Pancolar 1,4

Die Pancolare 1:1,4



Carl Zeiss Jena

Pancolar 1,4/55

Kamera- und Objektivbau als gegenseitige Antreiber


Den Objektivbau kann man nicht vom Kamerabau losgelöst betrachten. Schließlich handelt es sich um zwei Hälften einer Gesamtheit. Dabei gehört es freilich zur besonderen Charakteristik der mitteldeutschen Photoindustrie, daß sich bei ihrer historischen Herausbildung diese beiden Bereiche ziemlich streng voneinander abgetrennt entwickelt haben. Interessant daran ist ferner, daß es gerade die 1890er Jahre waren, in denen in Jena die ersten Photoobjektive gefertigt wurden, in Görlitz eine optische Anstalt gegründet wurde und in Dresden wiederum die vielen Kamerabaufirmen ihren ersten großen Aufstieg erfuhren. Denkt man an Voigtländer in Braunschweig oder – deutlich später freilich – an Leitz in Wetzlar, dann sieht man, daß sich durchaus Kamera- und Objektivbau auch unter ein und demselbem Dach etabliert haben. Auch die japanische Photoindustrie scheint mir überwiegend durch letztere Charakteristik geprägt zu sein. Zwischen dem thüringischen Jena und dem schlesischen Görlitz lief die Entwicklung dieser beiden Sektoren aber ziemlich streng getrennt voneinander ab und trotz aller Bemühungen Zeiss Jenas, den Kamerabau unter die eigenen Fittiche zu bekommen, hat sich diese Aufspaltung in getrennte Branchen noch sehr lange gehalten.

 

Schon in den 30er Jahren war diese Zeiss-Strategie der Übernahme des Kamerabaus in den eigenen Konzern aufgrund des Emporkommens neuer erfolgreicher Firmen wie der Ihagee verwässert worden. Nun, in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, wurden mit dem Niedergang der einstmaligen Zeiss-Tochterfirma Zeiss Ikon gar die Kamera-Werke Niedersedlitz kurzzeitig zum Leitbetrieb des Kamerabaus der DDR. Mit der Gründung der Kamera- und Kinowerke zum 1. Januar 1959 setzte eine Phase der Konsolidierung der Kamerabauindustrie ein, die sich im Laufe der 1960er Jahre in Form marktgerechter Spiegelreflexkameras langsam auszahlte. Bezeichnenderweise waren es aber die Frühjahrsmessen 1959 und 1960, auf denen der VEB Carl Zeiss Jena ganze Serien neuer Objektive bzw. überarbeitete Versionen in neuen Fassungen vorstellte – quasi in die Krise des DDR-Kamerabaus hinein. Das kann man gut daran ablesen, daß Zeiss Jena damals sichtlich den Praktina-Anschluß mit seiner innengesteuerten Automatischen Druckblende präferierte und ein neues Objektiv (zum Beispiel das Flektogon 4/25 mm von 1960) bevorzugt zuerst für diesen Anschluß vorstellte. Daß zu jener Zeit Kamera- und Objektivbauindustrie nach wie vor diese traditionelle Eigenständigkeit innerhalb desselben Industriezweigs innehatten, zeigt sich nun darin, daß nun ausgerechnet die Herstellung dieser "Leitkamera Praktina" wenige Wochen nach der Frühjahrsmesse 1960 eingestellt wurde.

 

Doch Kamera- und Objektivbau der DDR "synchronisierten" sich im Laufe der 1960er Jahre langsam wieder. Während der neu geschaffene VEB Pentacon sukzessive mit verbesserten Spiegelreflexkameras auf den Markt kam, zog Zeiss Jena Mitte der 1960er Jahre mit der Einführung weiterer neuer und umkonstruierter Objektive nach, wie dem Flektogon 4/20 oder dem ASB Sonnar 4/300. [Vgl. Scharffenberg, Helmut; Klupsch, Paul: Neue Objektive aus Jena; in: Fotografie 4/1966, S. 152.] Äußeres Kennzeichen war nun die baldige Dominanz des Flachnutenrändels – der Assoziation folgend später als Zebra-Gestaltung bezeichnet. Überdies fällt auf, daß mittlerweile der M42-Gewindeanschluß die dominierende Rolle übernommen hatte und neue Spiegelreflexkameras wie die PRAKTICAmat mit ihrer Innenlichtmessung endlich "auf Augenhöhe" mit den fortschrittlichen Zeiss-Objektiven lag. Doch Kamera- und Objektivbau zielten bereits auf eine noch höher liegende Ebene ab.

Zeiss Jena Pancolar 1.4/55 mm

Das Pancolar 1,4/55


Zu diesen im Frühjahr 1966 neu herausgebrachten Zeiss-Objektiven gehörten nun nämlich auch zwei Konstruktionen mit der Lichtstärke 1:1,4. Insbesondere das neue hochlichtstarke Normalobjektiv Pancolar 1,4/55 mm kann man als eine Reaktion auf das rasche Aufholen der Konkurrenz auf dem Weltmarkt begreifen. Seit Anfang der 60er Jahre war für die Stuttgarter Contarex ein Oberkochener Planar 1,4/55 mm (1959 konstruiert) verfügbar. Wirklich besorgniserregend – weil sie sich im Unterschied zur Contarex auch tatsächlich gut verkauften – waren entsprechende Objektive, die Nikon oder Topcon für ihre hochwertigen Reflexkameras im Angebot führten. Wenige Jahre nachdem die Praktina eingestellt worden war, reifte in der DDR-Photoindustrie wohl die Erkenntnis, daß man sich quasi aus dem Marktsegment der professionellen Kleinbild-Systemreflexkamera verabschiedet hatte, als jenes gerade erst so richtig durchstartete. Man hat im Frühjahr 1960 wohl gemeint, die sich noch gut verkaufende Exakta Varex sei professionell genug. Angesichts neuer Kameras wie einer Nikon F oder einer Topcon RE war die mittlereile drei Jahrzehnte alte Konstruktion der Exakta nun aber hoffnungslos veraltet und im Prinzip nicht weiterentwicklungsfähig. Offensichtlich war aber ein Wille da, den Dresdner Kamerabau wieder in das Segment der Profispiegelreflex zurückzubringen. Interessant ist nun, daß das Normalobjektiv für diese neue Profikamera bereits einige Monate vor dem Erscheinen der zugehörigen Kamera vorgestellt worden war (Obgleich den Zeiss-Fertigungsunterlagen zufolge zu jener Zeit nur ein einziges Musterobjektiv mit der Nummer 7.071.105 existierte, das tatsächlich immer wieder auf Prospektabbildungen zu sehen ist).

Pancolar 1.4/55 scheme

Die neue Pentacon Super wurde jedenfalls zur Leipziger Herbstmesse 1966 das erste Mal gezeigt. Es gibt viele Indizien, daß das Pancolar 1,4/55 mm, dessen Rechnung im August 1963 fertiggestellt worden war, parallel zu den Konstruktionsarbeiten für diese Profikamera als deren Normalobjektiv entwickelt wurde. Ein derart aufwendiges Normalobjektiv dürfte jedenfalls kaum allein für die Amateurkamera Praktica gedacht gewesen sein. Dazu war es mit 547,- Mark schließlich viel zu teuer – teurer jedenfalls, als die Kameragehäuse der damaligen Praktica-Typen. Ein 1,4er für die Praktica gab es erst anderthalb Jahrzehnte später, als man wirklich nicht mehr drum herum kam.


Eine erste Nullserie des Pancolars 1,4/55 von 100 Stück gelangte im April 1967 in die Endmontage. Weitere 1000 Stück folgten zum Jahresende 1967. Es bietet wohl auch einen gewissen Einblick in die Geschichte der Pentacon Super, daß erst mehr als ein Jahr später im Februar 1969 ein richtig großes Fertigungslos von 2000 Stück der Pancolare 1,4/55 aufgelegt wurde, gefolgt von weiteren 2000 Stück ab April 1971. Man darf wohl davon ausgehen, daß in diesen Zeiträumen auch die Produktion der Pentacon Super angesiedelt werden muß. Auch die Gesamtstückzahl um die 5000 werden näherungsweise auf die Pentacon Super extrapolierbar sein. Zwar läßt sich nachweisen, daß das Pancolar 1,4/55 in geringem Umfang auch einzeln in den Verkauf kam, doch das wird überschlagsmäßig dadurch ausgeglichen, daß für die Pentacon Super auch ein paar mit der speziellen Offenblendenübertragung versehene Pancolare 1,8/50 zur Verfügung gestellt wurden. Andererseits läßt sich nachweisen, daß späte Exemplare des Pancolar 1,4/55 auch einzeln in den Abverkauf gelangten, wie das hier gezeigte, das sich stets an der obigen Praktica LTL befand. Zieht man in Betracht, daß die letzte Seriennummer des Pancolar 1,4/55 bei 8.401.809 lag, handelt es sich also in diesem Fall um eines der letzten hundert Stück. Daraus könnte man wiederum den Schluß ziehen, daß die Stückzahlen der Pentacon Super nicht einmal die 5000er Marke erreicht haben könnten.

Pentacon Super Pancolar 1,4/55

Bei diesem Objektiv hatte sich jedenfalls die Abteilung Photo des Zeisswerks Jena noch einmal richtig ins Zeug gelegt. Nicht nur daß bei der Konstruktion mittlerweile mit dem Zeiss Rechenautomaten ZRA1 auf stark verbesserte Computertechnik zurückgegriffen werden konnte; auch fertigungstechnisch hatte man sich weit von dem noch zehn Jahre zuvor Üblichen abgesetzt. In den Prospekten wurde dies als Erfolg „neuer Korrektions- und Meßmethoden“ angegeben. Darüber hinaus basierte dieses Pancolar 1,4/55 auf einer gänzlich neuen Glassorte, die offenbar wenige Jahre zuvor im Labor des Jenaer Glaswerks von Werner Vogel und Wolfgang Heindorf entwickelt worden war [DDR-Patent Nr. 22.535 vom 26. Juni 1957]. Es handelt sich dabei namentlich um das Schwerstkron SSK11 mit einer Hauptbrechzahl von 1,7564 bei einem ny-Wert von 52,9.


Das bedeutet, es handelte sich um ein (für damalige Verhältnisse jedenfalls) ausgesprochen hochbrechendes Kronglas, das zwar einen Brechungsindex aufwies wie ein schweres Flintglas, das Licht aber nur in einem Ausmaß aufspaltete, wie man es von Krongläsern her gewohnt war. Das eröffnete neue Perspektiven für den Objektivbau, da bei sehr lichtstarken Objektiven immer mehr die sogenannten Gaußfehler das Auskorrigieren erschweren. Etliche Abbildungsfehler, wie beispielsweise die sphärische Aberration, nehmen dann bei unterschiedlichen Lichtfarben ein unterschiedlich großes Ausmaß an. Optische Gläser, die das Licht generell nur wenig in ihre spektralen Bestandteile aufspalten, sind also dem Konstrukteur sehr willkommen. Aber auch der Verlauf des Brechungsindexes über das Spektrum hinweg spielt eine große Rolle: Mit den „von bereits bekannten optischen Gläsern stark abweichenden Teildispersionen“ [Ebenda.] war nämlich eine bessere Korrektur des sogenannten sekundären Spektrums möglich.


Erkauft wurden diese vorteilhaften optischen Eigenschaften dieser Boratgläser allerdings durch den Zusatz seltener Elemente in Form von Lanthantrioxid oder giftiger schwermetallhaltiger Bestandteile wie Cadmiumfluorid und vor allem Thoriumdioxid. Letztere Verbindung war außerdem dadurch problematisch, da sie leicht radioaktiv ist. Für den Nutzer des Objektives ging zwar keinerlei Gefahr aus, aber diese Gläser erwiesen sich als langfristig nicht stabil. Bei Dunkellagerung verfärben sich diese Glassorten mit der Zeit immer mehr. Auf diese Problematik gehe ich näher beim anderthalb Jahrzehnte später gerechneten Nachfolger Prakticar 1,4/50 mm ausführlich ein. In diesem Zusammenhang ist für das Pancolar 1,4/55 von 1963 aber noch die von damaligen Standards abweichende Vergütung zu erwähnen. Statt wie sonst bläulich, schimmern die Entspiegelungsschichten bei diesem Objektiv nämlich auffallend gelblich. Es handelt sich im Grunde genommen um denselben Farbton, den auch die Vergilbung dieses Objektivs mittlerweile angenommen hat. Man kann daraus schließen, daß diese Eigenfärbung des Glases also schon im Neuzustand vorhanden war und die Restreflexion der Entspiegelungsschichten genau so gelegt wurde, um den ausgesprochen warmzeichnenden Charakter dieses Objektives abzumildern. Wenn man in zeitgenössischen Objektivkatalogen anderer Hersteller also den Hinweis findet, das Objektiv zeichne farbneutral, dann bezieht sich das explizit auf solche Warmzeichner.

Pancolar 1.4 55

Das Pancolar 1,4/55 ist gerade noch so als Portraitobjektiv für formatfüllende Kopfaufnahmen geeignet, denn eigentlich nimmt man dafür besser Brennweiten ab etwa 70 mm, bei denen durch den vergrößerten Aufnahmeabstand die Gefahr perspektivbedingter Entstellungen der Kopfform stark zurückgeht. Die Nutzung der vollen Objektivöffnung von 1:1,4 führte bei dieser Aufnahme zu einer vollkommenen Unterdrückung des eigentlich sehr unruhigen Hintergrundes. Praktica DTL3, Fomapan 100.

Das Pancolar 1,4/75


Das Pancolar 1,4/55 wurde gewissermaßen aus dem Biotar-Typ herausentwickelt durch das Hinzufügen zusätzlicher Elemente und Auflösen der Kittgruppen in einzelne Glieder. Das ebenfalls im Frühjahr 1966 vorgestellte Pancolar 1,4/75 enthielt nun gar keine Verkittungen mehr. Letzteres wurde sogar im DDR-Schutzrecht Nummer 48.055 vom 9. September 1964 verankert. Hier werden Harald Maenz und Rudolf Wanke als Urheber genannt. Der Grund für die totale Aufspaltung aller Kittglieder des bekannten Gauß-Typs lag nun darin, daß jener zwar zu einer guten axialen Korrektion getrieben worden sei, die Verbesserung außeraxialer Fehler (vor allem komatischer Natur) ohne Abwandlung dieser altbewährten Typen allerdings nicht weiter erwartbar wäre.

Zeiss Jena Pancolar 1,4/55 mm

Diese komplette Auflösung in Einzelelemente ist gut aus dem obigen Schnittbild dieses Objektives ersichtlich, das der erwähnten Patentschrift Nr. DD48.055 entnommen ist. Sie gibt uns ferner Auskunft darüber, daß bei dieser Variante des Pancolars für die Linsen 1 bis 7 die Glassorten SK22; SK22; SF15; SF18; SK22; BaSF6 und SF19 Verwendung fanden. Das waren zwar für seinerzeitige Verhältnisse ebenfalls hochwertige und moderne Glassorten mit Brechzahlen deutlich über 1,66, allerdings hieße das auch, das Pancolar 1,4/75mm wäre ohne diese extreme Glassorte SSK11 ausgekommen, wie sie mutmaßlich im Pancolar 1,4/55mm Verwendung fand. Daraus könnte sich auch erklären, daß der Listenpreis des Pancolar 1,4/75mm mit 515,- Mark sogar etwas niedriger lag, als beim Pancolar 1,4/55. Dieser ungewöhnliche Umstand, daß ein Portraitobjektiv gegenüber einem Normalobjektiv gleicher Lichtstärke einen niedrigeren Preis aufwies, wäre also demzufolge auf den Umstand geringerer Materialkosten zurückführen. Das beim 75er Pancolar in drei Sammellinsen verwendete Schwerkron SK22 war ab 1967 auch Dreh- und Angelpunkt des neuen Pancolar 1,8/50mm, in welchem es ebenfalls für drei Linsen Verwendung fand und das sich mit etwa 400.000 Stück in 20 Jahren zu einem regelrechten Massenobjektiv entwickelte.

Pancolar 1,4/75 mm

Hier sieht man ein Exemplar des seltenen Jena Pancolar 1,4/75mm (Bild: Thomas Hirt). Sehr befremdlich dessen Seriennummer mit der vorlaufenden Null. Selbst wenn diese Null eine Fehlgravur wäre, würde sich die restliche Ziffernfolge in keines der bekannten Fertigungslose einfügen. Von diesem Objektiv, dessen Rechnung am 25. September 1964 abgeschlossen wurde, sollen nämlich laut "Thiele" im Januar 1966 eine Nullserie von 50 Stück (Seriennummern 6.798.651 bis 6.798.700) und anschließend im Sommer 1969 ein einziges Produktionslos von 500 Stück (8.284.429 bis 8.284.928) gefertigt worden sein.

Carl Zeiss Jena Pancolar 1,4/75 mm

Aus der Tatsache jedoch, daß diese beiden hochlichtstarken Pancolare nicht einmal im Ansatz an den Erfolg der Modelle mit der Lichtstärke 1:1,8 heranreichten, läßt sich doch so einiges über die Probleme des DDR-Kamerabaus herauslesen. Diese beiden Hochleistungsobjektive müssen leider zutiefst zwiespältig beurteilt werden. Einerseits bewies der VEB Carl Zeiss JENA Mitte der 60er Jahre, daß er durch Einführung neuer Glassorten, neuer Fertigungsverfahren sowie neuer Meß- und Prüfmethoden an der Spitze der Objektivfertigung der Welt stand. Im gleichen Atemzug sind diese beiden Pancolare aber Ausdruck für einen einsetzenden Wandel, durch den die einstmals in vielen Bereichen fast konkurrenzlose DDR-Photoindustrie zu nicht mehr als einem der vielen Mitbewerber auf dem internationalen Markt degradiert wurde. Das wird durch folgenden Umstand deutlich: Beide Objektive wurden serienmäßig mit der mechanischen Offenblendenübertragung für die Pentacon Super ausgeliefert. Sie waren also für diese Kamera gedacht, auch wenn sie bei abgeschalteter Offenblendenmessung auch an anderen M42-Kameras nutzbar waren (siehe Bild ganz oben). Und genau an diesem Punkt werden erste Anzeichen eines Dilemmas sichtbar. Beide Objektive wurden nur in geringen Stückzahlen gefertigt (das 55mm etwa 5000 mal, das 75er maximal 550 mal). Das lag daran, daß sich die Pentacon Super zum Verkaufsflop entwickelte. Als diese Kamera 1968 endlich ausgeliefert wurde, da brauchte sie niemand mehr. Die Pressephotographen des „Nichtsozialistischen Auslandes“ hatten längst eine Nikon-F-Ausrüstung.


Ich glaube, diese beiden Objektive markieren damit auch den Punkt, an dem Zeiss Jena langsam das Interesse am Photoobjektivbau zu verlieren begann. Zum einen wandelte sich das Kombinat zu dieser Zeit immer mehr zum Hightech-Zentrum der DDR-Industrie, bei dem die traditionellen Zweige wie Mikroskop- oder eben Objektivbau langsam in den Hintergrund traten. Zum anderen hatte es seit Beginn der 1960er Jahre für den Jenaer Objektivbau einige Enttäuschungen gegeben. Man hatte mit viel Aufwand neue Objektive für neue Kameras errechnet, die anschließend vom internationalen Markt ignoriert wurden und vielleicht kaum die Entwicklungskosten wieder einspielten. Um es hier noch einmal deutlich zu sagen: Zeiss Jena Objektive waren vorrangig dazu gedacht, im „NSW“ verkauft zu werden und Devisen einzubringen. Die Befriedigung der Inlandsnachfrage hatte dahinter zurückzutreten. Seit dem Ende der 1960er Jahre zeichnete sich ab, daß in diesem Bereich langsam umgedacht werden mußte.








Exkurs: Planar 1,4/55


Es empfielt sich vielleicht, abschließend einen kurzen Blick auf das Oberkochener Planar 1,4/55 zu werfen. Dieses Objektiv wurde am 16. Mai 1959 unter der Nummer DE1.170.157 von Johannes Berger und Günther Lange zum Patent angemeldet. Interessant an diesem Objektiv ist nun, daß außer in Linse Nummer 2 (SK15) nur Flintgläser Verwendung finden, darunter freilich drei Linsen aus hochbrechenden Lanthanflinten. Und anders als im unten gezeigten Schnitt zu sehen, sind die Linsen zwei und drei sowie vier und fünf miteinander verkittet, was sogar ausdrücklich in den Schutzansprüchen steht.

DE1170157 Planar 1,4/55

Marco Kröger, Frühjahr 2021


letzte Aktualisierung: 6. Mai 2021