Pancolare 2,0 und 1,8
Pancolar 2/50
Pancolar 2/50 Zebra

Das Pancolar 2/50 ist in M42 nicht sehr häufig anzutreffen, denn die meisten Exemplare wurden für die Exakta Varex gebaut. Insbesondere die rechte Version im Zebradesign ist äußerst selten. Die Produktion des Pancolar 1:2,0 lief zum Jahresende 1969 aus.


Unten mal ein Beispielbild mit dem Flexon 2/50 in der Version von 1954 an der Praktina IIA. Auf dem dicht bewachsenen Jüdischen Friedhof an der Schönhauser ging es trotz Hochsommer nur  bei weit geöffneter Blende und 1/15 Sekunde Verschlußzeit. Wie man sieht, kommen trotzdem brauchbare Ergebnisse heraus.

Erwähnenswert ist noch, daß bei Zeiss Jena Mitte der 60er Jahre wieder am Einsatz von deformierten Linsenflächen im Objektivbau gearbeitet wurde. Das war bereits in den 30er Jahren aktuell gewesen und führte zum ersten praktischen Einsatz einer Asphäre in einem photographischen Aufnahmesystem. Die Mitschrift eines Gastvortrages, den Prof. Harry Zöllner am 27. September 1965 in Ilmenau über den "Einsatz von asphärischen Flächen in optischen Systemen" gehalten hat, läßt uns nun wissen, daß diese Technologie damals zur Verbesserung der Leistung des Pancolars 2/50 angewendet worden ist. Genaugenommen ging es erst einmal darum, den Einfluß von Flächenungenauigkeiten auf die Leistungsfähigkeit eines mit einer Asphäre ausgestatteten Systems zu untersuchen. Von der Kugelform abweichende Linsenflächen können halt nicht mit der seit Jahrhunderten etablierten Technologie der Linsenschleiferei hergestellt werden. Das führte dazu, daß die mit den althergebrachten Methoden gewohnten Genauigkeiten bei deformierten Oberflächen lange Zeit nur schwer erreichbar waren.

Deformation Asphäre Pancolar

Die Kurve oben gibt die Abweichung vom Scheitelradius der dritten Linsenfläche dieses speziell berechneten Pancolars wieder. Man erkennt daraus, wie minimal diese Deformationen eigentlich sind. Bei einer Scheitelhöhe im zweistelligen Millimeterbereich liegt die Abweichung von der Kugelform im zweistelligen Mikrometerbereich – also nur wenige Tausendstel. Trotzdem muß diese sehr kleine Änderung der Oberflächengestalt mit größter Genauigkeit ausgeführt sein, damit eine positive Wirkung der Asphäre auf die Korrektur der Bildfehler nicht durch eine wilde Zerstreuung des Lichts aufgrund ihrer mangelnden Ausführung zunichte gemacht wird.


Zöllner gibt als Potential dieser Einführung einer Asphäre in des Pancolar 2/50 an, daß bei der Untersuchung der Moduationsübertragung dieses asphärischen Pancolars im Frequenzbereich zwischen 10 und 30 Linien je Millimeter eine Konstraststeigerung bis 80 Prozent zu verzeichnen gewesen sei. Bei der Untersuchung der Flächenungenauigkeit dieses asphärischen Pancolars im Michelson-Interferometer hätten sich zwar deutlich Deformationen der Wellenfront ergeben (Bild 10) und auch eine Zerissenheit der Kaustik aufgrund dieser Ungenauigkeiten sei zu verzeichnen gewesen (Bild 11), die daraus hervorgegangenen Abweichungen seien aber deutlich unter dem zulässigen Zerstreuungskreisdurchmesser geblieben. Zöllner zog einerseits aus dieser Untersuchung den Schluß, daß die erreichbaren Genauigkeiten beim Schleifen von asphärisch deformierten Flächen mittlerweile ausreichen würden, um solche Asphären durchweg in abbildenden Systemen anwenden zu können; andererseits allerdings nur unter der Maßgabe, daß erst noch entsprechende Fertigungsverfahren zu entwickeln seien, auf deren Basis solche Linsen in größeren Stückzahlen wirtschaftlich herstellbar wären. Wir wissen heute, daß ebenjener Schritt durch den Photoobjektivbau der DDR nicht verwirklicht werden konnte. Dasselbe gilt auch für ein Anfang der 70er Jahre in Görlitz entwickeltes Normalobjektiv 1,7/50 mm mit Asphäre.

Pancolar 1:1,8


Denn bis zum allgemein üblichen Einsatz von Asphären beim Bau von Massenobjektiven sollte es immerhin noch bis in die 1990er Jahre dauern. Trotzdem schritt die Entwicklung auch während der 1960er Jahre unaufhaltsam voran. Den Takt gab nunmehr die japanische Photoindustrie vor. Und die hatte das 1,8er Normalobjektiv zum Standard etabliert. Diese auf den ersten Blick nur geringfügig erhöhte Öffnung um etwa einen halben Blendenwert verlangte aber defakto nach umfangreichen konstruktiven Weiterentwicklungen der bisherigen Typen. Also wurden in Jena (und übrigens auch in Görlitz) um 1963/64 an entsprechenden Pendants gearbeitet. Zum 10. April 1964 konnte dann die Rechnung eines neuen Pancolars 1,8/50mm abgeschlossen werden, die ein Jahr später in Produktion ging. Dieses Pancolar 1:1,8 blieb auf den M42-Anschluß beschränkt; für die Exakta wurde die vorige Version 1:2,0 weitergebaut.


Dieses neue Pancolar hatte eine sehr hohe Abbildungsleistung. Um diese Eigenschaften zu erreichen, wurden allerdings offenbar Glassorten mit Thoriumdioxid verbaut, namentlich das Schwerstkron SSK11. Linsen aus einem solchen Glasmaterial zeigen eine hohe Brechkraft bei gleichzeitig geringer Farbzerstreuung. Aber leider sind sie einerseits (schwach) radioaktiv und zweitens erweisen sie sich durch diese Eigenstrahlung des Thoriums als optisch nicht langzeitstabil. Daher, und weil diese Gläser durch den zusätzlichen Lanthangehalt zudem recht teuer sind, wurde dieses Pancolar 1,8/50 nicht sehr lange gebaut. Man findet es nur in der Zebragestaltung. Von dieser ersten Version des Pancolar 1,8/50mm wurden zwischen 1965 und 1970 daher auch nur knapp 40.000 Stück produziert. Von seinem Nachfolger, der ganze zehnmal häufiger anzutreffen ist, läßt es sich anhand der kürzeren Fassung unterscheiden.

Pancolar 1,8/50mm erste Version
Pancolar 1,8 1964 Schema
Pancolar Pentacon Super

Das Pancolar 1,8/50mm in der ersten Version gab es auch in geringen Stückzahlen für die Pentacon Super. Diese Exemplare erkennt man an den zwei Stößeln auf der Rückseite. Beim oberen rechten Stößel handelt es sich um den üblichen Mechanismus für die Druckblendenmechanik. Der untere bewerkstelligt die Offenblendenübertragung  dieser Spitzenkamera. Er ist dazu mit dem Blendenring gekuppelt und übermittelt dessen Stellung an das Summengetriebe der Pentacon Super, sodaß sich der zu erwartende Blendenwert ohne abblenden zu müssen im Belichtungsmeßwert wiederfindet. Dieser zusätzliche Stößel kann aber bei Bedarf ausgekuppelt und  eingefahren werden, sodaß die damit ausgestatteten Objektive an jeder anderen M42-Kamera nutzbar sind. Genau dazu gibt es auch ein Patent, nämlich die Nummer DD54.185 vom 20. Februar 1967. Hermann Friebe, Paul Klupsch und Dieter Reinicke waren die Urheber. Rechts die Abbildung aus dem besagten Patent.

Aus den obengenannten Gründen wurde dieses Normalobjektiv daher bereits drei Jahre später durch ein neues Pancolar 1,8/50 ersetzt (Rechnungsabschluß am 2. Mai 1967). Hier ging man nun gezielt von den teuren, fertigungstechnisch problematischen und zudem zur Vergilbung neigenden Gläsern ab. Vielmehr schafften es Wolf Dannberg und Gerhard Risch unter Ausnutzung des modernen, hochbrechenden Schwerkron-Glases SK 22 (Linse 2; 5 und 6) ein sehr gut auskorrigiertes Normalobjektiv zu schaffen, indem sie zusätzlich den bisherigen Gaußtyp teilweise in Einzelelemente auflösten. Das Besondere an diesem Objektiv ist laut Patentschrift [Nummer DD 77.830 vom 7. Mai 1969] nämlich die Luftlinse in der hinteren Systemhälfte zwischen dem Innenglied und dem sammelnden Meniskus (also zwischen der vierten und der fünften Linse, die bislang stets miteinander verkittet gewesen waren). Die Dicke dieser Luftlinse muß zwischen dem 0,028- und dem 0,048-fachen der Brennweite liegen und deren zerstreuende Wirkung muß größer als 5% aber kleiner als 20% der Wirkung des vor ihr stehenden zersteuenden Innengliedes sein. Hier wird also einmal deutlich, wie sehr sich die optische Wirkung eines zwischen zwei Linsen stehenden Luftzwischenraumes positiv auf die Korrektur des Gesamtsystems  auswirken kann. Auf diese Weise konnte die deutlich ungünstigeres Brechzahl des SK 22 (n = 1,6779) gegenüber dem bisherigen SSK 11 (n = 1,7564) kompensiert werden. Die Substitution letzteren Glases brachte nicht zuletzt auch große ökonomische Einsparungen mit sich.

Pancolar 1,8/50 1967
Pancolar 1,8/50 1967 Schema

Dieses Pancolar 1,8/50 entpuppte sich nicht zuletzt auch aus diesem Grunde in der Folgezeit als eine der glücklichsten Nachkriegsschöpfungen des Zeisswerks. Es wurde bis zur Mitte der 1980er Jahre in für Zeiss-Verhältnissen sehr großen Stückzahlen gefertigt. Alle Fassungsvarianten zusammengenommen dürften es bis 1986 über 375.000 Pancolare 1,8/50 gewesen sein. Zählt man auch jene Fertigungslose mit hinzu, bei denen es im Thiele heißt "Beleg fehlt" oder "Karte fehlt", dann waren es sogar weit über 400.000. Das Pancolar galt seinerzeit stets als die beste Objektivbestückung, wenn man sich eine Praktica kaufte. Es war damals heiß begehrt und ist bis heute sehr beliebt geblieben. Und das nicht zu Unrecht!

Practica VLC Pancolar 1.8
Pancolar 1,8/50
Pancolar 1,8/50 Ratio
Pancolar 1,8/50 MC

Die mehrschichtvergüteten Pancolare  waren in schwarzen Fassungen erhältlich. Links ist eine sehr frühe Version vom Januar 1976 abgebildet. Hier stammt die Blendenmechanik noch von der Zebraversion. Die meisten Pancolare gibt es in der mittleren Fassung mit dem "genormten" Anschlußstück, das es mit anderen Zeissobjektiven jener Zeit gemein hatte. Das rechte Pancolar stammt aus der Endphase der DDR und hat eine deutlich kürzere Fassung, die einen sehr eleganten Eindruck macht.


Unten: Die letzte Bauform des Pancolar 1,8/50 an der letzten Version der Exa, die durch ihre neue "Gehäusebeplankung" noch einmal ein gänzlich gewandeltes Gesicht verpaßt bekommen hatte. Der Plastik-Look entsprach übrigens seinerzeit ganz und gar dem Zeitgeschmack.

Hier einmal ein Vergleich aus der Praxis: Das Pancolar 1,8/50 aus den frühen 1970er Jahren an der Praktica LTL. Oben bei voller Öffnung, unten abgeblendet auf 1:2,8. Scharf gestellt war auf das andere Zugende. Das kommt übrigens einer Einstellung auf Unendlich gleich, die der Photooptiker üblicherweise auf das tausendfache der Brennweite veranschlagt (die BVG-Baureihe H ist  fast 100m lang!). Bei solchen Aufnahmen spielen Allgemeinschärfe und Schärfentiefe ineinander und beeinflussen den letztlichen Bildeindruck, denn nur selten photographiert man rein flächige Motive, wo sich alles in einer Ebene abspielt. Demnach ist es doch interessant, daß sich beim Abblenden, was die Bildschärfe angeht, in der Bildmitte kaum noch etwas ändert. Unter praxisnahen Umständen auf mittelempfindlichem Film und aus der Hand aufgenommen, nutzen wir die Bildleistung selbst der lichtstarken Objektive kaum aus. Kein Wunder, daß solche 50 Jahre  alten Objektive selbst an heutigen Bildsensoren meist noch eine überraschend gute Figur abgeben...

Prakticar 1,8/50


Als im Jahre 1979 endlich die neue Praktica-Generation mit Bajonettanschluß auf den Markt kam, wurde natürlich auch das Pancolar 1,8/50mm in einer solchen Fassung angeboten. Allerdings nicht lange. Es dürfte eigentlich nur im Verbund mit der Praktica B200 und allenfalls noch mit der B100 zusammen ausgeliefert worden sein, denn die Produktionszeit erstreckt sich lediglich zwischen Februar 1979 und Juli 1981. Trotzdem dürfte es mit 33.500 Stück das wohl am meisten gebaute Zeissobjektiv für diesen Kameraanschluß darstellen.

Carl Zeiss Jena Prakticar 1.8/50mm

Wie alle Objektive zur neuen B-Reihe wurde es "Prakticar" benannt. Das führt dazu, daß das JENA Prakticar 1,8/50 sehr leicht mit einem PENTACON Prakticar 1,8/50 verwechselt werden kann, nicht zuletzt da sich beide Objektive auch äußerlich sehr ähnlich sehen.

Zeiss and Pentacon Prakticar comparison

M. Kröger


letzte Änderung: 20. März 2021