Tessar


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Das Tessar

Carl Zeiss Jena

Das Tessar ist ein Jahrhundertobjektiv. Kaum etwas Vergleichbares dominierte im 20. Jahrundert weite Teile der Phototechik so sehr, wie das Tessar. Und zwar nicht allein als ein erfolgreiches Erzeugnis eines einzelnen Herstellers, sondern als Gattungsbegriff für eine Objektivbauform, an der schon bald keine der Konkurrenzfirmen mehr vorbeikam. Als halbverkittete Tripletvariante ist der Tessartyp zu den erfolgreichsten Objektivkonstruktionen aller Zeiten zu zählen. Diese Tatsache erfährt selbst dadurch keinerlei Schmälerung, daß das Tessar im neuzeitlichen kommerziellen Objektivbau quasi keine Rolle mehr spielt.

Jena Tessar 2,8/7,5 cm

So augenfällig uns heute die Charakteristik des Tessars als ein durch Verkittung erweitertes Triplet auch erscheinen mag, und so gerne wir es der Übersichtlichkeit halber jener Gruppe um die Zeitgenossen Heliar (Voigtländer, 1900) und Hektor (Leitz, 1928) zuordnen würden, so wenig entspricht diese Kategorisierung seinem tatsächlichen historischen Werdegang. Der Literatur zufolge ging nämlich Paul Rudolphs (1858-1935) Entwicklungsansatz eben gerade nicht von der Idee aus, die Leistung des Cook'schen Triplets dadurch zu verbessern, indem er dessen drei Einzellinsen an einer oder mehreren Stellen in Kittgruppen aufspaltete, so wie dies Hans Harting kurz zuvor bei seinem Heliar getan hatte. Vielmehr stellt das Tessar eine Kombination zweier Achromate dar – eines Altachromaten mit einem Neuachromaten.


Achromate sind schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt (John Dollond). Zu jener Zeit hatte man freilich nur wenige Glassorten zur Verfügung, die bei kleiner Brechzahl eine geringe Farbzerstreuung aufwiesen (Kronglas) oder bei hoher Brechzahl eine hohe Farbzerstreuung (Flintglas). Damit waren die Konstruktionsmöglichkeiten für den Optiker verständlicherweise stark eingeschränkt. Dieses über Jahrhunderte hinweg zementiert scheinende Gefüge zwischen Brechzahl und Dispersion wurde allerdings ab Mitte der 1880er Jahre durch die bahnbrechenden Arbeiten Otto Schotts im Jenaer Glaswerk sukzessive überwunden, indem er dem Optiker nun neuartige hochbrechende Gläser mit vergleichsweise niedriger Farbzerstreuung zur Verfügung stellte. Mit diesen neuen Konstruktionselementen war prinzipiell der Weg zur vollkommenen Korrektur abbildender Systeme – Anastigmat genannt – geöffnet worden. Daß diese Anastigmate trotzdem nicht einfach so vom Himmel fielen und deren Entwicklung zunächst in einige technische Sackgassen führte ("Protar", "Unar"), zeigt, welche Probleme es bereitete, überhaupt erst einmal den richtigen Ansatz für ein solches auf Vollkommenheit ausgerichtetes Objektiv zu finden. Die völlig neuen Konstruktionsprinzipien, die sich Paul Rudolph während seiner bereits anderthalb Jahrzehnte andauernden Tätigkeit als Optikrechner im Zeisswerk erarbeitet hatte, waren auch der Grund dafür, weshalb sein Tessar-Patent Nr. 142.294 vom 25. April 1902 nicht ins Gehege mit dem nur zwei Jahre älteren Patent von Harting kam: Das einzigartige Vermögen Paul Rudolphs, die anastigmatische Bildfeldebnung durch geschickte Brechzahlabstufung miteinander verkitteter Gläser herbeizuführen.

Tessar - Das Adlerauge Ihrer Kamera

Hat nämlich die Kittfläche (oder ggf. der Luftzwischenraum) zwischen den Linsen eines Altachromaten zerstreuende Wirkung, so hat dieselbe beim Neuachromaten eine sammelnde. Mit einem herkömmlichen Altachromaten ließ sich nur der sog. Öffnungsfehler (sphärische Aberration) und der Farbortsfehler (chromatische Längsabweichung) beheben, Astigmatismus und Bildfeldwölbung hingegen nicht. [Vgl. Fincke, H. E.: Physikalisch-optische und physiologische Grundlagen; in Teicher (Hrsg.): Handbuch der Fototechnik, 2. Auflage, 1963, S. 40.] Da insbesondere der Astigmatismus jedoch auch prinzipiell nicht durch Abblenden zurückzudrängen ist, waren mit dem Altachromaten nur bescheidene Ansprüche innerhalb bestimmter Sujets zu befriedigen (sogenannte "Landschaftslinse"). Demgegenüber sind mit einem Neuachromaten Astigmatismus und Wölbung korrigierbar, wenn er in zusammengesetzten Objektiven verwendet wird. Letztere Voraussetzung des zusammengesetzten Objektivs war wiederum nötig, weil bei solchen Neuachromaten nun gerade die Korrektur des Öffnungsfehlers erschwert ist. Durch eine Kombination eines Neu- mit einem Altachromaten konnten nun sphärische Abberation und Astigmatismus so gegeneinander ausgeglichen werden [Vgl. ebenda, S. 46], daß sich für damalige Begriffe nicht für möglich gehaltene Abbildungsleistungen erreichen ließen. Man möchte fast sagen "so einfach ist das also". Der Weg zum Tessar war freilich viel steiniger, als man in der Rückschau glauben mag. Es bedurfte halt erst einmal des entsprechenden Einfalls. Und der wird für immer mit dem Namen Paul Rudolphs verbunden bleiben. 

Zeiss Tessar lens scheme

Das Tessar ist ein wunderbares – weil auch für den Amateur verständliches – Beispiel  dafür, daß Abbildungsfehler nicht einfach "beseitigt", sondern lediglich so weit gegeneinander abgewogen werden können, daß man sich einem Optimum annähert. Wenn die eine Objektivhälfte die Korrektur des problematischen Astigmatismus und der Wölbung, nicht aber des Kugelgestaltsfehlers zuläßt, dann muß die andere Hälfte letztere Aufgabe übernehmen, ohne sich wiederum zu negativ auf den Astigmatismus auszuwirken. Dabei kommt es dem Tessar offenbar zugute, daß beide Systemteile schon von sich aus achromatisiert sind, was mehr Spielraum beim gegenseitigen Abwiegen der anderen Bildfehler offen läßt.


Unten: Jahrzehntelang der Maßstab für ein hochwertiges Normalobjektiv mit etwa 60 Grad Bildwinkel: Das Tessar 1:4,5 in Brennweiten zwischen 50 und 360 mm wurde noch bis Ende der 1980er Jahre gefertigt. Ursprünglich von Ernst Wandersleb um 1906/07 herum geschaffen und wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (ca. 1911...1913) noch einmal perfektioniert, wurde diese Reihe gegen Ende der 20er Jahre (ca. 1927...1930) von Willy Merté auf den aktuellen Stand der Glastechnologie gebracht. Interessant ist, daß einige dieser Tessare 1:4,5 um 1948 herum von Prof. Zöllner erneut überarbeitet wurden, man aber nach einigen Jahren teilweise wieder auf die alten Versionen aus der Zwischenkriegszeit zurückwechselte. So geschehen zum Beispiel bei dem unten gezeigten Tessar 4,5/50mm, das am 26. Juni 1948 neu berechnet und bis 1953 in dieser Konfiguration hergestellt wurde. Das nächste Produktionslos von 1958 verwendete dann allerdings wieder die Rechnung vom 15. September 1930.  Auf dieser Grundlage von 1930 wurde das Tessar 4,5/50mm gebaut, bis die Produktion 1980 mit einer letzten Serie auslief.

Tessare 1:4,5

Anfangs lag die Lichtstärke des Tessars bei 1:6,3. Rudolphs Assistent Ernst Wandersleb hat dann kurze Zeit danach die Weiterentwicklung dieses Typs übernommen und die lichtstärkeren Versionen 1:4,5 und später sogar 1:3,5 berechnet. Mit Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird dieser interessante Mann, der mit einer jüdischstämmigen Frau verheiratet gewesen ist, aber sukzessive aus seiner Führungsposition innerhalb der Abteilung Photo des Zeisswerkes verdrängt. Inwieweit daran sein Nachfolger Willy Merté beteiligt gewesen ist, ist mir noch nicht ganz klar. Fakt ist, daß letzterer sowohl Wanderslebs Position innerhalb der Abteilung Photo als auch die Weiterentwicklung der prestigeträchtigen Tessare übernimmt. Merté gelingt es Anfang der 30er Jahre, das Tessar als Normalobjektiv auf die Öffnung 1:2,8 zu bringen. Das war allerdings etwas zu viel des Guten. Bei dieser hohen Öffnung war der Tripletabkömmling deutlich überfordert. Das Tessar als "Adlerauge der Kamera" drohte seinen Ruf einzubüßen, da von der legendären Strichschärfe und vor allem der Brillanz nicht viel übrig blieb. Der Tessartyp ist eigentlich nur bis Öffnungen um 1:4,0 gut auskorrigierbar, ansonsten muß man entweder zu aufwendigeren Konstruktionen übergehen, oder Kompromisse eingehen. Vier Glassorten, sieben Krümmungsradien und zwei Lufträume beschränken halt die Korrekturmöglichkeiten. Andererseits ist durch den vergleichsweise simplen Aufbau das Tessar in der Fertigung sehr gut beherrschbar. Dort wo es nicht auf höchste Lichtstärken ankommt – zum Beispiel im Großformat – ist das Tessar 1:4,5 jahrzehntelang der Standard geblieben, an dem sich Normalobjektive mit Bildwinkeln um die 60 Grad messen lassen mußten.

Tessar 3,5/25cm

Ernst Wanderslebs große Leistung: Die Tessare 1:3,5 waren lange Zeit die lichtstärksten Universalobjektive. Das obige Exemplar wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg gebaut. Seine versenkte Fassung deutet darauf hin, daß es ursprünglich für eine Atelier-Spiegelreflex 13x18cm gedacht gewesen sein mag.

Tessar 3,5/25cm

Links das erste Tessar 2,8/50mm von Willi Merté aus dem Jahre 1931 für die Contax. Im rechts gezeigten Prakticar 2,8/50mm steckt auch ein Tessar, und zwar dasjenige von Harry Zöllner aus dem Jahre 1947. Das Besondere ist aber, daß dessen Gläser hier – und auch nur hier! – mehrschichtvergütet gewesen sind. Das nur in geringen Stückzahlen gefertigte Prakticar stellt also die höchste Entwicklungsstufe des Jenaer Tessars 2,8/50 dar.

Für das Kleinbild wurden aber größere Lichtstärken verlangt. Das liegt daran, daß erst bei den kleineren Formaten die Schärfentiefenverhältnisse so günstig sind, daß man die große Blendenöffnung überhaupt ausnutzen kann. Andererseits wurde vor 60...80 Jahren diese Reserve an Lichtstärke auch gebraucht, wenn man beispielsweise auf dem Kodachrome oder Agfacolor Film mit ihren Empfindlichkeiten von 12...15 DIN photographieren wollte. Willy Merté arbeitete daher seit Mitte der 1930er Jahre daran, die Lichtstärke des Tessars mit 5 cm Brennweite auf 1:2,0 und höher anzuheben, indem er an verschiedenen Positionen asphärische Flächen einführte. Aus dem Jahre 1934 und 35 sind bei Thiele mehrere Versuchsfertigungen für Tessare 2,8; 2,0 und sogar 1,5/5 cm überliefert, die asphärisch deformierte Flächen aufwiesen. Ein zugehöriges Patent, das erst am 6. Dezember 1940 angemeldet worden ist, wurde  gar erst am 23. Juli 1954 in der DDR unter der Nummer 2675 veröffentlicht, nachdem Merté bereits seit sechs Jahren verstorben war. Unten gebe ich zwei Bildbeispiele aus dem besagten Patent wieder. Diese Grundlagenarbeiten zum Einsatz deformierter Flächen im Photoobjektivbau müssen wohl völlig in Vergessenheit geraten sein; man findet darüber keinerlei Hinweise in der Fachliteratur. Merté muß aber mit seinen diesbezüglichen Arbeiten weit vorangekommen sein, denn aufgrund seiner eigenen Mitteilung kann man wissen, daß das "Zeiss Magnar 4x" für die Rolleiflex bereits 1939 tatsächlich mit einer asphärischen Fläche ausgestattet war. [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S. 12.] Doch es herrschte nun Krieg und die Konsumgüterproduktion geriet rasch in den Hintergrund. Der frühe Tod Mertés im Frühjahr 1948 tat dann wohl sein Übriges.

Merté Asphäre Tessar

Als nach dem Kriege absehbar war, daß die deutsche Photoindustrie aufgrund der enormen internationalen Nachfrage wieder große Mengen an Kameras wird absetzen können, wurde der Tessartyp aufgrund seiner guten Eignung für die Massenfertigung rasch wieder interessant. Bei Zeiss in Jena wurde noch im Jahr der Demontage das Tessar auf Basis der während des Krieges fortentwickelten Glastechnologie vom damaligen Leiter der Abteilung Photo Harry Zöllner neu berechnet. Patentrechtlich gesichert wurde diese Weiterentwicklung in der DDR unter der Nummer 8721 vom 17. März 1951.


Dieses Tessar 2,8/50 mit dem Konstruktionsdatum 29. Oktober 1947 gilt damit als Neuanfang des Jenaer Zeisswerks nach der Katastrophe von 1946/47. Zöllner gelang es damals, das Tessar so zu optimieren, daß es bis in das Jahr 1987 – also vier Jahrzehnte lang – optisch unverändert gefertigt werden wird.

Tessar Fehlerkurven

Die Abbildung oben zeigt uns die Bildfehlerkurven des Tessars 2,8/50mm in der Version von 1947 [nach Fincke]. Mit etwas Übung läßt sich aus ihnen ablesen, weshalb dieses Tessar nach heutigen Maßstäben bei offener Blende nicht das beste Objektiv der Welt ist, wieso diese Schwächen aber bereits bei leichter Abblendung weitgehend verschwinden. Die Kurve a) gibt die sphärische Aberration wieder sowie (gestrichelt) die Abweichung von der Sinusbedingung. Beide Kurven liegen übereinander, was sehr wüschenswert ist. Nicht verwirren lassen sollte man sich dadurch, daß alle Zahlenangaben hier auf eine Brennweite von 100 mm bezogen sind, was schlichtweg eine Konvention darstellt. Die sogenannte Einfallshöhe, die auf beiden Seiten der y-Achse je etwa 17,5 mm beträgt, also ingesamt etwa 35 mm, paßt nun geradewegs etwa 2,8 mal in die Brennweite von 100 mm, woraus sich die bekannte Lichtstärke unseres Tessars ergibt. Auffällig ist nun, daß die Kurven in a) eine ziemliche Ausbeulung aufweisen, die der Photooptiker als Zonen bezeichnet. Der Punkt der schärfsten Abbildung liegt an diesen Stellen nicht genau auf der Bildebene (= y-Achse), wie das bei Lichteinfall entlang der optischen Achse (= x-Achse) der Fall ist, sondern der Schärfepunkt liegt bei einer Einfallshöhe von 15 mm reichlich 0,5 % VOR der Bildebene. Weil die Brennweite der Konvention gemäß auf 100mm umgerechnet ist, sind das also auch reichlich 0,5 mm Abweichung bzw. reichlich 0,25 mm bezogen auf die tatsächliche Brennweite des Tessars von 50mm. Wer gern mit Formeln hantiert, der kann sich die Größe des Unschärfekreises ausrechnen, die sich aus dieser Verschiebung des Schärfepunktes ergibt. Er überschreitet zwar noch nicht den für das Kleinbild zulässigen Wert, kommt ihm aber ziemlich nahe. Wichtig ist aber, daß diese Überlagerung des scharfen "Kern-Bildes" nur von solchen Lichtstrahlen hervorgerufen wird, die das Tessar in den äußersten Bereichen des Linsendurchmessers durchlaufen. Bei einer Abblendung auf 1:5,6 (entsprechend einer Einfallshöhe von etwa 9mm) ist die sphärische Aberration hingegen vernachlässigbar. Wie man erkennt, beginnt die Kurve erst oberhalb der 10 mm-Marke auszubrechen. Damit war der durchaus merkliche Restbetrag des Öffnungsfehlers dieses Tessars 2,8/50 freilich nur bei denjenigen seltenen Gelegenheiten wirklich zu spüren, in denen einmal mit weitgeöffneter Blende photographiert wurde. Da das Tessar 2,8/50 spätestens ab Mitte der 60er Jahre eine Rolle als preiswertes Amateurobjektiv zugewiesen bekommen hatte, war seine Charakteristik, daß es erst bei leichter Abblendung richtig leistungsfähig wird, völlig unproblematisch.



Diese Eigenart des kräftigen Leistungsanstiegs beim Abblenden wird auch noch einmal in diesen beiden MTF-Diagrammen deutlich, anhand derer man einen direkten Vergleich zwischen dem Tessar und dem zeitgenössischen  Meritar 2,9/50 mm von Ludwig ziehen kann. Die Aussagekraft solcher Diagramme ist immer begrenzt. Aber man erkennt schon, daß das Meritar das "Schärfekriterium" 40 Linien je Millimeter bei 40 Prozent Kontrast selbst bei Abblendung nur geradeso überschreitet. Vergleicht man die Kurven des Tessars allerdings mit denjenigen, die zum Beispiel auf der entsprechenden Seite für das Oreston 1,8/50 mm angegeben sind, so erkennt man, daß ein solcher Gaußtyp bei Abblendung noch einmal deutlich besser wird, als das an die Grenzen seiner Leistung gebrachte Tessar 1:2,8. Positiv fallen beim Tessar jedoch die eng beieinander liegenden Kurven für Mitte und Rand auf, die in der Praxis eine gleichmäßige Verteilung der Schärfe über das Bildfeld hinweg erwarten lassen.

Tessar 3,5/50
Tessar 2,8/50

Zwei Beispiele für Tessare in M42-Fassung: Links ein Tessar 3,5/50 mit Normalblende, mit denen allenfalls die frühen Modelle der Contax S Typ C  bestückt wurden. Rechts die für die Contax F gelieferte Version mit Halbautomatischer Springblende. Bewegt man hier den Blendenring über den Öffungswert 2,8 hinaus, so rastet die Blende in der vollen Öffnung ein. Kurz vor Auslösung des Verschlusses wird der Stößel des Objektivs so weit eingdrückt, daß die Rastung aufgehoben wird und die Blende auf den vorher eingestellten Arbeitswert zuspringt. Der Vorteil dieses Systems ist, daß der Auslöser kaum mit einer zusätzlichen Kraft belastet wird. Der Nachteil besteht darin, daß nach jeder Verschlußauslösung die Blende stets wieder manuell geöffnet werden muß. Daher Halbautomatische Springblende.

Praktiflex M42

Oben: Eines der ersten Objektive mit M42-Gewinde (genaugenommen wohl das siebenundsiebzigste) ist dieses Tessar 3,5/5 cm vom März 1948. Der international als Praktica- oder Pentax-Gewinde bekannte M42-Standard sollte eigentlich "Praktiflex-Gewinde" heißen.

Oben: Der Inbegriff des Tessartyps ist für viele Amateurphotographen das Tessar 2,8/50 mm. Es wurde in die einfache Beltica genau so eingebaut wie in die Spitzenmodelle der Werra-Reihe. Selbst für die Praktina IIa - mit dem Tessar immerhin sechs mal so teuer wie die Beltica II - war dieses Objektiv in Hinblick auf die Abbildungsleistung auf dem nötigen Niveau. Wichtig ist aber, daß es dazu auch mechanisch mit der Zeit gehen mußte. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war das Tessar 2,8/50 eines der ersten Objektive weltweit, das mit vollautomatischer Springblende versehen wurde. Auch der rastende Blendenring mit konstanten Abständen zwischen den Blendenwerten war eine unerhörte Neuheit, die uns nur deshalb kaum spektakulär vorkommt, weil das späterhin zum Allgemeingut wurde.


Unten: Wie gesagt waren zu Zeiten der Praktica B-Reihe die oben genannten mechanischen Errungenschaften aus der Glanzzeit der Dresden-Jenaer Kooperation längst schon zum internationalen Standard geworden, nur daß die Springblende nun nicht mehr durch einen linear wirkenden Druckstößel, sondern zirkular mittels Blendenhebels angsteuert wurde. Das lag daran, daß die Objektive bei der B-Reihe durch Eindrehen im Bajonett befestigt wurden, während die Praktina noch mit einer sogenannten Steckanpassung arbeitete, bei der nicht das Objektiv, sondern der Befestigungsring verdreht werden mußte. Wie weiter oben schon dargestellt, war in dieser Version als Prakticar das Tessar 2,8/50 von 1947 exklusiv mehrschichtvergütet. Kostete das Tessar 2,8/50 mit Druckblende für die Praktica MTL oder die Exa Ib 140,- Mark, so hatte sich dessen Preis als Prakticar 2,8/50 mit 320,- Mark mehr als verdoppelt. Da das Kombinat Pentacon mit Erscheinen der B-Reihe ein seit zehn Jahren in der Schublade liegendes Projekt für ein Prakticar 2,4/50 wieder hervorholte und dieses Objektiv durch Auftragsfertigung bei IOR in Bukarest im Preis auf 275,- Mark gedrückt werden konnte, wurde das Saalfelder Prakticar 2,8/50 rasch eingestellt. Schon als die Auslieferung der Praktica B100 begann, befand es sich bereits im Abverkauf.

Tessar 8/2,8cm
Prakticar 2,8/50 mm

Kuriosum: Das Tessar wurde in den 30er Jahren sogar als Grundlage für ein ausgesprochenes Weitwinkel mit 75 Grad Bildwinkel verwendet. Das war dann aber doch etwas zu viel des Guten. Trotz der ohnehin geringen Lichtstärke von 1:8 wurde im Katalog dem Nutzer empfohlen, nach Möglichkeit noch auf 1:16 abzublenden, um ausreichende Schärfe zu erzielen.


Unten: Das Tessar 2,8/8 cm (Rechnung vom 27. Januar 1933) war ein Versuch, auch im Mittelformat diese hohe Lichtstärke zu etablieren. Die ungünstigeren Schärfentiefenverhältnisse, die starke Wölbung des Rollfilmes aber nicht zuletzt auch die nicht ganz optimale Bildleistung dieses überzüchteten Tessares sorgten freilich dafür, daß es nur in wenigen Kameras (hier eine Super Ikonta) eingebaut wurde. Das 80er Tessar wurde zwar 1950 noch einmal neu berechnet (7. Juli), aber quasi parallel (1948 bzw. 1956) durch das fünflinsige Biometar abgelöst, das eine vereinfachte Gaußtypabwandlung darstellte.

Was man an dem obigen Exemplar gut erkennen kann, sind durch Verwitterung entstehenden Beläge, die die Oberflächen der Linsen so regenbogenfarbig schimmern lassen. Schon frühzeitig hatten Praktiker erkannt, daß solche Objektve brillanter arbeiteten, als solche mit frisch polierten Linsen, und sie bevorzugten ebenjene Exemplare für Aufnahmen in hartem Licht. Diesem Grundprinzip der Interferenz an dünnen Schichten folgend arbeitete dann auch die in den 30er Jahren in Jena entwickelte Entspiegelung von Glasflächen (Alexander Smaklua).

Das obige Bild wurde mit dem Tessar 2,8/80 mm an der Praktisix aufgenommen, das 1950 noch einmal auf der Basis des Zöllnerschen Patentes überarbeitet worden war. Ganz zufrieden war er damit aber nicht, wie er in seinen späteren Veröffentlichungen zum Biometar 2,8/80 durchblicken ließ. Ein großes Problem war der ausgeprägte Hang zur Blendendifferenz, die eine Folge eines nicht ideal auskorrigierten Kugelgestaltsfehlers ist. Das ist bei Kameras mit Mattscheibeneinstellung wie der Praktisix ein großer Nachteil, denn das Einstellen geschieht ja stets bei größter Blendenöffnung auf visuelle Art. Den Schärfepunkt nehmen wir nun dort wahr, wo die "Stelle der engsten Einschnürung" des "Lichtschlauches" (Kaustik) liegt, der sich aus sphärischen Restfehlern ergibt. Fallen nun bei Abblendung die Randstrahlen weg, dann wandert dieser Schärfepunkt längs der optischen Achse; er liegt also bei der tatsächlichen Aufnahmeblende woanders, als er bei der Mattscheibeneinstellung wahrgenommen wurde.


Diese Fehler macht sich natürlich hauptsächlich im Nahbereich und ähnlich kritischen Situationen bemerkbar - aber genau dafür war die Praktisix ja vorgesehen. Bei einer "Landschaftsaufnahme" wie oben, wo zudem noch auf 1:8 abgeblendet worden ist, fällt dieser Fehler freilich wenig ins Gewicht.


Unten: Ebenjenes Tessar 2,8/80mm in seiner hochmodernen Fassung mit linearisierter Blende, deren Mechanik erstmals kugelgelagert gewesen ist, um schnelle Blendenschließzeiten zu gewährleisten. Es stammt vom Frühjahr 1957 und bezeugt, daß die Praktisix sofort exportiert wurde, denn für den Westexport mußte es zum Jena T verschleiert werden.

Jena Tessar 2,8/80mm
Zeiss Jena Tessar 2,8/80mm

Tessare für den Berufsphotographen


Tessare in Normalfassung blieben noch bis zum Ende der DDR im Produktionsprogramm des VEB Carl Zeiss Jena; ja sie gehörten wohl mit zu den allerletzten Photoobjektiven, die in überhaupt noch die traditionsreichen Werkshallen in Jena bzw. Saalfeld verlassen haben. Das Tessar 4,5/135 lief 1986 aus, das Tessar 4,5/360 zum Jahresende 1985. Die letzten Tessare 4,5/180; 210; 250 und 300 mm wurden hingegen noch im April bis Juni 1991 in historisierenden Messingfassungen montiert. Dann wurden die Reste des Kombinates endgültig zerschlagen und der Saalfelder Betriebsteil durch eine Nachfolgefirma weitergeführt, die auch solche traditionsreichen Objektive noch eine Weile im Angebot hatte. Die Stückzahlen dürften aber marginal gewesen sein. In den 80er Jahren beim Tessar 4,5/180 mm noch übliche Produktionslose von bis zu 2000 Stück hat es sicherlich nicht wieder gegeben.


Zum großen Kuriosum der Wendezeit dürfte auch gehören, daß einige dieser Großformat-Tessare in Messingfassungen mit der Gravur "Meyer-Optik Germany" versehen wurden. Solcherlei Objektive müssen wir heute als historische Überreste aus einer rasch von den Folgeentwicklungen überranten Zeitspanne ansehen, die uns daran erinnern, daß nach 1985 das ehemalige Weltunternehmen in Görlitz neben Saalfeld zur bloßen Fertigungsstätte eines alles überragenden Kombinates in Jena degradiert worden war.

Tessar 6,3/135 mm

Interessant ist, daß über die DDR-Zeit hinweg auch einige Tessare 1:6,3 noch längere Zeit im Angebot blieben. Mit dieser Lichtstärke wurde dieser Typ immerhin 1902 ursprünglich geschaffen. Genau genommen waren es noch zwei Modelle. Das oben zu sehende Tessar stammt aus dem vorletzten Produktionslos vom Januar 1961. Ein Jahr später erfolgte die letzte Fertigung. Noch bis zum Oktober 1975 wurde freilich ein Tessar 6,3/210mm hergestellt. Zuletzt angeblich sogar noch einmal 1000 Stück. Die lange Produktionszeit von letzterem läßt sich daraus erklären, daß es mit der Öffnung 1:6,3 in einer Normalfassung N42 platzfand bzw. in einem Verschluß der Baugröße 1, der noch kurze Verschlußzeiten bis zur 1/400 Sekunde zuläßt. Außerdem waren diese beiden Typen 1947 neu gerechnet worden und dürften eine gute Bildleistung erreicht haben. Außerdem hatten sie einen größeren Bildwinkel bis an die 70 Grad. Das Tessar 6,3/135 zeichnet abgeblendet sogar das Format 13x18 knapp aus.


Unten einmal eine Tabelle der lieferbaren Tessare aus dem Jahre 1987 [aus: Brauer, Egon: Foto Optik; eine Warenkunde für den Fachverkäufer und den Fotoamateur, 8. Aufl. Leipzig, 1987]. Diese Angaben sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, weil die Bücher Brauers nicht gut recherchiert sind bzw. nachlässig aktualisiert wurden. Wie gerade dargelegt, war die Produktion des Tessars 6,3/135 bereits 25 Jahre zuvor eingestellt worden. Auch die Angabe der Masse in der letzten Spalte stimmt vorn und hinten nicht.

Zeiss Tessare Großformat

Der Fall Dominar


Zum Abschluß möchte ich noch auf ein kleines Mysterium verweisen: Um 1930 herum wurden von Zeiss Ikon Kameras mit zwei verschiedenen Tessartypen ausgestattet. Einmal natürlich das Zeiss Tessar; zum anderen aber auch ein "Dominar-Anastigmat". Dieser Ausschnitt aus dem Zeiss-Ikon-Katalog von 1932 zeigt, daß diese beiden, demselben Typus angehörenden Objektive, tatsächlich nebeneinander aufgelistet sind.

Zu diesem Dominar, über das man ansonsten sehr wenige Informationen findet, habe ich nun zwei Theorien parat. Die eine lautet: Es handelt sich um Restbestände des früheren "Ernoplast", das der Tessartyp der Vorgängerfirma Ernemann gewesen ist, das aber nun nicht mehr so heißen durfte. Nachdem es abverkauft wurde, verschwindet es aus den Katalogen und es bleibt nur noch das Zeiss'sche Tessar. Meine zweite, nicht minder plausibel klingende Theorie, fußt auf der Tatsache, daß Ende der Zwanziger Jahre alle bisherigen, von Wandersleb geschaffenen Tessare, durch Willy Merté auf Basis verbesserter Glastechnologie neu berechnet wurden. Durch die Auflistungen im Thiele kann man belegen, daß der Übergang von den alten, noch vor dem Ersten Weltkrieg berechneten Tessaren, auf die neuen, verbesserten Tessare, SUKZESSIVE erfolgte. Das lag zum Teil auch daran, daß beispielsweise beim stark nachgefragten Tessar 1:4,5 es keinen abrupten Übergang gegeben hat, weil jede Brennweitengruppe langwierig einzeln neu berechnet wurde. Es wurde also stets individuell optimiert und nicht eine bestehende Konstruktion bloß auf die jeweilige Brennweite skaliert. Man muß daher davon ausgehen, daß über eine gewisse Zeitspanne hinweg BEIDE Tessare –  also zum Beispiel ein neues Tessar 4,5/135 und ein altes 4,5/135 – gleichzeitig im Handel auftauchten bzw. noch bei den Kameraherstellern vorrätig blieb. Möglicherweise wurde bei Zeiss Ikon dieser Umstellung begegnet, indem das alte Tessar als "Dominar" preiswerter angeboten wurde. Denn im Katalog von 1931 kann man lesen: "Übertroffen wird das Dominar nur von dem in der Genauigkeit der Ausführung und Sorgfalt bei der Glaswahl einzigartigen, weltberühmten Zeiss Tessar 1:4,5." Ab der zweiten Hälfte der 30er Jahre findet das Dominar dann keine Erwähnung mehr in den Zeiss-Ikon-Publikationen.

Dominar Anastigmat

Rechnungen ausgewählter Tessartypen: Serienversionen

 


Tessar 2,8/50

 

1:         02. 04. 1931             ca. 1500 Stck.

2:         08. 10. 1931             über 10. 000

3:         08. 05. 1933             Großserie (v.a. Contax)

4:         29. 10. 1947             Einstellung der Produktion Frühjahr 1988

 


Tessar 2,8/80

 

1:         27. 01. 1933            

2:         07. 07. 1950             letzte Stücke im Febr. 1958 für Praktisix ASB

 


Tessar 3,5/50

 

1:         25. 07. 1929             Kolibri

2:         27. 02. 1931             Contax Ära, Herstellung bis Jahresende 1954 (Exakta)

 


Tessar 3,5/75

 

1:         20. 02. 1920            

2:         01. 06. 1934            

3:         28. 05. 1947             letzte Großserie 3000 Stck. Jahresende 1955 für Weltax

 


Tessar 4,5/135

 

1:         18. 07. 1911                        

2:         28. 05. 1929                        

3:         10. 02. 1948             große Frontlinse

4:         07. 03. 1957             bis 1986



Tessar 4,5/180

 

1:         04. 07. 1911            

2:         28. 05. 1929             bis zum Ende 1991 (Messingversionen)

3:         09. 02. 1948             nur ca. 300 Stck. 1951/52, dann wieder Version 2

 


Tessar 4,5/210

 

1:         05. 08. 1911

2:         06. 06. 1929             bis zum Schluß 1991 (Messing)

 


Tessar 4,5/300

 

1:         16. 09. 1911 

2:         05. 08. 1928             bis zum Ende 1991 (Messingversionen)

3:         04. 06. 1948             nur ca. 450 Stck. 1948-52, dann Rechnung aufgegeben

 


Tessar 4,5/360

 

1:         30. 01. 1912            

2:         08. 10. 1928             1985 letzte Serie von 500 Stck.

M. Kröger


letzte Änderung 2. März 2021