Sonnar


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Die Sonnare

Ludwig Berteles Pioniertat und Lebenswerk zugleich



Jemand der sich für Objektive interessiert gerät bei Erwähnung der Markennamen "Ernostar" und "Sonnar" leicht ins Schwärmen. Ganze Generationen an Amateurphotographen haben sich an den Scheiben der Schaufenster und Vitrinen die Nase plattgedrückt, wenn dort diese Objektivtypen ausgelegt waren. Es ist natürlich in erster Linie die Faszination der hohen Lichtstärke, die diese Begeisterung bis heute nährt. Dabei reichte das diesen beiden Konstruktionen inneliegende Potential weit über den Einzelaspekt der Lichtstärke hinaus.

Ernostar 1:1,8

Das Ernostar 1:1,8 aus dem Deutschen Reichspatent Nr. 436.260 vom 6. Dezember 1924 – erster Höhepunkt der schöpferischen Tätigkeit des gerade erst 23 jährigen Ludwig Bertele (25. Dezember 1900 - 16. November 1985). Deutlich ist schon der Übergang zum darauffolgenden Sonnartyp zu erkennen.

Viel nüchterner werden diese beiden legendären Objektivtypen übrigens in der Fachliteratur abgehandelt. Ernostar und Sonnar finden sich meist in Zusammenstellungen unter der Rubrik "verkittete Triplets mit Zusatzgliedern". Dieses Hinzufügen weiterer, gegen Luft stehender Glieder war freilich nicht zu umgehen, wenn die Lichtstärke auf für damalige Verhältnisse ungeheuerliche Werte von 1:2,0 oder sogar darüber hinaus gesteigert werden sollte, ohne daß ein merkliches Abfallen der Bildleistung gegenüber den damals schon weit verbreiteten dreigliedrigen Anastigmaten mit Lichtstärken um 1:4,0 zu verzeichnen wäre [Vgl. Bertele, Ludwig: Ein neues lichtstarkes Objektiv; in: Zeitschrift für wissenschaftliche Photographie, Band 24, Heft 1/1926, S. 32]. Auch andere Hersteller gingen nach dieser Strategie vor, so zum Beispiel Max Berek mit seinem Hektor 1:1,9 [DRP Nr. 585.456 vom 7. Juni 1931]. Um bei diesen hohen Öffnungen eine akzeptable Bildleistung zu erhalten, muß insbesondere die sphärische Aberration gut korrigiert sein – ein Bildfehler, dessen Ursache darin zu suchen ist, daß die Oberflächen von Linsen gemeinhin kugelförmige Gestalt aufweisen.


Ein großes Problem stellt in diesem Zusammenhang speziell die Sphärochromasie dar, also die von der Lichtfarbe abhängige Variation dieses Kugelgestaltsfehlers. Ludwig Bertele hatte diese besonders lästige Erscheinungsform des sog. Gaußfehlers bei seinem Ernostar Mitte der 1920er Jahre in einer Art und Weise in den Griff bekommen, wie sie bis dato ihresgleichen suchte (Willy Mertès in dieser Hinsicht vergleichbares Biotar-Patent folgte erst 1927!). In seinem oben genannten Aufsatz von 1926 belegt Bertele diesen Korrekturerfolg, indem er die Kurven der spharischen Abweichung des Ernostars für die gelborange D-Linie des Spektrums (Figur 2) – also am langwelligen Ende des für normale Aufnahmen infrage kommenden Lichtes – und rechts daneben (Figur 3) die Abweichungen für die blauviolette G-Linie am kurzwelligen Ende gegenüberstellt. In Figur 4 vergleicht er diese beiden Kurven mit der sphärischen Aberration eines damals üblichen Triplettyps [Ebenda, S. 33]. Mit einer derart starken Ausbeulung der Kurven für die sphärische Aberration und der Abweichung von der Sinusbedingung – in der Fachsprache Zonen genannt –, wie sie beim Triplettyp erkennbar ist, wäre das lichtstarke Ernostar bei voller Öffnung komplett unbrauchbar gewesen.

Die besondere Reife, die Bertele mit seinem Ernostar 1:1,8 um 1925/26 endlich erreicht hatte, wird auch daran deutlich, daß trotz der Steigerung der Lichtstärke gegenüber den eigenen Vorgängertypen der Lichtstärke 1:2,0 der nutzbare Bildwinkel auf 50 Grad angehoben werden konnte. Damit war dieser Objektivtyp zum Universalobjektiv tauglich gemacht worden. Speziell die Ausweitung des Bildwinkels verlangt aber immer nach einer sorgfältigen Ebnung des Bildfeldes und der Hebung des Astigmatismus. Die dazu notwendigen Kittflächen machten den damals neuartigen, heute besonders charakteristischen Aufbau dieses Ernostar-Typus aus [Vgl. Bertele, lichtstarkes Objektiv, 1926, S. 35]. Die starke Einschnürung der Lichtbüschel durch die charakteristische Formgebung der Kittgruppe im vorderen Systemteil findet sich auch kurze Zeit später beim Sonnar wieder.


Nur bei einem Aspekt hat sich Bertele in seinem Aufsatz ein wenig getäuscht: Daß sein Ernostar gegenüber den damals gut etablierten Tripletts und Tessartypen acht statt sechs Glieder aufzuweisen hatte, bewirke seiner Auffassung nach ja lediglich einen vernachlässigbaren Lichtverlust. Bertele schreibt: "Ganz abgesehen davon, ist es vollkommen bedeutungslos für die Lichtstärke eines Objektives, ob es 9% mehr oder weniger durchläßt. Im Öffnungsverhältnis ausgedrückt würde das Objektiv in seiner Lichtstärke durch das Hinzufügen dieser vierten freistehenden Linse gegenüber einem dreigliedrigen Objektiv in der Lichtstärke von 1:1,8 auf 1:1,88 herabgedrückt sein." [Ebenda, S. 33] In der Praxis geht es nun aber gerade nicht um einen Vergleich zu anderen Anastigmaten, sondern um den Gesamtwirkungsgrad eines Objektives. Und was das betrifft, hatte August Klughardt (1887-1970) im selben Jahre Untersuchungen durchgeführt, die ernüchternde Ergebnisse brachten: Mitsamt der Absorption und der Spiegelverluste kamen beim Ernostar 1:2,0 nur 52 Prozent des eintretenden Lichtes auf der lichtempfindlichen Schicht an [Klughardt: Die wirkliche Lichtstärke photographischer Objektive, Centralzeitung für Optik und Mechanik, 1926, S. 79f]. Die wirksame Lichtstärke des Ernostars lag demnach nicht bei 2,0 sondern lediglich 2,8. Dieser Übelstand wurde alsbald zum Ansporn für Ludwig Bertele, die Anzahl der Objektivgruppen seines Ernostars von vier auf drei zu verringern. Aus diesem Streben heraus entstand nun der Sonnartyp.


Erwähnt werden sollte noch, daß es dieser August Klughardt gewesen ist, der Ludwig Bertele, diesen hoffnungsvoll talentierten, blutjungen Optikrechner im Jahre 1919 von Rodenstock in München mit nach Dresden in die Ernemannwerke mitgenommen hat [Vgl. Bertele, Erhard: Ludwig J. Bertele - Ein Pionier der geometrischen Optik, Zürich, 2017, S. 33. Leider schreibt der Autor den Namen Klughardt falsch]. Als dann Ludwig Bertele so große Erfolge mit seinen Objektivschöpfungen feierte, begann Dr. Klughardt als Leiter der Ernemannschen Optikabteilung allerdings dieselben für sich zu requirieren, wodurch es zum Zerwürfnis kam und Bertele sogar kurzeitig aus der Ernemann AG ausschied, später nach dem Weggang Klughardts aber wieder zurückkehrte. [Vgl. ebenda, S.50.]

Contax II Sonnar

Dieses Sonnar 2/5cm aus dem Jahre 1936 wurde nachträglich mit Vergütungsschichten belegt.

Es war dann die aufkommende Kleinbildphotographie, die für neuen Ansporn sorgte. Die Ermanox mit ihren Brennweiten um die 100 Millimeter machte ein Ausnutzen der vollen Objektivöffnung aufgrund der geringen Schärfentiefe beinah unmöglich. Das Gelingen der Aufnahme war nichtselten ein Produkt des Zufalls. Die Kleinbildphotographie halbierte diese Brennweiten nun durchweg, weshalb hohe Lichtstärken überhaupt erst praktisch sinnvoll wurden. Zudem war seit dem Erscheinen der Leica im Gefüge der Photoindustrie einiges passiert. In Dresden hatte der Zeisskonzern einen massiven Konzentrationsprozeß unter seiner Ägide angestoßen, dem sich letztlich auch die Ernemann AG nicht mehr entziehen konnte. Bertele war nun Angestellter der Zeiss-Tochter "Zeiss Ikon AG". Zum allgemeinen Konkurrenzdruck im Photomarkt gesellte sich nun obendrein auch noch ein Wettstreit im eigenen Firmenimperium.


Wie oben bereits angesprochen, hatte Willy Merté in Jena aufbauend auf dem Rudolph'schen Planartypus durch vollständiges Aufgeben des symmetrischen Aufbaus und durch Einsatz neuer Gassorten sein Biotar geschaffen [DRP Nr. 485.798 vom 30. September 1927]. Doch auch Bertele war nicht untätig geblieben. Mit seinem Patent Nr. 530.843 vom 14. August 1929 hatte dieser sein Ernostar zum Sonnar weiterentwickelt. Äußeres Merkmal war die Reduktion von vier Gruppen mit acht Spiegelflächen auf drei Gruppen, die nur noch sechs Glas-Luft-Übergänge mit sich brachten. Und dieser Gesichtspunkt war bis zur Einführung der Linsenentspiegelung bei Carl Zeiss Jena ab 1941 auch das wichtigste Argument, das gegen das Biotar sprach. Als typischer "Doppelgauß" waren hier prinzipbedingt (mindestens) vier Gruppen notwendig.


Aber es gab noch einen zweiten Vorteil, der das Sonnar in der Zwischenkriegszeit gegenüber dem Gaußtyp hervorstechen lassen sollte. Aufgrund der inneren Brechkraftverteilung zeichnen sich Sonnare durch eine kurz gehaltene Schnittweite aus. Selbst als Normalobjektiv haben Sonnare immer einen Hauch von Teleobjektiv zu bieten. Sie sind also kurz gebaut bzw. rücken nah an die Bildbenene heran. Bei Sucherkameras ist diese Eigenschaft sehr erwünscht, um die Kombination Kamera-Objektiv so kompakt wie möglich zu halten. So gab es zwar das Sonnar 2/5cm für die Contax in einer Ausführung mit versenkter Fassung, doch wirklich notwendig war das nicht. Das Sonnar war auch ohne diese Einrichtung sehr kompakt. Selbst das unten dargestellte, für die damalige Zeit extrem lichtstarke Sonnar 1,5/5cm fiel kaum größer aus als ein Hühnerei. Durch die fehlende Notwendigkeit eines objektiveigenen Schneckenganges – einer speziellen Eigenheit der Contax-Sucherkameras – waren die Normalobjektive zudem extrem schlank gebaut. So zierliche hochlichtstarke Objektive hat es auch später kaum wieder gegeben. Und seinerzeit war das ohnehin gänzlich ohne Konkurrenz.

Sonnar 1,5/5cm

Der konstruktive Trick Berteles – wenn man das so nennen darf – lag darin, einen bisherigen Luftzwischenraum des Ernostares schlichtweg mit einer Linse aus niedrigbrechendem aber auch wenig dispergierendem Kronglas auszufüllen, zum Beispiel mit dem Bor-Kron BK 1 beim Sonnar 2,0 oder dem Fluor-Kron FK 3 beim Sonnar 1,5. Die entstehenden Kittflächen waren ein wichtiger Schlüssel zur Gesamtkorrektur des Systems. Unten sind einmal die Querschnitte des Sonnars 1:2,0 nach dem DRP Nr. 570.983 vom 2. September 1931 und des Sonnars 1:1,5 nach dem DRP Nr. 673.861 vom 9. Juli 1932 dargestellt. Das DRP Nr. 570.983 war übrgens ein Zusatzpatent zum bereits erwähnten DRP Nr. 530.843 von 1929, um die dort noch vorhandenen "störenden komatischen Erscheinungen" bei größeren Gesichtsfeldern zu beheben.


Neben den Linsenschnitten sind die durchschnittlichen Bildfehler anhand der typischen Kurven für die (a) sphärische Aberration und die Abweichung von der Sinusbedingung, den (b) Astigmatismus und die Wölbung und in Kurve (c) für die Verzeichnung dargestellt [nach Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S.  57.]. Da der Maßstab identisch ist, läßt sich sehr gut ein Vergleich zu den Bildfehlerkurven des Biotars ziehen.

Die Querschnitte durch den Linsenaufbau zeigen übrigens noch ganz charakteristische Eigenschaften der Sonnare auf, die ihnen später auch zum Verhängnis wurden: Einerseits die teils großen Glaskörper mit ihren massiven Mittendicken, für die stets dicke Platten absolut lauteren Rohglases benötigt wurden, die sehr teuer sind. Andererseits die ausgesprochen kleinen Krümmungshalbmesser, also die stark kugeligen Linsenoberflächen. Letzteres führte zu einem eklatanten fertigungstechnischen Problem. Je stärker nämlich eine Linsenoberfläche gewölbt ist, um so weniger Linsen können auf eine Schleifschale gekittet und gemeinsam bearbeitet werden. Die vergleichsweise flachen Linsen beispielsweise der Tessare waren dagegen viel rationeller zu fertigen. Sonnare konnten also schon in dieser Hinsicht niemals "Billigobjektive" sein. Auch das Verkitten der Linsen mit Kanadabalsam ist zeitaufwendig und verlangt nach großer Präzision. Darin liegt einer der Gründe, weshalb die Sonnare zumindest als Normalobjektive nach 1945 bei Zeiss Jena rasch an Bedeutung verloren.

Es gibt noch zwei weitere Gründe, weshalb das Sonnar nach dem Kriege eigentlich nur noch für langbrennweitige Objektive interessant blieb. Der eine Grund liegt in der zunehmenden Dominanz der Spiegelreflexkamera. Bei diesem Kameratyp war die kurze Schnittweite der Sonnare eher kontraproduktiv, weil ja der Klappspiegel genügend Bewegungsfreiraum braucht. Zwar war bei Zeiss Ikon für deren Syntax/Contax-Projekt ein Normalobjektiv "Sonnar 2/57mm" entwickelt worden; das ging jedoch nicht in die Serienfertigung. Wie beim Biotar 2/58mm mußte die Brennweite für die Reflexanwendung etwas verlängert werden. Der Biotartypus ermöglichte aber später durch Einsatz hochbrechnender Gläser und durch Meniskenformen in der Frontgruppe einen Übergang zur üblichen Brennweite von 50 mm. Im Gleichzug wurden aber auch die vielversprechenden Korrekturmöglichkeiten des Planar-/Biotartypus immer weiter ausgelotet, die das an die Grenzen angelangte Sonnar bald übertrumpften. Das Biotar Mertés steckt bis heute in allen hochlichtstarken Normalobjektiven.


Diese Entwicklung war bereits Ende der 1930er Jahre absehbar. Für die Leica wurde von Schneider ein Xenon 1:1,5 entwickelt, das dem Biotartypus zusätzliche Linsen zur Bildfehlerkorrektur hinzufügte. Zur damaligen Zeit war das angesichts der fehlenden Entspiegelungsschichten ein indiskutabler Schritt, da dieses Objektiv mit seinen zehn Glas-Luft-Flächen noch mehr spiegelte, als ehedem das Ernostar. Der damalige Vorsprung des Zeisskonzerns lag ganz eindeutig in dem Monopol Berteles, die Lichtstärke 1:1,5 mit lediglich sechs Grenzflächen geschafft zu haben. Mit der nach 1945 allgemein zur Verfügung stehenden Entspiegelungstechnologie war ein Großteil dieses Vorsprungs aber infragegestellt worden. Jetzt war ein immer stärkeres Auflösen der Konstruktionen in Gruppen oder sogar Einzellinsen feststellbar. Weg von dicken, stark gewölbten Linsen. Die Normalobjektive 1:1,4 der 60er, 70er Jahre – ja bis heute – zeigen eine verblüffende Ähnlichkeit zum Leitz-Xenon aus dem Jahre 1936.

Sonnar 2/85mm

Bevor ich abschließend noch etwas näher auf die einzelnen Typen des Sonnars eingehe, möchte ich zuvor noch ein paar Worte über Ludwig Bertele verlieren. Es ergibt sich in der Geschichte immer wieder einmal der Umstand, daß jemand genau in jenem Fach Fuß fassen kann, für das er nach und nach eine ganz ungewöhnliche Begabung entwickelt. Dann können Leistungen erreicht werden, die weit über das „Normalmaß“ hinausgehen, und von denen man sich im Nachhinein fragt, wie eine Einzelperson derlei überhaupt schaffen konnte. Ludwig Bertele war ein solches Naturtalent. Von den nicht minder talentierten Konstrukteurs-Kollegen im Zeisskonzern unterschied er sich allerdings in einem entscheidenden Punkt, auf den sein Sohn Erhard Bertele in der Biographie seines Vater hinweist. Dazu sei noch einmal daran erinnert, daß die spätere Weltgeltung des Zeisswerkes nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern das Ergebnis eines wohlüberlegten Schrittes des braven Mechanikus Carl Zeiß gewesen ist, die optische Ausgestaltung eines Mikroskopes nicht per Zufall zu finden (mithilfe des sogenannten Pröbelns), sondern es nach wissenschaftlichen Methoden errechnen zu lassen. Dazu holte Zeiß in den 1860er Jahren den jungen Ernst Abbe in seine Werkstätte; und letzterer stellte erst einmal eine wissenschaftliche Theorie des Mikroskopes per se auf, bevor überhaupt an die praktische Arbeit des Berechnens gegangen werden konnte. Diese Herangehensweise, daß akademisch gebildete Wissenschaftler und Ingenieure den Grundstock eines Industriebetriebes bilden, wurde damit zum Prinzip bei Zeiss Jena ja zum Prinzip im deutschen industriellen Gewerbe schlechthin. Nicht verschweigen sollte man jedoch, daß genau dieses Prinzip Fluch und Segen zugleich barg. Deutsche Ingenieure konnten gleichsam Mondraketen schaffen oder aber Vergeltungswaffen; sie entwarfen mit ebensolcher Professionalität Konzerthäuser wie Konzentrationslager. Vom Photoobjektiv, mit dem man seine Liebsten beim Familienfest im Bilde festhält, zum Zielgerät, das auf Knopfdruck Dutzende solcher Familien auslöschen hilft, war es nur ein kleiner Schritt. Die Verantwortung des Wissenschaftlers und Ingenieurs darüber, was mit seinen Hervorbringungen angestellt werden kann, ist seit Hundert Jahren eine der Grundfragen der modernen Ethik.


Ludwig Bertele gehörte nun gerade nicht dieser Riege des akademisch gebildeten Konstrukteurs an. Abbe hatte noch persönlich Paul Rudolph mit dem Aufbau der Photoabteilung beauftragt. Er und dessen Nachfolgegeneration, Berteles Zeitgenossen Ernst Wandersleb, Willy Merté und (meines Wissens nach) auch Robert Richter waren allesamt promovierte Herren. Ludwig Bertele hingegen muß man den Beschreibungen seines Sohnes nach eher als ursprünglich handwerklich ausgebildeten, sich später autodidaktisch perfektionierenden Fachmann beschreiben. Oben habe ich schon angesprochen, welche negative Erfahrungen Bertele mit Doktor August Klughardt gemacht hatte, als jener die erfinderische Leistung seines „angestellten Optikrechners“ Bertele für sich vereinnahmte. Nachdem diese Phase überwunden war, blieb Bertele in Dresden und konnte sich ganz auf seine äußerst erfolgreiche praktische Arbeit konzentrieren. Die Aufgabe der Jenaer „Zentrale“ lag dann allenfalls darin, anhand der Bertele’schen Angaben Variationsrechnungen zur Optimierung des Systems vorzunehmen [Vgl. Bertele, Pionier, 2017, S. 54 und 64], ansonsten beschränkten sich die Kompetenzen der Jenenser eher darauf, die Dresdner Objektive herstellen zu dürfen.


Dieser Umstand man muß das hier noch einmal deutlich hervorheben war angesichts der vorherrschenden Hierarchie im Zeisskonzern ein ganz besonderer Ausnahmefall. Wenn man die Geschichte dieses Unternehmens kennt, seinen Habitus innerhalb der Branche und die vorausgegangenen Konzentrationsprozesse zur Ausschaltung der Konkurrenten, was wiederum in einer Unterordnung der neuen Konzerntöchter gegenüber der Jenaer Konzernleitung mündete, dann ist dieser spezielle Aspekt in Bezug auf das Dresdner Optik-Büro durchaus bemerkenswert. Solange man in Jena aber offenbar auf die Leistungen eines Ludwig Berteles derart angewiesen war, der aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen unter allen Umständen verhindern wollte, ein Rädchen von vielen im Getriebe der Jenaer Konstruktionsabteilung zu werden, billigte man ihm offenbar diesen Sonderstatus zu. 

Tenax II Sonnar

Die fast schon ins Absurde abdriftenden Ausmaße der Rivalität zwischen den beiden konzerneigenen Konstruktionsbüros in Jena und Dresden werden sehr gut anhand dieser beiden lichtstarken Normalobjektive mit den Daten 1:2,0/f = 4 cm ersichtlich. Beide decken sie das Kleinbildformat 24x24mm ab. Beide wurden im Jahre 1937 konstruiert. Beide wurden in Jena hergestellt. Das Sonnar blieb aber der Zeiss-Ikon-Kamera vorbehalten, während Zeiss Jena für die Belieferung eins konzernfremden Kameraherstellers im hauseigenen Konstruktionsbüro ein Biotar entwickeln ließ. Mehr dazu auch hier.

Robot II Biotar
Sonnare 5 und 8 cm

Diese Situation änderte sich nun aber rasch nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Die Konzernleitung hatte Heinz Küppenbender, einen vollkommen loyalen Gefolgsmann des Regimes, beauftragt, dieses Gefüge aufzubrechen und die optischen Abteilungen des Konzerns auf die Erfordernisse der Rüstungsproduktion umzustellen. Bertele wurde im Februar 1940 offenbar vor die Wahl gestellt, entweder in Dresden eher „niedere“ Aufgaben zu erledigen oder aber in eine vollständig nach Jena verlegte optische Entwicklungsabteilung integriert zu werden [vgl. ebenda, S. 66]. Ersteres kam für Bertele nicht infrage, da er sich ganz dem Errechnen von Objektiven verschrieben hatte, und die zweite Option, sich als beruflich erfolgreicher Nichtakedemiker im Jenaer „Akademikerclub“ behaupten zu müssen, lehnte er aus den oben schon beschriebenen Gründen ab [Vgl ebenda]. Bertele wollte daraufhin Zeiss Ikon verlassen und ein Stellenangebot von Steinheil in München wahrnehmen. Die nach wie vor große Bedeutung Berteles kann man daran ablesen, daß diese Kündigung erst einmal von oben her vereitelt wurde und er quasi zwangsweise bei Zeiss Ikon blieb. Das Ausscheiden aus dem Zeisskonzern und der Wechsel zu Steinheil zog sich letztlich bis 1941 hin, als Ludwig Berteles höchst erfolgreiche Bindung an den Dresdner Kamerabau zum 31. Dezember endgültig abbrach [Vgl. ebenda]. Niemals jedoch brach Berteles Bindung zum Photoobjektivbau ab, für den er nach dem Kriege ganz außergewöhnliche Weitwinkelsysteme schuf. Was diese Ära betrifft, verweise ich den interessierten Leser auf die sehr gelungene Biographie seines Sohnes.

Auch was die Fassung dieser Sonnare betrifft, war Carl Zeiss Jena Mitte der 30er Jahre auf einem hohen fertigungstechnischen Niveau angelangt. Geradezu ehrfurchterregend sind die schweren Messingfassungen mit ihrer dicken Verchromung passend zum verchromten Gehäuse der Contax II. Sie lösten die schwarz lackierten und vernickelten Fassungen ab, wie sie zur ersten Contax geliefert wurden und wie sie von der Machart her auch bei Leitz üblich waren. Wie bei der Leica konnte freilich auch oftmals keine Geradführung des Schneckenganges verwirklicht werden, weshalb sich beim Scharfstellen leider die Blendenskalen mit wegdrehten. Weil aber die Objektive (bei beiden Herstellern jeweils auf verschiedene Weise) mit dem Entfernungsmesser gekuppelt werden mußten, fiel die notwendige Mechanik schon kompliziert genug aus, wie der untenstehende Schnitt durch ein Sonnar 2/8,5cm zeigt.

Die Rechnung dieses Sonnars 2/8,5cm wurde am 24. April 1933 abgeschlossen, als lichtstarke Ergänzung zum Triotar 4/8,5cm, das schon seit 1931 geliefert wurde. Am 16. Januar 1939 wurde es neu berechnet, ebenso nach dem Kriege am 13. Mai 1947. Bei Carl Zeiss in Jena wurde es aber nach Gründung der DDR nur noch in geringen Stückzahlen gefertigt – überwiegend in einer sogenannten Kinoeinstellfassung, also für kinematographische Zwecke. Nach Verlagerung der Contax-Fertigung in die Sowjetunion und einer stabilen "Selbstversorgung" mit eigenen Objektiven aus Krasnogorsk, spielten Objektive für Meßsucherkameras in der DDR zahlenmäßg kaum noch eine Rolle. Leider wurde dieses Sonnar 2/85mm nicht für die Spiegelreflexkamera übernommen. Auch beim Sonnar 4/135 geschah das erst spät im Jahre 1957 (mehr darüber hier).


Ganz anders in Westdeutschland: Für die aufwendige Contarex Spiegelreflexkamera wurde das Sonnar 2/85mm weiterhin geliefert – es wäre also prinzipiell durchaus für die Reflexanwendung geeignet gewesen. In der Frühphase der DDR ist aber erkennbar, daß ein schon seit der Mitte der 30er Jahre forcierter Trend fortgesetzt wurde, die Sonnare, die ja zwar bei Zeiss Jena hergestellt wurden, aber eigentlich Dresdner Objektive waren, durch Jenaer Konstruktionen (Triotare, Tessare, Biotessare, Biotare bzw. später die Biometare) zu ersetzen. Ausführlicher habe ich diesen bislang wenig beachteten Gesichtspunkt hier behandelt. Erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wurde diese Praxis beendet und sogar neue Sonnartypen in Jena geschaffen. Das wunderbare Sonnar 2/85 hat diese Phase aber leider "nicht überlebt". Im Gegensatz eben zur Bundesrepublik, wo Photographen in den Genuß dieses außergewöhnlich hochwertigen Portait-Teles kamen. Hierbei handelte es sich übrigens abweichend vom Objektiv der 30er Jahre um einen Siebenlinser. Nach einem Hinweis von Jakob Nielsen aus Kopenhagen scheint aber schon die Rechnung von 1939 siebenlinsig gewesen sein. Was ich mit Gewißheit sagen kann, ist, daß die Version von 1947 auf jeden Fall siebenlinsig war, denn in den frühen Nachkriegskatalogen ist ein entsprechender Linsenschnitt abgebildet.

Oben: Eine Aufnahme mit diesem bemerkenswerten Objektiv. Die Verzeichnung ist quasi Null.

Unten: Dasselbe Objektiv bei völlig geöffneter Blende.

Canon L1 mit Jupiter-9 2/85mm

Das Sonnar 2/85mm wurde als Jupiter-9 auch in der Sowjetunion jahrzehntelang gefertigt, Ende der 80er Jahre nachweislich gar mit Mehrschichtvergütung. Wie der Linsenschnitt unten zeigt, war auch hier der siebenlinsige Typ zugrundegelegt [nach Jakowlew, 1970]. Die mit 40,71mm bezifferte Schnittweite ist lang genug für jede Kleinbildspiegelreflexkamera.

Jupiter-9 2/85mm

Aber zurück zu den Vorkriegs-Sonnaren. Beim Sonnar 2/5cm finden sich "im Thiele" Angaben zu etlichen verschiedenen Rechnungen. So gab es zum 30. Oktober 1931 bereits zwei Versuchsobjektive. In Fertigung ging dann eine Rechnung vom 8. April 1932 mit lediglich etwa 1500 Stück, weil sie bereits ein Jahr später zum 4. April 1933 von einem Nachfolger abgelöst wurde. Aber auch von dieser Version wurden nur etwa 1600 Stück hergestellt, weil die Rechnung schon zum Ende des Jahres, am 1. Dezember 1933, erneut überarbeitet wurde. Diese Konfiguration wurde dann aber zum großen Renner. Bis zum Anfang des Krieges wurden von diesem Sonnar 2/5cm große Stückzahlen produziert und zwar in für damalige Verhältnisse außergewöhnlich großen Fabrikationslosen von bis zu 6000 Stück "auf einmal". Auf diese Weise kam man zwischen Dezember 1933 und Dezember 1942 auf ziemlich exakt 75.000 Stück. Nach dem Kriege dürften es noch einmal etwa 25.000 gewesen sein, wobei man das nicht genau sagen kann, da die Quellenüberlieferung diesbezüglich lückenhaft ist. Wie dem auch sei: Mit diesen etwa 100.000 Stück ist das Sonnar 2/5cm eines der ersten hochlichtstarken Universalobjektive, das in Massenfabrikation ausgestoßen wurde. Eine große Bestätigung für den Konstruktionsansatz eines Ludwig Bertele!

Nach heutigen Maßstäben ist das Sonnar 2/50mm bei allen größeren Öffnungen ausgesprochen weich. Selbst bei Blende 4 (unten) ist die Schärfe noch ziemlich "duftig". Doch Anfang der 30er Jahre war das angesichts der damaligen Filmempfindlichkeiten (um die 10...12 DIN) trotzdem ein großer Fortschritt, da auch bei schlechterem Lichte noch Momentbelichtungszeiten erreicht wurden. Damit waren Aufnahmen möglich, auf die bis dahin schlichtweg verzichtet werden mußte.

An diesem Sonnar 2/50mm kann man übrigens gut ablesen, daß es bis ca. Frühjahr 1951 offenbar noch zur Stützung der Kiewer Contax-Produktion fabriziert wurde und danach die hergestellten Stückzahlen geradezu einbrechen – Restbestände wiederum hauptsächlich für Kinokameras. Anzumerken ist, daß das 2/50 weder kurz vor dem Kriege, noch danach neu berechnet wurde; es blieb bei der Rechnung vom Dezember 1933.


Ganz anders beim Sonnar 1,5/5cm. Nach mehreren Versuchsobjektiven wurden die ersten nennenswerten Stückzahlen basierend auf einer Rechnung vom 10. Oktober 1932 gefertigt. Diese wurde rasch von einer abgelöst, die auf den 8. Dezember 1932 datiert (reichlich 6000 Stück). Die nächste Überarbeitung erfolgte am 15. April 1935 (Seriennummern über 1.800.000, ca. 26.000 Stück) gefolgt von einer letztmaligen zum 15. August 1939 (Serienummern über 2.600.000). Unten noch einmal der Linsenschnitt durch dieses Sonnar 1:1,5. Besonders fällt wie gesagt die aufwendig geformte hintere Kittgruppe auf.

Diese Normalobjektive als "echte Sonnare" – gekennzeichnet durch die strenge Bauweise als Drei-Gruppen-Konstruktion – verloren in der jungen DDR-Photoindustrie also rasch an Bedeutung. Das gilt nicht für Objektive mit längeren Brennweiten. Hier wurden Berteles bahnbrechende Typen wie das weltbekannte "Olympiasonnar" 2,8/180mm nicht nur weitergebaut, sondern später auch noch nenneswert weiterentwickelt. Das Sonnar 4 bzw. 3,5/135mm dürfte dabei das am längsten gebaute Objektiv aller Zeiten sein. Aber auch neue "echte Sonnare" wurden geschaffen, namentlich das Cardinar 2,8/85mm für die Pentina.


Auf diesen Begriff "echtes Sonnar" reite ich deshalb so herum, weil nach 1945 ein deutlicher Trend zu verzeichnen ist, die strenge Drei-Gruppen-Bauweise zu verlassen und die Kittgruppen an unterschiedlichen Stellen aufzulösen. Beim Cardinar 4/100mm von Erich Fincke aus dem Jahre 1958 zeigt beispielsweise die charakteristische mittlere Kittgruppe einen deutlichen Luftspalt. International gesehen wird diese Entwicklung anschließend so weit getrieben, daß man sich durch Weglassen der sonnartypischen "Fülllinsen" wieder deutlich dem ursprünglichen Ernostar-Typus annähert. So erkennt man in unzähligen längerbrennweitigen Objektiven des Kleinbildes und Mittelformates aus Japan bei genauer Betrachtung den Ernostar-Aufbau. Es ist also nicht immer aus der Gravur ablesbar, daß man in Wahrheit auf einem Weg wandelt, den uns vor beinah hundert Jahren ein Ludwig Bertele gewiesen hat.

MTF Jena Sonnar 2/5cm
MTF Jena Sonnar 1,5/5cm

Zu jener Zeit, als die Sonnare entstanden, photographierte man Siemenssterne, Gitterstrukturen oder sogenannte Kreismiren, um die Wiedergabequalität photographischer Objektive zu prüfen. Anschließend wurden diese auf geringempfindlichen Schichten abgebildeten Figuren visuell dahingehend geprüft, welche Strukturen gerade noch aufgelöst wurden. Je nach Funktionsprinzip der o.g. Prüfmittel ließ sich dann eine Maßzahl für das maximale Auflösungsvermögen finden. Nach dem II. Weltkrieg setzte sich aber ein deutlich objektiveres Verfahren durch, bei dem das Vermögen eines Objektives, den Kontrast verschiedener Prüfgitter wiederzugeben, optoelektronisch gemessen wurde. Die typischen Kurven dieser "Modulationsübertragungsfunktion" zeigen also den Verlust an Kontrastwiedergabe durch das verwendete Objektiv gemessen über dessen Bildfeld hinweg auf. Unterschiedliche Prüffrequenzen (hier beispielsweise 10; 20 und 40 Perioden je Millimeter) lassen zudem Rückschlüsse darauf zu, wie gut ein Objektiv grobe und feine Strukturen wiedergeben kann, was dann in der Praxis mit deutlich faßbareren Begriffen wie Brillanz oder Schärfe in Verbindung gebracht werden kann. Allgemein gilt aber: Die Bewertung solcher Kontrastübertragungskurven ist ein schwieriges Metier und die in ihnen verborgene Aussagekraft ist vom Laien kaum herauszuinterpretieren. Hier im Falle der Sonnare 2/5cm (oben) und 1,5/5cm (unten) ist dies freilich etwas leichter, weil die Kurven bei voller Öffnung so haarsträubend tief verlaufen, wie man es bei neuzeitlichen Objektiven nicht zu Gesicht bekäme. Daraus erklärt sich sowohl die allgemeine Kraftlosigkeit der Abbildung wie auch die "matschige" Wiedergabe feiner Bildeinzelheiten, wenn diese urtümlichen Sonnare bei weiten Blendenöffnungen eingesetzt werden. Interessant ist aber, daß die Leistung im mittleren Bildfeld beim Abblenden rasch zunimmt und die Kurven schon bei Blende 4 einen Verlauf annehmen, wie man ihn auch von Zoomobjektiven der Mittelklasse kennt. Also durchaus brauchbar. Verblüffenderweise ist das Sonnar 1:1,5 abgeblendet stets geringfügig besser als das Sonnar 1:2,0 bei gleicher Blende. [nach: Barringer, Hennig, Scott: How good are the prewar Zeiss lenses; in: Zeiss Historica, Nr. 2/2003, S. 18...22.]

Marco Kröger M.A.


letzte Änderung: 18. September 2020