Flektogon 2,8/35

Flektogon 2,8/35

Mit einem Rechnungsabschlußdatum vom 13. August 1949 kommt dem Flektogon 2,8/35 wohl die Priorität zu, das erste Retrofokus-Weitwinkelobjektiv für die Kleinbild-Spiegelreflexkamera gewesen zu sein.

Zeiss Jena Flektogon 2,8/35

Als in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre der neuartige Typus der Kleinbild-Spiegelreflexkamera aufkam und sich rasch zu einem unerwartet großen Erfolg entwickelte, da ergab sich das Problem, daß die bisher für die Kleinbildkamera geschaffenen Weitwinkelobjektive nicht für die neue Kamerabauart geeignet waren. Um wenigstens ein bißchen mehr Bildwinkel anbieten zu können, wurde bei Zeiss Jena im Januar 1938 ein Tessar 4,5/4 cm geschaffen. Bei einer Bilddiagonale von 43,3 mm sind natürlich 40 mm Brennweite kein wirkliches Weitwinkel. Zwar hatte Ludwig Bertele mit dem Biogon 2,8/3,5 cm schon in den 30er Jahren gezeigt, daß lichtstarke Objektive mit mehr als 60 Grad Bildwinkel durchaus im Bereich des Machbaren liegen. Allerdings war dieses Objektiv für die Spiegelreflexkamera gänzlich ungeeignet, denn seine Rücklinse reichte bis kurz an die Verschlußvorhänge. Ein Weitwinkel für die Reflexkamera müßte aber so konstruiert sein, daß trotz der kurzen Brennweite noch genügend Freiraum hinter dem letzten Linsenscheitel frei bleibt, damit der Spiegel nicht anschlägt. Schnittweite nennt der Fachmann diesen Abstand zur Brennebene. 


Eine Verlängerung dieser Schnittweite ist möglich, wenn man einem kurzbrennweitigen Grundobjektiv ein zerstreuend wirkendes Glied vorsetzt. Normalerweise würde eine solche Zerstreuungslinse nur die Brennweite des Grundobjektivs sinnlos verlängern, wie dazumal die Distarlinsen in der Zeit der Plattenkamera. Ordnet man sie allerdings nahe am dingseitigen Brennpunkt dieses Grundobjektivs an, dann bleibt die äquivalente Brennweite des gesamten Systems unangetastet und es findet lediglich eine Verschiebung des bildseitigen Hauptpunktes Richtung Bildebene statt. Der gewünschte Effekt stellt sich nun dadurch ein, daß das gesamte optische System um genau diesen Betrag von der Bildebene weggerückt werden kann und auf diese Weise genügend Spielraum für den Reflexspiegel frei wird.

Bauprinzip Retrofokus Objektiv

Beim Flektogon 2,8/35 mm besteht nun dieses Grundobjektiv aus dem für die Contax Meßsucherkamera entwickelten Biometar 2,8/35, dem in einem entsprechend großen Luftabstand ein zerstreuender Meniskus beachtlichen Durchmessers vorgesetzt wurde. Der Luftabstand zwischen erster und zweiter Linse beträgt laut Patentschrift immerhin fast 73 % der Brennweite des Gesamtobjektivs. Im Prinzip ähnelt ein solches als „Retrofokus“ bezeichnetes Weitwinkelobjektiv einem umgedrehten Teleobjektiv. Statt aber die Hauptebenen nach vorn zu verlegen, damit der optische Aufbau möglichst nah an die Brennebene herangerückt werden kann, wird beim Retrofokus quasi der umgekehrte Weg beschritten und die Schnittweite künstlich verlängert.

Zeiss Jena Flektogon 35 mm 1949
Jena Flektogon 35 mm 1952

Die Initiative zum Bau eines solchen Weitwinkels ging vom Leiter der Abteilung Photo des VEB Carl Zeiss JENA, Harry Zöllner, aus. Der eigentliche Konstrukteur war aber ein Mann namens Rudolf Solisch, der die Durchrechnung dieses Weitwinkels zu großen Teilen persönlich bewerkstelligte und dabei lediglich von einer Reihe Optik-Rechner unterstützt wurde [Vgl. Dietzsch, Retrofokusobjektive, 2002, S. 4]. Der Ansatz, das hoch auskorrigierbare Biometar als Grundobjektiv zu verwenden, war zwar vielversprechend, der Erfolg aber alles andere als sicher, da es keinerlei Vorbilder gab. Als Indiz dafür, daß sich tatsächlich gewisse Schwierigkeiten während der Optimierung dieser Konstruktionsidee ergaben, könnte man hernehmen, daß in der ersten Version von 1949 das Biometar-Grundobjektiv noch mit einer hinteren Kittgruppe versehen werden mußte. Viele Jahre später, nachdem man ausreichend Erfahrungen mit Retrofokusobjektiven gesammelt und dahingehende wissenschaftliche Untersuchungen unternommen hatte, kam man zu der Erkenntnis, daß ein Gaußtyp nicht unbedingt die beste Lösung für das Grundobjektiv eines Retrofokus darstellt [Vgl. Dietzsch, Retrofousobjektive, 2002, S.  6].


Was übrigens heute keiner mehr weiß: Rudolf Solisch muß dann einige Monate nach der Patentierung des Flektogon 35mm, die erst 1953 nachgeholt wurde, in den Westen gegangen sein, denn er hat dort am 10. November 1956 ein Patent für die Firma  ISCO Optische Werke in Göttingen angemeldet [Nr. DE1.063.826]. Diese Schutzschrift beschreibt ein Retrofokus-Weitwinkel, das unter der Bezeichnung Westrogon 4/24 mm bekannt geworden ist. Es handelt sich wiederum eine echte Pionierleistung, da es bei diesem Objektiv zum ersten Male gelang, den Bildwinkel eines Kleinbildobjektives auf über 80 Grad auszudehnen, ohne daß die Funktion des Reflexspiegels behindert wurde. Der Weggang des Zeissinaers Rudolf Solisch war demnach ein echter Verlust für Zeiss Jena. Die dadurch verursachte Einbuße an Konkurrenzfähigkeit konnte erst sukzessive durch die Arbeiten der Konstrukteure Wolf Dannberg und Eberhard Dietzsch wieder aufgeholt werden. Rudolf Solisch ist heute zu Unrecht ein vergessener Meister seines Faches!


Die allererste Version des Flektogon 2,8/35 mit Rechnungsdatum vom 13. August 1949 wurde zum ersten Mal auf der Leipziger Frühjahrsmesse im März 1950 präsentiert [Vgl. Die Fotografie, Heft 4/1950, S. 89.]. Von ihr sind aber anschließend nur zirka 250 Exemplare gefertigt worden. Hier war das Grundobjektiv wie gesagt noch aus sechs Linsen zusammengesetzt (also ingesamt sieben Linsen). Die später sehr erfolgreiche Form des Flektogons 35 mm als Sechslinser wurde am 8. Februar 1952 abgeschlossen. Auf Basis dieser Rechnung begann ab 1953 die erste nennenswerte Serienfertigung dieses Weitwinkelobjektives. Beide Versionen sind  durch die Patentschriften DD10.604 (DDR; 8. März 1953) und DE953.471 (Bundesrepublik; 20. Dezember 1953), sowie ferner in den USA und Großbritannien (1955) geschützt worden.

Flektogon 2,8/35

Das hier abgebildete Flektogon stammt aus jener ersten großen Bauserie ab 1952/53, erkennbar am noch fehlenden Filtergewinde (Aufgrund des großen Bildwinkels brauchte man Filter in W-Fassung, die anfänglich nur als Aufsteckfilter geliefert wurden. Später gab es diese auch zum einschrauben). Schon zum 6. September 1955 wurde das Flektogon wieder neu gerechnet (und zum 12. März 1956 eine Version speziell für die Werra). Eine letzte Neuberechnung fand zum 23. September 1960 statt. Das war auch die „finale Version“ nach der das Flektogon 2,8/35 nun fast 25 Jahre unverändert gefertigt wurde.

Flektogon 2.8/35 Schnitt

Wieso auf einmal dieser Bruch im „Neuberechnungsreigen“? Nun, ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre stand dem VEB Carl Zeiss JENA einer der ersten Computer auf deutschem Boden zur Verfügung, mit dem jetzt die Objektivberechnungen deutlich beschleunigt und gleichzeitig präzisiert werden konnten. Denn mit dieser Optikrechenmaschine OPREMA wurde es nun möglich, die riesigen Mengen an Parameterrechnungen, die selbst bei kleinsten Änderungen von Linsenradien, -dicken, und Brechkräften bei einem sechslinsigen Objektiv in tausende – ja zehntausende – Rechenoperationen ausarten, schnell, fehlerfrei und ohne Ermüdungserscheinungen durchzuführen. Damit gelang es, sich auf dem Gebiet der Fehlerbeseitigung immer mehr einem Optimum anzunähern, wie es in dieser Art vorher undenkbar gewesen wäre. Das bedeutet natürlich nicht, daß die älteren Versionen des Flektogons unbrauchbare Objektive sind. Da aber sowohl auf dem Gebiet der Retrofokusobjektive, wie auch in Bezug auf die Binärrechentechnik Neuland betreten wurde, muß es nicht verwundern, daß auch immer wieder weitere Möglichkeiten der Optimierung gefunden werden konnten. So ermöglichte die OPREMA beispielsweise die vorher viel zu aufwendige Verfolgung von Strahlen, die das Objektiv durchdringen, ohne ein einziges Mal die optische Achse zu schneiden.


Mit der zunehmenden Beherrschung dieser neuen Konstruktionsmethoden wurde aber auch aufgedeckt, daß sich bestimmte sphärochromatische Fehler (vor allem am Bildrand) einfach nicht vollauf befriedigend korrigieren ließen, wie die Abbildung unten zeigt. [aus: Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; aus: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002, Anhang.] Genauere wissenschaftliche Untersuchungen auf diesem Gebiet, die späterhin durch Wolf Dannberg und Eberhard Dietzsch vorangetrieben wurden, führten dann dazu, daß der mit dem Flektogon 2,8/35 mm in den Jahren 1948/49 eingeschlagene Konstruktionsansatz letztlich gänzlich verlassen werden mußte.

Dieses Mäkeln auf hohem Nivau sollte freilich nicht vergällen, daß das Flektogon 2,8/35 mm in all seinen Versionen ein sehr gutes gemäßigtes Weitwinkel darstellt. In der oben abgebildeten Version der 50er Jahre mit Vorwahlblende kostete es damals 280,- Mark. Mit Halbautomatischer Springblende für M42 oder Exakta lag der Preis zunächst bei 348,- Mark, wurde dann aber im Frühjahr 1960 um  über 100 Mark auf 245,- Mark gesenkt. Das Modell mit Vollautomatischer Springblende für die Praktina IIA kostete 1959 gar 396,- Mark.


Erwähnerswert ist noch, daß die reale mittlere Brennweite des Flektogons 2,8/35 mm bei etwa 36,6 mm liegt [Vgl. Fincke, H. E.: Physikalisch-optische und physiologische Grundlagen; in Teicher (Hrsg.): Handbuch der Fototechnik, 2. Auflage, 1963, S. 35]. Eine in der Sowjetunion in Lizenz gefertigte Version des Flektogons unter der Bezeichnung Mir-1 hatte daher stets die "ehrliche" Brennweitenangabe von 37mm.


Alle Typen und Rechnungsvarianten zusammengenommen wurden zwischen Mitte 1950 und Jahresende 1985 über 196.000 Flektogone 2,8/35 mm hergestellt. Damit dürfte das 35er Flektogon nicht nur zu den ersten, sondern auch den am längsten gebauten Retrofokusobjektiven der Geschichte gehören.

Das Flektogon 2,8/35 mm ist bei vielen photographischen Praktikern beliebt, weil es sich sehr gut als Schnappschußobjektiv eignet. Insbesondere die sogenannte Zebra-Version mit ihrem extrasteilen Schneckengang ermöglicht ein flexibles Arbeiten mit diesem Werkzeug. Über die Bildwirkung braucht man wohl keine weiteren Worte verlieren. Photographiert von Avital Nathansohn, Israel, mit der Exakta Varex .

Flektogon 35 mm Praktina
Flektogon 35 mm Exakta

Neben den Normalobjektiven Tessar 2,8/50 und Biotar 2/58 war das Flektogon das einzige Objektiv, das Zeiss Jena serienmäßig mit Halbautomatischer Springblende ausgeliefert hat. Und zwar offenbar nur die Praktina FX und die Exakta, nie jedoch für M42. Halbautomatische Springblende bedeutet, der Blendenmechanismus mußte vor der Aufnahme gespannt werden. Dazu hatten die sogenannten SB-Objektive für Exakta und Praktina diesen charakteristischen Spannhebel. Dabei öffnete sich die Blende vollständig. Bei Betätigen des Auslösers sprang sie dann rasch auf den vorgewählten Arbeitswert.  Im Gegensatz zu den Exakta-Objektiven wurden diejenigen für die Praktina vom Inneren des Kameragehäuses aus angesteuert.

Flektogon ASB Praktina
Flektogon 35 Exakta ASB

Kaum war bei den Praktina-Flektogonen im Februar 1954 die Halbautomatische Springblende eingeführt worden, so folgte bereits im Juni 1956 eine erste Serie mit der Vollautomatischen Springblende ASB. Grund dafür war die kurzfristige Umstellung der Blendenfunktion bei dem neuen Modell Praktina IIA. Nur noch kurze Zeit wurden zur Komplettierung vorhandener Praktina FX die miteinander inkompatiblen SB- und ASB-Versionen parallel gefertigt. Im Gegensatz dazu wurde die Version für die Exakta Varex erst im September 1960 auf ASB umgestellt. Hier dann aber sofort und endgültig.

Jena Flektogon 2,8/35 mm
Jena Flektogon 2,8/35mm

Die hier gezeigte Fassungsgestaltung des Flektogons 2,8/35 mm mit der "genoppten" Entfernungseinstellung war Anfang bis Mitte der 60er Jahre üblich. Der bisherige Vulkanitbelag auf dem Meterring, wie er vom Fernglasbau oder von der Außenhaut der Werra her bekannt war, wurde durch das Aufspritzen einer anderen Kunststoffart ersetzt. Dieses Material bewährte sich aber nicht. Es ging oftmals keine wirklich feste Haftung mit dem Alumiunium ein, sodaß der Ring nach kurzer Zeit zum freien Durchdrehen neigte. Außerdem schien der verwendete Kunststoff rasch zu verspröden und zerbrach dann bei äußerer Belastung. Gleichzeitig mit dieser Fassungsgestaltung wurde beim 35er Flektogon der extrasteile Schneckengang eingefürt, der Nahaufnahmen bis 18 cm ab Bildebene zuließ. Eine Einrichtung zur automatischen Blendenkorrektur, die den nötigen Verlängerungsfaktor berücksichtigt, sorgte dafür, daß auch im Nahbereich die Belichtung des Filmes konstant blieb. Man erkennt das daran, daß sich bei vollem Auszug nur noch die Blende 4 als größte Öffnung einstellen läßt.

Flektogon 35 mm Zebra
Flektogon 35 mm Zebra

Sehr weit verbreitet wird das Flektogon 2,8/35 mm wohl auch in der sogenannten Zebra-Fassung sein. In dieser Form wurde es etwa zehn Jahre lang gefertigt.

Als wahres Kuriosum ist anzusehen, daß das alte Flektogon 2,8/35 noch bis 1985 weiter gefertigt wurde, nachdem sein Nachfolger Flektogon 2,4/35 längst schon in Produktion war. Trotz schwarzer Kreuzrändelfassung hat das 2,8/35 aber keine mehrschichtvergüteten Glasoberflächen, was auf ein Aufbrauchen vorhandener Linsensätze schließen ließe. Eigenartig ist zudem die Tatsache, daß diese späten Flektogone ausschließlich eine Exakta-Fassung aufweisen, obgleich in der DDR schon seit Ende der 70er Jahre keine Kameras mit diesem Anschluß mehr hergestellt wurden.

Flektogon 2.8/35

Egal ob 1960 oder 1975 das Flektogon ging mit der Zeit.

Praktica LTL2 Flektogon 35mm

Marco Kröger


letzte Änderung: 21. April 2022