Belplasca
Belplasca Zentralverschluß

Oben sieht man den ausgeklügelten Stereoverschluß der Belplasca. Es handelt sich um einen Hinterlinsenverschluß. Diese Bauart hatte sich nach 1945 im DDR-Kamerabau sehr bewährt. Die Taxona, die Werra und die Altix arbeiteten mit Hinterlinsenverschlüssen. Der große Vorteil liegt darin, daß das Objektiv als ganze Einheit erhalten bleibt und nicht durch die beiden Verschlußhälften in zwei Teile zerlegt wird, was stets Probleme mit der Zentrierung mit sich bringt. 


Der Doppelzentralverschluß der Belplasca ist bewundernswert klar und übersichtlich konstruiert. Die Idee, den Antrieb und das Hemmwerk als gesonderte Baugruppe zwischen beiden Sektorensätzen anzuordnen, war  dermaßen neuartig, daß man sie sogar patentrechtlich schützen konnte. Konrad Koehl und Manfred Wießner haben das diesbezügliche Patent Nr. DD12.358 am 15. August 1953 angemeldet.

DD12358 Belplasca Zentralverschluß

Da bei der Belplasca ein freier Raum vom Ausmaß einer Bildbreite zwischen den beiden Filmfenstern bleibt, konnten Koehl und Wießner hier die gesamte Verschlußmechanik anordnen, mit der die beiden Sektorensätze absolut gleichartig angetrieben werden konnten. Gleichzeitig war dadurch ein modernes Hemmwerk mit einem bequem zu bedienenden Zeiteinstellknopf möglich, wie ihn damals noch nicht viele Kameras zu bieten hatten.


Der Aufbau als Hinterlinsenverschluß machte es möglich, daß die eigentliche Objektivbaugruppe eine eigene Einheit darstellte, die abgekoppelt von der übrigen Kamera bestückt und justiert werden konnte. Das war bemerkenswert modern und präzise ausgelegt.

Belplasca Objektivbaugruppe

Weil auch hier wieder zwischen den beiden Objektiven genügend Platz vorhanden war, konnte man eine sehr simple und konstruktiv klare  Kopplung der beiden Schneckengänge umsetzen. Dazu dient das zwischen beiden Objektiven sichtbare große Zahnrad. Die Scharfstellung per Schneckengang stellt sicher, daß die gute Leistung der beiden Tessare über den gesamten Einstellbereich erhalten bleibt. Bei Frontlinseneinstellung ist das leider nicht immer gegeben. Als Objektivbestückung verwendete man das Tessar 3,5/37,5mm, das  bereits seit 1947 in der Tenax bzw. der späteren Taxona eingebaut worden war. Es wurde am 4. Juli 1946 (neu) gerechnet und zeichnet sich durch ein ganz vorzügliches Auflösunsvermögen aus. Die vergleichsweise kurze Brennweite führt zu einer bei bei Stereokameras sehr erwünschten leichten Weitwinkelwirkung.


Da dieses Tessar die einzige Objektivbestückung für die Belplasca gewesen ist, kann man übrigens indirekt über die Anzahl der Objektive auf die Anzahl der gebauten Belplascas Rückschlüsse ziehen. Der "Thiele" gibt Aufschluß darüber, daß für die Belplasca 19.200 Tessare 37,5mm gefertigt wurden. Das wären also 9600 Paar. Nun ist es allerdings so, daß die beiden Tessare der oben gezeigten Kamera gerade in einen Nummernkreis fallen, den Thiele als 1000 Stück Biotar 2/58 ausweist mit der Bemerkung "Beleg fehlt". Ich kann Ihnen diesen Sachverhalt auch sofort erklären: Die obige Kamera war einstmals für den Export vorgesehen. Wie üblich wurden "Carl Zeiss Jena Tessare" dann zu "Jena T" umgemünzt. Fast immer wurden dafür neue Nummernkreise vergeben, ohne daß diese Objektive freilich ein zweites Mal hergestellt wurden. Wie dem auch sei: Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind entweder knapp 10.000 oder aber reichlich 10.000 Belplascas fabriziert worden. Und zumindest die zugehörigen Objektive wurden nur binnen zweier Jahre zwischen 1954 und 1956 hergestellt.

Belplasca Transportmechanismus

Das eigentliche Herzstück der Belplasca ist natürlich ihr ausgeklügelter Filmtransport. Der Richard-Schaltschritt (Verascop F40) ging von der Idee aus, zwischen beiden Bilfenstern ein freies Bildfeld unterzubringen. Diese Anordnung führte dazu, daß ein ungleichmäßiger Schaltschritt nötig wurde, bei dem abwechselnd je eine Bildbreite und anschließend drei Bildbreiten transportiert werden mußten. Bei Richard waren dies jeweils 7 und 21 Perforationslöcher. Um den Film besser ausnutzen zu können und ein weniger breites Teilbild zu erhalten, vor allem aber, um den Bildfensterabstand von 66,5mm auf den viel günstigeren Wert von 64mm zu verkleinern, wurde im Belca-Werk ein ungleichmäßiger Schaltschritt nach französischem Vorbild entwickelt, der abwechselnd 7 und 20 Perforationslöcher transportierte.  Dadurch ergab sich ein etwas kleineres Nutzformat von 24 x 29 mm und man bekam bis zu 22 Aufnahmen auf einen 36er Kleinbildfilm. Der Belca-Schaltschritt war gewissermaßen die letzte große Entwicklung  im Bereich der Kleinbild-Stereokameras. Daß er als am ausgereiftesten betrachtet wurde, läßt sich darin ablesen, daß auch die sowjetische "FED Stereo" viele Jahre später diesen Bildtransport wieder aufnahm und in eine wesentlich modernere Kamera überführte.

Vergleich Richard- und Belca-Schaltschritt

Oben sieht man den Belca-Schaltschritt in der Praxis. Zwischen den beiden Teilbildern des einen Stereogrammes liegt bereits das rechte Teilbild des folgenden Stereogrammes. Rechte Teilbilder erkennt man an dem kleinen, in die Perforation ragenden Dreieck, das in die Filmgleitbahn geschliffen ist. Auch wenn das Filmeinlegen etwas kniffliger ist als bei normalen Kameras, gestaltet sich die sonstige Handhabung der Belplasca völlig unkompliziert. Da in der Stereophotographie prinzipiell mit hyperfocalen Distanzen gearbeitet wird (es muß immer alles scharf sein), braucht man weder lichtstärkere Obektive noch eine Meßsuchereinrichtung (obgleich dafür unter der Deckkappe links des Transportmechanismusses ausreichend Platz gelassen wurde). Weil man also stets abblendet, sind auch ultrakurze Verschlußzeiten entbehrlich.


Die Belplasca hatte also genau das, was eine erstklassige Amateur-Stereokamera haben mußte. Die gesamte Aufnahme- und Wiedergabekette war durchdacht bis hin zu den Stereo-Diarähmchen, in denen die Teibilder problemlos durch Einhängen der Perforation in Nocken montiert werden konnten. Für diesen Diarahmen wurde  im Mai 1955 in bundesdeutsches Gebrauchsmuster angemeldet [DBGM 1.715.060].

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Pietsch Belplasca 1
Pietsch Belplasca 3
Petsch Belplasca 2

Der obige Aufsatz Pietschs erschien 1955 in der "Fotografie", als die Belplasca gerade in den Geschäften auftauchte. Der erwähnte Nahkeil ließ noch Jahre auf sich warten und der Projektor, von dem zuvor Prototypen gezeigt worden waren, erschien erst, als das Belca Werk in den Kamera- und Kinowerken aufgegangen war.


Die Animation unten zeigt noch einmal, worin es bei der Stereophotographie im Kern geht: Durch die geringen perspektivischen Unterschiede beider Teilbilder ergeben sich die für den Raumeindruck ausschlaggebenden Winkeldifferenzen zwischen den jeweiligen Bildinhalten. Um das zu veranschaulichen, wurde einmal der kameranähste Punkt (die Puffer der Lokomotive) übereinandergelegt. Man erkennt, daß die perspektivische Verschiebung zwischen beiden Aufnahmen immer größer wird, je weiter  weg die Bilddetails von der Kamera entfernt sind.

Belplasca Stereo-Effekt

Die Tessare 3,5/37,5mm der Belplasca liefern erstklassige Bildergebnisse. Die Brennweite entspricht dabei exakt der Bilddiagonale. Für die Verhältnisse der 1950er Jahre war das ausgesprochen kurz. Das seinerzeit dominierende sog. Amerikanische Format mit einer Nutzgröße von etwa 21x23mm arbeitete durchweg mit einer Brennweite von 35mm, was im Vergleich zu einer Diagonale von etwa 31mm ziemlich lang war. In der Stereophotographie sind nun aber gerade große Bildwinkel sehr erwünscht. Da sich nämlich die tatsächliche räumliche Wahrnehmung bei der Stereo-Normalaufnahme auf einen vergleichsweise kurzen Bereich zwischen 3 und etwa 10 Meter Entfernung beschränkt (bei weiter entfernten Gegenständen geht die Raumwahrnehmung dann rasch gegen Null), sollten innerhalb dieser kurzen Distanz möglichst viele Einzelheiten im Bild untergebracht werden, anhand derer man die räumliche Staffelung der Szene wirklich festmachen kann. Dazu sind Weitwinkelobjektive sehr von Nutzen. Auch wenn bei der Belplasca die Objektive genaugenommen lediglich normalbrennweitig sind, lassen sich mit dieser Kamera beeindruckende Raumbilder aufnehmen. Die einfache Bedienung verleitet sogar zum regelrechten Knipsen. Selbst Alltagszenen, die im Flachbild vielleicht etwas langweilig daherkommen, gewinnen durch ihre realistische Tiefenwirkung stark an Reiz.




Die Belplasca heute


Aus dem obigen Artikel Dr. Pietschs läßt sich schlußfolgern, daß die gesamte "Wiedergabekette" der Belplasca-Aufnahmen mit dem zugehörigen Betrachter bzw. dem Projektor seinerzeit so ausgelegt war, daß als Aufnahmematerial quasi nur der Farbumkehrfilm infrage kam. Nur wenige Experten werden Schwarzweißfilm verwendet und Stereogramme auf Photopapier angefertigt haben. Noch unwahrscheinlicher dürfte sein, daß letzteres auf Basis des Farbnegativfilms durchgeführt wurde. Die Verarbeitung von Farbpapier im Amateurlabor war stets problematisch.


Heute sieht die Situation jedoch ganz anders aus. Zwar sind nach wie vor (bzw. wieder) Farbumkehrfilme erhältlich, allerdings zu einem drei- bis vierfachen Preis als vor ein paar Jahren noch. Wenn feststeht, daß die Belplasca-Aufnahmen ohnehin digital weiterverarbetet werden sollen, bieten diese Filme für Diapositive ohnehin keine nennenswerten Vorteile. Im Gegenteil. Man wird lieber zu Farbnegativfilmen greifen, die es in unterschiedlichen Empfindlichkeitsklassen gibt und die außerdem durch ihren großen Belichtungsspielraum die Aufnahmeprozedur sehr erleichtern. Will man sich nicht auf das bloße Schätzen von Blende und Verschlußzeit verlassen, dann genügt meist schon ein billig beschaffbarer Selenbelichtungsmesser, dessen Anzeigewerte man einmalig mit einem zuverlässigen Gerät abgleicht. Sehr bequem sind zudem kleine Aufsteckbelichtungsmesser, wie der unten dargestellte, die auf den Zubehörschuh der Kamera geschoben werden können. In diesem Falle empfiehlt es sich allerdings, die Bereitschaftstasche der Belplasca so umzubauen, daß Unterteil und Deckel voneinander getrennt werden können.

Zugegebenermaßen ist das Scannen und digitale Weiterverarbeiten der Negative zeitaufwendig. Dafür kann heute jeder, der einigermaßen mit einem Bildverarbeitungsprogramm umgehen kann, erstklassige Stereogramme anfertigen, indem er die beiden Teilbilder am Bildschirm exakt zuschneidet und nebeneinander montiert. Anschließend bieten sich zwei Verarbeitungsmöglichkeiten an: Entweder man läßt die Stereogramme auf Papier ausdrucken bzw. ausbelichten und schaut sie sich mit einem dieser wunderbar altmodischen Stereobetrachter an. Noch nie war es so einfach, zu FARBIGEN Papier-Stereogrammen im Format 6x13 zu gelangen, wie heutzutage. Ein Tip dazu noch: Es passen genau drei dieser Stereogramme 6x13 übereinander auf ein Blatt Photopapier der Standardgröße 13x18cm, das man alsdann in jeder Drogerie für ganz geringes Geld selbst ausdrucken kann.


Zweitens: Den Herstellern von Mobilfunktelephonen wird wohl kaum bewußt sein, daß sie uns Stereoskopikern nebenbei ein ganz erstklassiges Wiedergabegerät für unserer Stereogramme geschaffen haben. Das Auflösungsvermögen dieser kleinen Bildschirme ist nämlich mittlerweile ganz beeindruckend hoch geworden. Außerdem passen die Größe und das Format dieser Bildschirme oftmals genau zu unseren Stereogrammen, die auf ihnen schließlich derart eingerichtet werden müssen, daß beispielsweise der linke Bildrahmen des linken Teilbildes vom linken Bildrahmen des rechten Teilbildes maximal 65mm auseinanderliegen darf (der Normwert liegt bei 62mm, die originalen Belca-Diarahmen arbeiten sogar mit nur 59mm Abstand). Ist das gewährleistet, gibt es zwei Möglichkeiten der Betrachtung: Entweder man trainiert sich den "stereoskopischen Blick" an, bei dem die eigentlich unbedingte Verknüpfung von Akkomodation und Konvergenz aufgehoben wird. Das heißt, man läßt die Sehachsen der beiden Augen parallel, als würde man in die Ferne schauen, obgleich wir das Stereogramm aus der Nähe betrachten. Das erfordert zwar etwas Übung, sorgt aber für den eindrucksvollsten Stereo-Effekt ganz ohne irgendwelche Hilfsmittel. Wer kurzsichtig ist, wie ich, der nimmt einfach die Brille ab. Wer normalsichtig ist, fährt vielleicht gut, wenn er sich eine billige Nahbrille kauft, um etwas näher herangehen zu können. Alternativ dazu kann man auch wieder den altmodischen Stereobetrachter auf das Mobiltelephon aufsetzen. Auf diese Weise können wir unserer mehr als sechs Jahrzehnte alten Belplasca ein völlig neues Zeitalter eröffnen.

Belplasca
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Marco Kröger


letzte Änderung: 16. Januar 2021