Boxkameras


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Boxkameras

Diese einfachste aller Kamerabauformen sollte man nicht minder achten, denn sie waren oftmals der Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Photohobbys. Und weil sie in großen Stückzahlen möglichst preiswert herstellbar sein sollten, sind sie nicht einmal technikgeschichtlich uninteressant.

Pouva  Start - "Die Kamera der Millionen"


Dieser Karl Pouva und seine kleine Firma sind schon etwas besonderes. Ein "Unternehmer-Ingenieur" erscheint uns eben unter den Verhältnissen, wie sie in der DDR mit ihrer staatsdirigistischen Wirtschaft vorherrschten, gar recht untypisch. Aber in den 50er Jahren ging so etwas eben noch. Dieser Mann fasziniert heute, weil er ganz offensichtlich nach dem Kriege mit einfachsten Mitteln beinah aus dem Nichts heraus eine Firma aufgebaut hat, die sich einem wichtigen Konsumgüterbereich widmete: Der Amateurphotographie. Dabei gab es in Freital bereits eine langjährige Photogerätetradition mit den Kamerawerken Welta und Beier. Auch das Reflekta-Kamerawerk war nicht weit entfernt. Doch Karl Pouva wandte sich einem Marktsegment zu, das preislich noch einmal eine ganze Stufe darunter angesiedelt war. Seine Kamera sollte ein dezidiertes Einsteigergerät sein, was schließlich auch in ihrem Namen unverkennbar zum Ausdruck kommt. Daß diese Kamera, was die Bildqualität betrifft, in irgendeiner Weise mit den Erzeugnissen der obengenanten Firmen konkurrieren sollte, war dabei von Anfang an nicht angepeilt worden. Die Pouva Start war die Fortführung der altbekannten einachen Boxkamera, was man ihr nur nicht auf den ersten Blick ansah, weil sie von ihrem Schöpfer die Bauform der modernen Tubuskamera mit einem herausschraubbaren Objektiv mitbekommen hatte. Der unförmige Holz- oder Blechkasten, der diesem Kameratyp einst den Namen gegeben hatte, wa damit engültig passé.

Pouva Start

Die beiden Pioniere des modernen Photojournalismus in der DDR, Erich Höhne und Erich Pohl, ermöglichen uns einen Blick in die Fabrikräume der Pouva-Werkstätte des Jahres 1953 [Deutsche Fotothek Datensatz 70603065]. Die Aufnahmen lassen auch ein wenig von den damaligen Arbeitsbedingungen erahnen, die sicherlich nicht angenehm waren. Der Umgang mit Phenolharzen ist gesundheitlich nicht ganz unbedenklich, zumal die Preßmasse zum Aushärten einige Minuten lang stark erhitzt werden mußte, was phenol- bzw. aldehydhaltige Dämpfe freisetzte. Daß Arbeitshygiene offensichtlich einen untergeordneten Stellenwert einnahm, sieht man auch an der Mitarbeiterin, die meiner Ansicht nach Teerpech erhitzt, um die Linsen für das periskopische Pouva-Start-Objektiv auf die Schleifmaschinentragkörper zu kitten. Dieses Bild beweist zudem: Die Pouva KG stellte diese einfachen Linsen tatsächlich selbst her. Auf dem ersten Photo links sieht man übrigens Karl Pouva noch einmal persönlich.

Vielleicht noch ein Wort zur Materialbasis: Eine Amateurkamera die in sehr großen Stückzahlen zu einem geringen Preis angeboten werden sollte, durfte natürlich keine übermäßigen Materialkosten verursachen. Aluminiumdruckguß schied in den frühen 50er Jahren für diesen Zweck deshalb aus. Was aber heute beinah in Vergessenheit geraten ist: Die junge DDR hatte einen der größten Betriebe weltweit für die Produktion von Phenolharzen geerbt. Es war noch L. H. Baekeland persönlich, der Erfinder des nach ihm benannten duroplastischen Kunststoffes Bakelit, der in Kooperation mit den Rütgerswerken in Erkner bei Berlin im Jahre 1910 eine erste Fabrik zur großtechischen Erzeugung dieses Preßstoffes gegründet hatte. Das war der Beginn des Kunststoffzeitalters. Trotz Bombardierung im Zweiten Weltkrieg blieb das Werk lieferfähig. Das Ausgangsprodukt Kohlenteer war aufrund der Stadtgaserzeugung in großen Mengen vorhanden. So konnte man eben nicht nur das Gehäuse dieser Boxkamera aus Bakelit fertigen, sondern versuchte dasselbe auch mit der Karosseriebeplankung eines bekannten DDR-Kleinwagens.

frühe Pouva Start

Sehr frühe Pouva Start, bei der der Drahtauslöseranschluß, die Tragschlaufen-Knöpfe und der Ring am Objektiv noch aus Metall sind. Der Transportknopf besteht dagegen aus Pertinax.

Perfekta



Solche Boxkameras können auch ästhetisch sein, wie die Volkseigene Photoindustrie in den 50er und 60er Jahren bewies. Als diese Kameragattung in der Zwischenkriegszeit in den Markt eingeführt wurde, stellten die zugehörgen Gerätschaften noch nüchterne, schwarze Blechkästen dar – daher die Gattungsbezeichnung. Initiatoren waren die Filmhersteller, die möglichst billige Knippsapparate unter die Leute bringen wollten, um den Absatz an Rollfilmen  anzukurbeln. Erst in einem zweiten Schritt sprangen die Kamerhersteller auf diesen gut rollenden Zug auf und lancierten eigene Modelle, die manchmal etwas besser ausgestattet waren. Trotzdem war die Technik dieser Kameras durchweg spartanisch: Einfacher Schleuderverschluß mit Moment und Zeit, keine Entfernungseinstellung, billige "Objektive" in Form von Periskopen, Achromaten oder meistens gar nur einzelnen Meniskuslinsen. Diese waren weit abgeblendet, um ein leidlich scharfes Bild liefern zu können. Der Vorteil lag aber darin, daß bei gutem Lichte nur noch ausgelöst werden mußte. Genau das richtige für Lieschen Müller. Und von den meist 6x9cm großen Negativen ließen sich auch ohne Vergrößerungsgerät per Kontaktkopie leicht "albumfertige" Papierbilder gewinnen.

Rheinmetall Perfekta

Beim ersten Modell der Perfekta kann man sicherlich bezüglich der Ästhetik geteilter Auffassung sein. Das ist in erster Linie ihrer starren Bauweise ("Tubuskamera") zuzurechnen. Bei der unten gezeigten Perfekta II mit ihrem versenkbaren Objektiv war die Formgebung dann aber deutlich ausgewogener. Ungewöhnlich zudem die drei Momentbelichtungszeiten, die sonst nur bei Kameras der Mittelklasse üblich waren.

Perfekta II

Die erste Boxkamera in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. frühen DDR dürfte die bereits angesprochene Pouva Start gewesen sein, die sich durch Einsatz von Phenoplast-Kunststoff (in der Fachsprache auch "Plastaresin" genannt) billig in riesigen Stückzahlen herstellen ließ. Auf diesem Pfad wanderten bald mehrere Mitbewerber, von denen die oben gezeigte Perfekta II mit ihrem Drei-Zeiten-Verschluß und dem farbtauglichen Achromaten bereits die Luxusausführung der Boxkamera darstellte. Sie wurde zur der Herbstmesse 1955 auf den Markt gebracht. [Vgl. Brauer, Egon: Neuheiten auf der Herbstmesse, Bild und Ton Heft 10/1955, S. 280.]

DD13.327

Bezüglich der Perfekta II hat es sogar eine Patentierung gegeben. Bei ihr wird nämlich der Verschluß gespannt wenn man den Film transportiert, was unliebsame Doppelbelichtungen, wie sie bei der Pouva Start auftreten können, ausschließt. Diese Kupplung von Filmtransport und Verschlußaufzug gab es vorher schon bei dem ersten Modell der Perfekta. Das Neuartige war nun aber, daß bei der Perfekta II das Objektiv versenkbar ist und es deshalb eines speziellen Übertragungsmechanismusses bedurfte. Dieser wurde im DDR-Patent Nr. 13.327 vom 14. März 1954 zum Schutze angemeldet. Schön für uns, daß die Perfekta II nun auch mit einem Namen in Verbindung gebracht werden kann. Wer hätte noch gewußt, daß  diese hübsche Boxkamera von einem gewissen Friedrich Schieber konstruiert worden ist.

Sica-Kamera aus dem Patent Nr. 8557

Dieser Mann war schon in den 30er Jahren bei der Zeiss Ikon AG an der Vervollkommnung des Metallrollo-Verschlusses der Contax II beteiligt. Nach intensiverer Beschäftigung mit seiner Patentüberlieferung habe ich eine interessante Entdeckung gemacht. Nicht nur, daß Friedrich Schieber auch den Verschlußspannmechanismus für das erste Modell der Perfekta entwickelt hat, bei der das Objektiv noch nicht versenkbar war (DDR-Patent Nr. 8557 vom 13. Februar 1953). In dieser Schutzschrift wird darüber hinaus auch auf sein DDR-Patent Nr. 4122 vom 13. Mai 1949 verwiesen, das erstmalig seinen mit dem Filmtransport gekuppelten Verschlußspannmechanismus schützte. Das interessante ist nun, daß im zweiten Patent Nr. 8557 in Abb. 1 diejenige Kamera skizziert ist, für die das Patent 4122 ursprünglich gedacht war (oben). Der Kenner entdeckt in dieser Skizze die Boxkamera "Sica", die eigentlich als "Volkskamera" angekündigt war, aber letztlich nicht in Serie fabriziert worden ist. Schieber selbst gibt in seinem Patent Nr. 8557 den Hinweis, daß sich diese kastenförmige Kamera nur schwer  mit den Händen fassen ließ. Bei der  T-förmigen Perfekta war die Frage der Handhabung dann besser gelöst. Weil bei ihr aber der Filmtransportknopf weit vom Verschluß entfernt war, war die im Patent Nr. 8557 geschützte Erfindung  vonnöten. Daß Friedrich Schieber der Konstrukteur der seltenen Sica gewesen ist, das bekräftigt auch das Patent Nr. 1526 vom 16. Mai 1950, mit dem er den recht aufwendigen Spiegel-Aufsichtssucher dieser Kamera mit seinem seitenrichtigen Luftbild schützen ließ (unten). Der war vielleicht ein weiterer Grund, weshalb diese Kamera nicht in Großserie gebaut worden ist. Das entsprechende Spiegelsystem ist im rechten Bild dargestellt.

Sica Sucher Patent 1526

Certo-phot und Certina

Certo-phot

Weiter mit den Boxkameras. Die große Zeit des Bakelit ging Ende der 50er Jahre mit dem Erscheinen neuer Kunststoffe langsam zuende. Zudem war das harte Material immer recht bruchgefährdet. Das Certo-Kamerwerk ging daher einen anderen Weg, indem es das Kameragehäuse aus Metall (Certo-phot) oder aus einer Metall-Kunststoff-Verbundbauweise (Certina) ausführte. Der mechanische Aufwand beim Verschluß wurde nun freilich wieder deutlich auf das übliche Box-Niveau herabgesenkt. Einzig die Möglichkeit der Certo-phot bzw. Certina, die Entfernung einzustellen, ist noch erwähnenswert. Das ist eigentlich bei Boxkameras nicht üblich. Eine Doppelbelichtungssperre war nun aber selbst bei dieser einfachen Kameragattung mittlerweile Standard. Und seit mit dem Agfacolor Ultra 17/10° DIN der Farbnegativfilm genau so empfindlich geworden war, wie der Isopan F Standard-Schwarzweißfilm, lag es durchaus im Bereich des Machbaren, mit diesen einfachen Kameras Farbaufnahmen zu wagen. Wie bei den Perfektas wurden daher auf Farbfehler korrigierte Achromate verbaut. Weil sich bei deren beachtlicher Öffnung von 1:8 aber eine  ausgeprägte Bildwölbung bemerkbar macht, wurde diesem Problem bei den genannten Kameras mit einer durchbogenen Filmbahn begegnet. Für eine Kamera, die ziemlich genau so viel kostete, wie zwei Langspielplatten, waren dadurch schon recht gute Aufnahmen möglich.

Oben die besagte gewölbe Bildbühne, unten die zugehörige Andruckplatte.

Achromat Bildfehler
Periskop Bildfehler

Oben links die typischen Bildfehlerkurven des in den beiden Perfektas, der Certo-phot und der Certina eingesetzten Objektivtyps "Achromat". Daneben im Vergleich dazu das Periskop der Pouva Start (nach Naumann). Solcherlei "Objektive" für Billigkameras sind natürlich in jeglicher Hinsicht ein Kompromiß. Man sieht beispielsweise, daß die sphärische Aberration bei beiden Typen geradezu verheerende Ausmaße annimmt je größer die Einfallshöhe des Lichtes wird (Kurven jeweils oben rechts). Lichtstärken über 1:11 liefern daher nur sehr weichgezeichnete Bilder.


Das Periskop hat als symmetrisch aufgebautes Objektiv den Vorteil, daß Astigmatismus und Wölbung (zweites Koordinatensystem) vergleichsweise klein sind. Zumindest sind die durch diesen Abbildungsfehler hervorgerufenen Unschärfen am Bildrand nicht erheblicher, als die durch sphärische und chromatische Aberrationen bedingten Unschärfen, die auch die Bildmitte weich machen. Daher ist auch der nutzbare Bildwinkel des Periskops etwas günstiger. Beim klassischen Achromat, wie er Beispielsweise fast 100 Jahre lang als sogenannte Landschaftslinse verwendet wurde, nimmt der Astigmatismus nun aber gerade die denkbar größten Ausmaße an. Zudem laufen tangentiale und sagittale Bildschale zu allem Übel auch noch in gegengesetzte Richtungen davon - und zwar noch viel stärker als beim Periskop. Die Firma Goerz hatte daher nach dem Ersten Weltkrieg einen Achromaten namens "Frontar" entwickelt, bei dem die miteinander verkittete Sammel- und Zerstreuungslinse zusammen die Form eines Meniskus ergeben. Bei einer meniskenförmigen Sammellinse, bei der also beide Außenflächen in dieselbe Richtung gewölbt sind und dabei die Dicke der Linse in der Mitte größer ist als am Rand, geht das Ausmaß des Astigmatismus nämlich stark zurück. Genau gesagt fallen die sagittale und die tangentiale Bildschale zusammen oder sie verlaufen nah beieinander. Leider aber sind beide Bildschalen dann nach wie vor gewölbt. Eine Bildfeldebnung ist bei einem verkitteten Achromaten leider nicht möglich. Mithilfe einer gekrümmten Bildbahn kann man den Film aber einigermaßen in eine Ebene zwingen, auf die sich die größte Schärfe erstreckt.


Der große Vorteil des Achromaten - und das geht aus diesen Kurven leider nicht hervor - liegt natürlich darin, daß die Abbildung achromatisiert werden kann. Das heißt selbst bei Aufnahmen auf Colorfilm ergeben sich kaum lästige Farbsäume um die Konturen der abgebildeten Objekte herum. Beim einfachen Periskop der Pouva Start ist das leider oftmals der Fall. Dafür ist bei diesem durch dessen symmetrischen Aufbau so gut wie keine Verzeichnung erkennbar (unterste Kurve). Historisch gesehen war es also folgerichtig, daß in den 1860er Jahren diese beiden Objektivtypen kombiniert und dadurch der Aplanat geschaffen wurde. Beim Aplanat schränkte nunmehr nur noch der Astigmatismus und die Koma eine weitere Steigerung von Bildwinkel und Lichtstärke ein. Durchbrochen wurde diese Situation übrigens nicht wirklich mit dem ersten Anastigmat von Paul Rudolph im Jahre 1889, sondern vielmehr mit dem Cook'schen Triplet, das mit seinen drei Linsen nur geringfügig aufwendiger war als die oben genannten Einfachobjektive, aber selbst bei vergleichsweise wohlfeilen Kameras eine sehr weitgehende Zurückdrängung aller Bildfehler ermöglichte. Mit der zunehmenden Verbreitung des Kleinbildes, das stets stark nachvergrößert werden muß, führte alsbald jeder Objektivhersteller solche Triplets im Programm und die Verwendung einfacher Achromate ging stark zurück.

Certo-phot Justage
Certo-phot

So gefällig diese preiswerten Amateurkameras auch aussahen und so ausgeklügelt sie konstruiert waren – die Zeit der größeren Bildformate war abgelaufen. Auch in der DDR hielten im Laufe der 70er Jahre zumindest im Schwarzweißbereich Laborautomaten Einzug.  Die selbstangefertigte Kontaktkopie des Negativs auf Auskopierpapier kam daher rasch außer Mode und die Verwendung des Rollfilms im Amateurbereich ging stark zurück. Die Amateure kauften sich jetzt eine Kleinbildkamera und gaben den belichteten Film in die Obhut des "Dienstleistungskombinates". Es begann die Ära der mannigfaltigen 35mm Sucherkameras, die in unterschiedlichen Ausstattungsniveaus bis zum Ende der DDR in sehr hohen Stückzahlen ausgestoßen wurden.

Certina

Die Certina wurde im Jahre 1969 als "Revue Junior" sogar von Foto Quelle vertrieben. Nicht daß es dafür keine westdeutschen Hersteller gegeben hätte, aber der harte Preiskampf  hatte hier Ende der 60er Jahre bereits zu einer deutlichen Ausdünnung geführt. Was nicht Spitzentechnik war, das mußte nun möglichst billig sein, um beispielsweise gegenüber Konkurrenten wie Porst oder Neckermann bestehen zu können. In beiden Hinsichten - der Spitzentechnik bzw. der preislichen Wettbewerbsfähigkeit - war der westdeutsche Kamerabau bereits deutlich ins Hintertreffen geraten. Selbige Industriezweige der DDR konnten diesen Prozeß noch etwa 10...15 Jahre hinauszögern. Vorerst lag das nicht allein daran, daß die DDR immer mehr zum Billiglohnland wurde.



Unten: Eine auf Basis der Certo-phot selbstgebaute 6x6-Stereokamera.

Certo-Plast

Kodak Pionier

Eine weitere dieser Boxkameras aus Bakelit, die das Zeug zur Volkskamera gehabt hätte, war die "Pionier" der Kodak AG i.V. Berlin Köpenick. Sie wäre nämlich mit einem Verkaufspreis von 9,95 Mark ein absoluter Knüller gewesen. [Vgl. Die Fotografie, 4/1955 S. 103.]. Leider aber war sie für 16 Aufnahmen im Nennformat 3x4 cm auf Rollfilm A8 (international als Typ 127 bekannt) konzipiert. Anders als in dem oben genannten  Artikel  ausgesagt, war dieser Rollfilm nie  "in ausreichender Menge vorhanden", sondern  man tat alles dafür, diesen Filmtyp auslaufen zu lassen. Seine dünnen und außerdem kostspieligen Spulen aus Metall waren seit jeher sehr problematisch. Aber es gab noch einen viel triftigeren Grund, daß dieser Kamera kein Erfolg beschieden war: Die Negative aus einer Pouva Start waren immer groß genug, daß zumeist ein einfacher Kontaktabzug als Erinnerungsbildchen genügte. Dafür reichte auch das einfache periskopische Objektiv dieser Kamera aus. Kontaktbelichtungen im Format 3x4 cm waren jedoch zu klein. Man hätte die Negative also erstens vergrößern müssen, wozu es eines entsprechenden Apparates bedurft hätte, der nicht nur 9,95 Mark gekostet haben dürfte. Zweitens aber waren bei solch kleinen Aufnahmeformaten (im Gegensatz zu den Mittelformaten) die einfachen Meniskuslinsen qualitativ völlig überfordert. Wer also ohnehin bereit war, sich ein Vergrößerungsgerät zu kaufen, der sparte lieber etwas und  legte sich eine  Kamera zu, die wenigstens mit einem anastigmatisch korrigierten Triplet ausgerüstet war. Eine Boxkamera im Kleinbildformat  konnte auf diese Weise nie erfolgreich werden – so billig sie auch verkauft wurde.

Die "Knips"

GBZ Knips

Einen ganz ähnlichen Fall  stellt  die "Knips" des VEB Glas Bijouterie Zittau dar. Auch dieses kleine Aufnahmegerät, das durch das versenkbare Objektiv sehr kompakt wirkt, war für den Rollfilm 127 vorgesehen – hier aber mit einer brauchbaren Bildgröße im Nennformat 4 x 6,5 cm. Um die verheerende Wölbung des Bildfeldes auszugleichen, die sich einstellt, wenn eine Einzellinse mit einer Hinterblende versehen wird, war bei dieser kleinen Kamera bereits die Bildbahn durchbogen gestaltet. Aber auch dieses ausgeklügelte technische Merkmal kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß man den Eindruck bekommt, es handele sich um ein Spielzeug, wenn man diese Kamera das erste mal in den Händen hält. Vielleicht war sie das ja auch. Der Hintergrund zu dieser Kamera ist nicht ganz klar, aber es ist nicht auszuschließen, daß es sich um eine Konsumgüterproduktion handelt, die durchaus in Spielwarengeschäften vertrieben worden ist. Immerhin gehörten Spielwaren zum Kerngeschäft dieses Zittauer Betriebes. Exakte Belege dafür findet man aber heute keine mehr. Auch waren die Stückzahlen ganz offensichtlich nicht sehr hoch und die Produktuionszeit nur kurz. Was man hingegen genau weiß, ist die Tatsache, daß diese Kamera nicht aus Preßstoff (also Phenolharzen) gefertigt ist, sondern offensichtlich aus dem thermoplastisch verformbaren Kunststoff Polystyrol.   


Nun ist es aber leider so, daß dieser Werkstoff eigentlich gar nicht für den Kamerabau geeignet ist. Im Gegensatz zu Bakelit ist  Polystyrol nämlich eine glasklare Masse. Das ist an sich eine feine Sache, denn man kann sie, wenn man es bunt mag, in allen möglichen Schattierungen anfärben. Aber dann sieht der Gegenstand nur äußerlich gleichmäßig farbig aus. Anhand zweier Objektivdeckel aus Polystyrol, die von außen tiefschwarz aussehen, die ich hier aber mit einer starken Lichtquelle durchleuchte, erkennt man, daß sich die Masse niemals gleichmäßig durchfärben läßt. Aber schlimmer noch: man bekommt Polystyrol nur schwer lichtdicht. Es genügen aber kleinste Mengen an Licht, wenn sie nur lange genug einwirken, um den Film zu verschleiern. Meine These also: Möglicherweise konnte bei dieser Kamera in einer Serienfertigung nicht sichergestellt werden, daß sie wirklich lichtdicht war. Das könnte ein Grund dafür sein, daß sie recht bald wieder aus den Geschäften verschwunden ist.


Das sind aber letztlich nur Vermutungen. Auch ist bislang nicht bekannt, woher die Information ursprünglich stammt, daß die Kamera überhaupt aus Polystyrol gefertigt wurde. Nur eines kann man mit Gewißheit sagen: Sie besteht nicht aus Preßstoff, sondern wurde im Sprizgußverfahren geformt. Und dazu bedarf es eines thermoplastischen Kunsstoffes.


VEB Plasta, Kunstharz- und Pressmassenfabrik Erkner, Werk I

Dieses Bild zeigt das ab 1914 errichtete erste Fabrikgebäude der Bakelite GmbH; bis 1956 das Werk I des VEB Plasta Kunstharz- und Preßmassenfabrik Erkner, danach Forschungsstätte. Aufgenommen übrigens mit der oben gezeigten Certina im Oktober 2019.




Die modernste Form der Boxkamera war übrigens die Pouva Start bzw. Beirette SL100 für die ORWO Schnelladekassette. Unten sieht Man einen Vergleich zum Spitzenmodell dieser Reihe, der SL400 mit Belichtungsmesser.

Beirette gif

Marco Kröger/Yves Strobelt


letzte Änderung: 22. März 2020