Tessar

Das Tessar

Carl Zeiss Jena

Das Tessar ist ein Jahrhundertobjektiv. Kaum etwas Vergleichbares dominierte im 20. Jahrhundert weite Teile der Phototechik so sehr wie das Tessar. Und zwar nicht allein als ein erfolgreiches Erzeugnis eines einzelnen Herstellers, sondern als Gattungsbegriff für eine Objektivbauform, an der schon bald keine der Konkurrenzfirmen mehr vorbeikam. Als halbverkittete Tripletvariante ist der Tessartyp zu den erfolgreichsten Objektivkonstruktionen aller Zeiten zu zählen. Diese Tatsache erfährt selbst dadurch keinerlei Schmälerung, daß das Tessar im neuzeitlichen kommerziellen Objektivbau quasi keine Rolle mehr spielt.

Jena Tessar 2,8/7,5 cm

Rudolphs Durchbruch

So augenfällig uns heute die Charakteristik des Tessars als ein durch Verkittung erweitertes Triplet auch erscheinen mag, und so gerne wir es der Übersichtlichkeit halber jener Gruppe um die Zeitgenossen Heliar (Voigtländer, 1900) und Hektor (Leitz, 1928) zuordnen würden, so wenig entspricht diese Kategorisierung seinem tatsächlichen historischen Werdegang. Der Literatur zufolge ging nämlich Paul Rudolphs (1858-1935) Entwicklungsansatz eben gerade nicht von der Idee aus, die Leistung des Cook'schen Triplets dadurch zu verbessern, indem er dessen drei Einzellinsen "einfach" an einer oder mehreren Stellen in Kittgruppen aufspaltete, so wie dies Hans Harting kurz zuvor bei seinem Heliar getan hatte. Vielmehr stellt das Tessar eine gezielte Kombination zweier Achromate dar – eines Altachromaten mit einem Neuachromaten.

Paul Rudolph ca. 1928

Paul Rudolph in den späten 1920er Jahren und damit während seiner letzten Lebensphase, die er in Görlitz verbrachte (Bild: A. Jäschke).

Achromate sind schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt (John Dollond). Sie waren das Ergebnis von Bestrebungen, die unerträglichen Farbsäume zu mildern, die sich ergeben, wenn Licht durch eine Linse gebrochen wird. Man nutzte dafür die Eigenschaften aus, daß eine Kron genannte Glassorte bei kleinerer Brechzahl eine geringe Farbzerstreuung aufwies, während sogenanntes Flintglas zwar eine deutlich höhere Brechzahl zu bieten hatte, aber leider auch gepaart mit einer deutlich höheren Farbzerstreuung. Trotz dieser begrenzten Materiallage war den Optikern frühzeitig der Weg zur Korrektur von Abbildungsfehlern gewiesen und insbesondere der Bau von Fernrohren profitierte stark von diesen Erkenntnissen.

chromatische Aberration

Optische Medien haben für verschiedene Farben des Spektrums unterschiedliche Brechzahlen. Bei Abbildung mithilfe einer einzelnen Linse stellen sich daher zwei eklatante Bildfehler ein: Die chromatische Längs- und die chromatische Querabweichung. Die Längsabweichung (auch Farbortsfehler genannt) ist eine Folge daraus, daß die Linse über das Spektrum hinweg keine einheitliche Schnittweite aufweist und das Licht daher, nachdem es die Linse verlassen hat, in farbigen Einzelbildern gebündelt wird, die in unterschiedlichen Entfernungen auf der optischen Achse regelrecht aufgereiht erscheinen. Man kann daher nicht gleichzeitig beispielsweise auf das blaue oder das rote Bild scharf einstellen. Die chromatische Querabweichung (auch Farbfehler der Bildgröße genannt) ergibt sich daraus, daß die Linse über das Spektrum hinweg auch noch unterschiedliche Brennweiten hat. Das hat nun wiederum zur Folge, daß die farbigen Einzelbilder auch noch mit einem unterschiedlichen Abbildungsmaßstab auf die Bildebene fallen, weshalb sie unterschiedlich groß erscheinen und sich die gefürchteten farbigen Säume an den Rändern der Bilder ergeben.


Als Möglichkeit zur Korrektur zumindest dieser Farbfehler wurde bereits frühzeitig die Tatsache ausgenutzt, daß Flintglas das Licht zwar stärker bricht als Kronglas, es aber auch stärker in seine Spektralfarben aufspaltet. Wenn nun einem Prisma aus Kronglas ein solches aus Flintglas gegenübergestellt wird, das gegenüber dem Kronglasprisma aber deutlich flacher ausgeführt ist, dann nimmt die Dispersion beider Prismen ein gleichgroßes Ausmaß an, obwohl beide das Licht unterschiedlich stark ablenken. Man kann nun diese beiden Prismen so gegeneinander stellen, daß sich die Farbzerstreuungen gegenseitig kompensieren, aber die Ablenkung des Lichtes durch das Kronglasprisma überwiegt [nach Naumann]. Analog dazu kann man einen Achromaten dadurch erzielen, daß eine Sammellinse aus Kronglas mit einer Zerstreuungslinse aus Flint kombiniert wird, der aber nur die halbe Brechkraft mitgegeben wird. Dadurch dominiert zwar weiterhin die sammelnde Wirkung der Kronglaslinse, doch die chromatische Quer- und zu guten Teilen auch die Längsabweichung lassen sich auf diese Weise gut korrigieren.

Achromatisches Prisma

Doch mit der Verbreitung der Photographie wuchsen im 19. Jahrhundert die Ansprüche an die Bildgüte optischer Systeme immens. Das lag nicht zuletzt daran, daß im Gegensatz zu Fernrohren nun deutlich größere Anforderungen an einen möglichst großen und bis in die Ecken scharf ausgezeichneten Bildwinkel gestellt wurden. Dem stand der nur schwer beherrschbare sogenannte Astigmatismus entgegen, der es nicht erlaubte, zueinander senrecht stehende Bildeinzelheiten gleichzeitig scharf wiederzugeben. Hierbei half auch abblenden nichts. Die zwei Bildschalen, die dieser Abbildungsfehler als Begleiterscheinung mit sich brachte, sorgten zudem dafür, daß die Abbildung auf der flachen Photoplatte außerhalb der Bildmitte rasch in Unschärfe abglitt. Es zeigte sich, daß lichtstärkere Objektive mit einem ausreichend großen Bildwinkel auf Basis der bisherigen Gläser nicht zu erreichen waren. Der Objektivbau schien daher seit den 1860er Jahren beinah zu stagnieren. Neue Perspektiven taten sich erst auf, nachdem ab Mitte der 1880er Jahre durch die bahnbrechenden Arbeiten Otto Schotts jenes über Jahrhunderte hinweg zementiert scheinende Gefüge zwischen Brechzahl und Dispersion mit einem Mal überwunden werden konnte. Das nach Schotts wissenschaftlichen Erkenntnissen produzierende Jenaer Glaswerk brachte jetzt sogenannte Schwerkrone heraus, die das Licht weiterhin nur so stark in seine Spektralfaben zerstreuten, wie die bisherigen Krongläser, es dabei aber so stark brechen konnten, wie man es bislang nur von Flintgläsern her kannte. Dabei wurden die Verhältnisse im Achromat neu definiert. Weil mit dem Schwerkron in der Sammellinse eine so große Brechkraft erreicht wurde, konnten im zerstreuend wirkenden Teil des Achromaten jetzt Glassorten mit einem niedrigeren Brechungsindex eingesetzt werden. Besonders vorteilhafte Ergebnisse konnten zudem erzielt werden, wenn in der Zerstreuungslinse die ebenfalls neuartigen Kurzflinte eingesetzt wurden, die mit ihrer anomalen Teildispersion die Farbkorrektur bis in den apochromatischen Bereich ermöglichten.


Dieses neu definierte Verhältnis von Brechzahlen und Dispersionswerten im Neuchromat ermöglichte erstmals die Einhaltung der sogenannten Petzvalbedingung, was als Schlüssel zur Beherrschung des Astigmatismus erkannt worden war.  Mit diesem neuen Konstruktionselement wurde nun prinzipiell der Weg zur vollkommenen Korrektur abbildender Systeme – Anastigmat genannt – geöffnet. Daß diese Anastigmate trotzdem nicht einfach so vom Himmel fielen und deren Entwicklung zunächst sogar in einige technische Sackgassen führte, zeigt, welche Probleme es bereitete, überhaupt erst einmal den richtigen Ansatz für ein solches auf Vollkommenheit ausgerichtetes Objektiv zu finden. Die völlig neuen Konstruktionsprinzipien, die sich Paul Rudolph während seiner bereits mehr als ein Jahrzehnt andauernden Tätigkeit als Optikrechner im Zeisswerk erarbeitet hatte, waren auch der Grund dafür, weshalb sein Tessar-Patent Nr. 142.294 vom 25. April 1902 nicht ins Gehege mit dem nur zwei Jahre älteren Patent von Harting kam: Die große Leistung Paul Rudolphs, die anastigmatische Bildfeldebnung durch geschickte Brechzahlabstufung gegeneinander gestellter Gläser herbeigeführt zu haben.

Tessar - Das Adlerauge Ihrer Kamera

Hat nämlich die Kittfläche (oder ggf. der Luftzwischenraum) zwischen den Linsen eines Altachromaten zerstreuende Wirkung, so hat dieselbe beim Neuachromaten eine sammelnde. Mit einem herkömmlichen Altachromaten ließ sich nur der sog. Öffnungsfehler (sphärische Aberration) und der Farbortsfehler (chromatische Längsabweichung) beheben, Astigmatismus und Bildfeldwölbung hingegen nicht. [Vgl. Fincke, H. E.: Physikalisch-optische und physiologische Grundlagen; in Teicher (Hrsg.): Handbuch der Fototechnik, 2. Auflage, 1963, S. 40.]  Demgegenüber sind mit einem Neuachromaten Astigmatismus und Wölbung korrigierbar, wenn er in zusammengesetzten Objektiven verwendet wird. Letztere Voraussetzung des zusammengesetzten Objektivs war wiederum nötig, weil bei solchen Neuachromaten nun gerade die Korrektur des Öffnungsfehlers erschwert ist. Durch eine Kombination eines Neu- mit einem Altachromaten konnten jetzt endlich sphärische Aberration und Astigmatismus so gegeneinander ausgeglichen werden [Vgl. ebenda, S. 46], daß sich für damalige Begriffe nicht für möglich gehaltene Abbildungsleistungen erreichen ließen. Man möchte fast sagen "so einfach ist das also". Der Weg zum Tessar war freilich viel steiniger als es in der Rückschau erscheinen mag.


Der erste Versuch nämlich, den durch die neuen Gläser ausgelösten Erfolg im Bau von Mikroskopobjektiven auch auf Photoobjektive auszudehnen, mündete zunächst in einen eklatanten Fehlschlag. Es war noch Ernst Abbe persönlich, der 1888 mit der Konstruktion eines Triplets begonnen hatte [Vgl. Esche: 75 Jahre fotografische Objektive aus dem Zeiss-Werk Jena; in: Fotografie 9/1965, S. 346ff]. Doch infolge des Todes des Firmengründers Carl Zeiß zum Ende des Jahres, der Abbe nun vollständig die Verantwortung für die Jenaer Weltfirma aufbürdete, gab er die Konstruktionsarbeiten nach kurzer Zeit an Paul Rudolph ab. Dieser mußte jedoch bald darauf feststellen, daß Abbes Konstruktionsansatz trotz hervorragender sphärischer und chromatischer Korrektur eine aussichtslose Sackgasse darstellte. Der Grund dafür: Astigmatismus. Mit dieser ernüchternden Erkenntnis hatte der gerade einmal 30-jährige Rudolph aber gewissermaßen eine Lebensaufgabe gefunden, die ihn letztlich bis ins hohe Alter nicht mehr loslassen sollte.


Sein Streben danach, das Auseinanderlaufen der beiden Bildschalen sowie deren Durchbiegung in den Griff zu bekommen, führte bereits im Frühjahr 1889 zu einem ersten Erfolg, der Anastigmat genannt wurde: Also ein nicht mit dem Fehler der Punktlosigkeit behaftetes Objektiv [DRP Nr. 56.109 vom 3. April 1890]. Die Grundlage dafür war bereits hier die oben beschriebene Verknüpfung eines Neu- mit einem Altchromaten, also das Rudolph'sche Korrekturprinzip, in beiden Objektivhäften Nachbarflächen einzubauen, die einmal eine sammelnde, in der anderen Hälfte jedoch eine zerstreuende Wirkung hat. Bei diesem ersten Anastigmaten der später, als auch andere Hersteller anastigmatisch korrigierte Photoobjektive herausgebracht hatten, in Protar umbenannt worden war handelte es sich bei den beiden Nachbarflächen noch um Verkittungen. Es zeigte sich jedoch, daß mit diesem Aufbau wiederum das Auskorrigieren der übrigen Bildfehler erschwert war. Insbesondere die gegenüber dem Abbe'schem Triplet nun wieder angewachsenen sphärischen Restfehler machten es unmöglich, die Lichtstärke anzuheben. Konkurrierenden Objektivbauanstalten, die ebenso mit den neuen Schottgläsern arbeiteten, gelang es daraufhin, das Zeisswerk mit besseren Erzeugnissen zu übertrumpfen und zwar zum Teil durch unverblühmtes Plagiieren des Rudolph'schen Korrekurprinzips. Doch Paul Rudolph würde nicht diesen Nachruhm als herausragender Objektivkonstrukteur innehaben, wenn er nun einfach seinen Konkurrenten nachgeeifert hätte. Vielmehr reagierte er auf diese Situation durch neuerliche wissenschaftliche Grundlagenarbeit, die in den "evolutionären Zwischenschritt" Unar [DRP Nr. 134.408 vom 3. November 1899] mündete. Bei diesem Objektiv war die anastigmatische Korrektur ebenso auf Rudolphs Grundprinzip der gegeneinandergestellten Nachbarflächen aufgebaut, nur daß es sich bei diesen nicht mehr um Kittflächen handelte, sondern um Luftlinsen. Damit war ein weiterer Ansatz zum Beheben der Abbildungsfehler geschaffen worden und es erscheint heute geradezu zwangsläufig, daß nur zweieinhalb Jahre später beide Ansätze im Tessar miteinander vereinigt werden sollten.

Evolution des Tessars aus dem Protar und dem Unar

Damit läßt sich die Quintessenz aus Rudolphs Tessarpatent folgendermaßen auf einen Punkt zu bringen: In den Jahren zwischen 1889 und 1902 ist es Paul Rudolph durch systematische Entwicklungsarbeit gelungen, zusammengesetzte optische Systeme zu entwickeln, bei denen sowohl die Bildfehler, die aus der Kugelgestalt der Linsen herrühren, als auch die Bildfehler schiefer Büschel (insbesondere Astigmatismus und Wölbung) gleichzeitig behoben werden konnten. Dies gelang ihm durch den Einsatz von Korrektionsmitteln, die in beiden Systemhälften jeweils entgegengesetzte Brechkräfte aufwiesen. Beim Anastigmat bzw. Protar waren das zwei Kittfächen, beim Unar zwei Luftlinsen mit jeweils entgegengesetzter Wirkung. Das Tessar kann nun gewissermaßen als eine Fusion der sammelnden Kittfläche vom Protar mit der zerstreuenden Luftlinse des Unars begriffen werden.

DE142294 Rudolph Tessar 1902

Das Bild oben zeigt den originalen Linsenschnitt aus Rudolphs Patentschrift von 1902. Seinen erfinderischen Fortschritt (der Dreh- und Angelpunkt eines jeden Patentgesuchs) erläuterte er folgendermaßen:


"Dieser Erfolg beruht darauf, daß in einem aus vier durch die Blende in zwei Guppen geteilten einfachen Linsen bestehenden Objektiv die Linsen der einen Gruppe einen Luftabstand erhalten, welcher von einem Nachbarflächenpaar mit negativem Stärkevorzeichen begrenzt ist, die Linsen der anderen Gruppe aber durch eine Kittfläche mit sammelnder Wirkung vereinigt sind.

Durch dieses Objektiv ist der Konstruktionsgedanke des Objektivs nach Patent 56109 [also des "Anastigmats" von 1890] und der des Objektivs nach Patent 134408 [also des "Unars" von 1899] zu einer gewissen Vereinigung gebracht worden. Während man sich nämlich bei ersterem auf durch die Blende getrennte, verkittete Linsengruppen beschränkt und die Gegensätzlichkeit zur Herbeiführung astigmatischer Korrektion nur auf die Brechungswirkung von Kittflächen erstreckt hat, sind bei letzteren [sic!] unter Voraussetzung eines Luftabstandes in jeder Gruppe zwei in der Brechung gegensätzlich wirkende Nachbarflächen wirksam, d. h. zwei Luftlinsen von verschiedenem Stärkevorzeichen.

In dem neuen Objektiv ist nun die zur astigmatischen Korrektion führende Gegensätzlichkeit dadurch geschaffen, daß die Kittfläche der einen verkitteten Gruppe das entgegengesetzte Stärkevorzeichen erhält wie das Nachbarflächenpaar der anderen, einen Luftabstand enthaltenden Gruppe."


In der Folge führt Rudolph noch aus, daß er bei seinem Tessar von den beiden prinzipiell möglichen Lösungen diejenige gewählt hat, bei der eine positiv wirkende Kittfläche einer negativen Luftlinse gegenübergestellt wird. Zwar seien schon früher vielmals Kittflächen und Luftlinsen gegenübergestellt worden aber sowohl beim Petzvalobjektiv wie beim Steinheil'schen Antiplaneten habe die Kittfläche stets dasselbe Stärkevorzeichen bessessen wie die Luftlinse.

Endlich war ein insgesamt einfach aufgebautes und vergleichsweise preiswert herstellbares photographisches Objektiv gefunden worden, bei dem der Ausgleich einer bestimmten Gruppe an Abbildungsfehlern nicht mehr durch Zugeständnisse in Hinblick auf bestimmte andere Abbildungsfehler erkauft werden mußte. Auf diesen Grundprinzipien der modernen Optik fußend, ist das Tessar ein wunderbares – weil auch für den Laien verständliches – Beispiel dafür, daß Abbildungsfehler nicht einfach "beseitigt", sondern lediglich so weit gegeneinander abgewogen werden können, daß man sich einem Optimum annähert. Wenn die eine Objektivhälfte die Korrektur des problematischen Astigmatismus und der Wölbung, nicht aber des Kugelgestaltsfehlers zuläßt, dann muß die andere Hälfte letztere Aufgabe übernehmen, ohne sich wiederum zu negativ auf den Astigmatismus auszuwirken. Dabei kommt es dem Tessar offenbar zugute, daß beide Systemteile schon von sich aus achromatisiert sind, was mehr Spielraum beim gegenseitigen Abwiegen der anderen Bildfehler offen läßt. Diese günstigen Voraussetzungen machten den Tessartyp zu einem der wichtigsten Pfeiler, auf dem die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts sprunghaft entwickelnde Phototechnik einen verläßlichen Ruhepukt finden konnte.

Wandersleb übernimmt die Weiterentwicklung

In Rudolphs Tessar-Patent ist für das angegebene Ausführungsbeispiel eine Lichtstärke von 1 : 5,5 zugrundegelegt. Interessant erscheint, daß in dieser Schutzschrift offen zum Ausdruck gebracht wird, daß das angegebene Beispiel lediglich dazu geeignet sei, die grundsätzliche Leistungsfähigkeit seiner Erfindung abzuschätzen, es jedoch noch nicht zu einem Optimum durchgerechnet worden wäre. Diese, auf Grundlage der damals zur Verfügung stehenden Mittel übrigens sehr kräftezehrende Arbeit des Optimierens, hat Rudolph trotz der großen ökonomischen Bedeutung dieses international konkurrenzlosen Objektivstyps bereits nach kurzer Zeit vollständig seinem Assistenten Ernst Wandersleb überlassen. Und das obwohl Wandersleb mit nur 22 Lebensjahren gerade erst bei Zeiss eingestellt worden war. Wie wir heute wissen, lag das wohl hauptsächlich daran, daß das Tischtuch zwischen Paul Rudolph und seinem Arbeitgeber bereits seit längerer Zeit zerschnitten war.


Es gehört zur Lebenstragik des Dr. Paul Rudolph, daß dieser geniale Geist im Sommer 1889 mit gerade einmal 30 Lebensjahren einen nach heutigem Verständnis regelrechten Knebelvertrag mit dem Zeisswerk abgeschlossen hatte, der ihm anfänglich ein gutes und vor allem sicheres Auskommen zu sichern schien, sich aber später als ein goldener Käfig entpuppte, der ihm eine Teilhabe an den zunehmend größer werdenden ökonomischen Erträgen aus seinen Erfindungen verwehrte, ihn gleichzeitig aber auch nicht gehen und zum eigenen Herr über seine Erfindungen werden ließ. Um es vorweg zu nehmen: Paul Rudolph mußte erst über 60 Jahre alt werden, um von diesem Vertrag endlich loszukommen und überdies seine schöpferische Kraft als Objektivkonstrukteur wiederzuerlangen!


Dieses Gefühl, zunehmend von seinem Arbeitgeber übervorteilt zu werden, muß in Paul Rudolph wohl aufgekommen sein, nachdem mit seinem Planar von 1896 das erste Mal mit einem Zeissobjektiv richtig gutes Geld verdient werden konnte, ihm aber aufrund seines Anstellungsvertrages von 1889 kein Anteil an den Erträgen zustand. Eine im Arbeitsvertrag genannte Beteiligung an Patentlizenzen galt nämlich ausschließlich für seinen später als Protar bekannt gewordenen Anastigmaten von 1889/90. In dem Maße aber, wie Rudolph nun immer fortgeschrittenere Konstruktionen erfand, die das veraltete Protar zunehmend vom Markt verdrängten, fielen die zusätzlichen Einnahmen für ihn um so geringer aus. Für Rudolph ergab sich also die geradezu kafkaeske Situation, daß er immer stärker Opfer seines eigenen Erfolges wurde.


Man kann daher seine Patentschrift zum Tessar auch so lesen, daß er verzweifelt versuchte, den Kerngedanken seiner Protar-Erfindung von 1889, mit dem ihm erstmals die Korrektur des Astigmatismus gelungen war, in der bildseitigen Kittgruppe des neuen Tessarobjektivs wieder aufleben zu lassen, um damit die vertraglich garantierte Beteiligung an Lizenzeinnahmen zu erzwingen. Doch genau diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Statt an dem großen kommerziellen Erfolg des Tessares zu partizipieren, mußte Rudolph mit ansehen, wie das nach Abbes Tod zum Großkonzern aufgestiegene Zeisswerk den Reibach ganz alleine einstrich. Verschlimmert worden war die ohnehin schon schwierige Lage noch mit einem waghalsigen Versuch, seine Einnahmen durch ein privates Engagement im Kamerabau zu verbessern. Das Scheitern des "Palmos-Camerawerks" hatte indes den endgültigen Bruch mit seinem Arbeitgeber zur Folge, da er diesen in den verlustreichen Bankrott mit hineingezogen hatte.


Die folgende Zeit nach dem Tessarpatent war nun durch eine fast völlige Erlahmung der schöpferischen Tätigkeit Rudolphs überschattet, obwohl er formal Leiter der Abteilung Photo blieb. In der Patentliteratur ist lediglich noch ein "Herumlaborieren" an seinen alten Erfindungen aus den 1890er Jahren nachweisbar. Diese wiederum kafkaesk anmutende Lage ergab sich ebenso als ein Ergebnis des unglücklichen Anstellungsvertrages von 1889: Rudolph hätte binnen zehn Jahren nach dem Ausscheiden bei Zeiss in keiner konkurrierenden Firma tätig werden dürfen, weshalb eine solche nicht weniger als den Totalverlust seiner Lebensgrundlage bedeutende Kündigung für ihn nicht infrage kam. Zeiss hatte andererseits Rudolph vertraglich eine unkündbare Stellung zugebilligt, weshalb sie fest an ihn gebunden waren, gleichgültig ob Paul Rudolph Jahrhundertobjektive erfand oder am Schreibtisch saß und Däumchen drehte eine über die Maßen unbefriedigende Situation für beide Seiten. Diese beinah ins irrwitzige abgleitende Vorgeschichte mußte hier freilich vorwegschickt werden, um begreiflich zu machen, weshalb die tatsächlich in den Handel gelangten Formen des Tessars keine Hervorbringungen seines Erfinders und Leiters der Photo-Abteilung mehr gewesen sind, sondern defacto diejenigen seines Assistenten Ernst Wandersleb. Willy Merté schreibt hierzu im Jahre 1929:


"Das Ausführungsbeispiel des Grundpatents des Tessars hat P. Rudolph [...] etwa für eine Öffnung 1 : 5,6 sphärisch und auf Sinusbedingung korrigiert, während die anastigmatische Bildebnung und Verzeichnungsfreiheit noch nicht in dem Maße wie bei den damaligen Protaren erreicht war. Dieses Patentbeispiel wurde nicht fabriziert, sondern zwei andere Formen, die P. Rudolph sogleich aus dem Typ herausarbeitete, das Tessar 1 : 6,3 als hervorragendes Universalobjektiv [...] und ein Reproduktionsobjektiv mit der Anfangsöffnung 1 : 10 bis 1 : 15, das 'Apochromattessar' gennant wurde.

Die weitere Entwicklung der Tessarform für die verschiedenen Anwendungsgebiete, vor allem in der Richtung großer Lichtstärke, als Universalobjektiv für Astrophotographie, für Porträtphotographie, für Kinoaufnahmen, für Episkopprojektion, späterhin für Fliegerkammern u. a. m. beruht bis etwa 1915 im wesentlichen auf den Arbeiten von E. Wandersleb, und zwar entstand 1904 ein Astrotessar 1 : 5, 1905 ein Universaltessar 1 : 4,5, 1906 das Tessar 1 : 3,5 mit einem Bildfeld von etwa 3540° für Kinoaufnahmen und Sonderzwecke, insbesondere späterhin für die ersten Fliegerkammern, 1908 auch ein verhältnismäßig weitwinkliges Tessar mit einem Öffnungsverhältnis 1 : 9 und einem Bildfeld von etwa 80°. [...]

Daneben lief von 1905 an die Ausarbeitung von wichtigen Änderungen innerhalb der Tessare 1 : 6,3 und 1 : 4,5. Da diese Formen, ebenso wie die meisten der vorstehend genannten, zum großen Teil weit innerhalb der Laufdauer des Grundpatents entstanden, fehlte die Veranlassung, neue Schutzrechte für sie auszuarbeiten und so unterblieb bei der Mehrzahl auch ihre druckschriftliche Veröffentlichung [...]. Um so notwendiger schien es dem Verfasser, hier ausdrücklich auf diese wichtigen Arbeiten von E. Wandersleb hinzuweisen." [Merté, Willy: Bauarten der photographischen Objektive, in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band I, Das photographische Objektiv, Wien, 1932, S283/284.]

Ernst Wandersleb

Ernst Wandersleb (1879 - 1963) auf einer Photographie aus derjenigen Zeit, als er Assistent Rudolphs gewesen sein dürfte. (Bild: Deutsche Digitale Bibliothek)

Man erfährt also aus diesen Ausführungen, daß Rudolph lediglich noch in den Jahren 1902 und 1903 das Tessar 1 : 6,3 und das Apo-Tessar ausgearbeitet hat, ab 1904 aber sämtliche Weiterentwicklungen von Rudolphs Assistenten Ernst Wandersleb übernommen worden sind insbesondere das lange als das "Adlerauge der Kamera" beworbene Tessar 1:4,5. Obendrein kann man aus Mertés Ausführungen noch eine Würdigung Ernst Wanderslebs dahingehend herauslesen, daß dessen große Leistungen als herausragender Objektivkonstrukteur wohl deswegen immer ein wenig unter den Tisch gefallen sind, weil er anders als Merté oder Bertele nicht besonders prominent in der Patentliteratur auftaucht. Zudem wird Wandersleb durchweg als bescheidener Zeitgenosse und Philanthrop beschrieben, der offensichtlich nur wenige Ambitionen zeigte, sich in den Vordergund zu spielen. Und das obgleich er 1911 als Rudolphs Nachfolger immerhin zum Leiter der Abteilung Photo des Zeisswerks aufgestiegen war.


Mit Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird dieser interessante Mann, der mit einer jüdischstämmigen Frau verheiratet gewesen ist, allerdings sukzessive aus seiner Führungsposition innerhalb der Abteilung Photo verdrängt. Inwieweit daran sein Nachfolger Willy Merté perrsönlich beteiligt gewesen ist, ist mir noch nicht ganz klar. Fakt ist, daß letzterer sowohl Wanderslebs Position innerhalb der Abteilung Photo als auch die Weiterentwicklung der prestigeträchtigen Tessare übernimmt.

Tessare 1:4,5

Jahrzehntelang der Maßstab für ein hochwertiges Normalobjektiv mit etwa 60 Grad Bildwinkel: Das Tessar 1:4,5 in Brennweiten zwischen 50 und 360 mm wurde noch bis Ende der 1980er Jahre gefertigt. Ursprünglich von Ernst Wandersleb um 1906/07 herum geschaffen und wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (ca. 1911...1913) noch einmal perfektioniert, wurde diese Reihe gegen Ende der 20er Jahre (ca. 1927...1930) von Willy Merté auf den aktuellen Stand der Glastechnologie gebracht. Interessant ist, daß einige dieser Tessare 1:4,5 um 1948 herum von Prof. Zöllner erneut überarbeitet wurden, man aber nach einigen Jahren teilweise wieder auf die alten Versionen aus der Zwischenkriegszeit zurückwechselte. So geschehen zum Beispiel bei dem unten gezeigten Tessar 4,5/50 mm, das am 26. Juni 1948 neu berechnet und bis 1953 in dieser Konfiguration hergestellt wurde. Das nächste Produktionslos von 1958 verwendete dann allerdings wieder die Rechnung vom 15. September 1930. Auf dieser Grundlage von 1930 wurde das Tessar 4,5/50 mm gebaut, bis die Produktion 1980 mit einer letzten Serie auslief.

Tessar 3,5/25cm

Ernst Wanderslebs große Leistung: Die Tessare 1:3,5 waren lange Zeit die lichtstärksten Universalobjektive. Das obige Exemplar wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg gebaut. Seine versenkte Fassung deutet darauf hin, daß es ursprünglich für eine Atelier-Spiegelreflex 13x18 cm gedacht gewesen sein mag.

Tessar 3,5/25cm

Willy Merté und das Tessar 1:2,8

Mit dem Reichspatent 603.325 vom 18. Juli 1930 gelang es Merté, das Tessar als Normalobjektiv auf die Öffnung 1:2,8 zu bringen. In den Schutzansprüchen werden bestimmte Verhältnisse der Linsenradien und der Scheitelabstände als Grundlage der Verbesserung angegeben. Neben dieser Optimierungsarbeit hat aber sicherlich die Verfügbarkeit verbesserter Glassorten eine große Rolle gespielt. Insbesondere das neuartige Barit-Flint BaF 10 kommt in beiden Ausführungsvarianten prominent vor. Ich gebe unten die Abbildungen aus der US-amerikanischen Patentschrift wieder, weil man anhand der eigenhändigen Unterschriften gut erkennt, daß neben Merté dazumal auch nach wie vor Wandersleb an der Weiterentwicklung des Tessares beteiligt war.

US1849681 Tessar Merté Wandersleb

Mit dieser Anhebung der Lichtstärke auf 1:2,8 war das Potential des Tessartyps nun allerdings vollkommen ausgereizt – wenn nicht gar überreizt worden. Bei voller Öffnung zeichnete das damalige Tessar 1:2,8 ziemlich weich. Richtig zufrieden war man in der Abteilung Photo mit diesem Typ daher nicht. Als Nebeneffekt des Patentes von 1930 konnte aber auch das Tessar 1:3,5 überarbeitet werden und es profitierte somit ebenfalls von der neuen Glastechnologie. Das Tessar 1:3,5/5 cm wurde daher während der 1930er Jahre zum beliebten Normalobjektiv vieler Kleinbildkameras und das Tessar 3,5/7,5 cm das Pendant für Rollfilmkameras wie der Rolleiflex. Durch seinen recht simplen Aufbau war der Tessartyp in der Fertigung sehr gut beherrschbar und konnte daher in großen Stückzahlen vergleichsweise preiswert ausgestoßen werden. Dort wo es nicht auf höchste Lichtstärken ankam – zum Beispiel im Großformat – blieb außerdem das Tessar 1:4,5 gefragt und bildete über Jahrzehnte hinweg einen Standard, an dem sich Normalobjektive mit Bildwinkeln um die 60 Grad messen lassen mußten.

Oben sieht man ein Exemplar des ersten Tessars 2,8/5 cm für die Contax I. Daß man in Willy Mertés Rechenbüro anfänglich offenbar reichlich Schwierigkeiten bei der Korrektur dieses Objektives hatte, erkennt man daran, daß in kurzer Zeit drei Versionen dieses Objektivtyps folgten, von denen die ersten beiden nur kurzzeitig gefertigt wurden. Die erste Rechnung vom 2. April 1931 brachte es demnach nur auf ein einziges Fertigungslos. Nachdem für die neue Contax unbedingt ein lichtstarkes Normalobjektiv gebraucht wurde, das preislich deutlich unter den Sonnaren 2 und 1,5/5 cm liegen sollte, wurde zum 8. Oktober 1931 eine nächste Rechnung fertiggestellt, von der in nur 19 Monaten mehr als 10.000 Stück gefertigt wurden. Das waren für damalige Verhältnisse respektable Mengen. Bereits zum 8. Mai 1933 erfolgte dann eine erneute Umkonstruktion, die noch im gleichen Monat in Serie ging und die bis zum Kriegsende aktuell bleib



Unten ist die historische Entwicklung der Querabweichungen (ein Konglomerat aus sphärischer Aberration und meridionaler Koma) verschiedener Generationen des Tessars zusammengefaßt; von der ersten Serie 1:6,3 von 1902 bis zum Tessar 2,8/50 von 1947. [nach Zöllner, Harry: 70 Jahre Tessar; in: Fotografie 1972, S. 33.] Auf der x-Achse ist der Tangens des halben bildseitigen Bildwinkels δ' (= kleines Delta) und auf der y-Achse Δy' (= großes Delta) als Querabweichung in der besten Einstellebene angegeben. Alle Zahlenwerte verstehen sich auf eine Brennweite von 100 mm bezogen. Anmerkung: Beim Tessar 4,5 muß es statt 1939 sicherlich 1929 heißen.

Tessar sphärische Querabweichung

Mertés Tessar als Versuchsträger für ein asphärisches Objektiv

Für das Kleinbild wurden aber noch einmal höhere Lichtstärken verlangt. Das liegt daran, daß erst bei den kleineren Formaten die Schärfentiefenverhältnisse so günstig sind, daß man die große Blendenöffnung überhaupt ausnutzen kann. Andererseits wurde vor 60...80 Jahren diese Reserve an Lichtstärke auch wirklich gebraucht, wenn man beispielsweise auf dem Kodachrome- oder Agfacolor-Film mit ihren Empfindlichkeiten von 12...15 DIN photographieren wollte.

Dr. Willy Merté

Elegant und hochtalentiert - aber angesichts seiner Schlüsselposition bei Zeiss Jena während der Nazizeit nicht über jeden Zweifel erhaben: Dr. Willy Merté. Als führender Fachmann unter anderem auf dem Gebiet asphärischer Flächen wurde er nach dem II. Weltkrieg in die USA abgeworben und arbeitete in Boston und Dayton, wo er - noch keine 60 Jahre alt - im Frühjahr 1948 unerwartet verstarb, ohne seine bahnbrechenden Forschungen auf diesem Gebiet zuendegeführt zu haben.

Willy Merté arbeitete daher seit Mitte der 1930er Jahre daran, die Lichtstärke des Tessars mit 5 cm Brennweite auf 1:2,0 und höher anzuheben, indem er an verschiedenen Positionen asphärische Flächen einführte. Aus dem Jahre 1934 und 35 sind bei Thiele mehrere Versuchsfertigungen für Tessare 1:2,8; 1:2,0 und sogar 1:1,5/5 cm überliefert, die allesamt mit asphärisch deformierten Flächen arbeiteten. Merté hatte sich offenbar zuvor intensiv mit deformierten Linsenflächen auseinandergesetzt, worüber ein erstes diesbezügliches Patent Nr. DE645.202 vom 31. Januar 1934 Zeugnis ablegt. Es existiert allerdings auch ein sich direkt auf diese asphärischen Tessare beziehendes Patent, das erst am 6. Dezember 1940 angemeldet worden ist, und gar erst am 23. Juli 1954 in der DDR unter der Nummer DD2675 veröffentlicht wurde, nachdem Merté bereits seit sechs Jahren verstorben war. Unten gebe ich zwei Bildbeispiele aus dem besagten DDR-Patent wieder. Diese Grundlagenarbeiten zum Einsatz deformierter Flächen im Photoobjektivbau müssen wohl völlig in Vergessenheit geraten sein; man findet darüber keinerlei Hinweise in der Fachliteratur. Merté muß aber mit seinen diesbezüglichen Arbeiten weit vorangekommen sein, denn aufgrund seiner eigenen Mitteilung kann man wissen, daß das Vorsatzfernrohr "Zeiss Magnar 4x" für die Rolleiflex bereits 1939 tatsächlich mit einer asphärischen Fläche hergestellt wurde. [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 12.] Man muß dieses Magnar demnach als erstes asphärisches Serienobjektiv der Welt ansehen. Doch es herrschte mittlerweile Krieg und die Konsumgüterproduktion geriet rasch in den Hintergrund. Der frühe Tod Mertés im Frühjahr 1948 tat dann wohl sein Übriges.

Merté Asphäre Tessar
Tessar 2/5 cm

Bild: Stefan Baumgartner

Von den asphärischen Tessar-Versuchen der 30er Jahre schien auf deutschem Boden nichts übriggeblieben, denn alle Prototypen wurden 1945 von den US-Streitkräften beschlagnahmt und nach Amerika verbracht. Interessant ist aber, daß offenbar unter dem neuen Chef der Abteilung Photo des Jenaer Zeisswerks Harry Zöllner die Arbeiten an asphärischen Tessaren fortgesetzt bzw. im Kriege abgebrochene Projekte zuende geführt wurden. Zöllner und sein Assistent Fritz Disep (bekannt als Schöpfer des Apo-Germinars) haben der Literatur zufolge dieses Versuchsobjektiv Tessar 2/5 cm am 10. August 1948 gerechnet. Die Tatsache aber, daß bei diesem Versuchexemplar von 1949 noch keine Entspiegelungsschichten aufgebracht sind, läßt wohl eher darauf schließen, daß hier Glasmaterial von dem um 1940 abgebrochenen Versuchen Mertés verwertet wurde.

Tessar asphärisch exakta

Bild: Stefan Baumgartner

Harry Zöllners Vervollkommnung des Tessars zum modernen Universalobjektiv

Als nach dem Kriege absehbar war, daß die deutsche Photoindustrie aufgrund der enormen internationalen Nachfrage wieder große Mengen an Kameras wird absetzen können, wurde der Tessartyp aufgrund seiner guten Eignung für die Massenfertigung rasch wieder interessant. Bei Zeiss in Jena wurde noch im Jahr der Demontage das Tessar auf Basis der während des Krieges fortentwickelten Glastechnologie vom damaligen Leiter der Abteilung Photo Harry Zöllner neu berechnet. Patentrechtlich gesichert wurde diese Weiterentwicklung in der DDR unter der Nummer 8721 vom 17. März 1951.

Harry Zöllner Zeiss Jena

Gewissermaßen die  Verkörperung des Wiederaufbaus der Abteilung Photo des Zweisswerks nach dem II. Weltkrieg: Dr. Harry Zöllner

Dieses Tessar 2,8/50 mit dem Konstruktionsdatum 29. Oktober 1947 gilt damit als Neuanfang des Jenaer Zeisswerks nach der Katastrophe von 1946/47. Zöllner gelang es damals, das Kleinbild-Tessar so zu optimieren, daß es bis in das Jahr 1987 – also vier Jahrzehnte lang – optisch unverändert gefertigt werden wird. In einem Aufsatz aus dem Jahre 1972 verweist Zöllner darauf, daß selbst mit den mittlerweile zur Verfügung stehenden rechnergestützten Optimierungsprogrammen kaum noch eine wesentliche Verbesserung der Bildleistung des Tessares möglich sei. Dessen namensgebende vier Linsen, damit vier verschiedene Glassorten, vier Linsendicken, zwei Lufträume und – durch die Verkittung – insgesamt sieben frei wählbaren Radien ließen nur wenig Spielraum für weitere Verbesserungen [Vgl. Zöllner, Harry: 70 Jahre Tessar; in: Fotografie 1972, S. 33.]. Um so höher ist die damalige Leistung Paul Rudolphs und seiner Nachfolger zu bewerten, die für das Auffinden und Optimieren solcher optischen Systeme seinerzeit noch keine automatisch arbeitenden Computer zur Verfügung hatten, sondern die einzig und allein auf ihr außergewöhnliches Talent und ein tiefgreifendes Verständnis der optischen Materie vertrauen konnten.

Tessar 2.8/50 Carl Zeiss Jena

In der ersten Hälfte der 1950er wurde für das neue Tessar 2,8/50 vergleichsweise intensiv Reklame gemacht - zumindest in Hinblick darauf, daß dies für Normalobjektive sonst nicht so üblich ist. Daraus könnte man schließen, daß man in Jena darauf bedacht war, vom eher zweifelhaften Ruf des bisherigen Tesars 2,8/5 cm loszukommen.



Unten: Eine weite Verbreitung fand das Tessar 2,8/50 in den 50er bis 80er (!) Jahren als Normalobjektiv für Spiegelreflexkameras. Hier zeigte die Lichtstärke 1:2,8 große Vorteile in bezug auf die Sucherbildhelligkeit und damit für das Schafstellen - auch wenn dann bei der Aufnahme in den meisten Fällen ziemlich stark abgeblendet wurde.

Tessar Fehlerkurven

Die Abbildung oben zeigt uns die Bildfehlerkurven des Tessars 2,8/50mm in der Version von 1947 [nach Fincke]. Mit etwas Übung läßt sich aus ihnen ablesen, weshalb dieses Tessar nach heutigen Maßstäben bei offener Blende nicht das beste Objektiv der Welt ist, wieso diese Schwächen aber bereits bei leichter Abblendung weitgehend verschwinden. Die Kurve a) gibt die sphärische Aberration wieder sowie (gestrichelt) die Abweichung von der Sinusbedingung. Beide Kurven liegen übereinander, was sehr wüschenswert ist. Nicht verwirren lassen sollte man sich dadurch, daß alle Zahlenangaben hier auf eine Brennweite von 100 mm bezogen sind, was schlichtweg eine Konvention darstellt. Die sogenannte Einfallshöhe, die auf beiden Seiten der y-Achse je etwa 17,5 mm beträgt, also ingesamt etwa 35 mm, paßt nun geradewegs etwa 2,8 mal in die Brennweite von 100 mm, woraus sich die bekannte Lichtstärke unseres Tessars ergibt. Auffällig ist nun, daß die Kurven in a) eine ziemliche Ausbeulung aufweisen, die der Photooptiker als Zonen bezeichnet. Der Punkt der schärfsten Abbildung liegt an diesen Stellen nicht genau auf der Bildebene (= y-Achse), wie das bei Lichteinfall entlang der optischen Achse (= x-Achse) der Fall ist, sondern der Schärfepunkt liegt bei einer Einfallshöhe von 15 mm reichlich 0,5 % VOR der Bildebene. Weil die Brennweite der Konvention gemäß auf 100mm umgerechnet ist, sind das also auch reichlich 0,5 mm Abweichung bzw. reichlich 0,25 mm bezogen auf die tatsächliche Brennweite des Tessars von 50mm. Wer gern mit Formeln hantiert, der kann sich die Größe des Unschärfekreises ausrechnen, die sich aus dieser Verschiebung des Schärfepunktes ergibt. Er überschreitet zwar noch nicht den für das Kleinbild zulässigen Wert, kommt ihm aber ziemlich nahe. Wichtig ist aber, daß diese Überlagerung des scharfen "Kern-Bildes" nur von solchen Lichtstrahlen hervorgerufen wird, die das Tessar in den äußersten Bereichen des Linsendurchmessers durchlaufen. Bei einer Abblendung auf 1:5,6 (entsprechend einer Einfallshöhe von etwa 9mm) ist die sphärische Aberration hingegen vernachlässigbar. Wie man erkennt, beginnt die Kurve erst oberhalb der 10 mm-Marke auszubrechen. Damit war der durchaus merkliche Restbetrag des Öffnungsfehlers dieses Tessars 2,8/50 freilich nur bei denjenigen seltenen Gelegenheiten wirklich zu spüren, in denen einmal mit weitgeöffneter Blende photographiert wurde. Da das Tessar 2,8/50 spätestens ab Mitte der 60er Jahre eine Rolle als preiswertes Amateurobjektiv zugewiesen bekommen hatte, war seine Charakteristik, daß es erst bei leichter Abblendung richtig leistungsfähig wird, völlig unproblematisch.



Diese Eigenart des kräftigen Leistungsanstiegs beim Abblenden wird auch noch einmal in diesen beiden MTF-Diagrammen deutlich, anhand derer man einen direkten Vergleich zwischen dem Tessar und dem zeitgenössischen  Meritar 2,9/50 mm von Ludwig ziehen kann. Die Aussagekraft solcher Diagramme ist immer begrenzt. Aber man erkennt schon, daß das Meritar das "Schärfekriterium" 40 Linien je Millimeter bei 40 Prozent Kontrast selbst bei Abblendung nur geradeso überschreitet. Vergleicht man die Kurven des Tessars allerdings mit denjenigen, die zum Beispiel auf der entsprechenden Seite für das Oreston 1,8/50 mm angegeben sind, so erkennt man, daß ein solcher Gaußtyp bei Abblendung noch einmal deutlich besser wird, als das an die Grenzen seiner Leistung gebrachte Tessar 1:2,8. Positiv fallen beim Tessar jedoch die eng beieinander liegenden Kurven für Mitte und Rand auf, die in der Praxis eine gleichmäßige Verteilung der Schärfe über das Bildfeld hinweg erwarten lassen.

Tessar 3,5/50

Zwei Beispiele für Tessare in M42-Fassung: Oben ein Tessar 3,5/50 mit Normalblende, unten das für die Praktica FX2 und die Contax F geliefertes Tessar 2,8/50 mit Halbautomatischer Springblende. Bewegt man hier den Blendenring über den Öffungswert 2,8 hinaus, so rastet die Blende in der vollen Öffnung ein. Kurz vor Auslösung des Verschlusses wird der Stößel des Objektivs so weit eingdrückt, daß die Rastung aufgehoben wird und die Blende auf den vorher eingestellten Arbeitswert zuspringt. Der Vorteil dieses Systems lag darin, daß der Auslöser kaum mit einer zusätzlichen Kraft belastet wurde. Als Nachteil ergab sich aber, daß nach jeder Verschlußauslösung die Blende stets wieder manuell geöffnet werden muß. Daher Halbautomatische Springblende.

Tessar 2,8/50
Praktiflex M42

Oben: Eines der ersten Objektive mit M42-Gewinde (genaugenommen wohl das siebenundsiebzigste) ist dieses Tessar 3,5/5 cm vom März 1948. Der international als Praktica- oder Pentax-Gewinde bekannte M42-Standard sollte eigentlich "Praktiflex-Gewinde" heißen.

Oben: Der Inbegriff des Tessartyps ist für viele Amateurphotographen das Tessar 2,8/50 mm. Es wurde in die einfache Beltica genau so eingebaut wie in die Spitzenmodelle der Werra-Reihe. Selbst für die Praktina IIa - mit dem Tessar immerhin sechs mal so teuer wie die Beltica II - war dieses Objektiv in Hinblick auf die Abbildungsleistung auf dem nötigen Niveau. Wichtig ist aber, daß es dazu auch mechanisch mit der Zeit gehen mußte. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war das Tessar 2,8/50 eines der ersten Objektive weltweit, das mit vollautomatischer Springblende versehen wurde. Auch der rastende Blendenring mit konstanten Abständen zwischen den Blendenwerten war eine unerhörte Neuheit, die uns nur deshalb kaum spektakulär vorkommt, weil das späterhin zum Allgemeingut wurde.

Prakticar 2,8/50 mm

Im oben gezeigten Prakticar 2,8/50 mm steckt auch ein Tessar, und zwar dasjenige von Harry Zöllner aus dem Jahre 1947. Das Besondere ist aber, daß dessen Gläser hier – und auch nur hier! – mehrschichtvergütet gewesen sind. Das nur in geringen Stückzahlen gefertigte Prakticar 2,8/50 stellt also die höchste Entwicklungsstufe des Jenaer Tessars 2,8/50 dar. Das spiegelte sich freilich auch im Preise wieder. Kostete das Tessar 2,8/50 mit Druckblende für die Praktica MTL oder die Exa Ib 140,- Mark, so hatte sich dessen Preis als Prakticar mit 320,- Mark mehr als verdoppelt. Da das Kombinat Pentacon mit Erscheinen der B-Reihe ein seit zehn Jahren in der Schublade liegendes Projekt für ein Prakticar 2,4/50 wieder hervorholte und dieses Objektiv durch Auftragsfertigung bei IOR in Bukarest zudem im Preis auf 275,- Mark gedrückt werden konnte, wurde das Saalfelder Prakticar 2,8/50 rasch eingestellt. Schon als die Auslieferung der Praktica B100 begann, befand es sich bereits im Abverkauf. Nur 2600 Stück waren bis dahin entstanden.

Contax I Tessar 2,8/50

Mit der Contax I begann 1932 die lange Geschichte des Tessars 2,8/50. Eine erste Konstruktion war am 2. April 1931 abgeschlossen worden, von der allerdings nur 1500 Stück fabriziert und in Zentralverschlüssen gefaßt wurden. Noch im selben Jahr wurde das Tessar 2,8/5 cm jedoch im Hinblick auf die neue Contax optimiert. Der Rechnungsabschluß datiert vom 8. Oktober 1931 und schon kurze Zeit danach begann sogleich eine für damalige Verhältnisse ausgesprochene Großserienproduktion. Das obige Exemplar ist eines dieser frühen Tessare 2,8/5 cm für die Contax, deren Produktion offenbar zu jener Zeit bereits angelaufen war (sonst hätte man ja nicht in kurzer Zeit mehrere 1000 Normalobjektive gebraucht). Bereits im Mai 1933 wurde dessen Rechnung freilich schon wieder durch eine neue abgelöst, die dann bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Bestand hatte..

Tessar 8/2,8cm

Kuriosum: Für diese Contax wurde das Tessar in den 30er Jahren sogar als Grundlage für ein ausgesprochenes Weitwinkel mit 75 Grad Bildwinkel verwendet. Das war dann aber doch etwas zu viel des Guten. Trotz der ohnehin geringen Lichtstärke von 1:8 wurde im Katalog dem Nutzer empfohlen, nach Möglichkeit noch auf 1:16 abzublenden, um ausreichende Schärfe zu erzielen. Auch der Lichtabfall zum Bildrand hin war naturgemäß erheblich.


Praktisch eingesetzt und abgeblendet auf 1:11 ergibt dieses Objektiv aber dennoch absolut brauchbare Aufnahmen, wie man am Bildbeispiel unten sehen kann (Contax I, Agfapan APX 100).

Tessar 8/2,8 cm Contax I

Nachdem das Tessar 1:2,8 in das Kleinbild eingeführt worden war, ging Willy Merté daran, mit einem Tessar 2,8/8 cm (Rechnung vom 27. Januar 1933) diesen Typ auch im Mittelformat mit dieser hohen Lichtstärke zu etablieren. Die ungünstigeren Schärfentiefenverhältnisse, die starke Wölbung des Rollfilmes aber nicht zuletzt auch die nicht ganz optimale Bildleistung dieses überzüchteten Tessares sorgten freilich dafür, daß es nur in wenigen Kameras (hier eine Super Ikonta) eingebaut wurde. Bei Franke und Heidecke war zwar 1934 viel Aufwand aufgebracht worden, eine Rolleiflex mit diesem Tessar 2,8 zu entwickeln (immerhin mußte zur nächstgrößeren Verschlußbaugröße übergegagen werden), die Serienproduktion wurde aufgrund der mangelnden Qualität dieses Tessars aber fallengelassen [Vgl. Prochnow, Rollei-Report, 1993, S. 190.].


Das 80er Tessar wurde zwar 1950 noch einmal neu berechnet (7. Juli), aber quasi parallel (1948 bzw. 1956) durch das fünflinsige Biometar abgelöst, das eine vereinfachte Gaußtypabwandlung darstellte und eine viel bessere Korrektur der sphärischen Aberration und der Farbquerkoma erlaubte.


Was man an dem obigen Exemplar gut erkennen kann, sind durch Verwitterung entstehenden Beläge, die die Oberflächen der Linsen so regenbogenfarbig schimmern lassen. Schon frühzeitig hatten Praktiker erkannt, daß solche Objektve brillanter arbeiteten, als solche mit frisch polierten Linsen, und sie bevorzugten ebenjene Exemplare für Aufnahmen in hartem Licht. Diesem Grundprinzip der Interferenz an dünnen Schichten folgend arbeitete dann auch die in den 30er Jahren in Jena entwickelte Entspiegelung von Glasflächen (Alexander Smaklua).

Das obige Bild wurde mit dem Tessar 2,8/80 mm an der Praktisix aufgenommen, das 1950 noch einmal auf der Basis des Zöllnerschen Patentes überarbeitet worden war. Ganz zufrieden war er damit aber nicht, wie er in seinen späteren Veröffentlichungen zum Biometar 2,8/80 durchblicken ließ. Ein großes Problem war der ausgeprägte Hang zur Blendendifferenz, die eine Folge eines nicht ideal auskorrigierten Kugelgestaltsfehlers ist. Das ist bei Kameras mit Mattscheibeneinstellung wie der Praktisix ein großer Nachteil, denn das Einstellen geschieht ja stets bei größter Blendenöffnung auf visuelle Art. Den Schärfepunkt nehmen wir nun dort wahr, wo die "Stelle der engsten Einschnürung" des "Lichtschlauches" (Kaustik) liegt, der sich aus sphärischen Restfehlern ergibt. Fallen nun bei Abblendung die Randstrahlen weg, dann wandert dieser Schärfepunkt längs der optischen Achse; er liegt also bei der tatsächlichen Aufnahmeblende woanders, als er bei der Mattscheibeneinstellung wahrgenommen wurde.


Diese Fehler macht sich natürlich hauptsächlich im Nahbereich und ähnlich kritischen Situationen bemerkbar - aber genau dafür war die Praktisix ja vorgesehen. Bei einer "Landschaftsaufnahme" wie oben, wo zudem noch auf 1:8 abgeblendet worden ist, fällt dieser Fehler freilich wenig ins Gewicht.


Unten: Ebenjenes Tessar 2,8/80mm in seiner hochmodernen Fassung mit linearisierter Blende, deren Mechanik erstmals kugelgelagert gewesen ist, um schnelle Blendenschließzeiten zu gewährleisten. Es stammt vom Frühjahr 1957 und bezeugt, daß die Praktisix sofort exportiert wurde, denn für den Westexport mußte es zum Jena T verschleiert werden.

Jena Tessar 2,8/80mm
Zeiss Jena Tessar 2,8/80mm

In Anbetracht der Abbildungsschwächen des Tessars 2,8/80 wurde für die Primarflex lieber das Tessar 3,5/105 mm als Normalobjektiv eingesetzt. Da es für das 6x9 Format gerechnet ist, hielt sich der Randabfall bei 6x6 in Grenzen, zumal diese Version 1936 für die Ikonta noch einmal optimiert worden war. Oben sieht man ein sehr spätes Exemplar aus der letzten Bauserie vom Sommer 1953, das bereits eine Einrichtung zur Blendenvorwahl besitzt.


Unten sieht man ein stattliches Tessar 3,5/165 als Portraitobjektv für diese Kamera. Es handelt sich dabei eigentlich um ein im Jahre 1926 für das Großformat 9x12 bzw. 10x15 konstruiertes Tessar, das 1948 in Primarflex-Fassung geliefert wurde.

Rolleiflex Tessar

Oben ist zweimal der Rolleiflex Automat gezeigt; links das Modell kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, rechts das nur geringfügig veränderte Modell aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Beide sind mit einem Tessar 3,5/75 mm ausgestattet; links aus Jena, rechts aus Oberkochen. Anhand dieses vom Zeisskonzern unabhängigen Kameraherstellers Franke & Heidecke kann man sich noch einmal klar machen, in welch einer schwierigen Lage sich die Photoindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg befand. Kamerafirmen, die auf den langjährigen Partner Zeiss angewiesen waren, sahen sich nun im Stich gelassen. Erst wurde das Jenaer Werk Ende 1946 fast vollständig durch die Sowjetunion demontiert, und nachdem der dadurch hervorgerufene Stillstand langsam überwunden werden konnte, war Zeiss Jena zu weiten Teilen durch Reparationslieferungen ausgelastet. Auch wiederum an die Sowjetunion. Daß in Oberkochen eine Konkurrenzfirma etabliert wurde, hat nicht allein mit dem Kalten Krieg und dem Kampf der Systeme zu tun. Die Zulieferungen an Photoobjektiven wurde vonseiten der westzonalen Kameraindustrie auch wirklich dringend gebraucht. Also fing man in Oberkochen mit den altbewährten Typen an.


Als Ergebnis häuften sich Anfang der 50er Jahre, als die Reparationsverpflichtungen zurückgingen, bei Zeiss zuvor nie gekannte Lagerbestände an, die nicht verkauft werden konnte - auch im Bereich Photo [Vgl. CIA-RDP82-00457R014000020002-6 vom 29. September 1952]. "[...] deliveries to West Germany and the Western countries have stopped almost entirely. This is due to the East-West trade restrictions and the fact that Zeiss-Opton in West Germany has reached the stage where it is in active competition in many respects with Zeiss Jena." [Ebd.]


Unten: Auch wenn dieses 75er Tessar in MTF-Diagrammen oft nur einen bescheidenen Eindruck hinterläßt, so handelt es sich in der Praxis dennoch um ganz hervorragendes Universalobjektiv des Mittelformates. Wie hier auf 5,6 abgeblendet, lassen sich die Aufnahmen nicht von den viel aufwendigeren 5-; 6- oder gar 7-linsigen Normalobjektiven der späteren Zeit unterscheiden.

Rolleiflex Tessar 75 mm

Tessare für den Berufsphotographen

Tessare in Normalfassung blieben noch bis zum Ende der DDR im Produktionsprogramm des VEB Carl Zeiss Jena; ja sie gehörten wohl mit zu den allerletzten Photoobjektiven, die in überhaupt noch die traditionsreichen Werkshallen in Jena bzw. Saalfeld verlassen haben. Das Tessar 4,5/135 lief 1986 aus, das Tessar 4,5/360 zum Jahresende 1985. Die letzten Tessare 4,5/180; 210; 250 und 300 mm wurden hingegen noch im April bis Juni 1991 in historisierenden Messingfassungen montiert. Dann wurden die Reste des Kombinates endgültig zerschlagen und der Saalfelder Betriebsteil durch eine Nachfolgefirma weitergeführt, die auch solche traditionsreichen Objektive noch eine Weile im Angebot hatte. Die Stückzahlen dürften aber marginal gewesen sein. In den 80er Jahren beim Tessar 4,5/180 mm noch übliche Produktionslose von bis zu 2000 Stück hat es sicherlich nicht wieder gegeben.


Zum großen Kuriosum der Wendezeit dürfte auch gehören, daß einige dieser Großformat-Tessare in Messingfassungen mit der Gravur "Meyer-Optik Germany" versehen wurden. Solcherlei Objektive müssen wir heute als historische Überreste aus einer rasch von den Folgeentwicklungen überranten Zeitspanne ansehen, die uns daran erinnern, daß nach 1985 das ehemalige Weltunternehmen in Görlitz neben Saalfeld zur bloßen Fertigungsstätte eines alles überragenden Kombinates in Jena degradiert worden war.

Tessar 6,3/135 mm

Interessant ist, daß über die DDR-Zeit hinweg auch einige Tessare 1:6,3 noch längere Zeit im Angebot blieben. Mit dieser Lichtstärke wurde dieser Typ immerhin 1902 ursprünglich geschaffen. Genau genommen waren es noch zwei Modelle. Das oben zu sehende Tessar stammt aus dem vorletzten Produktionslos vom Januar 1961. Ein Jahr später erfolgte die letzte Fertigung. Noch bis zum Oktober 1975 wurde freilich ein Tessar 6,3/210mm hergestellt. Zuletzt angeblich sogar noch einmal 1000 Stück. Die lange Produktionszeit von letzterem läßt sich daraus erklären, daß es mit der Öffnung 1:6,3 in einer Normalfassung N42 platzfand bzw. in einem Verschluß der Baugröße 1, der noch kurze Verschlußzeiten bis zur 1/400 Sekunde zuläßt. Außerdem waren diese beiden Typen 1947 neu gerechnet worden und dürften eine gute Bildleistung erreicht haben. Außerdem hatten sie einen größeren Bildwinkel bis an die 70 Grad. Das Tessar 6,3/135 zeichnet abgeblendet sogar das Format 13x18 knapp aus.


Unten einmal eine Tabelle der lieferbaren Tessare aus dem Jahre 1987 [aus: Brauer, Egon: Foto Optik; eine Warenkunde für den Fachverkäufer und den Fotoamateur, 8. Aufl. Leipzig, 1987]. Diese Angaben sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, weil die Bücher Brauers nicht gut recherchiert sind bzw. nachlässig aktualisiert wurden. Wie gerade dargelegt, war die Produktion des Tessars 6,3/135 bereits 25 Jahre zuvor eingestellt worden. Auch die Angabe der Masse in der letzten Spalte stimmt vorn und hinten nicht.

Zeiss Tessare Großformat

Unten ein Prospekt für den westdeutschen Markt aus dem Jahre 1969. "Carl Zeiss Jena" wurde zu aus Jena und das "Tessar" zum JENA-T "entschärft.

Zum Abschluß: Der Fall Dominar

Zum Abschluß möchte ich noch auf ein kleines Mysterium verweisen: Um 1930 herum wurden von Zeiss Ikon Kameras mit zwei verschiedenen Tessartypen ausgestattet. Einmal natürlich das Zeiss Tessar; zum anderen aber auch ein "Dominar-Anastigmat". Dieser Ausschnitt aus dem Zeiss-Ikon-Katalog von 1932 zeigt, daß diese beiden, demselben Typus angehörenden Objektive, tatsächlich nebeneinander aufgelistet sind.

Zu diesem Dominar, über das man ansonsten sehr wenige Informationen findet, habe ich nun zwei Theorien parat. Die eine lautet: Es handelt sich um Restbestände des früheren "Ernoplast", das der Tessartyp der Vorgängerfirma Ernemann gewesen ist, das aber nun nicht mehr so heißen durfte. Nachdem es abverkauft wurde, verschwindet es aus den Katalogen und es bleibt nur noch das Zeiss'sche Tessar. Meine zweite, nicht minder plausibel klingende Theorie, fußt auf der Tatsache, daß Ende der Zwanziger Jahre alle bisherigen, von Wandersleb geschaffenen Tessare, durch Willy Merté auf Basis verbesserter Glastechnologie neu berechnet wurden. Durch die Auflistungen im Thiele kann man belegen, daß der Übergang von den alten, noch vor dem Ersten Weltkrieg berechneten Tessaren, auf die neuen, verbesserten Tessare, SUKZESSIVE erfolgte. Das lag zum Teil auch daran, daß beispielsweise beim stark nachgefragten Tessar 1:4,5 es keinen abrupten Übergang gegeben hat, weil jede Brennweitengruppe langwierig einzeln neu berechnet wurde. Es wurde also stets individuell optimiert und nicht eine bestehende Konstruktion bloß auf die jeweilige Brennweite skaliert. Man muß daher davon ausgehen, daß über eine gewisse Zeitspanne hinweg BEIDE Tessare –  also zum Beispiel ein neues Tessar 4,5/135 und ein altes 4,5/135 – gleichzeitig im Handel auftauchten bzw. noch bei den Kameraherstellern vorrätig blieb. Möglicherweise wurde bei Zeiss Ikon dieser Umstellung begegnet, indem das alte Tessar als "Dominar" preiswerter angeboten wurde. Denn im Katalog von 1931 kann man lesen: "Übertroffen wird das Dominar nur von dem in der Genauigkeit der Ausführung und Sorgfalt bei der Glaswahl einzigartigen, weltberühmten Zeiss Tessar 1:4,5." Ab der zweiten Hälfte der 30er Jahre findet das Dominar dann keine Erwähnung mehr in den Zeiss-Ikon-Publikationen.

Dominar Anastigmat

Rechnungen ausgewählter Tessartypen: Serienversionen

 


Tessar 2,8/50

 

1:         02. 04. 1931             ca. 1500 Stck.

2:         08. 10. 1931             über 10. 000

3:         08. 05. 1933             Großserie (v.a. Contax)

4:         29. 10. 1947             Einstellung der Produktion Frühjahr 1988

 


Tessar 2,8/80

 

1:         27. 01. 1933            

2:         07. 07. 1950             letzte Stücke im Febr. 1958 für Praktisix ASB

 


Tessar 3,5/50

 

1:         25. 07. 1929             Kolibri

2:         27. 02. 1931             Contax Ära, Herstellung bis Jahresende 1954 (Exakta)

 


Tessar 3,5/75

 

1:         20. 02. 1920             Nur wenige Exemplare

2:         01. 06. 1934            

3:         28. 05. 1947             letzte Großserie 3000 Stck. Jahresende 1955 für Weltax



Tessar 3,5/105

 

1:         31. 03. 1926             Etwa 7000 Stck. bis 1936

2:         26. 05. 1936             Produktion 1957 ausgelaufen (Ercona)

 


Tessar 4,5/135

 

1:         18. 07. 1911                        

2:         28. 05. 1929                        

3:         10. 02. 1948             große Frontlinse

4:         07. 03. 1957             bis 1986



Tessar 4,5/180

 

1:         04. 07. 1911            

2:         28. 05. 1929             bis zum Ende 1991 (Messingversionen)

3:         09. 02. 1948             nur ca. 300 Stck. 1951/52, dann wieder Version 2

 


Tessar 4,5/210

 

1:         05. 08. 1911

2:         06. 06. 1929             bis zum Schluß 1991 (Messing)

 


Tessar 4,5/300

 

1:         16. 09. 1911 

2:         05. 08. 1928             bis zum Ende 1991 (Messingversionen)

3:         04. 06. 1948             nur ca. 450 Stck. 1948-52, dann Rechnung aufgegeben

 


Tessar 4,5/360

 

1:         30. 01. 1912            

2:         08. 10. 1928             1985 letzte Serie von 500 Stck.

Marco Kröger


letzte Änderung: 9. Juni 2022