Meister-Korelle

Meister-Korelle

Es ist historisch bemerkenswert, daß sich die Mitteldeutsche Photoindustrie seit der Zwischenkriegszeit auf den Kameratypus der Einäugigen Spiegelreflexkamera spezialisiert und diese Gattung zu einer hohen technischen Reife geführt hat. Ein besonderes Marktsegment stellten dabei die Mittelformat-Reflexkameras des Nennformates 6x6 dar, für das diese Reflex-Korelle geradzu prototypisch war.

Reflex-Korelle

Das Jahr 1933 hat sich bekanntermaßen unrühmlich in die deutsche Geschichte eingeprägt. Für die Geschichte der Phototechnik ist es hingegen positiv besetzt. Karl Nüchterlein hatte mit seiner Exakta den Prototyp der modernen Einäugigen Spiegelreflexkamera geschaffen. Ausschlaggebend dafür war, das längst bekannte Prinzip der Reflexkamera mit ihrem exakten Sucherbild mit dem Prinzip des aufwickelbaren Rollfilmes zu verknüpfen, der es erlaubte, mehrere Aufnahmen hintereinander ohne großen zeitlichen Verzug zu machen. Nüchterleins Leistung lag dabei darin, die Drehbewegung, die zum weiterschalten des Filmbandes erforderlich war, mit den für die Reflexkamera notwendigen Bewegungen zu verknüpfen: nämlich die Rückführung des Reflexspiegels in die Betrachtungsposition und das Spannen des Schlitzverschlusses. Obgleich sich Nüchterlein viele seiner Lösungen schützen ließ, zogen andere Hersteller mit ähnlich gelagerten Einfällen nach und kopierten dabei den Grundaufbau der Exakta. Heute wird diese Form der Spiegelreflexkamera gerne T-förmig genannt; insbesondere um sie von den zu selben Zeit aufgekommenen würfelförmigen Kameras eindeutig abzugrenzen.

Reflex-Korelle

Anhand der Reflex-Korelle läßt sich sehr gut der prinzipielle Aufbau einer "T-förmigen" Spiegelreflexkamera der Bauart Nüchterlein zeigen. Links und rechts des Spiegelkastens, an dem vorn das Objektiv angebracht ist und der nach oben mit der Mattscheibe abschließt, sind wulstartig die beiden Spulenräume für den Rollfilm angeordnet. An diesen "Wülsten" kann die Kamera recht bequem gehalten werden. Außerdem ist in ihnen oberhalb der Filmspulen auch ein Großteil der Verschlußmechanik untergebracht.

Reflex-Korelle Modell B

Oben: Draufsicht auf das vereinfachte Modell B mit Filmtransport per Knopf und zusätzlich manuell zu spannenden Verschluß. Unten das seinerzeitige Spitzenmodell IIa mit gekuppeltem Verschlußaufzug, "automatischem" Bildtransport mit kameraeigenem Zählwerk und einem zusätzlichen Hemmwerk für Verschlußzeiten bis zwei Sekunden. Auch einen Selbstauslöser hat diese Variante.

Reflex-Korelle Modell IIa

Aber wie das halt so ist mit Nachahmern: Sie stechen im Nachhinein betrachtet nicht so weit hervor, wie der vormalige Urheber. Über die Entwicklung der Exakta läßt sich ja vor allem dadurch heute noch so weitgreifend Auskunft geben, weil Karl Nüchterlein so viele Grundsatzpatente angemeldet hat. Über Konkurenten, die sich an diesen Schutzansprüchen vorbeimogelten – unter anderem weil sie eine viel einfacher gehaltene Kamera anstrebten – läßt sich dann freilich deutlich weniger Auskunft geben. Darüber hinaus spielte natürlich auch die generelle Haltung der jeweiligen Firmen gegenüber Pateten eine Rolle: Nicht jede Kamerabauanstalt wollte oder konnte sich den Aufwand für eine hauseigene Patentabteilung leisten. Man darf nicht vergessen, daß wir es hier zum Teil mit kleinsten Handwerksbetrieben zu tun hatten, deren Bedeutung heute nur dadurch so groß erscheint, weil sie seinerzeit  den internationalen Markt so derart dominierten. Besonders schade ist das in bezug auf die Primarflex, da diese Kamera mit ihrem würfelförmigen Aufbau nämlich einige Neuerungen prinzipieller Natur zu bieten hatte, die ähnlich grundlegend ausfielen, wie bei der Exakta. Leider hat die Firma Bentzin bis auf eine Ausnahme nichts schützen lassen, weshalb heute nicht einmal mehr der Konstrukteur der Primarflex eindeutig durch solcherlei Primärquellen überliefert ist.


Etwas besser sieht diese Situation in Bezug auf die Korelle-Werke in Dresden aus. Dieses Kamerawerk war 1921 von Franz Kochmann gegründet worden, der als Jude 1938 in die Emigration gezwungen worden ist [Vgl. Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 92]. Das "arisierte" Werk wird anschließend von einem Gustav Heinrich Brandtmann weitergeführt. Aus beiden Epochen sind Schutzrechtsanmeldungen überliefert. Sie zeigen auf, daß die Reflex-Korelle ganz offensichtlich ursprünglich vom Firmeninhaber Kochmann selbst entwickelt worden ist. Unter Brandtmann scheint dann aber ein gewisser Arthur Schlaubitz die Konstruktionsveratwortung übernommen zu haben.

DE1326791U Kochmann

Bei der aus der Ära Kochmann überlieferten Quelle handelt es sich um ein Gebrauchsmuster (das sich leider nur in einer schlechten Kopie erhalten hat). Es beschreibt den Aufbau der mit dem Filmtransport gekuppelten Verschlußspanneinrichtung, wie sie das das oben gezeigte Modell II ausmachte. Dazu hatte Franz Kochmann quer über die Oberseite der Kamera in einem Kanal einen Seilzug gespannt. Die Verbindung geschah durch jeweils eine auf der Verschluß- und auf der Filmtransportachse liegende Seilscheibe, wobei das vollständige Spannen des Verschlusses durch ein Sperrgetriebe gewährleistet wurde. Dieser Aufbau war zwar sehr einfach gelöst, fiel aber im praktischen Gebrauch durch ein notorisches Durchreißen des Seiles auf.

Reflex-Korelle

Oben kann man einen Blick auf den Reflexspiegel der Kamera werfen. Mit dem bei ihr angewandten Hubspiegelmechanismus umschiffte die Reflex-Korelle einige der technischen Klippen, die Nüchterlein bei der Exakta mit ihrem Springspiegel zu lösen hatte. So mußte der Spiegel nicht nach der Aufnahme durch den Spannvorgang zurückgeführt werden, sondern er fiel beim Loslassen des Auslösers durch die bloße Wirkung der Schwerkraft wieder in die Betrachtungsposition zurück. Bei einer Kamera mit quadratischem Format, die immer in der gleichen Position gehalten und nicht auf Hochformat gedreht wird, ist diese Lösung möglich, obgleich sie nicht ideal ist. Es muß nämlich unbeding verhindert werden, daß der Spiegel wieder zurückfällt, bevor nicht der Verschluß vollständig abgelaufen ist. Das ansonsten in den Spiegelkasten einfallende Licht würde die Aufnahme nämlich sofort verschleiern.

Reflex-Korelle IIa

Interessant war für mich, als ich im Zuge der Recherche herausfand, daß im Korelle-Werk mitten im Krieg Lösungsmöglichkeiten für dasselbe Problem erarbeitet worden sind, an denen zur gleichen Zeit Karl Nüchterlein nur wenige hundert Meter entfernt arbeitete: Am Funktionsprinzip eines kamerainternen Belichtungsmessers, das wir heute als Innenlichtmessung kennen. Leider existiert hiervon offenbar nur noch ein französisches Patent Nr. 890.808 vom 8. Februar 1943. Eine deutsche Patentanmeldung vom 25. September 1942 ist leider momentan nicht auffindbar. Anhand der Zeichnungen ist aber gut erkennbar, wie das Selen-Element wegklappbar hinter dem Objektiv angeordnet war, wie der dazugehörige Mechanismus mit dem Spiegel gekuppelt werden sollte und wie die Meßanzeige als Teil des Lichtschachtes konzipiert worden ist, die im aufgeklappten Zustand bequem abgelesen werden konnte.

FR890.808 Korelle Innenlichtmessung
Meister-Korelle

Die Fabrik Brandtmanns, die sich zuletzt in der Augsburger Straße in Dresden befunden hat, wurde im Februar 1945 komplett zerstört. Der Besitzer fing zwar in Strehlen in angemieteten Fabrikräumen wieder an, aber Ende 1945 wurde der Betrieb beschlagnahmt und im darauffolgenden Jahr enteignet. [Vgl. Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 147.] Unter der Ägide der Industrieverwaltung 24 OPTIK beginnen die Korelle-Kamera-Werke in der Schandauer Straße 38 die Reflex-Korelle zunächst wieder herzustellen und sollen das alte Modell auch auf der Frühjahrsmesse 1947 gezeigt haben. Im Jahr darauf wird das Werk allerdings in den "VEB Werkstätten für Feinmechanik und Optik WEFO" eingegliedert. Unter der Ägide des vormaligen Inhabers dieser Werkstätte, Max Pfau, wurde daraufhin die unter Qualitätsproblemen und veralteter Konstruktion leidende Reflex-Korelle weiterentwickelt und als Meister-Korelle auf der Frühjahrsmesse 1950 vorgestellt [Vgl. Fotografie 4/1950, S. 92/93.].


Diese Weiterentwicklung war aber gleichzeitig sowohl halbherzig, als auch und überambitioniert. So wurde einerseits am völlig veralteten Hubspiegel-Konzept festgehalten, das dem Konstrukteur wie gesagt aufwendige mechanische Kopplungseinreichtungen erspart. Andererseits hat Pfau versucht, den Verschluß der Kamera auf sehr moderne Weise durch ein einziges Hemmwerk anzusteuern. 

Meister-Korelle Hemmwerk

Der durch dieses Hemmwerk gesteuerte Schlitzverschluß der Meister-Korelle ließ jedoch wohl kaum eine qualitativ konstante Fabrikation zu. Es sind für mich keinerlei konstruktiv vorgesehene Justierstellen ersichtlich. Die Montage und der Abgleich der Kamera scheinen auf rein handwerkliche Art und Weise vor sich gegangen zu sein, bei der die Messinghebelchen und Federn nach Erfahrung gebogen wurden, bis die Kamera lief. Wie gern würde ich siebzig Jahre in der Zeit zurückreisen und einem damaligen Monteur bei dieser Arbeit zuschauen. Eine reproduzierbare Justage und insbesondere eine profitable Massenfabrikation werden auf dieser Grundlage jedenfalls nicht erreicht worden sein. Angesichts dieser grundsätzlichen Probleme half es auch nichts, daß die Produktion dieser Kamera an die erfahrenen Welta-Kamerawerke abgeschoben wurde. Man hätte die Korelle eben gerne weiterhin als "Master Reflex" in die USA exportiert, wo man sie zu Preisen bis zu 200 Dollar verkaufen konnte. Als letzte Hoffnung wurden die vorhandenen Teile den Kamerawerken Niedersedlitz übergeben [Vgl. Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 148.], die sich zu Beginn der 50er Jahre zur innovativsten Kamerabauanstalt der DDR entwickelt hatten. Doch Siegfried Böhm soll die Produktionsübernahme als hoffungslos abgelehnt haben. Man kann sagen, aus einer tiefgreifenden, ganz und gar nicht halbherzigen Revision des Grundprinzips der Meister-Korelle ist ab 1954 die Praktisix hervorgegangen, die als Pentacon Six und Exakta 66 zu einer der erfolgreichsten Mittelformat-Spiegelreflexkameras aller Zeiten werden sollte.

Master Reflex Juli 1951

Aus dieser Annonce wird offenbar, daß der Grundkörper der Meister-Korelle im VEB Weißensee-Druckguß in Berlin hergestellt wurde. Daraus läßt sich wiederum schließen, wie exklusiv diese Technologie damals noch gewesen ist und daß sie nicht jeder Betrieb beherrschte. Es ist aber auch nicht auszuschließen, daß auch die Grundkörper anderer Dresdner Kameras hier gegossen wurden, und zwar bis in die 80er Jahre hinein.


So eine Meister-Korelle ist schon ein uriges Gerät, wie das folgende Video zeigt. Die Hubspiegelmechanismus fasziniert aus heutiger Sicht und macht die Bedienung dieser Kamera zu einer Besonderheit.

Die Bilder unten sind alle mit der Meister-Korelle und dem Trioplan 2,8/100mm entstanden. Der verwendete Farbumkehrfilm war freilich ein wenig überlagert... ;-)

Die folgenden Schwarzweißaufnahmen sind hingegen mit der obigen Reflex-Korelle IIa angefertigt worden. Das einfache Triplett "Ludwig Victar" hat mich in jeder Form überrascht. Harmonisch weich bei offener Blende (s. Portrait unten) aber scharf und kontrastreich bei mittlerer Abblendung. Das hatte ich bei diesem mehr als 80 Jahre alten Objektiv so nicht erwartet.

Master Reflex Hollywood

Selbst in höchsten Hollywood-Kreisen hatte die Master Reflex eine Anwenderschaft gefunden.

Marco Kröger


letzte Änderung: 15. Januar 2022