Penti


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Die Penti

Über die äußere Gestalt dieser kleinen Kamera mögen sich die Geister scheiden, aber das tut der Tatsache keinen Abbruch, daß die Penti die am längsten gebaute unter den hochwertigen Sucherkameras der DDR darstellt. Daß sie dabei ein Kind der spannenden Umbruchphase des Dresdner Kamerabaus in den späten 50er Jahren ist, macht sie geschichtlich um so interessanter.

Penti II

Man muß sich noch einmal die rasante Weiterentwicklung der Phototechnik in den 50er Jahren vergegenwärtigen, um die Umstände zu begreifen, die am Ende dieses Jahrzehnts Kameras wie die Penti hervorgebracht haben. In der Zwischenkriegszeit galt eine 6x9 Faltkamera als typisches Amateurgerät: Eine Sucherkamera, bei der man zwar die Schärfe schätzen mußte, die sich aber klein zusammenlegen ließ und überall hin mitgenommen werden konnte. Der Rollfilm war leicht einzulegen, gestattete mehrere Aufnahmen hintereinander zu machen und konnte erstmals zum entwickeln abgegeben werden. Das war für den Photoamateur derart attraktiv, daß eine Unzahl verschiedener Typen auf den Markt gebracht wurden. Spitzenmodelle hatten sogar einen eingebauten Entfernungsmesser und teils sehr hochwertige Objektive. Interessant ist nun, daß von dieser 6x9-Kamera ausgehend Modelle mit dem verkleinerten Format 4,5x6 cm entwickelt wurden, die doppelt so viele Aufnahmen auf einem Film gestatteten. Diese Kameras fielen noch einmal bedeutend kompakter aus und die kürzere Brennweite der Objektive erleichterte das Schätzen der Entfernung immens.


Zwanzig Jahre später – davon freilich zehn verlorene Jahre des Krieges – hatte sich das Kleinbild beim Amateur durchgesetzt. Weshalb das damals so rasch geschah, hat hauptsächlich damit zu tun, daß nunmehr die Farbphotographie endlich für den Amateur verfügbar geworden war. Und wenn der Nachbar seinen letzten Sommerurlaub in Form von Farbdias dokumentierte, dann wollte man das spätestens im nächsten Sommer auch.


Aber so ein Farbfilm war teuer. Überhaupt Photographie. Zumal man jetzt immer öfter auch den Schwarzweißfilm zum entwickeln weggab, weil man sonst ein Vergrößerungsgerät gebraucht hätte, usw. Also geschah beim Kleinbildfilm dasselbe wie beim Rollfilm BII 8 zuvor: das Bildformat wurde unterteilt. Neben dem quadratischen 24x24 mm, das bereits vor dem zweiten Weltkrieg beliebt war, kam nun auch das bereits vom Kino her bekannte 18x24 mm infrage. Zwar hatte es auch zuvor schon Stillbild-Kameras mit dieser Bildgröße gegeben, aber es war die Penti, die diesem sogenannten Halbformat zum Durchbruch verhalf. Auch japanische Halbformatkameras waren bis weit in die 70er Jahre noch sehr erfolgreich.

Welta Penti


Ich habe mich bereits an verschiedenen Stellen vergleichsweise kritisch über Walter Hennig (1908 - 1977) geäußert, auch wenn Herbert Blumtritt seinen Mentor als „genialen Konstrukteur“ in den höchsten Tönen lobt [Vgl. Blumtritt, Herbert: Die Geschichte der Dresdner Fotoindustrie, Stuttgart, 2000, S. 188]. Es reicht aber nicht, ein genialer Konstrukteur zu sein. Meiner Ansicht nach liegt es nämlich auch im Verantwortungsbereich eines Konstrukteurs, Geräte zu entwerfen, die nicht nur toll sind, sondern mit denen der Betrieb, für den man sie entwirft, auch Geld verdienen kann. Insbesondere ein „Abteilungsleiter Konstruktion“ muß abschätzen können, welche Entwicklungen sinnvoll sind und was wirklich vom Markt verlangt wird. Und was das betrifft, muß man Walter Hennig leider vorwerfen, etliche „Wolkenkuckucksheime“ entwickelt zu haben, die geradewegs am Markt vorbeientwickelt worden sind oder schlichtweg nicht ausgereift waren. Ein Beispiel für ersteres sind die beiden Spiegelreflexkameras mit Wechselkassetten, die Hennig für die Zeiss Ikon entwickelt hat. Wir wissen heute, daß mit diesem Projekt (sowie der Stereo-Reflexkamera Pentaplast) offenbar die gesamte Produktentwicklungskapazität dieses Betriebes blockiert wurde, weshalb dieser in der zweiten Hälfte der 50er Jahre keine konkurrenzfähige Stillbildkamera mehr auf dem Markt hatte. Als zweites Wolkenkuckucksheim entpuppte sich das Verlangen, eine Zentralverschlußspiegelreflexkamera nach westdeutschem Vorbild herauszubringen. Mit einem erfolglosen Konstrukt namens Pentina, für das Hennig maßgeblich verantwortlich zeichnete, wurden die frisch gegründeten Kamera- und Kinowerke stark belastet. Geradezu zur Katastrophe geriet aber Hennigs Prakti, auch wenn sie Blumtritt als „sein Meisterstück, sein ‚Juwel‘“ bezeichnet und im Nachsatz „ihre Tragik“ beweint [Ebenda]. Dabei ist doch die Tragik dieser Prakti nicht vom Himmel gefallen, sondern war Ergebnis einer völlig überkandidelten Konstruktion, die Walter Hennigs Hang geschuldet war, viel zu hoch gesteckte Zielvorgaben mit einem Wust an technischen Lösungen erreichen zu wollen. Im Zeitalter der Selenzelle war es eben völlig überambitioniert, eine automatisierte Kamera schaffen zu wollen, die in dieser Form tatsächlich erst in den späten 80er Jahren mithilfe von Autofokus und Programmautomatik Gestalt annehmen konnte. Das hätte Walter Hennig damals erkennen müssen und Herbert Blumtritt hat zu wenig Abstand von seinem Idol, um diesen Punkt objektiv genug beurteilen zu können.

Welta Penti

Um so bemerkenswerter ist doch diese Penti. Offensichtlich ist Hennig gerade da am besten, wo er seine einfachste Kamera entwickelt. Hier läuft dieser Mann ja geradezu zur Höchstform auf. Der Hintergrund zu dieser erst Orix, dann bald Penti genannten Kamera ist folgender: Die Filmfabrik Wolfen konfektionierte auch nach 1945 noch einige ihrer Emulsionen in den Karat-Kassetten, um den Weiterbetrieb dieser hauseigenen Kameras aus den 30er Jahren sicherstellen zu können. Hennig besann sich der Einfachheit, mit der das Filmeinlegen bei diesen Schiebekassetten möglich war. Seine Grundidee lag darin, dieses „Schiebeprinzip“ derart auszudehnen, daß jegliche drehende Getriebe zu eliminieren wären. Daher konnte diese Kamera trotz einer Kupplung des Filmtransports mit dem Verschlußaufzug so derart simpel, kompakt und leicht ausfallen. Ich erlaube mir daher, Herbert Blumtritt zu widersprechen und zu korrigieren: Nicht die Prakti, sondern die Penti ist Hennigs Meisterstück gewesen!

Penti II Pentacon

Das erkennt man auch daran, daß die ursprüngliche Orix sogar noch deutliches Weiterentwicklungspotential zeigte. Nachdem sich die Kamera- und Kinowerke konsolidiert und das Durcheinander in den zusammengelegeten Betriebsteilen gelegt hatte, wurde der Penti eine gekuppelte Belichtungshalbautomatik verpaßt. Im Leuchtrahmensucher der ebenfalls neu war mußten nun lediglich zwei Zeiger zur Deckung gebracht werden, und schon war die richtige Belichtung eingestellt. Zusammen mit dem einfachen Einlegen des Filmes und der großen Schärfentiefe des dreilinsigen Aufnahmeobjektivs geriet die Penti II zur unkompliziertesten Amateur-Qualitätskamera der DDR-Photoindustrie. Ihre gelungene Konstruktion spiegelt sich auch darin wieder, daß sie erst Ende der 70er Jahre (!) aus dem Warenkatalog des Photobinnenhandels der DDR verschwand, nachdem die Prakti, die Werra-Reihe, die Altix, die Belmira usw. längst schon eingestellt worden waren. Sie war nicht nur die am längsten hergestellte höherwertige Sucherkamera des DDR-Kamerabaus, sondern am Schluß sogar die einzig verbliebene solche aus DDR-Produktion. Ansonsten beherrschte nämlich Plastik dieses Marktsegment. Das änderte sich erst mit der Beirette electronic Anfang der 80er Jahre, die wieder eine Qualitätskamera darstellte. Wer Glück hatte, der konnte bis dahin eine aus der Sowjetunion importierte Sokol Automat ergattern, die wirklich gut war, aber stets in zu kleinen Kontingenten in die Geschäfte kam. Wie schon mehrfach erwähnt: Gute Sucherkameras waren ein von der DDR-Photoindustrie frühzeitig verlassenes Marktsegment.

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DD 21.983 Orix

"Photographische Kleinbildkamera für perforierten Rollfilm" – so lautet der Titel des unter der Nummer DD21.983 am 8. November 1957 angemeldeten Grundlagenpatentes-Patentes für die Orix. Oskar Fischer, Horst Strehle, Walter Hennig und Herbert Welzel hatten sie entwickelt; und zwar ursprünglich für das Welta-Kamera-Werk in Freital. Irgendwann im Frühjahr dieses Jahres – und zwar offenbar kurz nach der Leipziger Messe, genau kann ich das noch nicht sagen – war der VEB Zeiss Ikon zerschlagen worden. Die Überbleibsel samt Geräteproduktion und Entwicklungspersonal wurden nun verbleibenen Firmen eingegliedert. Die Orix war also eigentlich eine Zeiss-Ikon-Kamera. Aber unter genau diesem Firmennamen konnte man mittlerweile keine internationalen Patentanmeldungen mehr riskieren. Wie ich hier etwas breiter ausgeführt und anhand von Patentummeldungen zu belegen versucht habe, wurden damals die deutsch-deutschen Zwistigkeiten im Kalten Krieg offenbar gerade auf dem Rücken solcher Firmen wie Zeiss Ikon ausgetragen. Ähnlich wie das später tatsächlich bei der Ihagee geschehen ist, drohte der VEB Zeiss Ikon ab etwa Mitte 1956 alle Verfügungsgewalt über seine in der Bundesrepublik angemeldeten Patente zu verlieren. Welche Auswirkungen das auf das bestehende Produktsortiment und auf kommende Produktentwicklungen gehabt hätte, wollte sich damals wohl keiner ausmalen. Um es gar nicht so weit kommen zu lassen, wurde meiner Interpretation nach in weniger als einer Jahresfrist der Name Zeiss Ikon komplett aus dem DDR-Industriegefüge getilgt. Und die Orix ist ein Symptom dieses Tilgungsprozesses. Wie sonst läßt es sich erklären, daß der ehemalige Zeiss-Ikon-Konstruktionschef samt seiner Leute plötzlich für dieses kleine Kamerawerk in Freital arbeitet? Interessant für mich ist, daß selbst Herbert Blumtritt, den ich als den seriösesten Autor zur Geschichte der Photoindustrie der DDR einschätze, auch nur sehr wenig zu diesem erschütternden Ende dieses einstmals so bedeutenden Betriebes sagen kann. Man kann daraus nur die Vermutung ableiten, daß über die wahren Hintergründe des abrupten Endes des VEB Zeiss Ikon seinerzeit und auch später nichts öffentlich bekanntgegeben wurde.


Zurück zur Orix und ihrem Grundlagenpatent vom November 1957. Die Grundidee dieser Kamera war, wie oben bereits angedeutet, die in der Zwischenkriegszeit von der Agfa herausgebrachte Karat-Kassette zu reaktivieren. Deren Vorteil lag darin, daß sie als Schiebekassette ausgeführt war, das heißt, es war keine zusätzliche Drehbewegung notwendig, um das belichtete Material aufzuwickeln. Vielmehr wurde es in eine gleichartige Leerkassette geschoben, wodurch auch das Rückspulen entfiel. Und schieben ist genau das Stichwort: Wenn schon die Drehbewegung für das Aufwickeln des Filmes wegfallen kann, wieso sollte man noch – wie ursprünglich die Agfa bei ihren Karat-Kameras – für den Filmtransport eine drehende Zahntrommel verwenden? Die wunderbare Idee Hennigs und seiner Kollegen lag nämlich darin, auch diesen Filmtransport schiebend vorzunehmen. Dazu wurde ein Greifer eingesetzt, der durch eine im Patent als „Schaltstange“ bezeichnete Filmschalttaste bewegt wird. Auf diese Weise konnten alle aufwendigen Getriebeteile für die sonst übliche Zahntrommel, die Wickelspule und den damit verbundenen Verschlußspannmechanismus entfallen, was die Herstellung verbilligte und den Aufbau kompakt werden ließ.

Dieses Schiebeprinzip funktionierte vor allem auch deshalb, weil der Filmtransport auf die Hälfte reduziert wurde. Arbeitete die Agfa Karat mit acht Perforationslöchern Filmtransport und damit der normalen Bildgröße 24x36mm, so transportierte die Orix nur deren vier. Damit verdoppelte sich die Anzahl der Aufnahmen von 12 auf akzeptable 24 pro Film.


Die etuiartige Formgebung und ihre Herstellung aus spanlos gewonnenen Schalen wurde am 6. September 1958 in der Bundesrepublik zum Patent angemeldet (Nr. 1.810.939). Auch die Rahmenbauweise mit möglichst wenigen hervorspringenden Teilen war Bestandteil dieses Schutzrechtes.

DE1.810.939 Orix
DE1.810.939 Orix

Auch die Bauform der Filmandruckplatte, die jeder Penti-Kenner sofort als zu dieser Kamera gehörend identifiziert, ist in Österreich am 29. Feber (!) 1960 unter der Nummer 223.007 zum Patent angemeldet worden. Der Sinn dieses kapselartigen Federgehäuses lag übrigens darin, daß sich anstelle der üblichen Blattfedern eine Schraubenfeder verwenden ließ, die eine wesentlich günstigere Kraftwirkung aufzuweisen hat.

AU 223.007 Penti
AU 223.007 Penti

Selbst auf so etwas, wie der kleine Riegel, der die volle Filmpatrone der Penti daran hindert, sich beim Filmtransport zu verdrehen, wurde in der Bunderepublik ein Gebrauchsmuster angemeldet. Beispielhaft dabei ist, daß dieses DBGM Nr. 1.791.093 zum 6. September 1958 auf den Namen der Kamerawerke Niedersedlitz angemeldet wurde, dasselbe aber am 30. März 1959 auf den VEB Feinmeß Dresden umgeschrieben worden ist. Ein Beispiel wiederum für die unübersichtliche Konsolidierungsphase des Dresdner Kamerabaus in jener Zeit.

DE1791093 Penti

Eine Automatik- und eine Reflex-Penti?



Allem Anschein nach sollte die Weiterentwicklung der Penti zum Modell II mit Belichtungshalbautomatik in den Jahren 1960/61 ursprünglich nicht der finale Schritt sein. Ich habe nämlich verschiedentliche Hinweise dafür gefunden, daß dieses Konzept der „Halbformatkamera“ noch wesentlich weiter ausgebaut werden sollte. Die wichtigsten Anzeichen liefert uns dafür das Sachnummernverzeichnis der DDR-Photoindustrie, in dem alle Erzeugnisse aufgeführt sind, die in diesem Industriezweig produziert wurden oder werden sollten. Hier ist zum Beispiel von einer Penti III (Sachnummer 150.000) die Rede, ohne daß genau herauszufinden ist, wodurch diese sich von der Penti II unterschieden hätte.


Wesentlich eindeutiger ist allerdings ein Eintrag unter der Nummer 821.000, der einen Zentralverschluß vom Typ "Prestormat" für eine gewisse "Penti IV" verzeichnet. Ich habe mich ausführlich mit der Quellenlage zur Zentralverschluß-Konstruktion in der DDR beschäftigt und komme zu dem Schluß, daß in den Kamera- und Kinowerken in den 60er Jahren noch an einem Prestor mit integrierter Blendenautomatik gearbeitet wurde. In der Bundesrepublik waren seinerzeit mehrere solcher Vollautomatik-Verschlüsse mit unterschiedlichen Ausstattungsmerkmalen im Markt. Offenbar sollte auf diese Weise die Penti zum Belichtungsvollautomaten weiterentwickelt werden. Möglicherweise handelt es sich um denselben Verschluß, der auch in den Nullserienmodellen einer Werra mit Blendenautomatik ("WERRA-Supermat") eingesetzt wurde. Dazu kann aber bislang nichts genaues gesagt werden, denn eine Serienproduktion erfolgte in beiden Fällen nicht mehr. 

DD27.386 Prestormat (?)

Die Arbeiten an einem Zentralverschluß mit Blendenautomatik lassen sich zurückverfolgen bis auf den 22. März 1960. Hier liegt ein DDR-Patent Nr. 27.386 vor, das sich mit der Steuerung der Blendenöffnung per Abtastung eines Meßgerätezeigers beschäftigt und eine Abschaltung dieses Funktionsprinzips bei Blitzbetrieb beschreibt (Werner Hahn, Johannes Weise, Edith Berger). Ein weiteres Patent Nr. DD32.042 vom 24. September 1963 von Werner Hahn und Karl Krömer schützt ein Summengetriebe, das eine Eingabe beispielsweise der Filmempfindlichkeit und der Belichtungszeit in die Blendensteuerung ermöglicht. Möglicherweise handelt es sich bei diesen Schutzschriften um Vorarbeiten zum besagten Prestormat.

Neben der oben genannten "Penti IV" ist in diesem Sachnummernverzeichnis unter der Ziffer 821.010 auch ein Prestormat für eine "Reflex-Penti" aufgeführt. Das würde bedeuten, daß in den Kamera- und Kinowerken auch an einer Halbformat-Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluß und Blendenautomatik gearbeitet worden wäre. Die Tatsache, daß diese Kamera bereits im Sachnummernverzeichnis aufgeführt ist, zeigt, daß die Arbeiten daran schon fortgeschritten gewesen sein mußten.


In den Quellen finden sich darüber hinaus noch weitere Hinweise auf die Arbeiten an einer Halbformat-Spiegelrefelxkamera, die sich aber von den oben genannten Ansätzen teils erheblich unterscheidet. So ist unter der Sachnummer 180.007 eine „Spiegelreflexkamera 18x24 mit Belichtungsautomatik“ aufgeführt, die „SR24“ hätte heißen sollen. Spiegelreflex mit 24 Aufnahmen? Das wäre ein unverkennbarer Hinweis auf das Halbformat in Verbindung mit der SL-Kassette. Die weiteren Angaben „Kameragrundkörper, ohne Objektiv“ verweisen auf Wechselobjektive.


Bei Durchsicht der Patentüberlieferung der Kamera- und Kinowerke stößt man nun auf Entwicklungen aus jener Epoche, die teils von den technischen Beschreibungen her, teils aber auch in Bezug auf die äußerlichen Erscheinungsformen der Zeichungen auf eine solche "Penti-ähnliche" Spiegelreflexkamera passen würden.


Ein Beispiel dafür ist das DDR-Patent Nr. 27.284 „Zeiteinstelleinrichtung für Schlitzverschlußkameras“, das Horst Strehle und Günter Heerklotz am 29. September 1960 in der DDR angemeldet haben. Neben den Ähnlichkeiten zur Penti und der großen Selenzelle für die Belichtungsautomatik könnte auch die Verstellung der Verschlußzeiten des Schlitzverschlusses zu einer „SR24“ passen, die wie bei der Penti durch einen Ring erfolgen soll, der konzentrisch um das Objektiv herum angebracht ist (Schutzanspruch 10)

DD27.284 Reflex Penti (?)
Reflex Penti?

Zum oben genannten Patent Nr. 27.284 existiert noch ein Zusatzpatent Nr. 35.294 vom 3. Oktober 1960, das sich ebenso mit der Einstellung der Verschlußzeit und deren Anzeige z.B in einem optischen Durchsichtssucher beschäftigt. Das ziemliche Durcheinander, das in diesen beiden Patentenmeldungen zum Ausdruck kommt, weil beispielsweise von Schlitzverschluß, Dachkantprisma und Durchsichtssucher gleichzeitig die Rede ist, zeugt aber davon, daß ihnen noch kein ausgegorenes Produkt zugrunde lag.

DD35.294

Ein weiteres sehr an den Grundaufbau der Penti erinnerndes Patent Nr. DD33.382 haben Herbert Welzel und Heinz Bachmann am 28. Dezember 1963 angemeldet, das eine Unterbringung eines Abgleichpotentiometers für eine Belichtungsautomatik unter der vorderen Belederung beschreibt. Möglicherweise ist auch dies Teil der Entwicklung einer solchen Automatik-Halbformatkamera (Penti IV) in ebenjener Zeit.

DD33.382

Für uns ist heute freilich Fakt, daß die Penti-Weiterentwicklungen in Form einer halbformatigen Sucherkamera mit Belichtungsvollautomatik (Penti IV), einer halbformatigen Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluß und Belichtungsvollautomatik (Reflex-Penti) sowie einer halbformatigen Spiegelreflex mit Wechselobjektiven und Belichtungsautomatik (SR24) nicht mehr zustande kamen. Von allen drei Projekten zeugen nur noch die vorfertig zugeordneten Sachnummern. Wie bei anderen solchen Fällen (z.B. ein Oreston 1,4/50 aus Görlitz oder eine 6x6 Sucherkamera namens "Ecasix", für die auch solche Sachnummern existieren) kamen diese bereits getypten Produktentwicklungen letztlich nie auf den Markt.


Zum Abschluß bleibt mir daher nur noch, ein paar zeitgenössische Bilder zur Produktion der Penti nachzuliefern, die vom Photographengespann Höhne/Pohl stammen und durch die Deutsche Fotothek überliefert werden. So erfahren wir, daß die Penti ein Jugendobjekt der FDJ gewesen ist und daß sie von genau derlei Damen, für die sie hauptsächlich gedacht war, offensichtlich auch gefertigt worden ist. :-)

Penti Herstellung
Penti Werbung

Zum Abschluß noch eine Anekdote. Der untenstehende "kleine Tip" erschien im Fotofalter Dezemberheft 1960. Eigentlich hätte der Beitrag "Kleiner Tip für Pentifreunde" heißen sollen. Doch der Setzer hatte entweder einen schlechten Tag oder er war gar eine "feindlich negative Person", wie dazumal der Jargon beim MfS lautete. Denn allzusehr fällt auf, daß hier etwas nachträglich geschwärzt werden mußte. Und sowas war aufwändig! Um einen alltäglichen Druckfehler kann es sich dabei also kaum gehandelt haben. Ein Glück für uns, daß damals wirklich noch mit beweglichen Lettern gedruckt wurde, die eben - der Name sagt es ja - neben Farbe noch einen EINDRUCK hinterlassen. Und wenn man nun das Papier unter ein günstiges Licht hält und ein wenig hin- und herdreht kann man es lesen, was da in tausenden Heften ursprünglich gestanden hat: "Kleiner Tip für Parteifreunde" nämlich. Das war natürlich ungeheuerlich und durfte keinesfalls ungeschwärzt in den Postzeitungsvertrieb gelangen. Da dürfte damals wohl einer gehörig was auf den Deckel bekommen haben...

Marco Kröger


letzte Änderung: 14. August 2020