Paul Rudolph

Paul Rudolph

Gleich mit zwei bedeutenden Unternehmen unserer Mitteldeutschen Photoindustrie ist der Name Dr. Paul Rudolph (1858 - 1935) verbunden. Aber die Superlative häufen sich ohnehin, wenn von diesem Mann die Rede ist. Immer wenn es um den in der Optik so wichtigen Begriff des Astigmatismus geht, wird Rudolph im gleichen Atemzug genannt werden. Ganz dem Vorbild Josef Petzvals folgend, hat Paul Rudolph den Photoobjektivbau auf einer wissenschaftlichen Basis durchgeführt. "Ueber den Astigmatismus photographischer Linsen, dessen Wesen, Wirkung und Beseitigung" ist sein grundlegender Aufsatz zu diesem Sachgebiet betitelt, der in zwei Teilen in den Jahren 1891 und 1893 in Eders Jahrbuch erschien. Mit dem darin beschriebenen "Rudolph'schen Prinzip der anastigmatischen Bildfeldebnung" wurde ein neues Zeitalter in der rechnenden Optik eröffnet.

Paul Rudolph Zeiss Jena

Photo von A. Jäschke, Görlitz, aus den 1920er Jahren.

Aufgenommen übrigens mit Rudolphs Doppelplasmat 4/42 cm.

Ein erstes Triplet


Es war die durch die Arbeiten Otto Schotts geschaffene neuartige Materialbasis, die ab etwa 1886 den Objektivbau beflügelte. Insbesondere die für die Korrektur der Abbildungsfehler dringend benötigten hochbrechenden Krongläser hatten sich bereits in kürzester Zeit bei der Entwicklung von Mikroskop-Objektiven sehr bewährt. Der damals gerade 30-jährige Assistent Ernst Abbes machte daraufhin im Jahre 1888 den Vorschlag, in das Marktsegment des Photoobjektivbaus einzutreten. Ein zuerst nach Vorschlägen Abbes entwickeltes Triplet [DE55.313 vom 3. April 1890] erwies sich als noch stark vom Mikroskop-Objektivbau geprägt: Die sphärische (Kurven in a) und vor allem die chromatische Aberration waren gut auskorrigiert, aber das extreme Auseinanderlaufen beider Bildschalen (Kurven in b) sorgte dafür, daß quasi nur die Bildmitte scharf abgebildet wurde [nach Zöllner, Harry: Jena - seit 70 Jahren Zentrum der Fotoobjektiventwicklung, Zum 100. Geburtstag von Dr. Paul Rudolph; in Fotografie 11/1958, S. 395.].

Triplet nach Abbe/Rudolph 1888

Der Anastigmat


Abbe und Rudolph war nach diesem ersten Mißerfolg klar, daß für den Bau von Photoobjektiven ein gänzlich neuer Ansatz verfolgt werden müsse, der auf eine anastigmatische Bildfeldebnung hinauszulaufen hatte. Anders als beim Mikroskop oder beim Fernrohr verlangen Photoobjektive nämlich nach einem vergleichsweise großen Gesichtswinkel. Schon beim sogenannten Normalobjektiv nimmt dieser Größenordnungen von 50 Grad an. Es ist dabei nicht mehr zu vernachlässigen, daß Licht, das das optische System in unterschiedlichen Ebenen schräg durchläuft, in keinem gemeinsamen Brennpunkt vereinigt wird. Vielmehr bilden sich zwei sogenannte Bildschalen (daher auch Zweischalenfehler genannt), die unter Umständen zum Bildrand hin völlig auseinanderlaufen, wie das oben im Koordinatensystem b) gut erkennbar ist. Ein mit diesem Fehler behaftetes Objektiv läßt sich stets entweder nur auf senkrecht oder waagerecht (genauer: tangential und radial) ausgerichtete Bildeinzelheiten scharfstellen. Um diesen in der Praxis unerträglichen Übelstand, der auch nicht durch bloßes Abblenden zurückzudrängen ist, auszumerzen, muß in einem ersten Schritt die sogenannte sagittale mit der meridionalen Bildschale vereinigt werden. Das genügt aber meist noch nicht. Denn nun liegen die Bildunkte aus beiden Strahlenbüscheln zwar auf einer gemeinsamen Ebene, diese ist aber oftmals nach wie vor durchbogen. Deshalb muß eine anastigmatische Korrektur eines optischen Systems eigentlich immer mit einer gleichzeitigen Ebnung des Bildfeldes einhergehen, damit die Brennpunkte in der Bildmitte und am Rand so exakt wie möglich auf der flachen Photoplatte liegen.

Paul Rudolph Anastigmat 1890

Den dahingehend bereits im Frühjahr 1889 erreichten Fortschritt erkennt man oben an den Bildfehlerkurven des ersten Zeiss-Anastigmaten, der später in weiterentwickelter Form als Protar vertrieben wurde [DRP Nr. 56.109 vom 3. April 1890]. Im direkten Vergleich sieht man nun, wie sich im Koordinatensystem b) die Kurven für die meridionale und sagittale Bildschale regelrecht um die Bildebene (y-Achse) "herumschlängeln". Ganz am Bildrand, bei einem halben Bildwinkel von etwas über 25 Grad, fallen beide Schalen sogar wieder mit der Bildebene zusammen. So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben!


Anhand der im Korrdinatensystem a) wiedergegebenen Kurven erkennt man aber, daß mit diesem einfachen Duplet die sphärische Aberration nur bedingt beherrschbar war. Die sogenannten Zonen – die Ausbeulung der Kurven, bevor sie am Rande des Systems wieder die Achse schneiden – waren sogar größer geworden. Und das bei bescheidener Lichtstärke, die kaum über das hinausging, was damalige Aplanate und Antiplanete boten. Aus den Kurven des Kugelgestaltsfehlers und der Abweichung von der Sinusbedingung läßt sich ja immer die zugrundegelegte Lichtstärke ablesen, wenn die Diagramme nach der durch Moritz von Rohr vorgeschlagenen Dimensionierung angefertigt wurden. Auf der y-Achse ist demnach die halbe Öffnung des Objektivs von etwas über 6 Millimetern (also reichlich 12 Millimeter Gesamtdurchmesser) ablesbar. Da die Brennweite immer auf 100 Millimeter bezogen ist, bedeutet dies also, daß die Lichtstärke dieses ersten Anastigmaten mit um die 1:8 veranschlagt gewesen ist. Nach Eder ist das auf diesem Anastigmat fußende Protar später mit Lichtstärken bis 1:4,5 herausgebracht worden, diese lichtstarken Serien seien aber schon nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen worden. Länger gehalten haben sich demnach nur die Serien IIIa und V mit Lichtstärken von 1:9 und 1:18, die als Weitwinkelsysteme mit Bildwinkeln bis über 100 Grad einsetzbar waren. [Vgl. Eder, Josef Maria: Die photographischen Objektive; in: Ausführliches Handbuch der Photographie, Band I, 4. Teil, 1911, S. 130].

Zeiss Protar Anastigmat 1:18

Der teils noch bis in die 20er Jahre hergestellte Protar-Anastigmat 1:18 für Weitwinkelaufnahmen bis 110 Grad

Der Satzanastigmat


Der Zeiss'sche Anastigmat blieb dazumal nicht lange ohne Konkurrenz. Das lag in nicht geringem Maße auch daran, daß Paul Rudolph verbissen an der Umarbeitung seiner Erfindung zum Satzobjektiv festhielt. Der Hintergedanke bei dieser Bauart war, dem Photographen durch das Austauschen mehrerer Vorder- und Hinterglieder unterschiedlich lange Brennweiten zur Verfügung zu stellen. Rudolph konzentrierte sich daher ab etwa 1891 auf die Schaffung einer dreifach verkitteteten Anastigmatlinse, also darauf, bereits die jeweilige Hälfte eines Gesamtobjektivs vollständig anastigmatisch zu korrigieren. [Ich habe zu diesen Arbeiten bislang nur ein schweizerisches Patent Nr. CH6329 vom 15. Februar 1893 finden können]. Genau während dieser Zeit, als sich Rudolph also auf diese in der Praxis sehr teuren Objektivsätze versteift hatte, schuf in Schöneberg bei Berlin der 27-jährige Emil von Höegh einen Doppelanastigmaten, dessen anastigmatische Korrektion auf Rudolphs Grundprinzip der gegensätzlich brechenden Kittflächen basierte. Während Rudolph aber in letzter Zeit stark mit dem Auskorrigieren der einzelnen Objektivhälfte beschäftigt war, wurde er "gegen Ausgang von 1892 durch eine Patentanmeldung des GOERZischen Hauses auf das aus zwei solchen Linsen gebaute symmetrische Objektiv, den Doppelanastigmat, überrascht, das gerade in dieser Doppelform und nicht in den Einzellinsen besonders vollkommen durchgearbeitet war". [Rohr, Moritz von: Die Geschichte des photographischen Objektivs, in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band I, Das photographische Objektiv, Wien, 1932, S12.] 


An diesem Punkt hatte Paul Rudolph also den Mitbewerbern ein Einfallstor offen gelassen, durch das nun bald nicht nur das Goerz'sche Dagor auf den Markt drängen konnte, sondern viele andere Fabrikate an Doppelanastigmaten auch, die auf dem Rudolph'schen Prinzip der anastigmatischen Korrektur aufbauten. Während sich Moritz von Rohr in dem oben bereits zitierten Aufsatz wundert, weshalb Zeiss nicht patentrechtlich gegen Goerz und Consorten vorging, will ich eine mögliche Antwort wagen: Fast alle diese Doppelanastigmate kamen nicht ohne die neuen Krongläser aus Jena aus, und auf diese hatte der Zeisskonzern mit seinem Glaswerk ein Monopol, weshalb er auch an jedem Konkurrenzerzeugnis stets kräftig mitverdiente.



Das Planar


Die Erhöhung der Lichtstärke – ein Bestreben, mit dem man sich auch wieder deutlich von den Mitbewerbern hätte absetzen können – erwies sich freilich als deutlich schwieriger zu erreichen als gedacht. Rudolph ging nun dazu über, ebenfalls einen in seiner Gesamtheit korrigierten Doppelanastigmaten zu erarbeiten. Als Lösungsansatz griff er auf ein von Carl Friedrich Gauß angegebenes Fernrohrobjektiv zurück, das die Beseitigung der sphärischen Aberration für wenigstens zwei Farben in Aussicht stellte. Dazu mußte dieser vielversprechende Typ freilich erstmals anastigmatisch korrigiert werden.


Sein aus diesen Arbeiten im Jahre 1896 hervorgegangenes Planar mit Lichtstärken bis 1:3,6 war damals sehr aufwendig und teuer in der Herstellung. Außerdem neigte es als Vertreter des Doppelgaußobjektivs im Alltag zu schwer beherrschbaren Überstrahlungen. Immerhin konnten im ungünstigsten Fall seine acht Glas-Luft-Flächen nicht weniger als 28 Spiegelbilder von im Bilde vorkommenden Lichtquellen auf die Schicht werfen [Vgl. Naumann, Helmut; Das Auge meiner Kamera, 2. Auflage, 1951, S. 55]. Dieser vielversprechende Objektivtyp, für den Rudolph den Grundstein gelegt hatte, konnte erst nach den Weiterentwicklungen u. a. durch Merté und Tronnier zu jenem Erfolg gebracht werden, der ihn bis heute zu einem der wertvollsten Konstruktionen im Bereich der gesamten Photooptik macht.

Zeiss Planar 1:4,5

Das Tessar


Rudolphs Streben, zu einem einfacheren, preiswerter herstellbaren und dennoch hochwertigen Universalobjektiv zu gelangen, führte ihn zunächst in eine Sackgasse, in der er nicht weiterkam. Dem "Unar" [DRP Nr. 134.408 vom 3. November 1899] war kein großer Erfolg beschieden. In dieser Phase konnten Konkurrenzfirmen dem Zeisswerk sogar wieder einmal deutlich vorwegeilen. Das Heliar, das Hans Harting im Jahre 1900 für Voigtländer errechnet hatte, ist ein Beispiel dafür. Doch mit dem vierlinsigen, dreigliedrigen Tessar gelang Rudolph 1902 ein derartiger Wurf, daß er damit für Jahrzehnte einen Standard im Bereich des hochwertigen Universalobjektivs geschaffen hatte. Gedrungener Aufbau und dadurch geringer Lichtabfall zu den Rändern, flache, dünne Linsen, die sich leicht herstellen ließen und eine hervorragende Bildleistung sogar bei höheren Lichtstärken – diese Eigenschaften des "Adlerauges der Kamera" ließen Zeiss Jena nun endgültig zur führenden Objektivbauanstalt des Weltmarktes werden. Eine Freude, daß Ernst Abbe diesen Erfolg noch miterleben durfte.




Rudolphs Krise bei Zeiss


Aber ach! Bei aller Genialität; Paul Rudolph scheint wohl auch ein rechter Hitzkopf gewesen zu sein. So wie er zehn Jahre zuvor den Photobjektivbau bei Zeiss initiiert hatte, so meinte er nun, das Unternehmen auf den Sektor des Kamerabaus ausweiten zu müssen. Er verhandelte dazu ab 1899 mit dem Görlitzer Kamerafabrikant Curt Bentzin, der sich einen Namen mit seinen Schlitzverschlußkameras gemacht hatte. Dessen Unternehmen sollte für 100.000 Reichsmark übernommen und in Jena eine "Palmos Camerawerke AG" gegründet werden, während der Betrieb in Görlitz als Filiale erhalten bleiben sollte.


„Der Gesellschaftsvertrag wurde am 26. März 1900 unterzeichnet. Rudolph brachte 51,6 Prozent des Aktienkapitals auf und interessierte den Verwandten- und Bekanntenkreis für die Gesellschaft, der sich im Vertrauen darauf, daß die Optische Werkstätte [gemeint ist das Zeisswerk, MK] hinter dieser Gesellschaft stand, finanziell beteiligte. Aber die erwarteten Erfolge sollten sich nicht einstellen, und dem Unternehmen drohte der Konkurs. Die Gründe lagen in der unbefriedigenden Ausführung der Erzeugnisse und den damit verbundenen Reklamationen sowie in der unzureichenden Konstruktion der Kameras. [...] Um den Konkurs zu vermeiden, übernahm die Optische Werkstätte 1901 das Werk. Aber die geschilderten Grundmängel zwangen schließlich dazu, das ganze Unternehmen unter erheblichen Verlusten zu liquidieren. Die Optische Werkstätte erlitt dabei einen Verlust von schätzungsweise 300.000 Mark.“ [Hellmuth/Mühlfriedel, Zeiss 1846 – 1905, 1996, S. 208]

GB190020932 Paul Rudolph Kamera

Von diesem Ausflug Rudolphs in den Kamerabau zeugt ein britisches Patent Nr. 20.932 vom 20. November 1900, das er zusammen mit Oswald Näther angemeldet hatte. Aus der Beschreibung geht hervor, daß beide an einer Rollfilmkamera mit gekuppeltem Schlitzverschluß arbeiteten. Es folgte noch ein britisches Patent Nr. 16.601 vom 19. August 1901 und ein US-amerikanisches Nr. 708.727 vom 13. Dezember 1901, die beide nur noch Näther als Erfinder nannten, aber letztlich in dieselbe Kerbe einer entsprechenden Schlitzverschlußkamera schlugen.

Wohl ab diesem Zeitpunkt war das Verhältnis des Zeisswerks zu Paul Rudolph endgültig zerrüttet. Darüber konnte auch der Erfolg seines Tessares nicht mehr hinwegtäuschen. Im Gegenteil: Seit dem Jahre 1897 lag er mit der Werksleitung hinsichtlich der Vergütung seiner Arbeit in Zwietracht. Trotz eines auf den ersten Blick günstigen Anstellungsvertrages, den er noch mit Ernst Abbe am 6. Juni 1889 ausgehandelt hatte, fühlte sich Rudolph übervorteilt:


" 'Dr. Rudolph stellt seine ganze Arbeitskraft der Werkstätte Carl Zeiss zur Verfügung und übernimmt im Besonderen die Leitung sämtlicher rechnerischer Arbeiten, die die Construction optischer Systeme bezwecken. [...]

Alle aus den im Interesse der Werkstätte übernommenen Arbeiten entspringenden, geschäftlich verwertbaren Resultate stellt Dr. Rudolph der Firma zur Verfügung. Er behält sich aber das Recht vor, die sich bei seiner Thätigkeit ergebenden Resultate theoretischer Natur unter seinen Namen veröffentlichen zu können'


Die Firma Zeiss 'gewährt Dr. Rudolph eine von Seiten der Firma unkünbare Anstellung'. Für die Zeit zwischen 1. Oktober 1889 und 1. Januar 1900 wurde ein Gehalt von 4.000 Mark, dann bis zum 1. Oktober 1900 von 5.000 Mark und danach ein jährliches Gehalt von 6.000 Mark vereinbart. Der Pension sollten ab dem 1. Oktober 1889 3.000 Mark und danach 5.000 Mark zugrunde liegen. 'Außerdem gesteht die Firma Zeiss dem Dr. Rudolph 1/3 des Bruttogewinns zu, der durch Verkauf von Patentlizenzen des Photographischen Objektivs, welches Dr. Rudolph zum Frühjahr 1889 erfunden hat (Anastigmat), sich ergeben wird. [...] Schließlich verpflichtet sich Dr. Rudolph seiner Seits bei einem Weggang aus dieser Stellung, den er nach einer 1/2 jährigen Kündigungsfrist bewirken kann, zu der Bedingung, daß er innerhalb der nach tatsächlicher Auflösung des Contracts liegenden Frist von 10 Jahren für keine andere optische Werkstätte irgendwie thätig sein wird, welche auf einem der Fabrikationsgebiete der Firma Zeiss mit dieser in Concurrenz steht.' " [zitiert nach: Hellmuth/Mühlfriedel, Zeiss 1846 – 1905, 1996, S. 249f.]


Einen ziemlichen Knebelvertrag hatte Paul Rudolph da unterzeichnet; ein goldener Käfig, in dem er da steckte. Dies scheint ihm bewußt geworden zu sein, nachdem sein Planarobjektiv auf den Markt gebracht worden war. Eine zentrale Bedeutung für die sich in den kommenden Jahren entwickelnde Beziehung Rudolphs zu seinem Arbeitgeber haben nämlich offensichtlich die in diesem Vertrag zugesicherten zusätzlichen Einnahmen aus dem Verkauf von Lizenzgebühren. Diese beschränkten sich aber, wie oben ersichtlich, allein auf den Anastigmat-Typus von 1889/90. Ernst Abbe, der Anfang der 1890er Jahre – zu einer Zeit also, in der der deutsche Konjunkturmotor nicht immer ganz rund lief – ein übermäßiges Wachstum der Belegschaft vermeiden wollte, setzte daher bezüglich des neuen Geschäftsfeldes der Photoobjektive auf eine Vergabe von Fertigungslizenzen an in- und ausländische Hersteller. Im Geschäftsjahr 1891/92 stellten diese Lizenznehmer immerhin Objektive im Wert von fast 129.000 Mark her, was im folgenden Geschäftsjahr bereits auf über 278.000 Mark gesteigert werden konnte. Im Geschäftsjahr 1900/01, also dem letzten bevor das Tessar zu Buche schlug, setzten Unternehmen, die auf Basis von Zeiss-Lizenzen fertigten, bereits Objektive im Wert von 763.000 Mark um. Sie verkauften in dieser Zeitspanne 6100 Objektive, während Zeiss selbst 7000 hergestellt hatte. [Vgl. Hellmuth/Mühlfriedel, Zeiss 1846 – 1905, 1996, S. 206/207.]


Je dominanter nun also die neuen Objektivtypen ins Blickfeld traten, um so unbedeutender geriet der Anteil der vom Anastigmat abgeleiteten Objektive. Denn richtig einträglich wurde der Objektivbau bei Zeiss Jena erst mit den Reproduktions-Planaren, die von der reprographischen Industrie gekauft wurden und natürlich mit dem Tessar, das Zeiss Jena bis zum ersten Weltkrieg selbst zu zehntausenden fabrizierte und für das die Werkstätte obendrein noch umfangreiche Fertigungslizenzen an ausländische Firmen vergab. Wäre Paul Rudolph im Besitz seiner eigenen Erfindungen gewesen, so wäre er binnen kurzer Zeit zum Millionär geworden. Dazu hätte er aber an irgendeinem Punkt vorher kündigen und anschließend ein Jahrzehnt lang am Hungertuch nagen müssen, bevor er seine Konstruktionstätigkeit hätte anderswo wieder aufnehmen können. Eine ausweglose Lage also, zumal ihn auch sein Arbeitgeber nicht los wurde, da dieser Rudolph schließlich eine unkünbare Stellung vertraglich zugesichert hatte. Aus dieser mißlichen Lage heraus ergaben sich nun leider Jahre der weitgehenden schöpferischen Untätigkeit Rudolphs.


Das kann man heute deshalb mit Gewißheit sagen, weil es mittlerweile durch die Digitalisierung der Archive möglich geworden ist, auch Einblick in die US-amerikanischen Patente zu nehmen. Diese weisen die Besonderheit auf, daß in ihnen der Erfinder namentlich genannt werden muß. Man kann anhand der US-Patente also eindeutig nachvollziehen, wer genau wirklich was beigetragen hat. Eine diesbezügliche Recherche ergibt nun im wesentlichen zwei Erkenntnisse: Erstens wurden zwischen dem Erscheinen des Tessars und Rudolphs Weggang 1911 außer dem Magnar keine weiteren Erfindungen geschützt, die noch zu realen Zeiss-Produkten geführt hätten. Dabei benennt ein erstes Schutzrecht zu einem Teleobjektiv mit der Nr. US873.898 vom 2. März 1906 Rudolph und Wandersleb noch gleichermaßen als Erfinder. Aber das eigentliche, dem Magnar letztlich zugrundeliegende Patent Nr. US943.105 vom 13. August 1909 weist dann nur noch Wandersleb als Erfinder aus.


Von einer viel bezeichnenderen Aussagekraft ist freilich der Umstand, daß die letzten Patente Rudolphs für das Zeisswerk tatsächlich nur noch ein Laborieren an seinem Anastigmaten aus den 1890er Jahren erkennen lassen; namentlich die Nr. US895.045 vom 12. Juli 1907 als eine eine Verbesserung seines Protars und die Nr. US1.021.337 vom 4. Oktober 1910 als eine Verbesserung seines Anastigmat-Satzes. Noch deutlicher konnte meiner Ansicht nach ein Chefkonstrukteur seinem Arbeitgeber nicht begreiflich machen, daß er ohne direkte finanzielle Beteiligung nicht mehr gewillt ist, noch irgendeine ökonomisch verwertbare Erfindung zur Verfügung zu stellen.



Neuanfang im fortgeschrittenen Alter


Nach einem vergleichenden Schiedsverfahren im Jahre 1910 konnte sich Paul Rudolph im folgenden Jahr endlich von Zeiss lösen [Vgl. Hofmann, Christian: Rudolph, Paul; in: Neue Deutsche Biographie 22, 2005.] und sich offenbar mit einer Abfindung auf das ehemalige Rittergut Grün im Tal der Göltzsch bei Lengenfeld im Vogtland zurückziehen. Wie zu erwarten, verweigerte das Zeisswerk im Jahre 1913, daß Rudolph für das konkurrierenden Voigtländerwerk arbeiten durfte [Vgl. ebenda.]. Tatsächlich dauerte es bis zum Jahr 1920, daß Paul Rudolph mit über 60 Lebensjahren wieder als Objektivkonstrukteur arbeiten konnte. Er verlegte nun sogar noch einmal seinen Wohnsitz nach Großbiesnitz bei Görlitz [Angabe in den Patentschriften dieser Zeit], um in den Dienst der optischen Werkstätte Hugo Meyer einzutreten. Man kann nur spekulieren, inwieweit ihn wirtschaftliche Not zu diesem Schritt trieb. Hier in Görlitz brachte er seinen während des Krieges entwickelten Plasmat-Typus ein, der dazu gedacht war, der niederschlesischen Objektivbauanstalt zu einem Technologieschub zu verhelfen.

Meyer Doppel-Plasmat 1:4,0

Aber trotz der Tatsache, daß Rudolph diesen hoch auskorrigierbaren Plasmat-Anastigmaten ständig weiterentwickelte, stellte sich kein dem Tessar oder Biotar vergleichbarer wirtschaftlicher Erfolg ein. Die 20er Jahre waren aus heutigem Wissensstand heraus betrachtet eine Sattelzeit für den Objektivbau, in der sich zwar schon neue technische Entwicklungspfade abzeichneten, aber wo noch nicht genau klar war, wohin genau sich diese bewegen werden. Erst nach 1930 kristallisierte sich langsam heraus, daß die Kinematographie und die aufkommende Kleinbildphotographie nach Objektiven verlangte, die eine kompromißlose Abbildungsleistung bei einer bis an die Grenzen des Möglichen getriebenen Lichtstärke erforderte. Die Kino- und Kleinbildplasmate, die Rudolph noch bis wenige Jahre vor seinem Tode errechnet hatte, waren dabei ihrer Zeit zum Teil weit voraus und dadurch was Aufwand und Preis anbelangte seinerzeit nicht marktgerecht. Und so wie Wandersleb und Merté damals sogleich die Position besetzten, die Rudolph nach seinem Weggang aus Jena offengelassen hatte, so waren es in Görlitz nun Paul Schäfter und Stefan Roeschlein, die in seine Fußstapfen traten und die Meyer'sche Objektivbauanstalt erfolgreich in ebenjenes Zeitalter führten, das ich oben beschrieben habe.

Meyer Plasmat

Diesen vier Herren beispielsweise gelang dabei etwas, das Paul Rudolph in diesem Ausmaß nie vergönnt gewesen ist: Ihre Objektivberechnungen wurden genau in der von ihnen geschaffenen Konfiguration zum Teil jahrzehntelang (Biotar, Primoplan) mit großem ökonomischen Erfolg hergestellt. Was diese wirtschaftliche Verwertung betrifft, hat es den Anschein, als habe Paul Rudolph dabei zeitlebens nicht die glücklichste Hand gehabt.

Marco Kröger


letzte Änderung: 9. November 2021