Certophot und Certina

Certo-phot und Certina

Diese beiden Geräte waren an der Wende zu den 60er Jahren der letzte Versuch, die Bauart der Boxkamera am Leben zu halten

Certo-phot

Denn die große Zeit des Bakelit war Ende der 50er Jahre mit dem Erscheinen neuer Kunststoffe langsam zuende gegangen. Zudem war das harte Material immer recht bruchgefährdet. Das Certo-Kamerwerk betrat daher einen anderen Weg, indem es das Kameragehäuse aus Metall (Certo-phot) oder aus einer Metall-Kunststoff-Verbundbauweise (Certina) ausführte. Der mechanische Aufwand beim Verschluß wurde nun allerdings wieder deutlich auf das übliche Box-Niveau herabgesenkt: Es gab im Gegensatz zur Perfekta II wieder nur eine Momentbelichtungszeit von 1/60 Sekunde. Einzig die Möglichkeit der Certo-phot bzw. Certina, die Entfernung einzustellen, ist als erwähnenswerter Fortschritt zu zählen. Das war eigentlich bei Boxkameras bislang nicht üblich. Außerdem hatte sich mittlerweile selbst bei dieser einfachen Kameragattung eine Doppelbelichtungssperre zum Standard etabliert. Die Pouva Start hatte freilich bis zum Schluß keine.

Charakteristisch: Die gewölbe Bildbühne und die zugehörige Andruckplatte.

Und seit mit dem Agfacolor Ultra 17/10° DIN der Farbnegativfilm genau so empfindlich geworden war, wie der Isopan F Standard-Schwarzweißfilm, lag es durchaus im Bereich des Machbaren, mit diesen einfachen Kameras auch Farbaufnahmen zu wagen. Wie bei den Perfektas wurden daher ein auf Farbfehler korrigierter Achromat verbaut. Weil sich bei deren beachtlicher Öffnung von 1:8 aber eine  ausgeprägte Bildwölbung bemerkbar macht, wurde diesem Problem bei den genannten Kameras mit einer durchbogenen Filmbahn begegnet. Für eine Kamera, die ziemlich genau so viel kostete, wie zwei Langspielplatten, waren dadurch schon beachtlich gute Aufnahmen möglich.

Achromat Bildfehler
Periskop Bildfehler

Oben links die typischen Bildfehlerkurven des in den beiden Perfektas, der Certo-phot und der Certina eingesetzten Objektivtyps "Achromat". Daneben im Vergleich dazu das Periskop der Pouva Start (nach Naumann). Solcherlei "Objektive" für Billigkameras sind natürlich in jeglicher Hinsicht ein Kompromiß. Man sieht beispielsweise, daß die sphärische Aberration bei beiden Typen geradezu verheerende Ausmaße annimmt je größer die Einfallshöhe des Lichtes wird (Kurven jeweils oben rechts). Lichtstärken über 1:11 liefern daher nur sehr weichgezeichnete Bilder.


Das Periskop hat als symmetrisch aufgebautes Objektiv den Vorteil, daß Astigmatismus und Wölbung (zweites Koordinatensystem) vergleichsweise klein sind. Zumindest sind die durch diesen Abbildungsfehler hervorgerufenen Unschärfen am Bildrand nicht erheblicher, als die durch sphärische und chromatische Aberrationen bedingten Unschärfen, die auch die Bildmitte weich machen. Daher ist auch der nutzbare Bildwinkel des Periskops etwas günstiger. Beim klassischen Achromat, wie er Beispielsweise fast 100 Jahre lang als sogenannte Landschaftslinse verwendet wurde, nimmt der Astigmatismus nun aber gerade die denkbar größten Ausmaße an. Zudem laufen tangentiale und sagittale Bildschale zu allem Übel auch noch in gegengesetzte Richtungen davon und zwar noch viel stärker als beim Periskop. Die Firma Goerz hatte daher nach dem Ersten Weltkrieg einen Achromaten namens "Frontar" entwickelt, bei dem die miteinander verkittete Sammel- und Zerstreuungslinse zusammen die Form eines Meniskus ergeben. Bei einer meniskenförmigen Sammellinse, bei der also beide Außenflächen in dieselbe Richtung gewölbt sind und dabei die Dicke der Linse in der Mitte größer ist als am Rand, geht das Ausmaß des Astigmatismus nämlich stark zurück. Genau gesagt fallen die sagittale und die tangentiale Bildschale zusammen oder sie verlaufen nah beieinander. Leider aber sind beide Bildschalen dann nach wie vor gewölbt. Eine Bildfeldebnung ist bei einem verkitteten Achromaten leider nicht möglich. Mithilfe einer gekrümmten Bildbahn kann man den Film aber einigermaßen in eine Ebene zwingen, auf die sich die größte Schärfe erstreckt.


Der große Vorteil des Achromaten - und das geht aus diesen Kurven leider nicht hervor - liegt natürlich darin, daß die Abbildung achromatisiert werden kann. Das heißt selbst bei Aufnahmen auf Colorfilm ergeben sich kaum lästige Farbsäume um die Konturen der abgebildeten Objekte herum. Beim einfachen Periskop der Pouva Start ist das leider oftmals der Fall. Dafür ist bei diesem durch dessen symmetrischen Aufbau so gut wie keine Verzeichnung erkennbar (unterste Kurve). Historisch gesehen war es also folgerichtig, daß in den 1860er Jahren diese beiden Objektivtypen kombiniert und dadurch der Aplanat geschaffen wurde. Beim Aplanat schränkte nunmehr nur noch der Astigmatismus und die Koma eine weitere Steigerung von Bildwinkel und Lichtstärke ein. Durchbrochen wurde diese Situation übrigens nicht wirklich mit dem ersten Anastigmat von Paul Rudolph im Jahre 1889, sondern vielmehr mit dem Cook'schen Triplet, das mit seinen drei Linsen nur geringfügig aufwendiger war als die oben genannten Einfachobjektive, aber selbst bei vergleichsweise wohlfeilen Kameras eine sehr weitgehende Zurückdrängung aller Bildfehler ermöglichte. Mit der zunehmenden Verbreitung des Kleinbildes, das stets stark nachvergrößert werden muß, führte alsbald jeder Objektivhersteller solche Triplets im Programm und die Verwendung einfacher Achromate ging stark zurück.

Certo-phot Justage
Certo-phot

Noch einen Schritt weiter ging das Certo Kamerawerk Dresden, als es zur Frühjahrsmesse 1960 die CERTOmatic vorstellte – eine um einen Belichtungsmesser erweiterte CERTOphot [Vgl. Fotofalter 4/1960, S. 119.]. Genau genommen handelte es sich sogar um eine Belichtungshalbautomatik, denn der Belichtungsmesser war mit der Blendeneinstellung gekuppelt und die Blende brauchte nur so lange verstellt werden, bis der Zeiger oben auf der Deckkappe auf eine Indikatormarke einspielte. Es muß freilich dazugesagt werden, daß bei einer einzigen Verschlußzeit von einer 1/50 Sekunde lediglich drei Blendenwerte 8, 11 und 16 zur Verfügung standen. Angesichts dieses geradezu winzigen Einstellbereichs war der Aufwand für einen Belichtungsmesser in solch einer simplen Kamera aber weit überzogen. Die CERTOmatic wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Zur Erfolglosigkeit mag auch beigetragen haben, daß sie etwa das Dreifache der CERTOphot kostete [Vgl. Ebenda].

Da die CERTOphot eigentlich ziemlich atypisch für eine Boxkamera mit einer Entferungseinstellung versehen worden war, stellte das Certo Werk einen enfachen Entfernungsmesser für sie zu Verfügung. Der wurde freilich auch gern für die Verwendung an anderen Kameras erworben.

So gefällig diese preiswerten Amateurkameras auch aussahen und so ausgeklügelt sie konstruiert waren – die Zeit der größeren Bildformate war abgelaufen. Auch in der DDR hielten im Laufe der 70er Jahre zumindest im Schwarzweißbereich Laborautomaten Einzug. Die selbstangefertigte Kontaktkopie des Negativs auf Auskopierpapier war daher lange schon außer Mode und die Verwendung des Rollfilms im Amateurbereich ging stark zurück.

Certina

Daher war die auf der Leipziger Herbstmesse 1965 [Vgl. Fotokino Magazin 12/1965, S. 354.] vorgestellte Certina auch die letzte dieser Art Boxkameras. Die Amateure kauften sich jetzt lieber eine Kleinbildkamera und gaben den belichteten Film in die Obhut des "Dienstleistungskombinates". Es begann die Ära der mannigfaltigen 35mm Sucherkameras, die in unterschiedlichen Ausstattungsniveaus bis zum Ende der DDR in sehr hohen Stückzahlen ausgestoßen wurden. Die aus der Zwischenkriegszeit stammende "Karat-Kassette" war dabei schon Ende der 50er für die Penti wiederbelebt worden. Als SL (= Schnellade-) Kassette erlebte sie seit nun in den 70er Jahren einen zweiten Frühling. Manche dieser unzähligen auf diesen Kassettenfilm ausgelegten Kleinbildkameras waren dabei derart simpel konstruiert, daß man sie ohne Weiteres ebenfalls als Boxkameras bezeichnen könnte...

Die Certina wurde im Jahre 1969 als "Revue Junior" sogar von Foto Quelle vertrieben. Nicht daß es dafür keine westdeutschen Hersteller gegeben hätte, aber der harte Preiskampf  hatte hier Ende der 60er Jahre bereits zu einer deutlichen Ausdünnung geführt. Was nicht Spitzentechnik war, das mußte nun möglichst billig sein, um beispielsweise gegenüber Konkurrenten wie Porst oder Neckermann bestehen zu können. In beiden Hinsichten - der Spitzentechnik bzw. der preislichen Wettbewerbsfähigkeit - war der westdeutsche Kamerabau bereits deutlich ins Hintertreffen geraten. Selbige Industriezweige der DDR konnten diesen Prozeß noch etwa 10...15 Jahre hinauszögern. Vorerst lag das nicht allein daran, daß die DDR immer mehr zum Billiglohnland wurde.



Unten: Eine auf Basis der Certo-phot selbstgebaute 6x6-Stereokamera.

Certo-Plast

Marco Kröger/Yves Strobelt


letzte Änderung: 13. Januar 2022