination auswirkt, so begrenzt ist das Potential dieses Objektivtyps im Hinblick auf die Lichtstärke. Um dieses Manko zu überkommen, wurde in Jena zum 18. September 1942 das Teleobjektiv Montar 3,5/50 cm entwickelt, das also etwa dreimal lichtstärker als die obigen Telikone war.

Beim Betrachten des Achsenschnittbildes fällt sofort ins Auge, daß es sich um eine Ernostar-Konstruktion handelt. Die hintere Sammellinse ist jedoch wie bei den lichtstarken Sonnaren als dreiteiliges Kittglied ausgelegt. Beim Blick auf die Glasarten fällt jedoch auf, daß hier drei Linsen aus Flint miteinander verkittet sind. Mit der Komakorrektur wie beim Sonnar 1,5/5 cm hat dieses Triplet also nichts zu tun.

Mithilfe der von Merté angegebenen Konstruktionsdaten ließ sich sich der oben gezeigte Aufbau rekonstruieren. Der Bildwinkel lag Ernostar-typisch bei bis zu 40 Grad. Der weit vorn liegende bildseitige Hauptpunkt sorgt dafür, daß der Objektivkörper nur etwa 12,5 Prozent länger geriet als die Brennweite.

Daß das Objektiv nach V1942 Nr. 14 betriebsintern "Montar" genannt wurde, geht aus Mertés Angaben nicht hervor. Man erfährt diesen Umstand aber aus den Materialien, die die Abteilung Photo im September und Oktober 1945 für "die Russen" zusammenstellen mußte. Die Sowjetischen Militärbehörden waren an diesen lichtstarken Objektiven naturgemäß sehr interessiert.
4.4 Hochlichtstarke, langbrennweitige Ernostare
Das obige Montar 3,5/500 repräsentierte aber nur einen Teil dieser Entwicklungsarbeiten an lanbrennweitigen Objektiven auf Basis des Ernostar-Typs. Ein zweiter zentraler Vorstoß ging bei etwas kürzeren Brennweiten in Richtung sehr großer Öffnungsverhältnisse. So gab es einen Versuch Nr. 16 vom 27. August 1941 für ein Objektiv 2/35 cm, das auf dem vierlinsigen Ernostar-Grundaufbau basierte, den Bertele bereits 1921/22 entwickelt hatte. Zur Erinnerung: Die in der Folgezeit zu verzeichnende Verkomplizierung seines Ernostars hatte ja hauptsächlich den Hintergrund die astigmatische und vor allem komatische Korrektur für immer größere Bildwinkel zu erreichen, die zuletzt beim Ernostar 1:1,8 fast 50 Grad erreichten. Bei den hier infrage stehenden hochlichtstarken Ernostaren für die Rüstungsindustrie spielte ein großer Bildwinkel hingegen keine Rolle; er überstieg kaum die 20-Grad Marke diagonal.


Oben ist mit einem 1,5/30 cm vom Oktober 1941 eines der vielen Beispiele herausgegriffen. Im Gegensatz zum eingangs erwähnten 2/35 cm war hier die bildseitige Sammellinse auf zwei einzelne Elemente aufgespalten worden. Alle Sammellinsen bestanden aus einunderselben Glasart SK7. Unter der gleichen Versuchsnummer 19 wurde auch eine Version des 1,5/30 cm gerechnet, die zur Abbildung auf einer Empfängerröhre eine nachgeschaltete Smyth'sche Linse besaß.

Und nach diesem Muster – also erweitertes Ernostar plus Kompensationssystem für die Röhre – wurde auch das UR-Objektiv 1,5/40 cm entwickelt, das oben anhand des Versuch 22 vom Oktober 1941 gezeigt ist. Merté unterscheidet in seinem Datenblatt zwischen dem Grundobjektiv und dem Zusatzglied. Letzteres besteht aus dem Rotfilter, der hier als sehr dünner positiver Meniskus ausgeführt ist plus der Smyth-Linse, die das Bildfeld des Grundobjektivs der Krümmung der Empfängerröhre anpaßt. Oben ist nicht dargestellt, daß auch diese Röhre gewissermaßen eine durchbogene Platte mit einer gewissen Dicke bildet. Schließlich ist die lichtempfindliche Photokathode ja auf der Innenseite das Glaskolbens aufgebracht.

Mit dem Versuch Nummer 12 vom 15. Juni 1942 wurde ein weiteres UR-Objektiv 1,5/40 cm geschaffen, dessen hintere Sammelkomponente aus einem dreiteiligen Kittglied gebildet wurde. Man beachte, daß die beiden riesigen Linsen in der Frontgruppe aus dem hochwertigen Schwerkron SK16 bestanden, was ein großes Materialproblem darstellte, weil dafür große Platten fehlerfreien Glases benötigt wurden. Es gab aber mindestens noch ein 1,5/400 das vom Petzval-Typ abgeleitet war und das mit BK3 oder BK7 in der Frontlinse auskam. In größeren Stückzahlen wurde jedenfalls eine Rechnung vom 23. November 1943 gefertigt, über deren genauen Aufbau aber bislang nichts bekannt geworden ist.
Das obige Dokument zeigt, daß es ein UR-Objektiv 1,5/40 cm nach Sachnummer 21 85 99 mit einem lediglich vierlinsigen Objektiv (plus einer Planplatte aus Schutzglas und einer Smyth-Linse aus RG8) gegeben hat. Der Glasaufbau aus BaF5 und SF10 könnte darauf hindeuten, daß es sich um einen abgewandelten Petzval-Typ gehandelt hat.

Diese riesigen Ultrarot-Objektive 1,5/40 cm kamen für das Küsten-Suchgerät "Mosel" zum Einsatz. Dabei handelte es sich um ein stationäres Nachtsichtgerät, bei dem von Land aus mit einem anderthalb Meter großen, 16 Kilowatt starken Infrarotscheinwerfer in bis zu sieben Kilometern Entfernung das Meer nach feindlichen Schiffen abgesucht werden konnte.

Eine zweite Anwendung dieses UR-Objektivs 1,5/40 cm lag im Zielgerät "Uhu", das bis zum Herbst 1944 unter strengster Geheimhaltung für den "Nachtkampf" konstruiert worden war. Die Kombination aus einem Infrarotscheinwerfer mit dem zugehörigen Bildwandler wurde auf einen Schützenpanzerwagen vom Typ Sonderkraftfahrzeug 251/20 montiert. Nachdem der Operateur das Ziel angepeilt hatte, wurden den Schützen der Panther-Kampfwagen die Peilung per Funk übermittelt. Auf diese Weise ersparte man sich, daß jeder einzelne Kampfwagen mit einem derartigen Nachtsichtgerät hätte ausgestattet werden müssen. Diese und ähnlich arbeitende Geräte konnten den Ausgang des Krieges nicht mehr wenden, hatten aber unter anderem zur Folge, daß die Rote Armee auf den letzten Kilometern bis zur Berliner Innenstadt so unvorstellbar hohe Verluste an Menschenleben zu beklagen hatte.

Der obige Bericht über den "Besuch" sowjetischer Offiziere vom 17. August 1945 zeigt uns, daß es vom UR-Objektiv 1,5/40 cm mindestens zwei Versionen gegeben hat; eine mit 5 und eine mit 6 Linsen plus Zusatzglied (hier Kompensationslinse genannt). Er belegt zudem auch noch einmal den Technologietransfer, der nach dem Kriegsende von Jena aus auch Richtung Sowjetunion stattgefunden hat.
Marco Kröger M.A.
letzte Änderung: 4. Oktober 2025

Yves Strobelt, Zwickau
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