Tessar

Das Tessar

Carl Zeiss Jena

Das Tessar ist ein Jahrhundertobjektiv. Kaum etwas Vergleichbares dominierte im 20. Jahrundert weite Teile der Phototechik so sehr wie das Tessar. Und zwar nicht allein als ein erfolgreiches Erzeugnis eines einzelnen Herstellers, sondern als Gattungsbegriff für eine Objektivbauform, an der schon bald keine der Konkurrenzfirmen mehr vorbeikam. Als halbverkittete Tripletvariante ist der Tessartyp zu den erfolgreichsten Objektivkonstruktionen aller Zeiten zu zählen. Diese Tatsache erfährt selbst dadurch keinerlei Schmälerung, daß das Tessar im neuzeitlichen kommerziellen Objektivbau quasi keine Rolle mehr spielt.

Jena Tessar 2,8/7,5 cm

Rudolphs Durchbruch


So augenfällig uns heute die Charakteristik des Tessars als ein durch Verkittung erweitertes Triplet auch erscheinen mag, und so gerne wir es der Übersichtlichkeit halber jener Gruppe um die Zeitgenossen Heliar (Voigtländer, 1900) und Hektor (Leitz, 1928) zuordnen würden, so wenig entspricht diese Kategorisierung seinem tatsächlichen historischen Werdegang. Der Literatur zufolge ging nämlich Paul Rudolphs (1858-1935) Entwicklungsansatz eben gerade nicht von der Idee aus, die Leistung des Cook'schen Triplets dadurch zu verbessern, indem er dessen drei Einzellinsen an einer oder mehreren Stellen in Kittgruppen aufspaltete, so wie dies Hans Harting kurz zuvor bei seinem Heliar getan hatte. Vielmehr stellt das Tessar eine bewußte Kombination zweier Achromate dar – eines Altachromaten mit einem Neuachromaten.


Achromate sind schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt (John Dollond). Zu jener Zeit hatte man freilich nur wenige Glassorten zur Verfügung, die bei kleiner Brechzahl eine geringe Farbzerstreuung aufwiesen (Kronglas) oder bei hoher Brechzahl eine hohe Farbzerstreuung (Flintglas). Damit waren die Konstruktionsmöglichkeiten für den Optiker verständlicherweise stark eingeschränkt. Dieses über Jahrhunderte hinweg zementiert scheinende Gefüge zwischen Brechzahl und Dispersion wurde allerdings ab Mitte der 1880er Jahre durch die bahnbrechenden Arbeiten Otto Schotts im Jenaer Glaswerk sukzessive überwunden, indem er dem Optiker nun neuartige hochbrechende Gläser mit vergleichsweise niedriger Farbzerstreuung zur Verfügung stellte. Mit diesen neuen Konstruktionselementen war prinzipiell der Weg zur vollkommenen Korrektur abbildender Systeme – Anastigmat genannt – geöffnet worden. Daß diese Anastigmate trotzdem nicht einfach so vom Himmel fielen und deren Entwicklung zunächst in einige technische Sackgassen führte ("Protar", "Unar"), zeigt, welche Probleme es bereitete, überhaupt erst einmal den richtigen Ansatz für ein solches auf Vollkommenheit ausgerichtetes Objektiv zu finden. Die völlig neuen Konstruktionsprinzipien, die sich Paul Rudolph während seiner bereits anderthalb Jahrzehnte andauernden Tätigkeit als Optikrechner im Zeisswerk erarbeitet hatte, waren auch der Grund dafür, weshalb sein Tessar-Patent Nr. 142.294 vom 25. April 1902 nicht ins Gehege mit dem nur zwei Jahre älteren Patent von Harting kam: Das einzigartige Vermögen Paul Rudolphs, die anastigmatische Bildfeldebnung durch geschickte Brechzahlabstufung gegeneinander gestellter Gläser herbeizuführen.

Tessar - Das Adlerauge Ihrer Kamera

Hat nämlich die Kittfläche (oder ggf. der Luftzwischenraum) zwischen den Linsen eines Altachromaten zerstreuende Wirkung, so hat dieselbe beim Neuachromaten eine sammelnde. Mit einem herkömmlichen Altachromaten ließ sich nur der sog. Öffnungsfehler (sphärische Aberration) und der Farbortsfehler (chromatische Längsabweichung) beheben, Astigmatismus und Bildfeldwölbung hingegen nicht. [Vgl. Fincke, H. E.: Physikalisch-optische und physiologische Grundlagen; in Teicher (Hrsg.): Handbuch der Fototechnik, 2. Auflage, 1963, S. 40.] Da insbesondere der Astigmatismus jedoch auch prinzipiell nicht durch Abblenden zurückzudrängen ist, waren mit dem Altachromaten nur bescheidene Ansprüche innerhalb bestimmter Sujets zu befriedigen (sogenannte "Landschaftslinse"). Demgegenüber sind mit einem Neuachromaten Astigmatismus und Wölbung korrigierbar, wenn er in zusammengesetzten Objektiven verwendet wird. Letztere Voraussetzung des zusammengesetzten Objektivs war wiederum nötig, weil bei solchen Neuachromaten nun gerade die Korrektur des Öffnungsfehlers erschwert ist. Durch eine Kombination eines Neu- mit einem Altachromaten konnten jetzt  endlich sphärische Abberation und Astigmatismus so gegeneinander ausgeglichen werden [Vgl. ebenda, S. 46], daß sich für damalige Begriffe nicht für möglich gehaltene Abbildungsleistungen erreichen ließen. Man möchte fast sagen "so einfach ist das also". Der Weg zum Tessar war freilich viel steiniger, als man in der Rückschau glauben mag. Es bedurfte halt erst einmal des entsprechenden Einfalls. Und der wird für immer mit dem Namen Paul Rudolphs verbunden bleiben. 

Zeiss Tessar lens scheme

Auf diesen Grundprinzipien der modernen Optik fußend, ist das Tessar ein wunderbares – weil auch für den Laien verständliches – Beispiel dafür, daß Abbildungsfehler nicht einfach "beseitigt", sondern lediglich so weit gegeneinander abgewogen werden können, daß man sich einem Optimum annähert. Wenn die eine Objektivhälfte die Korrektur des problematischen Astigmatismus und der Wölbung, nicht aber des Kugelgestaltsfehlers zuläßt, dann muß die andere Hälfte letztere Aufgabe übernehmen, ohne sich wiederum zu negativ auf den Astigmatismus auszuwirken. Dabei kommt es dem Tessar offenbar zugute, daß beide Systemteile schon von sich aus achromatisiert sind, was mehr Spielraum beim gegenseitigen Abwiegen der anderen Bildfehler offen läßt.

DE142294 Rudolph Tessar 1902

Das Bild oben zeigt den originalen Linsenschnitt aus Rudolphs Patentschrift von 1902. Seinen erfinderischen Fortschritt (der Dreh- und Angelpunkt eines jeden Patentgesuchs) erläuterte er folgendermaßen:


"Dieser Erfolg beruht darauf, daß in einem aus vier durch die Blende in zwei Guppen geteilten einfachen Linsen bestehenden Objektiv die Linsen der einen Gruppe einen Luftabstand erhalten, welcher von einem Nachbarflächenpaar mit negativem Stärkevorzeichen begrenzt ist, die Linsen der anderen Gruppe aber durch eine Kittfläche mit sammelnder Wirkung vereinigt sind.

Durch dieses Objektiv ist der Konstruktionsgedanke des Objektivs nach Patent 56109 [also des "Anastigmats" von 1890] und der des Objektivs nach Patent 134408 [also des "Unars" von 1899] zu einer gewissen Vereinigung gebracht worden. Während man sich nämlich bei ersterem auf durch die Blende getrennte, verkittete Linsengruppen beschränkt und die Gegensätzlichkeit zur Herbeiführung astigmatischer Korrektion nur auf die Brechungswirkung von Kittflächen erstreckt hat, sind bei letzteren [sic!] unter Voraussetzung eines Luftabstandes in jeder Gruppe zwei in der Brechung gegensätzlich wirkende Nachbarflächen wirksam, d. h. zwei Luftlinsen von verschiedenem Stärkevorzeichen.

In dem neuen Objektiv ist nun die zur astigmatischen Korrektion führende Gegensätzlichkeit dadurch geschaffen, daß die Kittfläche der einen verkitteten Gruppe das entgegengesetzte Stärkevorzeichen erhält wie das Nachbarflächenpaar der anderen, einen Luftabstand enthaltenden Gruppe."


In der Folge führt Rudolph noch aus, daß er bei seinem Tessar von den beiden prinzipiell möglichen Lösungen diejenige gewählt hat, bei der eine positiv wirkende Kittfläche einer negativen Luftlinse gegenübergestellt wird. Zwar seien schon früher vielmals Kittflächen und Luftlinsen gegenübergestellt worden aber sowohl beim Petzvalobjektiv wie beim Steinheil'schen Antiplaneten habe die Kittfläche stets dasselbe Stärkevorzeichen bessessen wie die Luftlinse.

Um also die Quintessenz aus Rudolphs Tessarpatent auf einen Punkt zu bringen: In den Jahren zwischen 1889 und 1902 ist es Paul Rudolph durch systematische Entwicklungsarbeit gelungen, zusammengesetzte optische Systeme zu entwickeln, bei denen sowohl die Bildfehler, die aus der Kugelgestalt der Linsen herrühren, als auch die Bildfehler schiefer Büschel (insbesondere Astigmatismus und Wölbung) gleichzeitig behoben werden konnten. Dies gelang ihm durch den Einsatz von Korrektionsmitteln, die in beiden Systemhälften jeweils entgegengesetzte Brechkräfte aufwiesen. Beim Anastigmat bzw. Protar waren das zwei Kittfächen, beim Unar zwei Luftlinsen mit jeweils entgegengesetzter Wirkung. Das Tessar kann nun gewissermaßen als eine Fusion der sammelnden Kittfläche vom Protar mit der zerstreuenden Luftlinse des Unars begriffen werden, was unten noch einmal bildlich dargestellt ist.

Evolution des Tessars aus dem Protar und dem Unar

Wandersleb übernimmt die Weiterentwicklung


In Rudolphs Tessar-Patent ist für das angegebene Ausführungsbeispiel eine Lichtstärke von 1 : 5,5 zugrundegelegt. Interessant erscheint, daß in dieser Schutzschrift offen zum Ausdruck gebracht wird, daß das angegebene Beispiel lediglich dazu geeignet sei, die grundsätzliche Leistungsfähigkeit seiner Erfindung abzuschätzen, es jedoch noch nicht zu einem Optimum durchgerechnet worden wäre. Diese, auf Grundlage der damals zur Verfügung stehenden Mittel übrigens sehr kräftezehrende Arbeit des Optimierens, hat Rudolph trotz der großen ökonomischen Bedeutung dieses international konkurrenzlosen Objektivstyps bereits nach kurzer Zeit vollständig seinem Assistenten Ernst Wandersleb überlassen. Und das obwohl Wandersleb mit 22 Lebensjahren gerade erst bei Zeiss eingestellt worden war. Wie wir heute wissen, lag das wohl hauptsächlich daran, daß das Tischtuch zwischen Paul Rudolph und seinem Arbeitgeber bereits seit längerer Zeit zerschnitten war.


Es gehört zur Lebenstragik des Dr. Paul Rudolph, daß dieser geniale Geist im Sommer 1889 mit gerade einmal 30 Lebensjahren einen nach heutigem Verständnis regelrechten Knebelvertrag mit dem Zeisswerk abgeschlossen hatte, der ihm anfänglich ein gutes und vor allem sicheres Auskommen zu sichern schien, sich aber später als ein goldener Käfig entpuppte, der ihm eine Teilhabe an den zunehmend größer werdenden ökonomischen Erträgen aus seinen Erfindungen verwehrte, ihn gleichzeitig aber auch nicht gehen und zum eigenen Herr über seine Erfindungen werden ließ. Um es vorweg zu nehmen: Paul Rudolph mußte erst über 60 Jahre alt werden, um von diesem Vertrag endlich loszukommen und überdies seine schöpferische Kraft als Objektivkonstrukteur wiederzuerlangen!


Dieses Gefühl, zunehmend von seinem Arbeitgeber übervorteilt zu werden, muß in Paul Rudolph wohl aufgekommen sein, nachdem mit seinem Planar von 1896 das erste Mal mit einem Zeissobjektiv richtig gutes Geld verdient werden konnte, ihm aber aufrund seines Anstellungsvertrages von 1889 kein Anteil an den Erträgen zustand. Eine im Arbeitsvertrag genannte Beteiligung an Patentlizenzen galt nämlich ausschließlich für seinen später als Protar bekannt gewordenen Anastigmaten von 1890. In dem Maße aber, wie Rudolph nun immer fortgeschrittenere Konstruktionen erfand, die das Protar zunehmend vom Markt verdrängten, fielen die zusätzlichen Einnahmen für ihn um so geringer aus. Für Rudolph ergab sich also die geradezu kafkaeske Situation, daß er immer stärker Opfer seines eigenen Erfolges wurde. Man kann daher seine Patentschrift zum Tessar auch so lesen, daß er verzweifelt versuchte, den Erfindungsgedanken und damit auch die Lizenzeinnahmen aus seinem Anastigmaten irgendwie auf das neue Objektiv zu übertragen. Aus dem Gang der Geschichte wissen wir, daß ihm dies nicht gelang. Verschlimmert worden war die ohnehin schon schwierige Lage noch mit einem waghalsigen Versuch, seine Einnahmen durch ein privates Engagement im Kamerabau zu verbessern. Das Scheitern des "Palmos-Camerawerks" hatte indes den endgültigen Bruch mit seinem Arbeitgeber zur Folge, da er diesen in den verlustreichen Bankrott mit hineingezogen hatte.


Die folgende Zeit nach dem Tessarpatent war nun durch eine fast völlige Erlahmung der schöpferischen Tätigkeit Rudolphs überschattet, obwohl er formal Leiter der Abteilung Photo blieb. In der Patentliteratur ist lediglich noch ein "Herumlaborieren" an seinen alten Erfindungen aus den 1890er Jahren nachweisbar. Diese wiederum kafkaesk anmutende Lage ergab sich ebenso als ein Ergebnis des unglücklichen Anstellungsvertrages von 1889: Rudolph hätte binnen zehn Jahren nach dem Ausscheiden bei Zeiss in keiner konkurrierenden Firma tätig werden dürfen, weshalb eine solche nicht weniger als den Totalverlust seiner Lebensgrundlage bedeutende Kündigung für ihn nicht infrage kam. Zeiss hatte andererseits Rudolph vertraglich eine unkündbare Stellung zugebilligt, weshalb sie fest an ihn gebunden waren, gleichgültig ob Paul Rudolph Jahrhundertobjektive erfand oder Däumchen drehte eine über die Maßen unbefriedigende Situation für beide Seiten. Diese beinah ins irrwitzige abgleitende Vorgeschichte mußte hier freilich vorwegschickt werden, um begreiflich zu machen, weshalb der Erfinder des Tessars und Leiter der Abteilung Photo ganz offensichtlich seine neue Hervorbringung bereits kurze Zeit nach der Patentanmeldung aus der Hand gegeben hat. Willy Merté schreibt hierzu im Jahre 1929:


"Das Ausführungsbeispiel des Grundpatents des Tessars hat P. Rudolph [...] etwa für eine Öffnung 1 : 5,6 sphärisch und auf Sinusbedingung korrigiert, während die anastigmatische Bildebnung und Verzeichnungsfreiheit noch nicht in dem Maße wie bei den damaligen Protaren erreicht war. Dieses Patentbeispiel wurde nicht fabriziert, sondern zwei andere Formen, die P. Rudolph sogleich aus dem Typ herausarbeitete, das Tessar 1 : 6,3 als hervorragendes Universalobjektiv [...] und ein Reproduktionsobjektiv mit der Anfangsöffnung 1 : 10 bis 1 : 15, das 'Apochromattessar' gennant wurde.

Die weitere Entwicklung der Tessarform für die verschiedenen Anwendungsgebiete, vor allem in der Richtung großer Lichtstärke, als Universalobjektiv für Astrophotographie, für Porträtphotographie, für Kinoaufnahmen, für Episkopprojektion, späterhin für Fliegerkammern u. a. m. beruht bis etwa 1915 im wesentlichen auf den Arbeiten von E. Wandersleb, und zwar entstand 1904 ein Astrotessar 1 : 5, 1905 ein Universaltessar 1 : 4,5, 1906 das Tessar 1 : 3,5 mit einem Bildfeld von etwa 3540° für Kinoaufnahmen und Sonderzwecke, insbesondere späterhin für die ersten Fliegerkammern, 1908 auch ein verhältnismäßig weitwinkliges Tessar mit einem Öffnungsverhältnis 1 : 9 und einem Bildfeld von etwa 80°. [...]

Daneben lief von 1905 an die Ausarbeitung von wichtigen Änderungen innerhalb der Tessare 1 : 6,3 und 1 : 4,5. Da diese Formen, ebenso wie die meisten der vorstehend genannten, zum großen Teil weit innerhalb der Laufdauer des Grundpatents entstanden, fehlte die Veranlassung, neue Schutzrechte für sie auszuarbeiten und so unterblieb bei der Mehrzahl auch ihre druckschriftliche Veröffentlichung [...]. Um so notwendiger schien es dem Verfasser, hier ausdrücklich auf diese wichtigen Arbeiten von E. Wandersleb hinzuweisen." [Merté, Willy: Bauarten der photographischen Objektive, in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band I, Das photographische Objektiv, Wien, 1932, S283/284.]


Man erfährt also aus diesen Ausführungen, daß Rudolph lediglich noch in den Jahren 1902 und 1903 das Tessar 1 : 6,3 und das Apo-Tessar ausgearbeitet hat, ab 1904 aber sämtliche Weiterentwicklungen von Rudolphs Assistenten Ernst Wandersleb übernommen worden sind. Was man obendrein noch erfährt, daß nämlich die großen Leistungen Ernst Wanderslebs als herausragender Objektivkonstrukteur wohl deswegen immer ein wenig unter den Tisch gefallen sind, weil er anders als Merté oder Bertele nicht besonders prominent in der Patentliteratur auftaucht. Zudem wird er durchweg als bescheidener Zeitgenosse und Philanthrop beschrieben, der offensichtlich nur wenige Ambitionen zeigte, sich in den Vordergund zu spielen. Und das obgleich er 1911 als Rudolphs Nachfolger zum Leiter der Abteilung Photo des Zeisswerks aufgestiegen war.


Mit Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird dieser interessante Mann, der mit einer jüdischstämmigen Frau verheiratet gewesen ist, allerdings sukzessive aus seiner Führungsposition innerhalb der Abteilung Photo verdrängt. Inwieweit daran sein Nachfolger Willy Merté beteiligt gewesen ist, ist mir noch nicht ganz klar. Fakt ist, daß letzterer sowohl Wanderslebs Position innerhalb der Abteilung Photo als auch die Weiterentwicklung der prestigeträchtigen Tessare übernimmt. Merté gelingt es Anfang der 30er Jahre, das Tessar als Normalobjektiv auf die Öffnung 1:2,8 zu bringen. Das war allerdings etwas zu viel des Guten. Bei dieser hohen Öffnung war der Tripletabkömmling deutlich überfordert. Das Tessar als "Adlerauge der Kamera" drohte seinen Ruf einzubüßen, da von der legendären Strichschärfe und vor allem der Brillanz nicht viel übrig blieb. Der Tessartyp ist eigentlich nur bis Öffnungen um 1:4,0 gut auskorrigierbar, ansonsten muß man entweder zu aufwendigeren Konstruktionen übergehen, oder Kompromisse eingehen. Vier Glassorten, sieben Krümmungsradien und zwei Lufträume beschränken halt die Korrekturmöglichkeiten. Andererseits ist durch den vergleichsweise simplen Aufbau das Tessar in der Fertigung sehr gut beherrschbar. Dort wo es nicht auf höchste Lichtstärken ankommt – zum Beispiel im Großformat – ist das Tessar 1:4,5 jahrzehntelang der Standard geblieben, an dem sich Normalobjektive mit Bildwinkeln um die 60 Grad messen lassen mußten.

Tessare 1:4,5

Jahrzehntelang der Maßstab für ein hochwertiges Normalobjektiv mit etwa 60 Grad Bildwinkel: Das Tessar 1:4,5 in Brennweiten zwischen 50 und 360 mm wurde noch bis Ende der 1980er Jahre gefertigt. Ursprünglich von Ernst Wandersleb um 1906/07 herum geschaffen und wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (ca. 1911...1913) noch einmal perfektioniert, wurde diese Reihe gegen Ende der 20er Jahre (ca. 1927...1930) von Willy Merté auf den aktuellen Stand der Glastechnologie gebracht. Interessant ist, daß einige dieser Tessare 1:4,5 um 1948 herum von Prof. Zöllner erneut überarbeitet wurden, man aber nach einigen Jahren teilweise wieder auf die alten Versionen aus der Zwischenkriegszeit zurückwechselte. So geschehen zum Beispiel bei dem unten gezeigten Tessar 4,5/50mm, das am 26. Juni 1948 neu berechnet und bis 1953 in dieser Konfiguration hergestellt wurde. Das nächste Produktionslos von 1958 verwendete dann allerdings wieder die Rechnung vom 15. September 1930. Auf dieser Grundlage von 1930 wurde das Tessar 4,5/50mm gebaut, bis die Produktion 1980 mit einer letzten Serie auslief.

Tessar 3,5/25cm

Ernst Wanderslebs große Leistung: Die Tessare 1:3,5 waren lange Zeit die lichtstärksten Universalobjektive. Das obige Exemplar wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg gebaut. Seine versenkte Fassung deutet darauf hin, daß es ursprünglich für eine Atelier-Spiegelreflex 13x18cm gedacht gewesen sein mag.

Tessar 3,5/25cm

Links das erste Tessar 2,8/50mm von Willi Merté aus dem Jahre 1931 für die Contax. Im rechts gezeigten Prakticar 2,8/50mm steckt auch ein Tessar, und zwar dasjenige von Harry Zöllner aus dem Jahre 1947. Das Besondere ist aber, daß dessen Gläser hier – und auch nur hier! – mehrschichtvergütet gewesen sind. Das nur in geringen Stückzahlen gefertigte Prakticar stellt also die höchste Entwicklungsstufe des Jenaer Tessars 2,8/50 dar.


Unten ist die historische Entwicklung der Querabweichungen (ein Konglomerat aus sphärischer Aberration und meridionaler Koma) verschiedener Generationen des Tessars zusammengefaßt; von der ersten Serie 1:6,3 von 1902 bis zum Tessar 2,8/50 von 1947. [nach Zöllner, Harry: 70 Jahre Tessar; in: Fotografie 4/1972, S. 33.] Auf der x-Achse ist der Tangens des halben bildseitigen Bildwinkels δ' (= kleines Delta) und auf der y-Achse Δy' als Querabweichung in der besten Einstellebene angegeben. Alle Zahlenwerte verstehen sich auf eine Brennweite von 100 mm bezogen. Anmerkung: Beim Tessar 4,5 muß es statt 1939 sicherlich 1929 heißen.

Tessar sphärische Querabweichung

Mertés Tessar als Versuchsträger für ein asphärisches Objektiv


Für das Kleinbild wurden aber größere Lichtstärken verlangt. Das liegt daran, daß erst bei den kleineren Formaten die Schärfentiefenverhältnisse so günstig sind, daß man die große Blendenöffnung überhaupt ausnutzen kann. Andererseits wurde vor 60...80 Jahren diese Reserve an Lichtstärke auch gebraucht, wenn man beispielsweise auf dem Kodachrome oder Agfacolor Film mit ihren Empfindlichkeiten von 12...15 DIN photographieren wollte.


Willy Merté arbeitete daher seit Mitte der 1930er Jahre daran, die Lichtstärke des Tessars mit 5 cm Brennweite auf 1:2,0 und höher anzuheben, indem er an verschiedenen Positionen asphärische Flächen einführte. Aus dem Jahre 1934 und 35 sind bei Thiele mehrere Versuchsfertigungen für Tessare 2,8; 2,0 und sogar 1,5/5 cm überliefert, die allesamt asphärisch deformierte Flächen aufwiesen. Merté hatte sich offenbar zuvor intensiv mit deformierten Linsenflächen auseinandergesetzt, worüber ein erstes diesbezügliches Patent Nr. DE645.202 vom 31. Januar 1934 Zeugnis ablegt. Es existiert allerdings auch ein sich direkt auf diese asphärischen Tessare beziehendes Patent, das erst am 6. Dezember 1940 angemeldet worden ist, und gar erst am 23. Juli 1954 in der DDR unter der Nummer 2675 veröffentlicht wurde, nachdem Merté bereits seit sechs Jahren verstorben war. Unten gebe ich zwei Bildbeispiele aus dem besagten Patent wieder. Diese Grundlagenarbeiten zum Einsatz deformierter Flächen im Photoobjektivbau müssen wohl völlig in Vergessenheit geraten sein; man findet darüber keinerlei Hinweise in der Fachliteratur. Merté muß aber mit seinen diesbezüglichen Arbeiten weit vorangekommen sein, denn aufgrund seiner eigenen Mitteilung kann man wissen, daß das "Zeiss Magnar 4x" für die Rolleiflex bereits 1939 tatsächlich mit einer asphärischen Fläche ausgestattet war. [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 12.] Man muß dieses Vorsatzfernrohr demnach als erstes asphärisches Serienobjektiv der Welt ansehen. Doch es herrschte mittlerweile Krieg und die Konsumgüterproduktion geriet rasch in den Hintergrund. Der frühe Tod Mertés im Frühjahr 1948 tat dann wohl sein Übriges.

Merté Asphäre Tessar
Tessar 2/5 cm

Bild: Stefan Baumgartner

Von den asphärischen Tessar-Versuchen der 30er Jahre ist auf deutschem Boden wohl nichts übriggeblieben, denn alle Prototypen wurden 1945 von den US-Streitkräften beschlagnahmt und nach Amerika verbracht. Interessant ist aber, daß offenbar unter dem neuen Chef der Abteilung Photo des Jenaer Zeisswerks Harry Zöllner die Arbeiten an asphärischen Tessaren fortgesetzt bzw. im Kriege abgebrochene Projekte zuende geführt wurden. Zöllner und sein Assistent Fritz Disep (bekannt als Schöpfer des Apo-Germinars) haben der Literatur zufolge dieses Versuchsobjektiv Tessar 2/5 cm am 10. August 1948 gerechnet. Die Tatsache aber, daß bei diesem Versuchexemplar von 1949 noch keine Entspiegelungsschichten aufgebracht sind, läßt wohl eher darauf schließen, daß hier Glasmaterial von dem um 1940 abgebrochenen Versuchen Mertés verwertet wurde.

Tessar asphärisch exakta

Bild: Stefan Baumgartner

Harry Zöllners Vervollkommnung des Tessars zum modernen Universalobjektiv


Als nach dem Kriege absehbar war, daß die deutsche Photoindustrie aufgrund der enormen internationalen Nachfrage wieder große Mengen an Kameras wird absetzen können, wurde der Tessartyp aufgrund seiner guten Eignung für die Massenfertigung rasch wieder interessant. Bei Zeiss in Jena wurde noch im Jahr der Demontage das Tessar auf Basis der während des Krieges fortentwickelten Glastechnologie vom damaligen Leiter der Abteilung Photo Harry Zöllner neu berechnet. Patentrechtlich gesichert wurde diese Weiterentwicklung in der DDR unter der Nummer 8721 vom 17. März 1951.


Dieses Tessar 2,8/50 mit dem Konstruktionsdatum 29. Oktober 1947 gilt damit als Neuanfang des Jenaer Zeisswerks nach der Katastrophe von 1946/47. Zöllner gelang es damals, das Tessar so zu optimieren, daß es bis in das Jahr 1987 – also vier Jahrzehnte lang – optisch unverändert gefertigt werden wird. In einem Aufsatz aus dem Jahre 1972 verweist Zöllner darauf, daß selbst mit den mittlerweile zur Verfügung stehenden rechnergestützten Optimierungsprogrammen kaum noch eine wesentliche Verbesserung der Bildleistung des Tessares möglich sei. Dessen namensgebende vier Linsen, damit vier verschiedene Glassorten, vier Linsendicken, zwei Lufträume und – durch die Verkittung – insgesamt sieben frei wählbaren Radien ließen nur wenig Spielraum für weitere Verbesserungen [Vgl. Zöllner, Harry: 70 Jahre Tessar; in: Fotografie 4/1972, S. 33.]. Um so höher ist die damalige Leistung Paul Rudolphs und seiner Nachfolger zu bewerten, die für das Auffinden und Optimieren solcher optischer Systeme seinerzeit noch keine automatisch arbeitenden Computer zur Verfügung hatten, sondern die einzig und allein auf ihr außergewöhnliches Talent und ein tiefgreifendes Verständnis der photooptische Materie vertrauen konnten.

Tessar Fehlerkurven

Die Abbildung oben zeigt uns die Bildfehlerkurven des Tessars 2,8/50mm in der Version von 1947 [nach Fincke]. Mit etwas Übung läßt sich aus ihnen ablesen, weshalb dieses Tessar nach heutigen Maßstäben bei offener Blende nicht das beste Objektiv der Welt ist, wieso diese Schwächen aber bereits bei leichter Abblendung weitgehend verschwinden. Die Kurve a) gibt die sphärische Aberration wieder sowie (gestrichelt) die Abweichung von der Sinusbedingung. Beide Kurven liegen übereinander, was sehr wüschenswert ist. Nicht verwirren lassen sollte man sich dadurch, daß alle Zahlenangaben hier auf eine Brennweite von 100 mm bezogen sind, was schlichtweg eine Konvention darstellt. Die sogenannte Einfallshöhe, die auf beiden Seiten der y-Achse je etwa 17,5 mm beträgt, also ingesamt etwa 35 mm, paßt nun geradewegs etwa 2,8 mal in die Brennweite von 100 mm, woraus sich die bekannte Lichtstärke unseres Tessars ergibt. Auffällig ist nun, daß die Kurven in a) eine ziemliche Ausbeulung aufweisen, die der Photooptiker als Zonen bezeichnet. Der Punkt der schärfsten Abbildung liegt an diesen Stellen nicht genau auf der Bildebene (= y-Achse), wie das bei Lichteinfall entlang der optischen Achse (= x-Achse) der Fall ist, sondern der Schärfepunkt liegt bei einer Einfallshöhe von 15 mm reichlich 0,5 % VOR der Bildebene. Weil die Brennweite der Konvention gemäß auf 100mm umgerechnet ist, sind das also auch reichlich 0,5 mm Abweichung bzw. reichlich 0,25 mm bezogen auf die tatsächliche Brennweite des Tessars von 50mm. Wer gern mit Formeln hantiert, der kann sich die Größe des Unschärfekreises ausrechnen, die sich aus dieser Verschiebung des Schärfepunktes ergibt. Er überschreitet zwar noch nicht den für das Kleinbild zulässigen Wert, kommt ihm aber ziemlich nahe. Wichtig ist aber, daß diese Überlagerung des scharfen "Kern-Bildes" nur von solchen Lichtstrahlen hervorgerufen wird, die das Tessar in den äußersten Bereichen des Linsendurchmessers durchlaufen. Bei einer Abblendung auf 1:5,6 (entsprechend einer Einfallshöhe von etwa 9mm) ist die sphärische Aberration hingegen vernachlässigbar. Wie man erkennt, beginnt die Kurve erst oberhalb der 10 mm-Marke auszubrechen. Damit war der durchaus merkliche Restbetrag des Öffnungsfehlers dieses Tessars 2,8/50 freilich nur bei denjenigen seltenen Gelegenheiten wirklich zu spüren, in denen einmal mit weitgeöffneter Blende photographiert wurde. Da das Tessar 2,8/50 spätestens ab Mitte der 60er Jahre eine Rolle als preiswertes Amateurobjektiv zugewiesen bekommen hatte, war seine Charakteristik, daß es erst bei leichter Abblendung richtig leistungsfähig wird, völlig unproblematisch.



Diese Eigenart des kräftigen Leistungsanstiegs beim Abblenden wird auch noch einmal in diesen beiden MTF-Diagrammen deutlich, anhand derer man einen direkten Vergleich zwischen dem Tessar und dem zeitgenössischen  Meritar 2,9/50 mm von Ludwig ziehen kann. Die Aussagekraft solcher Diagramme ist immer begrenzt. Aber man erkennt schon, daß das Meritar das "Schärfekriterium" 40 Linien je Millimeter bei 40 Prozent Kontrast selbst bei Abblendung nur geradeso überschreitet. Vergleicht man die Kurven des Tessars allerdings mit denjenigen, die zum Beispiel auf der entsprechenden Seite für das Oreston 1,8/50 mm angegeben sind, so erkennt man, daß ein solcher Gaußtyp bei Abblendung noch einmal deutlich besser wird, als das an die Grenzen seiner Leistung gebrachte Tessar 1:2,8. Positiv fallen beim Tessar jedoch die eng beieinander liegenden Kurven für Mitte und Rand auf, die in der Praxis eine gleichmäßige Verteilung der Schärfe über das Bildfeld hinweg erwarten lassen.

Tessar 3,5/50
Tessar 2,8/50

Zwei Beispiele für Tessare in M42-Fassung: Links ein Tessar 3,5/50 mit Normalblende, mit denen allenfalls die frühen Modelle der Contax S Typ C  bestückt wurden. Rechts die für die Contax F gelieferte Version mit Halbautomatischer Springblende. Bewegt man hier den Blendenring über den Öffungswert 2,8 hinaus, so rastet die Blende in der vollen Öffnung ein. Kurz vor Auslösung des Verschlusses wird der Stößel des Objektivs so weit eingdrückt, daß die Rastung aufgehoben wird und die Blende auf den vorher eingestellten Arbeitswert zuspringt. Der Vorteil dieses Systems ist, daß der Auslöser kaum mit einer zusätzlichen Kraft belastet wird. Der Nachteil besteht darin, daß nach jeder Verschlußauslösung die Blende stets wieder manuell geöffnet werden muß. Daher Halbautomatische Springblende.

Praktiflex M42

Oben: Eines der ersten Objektive mit M42-Gewinde (genaugenommen wohl das siebenundsiebzigste) ist dieses Tessar 3,5/5 cm vom März 1948. Der international als Praktica- oder Pentax-Gewinde bekannte M42-Standard sollte eigentlich "Praktiflex-Gewinde" heißen.

Oben: Der Inbegriff des Tessartyps ist für viele Amateurphotographen das Tessar 2,8/50 mm. Es wurde in die einfache Beltica genau so eingebaut wie in die Spitzenmodelle der Werra-Reihe. Selbst für die Praktina IIa - mit dem Tessar immerhin sechs mal so teuer wie die Beltica II - war dieses Objektiv in Hinblick auf die Abbildungsleistung auf dem nötigen Niveau. Wichtig ist aber, daß es dazu auch mechanisch mit der Zeit gehen mußte. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war das Tessar 2,8/50 eines der ersten Objektive weltweit, das mit vollautomatischer Springblende versehen wurde. Auch der rastende Blendenring mit konstanten Abständen zwischen den Blendenwerten war eine unerhörte Neuheit, die uns nur deshalb kaum spektakulär vorkommt, weil das späterhin zum Allgemeingut wurde.


Unten: Wie gesagt waren zu Zeiten der Praktica B-Reihe die oben genannten mechanischen Errungenschaften aus der Glanzzeit der Dresden-Jenaer Kooperation längst schon zum internationalen Standard geworden, nur daß die Springblende nun nicht mehr durch einen linear wirkenden Druckstößel, sondern zirkular mittels Blendenhebels angsteuert wurde. Das lag daran, daß die Objektive bei der B-Reihe durch Eindrehen im Bajonett befestigt wurden, während die Praktina noch mit einer sogenannten Steckanpassung arbeitete, bei der nicht das Objektiv, sondern der Befestigungsring verdreht werden mußte. Wie weiter oben schon dargestellt, war in dieser Version als Prakticar das Tessar 2,8/50 von 1947 exklusiv mehrschichtvergütet. Kostete das Tessar 2,8/50 mit Druckblende für die Praktica MTL oder die Exa Ib 140,- Mark, so hatte sich dessen Preis als Prakticar 2,8/50 mit 320,- Mark mehr als verdoppelt. Da das Kombinat Pentacon mit Erscheinen der B-Reihe ein seit zehn Jahren in der Schublade liegendes Projekt für ein Prakticar 2,4/50 wieder hervorholte und dieses Objektiv durch Auftragsfertigung bei IOR in Bukarest im Preis auf 275,- Mark gedrückt werden konnte, wurde das Saalfelder Prakticar 2,8/50 rasch eingestellt. Schon als die Auslieferung der Praktica B100 begann, befand es sich bereits im Abverkauf.

Prakticar 2,8/50 mm
Contax I Tessar 2,8/50

Mit der Contax I begann 1932 die lange Geschichte des Tessars 2,8/50. Eine erste Konstruktion war am 2. April 1931 abgeschlossen worden, von der allerdings nur 1500 Stück fabriziert und in Zentralverschlüssen gefaßt wurden. Noch im selben Jahr wurde das Tessar 2,8/50 jedoch im Hinblick auf die neue Contax optimiert. Der Rechnungsabschluß datiert vom 8. Oktober 1931 und schon kurze Zeit danach begann sogleich eine für damalige Verhältnisse ausgesprochene Großserienproduktion. Das obige Exemplar ist eines dieser frühen Tessare 2,8/50 für die Contax, deren Produktion offenbar zu jener Zeit bereits angelaufen war (sonst hätte man ja nicht in kurzer Zeit mehrere 1000 Normalobjektive gebraucht). Bereits im Mai 1933 wurde dessen Rechnung freilich schon wieder durch eine neue abgelöst, die dann bis zum Zweiten Weltkrieg Bestand hatte..


Kuriosum: Für diese Kamera wurde das Tessar in den 30er Jahren sogar als Grundlage für ein ausgesprochenes Weitwinkel mit 75 Grad Bildwinkel verwendet. Das war dann aber doch etwas zu viel des Guten. Trotz der ohnehin geringen Lichtstärke von 1:8 wurde im Katalog dem Nutzer empfohlen, nach Möglichkeit noch auf 1:16 abzublenden, um ausreichende Schärfe zu erzielen. Auch der Lichtabfall zum Bildrand hin war naturgemäß erheblich.

Tessar 8/2,8cm

Unten: Das Tessar 2,8/8 cm (Rechnung vom 27. Januar 1933) war ein Versuch, auch im Mittelformat diese hohe Lichtstärke zu etablieren. Die ungünstigeren Schärfentiefenverhältnisse, die starke Wölbung des Rollfilmes aber nicht zuletzt auch die nicht ganz optimale Bildleistung dieses überzüchteten Tessares sorgten freilich dafür, daß es nur in wenigen Kameras (hier eine Super Ikonta) eingebaut wurde. Bei Franke und Heidecke war zwar 1934 viel Aufwand aufgebracht worden, eine Rolleiflex mit diesem Tessar 2,8 zu entwickeln (immerhin mußte zur nächstgrößeren Verschlußbaugröße übergegagen werden), die Serienproduktion wurde aufgrund der mangelnden Qualität dieses Tessars aber fallengelassen [Vgl. Prochnow, Rollei-Report, 1993, S. 190.].


Das 80er Tessar wurde zwar 1950 noch einmal neu berechnet (7. Juli), aber quasi parallel (1948 bzw. 1956) durch das fünflinsige Biometar abgelöst, das eine vereinfachte Gaußtypabwandlung darstellte und eine viel bessere Korrektur der sphärischen Aberration und der Farbquerkoma erlaubte.

Was man an dem obigen Exemplar gut erkennen kann, sind durch Verwitterung entstehenden Beläge, die die Oberflächen der Linsen so regenbogenfarbig schimmern lassen. Schon frühzeitig hatten Praktiker erkannt, daß solche Objektve brillanter arbeiteten, als solche mit frisch polierten Linsen, und sie bevorzugten ebenjene Exemplare für Aufnahmen in hartem Licht. Diesem Grundprinzip der Interferenz an dünnen Schichten folgend arbeitete dann auch die in den 30er Jahren in Jena entwickelte Entspiegelung von Glasflächen (Alexander Smaklua).

Das obige Bild wurde mit dem Tessar 2,8/80 mm an der Praktisix aufgenommen, das 1950 noch einmal auf der Basis des Zöllnerschen Patentes überarbeitet worden war. Ganz zufrieden war er damit aber nicht, wie er in seinen späteren Veröffentlichungen zum Biometar 2,8/80 durchblicken ließ. Ein großes Problem war der ausgeprägte Hang zur Blendendifferenz, die eine Folge eines nicht ideal auskorrigierten Kugelgestaltsfehlers ist. Das ist bei Kameras mit Mattscheibeneinstellung wie der Praktisix ein großer Nachteil, denn das Einstellen geschieht ja stets bei größter Blendenöffnung auf visuelle Art. Den Schärfepunkt nehmen wir nun dort wahr, wo die "Stelle der engsten Einschnürung" des "Lichtschlauches" (Kaustik) liegt, der sich aus sphärischen Restfehlern ergibt. Fallen nun bei Abblendung die Randstrahlen weg, dann wandert dieser Schärfepunkt längs der optischen Achse; er liegt also bei der tatsächlichen Aufnahmeblende woanders, als er bei der Mattscheibeneinstellung wahrgenommen wurde.


Diese Fehler macht sich natürlich hauptsächlich im Nahbereich und ähnlich kritischen Situationen bemerkbar - aber genau dafür war die Praktisix ja vorgesehen. Bei einer "Landschaftsaufnahme" wie oben, wo zudem noch auf 1:8 abgeblendet worden ist, fällt dieser Fehler freilich wenig ins Gewicht.


Unten: Ebenjenes Tessar 2,8/80mm in seiner hochmodernen Fassung mit linearisierter Blende, deren Mechanik erstmals kugelgelagert gewesen ist, um schnelle Blendenschließzeiten zu gewährleisten. Es stammt vom Frühjahr 1957 und bezeugt, daß die Praktisix sofort exportiert wurde, denn für den Westexport mußte es zum Jena T verschleiert werden.

Jena Tessar 2,8/80mm
Zeiss Jena Tessar 2,8/80mm

In Anbetracht der Abbildungsschwächen des Tessars 2,8/80 wurde für die Primarflex lieber das Tessar 3,5/105 mm als Normalobjektiv eingesetzt. Da es für das 6x9 Format gerechnet ist, hielt sich der Randabfall bei 6x6 in Grenzen, zumal diese Version 1936 für die Ikonta noch einmal optimiert worden war. Oben sieht man ein sehr spätes Exemplar aus der letzten Bauserie vom Sommer 1953, das bereits eine Einrichtung zur Blendenvorwahl besitzt.


Unten sieht man ein stattliches Tessar 3,5/165 als Portraitobjektv für diese Kamera. Es handelt sich dabei eigentlich um ein im Jahre 1926 für das Großformat 9x12 bzw. 10x15 konstruiertes Tessar, das 1948 in Primarflex-Fassung geliefert wurde.

Rolleiflex Tessar

Oben ist zweimal der Rolleiflex Automat gezeigt; links das Modell kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, rechts das nur geringfügig veränderte Modell aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Beide sind mit einem Tessar 3,5/75 mm ausgestattet; links aus Jena, rechts aus Oberkochen. Anhand dieses vom Zeisskonzern unabhängigen Kameraherstellers Franke & Heidecke kann man sich noch einmal klar machen, in welch einer schwierigen Lage sich die Photoindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg befand. Kamerafirmen, die auf den langjährigen Partner Zeiss angewiesen waren, sahen sich nun im Stich gelassen. Erst wurde das Jenaer Werk Ende 1946 fast vollständig durch die Sowjetunion demontiert, und nachdem der dadurch hervorgerufene Stillstand langsam überwunden werden konnte, war Zeiss Jena zu weiten Teilen durch Reparationslieferungen ausgelastet. Auch wiederum an die Sowjetunion. Daß in Oberkochen eine Konkurrenzfirma etabliert wurde, hat nicht allein mit dem Kalten Krieg und dem Kampf der Systeme zu tun. Die Zulieferungen an Photoobjektiven wurde vonseiten der westzonalen Kameraindustrie auch wirklich dringend gebraucht. Also fing man in Oberkochen mit den altbewährten Typen an.


Als Ergebnis häuften sich Anfang der 50er Jahre, als die Reparationsverpflichtungen zurückgingen, bei Zeiss zuvor nie gekannte Lagerbestände an, die nicht verkauft werden konnte - auch im Bereich Photo [Vgl. CIA-RDP82-00457R014000020002-6 vom 29. September 1952]. "[...] deliveries to West Germany and the Western countries have stopped almost entirely. This is due to the East-West trade restrictions and the fact that Zeiss-Opton in West Germany has reached the stage where it is in active competition in many respects with Zeiss Jena." [Ebd.]


Unten: Auch wenn dieses 75er Tessar in MTF-Diagrammen oft nur einen bescheidenen Eindruck hinterläßt, so handelt es sich in der Praxis dennoch um ganz hervorragendes Universalobjektiv des Mittelformates. Wie hier auf 5,6 abgeblendet lassen sich die Aufnahmen nicht von den 5-; 6- oder gar 7-linsigen Normalobjektiven der späteren Zeit unterscheiden.

Rolleiflex Tessar 75 mm

Tessare für den Berufsphotographen


Tessare in Normalfassung blieben noch bis zum Ende der DDR im Produktionsprogramm des VEB Carl Zeiss Jena; ja sie gehörten wohl mit zu den allerletzten Photoobjektiven, die in überhaupt noch die traditionsreichen Werkshallen in Jena bzw. Saalfeld verlassen haben. Das Tessar 4,5/135 lief 1986 aus, das Tessar 4,5/360 zum Jahresende 1985. Die letzten Tessare 4,5/180; 210; 250 und 300 mm wurden hingegen noch im April bis Juni 1991 in historisierenden Messingfassungen montiert. Dann wurden die Reste des Kombinates endgültig zerschlagen und der Saalfelder Betriebsteil durch eine Nachfolgefirma weitergeführt, die auch solche traditionsreichen Objektive noch eine Weile im Angebot hatte. Die Stückzahlen dürften aber marginal gewesen sein. In den 80er Jahren beim Tessar 4,5/180 mm noch übliche Produktionslose von bis zu 2000 Stück hat es sicherlich nicht wieder gegeben.


Zum großen Kuriosum der Wendezeit dürfte auch gehören, daß einige dieser Großformat-Tessare in Messingfassungen mit der Gravur "Meyer-Optik Germany" versehen wurden. Solcherlei Objektive müssen wir heute als historische Überreste aus einer rasch von den Folgeentwicklungen überranten Zeitspanne ansehen, die uns daran erinnern, daß nach 1985 das ehemalige Weltunternehmen in Görlitz neben Saalfeld zur bloßen Fertigungsstätte eines alles überragenden Kombinates in Jena degradiert worden war.

Tessar 6,3/135 mm

Interessant ist, daß über die DDR-Zeit hinweg auch einige Tessare 1:6,3 noch längere Zeit im Angebot blieben. Mit dieser Lichtstärke wurde dieser Typ immerhin 1902 ursprünglich geschaffen. Genau genommen waren es noch zwei Modelle. Das oben zu sehende Tessar stammt aus dem vorletzten Produktionslos vom Januar 1961. Ein Jahr später erfolgte die letzte Fertigung. Noch bis zum Oktober 1975 wurde freilich ein Tessar 6,3/210mm hergestellt. Zuletzt angeblich sogar noch einmal 1000 Stück. Die lange Produktionszeit von letzterem läßt sich daraus erklären, daß es mit der Öffnung 1:6,3 in einer Normalfassung N42 platzfand bzw. in einem Verschluß der Baugröße 1, der noch kurze Verschlußzeiten bis zur 1/400 Sekunde zuläßt. Außerdem waren diese beiden Typen 1947 neu gerechnet worden und dürften eine gute Bildleistung erreicht haben. Außerdem hatten sie einen größeren Bildwinkel bis an die 70 Grad. Das Tessar 6,3/135 zeichnet abgeblendet sogar das Format 13x18 knapp aus.


Unten einmal eine Tabelle der lieferbaren Tessare aus dem Jahre 1987 [aus: Brauer, Egon: Foto Optik; eine Warenkunde für den Fachverkäufer und den Fotoamateur, 8. Aufl. Leipzig, 1987]. Diese Angaben sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, weil die Bücher Brauers nicht gut recherchiert sind bzw. nachlässig aktualisiert wurden. Wie gerade dargelegt, war die Produktion des Tessars 6,3/135 bereits 25 Jahre zuvor eingestellt worden. Auch die Angabe der Masse in der letzten Spalte stimmt vorn und hinten nicht.

Zeiss Tessare Großformat

Unten ein Prospekt für den westdeutschen Markt aus dem Jahre 1969. "Carl Zeiss Jena" wurde zu aus Jena und das "Tessar" zum JENA-T "entschärft.

Der Fall Dominar


Zum Abschluß möchte ich noch auf ein kleines Mysterium verweisen: Um 1930 herum wurden von Zeiss Ikon Kameras mit zwei verschiedenen Tessartypen ausgestattet. Einmal natürlich das Zeiss Tessar; zum anderen aber auch ein "Dominar-Anastigmat". Dieser Ausschnitt aus dem Zeiss-Ikon-Katalog von 1932 zeigt, daß diese beiden, demselben Typus angehörenden Objektive, tatsächlich nebeneinander aufgelistet sind.

Zu diesem Dominar, über das man ansonsten sehr wenige Informationen findet, habe ich nun zwei Theorien parat. Die eine lautet: Es handelt sich um Restbestände des früheren "Ernoplast", das der Tessartyp der Vorgängerfirma Ernemann gewesen ist, das aber nun nicht mehr so heißen durfte. Nachdem es abverkauft wurde, verschwindet es aus den Katalogen und es bleibt nur noch das Zeiss'sche Tessar. Meine zweite, nicht minder plausibel klingende Theorie, fußt auf der Tatsache, daß Ende der Zwanziger Jahre alle bisherigen, von Wandersleb geschaffenen Tessare, durch Willy Merté auf Basis verbesserter Glastechnologie neu berechnet wurden. Durch die Auflistungen im Thiele kann man belegen, daß der Übergang von den alten, noch vor dem Ersten Weltkrieg berechneten Tessaren, auf die neuen, verbesserten Tessare, SUKZESSIVE erfolgte. Das lag zum Teil auch daran, daß beispielsweise beim stark nachgefragten Tessar 1:4,5 es keinen abrupten Übergang gegeben hat, weil jede Brennweitengruppe langwierig einzeln neu berechnet wurde. Es wurde also stets individuell optimiert und nicht eine bestehende Konstruktion bloß auf die jeweilige Brennweite skaliert. Man muß daher davon ausgehen, daß über eine gewisse Zeitspanne hinweg BEIDE Tessare –  also zum Beispiel ein neues Tessar 4,5/135 und ein altes 4,5/135 – gleichzeitig im Handel auftauchten bzw. noch bei den Kameraherstellern vorrätig blieb. Möglicherweise wurde bei Zeiss Ikon dieser Umstellung begegnet, indem das alte Tessar als "Dominar" preiswerter angeboten wurde. Denn im Katalog von 1931 kann man lesen: "Übertroffen wird das Dominar nur von dem in der Genauigkeit der Ausführung und Sorgfalt bei der Glaswahl einzigartigen, weltberühmten Zeiss Tessar 1:4,5." Ab der zweiten Hälfte der 30er Jahre findet das Dominar dann keine Erwähnung mehr in den Zeiss-Ikon-Publikationen.

Dominar Anastigmat

Rechnungen ausgewählter Tessartypen: Serienversionen

 


Tessar 2,8/50

 

1:         02. 04. 1931             ca. 1500 Stck.

2:         08. 10. 1931             über 10. 000

3:         08. 05. 1933             Großserie (v.a. Contax)

4:         29. 10. 1947             Einstellung der Produktion Frühjahr 1988

 


Tessar 2,8/80

 

1:         27. 01. 1933            

2:         07. 07. 1950             letzte Stücke im Febr. 1958 für Praktisix ASB

 


Tessar 3,5/50

 

1:         25. 07. 1929             Kolibri

2:         27. 02. 1931             Contax Ära, Herstellung bis Jahresende 1954 (Exakta)

 


Tessar 3,5/75

 

1:         20. 02. 1920             Nur wenige Exemplare

2:         01. 06. 1934            

3:         28. 05. 1947             letzte Großserie 3000 Stck. Jahresende 1955 für Weltax



Tessar 3,5/105

 

1:         31. 03. 1926             Etwa 7000 Stck. bis 1936

2:         26. 05. 1936             Produktion 1957 ausgelaufen (Ercona)

 


Tessar 4,5/135

 

1:         18. 07. 1911                        

2:         28. 05. 1929                        

3:         10. 02. 1948             große Frontlinse

4:         07. 03. 1957             bis 1986



Tessar 4,5/180

 

1:         04. 07. 1911            

2:         28. 05. 1929             bis zum Ende 1991 (Messingversionen)

3:         09. 02. 1948             nur ca. 300 Stck. 1951/52, dann wieder Version 2

 


Tessar 4,5/210

 

1:         05. 08. 1911

2:         06. 06. 1929             bis zum Schluß 1991 (Messing)

 


Tessar 4,5/300

 

1:         16. 09. 1911 

2:         05. 08. 1928             bis zum Ende 1991 (Messingversionen)

3:         04. 06. 1948             nur ca. 450 Stck. 1948-52, dann Rechnung aufgegeben

 


Tessar 4,5/360

 

1:         30. 01. 1912            

2:         08. 10. 1928             1985 letzte Serie von 500 Stck.

M. Kröger


letzte Änderung 1. Juni 2021