Certophot und Certina

Certo-phot und Certina

Das Certo-Kamerawerk zwischen Staatlicher Beteiligung, Steckenpferdbewegung und Bezirksgeleiteter Industrie

Certo-phot

Die CERTO-phot

Die Certo-phot kann als ein Versuch gesehen werden, die Bauart der Boxkamera am Leben zu erhalten. Eigentlich war ja die große Zeit dieser Boxkameras schon während der 1950er Jahre sukzessive zuendegegangen. Das lag einerseits darin, daß das Kleinbildformat immer bedeutendere Marktanteile gewonnen hatte, während der Rollfilm im gleichem Maße seine jahrzehntealte Stellung als typisches Amateurmaterial einbüßte und er seltsamerweise eine regelrechte Wiedergeburt im professionellen Bereich erlebte. Zweitens war speziell in der DDR zu Beginn der 50er Jahre der Markt bereits mit einfachen Rollfilm-Tubuskameras aus Bakelit regelrecht überschwemmt worden. Der Bedarf hielt wohl nur deshalb an, weil man für wenige Mark Kindern und Heranwachsenden einen billigen Einstieg in die Photographie ermöglichen konnte und weil das harte und recht spröde Material zudem leicht zerbrach, wenn beispielsweise eine Pouva Start versehentlich auf den Boden gefallen war. Was man so jedoch nicht auf dem Schirm gehabt haben dürfte, war der Umstand, daß für eine solch einfache Kamera auf ausländischen Märkten noch enormes Nachfragepotential bestand.

Certo-Phot 1958

Im Certo-Kamerwerk hatte man in den späten 1950er Jahren aber offenbar genau darin eine Marktlücke erkannt, das Grundprinzip der einfachen Boxkamera mit jener hochwertigen Bauweise zu verknüpfen, wie sie im Zuge der Entstehung der modernen Kleinbildkameras Einzug in den Kamerabau gehalten hatte. Statt aus dünnem Stahlblech oder Bakelit bestand das Kameragehäuse der neuen Certo-phot aus Aluminium-Spritzguß mit Deck- und Zierkappen aus verchromtem Messing (später lackiertes Aluformblech). Damit hatte man auf gelungene Weise die einfache Anwendung als Knipskamera mit dem wertigen, seriösen Äußeren der modernen Kleinbildkameras verknüpft. Der mechanische Aufwand beim Verschluß lag allerdings ganz und gar auf dem üblichen Box-Niveau: Im Gegensatz zur Perfekta II gab es wieder nur eine einzige Momentbelichtungszeit von etwa einer 1/60 Sekunde. Einzig die Möglichkeit der Certo-phot bzw. der späteren Certina, die Entfernung einstellen zu können, ist als erwähnenswerter Fortschritt zu zählen. Das war eigentlich bei Boxkameras bislang nicht üblich. Außerdem hatte sich mittlerweile selbst bei dieser einfachen Kameragattung eine Doppelbelichtungssperre zum Standard etabliert. Nur die Pouva Start hatte bis zum Schluß keine.

Certo-phot 1957

Im Jahre 1957 oder 58 waren Höhne/Pohl im Certo-Werk zu Gast. Bei der Person rechts handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den Certo-Entwicklungsleiter Ingenieur Erhard Hempel. Dieser gehörte zu denjenigen Angehörigen privater Industrie- und Handwerksbetriebe, die im November 1954 mit einem "Diplom für besondere Leitungen bei der Herstellung hochwertiger Verbrauchsgüter für die Bevölkerung" ausgezeichnet worden waren. Dies bezog sich auf seine Leistungen bei der Entwicklung der Certo-Supersix.

Charakteristisch: Die gewölbe Bildbühne und die zugehörige Andruckplatte.

Und seit mit dem Agfacolor Ultra 17/10° DIN der Farbnegativfilm genau so empfindlich geworden war, wie der Isopan F Standard-Schwarzweißfilm, lag es durchaus im Bereich des Machbaren, mit diesen einfachen Kameras auch Farbaufnahmen zu wagen. Wie bei den Perfektas wurden daher ein auf Farbfehler korrigierter Achromat verbaut. Weil sich aber bei einem solchen Kittglied mit Hinterblende eine ausgeprägte Bildwölbung bemerkbar macht, wurde diesem Problem bei der Certo-phot mit einer durchbogenen Filmbahn begegnet. Für eine Kamera, die ziemlich genau so viel kostete, wie zwei Langspielplatten, ermöglichte diese Maßnahme schon beachtlich gute Aufnahmen.

Achromat Bildfehler
Periskop Bildfehler

Hier sind einmal die typischen Bildfehlerkurven des in den beiden Perfektas, der Certo-phot und der Certina eingesetzten Objektivtyps Achromat denjenigen des Periskops der Pouva Start gegenübergestellt (nach Naumann). Solcherlei "Objektive" für Billigkameras sind natürlich in jeglicher Hinsicht ein Kompromiß. Man sieht beispielsweise, daß die sphärische Aberration (Kurve jeweils rechts unter dem Linsenschnitt) bei beiden Typen mit größer werdender Einfallshöhe des Lichtes geradezu verheerende Ausmaße annimmt. Lichtstärken über 1:11 sind mit solchen Zweilinsern generell nur mit starken Zugeständnissen an die Abbildungsgüte erzielbar.


Das Periskop hat als symmetrisch aufgebautes Objektiv den Vorteil, daß Astigmatismus und Wölbung (Koordinatensystem links unterhalb des Linsenschnittes) vergleichsweise moderat ausfallen. Zumindest sind die durch diesen Abbildungsfehler hervorgerufenen Unschärfen am Bildrand nicht erheblicher, als die durch sphärische und chromatische Aberrationen bedingten Unschärfen, die ohnehin auch die Bildmitte weich machen. Dadurch kann der nutzbare Bildwinkel des Periskops auch etwas größer gewählt werden. Ein klassischer Achromat, wie er Beispielsweise fast 100 Jahre lang als sogenannte Landschaftslinse verwendet wurde, hatte demgegenüber nicht nur einen geradezu verheerenden Astigmatismus, sondern tangentiale und sagittale Bildschale liefen zu allem Übel auch noch stark in gegengesetzte Richtungen davon. Bei Goerz wurde aber nach dem Ersten Weltkrieg ein Achromat namens "Frontar" entwickelt, bei dem die miteinander verkittete Sammel- und Zerstreuungslinse zusammen die Form eines Meniskus ergaben. Bei einer solchen meniskenförmigen Sammellinse, bei der also beide Außenflächen in dieselbe Richtung gewölbt sind, lassen sich die sagittale und die tangentiale Bildschale einigermaßen zusammenlegen, sodaß das Ausmaß des Astigmatismus recht gut im Zaume gehalten werden kann. Leider sind beide Bildschalen dann aber nach wie vor gewölbt. Eine Bildfeldebnung ist bei einem verkitteten Achromaten leider nicht möglich. Deshalb ging man bei Certo den Weg, mit einer entsprechend gekrümmten Bildbahn den Film einigermaßen in jene Ebene zu zwingen, auf die sich die größte Schärfe erstreckt.


Der große Vorteil des Achromaten und das geht aus diesen Kurven leider nicht hervor liegt natürlich darin, daß die Abbildung achromatisiert werden kann. Das heißt selbst bei Aufnahmen auf Colorfilm ergeben sich kaum lästige Farbsäume um die Konturen der abgebildeten Objekte herum. Trotz dieser Fortschritte beim Achromat wurde dieser nicht umfangreicher eingesetzt, denn mit einer einzigen weiteren Linse ließ sich bereits ein Cook'sches Triplet aufbauen, mit dem schließlich alle Bildfehler samt Astigmatismus und Wölbung vollständig behebbar waren. Mit der zunehmenden Verbreitung des Kleinbildes, das stets stark nachvergrößert werden muß, ging die Verwendung einfacher Achromate daher stark zurück.

Certo-phot frühes Modell

Für eine Boxkamera war die Certo-phot außergewöhnlich materialaufwendig gebaut. Insbesondere frühe Modelle machten einen sehr hochwertigen Eindruck. Hier waren der Auslöser und der Filmtransportknopf gar noch aus verchromtem Messing gefertigt. Später wurde beim Transportknopf auf Plastwerkstoff umgestellt und auf einen Indikator für die Auslösesperre verzichtet. Auch eine Vereinfachung des Verschlusses ist feststellbar. An der massiven Ausführung der Kamera mit viel Metall änderte dies aber prinzipiell nichts [Bilder: Benjamin Kotter].

Certo-phot
Certophot

Sehr seltener Einblick in das kleinste der Dresdner Kamerawerke aus dem Jahre 1959, als offenbar gerade erst die Fertigung der Certo-phot angelaufen war. Auf dem Bild oben ist der technische Leiter Armin von der Gönna zu sehen. Aufgenommen von Heinz Woost, Deutsche Fotothek, Datensätze 71814258ff.

Certophot
Certophot

Man darf an dieser Stelle nicht verschweigen, daß diese erfolgreiche Boxkamera Certo-Phot damals durchaus die Funktion eines Rettungsankers für die Firma Certo hatte. Bis zu ihrem Erscheinen hatte man lediglich zwei hochwertige Sucherkameras im Angebot: Einmal die mittlerweile veraltete Super-Dollina für das Kleinbildformat und zum zweiten die hochwertige, aber auch sehr kostspielige Certo-Six für das Format 6x6. Auf welch tönernen Füßen solch ein Kleinunternehmen in der DDR stand, zeigte sich im Frühjahr 1960, als durch die behördlich angeordnete Preissenkung die Endverbraucherpreise der Certo-Six von 455,- auf 313,30 Mark und der Super-Dollina von 263,40 auf 159,40 Mark soweit herabgedrückt wurden, daß offenbar die Fertigung umgehend eingestellt werden mußte. Der EVP der Certo-phot änderte sich hingegen nicht.

Certo-phot

Die Zeit um 1958/59 war eine sehr bewegte für das Certo-Kamerawerk in Dresden. Erst war Vater Fritz von der Gönna gestorben, der das Unternehmen über viele Jahrzehnte geführt hatte, und anschließend waren die beiden Erben Armin und Eckart von der Gönna eine staatliche Beteiligung eingegangen, um einerseits in die Firma investieren zu können und sicherlich auch um Ruhe vor der gegenüber Privatunternehmern oft feindlichen Haltung der Partei zu erlangen. Die von der Gönnas waren zwar nicht in der SED, aber sogenannte Unionsfreunde also Mitglieder der Blockpartei DDR-CDU. Und wie man sieht, schien diese Strategie zunächst von vollem Erfolg gekrönt gewesen zu sein. Es wurde nicht nur Zugang zu Investitionsmitteln gewährt, sondern die neue Kommanditgesellschaft Certo wurde in den Medien auch als regelrechtes Paradebeispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit eines sozialistischen Privatunternehmers mit dem Arbeiter-und-Bauern-Staat und seiner führenden Partei hingestellt.

Der durch die Brüder von der Gönna eingeschlagene Weg, nicht in den Westen zu gehen, sondern sich als Privatunternehmer mit dem DDR-System einzulassen, schien sich zunächst auszuzahlen. Zumal sich in dieser Zeit gerade die hier besprochene Certo-phot zu einem ungeahnten Erfolg entwickeln sollte sollte. Die Kameras wurden in die damalige Vereinigte Arabische Republik verkauft, in die Südafrikanische Union, nach Argentinien, Australien, Belgisch-Kongo, Brasilien, Frankreich, Portugal, Schweden, usw. [Vgl. ND vom 13. Dezember 1959, S. 5.].  Insgesamt waren es fast 30 Länder. Größere Aufträge aus der Bundesrepublik, Schweden und der Schweiz mußten aus Gründen mangelnder Produktionskapazitäten sogar ausgeschlagen werden [Vgl. Neue Zeit vom 17. Dezember 1959]. Trotzdem konnte das kleine Kamerawerk in der sogenannten Steckenpferd-Verpflichtung Rekorde aufweisen. Was verbirgt sich hinter dieser seltsamen Bezeichnung?

Steckenpferd-Bewegung

Anfang Juni 1958 war vom Außenhandelsministerium eine Kampagne gestartet worden, die zum Ziele hatte, durch Übererfüllung der Exportpläne Devisen zum Kauf von gebrauchten Hochsee-Handelsschiffen zu erwirtschaften (benannt nach dem Seifenhersteller VEB Steckenpferd in Radebeul, der Ende Mai 1958 diese Bewegung initiiert hatte). Der kleinen Certo-KG gelang es damals, Kameras im Werte von sage und schreibe 1,2 Millionen Mark zusätzlich zu exportieren [Vgl. Neue Zeit vom 12. März 1960 S. 7.]. Doch während Armin von der Gönna und sein Mechanikermeister Paul Elterlein im März 1960 mit einer Reise auf der ebenfalls von der DDR erworbenen "Völkerfreundschaft" belohnt wurden, gärte es in der Bevölkerung: Die Steckenpferd-Aktion hatte zur Folge, daß die Läden in dem kleinen Land durch den Export-Wahn teils wieder genau so leer wurden, wie damals vor dem 17. Juni. Unter der Hand unterband die SED diese Steckenpferd-Bewegung daher noch im Jahresverlauf 1960, obwohl die propagandistische Verwertung in der Presse vor allem in Bezug auf das Urlauberschiff noch anhielt.

Armin von der Gönna Reise 1960

Doch auch der große wirtschaftliche Erfolg des Certo-Werkes entpuppte sich nun recht bald als sehr trügerisch. Schon die vollautomatische Kleinbildkamera Certi, die sich gerade in der Entwicklung befand, als der obige Artikel zur Schiffsreise Armin von der Gönnas im CDU-Parteiblatt "Neue Zeit" am 8. Januar 1961 erschien, und die sich als großer Fehlschlag herausstellte, trübte die Aufbruchstimmung in der Certo KG gehörig. Wenige Monate später wurde der Sunnyboy Armin von der Gönna dann auch von der Last befreit, in "unmenschliche Systeme mit kapitalistischer Völkerunterdrückung" reisen zu müssen.

Steckenpferd Völkerfreundschaft

Während das Urlauberschiff "Völkerfreundschaft" nun allenfalls noch im sozialistischen Inselparadies Kuba vor Anker gehen konnte, erlebte sein Certo-Werk durch den Mauerbau offenbar bereits einen ersten größeren Einbruch des bis dahin bedeutenden Westexports. In der Folgezeit wurde die Firma durch die immer stärker werdende staatliche Lenkung zum Hersteller einfacher Plastikkameras degradiert. Und mit dem Machtantritt Honeckers Anfang der 70er Jahre zeigte sich, daß sich die oben angesprochenen "Befürchtungen, daß die staatliche Beteiligung zu einer Fessel für die persönliche Entwicklung werden könnte" tatsächlich vollständig bewahrheiten sollten: Die Gebrüder von der Gönna wurden 1972 enteignet und zu jederzeit auswechselbaren Angestellten ihrer eigenen Firma gemacht.

Der Entfernungsmesser Certos

Da die CERTO-phot eigentlich ziemlich atypisch für eine Boxkamera mit einer Entferungseinstellung versehen worden war, stellte das Certo Werk einen einfachen Entfernungsmesser namens Certos für sie zu Verfügung. Der wurde freilich auch gern für die Verwendung an anderen Kameras erworben. Entwickelt worden war er bereits 1954 von Erhard Hempel [Vgl neue Zeit vom 1. Dezember 1954, S. 4.]. Immerhin etwa 2000 Stück monatlich wurden damals gebaut.

Certos Entfernungsmesser

Die CERTO-matic

In die große Hochzeit des Certo Kamerawerkes Dresden Ende der 1950er Jahre gehört auch diese zur Frühjahrsmesse 1960 vorgestellte CERTO-matic – eine um einen Belichtungsmesser erweiterte CERTO-phot [Vgl. Fotofalter 4/1960, S. 119.]. Genau genommen handelte es sich sogar um eine Belichtungshalbautomatik, denn der Belichtungsmesser war mit der Blendeneinstellung gekuppelt und die Blende brauchte nur so lange verstellt werden, bis der Zeiger oben auf der Deckkappe auf eine Indikatormarke einspielte.

Certo-matic 1960

Es muß freilich dazugesagt werden, daß bei einer einzigen Verschlußzeit von einer 1/50 Sekunde lediglich drei Blendenwerte 8, 11 und 16 zur Verfügung standen. Angesichts dieses geradezu winzigen Einstellbereichs war der Aufwand für einen Belichtungsmesser in solch einer simplen Kamera sicherlich weit überzogen. Die CERTO-matic wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Zur Erfolglosigkeit mag auch beigetragen haben, daß sie etwa das Dreifache der CERTO-phot kostete [Vgl. Ebenda].

Certomatic Gebrauchsmuster

Für den gekuppeltenBelichtungsmesser der Certo-matic hat Herr Hempel im Juli 1959 ein Gebrauchsmuster in der Bundesrepublik angemeldet.

Certo-matic

In die Deckkappe war eine kleine Selen-Zelle und ein Drehspulmeßwerk untergebracht worden. Bild: Benjamin Kotter

Certo-matic 1960

Die noch als Certo-phot bezeichnete neue Certo-matic aufgenommen von Höhne/Pohl offenbar noch vor der Messevorstellung [Deutsche Fotothek, Datensatz 70602924].

Selbe Kamera zwei Zeitungen. Berliner Zeitung und Neue Zeit behaupten hier zwar, die Certo-matic sei die erste halbautomatische Kamera der DDR, aber wenn man dieses Kriterium ernstnimmt, dann waren die zur selben Messe vorgestellte Werra V und die Pentina ebenfalls Halbautomaten.

Certo April 1960

Im Frühjahr 1960 waren die Gebrüder von der Gönna zu den großen Stars des Ost-CDU-Parteiblatts "Neue Zeit" aufgestiegen. Wie in einem Fortsetzungsroman wurde mit einem mehrteiligen Artikel im März 1960 von der Teilnahme Armin von der Gönnas und seines angestellten Meisters an Bord der "Völkerfreundschaft" berichtet. Zeitgleich wurde in Leipzig die neue Certo-matic vorgestellt. Aus dem obigen Artikel vom 21. April 1960 erfahren wir so Manches. Erstens war die Summe des Exportüberschusses für die Steckenpferd-Aktion nun bereits auf 1,4 Millionen Mark angewachsen. Der hier prophezeite Erfolg der neuen Certomatic, für die der Käufer ja gern den Preis von etwa hundert Mark zahlen werde, sollte sich indes nicht erfüllen. Sehr aufschlußreich ist aber, daß für das Jahr 1960 nur noch eine Steckenpferd-Verpflichtung von 150.000 Mark angegeben wird. Die SED sorgte schleunigst dafür, daß nun erst einmal der "bislang stiefmütterlich bedachte Binnenmarkt" bedient wurde. Dafür verzichtete man nun sogar ausdrücklich auf die Exporteinnahmen solch eine Furcht hatte die SED vor dem Unmut der DDR-Bevölkerung angesichts leerer Geschäfte.

Steckenpferd-Bewegung November 1960

Über das Jahr 1960 hinweg waren die Zeitungen der DDR noch einmal voll mit Meldungen, wie Betriebe ihre Steckenpferd-Verpflichtungen erfüllen und übererfüllen und wie die Bezirke des Landes in den Gesamtsummen in Konkurrenz zueinander stehen. Aus der obigen Meldung im ND vom 30. November 1960 also exakt zweieinahlb Jahre nach Beginn der Steckenpferd-Initative geht hervor, daß zu diesem Zeitpunkt insgesamt Warenexporte im Umfang von fast 800 Millionen (!) DDR-Mark zusätzlich für den Außenhandel zu den bestehenden Exportplänen bereitgestellt wurden. Jedoch: Unmittelbar im Anschluß an die obige Meldung verschwindet das Thema Steckenpferd-Bewegung aus der Presse-Berichterstattung.

Certo-Reklame Dezember 1960

Eine bessere Verdeutlichung der Folgen dieser Steckenpferd-Aktion kann man kaum finden: Im Dezember 1960 sah sich das Certo-Kamerawerk genötigt, in Zeitungsanzeigen die mangelnde Versorgung des Inlandshandels einzugestehen [Neue Zeit vom 3. Dezember 1960, S. 10.].

Wir können heute sagen, daß zu diesem Zeitpunkt die Falle für die Gebrüder von der Gönna im Prinzip schon zugeschlagen hatte. Sie waren bereit gewesen, eine staatliche Beteiligung einzugehen, um die Gelder und die Rohmaterialien für eine starke Ausweitung der Produktion zu bekommen, einer Produktion, die hauptsächlich auf den Westexport abzielte. Mit dem Ende der Steckenpferd-Aktion war dieser Absatzmarkt bereits zum Teil weggefallen. Das hätte schon ein Warnsignal sein müssen. Denn die im Artikel genannte vollautomatische Kamera, die sich gerade in der Entwicklung befand, sollte zum Flop werden. Der gesättigte Westmarkt, die unzureichende Qualität dieser Certi, aber auch der Mauerbau trugen zu diesem Mißerfolg bei. Die 1960er Jahre sollten das Jahrzehnt des Niedergangs für die traditionsreiche Firma werden, an dessen Ende der Staat die Ausrichtung des Certo-Kamerawerks in die Hand nehmen wird. Und die letzten Hoffnungen für Privatunternehmer, die wohl in den späten 1950er Jahren auch noch durch die Ost-CDU vertreten worden waren, sollten sich endgültig in Luft auflösen

Die Certina

Ein letzter Versuch des Certo-Kamerawerkes, die Bauart der Rollfilm-Box aufrechtzuerhalten, wurde mit der auf der Leipziger Herbstmesse 1965 [Vgl. Fotokino Magazin 12/1965, S. 354.] vorgestellten Certina unternommen. Bei ihr ging man zur Kostenersparnis (sowie zur Gewichtsreduktion) auf eine Metall-Kunststoff-Bauweise über, wobei statt des veralteten Bakelits moderne thermoplastisch verformbare, sogenannte Spritzmassen Anwendung fanden, die eine extrem kostengünstige Fertigung möglich machten, wenn erst einmal die nötigen Spritzformen angefertigt worden waren.

Certina

Die Neukonstruktion, die das Certo-Werk mit der Certina im Jahre 1964 wagte, hatte aber nicht nur den Hintergrund, mit dem Einsatz von Kunststoffen billiger zu produzieren. Aus der unten wiedergegebenen DDR-Patentschrift Nr. 36.030 geht hervor, daß das vorderste Ziel darin lag, eine wesentlich kompaktere Kamera zu schaffen, die sich von der Baugröße her kaum noch von Kleinbildkameras unterschied. Dazu hatte Erhard Hempel die Bauteile der Doppelbelichtungssperre aus dem Raum unter der Deckkappe an die Vorderseite des Kameragehäuses verlegt. Da die Deckkappe nun kurz über den Filmspulen endete, konnte diese Certina gegenüber der Certo-phot deutlich niedriger gebaut werden.

DD36.030 Certina Certo

Doch so gefällig diese modern gestaltete und trotzdem sehr preiswerte Certina auch aussah – die Zeit der Kontaktabzüge vom Rollfilmnegativ war schlicht abgelaufen. Auch in der DDR hielten im Laufe der 70er Jahre sukzessive Laborautomaten für die Schwarzweiß-Verarbeitung Einzug. Außerdem lockte die Kleinbildkamera mit der Möglichkeit, wenigstens ab und zu mal einen Farbumkehrfilm einzulegen. Selbstangefertigte Bildchen auf Auskopierpapier und die dazu nötigen hölzernen Kopierrahmen kamen angesichts dieser Entwicklung nun rasch aus der Mode. 

Certo Certina

Von der Möglichkeit, durch eine einfache Bildfeldmaske ("Einlage") das Bildformat auf 4x4 cm zu begrenzen, wurde zumindest in der DDR kaum Gebrauch gemacht. Hierbei ging es nicht nur darum, statt 12 nun 16 Aufnahmen auf einen Rollfilm zu bekommen, sondern dem Photoamateur die Gelegenheit zu verschaffen, ab und zu mit seiner Rollfilmkamera auch einmal Farbaufnahmen anzufertigen. Farbe war damals gleichbedeutend mit Diapositiven (Papierabzüge vom Negativ waren für den Amateur noch unerschwinglich). Mit Diapositiven im Format 6x6 konnte der Amateur aber nichts anfangen, da es dafür so gut wie keine Bildwerfer gab. Also lag die Idee darin, Diarähmchen 4x4 cm zu verwenden (eigentlich gedacht für Rollfilme Typ 127) und die Bilder mit den weit verbreiteten Kleinbildprojektoren vorzuführen. Die Diaprojektoren der DDR waren aber nicht für das größere Bildfeld dieser sogenannten "Super-Slides" eingerichtet und Diarahmen 4x4 cm waren ohnehin nicht handelsüblich, sodaß dieses Verfahren zumindest im Osten nicht praktiziert wurde.

Rollfilmkameras Bundespepublik 1963

Oben einmal eine Marktübersicht für einfache Rollfilmkameras im Jahre 1962/63. Bis zur Bilora Bella 66 kann man von modernen Bauformen von Boxkameras sprechen. Die restlichen Geräte besitzen Anastigmate. Die Übergänge sind freilich fließend. Das 4x4-Format auf Rollfilm 127 oder gar auf maskiertem Rollfilm 120 war eine kurze Modeerscheinung dieser Zeit, die schnell wieder verschwand. Interessant ist auch, daß die vormals so dominanten Rollfilm-Faltkameras fast vollständig verschwunden sind.

Der letzte Abglanz der einstmals stolzen Exportfirma Certo: Die Certina wurde im Jahre 1969 als "Revue Junior" von Foto Quelle vertrieben. Nicht daß es für dieses Marktsegment keine westdeutschen Hersteller gegeben hätte, aber der harte Preiskampf hatte hier Ende der 60er Jahre bereits zu einer deutlichen Ausdünnung geführt. Was nicht Spitzentechnik war, das mußte nun möglichst billig sein, um beispielsweise gegenüber Konkurrenten wie Porst oder Neckermann bestehen zu können. Während der westdeutsche Kamerabau in die Bedeutungslosigkeit rutschte, wurde derjenige der DDR sukzessive zum Lieferanten für die Versandhäuser und Warenhausketten in der Bundesrepublik. Die DDR entwickelte sich immer mehr zum Billiglohnland mitten in Europa und brachte in immer größerem Umfang hochwertige Konsumgüterprodukte zu Dumpingpreisen auf westeuropäische Märkte, um damit der eignen Volkswirtschaft die frei konvertierbaren Währungen zu verschaffen.

Auch die Amateure in der DDR kauften sich jetzt lieber eine Kleinbildkamera und gaben den belichteten Film in die Obhut des "Dienstleistungskombinates". Es begann die Ära der mannigfaltigen 35 mm Sucherkameras, die in unterschiedlichen Ausstattungsniveaus bis zum Ende der DDR in sehr hohen Stückzahlen ausgestoßen wurden. Die aus der Zwischenkriegszeit stammende "Karat-Kassette" war dabei schon Ende der 50er für die Penti wiederbelebt worden. Als SL- (= Schnellade) Kassette erlebte sie seit nun in den 70er Jahren einen zweiten Frühling. Manche dieser unzähligen auf diesen Kassettenfilm ausgelegten Kleinbildkameras waren dabei derart simpel konstruiert, daß man sie ohne Weiteres ebenfalls als Boxkameras bezeichnen könnte.

Certo in Kamera-Kooperationsverband

Anfang Januar 1967 tauchte dann die obige Meldung in der Tagespresse der DDR auf. Sie verdeutlicht uns, welche Folgen es für das Certo-Werk nun hatte, im Jahre 1958 eine staatliche Beteiligung eingegangen zu sein. In dem weiter oben wiedergegebenen Artikel aus der Neuen Zeit vom Januar 1961 war ja noch zu lesen gewesen: "Keiner der anderen Komplementäre oder Privatunternehmer befürchtet dabei, daß ihm die Konkurrenz 'in die Karten guckt', zu seinem Nachteil Vorteile für sich herausschlägt". Sechs Jahre später zeigte sich nun, daß es nicht unbedingt die Konkurrenzbetriebe sein müssen, die einem in die Karten gucken und damit das freie wirtschaften verunmöglichen. Das wichtige Stichwort in der obigen Meldung vom Januar 1967 ist "bezirksgeleitete Industrie". Um die oben bereits thematisierten Diskrepanzen zwischen dem Westexport einerseits und der ungenügenden Versorgung des DDR-Inlandsmarktes in den Griff zu bekommen, wurde für die Konsumgüterindustrie Mitte der 1960er Jahre eine vom zentralen Ministerium abgekoppelte Steuerungsebene eingeführt, um die "bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung" auf lokaler Ebene zu gewährleisten. Das führte dazu, daß den halbstaatlichen Betrieben immer mehr an Entscheidungskompetenzen abgenommen wurden.

Cero SL110

In Folge dieser Übernahme der Kontrolle durch den Bezirk Dresden waren im Dezember 1966 die bisherigen Wettbewerber Beier, Certo und Pouva in eine sogenannte Kooperationsgemeinschaft gedrängt worden. Das Ziel lag eindeutig darin, diese Betriebe mehr auf die Bedürfnisse des DDR-Inlandsmarktes auszurichten. So wurde die einstmals so stolze Weltfirma Certo nun dazu gedrängt, in rauen Massen billigste Plasteknipser auf dem Fertigungsniveau von Kinderspielzeug auszustoßen [Bild oben: Žiga Četrtič]. Doch auch das war wiederum nur die Vorstufe zu einem finalen Akt: Die SED Bezirksleitung hatte langfristig vor, die traditionsreichen kleineren Kamerabaubetriebe in Dresden und Freital zu einem einzigen großen "Sucherkamera-VEB" zusammenzuführen. Kaum daß Honecker an die Macht gekommen war, wurden die halbstaatlichen Privatunternehmer Karl Pouva,  Werner Beier und Gebrüder von der Gönna enteignet. Das war letztlich der Preis dafür, sich in den 50er Jahren auf eine staatliche Beteiligung eingelassen zu haben, anstatt wie beispielsweise Max Baldeweg die Zelte in der DDR abzubrechen und in den Westen zu gehen.

Marco Kröger


letzte Änderung: 2. Februar 2026