Tessar

Tessar

Das Adlerauge Ihrer Kamera

Jena Tessar 2,8/7,5 cm

Das Tessar ist ein Jahrhundertobjektiv. Kaum etwas Vergleichbares dominierte im 20. Jahrhundert weite Teile der Phototechnik so sehr wie das Tessar. Und zwar nicht allein als ein erfolgreiches Erzeugnis eines einzelnen Herstellers, sondern als Gattungsbegriff für eine Objektivbauform, an der schon bald keine der Konkurrenzfirmen mehr vorbeikam. Als halbverkittete Tripletvariante ist der Tessartyp zu den erfolgreichsten Objektivkonstruktionen aller Zeiten zu zählen. Diese Tatsache erfährt selbst dadurch keinerlei Schmälerung, daß das Tessar im neuzeitlichen kommerziellen Objektivbau quasi keine Rolle mehr spielt.

1. Paul Rudolph und sein Neuachromat

Doch so augenfällig uns heute die Charakteristik des Tessars als ein durch Verkittung erweitertes Triplet auch erscheinen mag, und so gerne wir es der Übersichtlichkeit halber jener Gruppe um Zeitgenossen wie dem Heliar (Voigtländer, 1900) oder dem Hektor (Leitz, 1928) zuordnen würden, so wenig stimmt diese Kategorisierung mit dem tatsächlichen historischen Werdegang des Tessars überein. Dieser Eindruck drängt sich wohl nur deshalb auf, weil kaum daß Dennis Taylor im Jahre 1895 einen lediglich aus drei einzelnstehenden Linsen aufgebauten Anastigmaten geschaffen hatte [DRP Nr. 86.757], versuchten Konstrukteure wie Hans Harting sogleich, diesen einfachen Typ in seiner Leistung weiter zu verbessern, indem sie dessen drei Einzellinsen an einer oder mehreren Stellen in Kittgruppen aufspalteten [Heliar, DRP Nr. 124.934 und Nr. 143.889]. Diese Triplets und ihre Abwandlungen machten zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasch den Großteil der Objektivproduktion aus und die Unterkategorie „Triplets mit verkitteter Hinterlinse“, die quasi als Synonym für „Tessartyp“ zu verstehen ist, wurde erst im Nachhinein so geschaffen.

Triplets mit verkitteter Hinterlinse

Die Liste der Kategorie Triplet(t)s mit verkitteter Hinterlinse in Helmut Naumanns Standardwerk "Das Auge meiner Kamera" aus dem Jahre 1937. Naumann war vor dem II.Weltkrieg bei Busch in Rathenow tätig, wo er mit dem Vario-Glaukar eines der ersten Zoom-Objektive entwickelte. Nach 1945 arbeitete er dann bei Voigtländer und am Schluß bei Rodenstock.

Dabei hatte die Entwicklung von Photoobjektiven bei Carl Zeiss in Jena genau mit einer solchen Triplet-Konstruktion begonnen. Die Arbeiten dazu waren im Jahre 1888 noch von Ernst Abbe (1840-1905) persönlich aufgenommen worden [Vgl. Esche: 75 Jahre fotografische Objektive aus dem Zeiss-Werk Jena; in: Fotografie 9/1965, S. 346ff]. Doch infolge des Todes des Firmengründers Carl Zeiß zum Ende des Jahres, der Abbe nun vollständig die Verantwortung für die Jenaer Weltfirma aufbürdete, gab er die Konstruktionsarbeiten nach kurzer Zeit an seinen Assistenten Paul Rudolph (1858-1935) ab. Dieser mußte jedoch bald darauf feststellen, daß Abbes Konstruktionsansatz trotz sehr guter sphärischer Korrektur und einer Behebung der chromatischen Fehler bis hin zu Apochromasie eine aussichtslose Sackgasse darstellte. Bei der photographischen Überprüfung dieses Triplets ergab sich nämlich, daß nicht nur die Abbildung außerhalb der Bildmitte zunehmend in Unschärfe abglitt, sondern sich zudem seltsame Verzerrungen am Bildrand bemerkbar machten. Die Ursache dafür war im Bildfehler des Astigmatismus zu suchen, der die Leistung von ansonsten gut auskorrigierten Objektiven bislang stets infrage stellte. Der Astigmatismus ist wiederum eine Folge der sogenannten Bildfeldkrümmung, die dazu führt, dass seitlich gelegene Bildeinzelheiten nicht in derselben Ebene abgebildet werden wie im Zentrum gelegene, sondern die Brennpunkte zusammengenommen eine durchbogene Fläche bilden. Es ist logisch, daß ein solches gekrümmtes Bild auf einer flachen Photoplatte nicht bis zum Rand einheitlich scharf wiedergegeben werden kann. Beim Astigmatismus kommt aber erschwerend hinzu, daß sich für Licht, das das Objektiv in senkrecht zueinander stehenden Ebenen durchläuft, zwei getrennte Bildschalen ergeben, die beide in unterschiedlichem Maße oder schlimmstenfalls sogar in unterschiedliche Richtungen ausbrechen können. Man spricht daher auch vom Zweischalenfehler. Während die Bildkrümmung aber noch durch eine geschickte Plazierung der Blende gemildert werden konnte, waren gegen die Unschärfen und Verzerrungen, die durch diesen Astigmatismus hervorgerufen wurden, bislang keine Mittel gefunden worden.

Paul Rudolph ca. 1928

Der 70-jährige Paul Rudolph 1928 während seiner letzten Lebensphase, die er in Görlitz verbrachte (Bild: A. Jäschke). Aus der ernüchternden Erfahrung, die er im Jahre 1888 mit dem stark mit Astigmatismus behafteten Abbe-Rudolph-Triplet gemacht hatte, war dem damals gerade einmal 30-jährigen Rudolph gewissermaßen eine Lebensaufgabe zugefallen, die ihn letztlich bis ins hohe Alter nicht mehr loslassen sollte.

Immerhin hatte der Pionier der Objektivberechnung Josef Petzval bereits in den Jahren 1843 und 1857 die Voraussetzung dafür formuliert, wie die Bildfeldkrümmung und damit auch der Astigmatismus gegen Null gebracht werden könnten. Seine Petzval-Bedingung lief letzten Endes darauf hinaus, in den Linsen eines Objektives ein bestimmtes Verhältnis zwischen Brechzahl und Farbzerstreuung zu erreichen. Einen ersten Versuch dahingehend hatte Adolph Steinheil im Jahre 1881 mit seinen Antiplaneten [DRP Nr. 16.354] angestellt, doch verhinderten die unzureichenden Eigenschaften der zur Verfügung stehenden Glassorten letztlich den vollen Erfolg. Diese Situation änderte sich jedoch in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre radikal, als durch die ausgesprochen glückliche Zusammenarbeit des Chemikers Otto Schott mit dem Jenaer Zeisswerk optische Gläser mit völlig neuartigen Eigenschaften hervorgebracht werden konnten. Diese Voraussetzungen mündeten darin, daß der Achromat als einer der wichtigsten Konstruktionselemente der Optik gewissermaßen noch einmal neu erfunden wurde.


Achromate waren schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt (John Dollond). Man hatte erkannt, daß mit einer Kombination aus einer Sammel- und einer Zerstreuungslinse die unerträglichen Farbsäume gemildert werden können, die sich ergeben, wenn Licht durch Linsen gebrochen wird. Dazu wurde die Eigenschaft ausgenutzt, daß eine Kron genannte Glassorte bei kleinerer Brechzahl eine geringe Farbzerstreuung aufwies, während sogenanntes Flintglas zwar eine viel höhere Brechzahl zu bieten hatte, diese aber gleichzeitig an eine deutlich größere Farbzerstreuung gekoppelt war. Diese Materialkombination erlaubte es, die von der Sammellinse aus Kronglas hervorgerufene Zerlegung des Lichtes in seine Farben durch eine nachfolgende Zerstreuungslinse aus Flintglas zu kompensieren, die trotz der nötigen geringeren Brechkraft eine gegensätzlich wirkende Dispersion auf gleichem Niveau sicherstellen konnte. Derartige Achromate beflügelten zunächst vor allem den Fernrohrbau, weil hier aufgrund der starken Vergrößerungsfaktoren Farbsäume besonders störend wirkten. Große Erfolge im Bereich der photographischen Objektive wurden erzielt, als man ab den späten 1860er Jahren zwei solche Achromate symmetrisch zu einer Blende anordnete. Diese Aplanate ermöglichten die Korrektur der meisten Bildfehler einschließlich des Kugelgestaltsfehlers und der Koma. Doch es blieb der Astigmatismus.

chromatische Aberration

Optische Medien haben für verschiedene Farben des Spektrums unterschiedliche Brechzahlen. Bei Abbildung mithilfe einer einzelnen Linse stellen sich daher zwei eklatante Bildfehler ein: Die chromatische Längs- und die chromatische Querabweichung. Die Längsabweichung (auch Farbortsfehler genannt) ist eine Folge daraus, daß die Linse über das Spektrum hinweg keine einheitliche Schnittweite aufweist und das Licht daher, nachdem es die Linse verlassen hat, in farbigen Einzelbildern gebündelt wird, die in unterschiedlichen Entfernungen auf der optischen Achse regelrecht aufgereiht erscheinen. Man kann daher nicht gleichzeitig beispielsweise auf das blaue oder das rote Bild scharf einstellen. Die chromatische Querabweichung (auch Farbfehler der Bildgröße genannt) ergibt sich daraus, daß die Linse über das Spektrum hinweg auch noch unterschiedliche Brennweiten hat. Das hat nun wiederum zur Folge, daß die farbigen Einzelbilder auch noch mit einem unterschiedlichen Abbildungsmaßstab auf die Bildebene fallen, weshalb sie unterschiedlich groß erscheinen und sich die gefürchteten farbigen Säume an den Rändern der Bilder ergeben.


Eine Möglichkeit des Ausgleichs dieser Farbfehler ergibt der Achromat als Kombination einer Sammel- und einer Zerstreuungslinse. Diese müssen aus den passenden Glassorten bestehen und aufeinander abgeglichene Brechkräfte haben, um beispielsweise den Farbenvergrößerungsfehler für zwei Farben streng und die Längsabweichung recht gut beheben zu können. Die beiden Linsen können dabei miteinander verkittet werden (Kittfläche K) oder zwischen ihnen wird ein schmaler Luftspalt belassen. Derartige Achromate wurden in der Anfangszeit als einfache Objektive mit recht bescheidener Abbildungsleistung eingesetzt, erlangten aber später eine viel bedeutendere Rolle als Konstruktionselement in komplexeren zusammengesetzten Objektiven. [Beide Abbildungen nach: Naumann, Auge meiner Kamera, 1937.]

Achromat

Es war nun Paul Rudolph dem es in den Jahren 1889/90 erstmals gelang, endlich einen Weg zur Behebung dieses problematischen Bildfehlers zu finden, in dem er eine neue Form des Achromaten entwickelte. Möglich war dies geworden mit den neuartigen Glassorten, die in Jena durch das Glaswerk Otto Schott & Genossen hervorgebracht werden konnten. Diese Glassorten erlaubten es, jenes über Jahrhunderte hinweg zementierte Gefüge zwischen Brechzahl und Dispersion mit einem Mal zu überwinden. Zentraler Punkt dabei waren die sogenannten Schwerkrone, die das Licht weiterhin nur so stark in seine Spektralfarben zerstreuten, wie die bisherigen Krongläser, es dabei aber so stark brechen konnten, wie man es bislang nur von Flintgläsern her kannte. Gleichzeitig gelang es aber auch, Flintgläser in ihren Eigenschaften stark zu manipulieren, indem ihr Brechungsvermögen auf ungewöhnlich niedrige Werte abgesenkt, und ihre Farbzerstreuung quasi genau an die Grenze zwischen Kron- und Flintgläsern gelegt wurde – daher auch ihr Name Kron-Flint. Auch die ähnlich gelagerten Barit-Leicht-Flinte sowie die sogenannten Kurzflinte zählten zu dieser Klasse, wobei letztere mit ihren anomalen Dispersionsverläufen sogar die Farbkorrektur bis in den apochromatischen Bereich ermöglichten.

Kontinent der Glassorten Schott 1937

Zeichnet man die Vielfalt der Glasarten in ein Koordinatensystem ein, bei dem die y-Achse den Brechungsindex und die x-Achse die Abbe'schen Zahlen bedeuten, dann ergibt sich diese charakteristische Darstellung. Es handelt sich um eine Momentaufnahme aus dem Jahre 1937, die die Fortschritte der letzten exakt 50 Jahre widerspiegelt. Gab es bis 1886 nur Gläser im Bereich Kron (K) und Flint (F), so waren mittlerweile Sorten mit extremen Eigenschaften hinzugekommen, aber eben auch Gläser, die gewissermaßen die Lücken dazwischen ausfüllten und die sich als besonders essentiell erwiesen hatten, um Objektive aus korrigieren zu können. Gut zu sehen zum Beispiel Glassorten, die mit ny-Werten zwischen 50 und 55 in einem Grenzbereich lagen, wo je nach den sonstigen Eigenschaften Flint und Kron regelrecht ineinander übergingen.

Mit diesen Glasarten konnte nun erstmals ein Achromat zusammengestellt werden, der es erlaubte, die oben bereits erwähnte Petzval-Bedingung einzuhalten. In einem Achromat, der insgesamt eine sammelnde Wirkung haben soll, muß die Zerstreuungslinse ja stets aus demjenigen Glas mit der höheren Dispersion bestehen. Nur so ist zu erreichen, dass die durch die stärkere Brechkraft der Sammellinse hervorgehobene große farbliche Aufspaltung des Lichtes durch die nachfolgende Zerstreuungslinse wieder neutralisiert werden kann, obwohl deren Brechkraft ja geringer sein muß, um nicht die positive Gesamtwirkung des Achromaten aufzuheben. Dieses Prinzip ist grundsätzlich nicht zu umgehen. Der große Unterschied zu den bisherigen Achromaten bestand jetzt aber darin, daß durch Einsatz der neuen Glassorten auf einmal die Sammellinse aus dem stärker brechenden, die Zerstreuungslinse jedoch aus dem schwächer brechenden Glas bestehen konnte, ohne die notwendige Aufteilung der Dispersion auf beide Elemente anzutasten. Paul Rudolph hatte nun erkannt, daß mit diesem sogenannten Neuachromat der Schlüssel gefunden war, um die Bildfeldwölbung und den Astigmatismus in einem photographischen Objektiv zu beheben. Das lag daran, daß durch die Umkehrung der Brechzahlverhältnisse im Achromat die Kittfläche zwischen dessen beiden Linsen jetzt auf einmal eine sammelnde Wirkung bekam, während sie beim Altachromat bislang stets zerstreuend gewirkt hatte. Der große Durchbruch gelang Paul Rudolph in den Jahren 1889/90 nun dadurch, indem er einen solchen Neuachromaten mit einem Altachromaten kombinierte, wobei ersterer die Steuerung des Astigmatismus, letzterer wiederum die Korrektur der sphärischen Aberration erlaubte. Ergebnis war das erste von Bildfeldwölbung und Astigmatismus befreite Objektiv, das zunächst „Anastigmat“ genannt wurde und das später unter dem Markennamen Protar vertrieben wurde.

Paul Rudolph Objektiventwicklung Zeissa

Diese namentliche Präzisierung wurde nötig, weil die Priorität des Zeisswerks in Bezug auf Anastigmate nicht allzu lang währte und recht bald Konkurrenzfirmen nachzogen, die mit ihren Produkten zunächst sogar erfolgreicher waren. Das lag nicht zuletzt auch an den Richtungsentscheidungen Paul Rudolphs, der verbissen an der Umarbeitung seiner Erfindung zu einem Satz-Anastigmaten festhielt und anschließend mit dem Planar einen Doppelanastigmaten schuf, der weit über das bisher gekannte Maß an sphärischer und chromatischer Korrektur hinausging und deshalb für damalige Verhältnisse eine ungewöhnlich hohe Lichtstärke ohne Zugeständnisse an die Abbildungsleistung erreichte. Doch dieses Planar war ebenso wie der Satz-Anastigmat alles andere als ein Objektiv für den Massenmarkt.

Zeiss Unar Reklame 1901

Aber gerade in dieser Hinsicht war an der Wende zum 20. Jahrhundert einiges in Bewegung geraten. Photographische Objektive wurden nun nicht mehr allein für den Atelier-Photographen hergestellt. Eine zunehmende Schar an Amateuren begann die Photographie als ihr Steckenpferd zu entdecken und sie kauften sich dafür kleinformatige Platten- und Rollfilmkameras. Für diese Kameragattung wurden Objektive gebraucht, die genau auf das entsprechende Format zugeschnitten waren und die bei hoher Bildqualität möglichst lichtstark sein mußten, um die Aufnahme auch ohne Stativ anfertigen zu können ("Handkamera"). Diesen Trend hatte Paul Rudolph richtig erkannt und er richtete nach der Schaffung des symmetrisch aufgebauten Planars seinen Blick nun wieder auf asymmetrische Konstruktionen. Hatte er zuvor bei seinem Protar-Anastigmat die sphärische Korrektur in der einen und die anastigmatische Korrektur in der anderen Hälfte an unterschiedlich brechenden Kittflächen vorgenommen, so wies er mit seinem Unar [DRP 134.408 vom 3. November 1899] nach, daß dasselbe Ergebnis auch erreicht werden konnte, wenn die Glaspaare durch Luftzwischenräume voneinander abgegrenzt werden. Dabei erzielte er "Luftlinsen", denen er wiederum in der einen Hälfte des Objektivs eine positive, in der anderen eine negative Wirkung mitgab. Und da das Zwischenmedium Luft mit einer Brechzahl von 1 deutlich größere Brechzahldifferenzen mit dem benachbarten Glas ergab, war die Korrekturwirkung dieser Luftlinsen auch deutlich stärker als bisher die Grenzflächen zwischen zwei verkitteten Glassorten. Auf diese Weise war es Paul Rudolph möglich, eine hohe Bildfehlerberichtigung bei einer für die Zeit um die Wende von 19. zum 20. Jahrhundert unerhört hohen Lichtstärke von 1:4,5 zu erzielen.


Rudolph, der meinte, damit den großen Durchbruch erreicht zu haben, begann daraufhin ein privates Engagement im Geschäftsfeld des Kamerabaus, um für das neue Zeiss-Objektiv die passende Rollfilm-Handkamera mit einem Schlitzverschluß bereitzustellen. Doch nicht nur diese Palmos-Rollfilmkamera war ein Fehlschlag, sondern auch das Unar verschwand bereits nach kurzer Zeit sang- und klanglos vom Markt. Dabei war bislang in der Literatur kein Hinweis darauf zu finden, worin genau die Unzulänglichkeit des Unars gelegen hat. Ein noch in seinem Todesjahr von Willy Merté zusammengestelltes Register der Photoobjektive des Zeiss-Rechenbüros, das im darauffolgenden Jahr ins Englische übersetzt wurde, läßt jedoch wissen, daß das Unar an störenden Reflexen litt, die durch die beiden einzeln stehenden Linsen in der hinteren Gruppe hervorgerufen wurden und das Objektiv dadurch in der Praxis wenig brauchbar machte [Vgl. Merté, Willy: The Zeiss Index of Photographic Lenses, Volume 1, 1948/49, S. 30.].

Vergleich Heliar-Tessar

Es war jedoch genau dieser Mißerfolg, den Paul Rudolph nun als Ansporn begriff. Nahtlos setzte er seine Arbeit an einem asymmetrisch aufgebauten Anastigmaten fort. Getrieben wurde der Objektivbau von den sich seinerzeit in Windeseile verbreitenden einfachen Triplets nach dem Taylor‘schen Vorbild oder dem eingangs bereits erwähnten Heliar, das sich rasch als hochwertige Objektivausstattung für moderne Rollfilm- und Plattenkameras der Firma Voigtländer durchgesetzt hatte. Übergreifendes Merkmal dieser Objektive war, daß sie mit vergleichsweise einfach geformten und recht dünnen und flachen Linsen arbeiteten, was Vorteile in Hinblick auf Materialkosten und Herstellungsaufwand mit sich brachte.

Evolution des Tessars aus dem Protar und dem Unar

Es hat sich nun als einer der glücklichsten Wendungen im Bereich des Photoobjektivbaus ergeben, daß Paul Rudolph aus dieser Sackgasse herausfand, indem er das Potential seiner in den letzten zehn Jahren erarbeiteten Grundlagenerfindungen zur gleichzeitigen Beherrschung der Farbfehler, des Kugelgestaltsfehlers und des Astigmatismus zusammenführte. Der Kern seines Tessar-Patentes Nr. 142.294 vom 25. April 1902 basierte dabei darauf, daß er die Korrekturprinzipien seines Protar-Anastigmaten mit demjenigen des Unars kombinierte, das heißt es wurde das Korrekturmittel der gegensätzlich brechenden Nachbarflächen sowohl in der Form wie beim Protar mithilfe einer Kittfläche, als auch wie beim Unar mithilfe eines Luftzwischenraumes angewendet. Aus der obigen Abbildung, die diesen Vorgang schematisiert darstellt, wird auch deutlich, wie Paul Rudolph sich auf diese Weise der hinteren Gruppe des Unars entledigte, die mit ihren meniskenförmigen Linsen das Objektiv so reflexempfindlich gemacht hatte.

DE142294 Rudolph Tessar 1902

Das Bild oben zeigt den originalen Linsenschnitt aus Rudolphs Patentschrift von 1902. Seinen erfinderischen Fortschritt (der Dreh- und Angelpunkt eines jeden Patentgesuchs) erläuterte er folgendermaßen:


"Dieser Erfolg beruht darauf, daß in einem aus vier durch die Blende in zwei Gruppen geteilten einfachen Linsen bestehenden Objektiv die Linsen der einen Gruppe einen Luftabstand erhalten, welcher von einem Nachbarflächenpaar mit negativem Stärkevorzeichen begrenzt ist, die Linsen der anderen Gruppe aber durch eine Kittfläche mit sammelnder Wirkung vereinigt sind.

Durch dieses Objektiv ist der Konstruktionsgedanke des Objektivs nach Patent 56109 [also des "Anastigmats" von 1890] und der des Objektivs nach Patent 134408 [also des "Unars" von 1899] zu einer gewissen Vereinigung gebracht worden. Während man sich nämlich bei ersterem auf durch die Blende getrennte, verkittete Linsengruppen beschränkt und die Gegensätzlichkeit zur Herbeiführung astigmatischer Korrektion nur auf die Brechungswirkung von Kittflächen erstreckt hat, sind bei letzteren [sic!] unter Voraussetzung eines Luftabstandes in jeder Gruppe zwei in der Brechung gegensätzlich wirkende Nachbarflächen wirksam, d. h. zwei Luftlinsen von verschiedenem Stärkevorzeichen.

In dem neuen Objektiv ist nun die zur astigmatischen Korrektion führende Gegensätzlichkeit dadurch geschaffen, daß die Kittfläche der einen verkitteten Gruppe das entgegengesetzte Stärkevorzeichen erhält wie das Nachbarflächenpaar der anderen, einen Luftabstand enthaltenden Gruppe."


In der Folge führt Rudolph noch aus, daß er bei seinem Tessar von den beiden prinzipiell möglichen Lösungen diejenige gewählt hat, bei der eine positiv wirkende Kittfläche einer negativen Luftlinse gegenübergestellt wird. Zwar seien schon früher vielmals Kittflächen und Luftlinsen gegenübergestellt worden aber sowohl beim Petzvalobjektiv wie beim Steinheil'schen Antiplaneten habe die Kittfläche stets dasselbe Stärkevorzeichen besessen wie die Luftlinse.

Endlich war ein insgesamt einfach aufgebautes und vergleichsweise preiswert herstellbares photographisches Objektiv gefunden worden, bei dem gleichzeitig ein bisher nicht gekanntes Niveau an Bildleistung erzielt werden konnte. Dabei war zum Erreichen dieses Zieles fast ein anderthalbes Jahrzehnt an Vorarbeit nötig gewesen, die mehrfach in Sackgassen gemündet war. Paul Rudolph war zwar mit seinem Protar als erstem Objektivkonstrukteur die Korrektur des problematischen Astigmatismus gelungen, doch es zeigte sich schnell, daß es noch weiterer Anstrengung bedurfte, um den Ausgleich dieses bestimmten Abbildungsfehlers nicht durch Zugeständnisse in Hinblick auf die restlichen Abbildungsfehler erkaufen zu müssen. Auf diesen Grundprinzipien der modernen Optik fußend, ist das Tessar selbst heute noch ein wunderbares – weil auch für den Laien verständliches – Beispiel dafür, daß Abbildungsfehler eben nicht einfach "beseitigt", sondern lediglich so weit gegeneinander abgewogen werden können, daß man sich einem Optimum annähert. Wenn die eine Objektivhälfte die Korrektur des problematischen Astigmatismus und der Wölbung, nicht aber des Kugelgestaltsfehlers zuläßt, dann muß die andere Hälfte letztere Aufgabe übernehmen, ohne wiederum negativ auf die Korrektur des Astigmatismus rückzuwirken, wobei  von Vorteil war, daß beide Systemteile schon von sich aus achromatisiert gewesen sind. Diese aufeinander rückwirkenden Einflußfaktoren verlangten nach einem sorgfältigen Abgleichen von optischen Parametern wie Linsenabständen, Linsendicken, Linsenradien, usw., was angesichts der damaligen technischen Möglichkeiten nach unvorstellbar aufwendigen mathematischen Berechnungen verlangte. Speziell vor diesem Hintergrund wird auch die außergewöhnliche Begabung Paul Rudolphs und seiner Zeitgenossen abschätzbar, weil sie abgesehen von ihren mathematischen Fähigkeiten einen weit darüber hinausgehenden Einblick in die optische Materie haben mußten, um Lösungswege abschätzen zu können, die in heutiger Zeit ein Computerprogramm fast automatisch findet, wenn es schlichtweg Millionen an Lösungsmöglichkeiten per Versuch und Irrtum durchspielt.

Tessar - Das Adlerauge Ihrer Kamera

Im Zeitalter von Papier und Bleistift, der Logarithmentafeln und der mechanischen Rechengeräte wäre man mit dieser Methode allerdings niemals ans Ziel gelangt. So war auch mit der bloßen Erfindung des Tessars noch lange nicht jenes Spitzenobjektiv geschaffen, das nun bald als "Adlerauge der Kamera" zu Weltruhm gelangen sollte. Denn jetzt schloß sich erst die eigentliche Arbeit an, diesen Typ zu optimieren und anschließend die unzähligen Varianten zu rechnen, die von der Photoindustrie mit ihren verschiedenen Aufnahmeformaten verlangt wurden.

Tessar-Bekanntmachung 1903

Oben ist die erste öffentliche Bekanntmachung des neuen Tessars 1:6,3 in der Januar-Ausgabe der Monatsschrift "Photographische Korrespondenz" des Jahrganges 1903 wiedergegeben. Interessant zu sehen, welche Folgen die Rechtschreibreform von 1901 damals hatte. Nicht nur, daß sich die Photographische Correspondenz selbst auf einmal mit "K" statt "C" schrieb; nein man machte auch aus Carl Zeiß kurzerhand einen "Karl". Das erinnert sehr an die Verwirrungen, die durch die erneute Rechtschreibereform am Ende desselben Jahrhunderts ausgelöst werden sollte.

2. Ernst Wandersleb übernimmt die Weiterentwicklung

In Rudolphs Tessar-Patent ist für das angegebene Ausführungsbeispiel eine Lichtstärke von 1 : 5,5 zugrundegelegt. Interessant erscheint, daß in dieser Schutzschrift offen zum Ausdruck gebracht wird, daß das angegebene Beispiel lediglich dazu geeignet sei, die grundsätzliche Leistungsfähigkeit seiner Erfindung abzuschätzen, es jedoch noch nicht zu einem Optimum durchgerechnet worden wäre. Diese, auf Grundlage der damals zur Verfügung stehenden Mittel übrigens sehr kräftezehrende Arbeit des Optimierens, hat Rudolph trotz der großen ökonomischen Bedeutung dieses international konkurrenzlosen Objektivtyps bereits nach kurzer Zeit vollständig seinem Assistenten Ernst Wandersleb überlassen. Und das obwohl Wandersleb mit nur 22 Lebensjahren gerade erst bei Zeiss eingestellt worden war. Wie wir heute wissen, lag das wohl hauptsächlich daran, daß das Tischtuch zwischen Paul Rudolph und seinem Arbeitgeber bereits seit längerer Zeit zerschnitten war.


Es gehört zur Lebenstragik des Dr. Paul Rudolph, daß dieser geniale Geist im Sommer 1889 mit gerade einmal 30 Lebensjahren einen nach heutigem Verständnis regelrechten Knebelvertrag mit dem Zeisswerk abgeschlossen hatte, der ihm anfänglich ein gutes und vor allem sicheres Auskommen zu sichern schien, sich aber später als ein goldener Käfig entpuppte, der ihm eine Teilhabe an den zunehmend größer werdenden ökonomischen Erträgen aus seinen Erfindungen verwehrte, ihn gleichzeitig aber auch nicht gehen und zum eigenen Herr über seine Erfindungen werden ließ. Um es vorweg zu nehmen: Paul Rudolph mußte erst über 60 Jahre alt werden, um von diesem Vertrag endlich loszukommen und überdies seine schöpferische Kraft als Objektivkonstrukteur wiederzuerlangen!


Dieses Gefühl, zunehmend von seinem Arbeitgeber übervorteilt zu werden, muß in Paul Rudolph wohl aufgekommen sein, nachdem mit seinem Planar von 1896 das erste Mal mit einem Zeissobjektiv richtig gutes Geld verdient werden konnte, ihm aber aufgrund seines Anstellungsvertrages von 1889 kein Anteil an den Erträgen zustand. Eine im Arbeitsvertrag genannte Beteiligung an Patentlizenzen galt nämlich ausschließlich für seinen später als Protar bekannt gewordenen Anastigmaten von 1889/90. In dem Maße aber, wie Rudolph nun immer fortgeschrittenere Konstruktionen erfand, die das veraltete Protar zunehmend vom Markt verdrängten, fielen die zusätzlichen Einnahmen für ihn um so geringer aus. Für Rudolph ergab sich also die geradezu kafkaeske Situation, daß er immer stärker Opfer seines eigenen Erfolges wurde.

Tessar Bausch & Lomb

Auch für das Tessar wurden umgehend Fertigungslizenzen vergeben, so zum Beispiel an die US-amerikanische Firma Bausch & Lomb in Rochester und New York City [aus: Camera Work: A Photographic Quarterly Nr. 12, 1905, S. 73.]. Weitere Lizenznehmer waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts Karl Fritsch in Wien, Koristka in Mailand, Krauss in Paris sowie Ross in London.

Man kann daher seine Patentschrift zum Tessar auch so lesen, daß er verzweifelt versuchte, den Kerngedanken seiner Protar-Erfindung von 1889, mit dem ihm erstmals die Korrektur des Astigmatismus gelungen war, in der bildseitigen Kittgruppe des neuen Tessarobjektivs wieder aufleben zu lassen, um damit die vertraglich garantierte Beteiligung an Lizenzeinnahmen zu erzwingen. Doch genau diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Statt an dem großen kommerziellen Erfolg des Tessares zu partizipieren, mußte Rudolph mit ansehen, wie das nach Abbes Tod zum Großkonzern aufgestiegene Zeisswerk den Reibach ganz alleine einstrich. Verschlimmert worden war die ohnehin schon schwierige Lage noch mit einem waghalsigen Versuch, seine Einnahmen durch ein privates Engagement im Kamerabau zu verbessern. Das Scheitern des "Palmos-Camerawerks" hatte indes den endgültigen Bruch mit seinem Arbeitgeber zur Folge, da er diesen in den verlustreichen Bankrott mit hineingezogen hatte.


Die folgende Zeit nach dem Tessarpatent war nun durch eine fast völlige Erlahmung der schöpferischen Tätigkeit Rudolphs überschattet, obwohl er formal Leiter der Abteilung Photo blieb. In der Patentliteratur ist lediglich noch ein "Herumlaborieren" an seinen alten Erfindungen aus den 1890er Jahren nachweisbar. Diese wiederum kafkaesk anmutende Lage ergab sich ebenso als ein Ergebnis des unglücklichen Anstellungsvertrages von 1889: Rudolph hätte binnen zehn Jahren nach dem Ausscheiden bei Zeiss in keiner konkurrierenden Firma tätig werden dürfen, weshalb eine solche nicht weniger als den Totalverlust seiner Lebensgrundlage bedeutende Kündigung für ihn nicht infrage kam. Zeiss hatte andererseits Rudolph vertraglich eine unkündbare Stellung zugebilligt, weshalb sie fest an ihn gebunden waren, gleichgültig ob Paul Rudolph Jahrhundertobjektive erfand oder am Schreibtisch saß und Däumchen drehte eine über die Maßen unbefriedigende Situation für beide Seiten. Diese beinah ins irrwitzige abgleitende Vorgeschichte mußte hier freilich vorweggeschickt werden, um begreiflich zu machen, weshalb die tatsächlich in den Handel gelangten Formen des Tessars keine Hervorbringungen seines Erfinders und Leiters der Photo-Abteilung mehr gewesen sind, sondern de facto diejenigen seines Assistenten Ernst Wandersleb. Willy Merté schreibt hierzu im Jahre 1929:


"Das Ausführungsbeispiel des Grundpatents des Tessars hat P. Rudolph [...] etwa für eine Öffnung 1 : 5,6 sphärisch und auf Sinusbedingung korrigiert, während die anastigmatische Bildebnung und Verzeichnungsfreiheit noch nicht in dem Maße wie bei den damaligen Protaren erreicht war. Dieses Patentbeispiel wurde nicht fabriziert, sondern zwei andere Formen, die P. Rudolph sogleich aus dem Typ herausarbeitete, das Tessar 1 : 6,3 als hervorragendes Universalobjektiv [...] und ein Reproduktionsobjektiv mit der Anfangsöffnung 1 : 10 bis 1 : 15, das 'Apochromattessar' gennant wurde.

Die weitere Entwicklung der Tessarform für die verschiedenen Anwendungsgebiete, vor allem in der Richtung großer Lichtstärke, als Universalobjektiv für Astrophotographie, für Porträtphotographie, für Kinoaufnahmen, für Episkopprojektion, späterhin für Fliegerkammern u. a. m. beruht bis etwa 1915 im wesentlichen auf den Arbeiten von E. Wandersleb, und zwar entstand 1904 ein Astrotessar 1 : 5, 1905 ein Universaltessar 1 : 4,5, 1906 das Tessar 1 : 3,5 mit einem Bildfeld von etwa 3540° für Kinoaufnahmen und Sonderzwecke, insbesondere späterhin für die ersten Fliegerkammern, 1908 auch ein verhältnismäßig weitwinkliges Tessar mit einem Öffnungsverhältnis 1 : 9 und einem Bildfeld von etwa 80°. [...]

Daneben lief von 1905 an die Ausarbeitung von wichtigen Änderungen innerhalb der Tessare 1 : 6,3 und 1 : 4,5. Da diese Formen, ebenso wie die meisten der vorstehend genannten, zum großen Teil weit innerhalb der Laufdauer des Grundpatents entstanden, fehlte die Veranlassung, neue Schutzrechte für sie auszuarbeiten und so unterblieb bei der Mehrzahl auch ihre druckschriftliche Veröffentlichung [...]. Um so notwendiger schien es dem Verfasser, hier ausdrücklich auf diese wichtigen Arbeiten von E. Wandersleb hinzuweisen." [Merté, Willy: Bauarten der photographischen Objektive, in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band I, Das photographische Objektiv, Wien, 1932, S283/284.]

Ernst Wandersleb

Ernst Wandersleb (1879 - 1963) auf einer Photographie aus derjenigen Zeit, als er Assistent Rudolphs gewesen sein dürfte. (Bild: Deutsche Digitale Bibliothek)

Man erfährt also aus diesen Ausführungen, daß Rudolph lediglich noch in den Jahren 1902 und 1903 das Tessar 1 : 6,3 und das Apo-Tessar ausgearbeitet hat, ab 1904 aber sämtliche Weiterentwicklungen von Rudolphs Assistenten Ernst Wandersleb übernommen worden sind insbesondere das lange als das "Adlerauge der Kamera" beworbene Tessar 1:4,5. Obendrein kann man aus Mertés Ausführungen noch eine Würdigung Ernst Wanderslebs dahingehend herauslesen, daß dessen große Leistungen als herausragender Objektivkonstrukteur wohl deswegen immer ein wenig unter den Tisch gefallen sind, weil er anders als Merté oder Bertele nicht besonders prominent in der Patentliteratur auftaucht. Zudem wird Wandersleb durchweg als bescheidener Zeitgenosse und Philanthrop beschrieben, der offensichtlich nur wenige Ambitionen zeigte, sich in den Vordergrund zu spielen. Und das obgleich er 1911 als Rudolphs Nachfolger immerhin zum Leiter der Abteilung Photo des Zeisswerks aufgestiegen war.

Ernst Wandersleb Ballonfahrt

Als begeisterter Ballonfahrer war Ernst Wandersleb bestrebt, sein privates Hobby mit seiner beruflichen Tätigkeit zu verbinden, wodurch er sich zu einem der Pioniere der Luftbildaufnahmen entwickelte und dabei nicht selten seine neusten Objektivschöpfungen zum Einsatz brachte [Bild: Deutsche Fotothek, Datensatz 90109763.]. Mit Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird dieser interessante Mann, der mit einer jüdischstämmigen Frau verheiratet gewesen ist, allerdings sukzessive aus seiner Führungsposition innerhalb der Abteilung Photo verdrängt. Inwieweit daran sein Nachfolger Willy Merté persönlich beteiligt gewesen ist, ist mir noch nicht ganz klar. Fakt ist, daß letzterer sowohl Wanderslebs Position innerhalb der Abteilung Photo als auch die Weiterentwicklung der prestigeträchtigen Tessare übernimmt.

2.1 Das erste Tessar 1:4,5

Unten ist Ernst Wanderslebs Aufsatz in der "Photographischen Korrespondenz" Nr. 3 von 1907 wiedergegeben, in dem er sein neues Tessar 1:4,5 der Öffentlichkeit vorstellte. Die hierin angekündigte Veröffentlichung zum Tessar 1:3,5 ist offenbar leider nie erfolgt.

Tessar 4,5/15 cm

Diese Tessare 1:4,5 wurden nun in der Folgezeit regelrecht zum Maßstab für ein hochwertiges Normalobjektiv mit etwa 60 Grad Bildwinkel, an dem sich konkurrierende Hersteller stets messen lassen mußten. Das galt für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, für die Zwischenkriegszeit und sogar noch einmal für einige Jahre nach 1945. Stellvertretend läßt sich am oben gezeigten Exemplar eines Tessars 4,5/15 cm zeigen, wie sich der Zeiss-Konzern in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre im lebhaften Photomarkt etabliert hatte. Gebaut wurde es als auswechselbares Objektiv einer Zeiss Ikon Ideal 9x12 Plattenkamera, kurz nachdem Zeiss Jena den Dresdner Kamerabau durch die Formierung dieser neuen Firma monopolisiert und auf diese Weise einen stabilen Absatz der hauseigenen Photoobjektive sichergestellt hatte. Auch die führenden Zentralverschlüsse der Marke Compur waren insgeheim Produkte aus dem Zeiss-Konzern.

Tessar 4,5/12 cm ICA Cupido

Oben sieht man eine ICA Cupido 75 für die Plattengröße 6x9 (manchmal auch 6,5x9 bezeichnet), die Anfang der 20er Jahre gefertigt wurde. Lange Zeit hatte in dieser Bildgröße die Brennweite 12 cm dominiert. Die später für das Nennformat 6x9 cm so bedeutende Brennweite 10,5 cm war erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg geschaffen worden. Das Tessar 4,5/12 cm mit dem Rechendatum 8. Juli 1913 wurde dann in den 30er und 40er Jahren hauptsächlich noch für das heute in Vergessenheit geratene Format 6,5x11 cm (Rollfilm D-6 bzw. Typ 116) hergestellt. Bild: Dave Shrimpton.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurden die ursprünglich zwischen etwa 1905 und 1907 geschaffenen Tessare 1:4,5 noch einmal überarbeitet und dabei folgende Brennweiten nachweislich neu gerechnet:


Tessar 4,5/6,5 cm:      25. 01. 1911

Tessar 4,5/10,5 cm:    27. 05. 1913

Tessar 4,5/11,5 cm:    08. 07. 1913

Tessar 4,5/12 cm:       08. 07. 1913

Tessar 4,5/13,5 cm:    18. 07. 1911

Tessar 4,5/15 cm:       31. 07. 1911

Tessar 4,5/16,5 cm:    23. 08. 1911

Tessar 4,5/18 cm:       04. 07. 1911

Tessar 4,5/21 cm:       05. 08. 1911

Tessar 4,5/25 cm:       07. 09. 1911

Tessar 4,5/30 cm:       16. 09. 1911

Tessar 4,5/36 cm:       30. 01. 1912

Tessar 4,5/40 cm:       20. 11. 1911

Tessar 4,5/50 cm:       18. 11. 1911

2.2 Das erste Tessar 1:3,5

Auch wenn für die folgenden etwa 25 Jahre das Tessar 1:4,5 eindeutig die dominanteste Rolle einnimmt, so sollte dennoch nicht Wanderslebs erstes Tessar 1:3,5 außer Acht gelassen werden, auch wenn vorerst nur ein sehr geringer Anteil der hergestellten Tessare auf diesen Typ entfiel. Eine Objektivöffnung 1:3,5 wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als unerhört lichtstark angesehen. Man könnte zwar einwenden, der Petzval'sche Schnellarbeiter habe seit jeher (also seit fast sieben Jahrzehnten!) eine derartige Lichtstärke gehabt, aber trotz aller Verbesserungsbemühungen war dieser Objektivtyp mittlerweile aus der Zeit gefallen. Der langgestreckte Bau mit seinem Lichteinfall zum Bildrand sowie die nicht beherrschbare Bildfeldwölbung begrenzten das Anwendungsfeld des Petzval-Objektivs tatsächlich auf  bloße Portraitaufnahmen mit in der Bildmitte placiertem Kopf.

Tessar 3,5/25cm

Es kam daher dem Betreten einer völlig anderen Welt gleich, als Ernst Wandersleb im Jahre 1906 mit seinem Tessar 1:3,5 diese große Objektivöffnung mit einer sphärischen, chromatischen und gleichzeitig astigmatischen Korrektur verbinden konnte. Das heißt: Wenn man nun eine Person vor einer gleichmäßig strukturierten Fläche photographierte, zum Beispiel einer Ziegelwand, dann wurden auch diese Ziegel und vor allem ihre senkrecht und waagerecht verlaufenden Fugen! nicht nur allesamt gleichzeitig scharf abgebildet, sondern es fehlte auch an jener eigenartigen geometrischen Veränderung, die eine Wölbung des Bildfeldes stets mit sich brachte und die bei gleichmäßig strukturierten Bildeinzelheiten in einem unerträglichen Maße störend auffiel.

Tessar 3,5/25cm

Was für eine große Herausforderung es zur damaligen Zeit bedeutete, die astigmatische Korrektur gleichsam mit einer derart großen Lichtstärke zu verknüpfen, kann man daran ablesen, daß Wandersleb den Bildwinkel des Tessares 1:3,5 auf etwa 35 Grad beschränken mußte. Dieses Objektiv war daher noch nicht als universelle Normaloptik ausgelegt, von der ein Bildwinkel im Bereich um die 55 Grad gefordert wurde, damit die Brennweite so lang wie die Diagonale des Bildformates gemacht werden konnte. Mit anderen Worten: Das damalige Tessar 1:3,5 wurde stets mit einer im Vergleich zum Aufnahmeformat etwa doppelt so großen Brennweite geliefert. Bis heute ist das ein typischer Wert für die sogenannten Portraitbrennweiten. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden drei Ausführungen des Tessares 1:3,5 geschaffen: Die Brennweite 21 cm für das Format 6x9 cm, die oben zu sehende Brennweite von 25 cm für das Format 9x12 cm (Rechnung vom 3. Oktober 1906) und die Brennweite 30 cm für das damals viel benutzte Format 12x16 cm. Welch absolute Spezialobjektive diese Tessare 1:3,5 damals gewesen sind, das läßt sich auch an ihrem Preis ablesen: Das obige Exemplar, das kurz vor dem Ersten Weltkrieg gebaut wurde, kostete damals 400,- Reichsmark, was inflationsbereinigt auf das Jahr 2023 gerechnet etwa 2800,- Euro sind. Seine versenkte Fassung deutet darauf hin, daß es ursprünglich für eine Atelier-Spiegelreflex gedacht gewesen sein mag.

Neben diesen drei Varianten für die damals gängigsten Plattenformate wurden bis 1910 aber noch zwei kürzere Brennweiten geschaffen, die auf eine Anwendung in der damals gerade erst entstehenden Kinematographie abzielten: Ein Tessar 3,5/5 cm und ein Tessar 3,5/7,5 cm. In diesem Bereich wurde schlichtweg die hohe Lichtstärke gebraucht, was daran lag, daß die Kinokamera mit einer an die Bildwechselzahl geknüpften Belichtungszeit von etwa 1/50 Sekunde arbeitete. Was uns heute lang erscheint, war damals eine sehr kurze Momentzeit. Um bei Aufnahmen im Freien eine ausreichende Exposition des geringempfindlichen Kinéfilmes zu erreichen und im Studio den Aufwand an künstlicher Beleuchtung zu reduzieren, verlangten die Kameraleute nach möglichst lichtstarken Objektiven. Die im Vergleich zum kleinen Aufnahmeformat ziemlich langen Brennweiten wurden dabei in Kauf genommen. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg wurde mit dem Rechnungs-Abschlußdatum vom 18. Februar 1921 aber ein neues, gezielt auf den Kinofilm ausgelegtes Tessar 3,5/4 cm geschaffen, das eine verkürzte Brennweite aufzuweisen hatte. Dieses Objektiv hatte den Hintergrund, daß Emanuel Goldberg im Jahre 1921 mit der Ica Kinamo eine Normalfilmkamera konstruiert hatte, die speziell den Amateur ansprechen sollte, wofür ein Objektiv mit einer Brennweite benötigt wurde, die deutlich näher an der Formatdiagonale von 30 mm lag [Bild: Rob Bryce]. Damit war ein erster Schritt zu einem universelleren Tessar 1:3,5 getan. Richtig konsequent wurde er allerdings erst eingeschlagen mit der Einführung neuer Schwerkrongläser, die das Tessar 1:3,5 ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre endlich zum gängigen Normalobjektiv vieler Rollfilm- und Kleinbildkameras machen sollte (siehe folgenden Abschnitt).

3. Die Verbesserungen des Tessars in der Zwischenkriegszeit

Das Grundpatent zum Tessar war abgelaufen, während gerade der Erste Weltkrieg Europa im Banne hielt. Im Herbst 1917 hatte sich Zeiss mit zwei "Nachfolgepatenten" lediglich leichte Verbesserungen schützen lassen. Im Reichspatent Nr. 350.335 vom 16. Oktober 1917 hatte man den Gesichtspunkt darauf gelegt, in der alleinstehenden Sammellinse das in der Herstellung teure und zu Blasen und Schlieren neigende Schwerkron durch ein preiswerteres und unproblematischeres Glas zu ersetzen, ohne damit die Leistungsfähigkeit des Tessars zu verschlechtern. Auch sollte damit die Langzeitstabilität des Objektives erhöht werden, weil die hochbrechenden Spezialgläser zum Anlaufen neigten. Und im Reichspatent Nr. 349938 vom 15. November 1917 wurde die Kittfläche sehr stark durchgekrümmt, um damit die sphärischen Zonen weiter zu verringern. Falls diese Abänderungen produktionswirksam geworden sind, dann muß dies bereits in den Jahren 1911 bis 1913 geschehen sein, als viele Neurechnungen für die Tessare 1:4,5 stattfanden. Denn die Kriegsjahre selbst und auch die unmittelbare Nachkriegszeit waren verständlicherweise durch eine große Stagnation im Konsumgüterbereich überprägt.

Tessar-Abkömmlinge andere Hersteller

Das änderte sich jedoch schlagartig, als sich mit der Überwindung der Inflation im Jahre 1923 die wirtschaftlichen Verhältnisse rasch konsolidierten und die bisherige Stagnation in eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwunges umbrach. Auf einmal konnte man mit der Produktion von Luxusgütern wie Photoapparaten wieder Geld verdienen im Inland, aber vor allem auch auf den Exportmärkten. Und da die Bemühungen des Zeiss-Konzerns, mit der Gründung der ICA AG die Photogeräteindustrie zu monopolisieren, auf halbem Wege stecken geblieben waren, gelang es nun zunehmend der Konkurrenz, in diese Nachfragelücke vorzustoßen und sie auszufüllen. Dies zeigte sich nicht zuletzt darin, daß andere Objektivbauanstalten begannen, den prestigeträchtigen Tessartyp nachzubauen. Wie der obige Artikel wissen läßt [aus: Jahrbuch für Photographie und Reproduktionstechnik, 1921-27, S. 203f.], brachten die großen Mitspieler Ernemann, Goerz und Busch jeweils ihre eigenen Versionen des "Triplets mit einer sammelnden Fläche in der letzten Linse" heraus, genauso wie die "Newcomer" RüO und Laack. Eine besondere Rolle spielte jedoch die erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg gegründete optische Fabrik von Joseph Schneider in Kreuznach. Hier hatte der (später für Voigtländer tätige) Hans Deser im Jahre 1919 das Xenar 1:4,5 geschaffen [Vgl. Schneider (Hrsg.): 25 Jahre im Dienste der Photographie, 1938, S. 11.]. Zur wirklich ernsthaften Herausforderung für Zeiss wurde dieser rheinische Hersteller jedoch erst mit der Tätigkeit des hochtalentierten Optikers Albrecht Wilhelm Tronnier ab dem Jahre 1924 [Vgl. ebenda.]. Ihm gelang es, die Schneider-Objektive in der Folgezeit auf ein höchstes qualitatives Niveau zu heben und sich mit dem Zeissianer Willy Merté ein regelrechtes Kopf-an-Kopf-Rennen um die optische Leistungsfähigkeit zu liefern, was sowohl von den Kameraherstellern als auch der Kundschaft aufmerksam verfolgt wurde.

Tessartyp 1927

Als Reaktion des Zeiss-Konzerns auf diese Lage lassen sich in der Folgezeit vier verschiedene Strategien erkennen: Einen fast hilflosen Eindruck vermittelte der Versuch, den Konkurrenzfirmen rechtliche Schritte anzudrohen, falls sie in ihren Veröffentlichungen die eigenen Erzeugnissen als Tessartyp bezeichnen würden [aus: Photographische Korrespondenz, 4/1927, S. 128.]. Der Nachbau dieses Objektivtyps ließ sich damit natürlich nicht verhindern. Man sorgte allenfalls dafür, daß sich der eingangs dieses Aufsatzes bereits angeführte Ausdruck „Triplet mit verkitteter Hinterlinse“ als Synonym für „Tessartyp“ nur umso  rascher durchsetzte.

Tessar Reklame 1923
Tessar Werbung 1925

Eine zweite Strategie, den aufkommenden Konkurrenzerzeugnissen namhafter Objektivbaufirmen zu begegnen, lag darin, für die Tessare wieder intensiv zu werben, wie diese beiden Beispiele aus den Jahren 1925 (oben) und 1929 (unten) zeigen. Sie sollen nur stellvertretend für die enorme Vielzahl der unterschiedlich gestalteten Annoncen stehen, die nun nicht mehr nur in der Fachpresse, sondern beispielsweise auch in allgemeinen illustrierten Zeitschriften geschaltet wurden. In dieser Zeit wurde auch der bekannte Werbespruch vom "Adlerauge Ihrer Kamera" stark popularisiert.

Tessar Reklame 1929

Eine dritte Maßnahme lag darin, daß der Zeiss-Konzern lästige Marktgegner einfach dadurch beseitigte, indem er sie aufkaufte und anschließend ihre Photoobjektiv-Produktionen einstellte. Gegen Ende der 20er Jahre hatte sich Zeiss auf dieser Weise der bedeutenden Konkurrenten Ernemann in Dresden, Goerz in Berlin und auch Busch in Rathenow entledigt. Doch auch diese Strategie zeigte nur unbefriedigende Resultate. Bei Zeiss muß man damals den Eindruck gehabt haben, daß dem enthaupteten Drachen gleich drei neue Köpfe nachzuwachsen schienen. Denn kaum hatte man mit der Zeiss Ikon AG den Dresdner Kamerabau monopolisiert, so erlebten mit der Ihagee, den Kamera-Werkstätten Niedersedlitz, den Korelle-Werken, usw. sogleich eine Vielzahl sehr innovativer Mitbewerber einen ungeahnten Aufstieg. Und diese kleinen, dynamischen Kamera-Fabriken kauften ihre Tessartypen nun nicht selten bei den unabhängigen Herstellern Schneider-Kreuznach oder Meyer-Görlitz. Zeiss jedoch wäre nicht bis heute jene Weltfirma geblieben, wenn man nur mit Tricks und der unternehmerischen Brechstange reagiert hätte. Im Hinblick auf das Tessar zeigt sich das charakteristische Streben der Zeissianer nach beständiger Technologieführerschaft in den beachtlichen Weiterentwicklungen, die dieses Objektiv seit Mitte der 1920er Jahre erfahren hat.

3.1 Das neue Tessar 1:3,5

Denn Steigerungspotential gab es jetzt reichlich. Das lag an den Veränderungen im Käuferkreis von Photokameras und im Nutzerverhalten, die wiederum ihre Ursache in der unablässigen technischen Weiterentwicklung des gesamten Photogewerbes hatten. Diese Umwälzungen lassen sich gut am Tessar 1:3,5 deutlich machen. Dieses für damalige Verhältnisse außergewöhnlich lichtstarke Objektiv hatte Ernst Wandersleb, wie oben bereits dargestellt, schon vor dem Ersten Weltkrieg geschaffen. Schaut man aber in die Kataloge aus jener Zeit, dann fällt auf, daß es einerseits nur als kurzbrennweitiges Tessar 3,5/5 cm und 3,5/7,5 cm für Kinoaufnahmekameras herausgebracht wurde, oder aber mit den recht langen Brennweiten 21; 25 und 30 cm für Portraitzwecke im Großformat. Die Brennweitenbereiche jedoch, wie sie damals für sogenannte Handkameras benötigt wurden; also die typischen Werte 10,5 cm, 13,5 cm, 15 cm, 16,5 cm usw., die fehlten hingegen. Das lag daran, daß Wanderslebs Tessar 1:3,5 nur etwa 35...40 Grad Bildwinkel abdeckte, wodurch die Brennweiten für Handkameras ungünstig lange Werte erreicht hätten. Außerdem waren damals derart lichtstarke Objektive für Handkameras kaum gefragt [Vgl. Die neuen lichtstarken Zeiß-Objektive; in: Das Atelier des Photographen, 1925, S. 186f.].

DE463739 Tessar 3,5

Diese Situation hatte sich aber seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre völlig geändert. Während die bisher dominierende 9x12-Plattenkamera in zunehmendem Maße in den Vitrinen der Photogeschäfte verstaubte, wuchs die Nachfrage nach Filmpack- und vor allem Rollfilmkameras immens. Die damit einhergehende Verkleinerung der Aufnahmeformate verlieh der Lichtstärke 1:3,5 nun plötzlich eine völlig neue Sinnhaftigkeit. Dazu war es aber notwendig, den ausnutzbaren Bildwinkel eines auf diese Öffnung getriebenen Tessars auf mindestens 50 Grad anzuheben, um es als universelles Normalobjektiv einsetzen zu können. Getrieben von den Konkurrenzfirmen sah man sich bei Zeiss daher in der Mitte der 1920er Jahre veranlaßt, ein völlig neues Tessar 1:3,5 zu entwickeln. Diese Anstrengungen sind im Reichspatent Nr. 463.739 vom 27. Juni 1926 dokumentiert, dessen Schutzansprüche ganz bestimmte Krümmungsverhältnisse der Linsen formulieren, die zum Erreichen dieser Leistung geführt hatten. Eine große Rolle dürften aber auch neuartige Schwerkrone wie das SK7 und SK10 gespielt haben, die nun in beiden Sammellinsen zum Einsatz kamen. Mit dieser Weiterentwicklung konnte nun auch dem Tessar 1:3,5 ein für Universalanwendungen geeigneter Bildwinkel von 55 Grad mitgegeben werden.

Tessar 3,5/7 cm Ikonta

Diese Ikonta 4,5x6 aus dem Jahr 1936 ist mit einem Tessar 3,5/7 cm ausgestattet, das mit dieser Brennweite erst im Februar 1929 geschaffen worden war und zwar speziell für dieses neue Bildformat, das durch Teilung des 6x9-Formates entstand, um 16 statt nur 8 Aufnahmen auf einem Rollfilm BII (Typ 120) unterzubringen. Da die tatsächliche Bildgröße etwa 42x56 mm betrug, war die Diagonale mit 70 mm genau so lang wie die Brennweite, was einem Bildwinkel von 53 Grad entspricht.

Bemerkenswert an diesem Reichspatent 463.739 ist zudem, daß die Radien Nummer 2 und Nummer 5 auf Unendlich gebracht worden waren also plane Flächen darstellten. Damit wurden freilich nicht weniger als zwei sechstel der Linsenschleifzeit eingespart, denn diese Flächen mußten nur noch plan poliert statt in Kugelform gebracht werden. Für ein Objektiv, das in großen Stückzahlen zu möglichst wettbewerbsfähigen Preisen ausgestoßen werden sollte, war das ein immenser Vorteil. Auf Basis dieses Patentes wurden offenbar in den Folgejahren nicht nur das Tessar 1:3,5, sondern auch das Tessar 1:4,5 zukzessive und fast komplett neu berechnet. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen ging das Zeiss Tessar mit der Zeit und paßte sich den gestiegenen Qualitätsanforderungen insbesondere der neuen Roll- und Kleinbildformate an. Das war höchste Zeit, denn die in- und ausländischen Konkurrenzfirmen hatten es geschafft, in Windeseile aufzuschließen.

Im Zuge des Patentes Nr. DE463.739 vom Sommer 1926 vermutlich neu gerechnete Tessare 1:3,5:

                                       

Tessar 3,5/3,5 cm:    22. 11. 1926

Tessar 3,5/4 cm:       30. 08. 1928

Tessar 3,5/5 cm:       25. 07. 1929

Tessar 3,5/7 cm:       19. 02. 1929

Tessar 3,8/7,5 cm:    15. 10. 1928

Tessar 3,5/8,5 cm:    29. 07. 1929

Tessar 3,5/9 cm:       12. 12. 1929

Tessar 3,5/10,5 cm:  31. 03. 1926

Tessar 3,5/12 cm:     31. 08. 1926

Tessar 3,5/13,5 cm:  31. 03. 1926

Tessar 3,5/15 cm:     31. 03. 1926

Tessar 3,5/16,5cm:   04. 09. 1926

Tessar 3,5/19 cm:     15. 12. 1927

Tessar 3,5/21 cm:     26. 04. 1926 und 09. 02. 1929

Tessar 3,5/25 cm:     14. 02. 1927 und 07. 02. 1929

Tessar 3,5/30 cm:     15. 06. 1928 und 31. 01. 1929

3.2 Das neue Tessar 1:4,5

Die späten 1920er Jahre müssen für die Abteilung Photo des Zeisswerkes eine ausgesprochen geschäftige Zeit gewesen sein. Das hatte seine Ursache darin, daß damals das Tessar als zentrales Photoobjektiv des Zeisskonzerns in einer kaum überschaubaren Vielfalt für alle möglichen Formate und Anwendungen im Angebot war. Und als die Ausführung mit der Lichtstärke 1:3,5 im Jahre 1926 eine bedeutende Verbesserung erfahren hatte, so lief dies nun darauf hinaus, daß bisherige Tessare 1:3,5 allesamt neu berechnet werden mußten und neue Brennweiten hinzukamen. Aber damit nicht genug. Die Quellenlage läßt darauf schließen, daß der sehr stark verbreitete Tessartyp 1:4,5 ebenfalls auf Basis der neuen Glassorten überarbeitet wurde. De facto kam dies jedoch einer Neukonstruktion jeder einzelnen Ausführung gleich, denn es wurde nicht einfach nur deren Brennweite entsprechend verkürzt oder verlängert, sondern jeder einzelne Typ wurde vollständig neu durchgerechnet.

Ikonta Tessar 4,5/10,5 cm

Für dieses Tessar 1:4,5, das vorher schon als Adlerauge der Kamera beworben worden war, konnte nun eine Bildleistung erreicht werden, die auf ein kaum noch zu übertreffendes Optimum zwischen Aufwand und Resultat hinauslief. Um das zu belegen, sei an dieser Stelle vorweggenommen, daß eine abermalige Verbesserung aus der Zeit nach 1945 nach kurzer Fertigungsdauer wieder fallengelassen wird, um anschließend erneut auf diese Rechnungen aus den späten 1920er Jahren zu wechseln. Schaut man sich nun aber die einzelnen Brennweiten etwas detaillierter an, dann ergibt sich ein nicht ganz einheitliches Bild: So waren ein Tessar 4,5/5,5 cm (4. Mai 1921), ein Tessar 4,5/6,5 cm (26. November 1920) und ein Tessar 4,5/7,5 cm (15. September 1922) erst kurz nach dem Ersten Weltkrieg neu konstruiert worden und wurden daher jetzt nicht noch einmal überarbeitet. Bei einem Tessar 4,5/11,5 und 4,5/12 cm wurde gar die Rechnung vom 8. Juli 1913 weiter gefertigt sowie beim Tessar 4,5/15 cm und dem Tessar 4,5/16,5 cm jeweils diejenige vom 31. Juli bzw. 23. August 1911. Für alle anderen Tessare 1:4,5 wurde jedoch in der Zeit zwischen etwa 1928 und 1930 eine Neurechnung durchgeführt, mit denen die Versionen von vor dem Ersten Weltkrieg nun sukzessive ersetzt wurden. Eine Ausnahme bildet das Tessar 4,5/10,5 cm, das damals zu den am häufigsten eingesetzten Tessartypen zählte und von dem insgesamt mindestens drei verschiedene (Neu-) Rechnungen vom 5. Mai 1927, 9. Juli 1930 und 13. Mai 1932 vorliegen, die abwechselnd wild durcheinander verwendet werden. Der Grund für diese Praxis wird ersichtlich, wenn man sich die einzelnen Zuordnungen dieser Varianten zu bestimmten Anwendungsbereichen anschaut. So ist zum Beispiel die oben gezeigte Ikonta 6x9 aus dem Jahre 1938 mit einem Tessar 4,5/10,5 cm von 1927 ausgestattet, das offenbar vor allem für diese Zeiss-Ikon-Kamera reserviert war und typischerweise mit einer Frontlinseneinstelllung ("Efrl") versehen wurde. Die Rechnung von 1930 war dagegen hauptsächlich für die Kodak Regent mit ihrer Standartenfokussierung vorgesehen.

Im Zuge des Patentes Nr. DE463.739 vom Sommer 1926 vermutlich neu gerechnete Tessare 1:4,5:


Tessar 4,5/5 cm:       15. 09. 1930

Tessar 4,5/8 cm:       10. 05. 1928

Tessar 4,5/9 cm:       30. 06. 1930

Tessar 4,5/10,5 cm:  05. 04. 1927; 20. 03. 1929; 09. 07. 1930; 13. 05. 1932

Tessar 4,5/13,5 cm:  05. 04. 1927

Tessar 4,5/18 cm:     28. 05. 1929

Tessar 4,5/21 cm:     06. 06. 1929

Tessar 4,5/25 cm:     09. 10. 1928

Tessar 4,5/30 cm:     08. 05. 1928

Tessar 4,5/36 cm:     08. 10. 1928

Tessar 4,5/40 cm:     16. 07. 1929

Tessar 4,5/50 cm:     26. 07. 1929

3.3 Das Tessar 1:2,7

Eigentlich hätte dieser Abschnitt zur Erneuerung des Tessars während der Zwischenkriegszeit mit diesem Tessar 1:2,7 begonnen werden müssen, da dessen Entwicklung noch vor der Schaffung des neuen Tessars 1:3,5 in Angriff genommen worden war. Wie gleich noch gezeigt werden soll, ist diese Werdegang der beiden Objektive aber deutlich verwickelter. Ausgangspunkt war, daß sich seit Anfang der 20er Jahre ein Wettlauf um immer höhere Lichtstärken abzuzeichnen begann, bei dem abzusehen war, daß er weit über den bisherigen Höchstwert 1:3,5 hinausgehen würde. Für Zeiss wurde dies sichtbar, als ein knapp über 20-jähriger Ludwig Bertele für die Konkurrenzfirma Ernemann unvorstellbar lichtstarke Objektive zu rechnen begann. Ein erster Versuch Willy Mertés, diesen Ernostaren einen eigenen neuentwickelten Anastigmaten 1:1,9 entgegenzusetzen [DRP. Nr. 404.805 vom 2. August 1924], scheiterte jedoch noch im Ansatz.

DE404805 Merté Biotar-Vorläufer

Mit diesem offenbar vom Tessar abgeleiteten Typus versuchte Willy Merté im Jahre 1923 noch vergeblich, die Lichtstärke auf über 1:2,0 anzuheben. Erst mit dem Biotar sollte ihm dies vier Jahre später tatsächlich gelingen.

Die Nachfrage nach besonders lichtstarken Objektiven nahm durch die Weiterentwicklung der Kameratechnik indes immer weiter zu. Zum Beispiel von den Kameraleuten der Filmindustrie, die vor dem Problem standen, die von Drehbuchautor und Regisseur verlangte Authentizität durch Außendreharbeiten mit den Problem der bei der Kinokamera unveränderlich feststehenden Belichtungszeit in Einklang zu bringen. Zur selben Zeit wurden in der Fachpresse Artikel zu den Spiegelverlusten in Objektiven mit vielen Glas-Luft-Grenzflächen veröffentlicht und der geringe Wirkungsgrad derartiger Objektive angeprangert. Ludwig Bertele reagierte darauf bekanntermaßen mit der Entwicklung seiner Sonnare, die wie das Tessar ebenfalls nur noch dreigliedrig waren. Vor diesem Hintergrund reagierte das Merté'sche Rechenbüro, indem es ein Tessar 1:2,7 herausbrachte. Wie der unten wiedergegebene Artikel aus der "Photographischen Korrespondenz" von 1925 wissen läßt, zielte dieses Tessar 1:2,7 tatsächlich hauptsächlich auf die Anwendung im Bereich Normal- und Schmalfilm ab. De facto produziert wurden die Brennweiten 1,5; 2,0 und 2,5 cm für den 16-mm-Schmalfilm, sowie die Brennweiten 3,5; 4 und 5 cm für Normalfilm.

Außerdem ist in dem Artikel Mertés noch von einem Tessar 2,7/8 cm für das Format 4,5x6 cm sowie 10 cm für das Format 6x6 und 16,5 cm für 9x12 die Rede. Abgesehen von den Tessaren 1:2,7 für den Kinéfilm, von denen immerhin im Bereich von mehreren Tausend oder wenigstens mehreren Hundert hergestellt wurden, war die Produktion von Tessaren 1:2,7 mit den Brennweiten 8; 10 und 12 dagegen vergleichsweise gering und sie entfielen rasch wieder aus dem Fertigungsprogramm. Lediglich die Tessare 2,7/12; 14,5 und 16,5 cm wurden noch in kleinem Umfang bis 1928 produziert, da sie für Reflexkameras 6x9 und 9x12 cm zum Einsatz kamen. Sie wurden aber kurz darauf durch die 1929 gerechneten Biotessare 2,8/13,5 und 16,5 cm abgelöst, die eine bessere Bildleistung zeigten [DRP Nr. 451.194]. Wirklich erfolgreich im Sinne eines Massenobjektivs waren also nur Tessare 1:2,7 mit den Brennweiten 1,5 cm und 2 cm, von denen für Kinamo-, Filmo-, Pathe- und Movikon-Kameras jeweils etwa 10.000 Stück abgesetzt werden konnten. Diese waren aber erst 1927 bzw. 1928 gerechnet worden!

Tessar 2,7/16,5 cm

Ein monströses und damals sehr teures Objektiv: Das Tessar 2,7/16,5 cm. Immerhin 700 Stück wurden in einem einzigen Jahr gebaut; und zwar zwischen Dezember 1927 und Dezember 1928. Auf dem Blendenring dieses Exemplars ist das Kürzel "BX₂" aufgraviert, wobei "B" für versenkte Fassung steht und "X₂" für den enormen Blendendurchmesser von 50 Millimetern. Die meisten Exemplare wurden allerdings mit der Fassung RX gebaut und an der Miroflex 9x12 eingesetzt, also der neuen Zeiss Ikon Klapp-Spiegelreflexkamera. Daher die vergleichsweise großen Stückzahlen. Vom Tessar 2,7/12 cm waren es dagegen nicht einmal 150 und vom Tessar 2,7/14,5 cm gar nur 125 Stück. Bild: Stefan Larsson.

Tessar 1:2,7 Reklame 1925

Diese 1927/28 gerechneten Tessare 1:2,7 müssen allerdings streng von den im obigen Artikel beschriebenen, bereits 1924 geschaffenen unterschieden werden, da ihnen eine Erfindung zugrunde lag, die erst im Reichspatent Nr. 558.058 vom 24. Oktober 1928 geschützt wurde. Der Bildwinkel betrug weiterhin nur 45 Grad und demnach war kein Universalobjektiv angestrebt worden. Eine Leistungssteigerung konnte jedoch dadurch erreicht werden, indem das einfallende Strahlenbündel verhältnismäßig stark eingeschnürt wurde, bevor es auf die einzeln stehende Zerstreuungslinse fiel. Um dies zu ermöglichen, kehrte Merté den Aufbau des Tessares um, sodaß die für das Tessar typische Kittgruppe mit der sammelnd wirkenden Kittfläche nach vorn verlegt wurde. Zweitens wurde die einzeln stehende Zerstreuungslinse viel weiter als bislang von der sammelnden Kittgruppe entfernt, wodurch die Fehler der schiefen Büschel besser beseitigt werden konnten. Die Patentschrift läßt außerdem erkennen, daß in beiden Sammellinsen das neue Schwerkron SK10 zum Einsatz kam

DE558058 Tessar 2,7

Rechnungsabschlüsse der Tessare 1:2,7 vor und im Zuge des Patentes DE 558.058 vom Herbst 1928:



Tessar 2,7/1,5 cm:       07. 12. 1927

Tessar 2,7/2 cm:          09. 08. 1924; 03. 11. 1927 und 18. 01. 1928

Tessar 2,7/2,5cm:        08. 04. 1924 und 02. 01. 1928

Tessar 2,7/3,5 cm:       11. 04. 1924

Tessar 2,7/4 cm:          24. 04. 1924 und 26. 10. 1927

Tessar 2,7/5 cm:          25. 04. 1924

Tessar 2,7/12 cm:        17. 04. 1924

Tessar 2,7/14,5 cm:     26. 01. 1925

Tessar 2,7/16,5 cm:     08. 05. 1924

Aus der ersten Serie des neu geschaffenen Tessares 2,7/4 cm mit nach vorn gekehrter Kittgruppe stammt dieses Exemplar für die Kinamo N25.

3.4 Das Tessar 1:2,8

Mit diesen Tessaren 1:2,7 konnte man sich bei Zeiss aber trotzdem noch nicht zufrieden geben. Das lag auch daran, daß es mit seinen auf etwa 45 Grad beschränkten Bildwinkeln nach damaligen Maßstäben nicht als ein Universalobjektiv betrachtet werden konnte. So war beispielsweise das am 25. April 1924 gerechnete Tessar 2,7/5 cm schlichtweg nicht für das Kleinbild geeignet. Als sich die Kleinbildphotographie ab etwa 1930 rasant verbreitete, setzte die Zeiss Ikon AG zunächst auf ihre eigene Form des Kleinbildes, nämlich auf das Format 3x4 cm ihrer Kolibri, die mit dem Rollfilm A8 (Typ 127) arbeitete. Da diese Negative noch etwas größer waren als das auf den Kinéfilm basierende Leicaformat 24x36 mm, mußte das 50-mm-Normalobjektiv auch einen größeren Bildkreis auszeichnen. Das konnte das bisherige Tessar 1:2,7 jedoch nicht leisten und es bedurfte einer Neukonstruktion.

Kolibri Tessar 2,8/50

Diese konnte Willy Merté mit dem Reichspatent Nr. 603.325 vom 18. Juli 1930 verwirklichen. Er schuf ein neues Tessar 1:2,8 mit einem Bildwinkel, der die Anforderungen an ein universelles Normalobjektiv erfüllte. Der Durchmesser des Bildkreises entsprach dabei der Größe der Brennweite, was auch für das Format 3x4 cm ausreichte, dessen Diagonale ziemlich genau 5 cm beträgt. In den Schutzansprüchen für dieses neue Tessar 1:2,8 wurden wiederum bestimmte Verhältnisse der Linsenradien und der Scheitelabstände als Grundlage der Verbesserung angegeben. Neben dieser Optimierungsarbeit hat aber sicherlich mit dem hochbrechenden und sehr niedrig dispergierenden Barit-Flint BaF 10 wiederum die Verfügbarkeit verbesserter Glassorten eine große Rolle gespielt, das unten im ersten Beispiel in der Rücklinse und im zweiten Beispiel sogar sowohl in der Front- als auch in der Rücklinse zum Einsatz kam. Ich gebe hier die Abbildungen aus der US-amerikanischen Patentschrift wieder, weil man anhand der eigenhändigen Unterschriften gut erkennt, daß neben Merté dazumal auch nach wie vor noch Wandersleb an der Weiterentwicklung des Tessares beteiligt war.

US1849681 Tessar Merté Wandersleb

Mit dieser Anhebung der Lichtstärke auf 1:2,8 war nun allerdings trotz der kurzen Brennweiten das Potential des Tessartyps vollkommen ausgereizt – wenn nicht gar überreizt – worden. Bei voller Öffnung zeichnete das erste Tessar 1:2,8/5 cm ziemlich weich, weshalb man im Laufe des Jahres 1931 weitere Verbesserungsmöglichkeiten auslotete. Eine erste Rechnung vom April 1931 wurde noch im Oktober desselben Jahres durch eine neue Rechnung ersetzt, was in dieser raschen Folge ziemlich ungewöhnlich ist. Richtig zufrieden war man in der Abteilung Photo mit diesem Tessar 2,8/5 cm aber immer noch nicht. Erst als 1933 die Kolibri mit Tessar 2,8/5 cm wieder aus den Katalogen verschwand, wurde diese Brennweite speziell für das Kleinbild 24x36 mm optimiert, wo es wiederum nur einen Bildwinkel von etwa 45 Grad auszeichnen mußte. Eine ähnlich kurzfristige Überarbeitung wie beim Tessar 2,8/5 cm gab es 1931 auch beim für die Baby-Rolleiflex 4x4 neu geschaffenen Tessar 2,8/6 cm. Die am 27. März 1931 geschaffene Version wurde nach 1000 Stück durch eine neue Rechnung vom 8. Oktober 1931 ersetzt, von der dann bis 1938 reichlich 10.000 Stück gefertigt wurden.

Oben sieht man ein Exemplar des ersten Tessars 2,8/5 cm für die Contax I. Daß man in Willy Mertés Rechenbüro anfänglich offenbar reichlich Schwierigkeiten bei der Korrektur dieses Objektives hatte, erkennt man daran, daß in kurzer Zeit drei Versionen dieses Objektivtyps folgten, von denen die ersten beiden nur kurzzeitig gefertigt wurden. Die erste Rechnung vom 2. April 1931 brachte es demnach nur auf ein einziges Fertigungslos. Nachdem für die neue Contax unbedingt ein lichtstarkes Normalobjektiv gebraucht wurde, das preislich deutlich unter den Sonnaren 2 und 1,5/5 cm liegen sollte, wurde zum 8. Oktober 1931 eine nächste Rechnung fertiggestellt, von der in nur 19 Monaten mehr als 10.000 Stück gefertigt wurden. Das waren für damalige Verhältnisse respektable Mengen. Bereits zum 8. Mai 1933 erfolgte dann eine erneute Umkonstruktion, die noch im gleichen Monat in Serie ging und die bis zum Kriegsende aktuell blieb.


Unten: Eine Korelle K von Franz Kochmann in Dresden ausgestattet mit dem ebenfalls gerade erst geschaffenen Tessar 2,8/3,5 cm. Statt des Leicaformates verwendete Kochmann das originale Kinobild 18x24 mm. Bild: Igor Reznik.

Korelle K Tessar 2,8/3,5 cm

Im Zuge des Patentes 603.325 von 1930 neu geschaffene Tessare 1:2,8


Tessar 2,8/3 cm:         05. 02. 1935

Tessar 2,8/3,25 cm:    05. 02. 1935

Tessar 2,8/3,5 cm:      05. 12. 1932 und 08.08. 1939

Tessar 2,8/3,75 cm:    17. 09. 1937

Tessar 2,8/4 cm:          01. 02. 1937

Tessar 2,8/4,5 cm:       22. 11. 1939

Tessar 2,8/5 cm:          02. 04. 1931; 08. 10. 1931 und 08. 05. 1933

Tessar 2,8/6 cm:          27. 03. 1931 und 08. 10. 1931

Tessar 2,8/7 cm:          26. 04. 1931

Tessar 2,8/7,5 cm:       18. 01. 1932

Tessar 2,8/8 cm:          27. 01. 1933

Tessar 2,8/10 cm:        07. 10. 1932

3.5 Das nochmals verbesserte Tessar 1:3,5

Das Reichspatent Nr. 603.325 von 1930 wirkte sich aber auch positiv auf das Tessar 1:3,5 aus, weil jenes nun ebenfalls noch einmal auf Basis der neuen Glastechnologie überarbeitet wurde. Beim Tessar 1:3,5/5 cm beispielsweise folgte nach der Rechnung vom Juli 1929 nur 19 Monate später die verbesserte vom Februar 1931. Die war nun während der 1930er und 40er Jahre die Basis für ein äußerst beliebtes Normalobjektiv vieler Kleinbildkameras. Die meisten Exemplare wurden anfänglich natürlich für die neue Contax gebaut, für die das Tessar 3,5/5 cm das preiswerteste und gleichsam das wohl leistungsstärkste Normalobjektiv darstellte. Auch für die bei Zeiss Ikon intern zunächst "Spreiz-Contax" genannte Super-Nettel kam es zum Einsatz sowie bei mehreren tausend Retinas der Konkurrenzfirma Kodak. Nach 1945 wurde das Tessar 3,5/50 wieder für Sucherkameras der Firmen Balda/Belca, Certo und Welta geliefert; aber auch für die neuen Spiegelreflexkameras aus Dresden, bis dann die Fertigung 1954 nach 23 Jahren relativ abrupt eingestellt wurde.

Tessar 3,5/5 cm Super-Nettel

Auch das Tessar 3,5/7,5 cm wurde im Juni 1934 neu gerechnet. Genau genommen wurde es völlig neu geschaffen. Zuvor gab es nur eine alte Version vom Februar 1920 für den Kino-Normalfilm. Als Ende der 1920er Jahre – ausgelöst durch die neue Rolleiflex – das Rollfilmformat 6x6 cm seine große Erfolgsgeschichte antrat, wurde von Zeiss im Oktober 1928 zunächst erst ein Tessar 3,8/7,5 cm geschaffen. Diese geringfügig geringere Lichtstärke hatte den Hintergrund darin, daß die damaligen Compurverschlüsse der Baugröße C24 keinen genügend großen Öffnungsdurchmesser aufwiesen, um die Lichtstärke 1:3,5 zu verwirklichen. Diese Lage änderte sich zu Beginn der 30er Jahre, als die Friedrich Deckel AG den neuen Compur-Rapid 00 herausbrachte, bei dem dieser Öffnungsdurchmesser in Blendenebene gezielt auf die Bedürfnisse der Kameraindustrie hin vergrößert worden war. Das erlaubte die Anhebung der Lichtstärke auf die üblichen 1:3,5 auch für die Brennweite von 7,5 cm. Neben der sehr erfolgreichen Standardbestückung für die Rolleiflex wurde dieses Tessar 3,5/7,5 cm auch in großen Stückzahlen bei den Zeiss-Ikon-Kameras Ikonta und Ikoflex eingesetzt.

Tessar 3,5/7,5 cm Ikonta

Für die kleine Rolleiflex 4x4 hatte Zeiss zudem ein Tessar 3,5/6 cm geschaffen. auch dessen Rechnung vom 21. August 1930 wurde nach 3000 Exemplaren von einer neuen ersetzt, die auf den 12. Februar 1931 datierte. Das Bild unten einer Baby-Rolleiflex aus der Nullserie zeigt das 25. Objektiv der ersten Version von 1930.

Rolleiflex 4x4 1930

Mit diesen in rascher Folge vorgenommenen Verbesserungen hatte das Tessar den extrem schnellen Wandel der Phototechnik in der Zwischenkriegszeit erfolgreich gemeistert. Durch seinen recht simplen Aufbau war der Tessartyp in der Fertigung sehr gut beherrschbar und konnte daher in großen Stückzahlen vergleichsweise preiswert ausgestoßen werden. Durch die (vor allem im Vergleich zum Sonnar) recht flachen Linsen blieben auch bei Einsatz teurer Spezialgläser die Herstellungskosten einigermaßen im Rahmen. Und dort, wo es nicht auf höchste Lichtstärken ankam – zum Beispiel im Großformat – behauptete nach wie vor das Tessar 1:4,5 seinen festen Platz und bildete über Jahrzehnte hinweg einen Standard, an dem sich Normalobjektive mit Bildwinkeln um die 60 Grad messen lassen mußten.

Im Zuge des Patentes Nr. 603.325 von 1930 vermutlich neu gerechnete Tessare 1:3,5 bzw. 1:3,8:


Tessar 3,5/1,5 cm:       07. 07. 1938

Tessar 3,5/2,5 cm:       27. 01. 1932

Tessar 3,5/3 cm:          05. 02. 1935

Tessar 3,5/3,25 cm:     05. 02. 1935

Tessar 3,5/3,5 cm:       03. 11. 1932

Tessar 3,5/3,75 cm:     05. 10. 1937

Tessar 3,5/4 cm:          17. 02. 1932

Tessar 3,5/5 cm:          27. 02. 1931

Tessar 3,5/6 cm:          21. 08. 1930 und 12. 02. 1931

Tessar 3,5/7,5 cm:       01. 06. 1934

Tessar 3,8/7,5 cm:       04. 10. 1933 (Baugröße C24)

Tessar 3,5/8 cm:          11. 04. 1933

Tessar 3,5/10,5 cm:     26. 05. 1936

Tessar 3,8/10,5 cm:     17. 05. 1934 (Baugröße C32)

Tessar 3,5/25 cm:        15. 11. 1935

Tessar 3,5/30 cm:        07. 12. 1937

4. Willy Mertés Tessar als Versuchsträger für ein asphärisches Objektiv

Speziell für das Kleinbild wurden aber bald noch höhere Lichtstärken verlangt. Das liegt daran, daß erst bei den kleineren Formaten die Schärfentiefenverhältnisse so günstig sind, daß man die große Blendenöffnung überhaupt praktisch ausnutzen kann. Andererseits wurde vor 60...80 Jahren diese Reserve an Lichtstärke auch wirklich gebraucht, wenn man beispielsweise auf dem Kodachrome- oder Agfacolor-Film mit ihren Empfindlichkeiten von 12...15 DIN photographieren wollte. Daß dabei versucht wurde, gerade den Tessartyp auf solch hohe Lichtstärken zu bringen, lag an dessen sehr guten Wirkungsgrad. Erstens waren aufgrund der drei Linsengruppen die Spiegelverluste geringer, als bei Objektiven wie dem Biotar. Zweitens waren die Linsen vergleichsweise dünn, weshalb auch leicht gelb gefärbte Schwerkrongläser den Gewinn an geometrischer Öffnung nicht durch erhöhte Absorptionsverluste gleich wieder zunichte machten.

Dr. Willy Merté

Elegant und hochtalentiert - aber angesichts seiner Schlüsselposition bei Zeiss Jena während der Nazizeit nicht über jeden Zweifel erhaben: Dr. Willy Merté. Als führender Fachmann unter anderem auf dem Gebiet asphärischer Flächen wurde er nach dem II. Weltkrieg in die USA abgeworben und arbeitete in Boston und Dayton, wo er - noch keine 60 Jahre alt - im Frühjahr 1948 unerwartet verstarb, ohne seine bahnbrechenden Forschungen auf diesem Gebiet zuendegeführt zu haben.

Willy Merté arbeitete daher seit Mitte der 1930er Jahre daran, die Lichtstärke des Tessars mit 5 cm Brennweite auf 1:2,0 und sogar noch höher anzuheben, indem er an verschiedenen Positionen asphärische Flächen einführte. Aus dem Jahre 1934 und 35 sind bei Thiele mehrere Versuchsfertigungen für Tessare 1:2,8; 1:2,0 und sogar 1:1,5/5 cm überliefert, die allesamt mit asphärisch deformierten Flächen arbeiteten. Merté hatte sich offenbar zuvor intensiv mit deformierten Linsenflächen auseinandergesetzt, worüber ein erstes diesbezügliches Patent Nr. 645.202 vom 31. Januar 1934 Zeugnis ablegt. Es existiert allerdings auch ein sich direkt auf diese asphärischen Tessare beziehendes Patent, das erst am 6. Dezember 1940 angemeldet worden ist, und gar erst am 23. Juli 1954 in der DDR (!) unter der Nummer DD2675 veröffentlicht wurde, nachdem Merté bereits seit sechs Jahren verstorben war. Unten gebe ich zwei Bildbeispiele aus dem besagten DDR-Patent wieder.

Merté Asphäre Tessar

Diese Grundlagenarbeiten zum Einsatz deformierter Flächen im Photoobjektivbau müssen wohl völlig in Vergessenheit geraten sein; man findet darüber keinerlei Hinweise in der Fachliteratur. Merté muß aber mit seinen diesbezüglichen Arbeiten weit vorangekommen sein, denn aufgrund seiner eigenen Mitteilung kann man wissen, daß das Vorsatzfernrohr "Zeiss Magnar 4x" für die Rolleiflex bereits 1939 tatsächlich mit einer asphärischen Fläche hergestellt wurde. [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 12.] Man muß dieses Magnar demnach als erstes asphärisches Serienobjektiv der Welt ansehen. Doch es herrschte mittlerweile Krieg und die Konsumgüterproduktion geriet rasch in den Hintergrund. Der frühe Tod Mertés im Frühjahr 1948 tat dann wohl sein Übriges.

Tessar 2/5 cm

Bild: Stefan Baumgartner

Auch direkt nach dem Zweiten Weltkrieg hat es nicht an Bestrebungen gefehlt, den Tessartyp über die Öffnung 1:2,8 hinaus anzuheben. Von den asphärischen Tessar-Versuchen der 30er Jahre war auf deutschem Boden wohl nichts übriggeblieben, denn alle Prototypen wurden 1945 von den US-Streitkräften beschlagnahmt und nach Amerika verbracht. Der neue Chef der Abteilung Photo des Jenaer Zeisswerks Harry Zöllner und sein Assistent Fritz Disep (bekannt als Schöpfer des Apo-Germinars) haben aber nachweislich seit 1948 wieder an verschiedenen Ansätzen für ein Tessar 1:2/50 mm gearbeitet. Ob sie dabei auch im Kriege abgebrochene Projekte Mertés zuende geführt haben, ist bislang nicht geklärt.

Tessar asphärisch exakta

Beim oben zu sehenden Versuchsobjektiv eines Tessares 1:2/5 cm [Sammlung Baumgartner], das im August 1948 gerechnet wurde, fällt im zugehörigen Linsenschnittbild [unten, Sammlung Benedix] die stark gekrümmte Kittfläche auf, die sich ungewöhnlicherweise auch noch in Richtung der Bildebene wölbt, da hier die übliche Anordnung von Sammel- und Zerstreuungslinse gegeneinander vertauscht wurde. Nicht ermittelbar ist jedoch, ob bei diesem Versuchsobjektiv vielleicht noch eine in die Verkittung eingebettete asphärische Fläche vorhanden ist, wie es eine weitere Ausführungsform des oben bereits besprochenen Merté'schen Patentes DD2675 vorsieht (Abb. darunter).

Tessar 2/50 Versuch 49
DD2675 in Verkittung eingebettete asphärische Fläche

Ein weiterer, unten zu sehender Prototyp eines Tessares 2/50 mm mit der Seriennummer 3.543.297 [Bild: Nico Schulze] ist ein Beleg dafür, daß die Arbeiten an derartigen Tessaren mit erhöhter Lichtstärke unter der Leitung Harry Zöllners noch mehr als zwei Jahre fortgeführt worden sind. Denn dieses Versuchsobjektiv Nr. 93 wurde am im Oktober 1950 gerechnet und gelangte am 15. Dezember 1950 in die Fertigung. Mittlerweile waren die Glasoberflächen allesamt mit einem Transparenzbelag versehen.

Tessar 2/50 Versuch
Tessar 2/50 Versuch 93

Das Linsenschnittbild oben [Sammlung Benedix] läßt wissen, daß die hintere Kittgruppe des Tessares hier dreiteilig ausgeführt ist, indem ein zerstreuender Minus zwischen den beiden Hälften des Achromaten eingefügt wurde. Auch hier fällt besonders auf, wie beide Kittflächen stark Richtung Bildebene gewölbt sind. Offenbar war dies der Höhepunkt der versuche, den einfach aufgebauten Tessartyp auf die verlockend hohe Lichtstärke zu bringen und damit eine preiswerte Alternative zum aufwendigen Biotar 2/58 zu schaffen. Keines der hier gezeigten Beispiele erreichte jedoch Serienwirksamkeit.

5. Harry Zöllners Vervollkommnung des Tessars zum modernen Universalobjektiv

Als nach dem Kriege absehbar war, daß die deutsche Photoindustrie aufgrund der enormen internationalen Nachfrage wieder große Mengen an Kameras wird absetzen können, wurde der Tessartyp aufgrund seiner guten Eignung für die Massenfertigung rasch wieder interessant. Bei Zeiss in Jena wurde noch im Jahr der Demontage das Tessar 2,8/50 mm, für das nun der größte Bedarf bestand, auf Basis der während des Krieges fortentwickelten Glastechnologie vom damaligen Leiter der Abteilung Photo Harry Zöllner neu berechnet. Dieses Tessar 2,8/50 mit dem Konstruktionsdatum 29. Oktober 1947 ist damit als Neuanfang des Jenaer Zeisswerks nach der Katastrophe von 1946/47 anzusehen. Zöllner gelang es damals, das Kleinbild-Tessar so zu optimieren, daß es bis in das Jahr 1988 – also vier Jahrzehnte lang – optisch unverändert gefertigt werden wird.

Harry Zöllner Zeiss Jena

Gewissermaßen die  Verkörperung des Wiederaufbaus der Abteilung Photo des Zweisswerks nach dem II. Weltkrieg: Dr. Harry Zöllner

Doch die Entwicklung schritt rasch voran. Während des Krieges waren Versuche unternommen worden, die in den USA bei Kodak entdeckten Lanthan-Schwerkrone auch für Deutschland verfügbar zu machen. Hier ging es bald nicht mehr nur um die eigentliche Zusammensetzung der Gläser, sondern um das Verfahren, das Glas blasen- und schlierenfrei herstellen zu können bzw. nach dem Erstarren überhaupt eine amorphe Glasmasse zu erhalten. Man erkennt das auch aus der damaligen Patentliteratur, in der neben der eigentlichen "Rezeptur" für das Glas immer mehr auf seine Herstellungstechnologie abgestellt wurde. Während in der jungen Bundesrepublik diese LaK-Gläser in einer Kooperation zwischen Leitz Wetzlar und Schott Mainz entwickelt wurden, brachte der VEB JENAer Glaswer Otto Schott & Genossen entsprechende Pendants unter der Bezeichnung Schwerkron SK 21 bis SK24 zur Serienreife. Dabei entspricht beispielsweise das Jenaer SK 21 weitgehend dem LaK 1 von Schott West, das SK 22 dem LaK 2, usw. Diese neuen Glasarten haben in den 50er Jahren noch einmal eine Revolution im Objektivbau ausgelöst, da die hohen Brechzahlen bei niedriger Dispersion bzw. die sehr günstigen Dispersionsverläufe gestatteten, insbesondere sphärochromatische Fehler in bisher nicht gekannter Weise in den Griff zu bekommen.

DD8721 Zöllner Tessar

Auch das Tessar wurde auf Basis dieser neuen Lanthan-Schwerkrone weiterentwickelt, was in dem DDR-Patent Nummer 8721 vom 17. März 1951 zum Ausdruck kommt. In der Frontlinse des Patentbeispiels 1 wurde das neue SK22 eingesetzt. Nicht bekannt ist jedoch, in wie weit tatsächlich der Lanthan-Kron Einsatz in die Praxis überführt wurde. Zwar wurde beispielsweise am 19. September 1950 ein neues Tessar 2,8/50 gerechnet und am 18. Dezember 1950 in zwei Versuchsexemplaren gefertigt. In die Produktion wurde diese Version jedoch nicht überführt; hier blieb es bei der Rechnung von 1947. Man muß schlichtweg davon ausgehen, daß sich die theoretisch ermittelten Fortschritte in der Bildleistung durch Einsatz dieser Gläser kaum wirklich in der praktischen Anwendung der Objektive bemerkbar machten – zumindest nicht mit den damals zur Verfügung stehenden Aufnahmematerialien. Noch im Jahre 1972 verweist Zöllner in seinem Aufsatz zum 70. Jubiläum des Tessares darauf, daß selbst mit den mittlerweile zur Verfügung stehenden rechnergestützten Optimierungsprogrammen kaum noch eine wesentliche Verbesserung der Bildleistung dieses Objektivtyps möglich sei. Dessen namensgebende vier Linsen, damit vier verschiedene Glassorten, vier Linsendicken, zwei Lufträume und – durch die Verkittung – insgesamt sieben frei wählbare Radien ließen nur wenig Spielraum für weitere Leistungssteigerungen [Vgl. Zöllner, Harry: 70 Jahre Tessar; in: Fotografie 1972, S. 33.]. Um so höher ist die damalige Leistung Paul Rudolphs und seiner Nachfolger zu bewerten, die für das Auffinden und Optimieren solcher optischen Systeme seinerzeit noch keine automatisch arbeitenden Computer zur Verfügung hatten, sondern die einzig und allein auf ihr außergewöhnliches Talent und ein tiefgreifendes Verständnis der optischen Materie vertrauen konnten.

Tessar sphärische Querabweichung

Oben ist der Erfolg der qualitativen Verbesserung des Tessars in der Zeit um 1930 und nach 1945 in Form von Kurven für die Querabweichungen dargestellt  einem Konglomerat aus sphärischer Aberration und meridionaler Koma. Als Referenz dient das Tessar 1:6,3 von 1902. Auf der x-Achse ist der Tangens des halben bildseitigen Bildwinkels δ' (= kleines Delta) und auf der y-Achse Δy' (= großes Delta) als Querabweichung in der besten Einstellebene angegeben. Alle Zahlenwerte verstehen sich auf eine Brennweite von 100 mm bezogen. Anmerkung: Beim Tessar 4,5 muß es statt 1939 sicherlich 1929 heißen. Ganz unten vergleicht Harry Zöllner sein verbessertes Tessar 2,8/50 von 1947 mit dem Vorgänger von Willy Merté aus dem Jahre 1931. [nach Zöllner, Harry: 70 Jahre Tessar; in: Fotografie 1972, S. 33.].

In der ersten Hälfte der 1950er wurde für das neue Tessar 2,8/50 vergleichsweise intensiv Reklame gemacht - zumindest in Hinblick darauf, daß dies für Normalobjektive sonst nicht so üblich ist. Daraus könnte man schließen, daß man in Jena darauf bedacht war, vom eher zweifelhaften Ruf des bisherigen Tessars 2,8/5 cm loszukommen.

Tessar 2,8/50 mm

Eine weite Verbreitung fand das neue Tessar 2,8/50 mm seit den 1950er Jahren sowohl als Normalobjektiv für einfache Sucherkameras als auch für teils sehr teure Spiegelreflexkameras. Bei den einfachen Sucherkameras wie von Balda bzw. Belca war die große Lichtstärke von 1:2,8 nicht immer voll ausnutzbar, weil die Entfernung geschätzt werden mußte. Bei Reflexkameras gab es hingegen große Vorteile in bezug auf die Sucherbildhelligkeit und damit für das Schafstellen - auch wenn dann bei der Aufnahme in den meisten Fällen ebenfalls ziemlich stark abgeblendet wurde. Mit Auslaufen der Werra-Reihe in den späten 60er Jahren wurde das Tessar 2,8/50 dann nur noch für die Spiegelkameras Exa und die Praktica angeboten, für die es bis ins Jahr 1988 (!) im Programm blieb.

Tessar 2.8/50 Carl Zeiss Jena
Tessar Fehlerkurven

Die Abbildung oben zeigt uns die Bildfehlerkurven des Tessars 2,8/50 mm in der Version von 1947 [nach Fincke]. Mit etwas Übung läßt sich aus ihnen ablesen, weshalb dieses Tessar nach heutigen Maßstäben bei offener Blende nicht das beste Objektiv der Welt ist, wieso diese Schwächen aber bereits bei leichter Abblendung weitgehend verschwinden. Die Kurve a) gibt die sphärische Aberration wieder sowie (gestrichelt) die Abweichung von der Sinusbedingung. Beide Kurven liegen übereinander, was sehr wünschenswert ist. Nicht verwirren lassen sollte man sich dadurch, daß alle Zahlenangaben hier auf eine Brennweite von 100 mm bezogen sind, was schlichtweg eine Konvention darstellt, um Längen in Millimeter als Prozent der Brennweite ausdrücken zu können. Die sogenannte Einfallshöhe des Lichtbündels, die auf beiden Seiten der y-Achse je etwa 17,5 mm beträgt, also zusammengenommen etwa 35 mm, paßt nun geradewegs etwa 2,8 mal in die Brennweite von 100 mm, woraus sich die bekannte Lichtstärke unseres Tessars 2,8/50 ergibt. Auffällig ist nun, daß die Kurven in a) eine ziemliche Ausbeulung aufweisen, die der Photooptiker als Zonen bezeichnet. Der Punkt der schärfsten Abbildung liegt an diesen Stellen nicht genau auf der Bildebene (= y-Achse), wie das bei Lichteinfall entlang der optischen Achse (= x-Achse) der Fall ist, sondern der Schärfepunkt liegt bei einer Einfallshöhe von 15 mm reichlich 0,5 % VOR der Bildebene. Weil, wie oben erwähnt, die Brennweite des Tessars 2,8/50 auf 100 mm umgerechnet ist, sind das also auch reichlich 0,5 mm Abweichung bzw. reichlich 0,25 mm bezogen auf die tatsächliche Brennweite des Tessars von 50 mm. Wer gern mit Formeln hantiert, der kann sich die Größe des Unschärfekreises ausrechnen, der sich aus dieser Verschiebung des Schärfepunktes ergibt. Er überschreitet zwar noch nicht den für das Kleinbild zulässigen Wert, kommt ihm aber ziemlich nahe. Wichtig ist aber, daß diese Überlagerung des scharfen "Kern-Bildes" nur von solchen Lichtstrahlen hervorgerufen wird, die das Tessar in den äußersten Bereichen des Linsendurchmessers durchlaufen. Bei einer Abblendung auf 1:5,6 (entsprechend einer Einfallshöhe von etwa 9 mm) wird die sphärische Aberration hingegen rasch vernachlässigbar. Wie man erkennt, beginnt die Kurve erst oberhalb der 10-mm-Marke auszubrechen. Damit war der durchaus merkliche Restbetrag des Öffnungsfehlers dieses Tessars 2,8/50 in der Praxis nur bei denjenigen seltenen Gelegenheiten wirklich zu spüren, in denen einmal mit weitgeöffneter Blende photographiert wurde. Da das Tessar 2,8/50 spätestens ab Mitte der 60er Jahre eine Rolle als preiswertes Amateurobjektiv zugewiesen bekommen hatte, war seine Charakteristik, daß es erst bei leichter Abblendung richtig leistungsfähig wird, völlig unproblematisch.

Diese Eigenart des kräftigen Leistungsanstiegs beim Abblenden wird auch noch einmal in diesen beiden MTF-Diagrammen deutlich, wo das Tessar 2,8/50 mm dem zeitgenössischen Meritar 2,9/50 mm von Ludwig gegenübergestellt ist. Die Aussagekraft solcher Diagramme ist immer begrenzt, zumal die hier zu sehende Darstellung aus den frühen 70er Jahren stark von der heute üblichen abweicht, weil die Kontrastübertragung in Abhängigkeit von der sog. Ortsfrequenz abgetragen ist, während heutzutage für 3...4 feste Frequenzen die Kontrastleistung in Abhängigkeit von der Bildhöhe dargestellt wird. Aufschlußreich sind die beiden Diagramme aber deshalb, wiel sie ja mit demselben Meßverfahren ermittelt wurden und daher einen direkten Vergleich beider Objektive ermöglichen. Man erkennt, daß das Meritar das damals übliche "Schärfekriterium" 40 Linien je Millimeter bei 40 Prozent Kontrast selbst bei Abblendung nur geradeso überschreitet. Während das Tessar 2,8/50 bei offener Blende ebenfalls sehr schwache Leistungen zeigt, kann man sehr gut den kräftigen Zuwachs bei Abblendung um zwei Stufen erkennen. Vergleicht man die Kurven des Tessars allerdings mit denjenigen, die zum Beispiel auf der entsprechenden Seite für das Oreston 1,8/50 mm angegeben sind, so erkennt man, daß ein solcher Gaußtyp bei Abblendung noch einmal deutlich besser wird als das an die Grenzen seiner Leistung gebrachte Tessar 1:2,8. Positiv fallen beim Tessar jedoch die eng beieinander liegenden Kurven für Mitte und Rand auf, die in der Praxis eine gleichmäßige Verteilung der Schärfe über das Bildfeld hinweg erwarten lassen.

Tessar 3,5/75 mm

Aber nicht nur das Tessar 2,8/50 mm konnte von der während des Krieges weiterentwickelten Glastechnologie profitieren. Auch das im Mittelformat sehr dominierende Tessar 3,5/75 mm war bereits zum 28. Mai 1947 neu berechnet worden gerade einmal zehn Wochen nach dem Ende der Demontage des Zeiss-Werks durch die Sowjetische Besatzungsmacht [Vgl. Hellmuth/Mühlfriedel, Zeiss Jena 1945-1990, 2004, S. 52.]. Auch für diese "Mittelformat-Variante" bestand nun wieder sehr großes Nachfragepotential. Eigentlich sollte die Braunschweiger Rolleiflex wieder umfangreich mit diesem Objektiv ausgestattet werden, aber die Reparationsverpflichtung Zeiss Jenas für die Sowjetunion vereitelte dies. In der DDR wurde das Tessar 3,5/75 später unter anderem in der einfachen 6x6-Faltkamera Weltax eingesetzt. Im Jahr 1948 wurden auch einige Versionen des Tessars 1:4,5 einer Optimierungsarbeit unterzogen. Besonders hervorhebenswert ist dabei das Tessar 4,5/135 mm, weil hier mehr als nur ein Austausch der Glassorten stattfand.

Tessar 4,5/135, Rechnung 1948

Bei diesem Tessar 4,5/135 vom 10. Februar 1948 (oben) fällt gegenüber seinen Vorgängern und auch gegenüber seinem Nachfolger von 1957 (unten) die deutlich vergrößerte Frontlinse auf. Damit hat man mit hoher Wahrscheinlichkeit der Randabdunklung entgegentreten wollen. Zweitens stechen bei meinem Exemplar die in großer Vielzahl vorhandenen Glasbläschen ins Auge. Das war damals ein sicheres Zeichen dafür, daß hochbrechende Schwerkrongläser zum Einsatz kamen, bei denen sich dieser Schönheitsfehler mit der damaligen Herstellungstechnologie nie ganz vermeiden ließ. Kenner wußten seinerzeit, daß diese Bläschen nicht als Zeichen für dritte Wahl, sondern für den höchstmöglichen Materialeinsatz zu deuten sind.

Tessar 4,5/135, Rechnung 1957
Tessare Prospekt 1951

Im frühen Nachkriegs-Prospekt von 1950/51 wurden die Tessare allgemein (oben) und das Tessar 1:2,8 gesondert abgehandelt (unten). Tenor auch hier: Während die lichtschwächeren Tessare schon immer einen hohen Leistungsstand erreichten, so ist dies jetzt auch beim neu gerechneten Tessar 1:2,8 sichergestellt.

Tessar 2,8/50 Prospekt 1951

Offensichtlich war es so, daß fast alle Tessare 1:4,5 im Jahre 1948 auf der Basis der aktuellsten Glasarten neu berechnet wurden, daß jedoch dieser aufwendige Materialeinsatz nach kurzer Zeit als unrentabel erkannt wurde. Das läßt sich aus folgenden zwei Gegenmaßnahmen schließen: Entweder man kehrte wieder auf Mertés vorherige Konstruktion aus den späten 1920er Jahren zurück so geschehen im Falle der Tessare 4,5/50 mm; 75 mm; 150 mm; 180 mm; 210 mm und 300 mm. Oder aber man führte nach kurzer Zeit eine abermalige Neurechnung durch, die offenbar aus qualitativer Sicht als notwendig erachtet wurde, jedoch ebenfalls Kosten zu sparen schien. Dies war offensichtlich der Fall beim Tessar 4,5/105 mm und bei dem oben bereits angesprochenen Tessar 4,5/135 mm. Eine Besonderheit stellte zudem das Tessar 4,5/165 mm dar, das seit 1945 nicht mehr produziert worden war und das erst im Jahr 1960 wieder ins Angebot aufgenommen wurde, wobei die neue Rechnung vom 18. Juli 1959 gleich diejenige vom 23. August 1911 ersetzte, da diese Brennweite offensichtlich nie durch Merté überarbeitet worden war.

Nach 1945 neu gerechnete und neu geschaffene Tessare (ohne Prototypen):


Tessar 2/16 mm:        19. 07. 1949

Tessar 2/28 mm:        01. 10. 1949

Tessar 2,8/16 mm:     27. 04. 1948

Tessar 2,8/50 mm:     29. 10. 1947

Tessar 2,8/80 mm:     07. 07. 1950

Tessar 3,5/37,5mm:   04. 07. 1946; 12. 12. 1973 und 19. 09. 1975

Tessar 3,5/50 mm:     12. 10. 1973 und 18. 09. 1975

Tessar 3,5/75 mm:     28. 05. 1947

Tessar 3,7/70 mm:     05. 07. 1962

Tessar 4/16 mm:        07. 08. 1973

Tessar 4/24 mm:        04. 03. 1973

Tessar 4,5/40 mm:     20. 04. 1948

Tessar 4,5/50 mm:     26. 08. 1948

Tessar 4,5/75 mm:     16. 09. 1947

Tessar 4,5/105 mm:   14. 01. 1948 und 02. 07. 1951

Tessar 4,5/115 mm:   29. 06. 1949

Tessar 4,5/135 mm:   10. 02. 1948 und 07. 03. 1957

Tessar 4,5/150 mm:   23. 10. 1947

Tessar 4,5/165 mm:   18. 07. 1959

Tessar 4,5/180 mm:   09. 02. 1948

Tessar 4,5/210 mm:   16. 02. 1948

Tessar 4,5/300 mm:   04. 06. 1948

Tessar 4,8/15 mm:     28. 08. 1964 und 20. 06. 1970

Tessar 4,8/30 mm:     28. 02. 1974

Tessar 5/13,5 mm:     22. 09. 1986

Tessar 5/16 mm:        15. 06. 1978

Tessar 5,6/100mm:    31. 01. 1975

Tessar 5,6/135 mm:   12. 02. 1975

Tessar 6,3/135 mm:   16. 08. 1947

Tessar 6,3/210 mm:   03. 09. 1947

Tessar 6,3/300 mm:   14. 05. 1946

Tessar 8/16 mm:        07. 08. 1973

Tessar 3,5/37,5 mm

Auch das Tessar 3,5/37,5 mm wurde neu berechnet; und zwar bereits im Sommer 1946, weil es wohl dringend für die Bestückung der Tenax benötigt wurde, die nun als Taxona neu herausgebracht werden sollte. Dasselbe Objektiv wurde auch für die Belplasca verwendet, deren etwas größeres Format 24x29 mm eine Diagonale aufwies, die genau der Größe der Brennweite dieses Tessares entsprach.

Ansonsten läßt sich aus der obigen Zusammenstellung folgendes zusammenfassen: Die Tessare 1:3,5, die seit den 30er Jahren zu den wichtigsten Photoaufnahmeobjektiven Zeiss Jenas gehört hatten, liefen alle bis zum Ende der 1950er Jahre aus, weil schlichtweg die Kameras aus dem Programm genommen wurden, in denen sie zum Einsatz gekommen waren. Einzige Ausnahme war das oben gezeigte Tessar 3,5/37,5 mm, dessen Produktion im Oktober 1963 wieder aufgenommen wurde, um als Projektionsobjektiv für die Dokumator-Lesegeräte zu dienen. Das geschah zunächst auf Basis der Rechnung vom Juli 1946, die dann aber im Januar 1976 zunächst durch eine Rechnung von 1975 und anschließend seltsamerweise durch eine frühere von 1973 ersetzt wurde. Ähnliches geschah mit dem Tessar 3,5/50 mm, das 1954 ausgelaufen war, und jetzt mehr als 20 Jahre später ab 1975 mit zwei Rechnungen erst von 1975 und dann von 1973 wieder anlief. Aus Schriftverkehr in Bezug auf das neue Prakticar 1,4/50 mm wissen wir, daß diese neu gerechneten Tessare 3,5/37,5 und 3,5/50 sowie das Tessar 5/16 mit dem thoriumhaltigen Schwerstkron SSK11 arbeiteten, um höchstmögliche Abbildungsleistung sicherzustellen. Diese Optiken, sowie einige andere aus der obigen Zusammenstellung, die quasi nur noch für Sonderzwecke angewandt wurden, trugen dabei nicht notwendigerweise die äußerliche Bezeichnung "Tessar", sondern wurden nur wegen ihres Aufbaus als Tessartyp betriebsintern in diese Gruppe eingeordnet. So waren im Prinzip alle seit Anfang der 70er Jahre eingeführten Tessarformen quasi nur noch für Spezialanwendungen gedacht und nicht mehr als klassische Photoaufnahmeobjektive, wie zum Beispiel die Typen mit der Öffnung 1:4,8, die als Projektionsobjektive in Planetarien dienten.

Zeiss Jena Tessar 2,8/80 mm

Sieht von der oben bereits angesprochenen "Rück-Vereinfachung" der Tessare 4,5/105 und 4,5/135 ab, dann war das Tessar 2,8/80 mm vom Juli 1950 das letzte neu geschaffene Tessar für Photoaufnahmezwecke. Es war in erster Line für die Bestückung der 6x6-Reflexkameras Primarflex II und Meister-Korelle gedacht sowie für die neu erschienene Exakta 6x6. Nachdem diese drei Kameras jedoch nach kurzer Zeit wieder aus dem Angebot verschwunden waren, wurde die Meßsucher-Faltkamera Certo Six umfangreich mit dem Tessar 2,8/80 ausgestattet. Noch kurz war es für die neue Praktisix im Einsatz, wurde dann aber rasch durch das neue Biometar abgelöst, das einfach deutlich bessere Leistungen zeigte. Auch beim Tessar 2,8/80 wurde offenbar Ende des Jahres 1950 versucht, wie beim Tessar 2,8/50 Lanthan-Krongläser in die Konstruktion einzuführen. Dazu wurden zum 9. Oktober 1950 zwei Versuchsobjektive V91 gerechnet und am 4. Dezember 1950 in Fassungen eingebaut. Eine Übernahme in die Serienfertigung erfolgte jedoch auch hier nicht.

Tessar 2,8/80 Exakta 6x6

Zeiss Jena hatte für den zweiten Versuch der Exakta 6x6 quer im Sommer 1951 schon mehrere 100 Tessare 2,8/80 mm gefertigt, die nicht abgenommen wurden, weil diese Kamera nicht in Serie ging. Sie wurden knapp drei Jahre später für die neu konstruierte Exakta 6x6 verwendet. Für deren größer dimensioniertes Bajonett wurden sie serienmäßig mit einem Adapter versehen.


lnteressant sind auch die beiden auf sehr hohe Lichtstärke gebrachten Tessare 2/16 und 2/28 mm, die 1949 als Normalobjektive für die 16- und 35-mm-Arriflex geschaffen worden waren, aber letztlich nur in geringen Mengen hergestellt wurden.

Tessare 1:4,5

Das Tessar 1:4,5 lieb auch nach 1945 noch ein fester Anker im Objektiv-Programm Zeiss Jenas. Die Brennweiten 50; 75; 105; 135; 165; 180; 210; 250; 300 und 360 mm wurden nachweislich noch bis in die 1980er Jahre gefertigt. Auch das rechts zu sehenden Tessar 4,5/50 mm ist ein Beispiel dafür, daß Neurechnungen der Zeit um 1948 später wieder wieder aufgegeben wurden. Es war am 26. Juni 1948 neu berechnet und bis 1953 in dieser Konfiguration hergestellt worden. Das nächste Produktionslos von 1958 verwendete dann allerdings wieder die Rechnung vom 15. September 1930. Auf dieser Grundlage von 1930 wurde das Tessar 4,5/50 mm gebaut, bis die Produktion im März1985 mit einer letzten Serie auslief.

6. Einige Beispiele für die Vielfalt der Tessaranwendung

Tessar 3,5/50

Zwei Beispiele für Tessare in M42-Fassung: Oben ein Tessar 3,5/50 mit Normalblende, unten das für die Praktica FX2 und die Contax F gelieferte Tessar 2,8/50 mit Halbautomatischer Springblende. Bewegt man hier den Blendenring über den Öffnungswert 2,8 hinaus, so rastet die Blende in der vollen Öffnung ein. Kurz vor Auslösung des Verschlusses wird der Stößel des Objektivs so weit eingedrückt, daß die Rastung aufgehoben wird und die Blende auf den vorher eingestellten Arbeitswert zuspringt. Der Vorteil dieses Systems lag darin, daß der Auslöser kaum mit einer zusätzlichen Kraft belastet wurde. Als Nachteil ergab sich aber, daß nach jeder Verschlußauslösung die Blende stets wieder manuell geöffnet werden mußte. Daher Halbautomatische Springblende.

Tessar 2,8/50
Praktiflex M42

Oben: Eines der ersten Objektive mit M42-Gewinde (genaugenommen wohl das siebenundsiebzigste) ist dieses Tessar 3,5/5 cm vom März 1948. Der international als Praktica- oder Pentax-Gewinde bekannte M42-Standard sollte eigentlich "Praktiflex-Gewinde" heißen.

Oben: Der Inbegriff des Tessartyps ist für viele Amateurphotographen das Tessar 2,8/50 mm. Es wurde in die einfache Beltica genau so eingebaut wie in die Spitzenmodelle der Werra-Reihe. Selbst für die Praktina IIA - mit dem Tessar immerhin sechs mal so teuer wie die Beltica II - war dieses Objektiv in Hinblick auf die Abbildungsleistung auf dem nötigen Niveau. Wichtig ist aber, daß es dazu auch mechanisch mit der Zeit gehen mußte. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war das Tessar 2,8/50 eines der ersten Objektive weltweit, das mit vollautomatischer Springblende versehen wurde. Auch der rastende Blendenring mit konstanten Abständen zwischen den Blendenwerten war eine unerhörte Neuheit, die uns heute nur deshalb kaum spektakulär vorkommt, weil das später alle Hersteller so nachgebaut haben.

Prakticar 2,8/50 mm

Im oben gezeigten Prakticar 2,8/50 mm steckt auch ein Tessar, und zwar dasjenige von Harry Zöllner aus dem Jahre 1947. Das Besondere ist aber, daß dessen Gläser hier – und auch nur hier! – mehrschichtvergütet gewesen sind. Das nur in geringen Stückzahlen gefertigte Prakticar 2,8/50 stellt also die höchste Entwicklungsstufe des Jenaer Tessars 2,8/50 dar. Das spiegelte sich freilich auch im Preise wieder. Kostete das Tessar 2,8/50 mit Druckblende für die Praktica MTL oder die Exa Ib 140,- Mark, so hatte sich dessen Preis als Prakticar mit 320,- Mark mehr als verdoppelt. Da das Kombinat Pentacon mit Erscheinen der B-Reihe ein seit zehn Jahren in der Schublade liegendes Projekt für ein Prakticar 2,4/50 wieder hervorholte und dieses Objektiv durch Auftragsfertigung bei IOR in Bukarest zudem im Preis auf 275,- Mark gedrückt werden konnte, wurde das Saalfelder Prakticar 2,8/50 rasch eingestellt. Schon als die Auslieferung der Praktica B100 begann, befand es sich bereits im Abverkauf. Nur 2600 Stück waren bis dahin entstanden.

Contax I Tessar 2,8/50

Mit der Contax I begann 1932 die lange Geschichte des Tessars 2,8/50. Eine erste Konstruktion war am 2. April 1931 abgeschlossen worden, von der allerdings nur 1500 Stück fabriziert und in Zentralverschlüssen gefaßt wurden. Noch im selben Jahr wurde das Tessar 2,8/5 cm jedoch im Hinblick auf die neue Contax optimiert. Der Rechnungsabschluß datiert vom 8. Oktober 1931 und schon kurze Zeit danach begann sogleich eine für damalige Verhältnisse ausgesprochene Großserienproduktion. Das obige Exemplar ist eines dieser frühen Tessare 2,8/5 cm für die Contax, deren Produktion offenbar zu jener Zeit bereits angelaufen war (sonst hätte man ja nicht in kurzer Zeit mehrere 1000 Normalobjektive gebraucht). Bereits im Mai 1933 wurde dessen Rechnung freilich schon wieder durch eine neue abgelöst, die dann bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Bestand hatte.

Bislang völlig unbekannt war, daß offenbar Restbestände des Tessares 2,8/50 mm noch NACH der Deutschen Wiedervereinigung in den Handel gelangten. Anders ist weder die Aufschrift "Made in Germany" zu erklären, noch die völlig von allen Schemata abweichende Seriennummer 0417. Es ist sehr wahrscheinlich, daß für Reparaturzwecke noch auf Lager liegende Teile montiert und evtl. durch die Nachfolgefirma Docter abverkauft wurden. Bild: Felix Heil

Tessar 8/2,8cm

Kuriosum: Für diese Contax-Sucherkamera wurde das Tessar in den 30er Jahren sogar als Grundlage für ein ausgesprochenes Weitwinkel mit 75 Grad Bildwinkel verwendet. Das war eine Verlegenheitslösung, weil allein schon aus Gründen der hohen natürlichen Vignettierung für solch große Feldwinkel eigentlich Spezialkonstruktionen nötig sind. Trotz der ohnehin geringen Lichtstärke von 1:8 wurde daher im Katalog dem Nutzer empfohlen, nach Möglichkeit noch auf 1:16 abzublenden, um ausreichende Schärfe zu erzielen und den Lichtabfall zum Bildrand hin in Grenzen zu halten.

Tessar 8/2,8 cm Contax I

Praktisch eingesetzt und abgeblendet auf 1:11 ergibt dieses Tessar 8/2,8 cm aber dennoch absolut brauchbare Aufnahmen, wie man am Bildbeispiel unten sehen kann (Contax I, Agfapan APX 100).



Unten: Reklame für die Weitwinkel-Tessare 8/2,8 cm und 8/5,5 cm, die letztlich serienmäßig für die Contax und für die Standard-Exakta hergestellt wurden. Vom am 9. November 1932 abgeschlossenen Tessar 8/2,8 cm wurden bis 1946 etwa 8000 Stück hergestellt, vom am 23. Dezember 1932 gerechneten 8/5,5 cm bis 1939 dagegen nur etwa 550.

Weitwinkel-Tessar 1:8

Nachdem das Tessar 1:2,8 in das Kleinbild eingeführt worden war, ging Willy Merté daran, mit einem Tessar 2,8/8 cm (Rechnung vom 27. Januar 1933) diesen Typ auch im Mittelformat mit dieser hohen Lichtstärke zu etablieren. Die ungünstigeren Schärfentiefenverhältnisse, die starke Wölbung des Rollfilmes aber nicht zuletzt auch die nicht ganz optimale Bildleistung dieses überzüchteten Tessares sorgten freilich dafür, daß es nur in wenigen Kameras (hier eine Super Ikonta) eingebaut wurde. Bei Franke und Heidecke war zwar 1934 viel Aufwand aufgebracht worden, eine Rolleiflex mit diesem Tessar 2,8 zu entwickeln (immerhin mußte zur nächstgrößeren Verschlußbaugröße übergegangen werden), die Serienproduktion wurde aufgrund der mangelnden Qualität dieses Tessars aber fallengelassen [Vgl. Prochnow, Rollei-Report, 1993, S. 190.].


Was man an dem obigen Exemplar gut erkennen kann, sind durch Verwitterung entstehenden Beläge, die die Oberflächen der Linsen so regenbogenfarbig schimmern lassen. Schon frühzeitig hatten Praktiker erkannt, daß solche Objektive brillanter arbeiteten, als solche mit frisch polierten Linsen, und sie bevorzugten ebenjene Exemplare für Aufnahmen in hartem Licht. Auf diesem Grundprinzip der Interferenz an dünnen Schichten basierte dann auch die in den 30er Jahren in Jena entwickelte Entspiegelung von Glasflächen (Alexander Smaklua).

Jena Tessar 2,8/80mm

Trotz dieser qualitativen Schwierigkeiten mit diesem Tessar 2,8/80 wurde zum 7. Juli 1950 noch einmal versucht, es durch Neuberechnung konkurrenzfähig zu halten, um es als Normalobjektiv für die damaligen 6x6-Spiegelreflexkameras Primarflex II, Meister-Korelle und der Exakta 6x6 einzusetzen. Das ist insofern verwunderlich, weil schon zuvor im Jahre 1948 ein fünflinsiges Biometar 2,8/80 mm für die Braunschweiger Rolleiflex entwickelt worden war, das nach damaliger Sicht perfekt auskorrigiert war. Dabei handelte es sich um eine vereinfachte Gaußtypabwandlung, die eine viel bessere Korrektur der sphärischen Aberration und der Farbquerkoma erlaubte.


Insbesondere solche Restbeträge eines nicht ideal auskorrigierten Kugelgestaltsfehlers hatten einen Hang des Tessars 2,8/80 zur Blendendifferenz zur Folge. Dieser Bildfehler ist die bei Kameras mit Mattscheibeneinstellung besonders problematisch. Das liegt daran, daß sich der Punkt der größten Schärfe als "Stelle der engsten Einschnürung" innerhalb des "Lichtschlauches" (Kaustik) entlang der optischen Achse verschiebt, wenn das Objektiv abgeblendet wird und daher die sogenannten sphärischen Zonen als Restbeträge des Kugelgestaltsfehler quasi ausgeblendet werden. Damit liegt dieser Punkt der höchsten Schärfe also bei offener Blende woanders als bei der tatsächlichen Aufnahmeblende. Da die Praktisix die erste Spiegelreflexkamera der Welt mit einer vollautomatischen Springblende war, bei der die Mattscheibeneinstellung nun stets und prinzipiell bei voller Objektivöffnung stattfand, kam es quasi nun immer zur Blendendifferenz, sobald das Objektiv zur tatsächlichen Aufnahme abgeblendet wurde. Das war ein für Zeiss ziemlich unbefriedigender Umstand.

Zeiss Jena Tessar 2,8/80mm

Oben: An diesem Tessar 2,8/80 mm fällt insbesondere seine hochmodernen Fassung auf. Erstmals weltweit gab es 1956 eine linearisierte Blendeneinstellung mit gleichen Abständen der Blendenzahlen auf dem Blendenring. Dazu war eine völlig neuartige Lagerung der sichelförmig gestalteten Blendenlamellen nötig. Um die extrem kurzen Schließzeiten der neuartigen vollautomatischen Springblende zu gewährleisten, wurde der Treibring der Blendenlamellen erstmals kugelgelagert. Das oben gezeigte Exemplar stammt vom Frühjahr 1957 und bezeugt, daß die Praktisix sofort exportiert wurde, nachdem sie herausgekommen war, denn für den Westexport mußte es zum "Jena T" verschleiert werden.

Das obige Bild wurde mit dem besagten Tessar 2,8/80 mm an der Praktisix aufgenommen. Der beschriebene Fehler der Blendendifferenz macht sich natürlich hauptsächlich im Nahbereich und ähnlich kritischen Situationen bemerkbar, für welche die Praktisix ja prädestiniert war. Bei einer "Landschaftsaufnahme" wie oben, wo zudem noch auf 1:8 abgeblendet worden ist, fällt dieses Problem natürlich kaum ins Gewicht.

In Anbetracht der Abbildungsschwächen des Tessars 2,8/80 wurde für die Primarflex lieber das Tessar 3,5/105 mm als Normalobjektiv eingesetzt. Da es für das 6x9 Format gerechnet ist, hielt sich der Randabfall bei 6x6 in Grenzen, zumal diese Version 1936 für die Ikonta noch einmal optimiert worden war. Oben sieht man ein sehr spätes Exemplar aus der letzten Bauserie vom Sommer 1953, das bereits eine Einrichtung zur Blendenvorwahl besitzt.


Unten sieht man ein stattliches Tessar 3,5/165 als Portraitobjektiv für diese Kamera. Es handelt sich dabei eigentlich um ein im Jahre 1926 für das Großformat 9x12 bzw. 10x15 konstruiertes Tessar, das 1948 in Primarflex-Fassung geliefert wurde.

Rolleiflex Tessar

Oben ist zweimal der Rolleiflex Automat gezeigt; links das Modell kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, rechts das nur geringfügig veränderte Modell aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Beide sind mit einem Tessar 3,5/75 mm ausgestattet; links aus Jena, rechts aus Oberkochen. Anhand dieses vom Zeisskonzern unabhängigen Kameraherstellers Franke & Heidecke kann man sich noch einmal klar machen, in welch einer schwierigen Lage sich die Photoindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg befand. Kamerafirmen, die auf den langjährigen Partner Zeiss angewiesen waren, sahen sich nun im Stich gelassen. Erst wurde das Jenaer Werk Ende 1946 fast vollständig durch die Sowjetunion demontiert, und nachdem der dadurch hervorgerufene Stillstand langsam überwunden werden konnte, war Zeiss Jena zu weiten Teilen durch Reparationslieferungen ausgelastet. Auch wiederum an die Sowjetunion. Daß in Oberkochen eine Konkurrenzfirma etabliert wurde, hat nicht allein mit dem Kalten Krieg und dem Kampf der Systeme zu tun. Die Zulieferungen an Photoobjektiven wurde vonseiten der westzonalen Kameraindustrie auch wirklich dringend gebraucht. Also fing man in Oberkochen mit den altbewährten Typen an. Dabei basierte freilich auch dieses neue westdeutsche Tessar 3,5/75 mm auf der Rechnung Harry Zöllners, die dieser am 28. Mai 1947 in Jena geschaffen hatte, bevor sich die Bande zwischen beiden Zeiss-Firmen endgültig zu lösen begannen.

Auch wenn die Kurven für die Modulationsübertragung dieses Tessars 3,5/75 mm nur einen bescheidenen Eindruck hinterlassen (oben), so handelt es sich in der Praxis dennoch um ganz hervorragendes Universalobjektiv für das Mittelformat 6x6. Wie bei dem Bildbeispiel unten auf 1:5,6 abgeblendet, lassen sich die Aufnahmen nicht von den viel aufwendigeren 5-; 6- oder gar 7-linsigen Normalobjektiven der späteren Zeit unterscheiden.

Rolleiflex Tessar 75 mm

Durch diese langsam aufgelaufene Parallelproduktion in Oberkochen, weil Jena nicht liefern konnte, häuften sich übrigens Anfang der 50er Jahre, als die Reparationsverpflichtungen der Ostzone zurückgingen, bei Zeiss Jena zuvor nie gekannte Lagerbestände an, die nicht verkauft werden konnte - auch im Bereich Photo [Vgl. CIA-RDP82-00457R014000020002-6 vom 29. September 1952]. "[...] deliveries to West Germany and the Western countries have stopped almost entirely. This is due to the East-West trade restrictions and the fact that Zeiss-Opton in West Germany has reached the stage where it is in active competition in many respects with Zeiss Jena." [Ebd.]. Demontagen und Reparationsforderungen durch die Sowjetunion hatten in Hinblick auf Zeiss also langfristig schwerwiegende Folgen.

7. Tessare für den Berufsphotographen

Tessare in Normalfassung für sogenannte Reise- und Atelierkameras blieben noch bis zum Ende der DDR im Produktionsprogramm des VEB Carl Zeiss Jena; ja sie gehörten wohl mit zu den allerletzten Photoobjektiven, die in überhaupt noch die traditionsreichen Werkshallen in Jena bzw. Saalfeld verlassen haben. Das Tessar 4,5/135 lief 1986 aus, das Tessar 4,5/360 zum Jahresende 1985. Die letzten Tessare 4,5/180; 210; 250 und 300 mm wurden hingegen noch im April bis Juni 1991 in historisierenden Messingfassungen montiert. Dann wurden die Reste des Kombinates endgültig zerschlagen und der Saalfelder Betriebsteil durch eine Nachfolgefirma weitergeführt, die auch solche traditionsreichen Objektive noch eine Weile im Angebot hatte. Die Stückzahlen dürften aber marginal gewesen sein. In den 80er Jahren beim Tessar 4,5/180 mm noch übliche Produktionslose von bis zu 2000 Stück hat es sicherlich nicht wieder gegeben. Die Nachfrage blieb zu DDR-Zeiten auch deshalb hoch, weil diese Tessare zur Standardbestückung der Fachkameras Mentor Studio und Mentor Panorama gebraucht wurden. Da diese beiden Großformatkameras außergewöhnlicherweise mit Schlitzverschlüssen ausgestattet waren und diese Tessare somit keinen eigenen Zentralverschluß benötigten, konnte Zeiss Jena am Ende des 20. Jahrhunderts noch so viele Großformatobjektive in der mittlerweile eigentlich ungebräuchlichen Normalfassung absetzen.

Tessare 1:4,5

Zum großen Kuriosum der Wendezeit dürfte auch gehören, daß einige dieser Großformat-Tessare in Messingfassungen mit der Gravur "Meyer-Optik Germany" versehen wurden. Solcherlei Objektive müssen wir heute als historische Überreste aus einer rasch von den Folgeentwicklungen überrannten Zeitspanne ansehen, die uns daran erinnern, daß nach 1985 das ehemalige Weltunternehmen in Görlitz neben Saalfeld zur bloßen Fertigungsstätte eines alles überragenden Kombinates in Jena degradiert worden war.

Tessar 6,3/135 mm

Interessant ist, daß über die DDR-Zeit hinweg auch einige Tessare 1:6,3 noch längere Zeit im Angebot blieben. Mit dieser Lichtstärke wurde dieser Typ immerhin 1902 ursprünglich geschaffen. Genau genommen waren es noch zwei Modelle. Das oben zu sehende Tessar 6,3/135 mm stammt aus dem vorletzten Produktionslos vom Januar 1961. Ein Jahr später erfolgte die letzte Fertigung. Noch bis zum Oktober 1975 wurde hingegen ein Tessar 6,3/210 mm hergestellt. Zuletzt angeblich sogar noch einmal 1000 Stück. Die lange Produktionszeit von letzterem läßt sich daraus erklären, daß es mit der Öffnung 1:6,3 in einer Normalfassung N42 Platz fand bzw. in einem Verschluß der Baugröße 1, der noch kurze Verschlußzeiten bis zur 1/400 Sekunde zuläßt. Außerdem waren diese beiden Typen 1947 neu gerechnet worden und erreichten eine ganz ausgezeichnete Bildleistung. Außerdem hatten sie einen größeren Bildwinkel bis an die 70 Grad und boten damit größere Verstellreserven an den Fachkameras.


Unten einmal eine Tabelle der lieferbaren Tessare aus dem Jahre 1987 [aus: Brauer, Egon: Foto Optik; eine Warenkunde für den Fachverkäufer und den Fotoamateur, 8. Aufl. Leipzig, 1987]. Diese Angaben sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, weil die Bücher Brauers nicht gut recherchiert sind bzw. nachlässig aktualisiert wurden. Wie gerade dargelegt, war die Produktion des Tessars 6,3/135 bereits 25 Jahre zuvor eingestellt worden. Auch die Angabe der Masse in der letzten Spalte stimmt vorn und hinten nicht.

Zeiss Tessare Großformat

Unten ein Prospekt über Großformat-Tessare für den westdeutschen Markt aus dem Jahre 1969. "Carl Zeiss Jena" wurde zu aus Jena und das "Tessar" zum JENA-T "entschärft.

8. Der Fall Dominar

Zum Abschluß möchte ich noch auf ein kleines Mysterium verweisen: Um 1930 herum wurden von Zeiss Ikon Kameras mit zwei verschiedenen Tessartypen ausgestattet. Einmal natürlich das Zeiss Tessar; zum anderen aber auch ein "Dominar-Anastigmat". Der unten zu sehende Ausschnitt aus dem Zeiss-Ikon-Katalog von 1932 zeigt, daß diese beiden, demselben Typus angehörenden Objektive, tatsächlich nebeneinander aufgelistet sind.

Zu diesem Dominar, über das man ansonsten sehr wenige Informationen findet, habe ich nun zwei Theorien parat. Die eine lautet: Es handelt sich um Restbestände des früheren "Ernoplast", das der Tessartyp der Vorgängerfirma Ernemann gewesen ist, das aber nun nicht mehr so heißen durfte, weil die Gründung der Zeiss Ikon AG ja nun gerade darauf abzielte, konkurrierende Objektivbaufirmen auszuschalten. Auch ein kurz vor der Einverleibung in den Zeiss-Konzern bei Goerz entwickelter Tessartyp kommt in Frage [Vgl. Merté: Objektiv-Sammlung des Zeiss-Photo-Rechenbüros, Karten Nummer 707 und 709.]. Nachdem es abverkauft wurde, verschwindet dieses Dominar wieder aus den Katalogen und es bleibt nur noch das Zeiss'sche Tessar.

Ernemann Ernoplast

Meine zweite, nicht minder plausibel klingende Theorie, fußt auf der Tatsache, daß Ende der Zwanziger Jahre alle bisherigen, von Wandersleb geschaffenen Tessare, durch Willy Merté auf Basis verbesserter Glastechnologie neu berechnet wurden. Durch die Auflistungen im Thiele kann man belegen, daß der Übergang von den alten, noch vor dem Ersten Weltkrieg berechneten Tessaren, auf die neuen, verbesserten Tessare, SUKZESSIVE erfolgte. Das lag zum Teil auch daran, daß es beispielsweise beim stark nachgefragten Tessar 1:4,5 keinen abrupten Übergang gegeben hat, weil jede Brennweite für sich langwierig neu berechnet wurde. Man muß daher davon ausgehen, daß über eine gewisse Zeitspanne hinweg BEIDE Tessare – also zum Beispiel ein neues Tessar 4,5/135 und ein altes 4,5/135 – gleichzeitig im Handel auftauchten bzw. noch bei den Kameraherstellern vorrätig blieben. Möglicherweise wurde bei Zeiss Ikon dieser Umstellung begegnet, indem das alte Tessar als "Dominar" preiswerter angeboten wurde. Denn im Katalog von 1931 kann man lesen: "Übertroffen wird das Dominar nur von dem in der Genauigkeit der Ausführung und Sorgfalt bei der Glaswahl einzigartigen, weltberühmten Zeiss Tessar 1:4,5." Ab der zweiten Hälfte der 30er Jahre findet das Dominar dann keine Erwähnung mehr in den Zeiss-Ikon-Publikationen.

Dominar Anastigmat

Rechnungen ausgewählter Tessartypen: Serienversionen

 


Tessar 2,8/50

 

1:         02. 04. 1931             ca. 1500 Stck.

2:         08. 10. 1931             über 10. 000

3:         08. 05. 1933             Großserie (v.a. Contax)

4:         29. 10. 1947             Einstellung der Produktion Frühjahr 1988

 


Tessar 2,8/80

 

1:         27. 01. 1933            

2:         07. 07. 1950             letzte Stücke im Febr. 1958 für Praktisix ASB

 


Tessar 3,5/50

 

1:         25. 07. 1929             Kolibri

2:         27. 02. 1931             Contax Ära, Herstellung bis Jahresende 1954 (Exakta)

 


Tessar 3,5/75

 

1:         20. 02. 1920             Nur wenige Exemplare

2:         01. 06. 1934             DIE Normaloptik für Rolleiflex etc.

3:         28. 05. 1947             letzte Großserie 3000 Stck. Jahresende 1955 für Weltax



Tessar 3,5/105

 

1:         31. 03. 1926             Etwa 7000 Stck. bis 1936

2:         26. 05. 1936             Produktion 1957 ausgelaufen (Ercona)

 


Tessar 4,5/135

 

1:         18. 07. 1911                        

2:         28. 05. 1929                        

3:         10. 02. 1948             große Frontlinse

4:         07. 03. 1957             bis 1986



Tessar 4,5/180

 

1:         04. 07. 1911            

2:         28. 05. 1929             bis zum Ende 1991 (Messingversionen)

3:         09. 02. 1948             nur ca. 300 Stck. 1951/52, dann wieder Version 2

 


Tessar 4,5/210

 

1:         05. 08. 1911

2:         06. 06. 1929             bis zum Schluß 1991 (Messing)

 


Tessar 4,5/300

 

1:         16. 09. 1911 

2:         05. 08. 1928             bis zum Ende 1991 (Messingversionen)

3:         04. 06. 1948             nur ca. 450 Stck. 1948-52, dann Rechnung aufgegeben

 


Tessar 4,5/360

 

1:         30. 01. 1912            

2:         08. 10. 1928             1985 letzte Serie von 500 Stck.

Marco Kröger


letzte Änderung: 12. Mai 2024