Pancolar 1,4/55

Pancolar 1:1,4/55 mm

Schon in den 1930er Jahren wurde versucht, Willy Mertés Biotar 1,4/5 cm, das nur für das Normalfilm-Format gerechnet war, für die Leica zu adaptieren. Es sollte sich zeigen, daß für das volle Kleinbild der Gauß-Typ deutlich abgewandelt werden mußte.

Pancolar 1,4/55

1. Vorgeschichte: Drei gescheiterte Anläufe für ein Biotar 1,4/50 mm

Wir befinden uns im Herbst 1955. Der seit 1929 bei Zeiss arbeitende Optik-Konstrukteur Eduard Hubert (1910 - 1992) hat gerade die Rechnung für ein neues hochlichtstarkes Normalobjektiv 1,4/50 mm fertiggestellt, das von nun an als Versuch V210 läuft. Am 27. Oktober hat er die unten zu sehende Aufstellung zusammengestellt, mit der er zwecks Anfertigung eines Musterobjektivs bei Schott das nötige Glas in Form von Platten bzw. Preßlingen bestellte. Den Werten für Brech- und Abbezahl aus dem Katalog sind die entsprechenden Werte der verfügbaren Schmelzen gegenübergestellt. Schon tags darauf hat er dann die Gläser bei Kollegen Stein im Jenaer Glaswerk reservieren lassen.

Biotar 1,4/50 Huber

Das Jahr 1955 ist eine Zeit des großen Umbruchs im VEB Zeiss Jena. Seit August konnten mit dem Digitalrechner Oprema erstmals komplexe Strahlenberechnungen durchgeführt werden, die zuvor "per Hand" beinah unmöglich waren. Und wenn wir oben schauen, was bei Linse 5 für eine Glasart eingetragen ist, dann verbirgt sich hinter dem Kürzel SSK10, daß mittlerweile die massenfabrikatorische Herstellung sehr aggressiver und nur schwer amorph erstarrender Schmelzen mit hohen Anteilen an seltenen Erden und anderer Metalle möglich geworden war. Dazu war in den letzten zehn Jahren mit dem Platinschmelzverfahren eine völlig neue Herstellungstechnologie eingeführt worden.

Biotar 1,4/50 Versuch V210

Die endgültige Rechnung für diesen Versuch V210 wurde dann kurz vor Weihnachten am 21. Dezember 1955 fertiggestellt. Es herrschte offenbar hoher Zeitdruck. Schließlich mußte die optischen Rechnung abgeschlossen sein, bevor an die Konstruktion der Fassung gegangen werden konnte. Aus irgendeinem, heute nicht mehr bekannten Grund, mußte das Objektiv bis zum 10. April 1956 fertig werden. Das neue Biotar 1,4/50 mm wurde zum Schwerpunktobjektiv erklärt.

Zeiss Biotar 1,4/50 V210

Die Abbildung oben zeigt uns, was für ein modernes Objektiv dieses Biotar 1,4/50 mm gewesen wäre. Die Grundidee, die hintere Sammellinse in zwei einzelne Elemente aufzuspalten, geht auf eine Erfindung der Firma Taylor & Hobson aus dem Jahre 1930 zurück und ist im Britischen Patent Nr. 373.950 vom 23. Dezember 1931 geschützt. Das erste kommerzielle Objektiv nach dieser Bauform für die Stillbildphotographie dürfte das Leitz Xenon 1,5/5 cm für die Leica gewesen sein. Was in den 30er Jahren noch inakzeptabel war, nämlich durch Aufspalten des Gauß-Typs noch mehr spiegelnde Flächen hinzuzufügen, war angesichts der modernen Vergütungsschichten mittlerweile unproblematisch geworden. Neben dem Hauptaugenmerk einer günstigeren sphärischen Korrektur und einer besseren Bildfeldebnung hatten diese zwei bildseitigen Sammellinsen noch einen weiteren positiven Effekt: Wie man sieht sorgten sie dafür, daß die hintere Hauptebene, von der ab die Brennweite gemessen wird, weit nach hinten verlagert wurde, sodaß trotz einer Brennweite von 51,85 mm die Schnittweite fast 38 mm lang war und daher bei allen Kleinbild-Reflexkameras keinerlei Anpassungsschwierigkeiten auftreten konnten. Nach dem obigen Schema waren im Prinzip später alle hochlichtstarken Normalobjektive aufgebaut – und zwar bis in die jüngste Zeit.

Biotar 1,4/50 Versuche

Es sind zwar leider keine Prüfprotokolle zu diesem Biotar 1,4/50 nach Versuch V210 erhalten geblieben, aber wir müssen wohl davon ausgehen, daß die Bildleistung nicht ausreichend war. Das Objektiv gelangte nicht auf den Markt. Stattdessen hatte Herr Hubert im Juni 1956 und im Januar 1957 mit den Versuchen V220 und V240 zwei weitere Rechnungen abgeschlossen. Bei gleichem Grundaufbau wurden noch schwerere Gläser eingesetzt. Folge waren mit 53,5 mm bzw. 51,1 mm deutlich kürzere Optiken, die sicherlich eine wesentlich bessere Randausleuchtung des Bildfeldes zeigten.

Barit Flint BaF13

Doch diesmal läßt sich ziemlich genau sagen, weshalb keines dieser beiden Versuchs-Objektive V220 und V240 in die Serie überführt werden konnte. Das lag wohl an dem mit n = 1,73224 sehr hoch brechenden und dabei mit seinem ny-Wert von 49,7 nur ganz knapp unter der Grenze zu den Schwerstkrongläsern liegenden Baritflint BaF13. Dieses für damalige Verhältnisse extreme Glas, das zur Zeit der Konstruktion der Versuchsobjekte nur als Versuchsschmelze vorlag, wurde offenbar nie in die Massenfertigung überführt. Auch das Flektogon 4/25 war davon betroffen. Ob das an technische Problemen lag oder eher einen lizenzrechtlichen Hintergrund hatte, das ließ sich bislang nicht klären. Denn Schott in Mainz führte diese Glasart regulär im Angebot. Ein ähnliches Problem ergab sich dann bei einem Biotar 1,4/50 nach Versuch V266 vom 8. Januar 1958. Hier wurde in Linse 5 ein Schwerkron-Sonderglas mit den Daten n = 1,7554 bei einem ny von 50,1 zugrundegelegt, bei dem offenbar ebenfalls keine serienmäßige Fertigung gelang. Obwohl die Grundkonstruktion dieser letzten drei Versuchsobjektive also als der richtige Weg angesehen werden kann, konnte Jahr für Jahr keine Überführung in die Serienfertigung stattfinden, weil die Glasarten mit extremen Eigenschaften, die man für ein solches Objektiv wirklich benötigte, über Versuchsschmelzen nicht hinauskamen. Das ganze Unterfangen gelang erst, nachdem Schott ein neues Schwerstkronglas zur Verfügung stellen konnte.

2. Kamera- und Objektivbau als gegenseitige Antreiber

Wäre dieses Biotar 1,4/50 mm im Jahre 1956 oder 1957 auf den Markt gebracht worden, dann hätte der VEB Zeiss Jena natürlich einen internationalen Achtungserfolg erzielen können. Denn in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre drängte immer mehr die japanische Photoindustrie insbesondere auf den lukrativen US-Markt. Und in zunehmendem Maße geschah dies auch mit Kleinbild-Spiegelreflexkameras, die zuvor beinah monopolartig aus Dresden gekommen waren. Während eine Kamera wie die Exakta sichtlich in die technische Stagnation abrutsche und ihr Verkaufspreis verfiel, wurde das hochentwickelte Praktina-System auf dem internationalen Markt regelrecht ignoriert – was unter Umständen auch mit einer falschen Vermarktungsstrategie der DDR-Photoindustrie zu erklären ist. Diese Kamera wurde jedenfalls gerade aus dem Programm genommen, als eine Nikon F oder kurze Zeit darauf die hochmoderne Topcon RE super den amerikanischen Markt eroberten.

 

Erst zu Beginn der 1960er Jahre besserte sich die Lage: In Dresden war ein Kamera-Großbetrieb geformt worden, der ab 1964 als VEB Pentacon Bekanntheit erlangte. Einher ging ein Generationswechsel unter den Konstrukteuren, die mit neuen Ideen und neuem Elan Vorhandenes verbesserten und Neues schafften. Mit der PRAKTICAmat sammelte man erste Erfahrungen mit der neuen Innenlichtmessung und der große Verkaufserfolg der modernisierten Praktica-Kameras, von denen bis zu 80 Prozent in den Export gingen, gab nun den Impuls, wieder eine professionelle Systemkamera als Ersatz für die ausgelaufene Praktina zu schaffen. Und der gesteigerte Absatz an Objektiven sorgte auch bei Zeiss in Jena für einen Drang zur Modernisierung und Weiterentwicklung. Man konzentrierte sich jetzt fast völlig auf den M42-Gewindeanschluß und schuf neue Spitzenobjektive wie beispielsweise das Flektogon 4/20 oder das ASB Sonnar 4/300 [Vgl. Scharffenberg, Helmut; Klupsch, Paul: Neue Objektive aus Jena; in: Fotografie 4/1966, S. 152.]. Äußeres Kennzeichen war das zeittypische Flachnutenrändel – der Assoziation folgend später als Zebra-Gestaltung bezeichnet.

3. Eduard Huberts Pancolar 1,4/55 mm

Während man in Jena 1957 mit einem Normalobjektiv 1,4/50 mm Vorreiter gewesen wäre, so war man nun Anfang der 60er Jahre gezwungen, zur Konkurrenz aufzuholen. Im September 1960 hatte Zeiss Oberkochen auf der Photokina ihr Planar 1,4/55 mm für die Stuttgarter Contarex vorgestellt. Für die Nikon F und für Topcon Reflexkameras gab es zu jener Zeit jeweils Normalobjektive 1,4/58 mm und von der damals nicht unbedeutenden Firma Konishiroku ein Hexanon 1,4/52 mm. Andere Hersteller zogen bald nach. Selbst für die deutlich im Amateursektor angesiedelten Kameras von Asahi Pentax gab es ab 1964 ein Takumar 1,4/50.

Zeiss Jena Pancolar 1.4/55 mm

In der DDR war die Schaffung eines solchen Normalobjektives mit der Öffnung 1:1,4 eng mit Entwicklung einer neuen Profikamera verknüpft. Auf 1962/63 lassen sich die Arbeiten daran zurückverfolgen, einen Ersatz für die erst wenige Jahre zuvor eingestellte Praktina zu konstruieren. Das zunächst als Praktina N bezeichnete Projekt wurde später in Pentacon Super umbenannt, um die Verknüpfung zum neuen Kamera-Großbetrieb in Dresden stärker hervorzuheben. Für diese professionelle Systemkamera wurde ein neuartiger Metalllamellen-Schlitzverschluß entwickelt, dessen Arbeitsprinzip besonders kurze Ablaufzeiten in Aussicht stellte. Und parallel zu den Konstruktionsarbeiten an der Kamera nahm in Jena Eduard Hubert sein sechs Jahre zuvor eingestelltes Projekt für ein Normalobjektiv der Lichtstärke 1:1,4 wieder auf. Die Rechnung konnte bereits zum 26. August 1963 abschlossen werden.

Pancolar 1.4/55 Pentacon Super

Die neue Pentacon Super wurde dann zur Leipziger Herbstmesse 1966 das erste Mal öffentlich gezeigt. Das Normalobjektiv 1,4/55 mm für diese neue Pentacon Super, das nicht mehr als Biotar, sondern mit dem mittlerweile eingeführten Namen Pancolar bezeichnet wurde, war bereits einige Monate vor dem Erscheinen der Kamera vorgestellt worden. Den Zeiss-Fertigungsunterlagen zufolge existierte allerdings zu jener Zeit nur ein einziges Musterobjektiv mit der Seriennummer 7.071.105. Bezeichnenderweise ist exakt dieses Exemplar auf allen frühen Prospektabbildungen der Kamera zu sehen. Daß dieses Pancolar 1,4/55 gezielt für diese Profikamera  entwickelt wurde, laßt sich auch daran ablesen, daß es mit 547,- Mark einfach viel zu teuer für den Verkauf mit der Amateurkamera Praktica gewesen ist. Ein "standardmäßiges" 1,4er Normalobjektiv für die Praktica gab es erst anderthalb Jahrzehnte später, als man wirklich nicht mehr drum herum kam.

Pentacon Super Pancolar 1,4/55

Eine erste Nullserie des Pancolars 1,4/55 von 100 Stück gelangte erst im April 1967 in die Endmontage. Weitere 1000 Stück folgten zum Jahresende 1967. Es bietet wohl auch einen gewissen Einblick in die Geschichte der Pentacon Super, wenn erst mehr als ein Jahr später im Februar 1969 ein richtig großes Fertigungslos von 2000 Stück der Pancolare 1,4/55 aufgelegt wurde, gefolgt von weiteren 2000 Stück ab April 1971. Man darf wohl davon ausgehen, daß in diesen Zeiträumen auch die Produktion der Pentacon Super angesiedelt werden muß – sowie ihr anschließender Abverkauf. Auch die Gesamtstückzahl um die 5000 werden näherungsweise auf die Pentacon Super extrapolierbar sein. Zwar läßt sich nachweisen, daß in geringem Umfang auch Praktica-Kameras direkt mit dem Pancolar 1,4/55 mm ausgeliefert wurden, doch das wird überschlagsmäßig dadurch ausgeglichen, daß für die Pentacon Super auch ein paar Exemplare des mit der speziellen Offenblendenübertragung versehenen Pancolares 1,8/50 mm zur Verfügung gestellt wurden. Andererseits läßt sich nachweisen, daß späte Exemplare des Pancolares 1,4/55 mm auch einzeln in den Abverkauf gelangten, wie das hier gezeigte mit der Nummer 8.401.298, das sich stets an der obigen Praktica LTL befand. Zieht man in Betracht, daß die letzte Seriennummer des Pancolares 1,4/55 mm bei 8.401.809 lag, handelt es sich also in diesem Fall um eines der letzten hundert Stück. Daraus könnte man wiederum den Schluß ziehen, daß die Stückzahlen der Pentacon Super nicht einmal die 5000er Marke erreicht haben dürfte.

Pancolar 1,4/55 Schwerstkron SSK11

Bei diesem Objektiv hatte sich jedenfalls die Abteilung Photo des Zeisswerks Jena noch einmal richtig "ins Zeug gelegt". Nicht nur daß bei der Konstruktion mittlerweile mit dem Zeiss Rechenautomaten ZRA1 auf stark verbesserte Computertechnik zurückgegriffen werden konnte; auch fertigungstechnisch hatte man sich weit von dem noch zehn Jahre zuvor Üblichen abgesetzt. In den Prospekten wurde dies als Erfolg „neuer Korrektions- und Meßmethoden“ angegeben. Darüber hinaus basierte dieses Pancolar 1,4/55 mm auf einer gänzlich neuen Glasart, die offenbar erst wenige Jahre zuvor im Labor des Jenaer Glaswerks von Werner Vogel und Wolfgang Heindorf [DDR-Patent Nr. 22.535 vom 26. Juni 1959] entwickelt worden war: Das Schwerstkron SSK11 mit einer Hauptbrechzahl von 1,7564 bei einem ny-Wert von 52,9.

DD22535 Vogel-Heindorf SSK11

Dabei handelte es sich um ein – auch nach heutigen Maßstäben – außergewöhnlich hochbrechendes Kronglas. Es zeichnete sich dadurch aus, daß es zwar einen Brechungsindex aufwies wie die schwersten Flintgläser jener Zeit, dabei aber nur eine etwa halb so große Grunddispersion erreichte. Das heißt, trotz des hohen Brechungsvermögens wurde das Licht nur in einem Ausmaß aufgespaltet, wie man es von Krongläsern her gewohnt war. Dieses Glas eröffnete Eduard Hubert nun eine neue Perspektiven für die Konstruktion seines hochlichtstarken Normalobjektivs.

Zeiss Pancolar 1,4/55

Seit den Forschungsbeiträgen Paul Rudolphs im späten 19. Jahrhundert gehörte es zum Grundpfeiler bei der Ausgestaltung von Doppelgauß-Objektiven, zwei Glasarten mit annähernd gleichem Brechungsindex gegenüberzustellen, die aber erheblich voneinander abweichende Farbzerstreuungen aufwiesen. Während sich beispielsweise ein auf diese Weise zusammengestelltes Kittglied von der Brechung her annähernd wie eine Einzellinse verhielt, konnte mithilfe der Durchbiegung der zwischen beiden Linsen liegenden Kittfläche ein erheblicher Einfluß auf die Behebung der chromatischen Fehler genommen werden. Beim Pancolar 1,4/55 wurde dieses "hyperchromatische" Grundprinzip gleich in beiden Objektivhälften angewandt. Im vorderen Kittglied wurde das SSK11 dem Schwerflint SF3 (n = 1,7411; v = 28,1) gegenübergestellt, im hinteren dem Schwerflint SF4 (n = 1,7558; v = 27,5) [Datenblatt: Sammlung Benedix].

Zeiss Jena Pancolar 1,4/55 mm

Mit einer Baulänge der Optik von 56 mm und dem freien Durchmesser der Frontlinse von 46 mm war das Pancolar 1,4/55 mm nicht gerade ein kompaktes Objektiv. In Wahrheit lag die Brennweite bei über 57 mm. Für das Konstruktionsjahr 1963 war das trotzdem alles sehr beachtlich. Anhand der Strahlenverfolgung oben kann man auch noch einmal sehen, daß an den beiden Kittflächen so gut wie keine Brechung zu erkennen ist. Das liegt daran, daß hier zwei Gläser mit fast identischer Brechzahl gegenübergestellt wurden. Der ny-Wert ist jedoch beinah doppelt so groß.

4. Segen und Fluch des neuen Schwerstkron

Es kamen also bei diesem Pancolar 1,4/55 ausschließlich außergewöhnlich hochbrechende Gläser mit Indizes deutlich über 1,74 zum Einsatz. Das war damals neu. Diese Aufwand war notwendig, um bei einem derart lichtstarken Normalobjektiv Aberrationen in den Griff zu bekommen, die allgemein als Gaußfehler bezeichnet werden: Abbildungsfehler wie die sphärische Abweichung nehmen bei unterschiedlichen Lichtfarben unterschiedlich große Ausmaße an. Gerade der Öffnungsfehler und die eng mit ihm verwandte Koma müssen jedoch bei einem hochlichtstarken Objektiv besonders gut korrigiert werden, wenn man bei voller Öffnung hinreichend kontrastreiche und bis in die Bildecken scharfe Aufnahmen erzielen will. Mit einem solchen optischen Glas, das in die Extrembereiche des zur Verfügung stehenden "Glaskontinents" vorstieß, standen nun erstmals Korrekturmöglichkeiten für die bei solchen hochlichtstarken Objektiven eklatant werdenden sphärochromatischen Fehler zur Verfügung. Es spielte aber offensichtlich auch der spezielle Verlauf des Brechungsindexes über das Lichtspektrum hinweg eine große Rolle, den das neue Glas bot: Mit den „von bereits bekannten optischen Gläsern stark abweichenden Teildispersionen“ [Ebenda.] war es offenbar möglich, das besonders schädliche Ausbrechen der Werte in bestimmten Positionen der Kurven zu minimieren.

Sphärochromasie

Erkauft wurden diese vorteilhaften optischen Eigenschaften des neuen Schwerstkronglases allerdings durch den Zusatz seltener Elemente in Form von Lanthantrioxid oder giftiger schwermetallhaltiger Bestandteile wie Cadmiumfluorid. Zentraler Problempunkt war aber der Einsatz von Thoriumdioxid, denn diese chemische Verbindung ist leicht radioaktiv. Für den Nutzer des Objektives ging zwar keinerlei Gefahr aus, aber diese Gläser erwiesen sich als langfristig nicht stabil. Der schon nach der Herstellung vorhandene merkliche Gelbstich des Glases verschlimmerte sie sich mit der Zeit immer mehr, was aber offenbar nur nach und nach als großer Nachteil erkannt wurde. Erst beim anderthalb Jahrzehnte später gerechneten Nachfolger Prakticar 1,4/50 mm, das zunächst ebenfalls auf diesem Schwerstkron SSK11 basierte, führte dieses Problem sogar dazu, daß eine bereits auf den Markt gebrachte Konstruktion aufgegeben und durch eine völlige Neuberechnung ersetzt werden mußte.

Beim Pancolar 1,4/55 von 1963, bei dem also nicht weniger als vier der sieben Linsen aus SSK11 bestanden, fällt zunächst die von damaligen Standards abweichende Vergütung ins Auge. Statt wie sonst bläulich, schimmern die Entspiegelungsschichten bei diesem Objektiv auffallend gelblich. Es handelt sich im Grunde genommen um denselben Farbton, den auch ein heute vergilbtes Pancolar angenommen hat. Man kann daraus schließen, daß eine leichte Eigenfärbung des Glases also bereits von Anfang an vorhanden war und deshalb die Restreflexion der Entspiegelungsschichten genau so gelegt wurde, daß damit gezielt einem Gelbstich entgegengewirkt werden konnte. Das Stichwort dazu nennt sich farbkorrigierter T-Belag.


Im Neuzustand (oder wenn die Vergilbung durch UV-Bestrahlung rückgängig gemacht wurde, siehe Farbaufnahme oben) arbeitet das Pancolar 1,4/55 also einigermaßen farbneutral mit einer gewissen warmen Tendenz. Diese Eigenschaft hatten aber viele Gaußtyp-Objektive. Ein echter Gelbstich mußte hingegen unbedingt verhindert werden, weil sich die damals vorherrschenden Farb-Umkehrfilme bekanntermaßen nicht nachträglich farblich korrigieren ließen. Wie weiter unten gezeigt wird, gelang auch dies dem Hersteller nicht in vollem Umfang. Noch schlimmer war aber, daß sich diese negative Eigenschaft mit der Zeit verschlimmerte. Langsam vergilbende Objektive wurden daher ein untragbares Problem für den Hersteller, was aber nur deshalb so verspätet zum Verzicht auf das Schwerstkron SSK11 führte, weil dessen optische Eigenschaften derart "verlockend" waren.

Pancolar 1.4 55

Das Pancolar 1,4/55 ist gerade noch so als Portraitobjektiv für formatfüllende Kopfaufnahmen geeignet, denn eigentlich nimmt man dafür besser Brennweiten ab etwa 70 mm, bei denen durch den vergrößerten Aufnahmeabstand die Gefahr perspektivbedingter Entstellungen der Kopfform stark zurückgeht. Die Nutzung der vollen Objektivöffnung von 1:1,4 führte bei dieser Aufnahme zu einer vollkommenen Unterdrückung des eigentlich sehr unruhigen Hintergrundes. Praktica DTL3, Fomapan 100.

5. Für damalige Verhältnisse herausragende Bildleistung

Zustimmungserklärung Pancolar 1,4/55

Reichlich drei Jahre nach dem Abschluß seiner Rechnung wurde im Oktober 1966 der Überführung des Pancolares 1,4/55 in die Serienfertigung zugestimmt. Aus dem oben genannten Laborbericht vom 7. Juli 1964 wird deutlich, wie sehr man im VEB Carl Zeiss Jena bestrebt war, ein hochlichtstarkes Normalobjektiv auf internationalem Spitzenniveau zu entwickeln. Neben dem Planar 1,4/55 von der bundesdeutschen Konkurrenz wurde auch ein Erzeugnis des japanischen Herstellers Konica zum Vergleich herangezogen. Deutlich wird auch, daß dem letztlich serienmäßig hergestellten Versuchsmuster V358 sieben Versuchsobjektive vorausgegangen waren, von denen oben im Abschnitt 1 nur drei herausgegriffen wurden. [Sammlung Benedix]

Prüfbericht Pancolar 1,4/55
Prüfbericht Pancolar 1,4/55
Prüfbericht Pancolar 1,4/55
Nachtrag Prüfbericht Pancolar 1,4/55 zur Transmission

Der obige Nachtrag zum Prüfbericht für das neue Pancolar 1,4/55 mm, der ein Jahr später im Juli 1965 nachgereicht wurde, beschäftigt sich genau mit dem Problem, das die Verwendung des Schwerstkron SSK11 als Kehrseite mit sich brachte: Zunächst die vergleichsweise bescheidene Gesamt-Transmission von 86 Prozent. Das bedeutet, bei einem realen geometrischen Öffnungsverhältnis des Musterobjektivs von 1:1,47 lag dessen T-Wert demnach bei etwa 1:1,7. Zweitens wird aber aus diesem Bericht auch der problematische Farbstich des Pancolares 1,4/55 deutlich, der bereits ohne eine zeitbedingte Vergilbung der Gläser nicht normgerecht ("TGL") war. Und zwar spielte hier besonders seine ungünsige Lage im Farbraum eine Rolle, die offensichtlich weit über den akzeptablen Grad eines "warmen Charakters" hinausging. Möglichweiser zog die im letzten Satz angemahnte Korrektur die oben bereits beschriebene, vom üblichen Standard auffällig abweichende Steuerung der "Farbe" der Vergütungsschichten bei den Serienobjektiven nach sich.

Oben ist der im Nachtrag zum Prüfbericht angegebene Farbort der Eigenfärbung des Pancolares 1,4/55 mm, die dessen Abbildung also bereits im Neuzustand des Objektives überlagerte, visualisiert worden. Sichtlich ist der Farbstich im für Farbaufnahmen besonders ungünstigen Gelbgrün-Bereich gelegen.

Pancolar 1,4 Neuerscheinungen 1966

Parallel zur Konstruktion dieses Pancolars 1,4/55 wurde auch noch ein Pancolar 1,4/75 als Ablösung des bisherigen Biotars 1,5/75 geschaffen, von dem letztlich nur wenige hundert Stück gefertigt wurden. Ich glaube, diese beiden Objektive markieren damit den Punkt, an dem Zeiss Jena langsam das Interesse am Photoobjektivbau zu verlieren begann. Zum einen wandelte sich das Kombinat zu dieser Zeit immer mehr zum Hightech-Zentrum der DDR-Industrie, bei dem die traditionellen Zweige wie Mikroskop- oder eben Objektivbau langsam in den Hintergrund traten. Zum anderen hatte es seit Beginn der 1960er Jahre für den Jenaer Objektivbau einige Enttäuschungen gegeben. Man hatte mit viel Aufwand neue Objektive für neue Kameras errechnet, die anschließend vom internationalen Markt ignoriert wurden und vielleicht kaum die Entwicklungskosten wieder einspielten. Um es hier noch einmal deutlich zu sagen: Zeiss Jena Objektive waren vorrangig dazu gedacht, im „NSW“ verkauft zu werden und Devisen einzubringen. Die Befriedigung der Inlandsnachfrage hatte dahinter zurückzutreten. Seit dem Ende der 1960er Jahre zeichnete sich ab, daß in diesem Bereich langsam umgedacht werden mußte.

Exkurs: Das Planar 1,4/55 mm

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht angebracht, abschließend einen kurzen Blick auf das oben bereits angesprochene Oberkochener Planar 1,4/55 mm zu werfen, das nur wenige Jahre älter ist als das Pancolar. Geschaffen wurde es von Johannes Berger und Günther Lange, die es am 16. Mai 1959 zum Patent anmeldeten [Nummer DE1.170.157]. Damit zeigt das Planar 1,4/55 mm die gleiche Parallelität zur Entwicklung der Spitzen-Spiegelreflexkamera Contarex, wie das oben im Zusammenhang zwischen dem Pancolar 1,4/55 und der Pentacon Super dargestellt wurde: Eine neuartige Kamera im Programm verlangte auch nach neuartigen Objektiven. Die lichtstarken Sonnare, die Zeiss Oberkochen für die Contax-Meßsucherkameras herstellte, waren zumindest als Normalobjektiv für eine Kleinbild-Spiegelreflexkamera ungeeignet.

Planar 55 mm f/1.4

Bild: Francisco Lemus Borja

Im Gegenteil: In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre kam der schon seit den späten 30er Jahren angelaufene Verdrängungsprozeß des bisher so dominanten Sonnartyps durch den Planar-Biotar-Typus endgültig zum Abschluß. Kein Wunder also, daß Planar und Pancolar 1,4/55 mm auf den ersten Blick einen verblüffend ähnlichen Grundaufbau zeigen. Dazu muß man wissen, daß anders als es der unten gezeigte Linsenschnitt aus dem Planar-Patent suggeriert, die Linsen zwei und drei sowie vier und fünf miteinander verkittet sind, was auch ausdrücklich so in den Schutzansprüchen steht. Wir haben es also bei beiden Objektiven um einen klassischen Biotar-Aufbau zu tun, bei dem allerdings die hintere Sammellinse auf zwei einzelne sammelnde Elemente aufgespaltet worden ist.

DE1170157 Planar 1,4/55

Bei einem Gaußtyp die hintere Sammellinse in zwei Elemente aufzulösen, war freilich nicht neu. Erst zwei Jahre zuvor hatte sich die Firma Leitz ein derartiges Objektiv auf der Basis neuartiger hochbrechender Gläser patentieren lassen [Nr. DE1045120 vom 24. August 1957]. Offensichtlich eignete sich diese Maßnahme gut zur Fehlerkorrektur bei solch hohen Lichtstärken. Diese rein formmäßige Gleichheit des Grundaufbaus zwischen Planar und Pancolar sollte deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, daß beiden Objektiven ein gänzlich unterschiedlicher optischer Ansatz zugrundeliegt. Während im Pancolar 1,4/55  schwerste Krongläser schwersten Flintgläsern gegenübergestellt wurden, fällt beim Planar 1,4/55 sofort ins Auge, daß der optische Aufbau fast ausschließlich aus Flintgläsern besteht – und zwar aus schwersten Lanthanflinten.

DE1170157 Planar 1,4/55 mm

Als einziges Kronglas kam Schwer-Kron SK15 in Linse Nummer zwei zum Einsatz, wo es zusammen mit dem Leicht-Flint LF7 die vordere Kittgruppe bildet. Dabei handelt es sich um ein Paradebeispiel für einen Neuachromaten, bei dem ein gering dispergierendes aber hochbrechendes Kronglas mit einem außergewöhnlich gering brechenden Flintglas kombiniert wird, um auf diese Weise die Petzvalsumme ausgleichen und damit Abbildungsfehler wie den Astigmatismus auskorrigieren zu können. Die restlichen Linsen sind schwere und schwerste Flintgläser. So bestehen die Front- und die Rücklinse aus Lanthan-Flint LaF3 und Linse Nummer fünf und sechs aus noch höher brechendem Lanthan-Flint. Diese haben die Eigenschaft, daß sie trotz ihrer hohen Brechzahlen mit ny-Werten ("Abbe'schen Zahlen") um 44 bzw. 48 gewissermaßen im Grenzbereich zwischen den Krongläsern und den "klassischen" Flintgläsern liegen. Diese neuartigen Glasarten, die damit bislang unbesetzte Gebiete auf dem "Glaskontinent" eroberten, waren erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt worden und das Planar 1,4/55 mm ist eines der ersten Beispiele dafür, wie sie serienmäßig in Massenobjektiven eingesetzt wurden. Mit dem Pancolar 1,4/55 mm hat es gemeinsam, daß trotz der etwas längeren Fertigungszeit ebenfalls nur vergleichsweise geringe Stückzahlen existieren: Von etwas über 8000 Stück ist die Rede.

Marco Kröger, Frühjahr 2021


letzte Aktualisierung: 15. Oktober 2025