Boxkameras


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Boxkameras

Diese einfachste aller Kamerabauformen sollte man nicht minderachten, denn sie waren oftmals der Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Photohobbys. Und weil sie in großen Stückzahlen möglichst preiswert herstellbar sein sollten, sind sie nicht einmal technikgeschichtlich uninteressant.

Pouva  Start - "Die Kamera der Millionen"


Dieser Karl Pouva und seine kleine Firma sind schon etwas besonderes. Ein "Unternehmer-Ingenieur" erscheint uns eben unter den Verhältnissen, wie sie in der DDR mit ihrer staatsdirigistischen Wirtschaft vorherrschten, gar recht untypisch. Aber in den 50er Jahren ging so etwas eben noch. Dieser Mann fasziniert heute, weil er ganz offensichtlich nach dem Kriege mit einfachsten Mitteln beinah aus dem Nichts heraus eine Firma aufgebaut hat, die sich einem wichtigen Konsumgüterbereich widmete: Der Amateurphotographie. Dabei gab es in Freital bereits eine langjährige Photogerätetradition mit den Kamerawerken Welta und Beier. Auch das Reflekta-Kamerawerk war nicht weit entfernt. Doch Karl Pouva wandte sich einem Marktsegment zu, das preislich noch einmal eine ganze Stufe darunter angesiedelt war. Seine Kamera sollte ein dezidiertes Einsteigergerät sein, was schließlich auch in ihrem Namen unverkennbar zum Ausdruck kommt. Daß diese Kamera, was die Bildqualität betrifft, in irgendeiner Weise mit den Erzeugnissen der obengenanten Firmen konkurrieren sollte, war dabei von Anfang an nicht angepeilt worden. Die Pouva Start war die Fortführung der altbekannten einachen Boxkamera, was man ihr nur nicht auf den ersten Blick ansah, weil sie von ihrem Schöpfer die Bauform der modernen Tubuskamera mit einem herausschraubbaren Objektiv mitbekommen hatte. Die Boxkamera, wie man sie bislang gekannt hatte, war damit engültig passé.

Pouva Start

Denn als diese Kameragattung in der Zwischenkriegszeit in den Markt eingeführt wurde, stellten die zugehörgen Gerätschaften noch nüchterne, schwarze Blechkästen dar – daher die Gattungsbezeichnung. Initiatoren waren die Filmhersteller, die möglichst billige Knippsapparate unter die Leute bringen wollten, um den Absatz an Rollfilmen anzukurbeln. Erst in einem zweiten Schritt sprangen die Kamerhersteller auf diesen gut rollenden Zug auf und lancierten eigene Modelle, die manchmal ein wenig besser ausgestattet waren. Trotzdem war die Technik dieser Kameras durchweg spartanisch: Einfacher Schleuderverschluß mit Moment und Zeit, keine Entfernungseinstellung, billige "Objektive" in Form von Periskopen, Achromaten oder meistens gar nur einzelnen Meniskuslinsen. Diese waren weit abgeblendet, um ein leidlich scharfes Bild liefern zu können. Der Vorteil lag aber darin, daß bei gutem Lichte nur noch ausgelöst werden mußte. Genau das richtige für Lieschen Müller. Und von den meist 6x9cm großen Negativen ließen sich auch ohne Vergrößerungsgerät per Kontaktkopie leicht "albumfertige" Papierbilder gewinnen. Nach genau diesem Muster ist auch die Pouva Start gestrickt; auch wenn sie ganz anders aussieht, als die Boxkameras der 30er Jahre.


Die beiden Pioniere des modernen Photojournalismus in der DDR, Erich Höhne und Erich Pohl, ermöglichen uns einen Blick in die Fabrikräume der Pouva-Werkstätte des Jahres 1953 [Deutsche Fotothek Datensatz 70603065]. Die Aufnahmen lassen auch ein wenig von den damaligen Arbeitsbedingungen erahnen, die sicherlich nicht angenehm waren. Der Umgang mit Phenolharzen ist gesundheitlich nicht ganz unbedenklich, zumal die Preßmasse zum Aushärten einige Minuten lang stark erhitzt werden mußte, was phenol- bzw. aldehydhaltige Dämpfe freisetzte. Daß Arbeitshygiene offensichtlich einen untergeordneten Stellenwert einnahm, sieht man auch an der Mitarbeiterin, die meiner Ansicht nach Teerpech erhitzt, um die Linsen für das periskopische Pouva-Start-Objektiv auf die Schleifmaschinentragkörper zu kitten. Dieses Bild beweist zudem: Die Pouva KG stellte diese einfachen Linsen tatsächlich selbst her. Auf dem ersten Photo links sieht man übrigens Karl Pouva noch einmal persönlich.

Vielleicht noch ein Wort zur Materialbasis: Eine Amateurkamera, die in sehr großen Stückzahlen zu einem geringen Preis angeboten werden sollte, durfte natürlich keine übermäßigen Materialkosten verursachen. Aluminiumdruckguß schied in den frühen 50er Jahren für diesen Zweck deshalb aus. Was aber heute beinah in Vergessenheit geraten ist: Die junge DDR hatte einen der größten Betriebe weltweit für die Produktion von Phenolharzen geerbt. Es war noch L. H. Baekeland persönlich, der Erfinder des nach ihm benannten duroplastischen Kunststoffes Bakelit, der in Kooperation mit den Rütgerswerken in Erkner bei Berlin im Jahre 1910 eine erste Fabrik zur großtechischen Erzeugung dieses Preßstoffes gegründet hatte. Das war der Beginn des Kunststoffzeitalters. Trotz Bombardierung im Zweiten Weltkrieg blieb das Werk lieferfähig. Das Ausgangsprodukt Kohlenteer war aufrund der Stadtgaserzeugung in großen Mengen vorhanden. So wurde eben nicht nur das Gehäuse dieser Boxkamera aus Bakelit gefertigt, sondern auch die Karosseriebeplankung eines bekannten DDR-Kleinwagens.

VEB Plasta, Kunstharz- und Pressmassenfabrik Erkner, Werk I

Dieses Bild zeigt das ab 1914 errichtete erste Fabrikgebäude der Bakelite GmbH; bis 1956 das Werk I des VEB Plasta Kunstharz- und Preßmassenfabrik Erkner, danach Forschungsstätte. Aufgenommen allerdings nicht mit einer Pouva Start, sondern mit einer Certina, auf die ich weiter unten eingehe (Oktober 2019).

frühe Pouva Start

Sehr frühe Pouva Start, bei der der Drahtauslöseranschluß, die Tragschlaufen-Knöpfe und der Ring am Objektiv noch aus Metall sind. Der Transportknopf besteht dagegen aus Pertinax.

Perfekta



Nun war dieser Karl Pouva aber Privatunternehmer. Später wurde seine Firma wohl in eine Kommanditgesellschaft gewandelt, das heißt er mußte staatliche Eingriffe in Kauf nehmen, nur um beispielsweise nicht von der Materialversorgung abgeschnitten zu werden. Auch führte diese staatliche Beteiligung oftmals dazu, daß den betroffenen Privatbetrieben jeglicher Anreiz für eine Innovationstätigkeit genommen wurde, da eventuell dafür notwendige Investitionen zumeist eine Ausweitung des staatlichen Anteils nach sich zogen, was wiederum einer schleichenden Enteignung gleichkam. Möglicherweise erklärt sich daraus die Stagnation im Pouva-Werk in den 60er Jahren. Trotzdem blieb der Betrieb noch bis 1972 eigenständig, als schließlich die finale Verstaatlichungswelle unter Honecker den letzten Privatunternehmen ein Ende bereitete.


Der Begriff "Volkseigener Betrieb" ist hingegen ein blanker Euphemismus. In Wirklichkeit hätte es "Parteieigener Betrieb" heißen müssen. Zwar waren die VEBs formell eigenständig agierende Einheiten, tatsächlich unterlagen sie aber vollkommen den Vorgaben durch Plankommission und Politbüro. Daß dies schon in der Frühzeit der DDR so war, läßt sich gut am VEB Rheinmetall Sömmerda zeigen.

Rheinmetall Perfekta

Die Entstehung der "Volkskamera" Perfekta ist wieder einmal eng mit den Geschehnissen des 17. Juni 1953 verknüpft, bei denen sich kurz gesagt Unzufriedenheiten durch wirtschaftliche Fehlentscheidungen und Agressionen aufrund der ständigen politischen Drangsalierungen damit verknüpften, daß die sich die Führungen sowohl der Sowjetunion als auch der DDR nach dem Tode Stalins auf Richtungssuche befanden. Man handelte falsch und reagierte zu spät, und als man reagierte, hinterließ dies eher den Eindruck der Schwäche als der Souveränität. Die ins Kippen geratene Lage konnte daraufhin nur noch mit Einschüchterung und Gewalt geradegebogen werden.


Unmittelbar verbunden mit dem 17. Juni ist der Begriff des "Neuen Kurses". Dieser war bereits vor der Eskalation auf Druck der Sowjetunion eingeleitet worden um genau jene zu verhindern, trug dann aber offenbar, weil er den Eindruck eines Schlingerkurses hinterließ, eher noch zur Eskalation bei. Nach der militärischen Niederschlagung des Aufstandes und der rigorosen Aburteilung aller vermeintlich Schuldigen, blieb vom Neuen Kurs nichts weiter übrig als wirtschaftspolitische Korrekturen die den Zweck hatten, die Bevölkerung mit besseren Konsummöglichkeiten nach westlichem Vorbild von den Problemen abzulenken. An eine Demokratisierung war nicht gedacht; im Gegenteil: Die Bürokratisierung und die Kommandowirtschaft verstärkten sich. Die SED bediente sich dabei "ihrer" Volkseigenen Betriebe.


Im Sommer 1952 war das ehemalige Sömmerdaer Zweigwerk des Rheinmetallkonzerns von der sowjetischen Besatzungsmacht an die DDR zurückgegeben und der VEB Büromaschinenwerk gegründet worden. Die bislang als Reparationen an die Sowjetunion gelieferten Rechenmaschinen waren offenbar dermaßen veraltet, daß der Absatz stagnierte und der Betrieb zu großen Teilen brach lag. Nachdem als einer der Hauptbestandteile des Neuen Kurses die Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern propagiert worden war, wurden nicht nur die freien Produktionskapazitäten des VEB Reinmetall zu diesem Zweck ausgenutzt, sondern auch die Rolle dieses Betriebes dahingegend propagandistisch ausgeschlachtet. Der VEB Rheinmetall wurde in der Folgezeit als Vorbild präsentiert, dem etablierte Kamerabaubetriebe als Negativbeispiele gegenübergestellt werden konnten.


Deutlich wird das in dem Artikel "Entwicklung der Fotoindustrie im neuen Kurs" von Walter Kresse (1910 - 2001), der 1954 zuerst in der Zeitschrift "Die Wirtschaft" erschien und dann anschließend im Juniheft der "Fotografie" abgedruckt wurde. Hierin stellt Kresse der Vorderung nach einer 30 prozentigen Erhöhung der Produktion im Bereich Feinmechanik/Optik im Vergleich zu 1953 eine tatsächliche Planerfüllung im Jahre 1954 gegenüber, die zu großen Teilen noch unter den Werten des Vorjahres lag. Neben dem Beklagen allgemeiner Engpässe zum Beispiel in den Bereichen optisches Glas und Aluminiumdruckguß für die Kameragehäuse, prangert der Wirtschaftsfunktionär namentlich den VEB Belca, den VEB Zeiss Ikon und insbesondere die Welta-Werke als Negativbeispiele an. Kontrastierend dazu wird nun gerade der VEB Rheinmetall Sömmerda als Erfolgsmodell dargestellt:


"In diesem Zusammenhang ist es angebracht, den hervorragenden Leistungen der technischen Intelligenz und der Werktätigen des VEB Rheinmetall, Sömmerda, die Anerkennung dafür zu zollen, daß es ihnen gelungen ist, im IV. Quartal 1953 100 000 Stück der beliebten Box-Kamera »Perfekta« herzustellen. Im Jahre 1954 wurden von diesem gleichen volkseigenen Betrieb weitere Verpflichtungen in der Herstellung von verschiedenen Kameras übernommen."


Diesen Ausführungen nach zu urteilen, wurde damals der Markt geradezu mit diesen Bakelitkameras überschwemmt. Ob sie in diesen Massen wirklich gebraucht wurden, darf bezweifelt werden. Die weitere propagandistische Ausschlachtung der parteidirigistischen Eingriffe in die Konsumgüterprodukton am Beispiel des Rheinmetall-Werkes verlief ohnehin rasch im Sande, denn es stellte sich heraus, daß die "weitere[n] Verpflichtungen in der Herstellung von verschiedenen Kameras" zu einer Katastrophe geriet. Insbesondere die Übernahme einer rein auf den Inlandsmarkt abgestellten Lizenzproduktion der "EXA" überforderten das Werk dermaßen, daß die Fertigung dieses Modells aufgrund der großen Menge an Ausschuß und Reklamationen vorzeitig abgebrochen werden mußte.

Perfekta II

Es folgte noch eine stark weiterentwickelte derartige Kamera, die man gewissermaßen als Luxus-Box bezeichnen könnte und die ebenfalls auf Phenoplast-Kunststoff (in der Fachsprache auch "Plastaresin" genannt) basierte. Die Perfekta II mit ihrem Drei-Zeiten-Verschluß, der ein deutlich günstigeres Anpassen an die Belichtungsverhältnisse erlaubte, machte dadurch sogar Farbaufnahmen möglich. Sie wurde zur der Herbstmesse 1955 auf den Markt gebracht. [Vgl. Brauer, Egon: Neuheiten auf der Herbstmesse, Bild und Ton Heft 10/1955, S. 280.] Doch selbst die Tatsache, daß diese Kamera mit ihrer modernen Formgebung und dem versenkbaren Objektiv den Typus der Boxkamera auf ein bisher nicht gekanntes technisches und ästhetisches Niveau hob, konnte nicht mehr darüber hinwegtäuschen, daß die Ära der Kameras dieser Bauart und die Nutzung des Rollfilms lediglich zur Anfertigung kleiner Kontaktkopien zuendeging. Die Bevölkerung verlangte nach bezahlbaren Kleinbildkameras und die konnten nicht einfach von jetzt auf gleich in einem fachfremden Betrieb nach Tonnenideologie ausgestoßen werden. Die Strategie der parteidirigistischen Eingriffe in die Konsumgüterproduktion war wie dieses Beispiel zeigt bereits in dieser frühen Phase der DDR  als gescheitert enttarnt worden. Das hinderte das Politbüro später unter Honecker freilich nicht daran, solche Zwangsverpflichtungen der Betriebe zur Konsumgüterproduktion in noch deutlich verstärkterem Maße durchzudrücken mit katastrophalen wirtschaftlichen Folgen.

DD13.327

Bleibt noch, zu diesen Ausflügen des Rheinmetall-Werkes in die Gefilde des Kamerabaus technische Hintergründe nachzureichen, die sich aus dem Studium der Patentliteratur extrahieren lassen. Anfangen möchte ich – entgegen der Chronologie – mit dem letzten dieser Patente, das sich auf die Perfekta II bezieht. Bei ihr wird nämlich der Verschluß gespannt wenn man den Film transportiert, was unliebsame Doppelbelichtungen, wie sie bei der Pouva Start auftreten können, ausschließt. Diese Kupplung von Filmtransport und Verschlußaufzug gab es vorher schon bei dem ersten Modell der Perfekta. Das Neuartige war nun aber, daß bei der Perfekta II das Objektiv versenkbar ist und es deshalb eines speziellen Übertragungsmechanismusses bedurfte. Dieser wurde im DDR-Patent Nr. 13.327 vom 14. März 1954 zum Schutze angemeldet. Schön für uns, daß die Perfekta II nun auch mit einem Namen in Verbindung gebracht werden kann. Wer hätte noch gewußt, daß  diese hübsche Boxkamera von einem gewissen Friedrich Schieber konstruiert worden ist.


Friedrich Schieber war in den 30er Jahren bei der Zeiss Ikon AG der leitende Konstrukteur bei der Entwicklung des Metallrollo-Verschlusses der Contax Meßsucherkameras. Nach dem was ich bislang ausfindig machen konnte, wurde er noch auf Initiative der Heinrich Ernemann AG vom Deckel-Werk in München abgeworben, um für den Dresdner Kamerahersteller eigene Zentralverschlüsse zu konstruieren. Später entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Experten im Bereich der Schlitzverschlüsse. Siegfried Böhm ist in den 40er Jahren bei ihm in die Lehre gegangen und hat später viel von Schiebers Erfahrungen in seine eigenen Schlitzverschlußentwicklungen einfließen lassen.

Sica-Kamera aus dem Patent Nr. 8557

Nach intensiverer Beschäftigung mit der Schieber'schen Patentüberlieferung habe ich eine interessante Entdeckung gemacht. Nicht nur, daß Friedrich Schieber auch den Verschlußspannmechanismus für das erste Modell der Perfekta entwickelt hat, bei der das Objektiv noch nicht versenkbar war [DDR-Patent Nr. 8557 vom 13. Februar 1953]. In dieser Schutzschrift wird darüber hinaus auch auf sein DDR-Patent Nr. 4122 vom 13. Mai 1949 verwiesen, das erstmalig seinen mit dem Filmtransport gekuppelten Verschlußspannmechanismus schützte. Das interessante ist nun, daß im zweiten Patent Nr. 8557 in Abb. 1 diejenige Kamera skizziert ist, für die das Patent 4122 ursprünglich gedacht war (oben). Der Kenner entdeckt in dieser Skizze die Boxkamera "Sica", die eigentlich als "Volkskamera" angekündigt war, aber letztlich nicht in Serie fabriziert worden ist. Schieber selbst gibt in seinem Patent Nr. 8557 den Hinweis, daß sich diese kastenförmige Kamera nur schwer  mit den Händen fassen ließ. Bei der  T-förmigen Perfekta war die Frage der Handhabung dann besser gelöst. Weil bei ihr aber der Filmtransportknopf weit vom Verschluß entfernt war, war die im Patent Nr. 8557 geschützte Erfindung  vonnöten. Daß Friedrich Schieber der Konstrukteur der seltenen Sica gewesen ist, das bekräftigt auch das Patent Nr. 1526 vom 16. Mai 1950, mit dem er den recht aufwendigen Spiegel-Aufsichtssucher dieser Kamera mit seinem seitenrichtigen Luftbild schützen ließ (unten). Der war vielleicht ein weiterer Grund, weshalb diese Kamera nicht in Großserie gebaut worden ist.

Sica Sucher Patent 1526

Certo-phot und Certina

Certo-phot

Weiter mit den Boxkameras. Die große Zeit des Bakelit ging Ende der 50er Jahre mit dem Erscheinen neuer Kunststoffe langsam zuende. Zudem war das harte Material immer recht bruchgefährdet. Das Certo-Kamerwerk ging daher einen anderen Weg, indem es das Kameragehäuse aus Metall (Certo-phot) oder aus einer Metall-Kunststoff-Verbundbauweise (Certina) ausführte. Der mechanische Aufwand beim Verschluß wurde nun freilich wieder deutlich auf das übliche Box-Niveau herabgesenkt. Einzig die Möglichkeit der Certo-phot bzw. Certina, die Entfernung einzustellen, ist noch erwähnenswert. Das ist eigentlich bei Boxkameras nicht üblich. Eine Doppelbelichtungssperre war nun aber selbst bei dieser einfachen Kameragattung mittlerweile Standard. Und seit mit dem Agfacolor Ultra 17/10° DIN der Farbnegativfilm genau so empfindlich geworden war, wie der Isopan F Standard-Schwarzweißfilm, lag es durchaus im Bereich des Machbaren, mit diesen einfachen Kameras Farbaufnahmen zu wagen. Wie bei den Perfektas wurden daher auf Farbfehler korrigierte Achromate verbaut. Weil sich bei deren beachtlicher Öffnung von 1:8 aber eine  ausgeprägte Bildwölbung bemerkbar macht, wurde diesem Problem bei den genannten Kameras mit einer durchbogenen Filmbahn begegnet. Für eine Kamera, die ziemlich genau so viel kostete, wie zwei Langspielplatten, waren dadurch schon recht gute Aufnahmen möglich.

Oben die besagte gewölbe Bildbühne, unten die zugehörige Andruckplatte.

Achromat Bildfehler
Periskop Bildfehler

Oben links die typischen Bildfehlerkurven des in den beiden Perfektas, der Certo-phot und der Certina eingesetzten Objektivtyps "Achromat". Daneben im Vergleich dazu das Periskop der Pouva Start (nach Naumann). Solcherlei "Objektive" für Billigkameras sind natürlich in jeglicher Hinsicht ein Kompromiß. Man sieht beispielsweise, daß die sphärische Aberration bei beiden Typen geradezu verheerende Ausmaße annimmt je größer die Einfallshöhe des Lichtes wird (Kurven jeweils oben rechts). Lichtstärken über 1:11 liefern daher nur sehr weichgezeichnete Bilder.


Das Periskop hat als symmetrisch aufgebautes Objektiv den Vorteil, daß Astigmatismus und Wölbung (zweites Koordinatensystem) vergleichsweise klein sind. Zumindest sind die durch diesen Abbildungsfehler hervorgerufenen Unschärfen am Bildrand nicht erheblicher, als die durch sphärische und chromatische Aberrationen bedingten Unschärfen, die auch die Bildmitte weich machen. Daher ist auch der nutzbare Bildwinkel des Periskops etwas günstiger. Beim klassischen Achromat, wie er Beispielsweise fast 100 Jahre lang als sogenannte Landschaftslinse verwendet wurde, nimmt der Astigmatismus nun aber gerade die denkbar größten Ausmaße an. Zudem laufen tangentiale und sagittale Bildschale zu allem Übel auch noch in gegengesetzte Richtungen davon - und zwar noch viel stärker als beim Periskop. Die Firma Goerz hatte daher nach dem Ersten Weltkrieg einen Achromaten namens "Frontar" entwickelt, bei dem die miteinander verkittete Sammel- und Zerstreuungslinse zusammen die Form eines Meniskus ergeben. Bei einer meniskenförmigen Sammellinse, bei der also beide Außenflächen in dieselbe Richtung gewölbt sind und dabei die Dicke der Linse in der Mitte größer ist als am Rand, geht das Ausmaß des Astigmatismus nämlich stark zurück. Genau gesagt fallen die sagittale und die tangentiale Bildschale zusammen oder sie verlaufen nah beieinander. Leider aber sind beide Bildschalen dann nach wie vor gewölbt. Eine Bildfeldebnung ist bei einem verkitteten Achromaten leider nicht möglich. Mithilfe einer gekrümmten Bildbahn kann man den Film aber einigermaßen in eine Ebene zwingen, auf die sich die größte Schärfe erstreckt.


Der große Vorteil des Achromaten - und das geht aus diesen Kurven leider nicht hervor - liegt natürlich darin, daß die Abbildung achromatisiert werden kann. Das heißt selbst bei Aufnahmen auf Colorfilm ergeben sich kaum lästige Farbsäume um die Konturen der abgebildeten Objekte herum. Beim einfachen Periskop der Pouva Start ist das leider oftmals der Fall. Dafür ist bei diesem durch dessen symmetrischen Aufbau so gut wie keine Verzeichnung erkennbar (unterste Kurve). Historisch gesehen war es also folgerichtig, daß in den 1860er Jahren diese beiden Objektivtypen kombiniert und dadurch der Aplanat geschaffen wurde. Beim Aplanat schränkte nunmehr nur noch der Astigmatismus und die Koma eine weitere Steigerung von Bildwinkel und Lichtstärke ein. Durchbrochen wurde diese Situation übrigens nicht wirklich mit dem ersten Anastigmat von Paul Rudolph im Jahre 1889, sondern vielmehr mit dem Cook'schen Triplet, das mit seinen drei Linsen nur geringfügig aufwendiger war als die oben genannten Einfachobjektive, aber selbst bei vergleichsweise wohlfeilen Kameras eine sehr weitgehende Zurückdrängung aller Bildfehler ermöglichte. Mit der zunehmenden Verbreitung des Kleinbildes, das stets stark nachvergrößert werden muß, führte alsbald jeder Objektivhersteller solche Triplets im Programm und die Verwendung einfacher Achromate ging stark zurück.

Certo-phot Justage
Certo-phot

Noch einen Schritt weiter ging das Certo Kamerawerk Dresden, als es zur Frühjahrsmesse 1960 die CERTOmatic vorstellte – eine um einen Belichtungsmesser erweiterte CERTOphot [Vgl. Fotofalter 4/1960, S. 119.]. Genau genommen handelte es sich sogar um eine Belichtungshalbautomatik, denn der Belichtungsmesser war mit der Blendeneinstellung gekuppelt und die Blende brauchte nur so lange verstellt werden, bis der Zeiger oben auf der Deckkappe auf eine Indikatormarke einspielte. Es muß freilich dazugesagt werden, daß bei einer einzigen Verschlußzeit von einer 1/50 Sekunde lediglich drei Blendenwerte 8, 11 und 16 zur Verfügung standen. Angesichts dieses geradezu winzigen Einstellbereichs war der Aufwand für einen Belichtungsmesser in solch einer simplen Kamera aber weit überzogen. Die CERTOmatic wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Zur Erfolglosigkeit mag auch beigetragen haben, daß sie etwa das Dreifache der CERTOphot kostete [Vgl. Ebenda].

Da die CERTOphot eigentlich ziemlich atypisch für eine Boxkamera mit einer Entferungseinstellung versehen worden war, stellte das Certo Werk einen enfachen Entfernungsmesser für sie zu Verfügung. Der wurde freilich auch gern für die Verwendung an anderen Kameras erworben.

So gefällig diese preiswerten Amateurkameras auch aussahen und so ausgeklügelt sie konstruiert waren – die Zeit der größeren Bildformate war abgelaufen. Auch in der DDR hielten im Laufe der 70er Jahre zumindest im Schwarzweißbereich Laborautomaten Einzug. Die selbstangefertigte Kontaktkopie des Negativs auf Auskopierpapier kam daher rasch außer Mode und die Verwendung des Rollfilms im Amateurbereich ging stark zurück. Daher war die auf der Leipziger Herbstmesse 1965 [Vgl. Fotokino Magazin 12/1965, S. 354.] vorgestellte Certina auch die letzte dieser Art Boxkameras. Die Amateure kauften sich jetzt lieber eine Kleinbildkamera und gaben den belichteten Film in die Obhut des "Dienstleistungskombinates". Es begann die Ära der mannigfaltigen 35mm Sucherkameras, die in unterschiedlichen Ausstattungsniveaus bis zum Ende der DDR in sehr hohen Stückzahlen ausgestoßen wurden. Die aus der Zwischenkriegszeit stammende "Karat-Kassette" war dabei schon Ende der 50er für die Penti wiederbelebt worden. Als  SL (=Schnellade-) Kassette erlebte sie seit nun in den 70er Jahren einen zweiten Frühling. Manche dieser unzähligen auf diesen Kassettenfilm ausgelegten Kleinbildkameras waren dabei derart simpel konstruiert, daß man sie ohne Weiteres ebenfalls als Boxkameras bezeichnen könnte...

Certina

Die Certina wurde im Jahre 1969 als "Revue Junior" sogar von Foto Quelle vertrieben. Nicht daß es dafür keine westdeutschen Hersteller gegeben hätte, aber der harte Preiskampf  hatte hier Ende der 60er Jahre bereits zu einer deutlichen Ausdünnung geführt. Was nicht Spitzentechnik war, das mußte nun möglichst billig sein, um beispielsweise gegenüber Konkurrenten wie Porst oder Neckermann bestehen zu können. In beiden Hinsichten - der Spitzentechnik bzw. der preislichen Wettbewerbsfähigkeit - war der westdeutsche Kamerabau bereits deutlich ins Hintertreffen geraten. Selbige Industriezweige der DDR konnten diesen Prozeß noch etwa 10...15 Jahre hinauszögern. Vorerst lag das nicht allein daran, daß die DDR immer mehr zum Billiglohnland wurde.



Unten: Eine auf Basis der Certo-phot selbstgebaute 6x6-Stereokamera.

Certo-Plast

Kodak Deko-Pionier

Eine weitere dieser Boxkameras aus Bakelit, die das Zeug zur Volkskamera gehabt hätte, war die "Pionier" der Kodak AG i.V. Berlin Köpenick. Sie wäre nämlich mit einem Verkaufspreis von 9,95 Mark ein absoluter Knüller gewesen. [Vgl. Die Fotografie, 4/1955 S. 103.]. Leider aber war sie für 16 Aufnahmen im Nennformat 3x4 cm auf Rollfilm A8 (international als Typ 127 bekannt) konzipiert. Anders als in dem oben genannten  Artikel  ausgesagt, war dieser Rollfilm nie  "in ausreichender Menge vorhanden", sondern  man tat alles dafür, diesen Filmtyp auslaufen zu lassen. Seine dünnen und außerdem kostspieligen Spulen aus Metall waren seit jeher sehr problematisch. Aber es gab noch einen viel triftigeren Grund, daß dieser Kamera kein Erfolg beschieden war: Die Negative aus einer Pouva Start waren immer groß genug, daß zumeist ein einfacher Kontaktabzug als Erinnerungsbildchen genügte. Dafür reichte auch das einfache periskopische Objektiv dieser Kamera aus. Kontaktbelichtungen im Format 3x4 cm waren jedoch zu klein. Man hätte die Negative also erstens vergrößern müssen, wozu es eines entsprechenden Apparates bedurft hätte, der nicht nur 9,95 Mark gekostet haben dürfte. Zweitens aber waren bei solch kleinen Aufnahmeformaten (im Gegensatz zu den Mittelformaten) die einfachen Meniskuslinsen qualitativ völlig überfordert. Wer also ohnehin bereit war, sich ein Vergrößerungsgerät zu kaufen, der sparte lieber etwas und  legte sich eine  Kamera zu, die wenigstens mit einem anastigmatisch korrigierten Triplet ausgerüstet war. Eine Boxkamera im Kleinbildformat  konnte auf diese Weise nie erfolgreich werden – so billig sie auch verkauft wurde.

Helmut Stapf - Kodak-Taschenbuch 1956

Hin und wieder konfektioniert mal ein Anbieter eine Schwarzweißemulsion als Rollfilm A8 bzw. Typ 127. Wenn man Glück hat, passen sogar die Spulen, auf die er gewickelt wurde, in die historischen Geräte. Dann kann man sogar so eine Deko Pionier wieder zum Leben erwecken. Und weil heutzutage die Negative gescannt statt kontaktkopiert werden, fällt auch alles das weg, was oben als großer Nachteil des 3x4-Formates angegeben wurde. Was dabei herauskommt, das hat natürlich seinen ganz eigenen Charme...

Kodak Pionier
Kodak Pionier
Kodak Pionier
Kodak Köpenick

Heute ist fast in Vergessenheit geraten, daß die junge DDR eine zweite große Filmfabrik hatte - neben Agfa Wolfen den VEB Fotochemische Werke Köpenick. Im Jahre 1905 als Glanzfilm AG gegründet, wurde das Werk 1927 von der Eastman Kodak übernommen. Der Name "Kodak" wurde noch bis 1956 weitergenutzt, obgleich schon die Nazis das Werk beschlagnahmt hatten. Der Markenname Kodak in Bezug auf DDR-Produkte ruft heute daher nichtselten Verwunderung und Unglauben hervor.

Kodak Berlin Köpenick

Die "Knips"

GBZ Knips

Einen ganz ähnlichen Fall  stellt  die "Knips" des VEB Glas Bijouterie Zittau dar. Auch dieses kleine Aufnahmegerät, das durch das versenkbare Objektiv sehr kompakt wirkt, war für den Rollfilm 127 vorgesehen – hier aber mit einer brauchbaren Bildgröße im Nennformat 4 x 6,5 cm. Um die verheerende Wölbung des Bildfeldes auszugleichen, die sich einstellt, wenn eine Einzellinse mit einer Hinterblende versehen wird, war bei dieser kleinen Kamera bereits die Bildbahn durchbogen gestaltet. Aber auch dieses ausgeklügelte technische Merkmal kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß man den Eindruck bekommt, es handele sich um ein Spielzeug, wenn man diese Kamera das erste mal in den Händen hält. Vielleicht war sie das ja auch. Der Hintergrund zu dieser Kamera ist nicht ganz klar, aber es ist nicht auszuschließen, daß es sich um eine Konsumgüterproduktion handelt, die durchaus in Spielwarengeschäften vertrieben worden ist. Immerhin gehörten Spielwaren zum Kerngeschäft dieses Zittauer Betriebes. Exakte Belege dafür findet man aber heute keine mehr. Auch waren die Stückzahlen ganz offensichtlich nicht sehr hoch und die Produktuionszeit nur kurz. Was man hingegen genau weiß, ist die Tatsache, daß diese Kamera nicht aus Preßstoff (also Phenolharzen) gefertigt ist, sondern offensichtlich aus dem thermoplastisch verformbaren Kunststoff Polystyrol.   


Nun ist es aber leider so, daß dieser Werkstoff eigentlich gar nicht für den Kamerabau geeignet ist. Im Gegensatz zu Bakelit ist Polystyrol nämlich eine glasklare Masse. Das ist an sich eine feine Sache, denn man kann sie, wenn man es bunt mag, in allen möglichen Schattierungen anfärben. Aber dann sieht der Gegenstand nur äußerlich gleichmäßig farbig aus. Anhand zweier Objektivdeckel aus Polystyrol, die von außen tiefschwarz aussehen, die ich hier aber mit einer starken Lichtquelle durchleuchte, erkennt man, daß sich die Masse niemals gleichmäßig durchfärben läßt. Aber schlimmer noch: man bekommt Polystyrol nur schwer lichtdicht. Es genügen aber kleinste Mengen an Licht, wenn sie nur lange genug einwirken, um den Film zu verschleiern. Meine These also: Möglicherweise konnte bei dieser Kamera in einer Serienfertigung nicht sichergestellt werden, daß sie wirklich lichtdicht war. Das könnte ein Grund dafür sein, daß sie recht bald wieder aus den Geschäften verschwunden ist.


Das sind aber letztlich nur Vermutungen. Auch ist bislang nicht bekannt, woher die Information ursprünglich stammt, daß die Kamera überhaupt aus Polystyrol gefertigt wurde. Nur eines kann man mit Gewißheit sagen: Sie besteht nicht aus Preßstoff, sondern wurde im Sprizgußverfahren geformt. Und dazu bedarf es eines thermoplastischen Kunsstoffes.


Nachtrag vom 20. August 2020


Von Wissenschaft darf man sprechen, sobald sichergestellt ist, daß die Theorie an der Erfahrung scheitern kann. Dreht man dieses Prinzip um, dann ergibt sich daraus, daß eine Theorie schlichtweg dadurch Bekräftigung erfährt, wenn sie auch durch wiederholte empirische Untersuchung nicht widerlegt worden ist. Damit es nicht zu hochtrabend wird: Wenn oben behauptet wurde, die "Knips" sei aus eingefärbtem Polystyrol gefertigt und dieses Material sei nur schwer lichtdicht zu bekommen, dann wirken Bildergebnisse, wie sie unten gezeigt sind, nicht gerade wie eine Widerlegung dieser Theorie.

Erst einmal muß vorausgeschickt werden, daß die Kamera an sich in Ordnung ist. Das heißt es entsteht ein Bild auf einer Mattscheibe, die man ins Bildfenster legt. Wenn der entwickelte Film aber so aussieht, wie oben dargestellt, also nur marginale Bildspuren sind von einem gleichmäßigen massiven Schleier überdeckt, dann bleibt fast nur der Rückschluß übrig, daß das Kameragehäuse der Knips beständig diffus Lichtmengen hindurchläßt, die das Material verschleiern. Selbst die Stege zwischen den Bildern sind ja von einem leichten Schleier belegt, obwohl die nur während des Filmtransportes dem Lichteinfall ausgesetzt wären. Nicht so jedoch der Filmrand, denn hier liegt das Material schließlich auf der dicken Bildbahn auf. Eine Gegenprobe zur weiteren Bekräftigung meiner Theorie steht freilich noch aus: Ist der Film auch dann noch so schrecklich verschleiert, wenn man die Kamera nur ganz kurz zum Zwecke des Knippsens dem Tageslicht aussetzt bzw. wenn man das Gehäuse konsequent vor Lichteinwirkung abschirmt? Demnächst also mehr...

Beirette gif

Die modernste Form der Boxkamera war übrigens die Pouva Start bzw. Beirette SL100 für die ORWO Schnelladekassette. Die Überblendung bringt einen direkten Vergleich zum Spitzenmodell dieser Reihe, der SL400 mit Belichtungsmesser.

Marco Kröger/Yves Strobelt


letzte Änderung: 21. August 2020