Mentor


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Mentor

Fast ein Monopol auf dem Gebiet der Großformatkameras hatte dieser Betrieb zu DDR-Zeiten. Die Tatsache, daß er schon vor dem Ersten Weltkrieg zu den Pionieren bei der Entwicklung des Schlitzverschlusses gehörte, ist all seinen Produkten bis zum Schluß deutlich anzusehen.

Mentor Atelier-Reflexkamera



Man muß sich einmal vor Augen führen, daß in der Geschichte der Photographie über beinah 100 Jahre hinweg das Negativ stets diejenige Größe haben mußte, die der spätere Abzug haben sollte. Erst in der Zwischenkriegszeit faßte man zögerlich ins Auge, ein kleines Negativ auf ein größeres Papierformat zu vergrößern. In der "ernsthaften" Photographie hat sich diese Vorgehensweise gar erst nach dem Zweiten Weltkrieg so richtig durchsetzen können. Selbst in Wochenschauen der 1950er Jahre sieht man noch Pressephotograpen mit 4x5 Zoll Kameras.

Mentor Reflex

Noch in den 1920er Jahren galt die klein zusammenschiebbare 9x12-Laufbodenkamera als typische Amateurkamera. Nicht zuletzt waren diese umständlich zu bedienenden Geräte mit den schweren, zerbrechlichen Glasplatten der Grund für Herren wie Oskar Barnack, Reinold Heidecke oder Victor Hasselblad, kompakte Qualitätskameras zu erfinden. Das Problem der althergebrachten Laufbodenkamera lag ja in ihrer unglaublichen Schwerfälligkeit. Ein Arbeiten ohne Stativ war fast unmöglich. Immerhin mußte erst die Mattscheibe eingelegt und der Verschluß und die Blende geöffnet werden, bevor man das Bild einstellen konnte. Dann mußte der Verschluß wieder geschlossen und die Blende eingestellt werden, damit die Mattscheibe gegen die Kassette ausgetauscht werden konnte. Man durfte aber keinesfalls vergessen, noch den Kassettenschieber zu ziehen, bevor man auf den Auslöser drückte. Ein Photographieren lebendiger Szenen war auf diese Weise quasi ausgeschlossen. Aus diesem Grunde setzte sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts neben der Laufbodenkamera die Spiegelreflexkamera durch. Nur sie ermöglichte über das präzise Scharfstellen hinaus auch das Betrachten des Mattscheibenbildes bis kurz vor der Aufnahme. Auch das Auswechseln der Platten gestaltete sich durch die räumliche Trennung von Mattscheibe und Kassettenrahmen deutlich einfacher und schneller.


Es gab dabei nur zwei Probleme: Diese Spiegelreflexkameras der starren Bauweise fielen mit wachsendem Bildformat immer sperriger aus. Eine 13x18-Reflexkamera war schlichtweg ein riesiger schwarzer Kasten, der praktisch nur fürs Atelier geeignet war. Zweitens war, da ja das Sucherbild bis kurz vor der Aufnahme sichtbar sein sollte, kein Zentralverschluß anwendbar. Die Reflexkamera verlangte stets nach einem Fokalebenenverschluß, der erst nach dem Wegklappen des Spiegels den Lichtpfad für die Platte freigeben durfte. Neben den Firmen ICA, der Ernemann AG und Curt Bentzin in Görlitz war es die Dresdner Kamerafabrik Goltz & Breutmann, die die Entwicklung des Schlitzverschlusses vorantrieben – insbesondere solcherlei für die Reflexkamera geeigneten. Großes Augenmerk mußte dabei auf die Verknüpfung zwischen Verschlußablauf und Spiegelbewegung gelegt werden. Auch der sogenannte gedeckte Aufzug war für die Spiegelreflexkamera besonders wünschenswert, damit die Vorhänge während des Spannens kein Licht auf die Platte fallen ließen. Potenziert wurden diese Konstruktionsprobleme noch, als nach dem Ersten Weltkrieg diese Spiegelrefelxkameras zusammenfaltbar gestaltet werden sollten. Aus dieser Zeit sind etliche Patentanmeldungen für das Mentor Camerawerk überliefert.

Mentor Reflex Apo Tessar

Mit dem Erscheinen der Kameras des "neuen Typs" in den 1930er Jahren waren diese zusammenfaltbaren Platten-Spiegelreflexkameras mit einem Schlag völlig uninteressant geworden. Nur die starren Typen hielten sich in den Portrait-Ateliers noch einige Zeit. Neu gekauft wurden sie aber selten und das mittlerweile von Rudolf Großer geführte Mentor-Kamerawerk geriet in eine schwere Krise. Großer versuchte Mitte der 30er Jahre mit einer Zweiäugigen Mittelformatkamera mit Schlitzverschluß namens "Mentorett", die nun gänzlich aus Metall gefertigt war, einen Fuß in neue Marktbereiche zu bekommen, aber hier war das Nachfragepotential derart heiß umkämpft, daß sich keine großen Erfolge einstellten.


Nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Photoateliers ausgebrannt waren, erlebten die klassischen Atelier-Spiegelreflexkameras noch einmal eine Renaissance und Mentor bot seine modernisierten 6,5x9 und 9x12 Modelle mit Blitzsynchronisaton an. Doch die Bauweise aus mit Leder umklebten Holz ließ diese Kameras wie aus der Zeit gefallen erscheinen. Der Betrieb brauchte dringend ein neues Produkt, um weiterexistieren zu können.

Mentor Reflex

Bei einer Spiegelreflexkamera mit Balgenfokussierung bedarf es einer besonders platzsparenden Konstruktion, wenn ein Neigen der Frontstandarte um die horizontale und vertikale Achse vorsehen werden soll. Denn zwischen Objektivbrett und Filmkassette befindet sich nicht nur ein Balgen, sondern der voluminöse Kamerakasten mit dem Reflexspiegel. Fährt man die Objektivstandarte weit zurück, dann muß sie regelrecht in diesen Spiegelkasten eintauchen können. Die Firma Goltz & Breutmann hatte eine besonders platzsparende Lösung für dieses mechanische Problem gefunden, die sie am 30. Januar 1927 unter dem Reichspatent Nr. 460.784 patentieren ließ und die später jahrzehntelang in Mentor-Großformatkameras in nur gering variierter Form angewendet wurde.


Mentor Studio



Die DDR der 50er und 60er Jahre war ein Paradies für den anspruchsvollen Photoamateur und für solche Berufsphotographen, die beispielsweise als Bildberichterstatter für Zeitungen arbeiteten. Mit den vier Kleinbildspiegelreflexkameras Exakta, Spiegelcontax, Praktica und Praktina, sowie ab Ende der 50er Jahre deren Rollfilmvariante Praktisix, war diese Nutzergruppe in einer Weise ausgestattet, wie es anderswo auf der Welt nicht besser sein konnte. Im Laufe der Zeit besserte sich die Situation auch einigermaßen für den Amateur mit normalen Ansprüchen bis herab zum „Knipser“. Ganz anders aber für diejenige Gilde der Berufsphotographen, die künstlerisch arbeiteten oder Aufträge beispielsweise aus der Industrie bekamen und wo es dadurch auf höchste Qualität, Retuschierbarkeit und Einzelverarbeitung der Aufnahmen ankam. In diesem Bereich war das Großformat der einzige akzeptable Lösungsweg. Aus den vielen Formaten der letzten hundert Jahre waren nurmehr die Bildgrößen 9x12, 13x18 und 18x24 cm als gängigste Standards übriggeblieben; manchmal noch 6,5x9 (eigentlich ein Mittelformat) und die Postkartengröße 10x15 cm. Aber Kameras, die diese Formate abdeckten, gab es in der DDR kaum zu kaufen. Außer der oben gezeigten Mentor-Reflexkamera gab es noch ein ähnliches Modell von Curt Bentzin, das kaum zu haben war. Glücklich schätzen konnten sich nur alt-etablierte Berufsphotographen, die eine derartige Ausrüstung aus der Vorkriegszeit ihr Eigen nennen konnten. Beinah unmöglich war es aber für Berufsneueinsteiger, eine moderne Großformatkamera erwerben zu können.


Das lag natürlich erst einmal hauptsächlich daran, daß die etabliertesten Hersteller für diese Kameratypen, wie beispielsweise Linhof oder Plaubel, in den westlichen Besatzungszonen beheimatet waren. Das ist meiner Ansicht nach aber nicht der hauptsächliche Grund. Es sollte doch keinerlei Zweifel darin bestehen, daß DDR-Firmen nicht auch eine Großformatkamera der Bauart optische Bank (wie damals die Linhof Kardan z.B.) hätten konstruieren können. Ich bin mir daher ziemlich sicher, daß der eigentliche Knackpunkt woanders gelegen hat: In der Verfügbarkeit des Schlüsselproduktes Zentralverschluß nämlich, der für derlei Kamerabauformen drigend benötigt wird. Importe kamen nicht infrage und demjenigen Hersteller, der hätte für Abhilfe sorgen sollen, dem ging Mitte der 50er Jahre schlichtweg die Puste aus. Der VEB Zeiss Ikon hatte die Entwicklung von eigenen, von Importen und Lizenzen freien Zentralverschlüssen nicht zuende führen können, obwohl die Arbeiten dazu bereits seit 1955 als abgeschlossen betrachtet werden konnten. Als dieses Projekt drei Jahre später unter Führung der Kamerawerke Niedersedlitz wieder aufgegriffen wurde, hatten sich die Prioritäten nachhaltig verschoben – zumal die Vereinigung des Dresdner Kamerabaus im Großbetrieb „Kamera- und Kinowerke“ (später Pentacon) alles Bisherige über den Haufen warf. Der Prestor wurde nur für Anwendungen im Kleinbildformat in Serie gefertigt. Kameratypen, die auf Hochleistungsverschlüsse mit größeren Durchlässen angewiesen waren, konnten schlicht und ergreifend nicht verwirklicht werden. An dieser Situation sollte sich bis zum Ende der DDR auch nichts mehr ändern. Die in den Jahren 1958/59 getroffenen Grundsatzentscheidungen prägten die hiesige Kameraindsutrie nachhaltig.

Mentor Studio

Die schwierige Situation im Bereich Großformat hatte im Laufe der 1950er Jahre unerträgliche Ausmaße angenommen. Im Jahre 1959 wurden offiziell folgende Großformatkameras in der DDR hergestellt: Neben der Mentor Atelier Spiegelreflexkameras in den Formaten 6,5x9; 9x12 und 10x15 cm die Reisekameras Globus Stella II des VEB Neue Görlitzer Kamerawerke in den Formaten 13x18; 18x24 und 20x30 cm sowie die Reisekamera Union III von Alfred Brückner in Rabenau in den Formaten 9x12; 13x18 und 18x24 cm. Die großen Spiegelreflexkameras von Mentor waren eigentlich nur als Portraitkameras im Atelier brauchbar. Ihre begrenzten Verstellmöglichkeiten und die fehlende Verwendbarkeit von kurzbrennweitigen Objektiven machten sie für den Berufsphotographen weitgehend uninteressant. Bei den beiden genannten Reisekameras „Stella“ und „Union“ handelte es sich gar um Modelle, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren – von einer modernen Großformatkamera waren diese antiken Konstruktionen also weit entfernt. Sie waren überdies auch nur darauf ausgelegt, daß die Belichtungsdauer mit dem Kassettenschieber geregelt werden konnte oder mit einem einfachen sogenannten Grundnerverschluß. Für Arbeiten außerhalb des Ateliers, zum Beispiel für Architekturaufnahmen, waren diese Kameras völlig ungeeignet bzw. unzumutbar. Absolut ausgeschlossen, daß man sie außerhalb des Ateliers hätte einsetzen können, war dies auch im Falle der großen Gabelstativ-Kameras vom Typ Globus-Stella V und IX, die in den 50er Jahren noch in Görlitz gefertigt wurden. Je nach Format wogen diese "neu gebauten Oldtimer" bis zu einem Zentner [Vgl. dazu Deutsche Kamera Außenhandelsgesellschaft mbH (Hrsg.): Photo-Kino-Katalog 1959, Blätter 1.27 … 1.32].

Alfred Brückner Union III

Die "Reisekamera" (was man halt im 19. Jhd. unter solch einem Begriff verstand) Modell Union III der Firma Alfred Brückner hier in einem Katalog aus dem Jahre 1934.

Aus dieser Kalamität gab es eigentlich nur einen Ausweg – und die Mentor Atelier-Reflexkamera wies ihn: Der vollständige Verzicht auf Objektivverschlüsse jeglicher Art zugunsten eines Fokalebenenverschlusses. Das war bei einer Großformatkamera bislang unüblich gewesen. Fokalebenenverschluß bedeutet, daß der Schliltzverschluß kurz vor der lichtempfindlichen Platte abläuft. Schlitzverschlüsse in einfachster Ausführung, die vor oder hinter das Objektiv geschraubt wurden, hatte es zwar vorher schon gegeben. Auch wurden schon in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Plattenkameras mit Schlitzverschlüssen ausgerüstet; aber hier lag meist das Ziel darin, besonders kurze Verschlußzeiten zu erreichen (zum Beispiel bei den sogenannten Fliegerkameras). Die Verknüpfung eines Fokalebenenverschlusses mit einer allseitig verstellbaren Laufbodenkamera; das war im Falle der Mentor Studio meines Wissens nach wirklich etwas Neues.

Vornweg eine Sache, die bei dieser Kamera ist falsch ist: Ihr Name. Es handelt sich nämlich durchaus nicht um eine reine Studio-Kamera, sondern vielmehr um eine universell verwendbare und trotzdem transportable Laufbodenkamera mit doppeltem Auszug und mannigfaltigen Verstellmöglichkeiten im Stile der Linhof Technika – ohne allerdings eine Kopie dieses Vorbildes zu sein. Rudolf Großer hatte hier durchaus viele eigene Lösungen erdacht, wie die Verstellung des Mattscheibenrahmens, für die neue Wege gefunden werden mußten, weil die Lösung mit den vier Bolzen in den Gehäuseecken von Linhof patentiert war [Vgl. Böhlke, Jürgen: Die MENTOR 13x18-Studio-Kamera; in: Die Fotografie 8/1958, S. 286.].


Allem voran lag der Schwerpunkt der für diese Kamera notwendigen Neuentwicklungen natürlich bei dem riesigen Schlitzverschluß im quadratischen Format 18x18cm, den es meines Wissens an keiner anderen Kamera dieser Bauart gibt. Er macht diese Kamera zu etwas Besonderem. Zu einer besonders lauten, werden die Kritiker sagen. Aber dieser Gesichtspunkt, daß der große Verschluß nicht gerade geräuschlos abläuft, spielt im Großformat meiner Ansicht nach keinerlei praktische Rolle. Auch daß nur Verschlußzeiten bis zur 1/5 Sekunde mit Elektronenblitz synchronisierbar sind, ist eher zweitrangig. Im Großformat wird stets mit ziemlich weit abgeblendeten Objektiven gearbeitet – die Gefahr der Nebenbelichtung durch zu helles Dauerlicht verliert dadurch stark an Bedeutung. Der größte Vorteil dieser Bauart liegt hingegen darin, daß wirklich sämtliche Objektive genutzt werden können – auch solche, die niemals für den Einbau in einem Zentralverschluß hergerichtet waren. Dazu zählen beispielsweise historische Typen (wie die bildgestalterisch interessanten Petzval-Objektive) oder aber Spezialanastigmate, wie sie in der Reproduktionsphotographie benutzt wurden. Auch können Objektive verwendet werden, die gar nicht mehr in einem Zenralverschluß unterzubringen sind, weil deren Durchmesser nicht ausreicht. In der ursprünglichen Ausführung lag die kürzeste Verschlußzeit der Mentor Studio bei 1/100 Sekunde [Vgl. ebenda.], die von keinem Zentralverschluß der größeren Bauform mehr erreicht wird. Später – diese Kamera wurde noch bis weit in die 80er Jahre in kleinen Stückzahlen gefertigt – erbrachte allerdings eine Vereinfachung des Verschlusses als kürzeste Zeit lediglich die 1/30 Sekunde. Dafür waren mit dem eingebauten Zusatzhemmwerk lange Verschlußzeiten bis 3 Sekunden möglich. Da dieses primitiv ausgeführte Hemmwerk allerdings sehr unzuverlässig arbeitet, habe ich es bei meiner Kamera durch eine elektronische Verschlußzeitenbildung bis 250 Sekunden ersetzt.

Erstmals war eine Mentor-Kamera gänzlich aus Metall gefertigt worden. Sie war stabil gebaut und die Verstellmöglichkeiten lagen zum Teil günstiger als bei der Technika 13x18. Trotzdem war sie im zusammengeklappten Zustand als kleiner Koffer gut transportabel. Die Mentor Studio blieb daher auch im Lieferprogramm, nachdem Mitte der 60er Jahre mit der Mentor Panorama eine echte Großformatkamera nach dem Prinzip der optischen Bank herausgebracht wurde. Diese Kameras waren im Vergleich freilich längst nicht so mobil wie die Studio, die sich problemlos auch über längere Wege bequem tragen ließ.


Von einem dieser jungen Berufsphotographen, die sich damals in den 60er Jahren eine Existenz aufbauten (Herr Ewald aus Berlin Buch), habe ich mir sagen lassen, daß diese Mentor Studio seinerzeit nur sehr schwer beschaffbar gewesen ist, woraus man schließen kann, daß sie offenbar nur in ganz kleinen Stückzahlen montiert wurde (was heute allein durch die lange Herstellungszeit überdeckt wird). In seinem Falle des selbständigen Photographen lag der Ausweg sogar einzig darin, das nötige Westgeld zu beschaffen und sich eine westdeutsche Linhof Super Technika 13x18 zu organisieren. So war das damals.

Mentor Studio

Mentor Panorama



Das Jahr 1965 brachte eine kleine Revolution in den bislang sehr vernachlässigten Großformat-Sektor der DDR. Auf der Jubiläumsmesse vom 28. Februar bis 9. März 1965 stellte Rudolf Großer seine Mentor Panorama 18x24 vor [Vgl. Fotografie 4/1965, S. 125]. Es folgte eine technisch identische Version für das Format 13x18 cm. Endlich eine Großformat-Kamera nach dem Bauprinzip der optischen Bank! Wieso hat das so lange gedauert könnte man fragen. Schaut man sich die Kamera genau an, so fällt sofort die massive Frontstandarte auf. Das war deshalb so dick, weil in ihr ein hinter dem Objektiv ablaufender Schlitzverschluß eingebaut wurde.

Mentor Panorama

Diesen Umstand kann man als Zeichen dafür deuten, daß 10 Jahre nach Beginn der Arbeiten an einem modernen, konkurrenzfähigen Zentralverschluß dieses Vorhaben mittlerweile aufgegeben worden war. Zwar war der Prestor-Durchschwingverschluß daraus hervorgegangen, aber 1965 gab es außer der Werra schon keine andere Kamera mehr, für die er gefertigt wurde. Das eigentliche Ansinnen, auf seiner Basis eine Serie von Zentralverschlüssen verschiedener Baugrößen zu entwickeln, um damit nicht nur die DDR-Photoindustrie sondern auch jene anderer RGW-Staaten zu bliefern, war gescheitert. Meiner Interpretation nach war dieser Prestor als Erbe des untergegangenen VEB Zeiss Ikon von Anfang an eine große Last für die jungen Kamera- und Kinowerke. Mit der konsequenten Hinwendung zur Einäugigen Reflexkamera Mitte der 60er Jahre und deren Großserienfertigung am Fließband waren Zentralverschlußkameras mit Spitzen-Zentralverschlüssen endgültig passé. Damit war zugleich auch ein Urteil für die Hersteller von Großformatkameras gesprochen.

Mentor Panorama

Vor diesem Hintergrund ist also die ungewöhnliche Lösung des Mentor-Kamerawerkes zu sehen, die neue Fachkamera mit einem Schlitzverschluß auszustatten. Aus Phototechnischer ist das allerdings in mehrerer Hinsicht nachteilig. Erstmal zieht ein solcher Tuchverschluß bei seinem Ablauf  deutlich größere Erschütterungen nach sich, als ein Zentralverschluß. Bei letzterem sorgen die in verschiedene Richtungen verlaufenden Massenbeschleunigungen dafür, daß sich kaum Erschütterungen auf die Kamera übertragen. Diese Verwacklungsgefahr muß der Photograph bei der Mentor-Kamera stets mit einkalkulieren und ein möglichst schweres Stativ verwenden.


Der zweite Nachteil hat dabei deutlich weniger Belang in der Praxis. Der Schlitzverschluß der Mentor Panorama läuft schließlich nicht vor der Bildebene ab, sondern unmittelbar hinter dem Objektiv. Aus der Theorie der Schlitzverschlüsse heraus ergibt sich, daß er dabei einen schlechten Wirkungsgrad zeigt. Im Prinzip projiziert ja das Objektiv einen "Schatten" des Belichtungsschlitzes auf die Bildebene. Je Nach Verstellung der Kamera ist dieser Schatten unterschiedlich deformiert und bewegt sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Bei den kurzen Verschlußzeiten, die einen kleinen Belichtungsschlitz bedingen, wird außerdem der freie Durchlaß des Objektivs beschnitten, was wie eine künstliche Abblendung wirkt. Da allerdings im Großformat meist ziemlich stark abgeblendet wird und außerdem kaum schnellste Bewegungen abgebildet werden müssen, wirkten sich diese prinzipiellen Schwächen in der Praxis kaum nachteilig aus.

Mentor Panorama

Bilder von Sebastian Philipp Manke

Dafür bot die Mentor Panorama aber den unschlagbaren Vorteil, daß an ihr fast ohne Einschränkungen alle möglichen Objektive angebracht werden konnten, wenn sie nur einen ausreichenden Bildkreis ausleuchteten. Es genügte die sogenannte Normalfassung, in der beispielsweise auch die herausragenden Apo-Germinare von Zeiss Jena geliefert wurden. Aber auch das Tessar 4,5/360 mm mit seinem riesigen Durchmesser war problemlos verwendbar. Einzig bei Weitwinkelobjektiven gab es ein Problem, da diese unter Umständen zu tief eintauchten und dabei mit dem Schlitzverschluß kollidierten. Diese brauchten also einen eigenen Zentralverschluß. Der in der DDR noch einige Zeit gefertigte Aristostigmat mit 120mm Brennweite paßte allerdings.


Heute, wo das Großformat zunehmend wieder neue Interessenten anzieht, stehen wir vor einem ähnlichen Problem, wie die Kamerahersteller in der DDR vor über 50 Jahren: Nachdem in Japan der letzte Lieferant für Zentralverschlüsse seine Arbeit eingestellt hat, fehlt aktuell dieses unverzichtbare Schlüsselprodukt. Wenn nicht bald wieder jemand solche klassischen mechanischen Objektivverschlüsse herstellt, wird der Nachschub an Großformatobjektiven abbrechen müssen. Einer der beiden verbliebenen deutschen Hersteller hat sich wohl schon aus eben jenem Grunde aus diesem Geschäftsfeld zurückziehen müssen. Oder wir erleben alternativ bald die Renaissance des Schlitzverschlusses an der Großformatkamera...

Marco Kröger


letzte Änderung: 14. Juni 2020