Feinoptisches Werk Görlitz

Feinoptisches Werk Görlitz 1980er

Nichts wirklich Neues mehr gab es aus dem traditionsreichen Görlitzer Hause während der 1980er Jahre. Außer: Der Name des Betriebes wurde immer länger. Nach 1985 lautete er in etwa folgendermaßen „Volkseigener Betrieb Pentacon Dresden, Betrieb im Kombinat Carl Zeiss JENA, Betriebsteil VEB Feinoptisches Werk Görlitz“. So einfach war das also. Dahinter verbarg sich nichts anderes, als daß mit der Auflösung des Kombinates Pentacon Dresden und der Eingliederung der Einzelbetriebe in das Zeiss-Kombinat endlich auch der jahrzehntelang als Hauptkonkurrent angesehene Görlitzer Objektivfabrikant von Zeiss quasi durch die Hintertür „feindlich übernommen“ werden konnte. Das hatte Zeiss nicht einmal während kapitalistischer Zeit geschafft – da war man über Ernemann und Goerz nicht hinaus gekommen. Welch Ironie der Geschichte, daß gerade die sozialistische Zentralverwaltungswirtschaft der DDR marktwirtschaftliche Tendenzen der Monopol- und Trustbildung zur höchsten Vollendung geführt hatte. Natürlich waren die Mechanismen anders gelagert, als im Kapitalismus, aber das Endresultat ist bei naiver Betrachtung schon verblüffend. Auch andere ehemalige Mitbewerber wie die Rathenower Optischen Werke (vormals Emil Busch) waren lange schon im Zeiss-Kombinat aufgegangen. Zeiss war nun Monopolist innerhalb der optischen Industrie der DDR und die Entscheidungen über die Teilbetriebe wurden zentral in der Kombinatsleitung in Jena getroffen – und zwar letztlich in persona des Generaldirektors Wolfgang Biermann. Von solch einer Position jedenfalls hätten die Betriebsführer Rudolf Straubel bzw. August Kotthaus während der Zwischenkriegszeit allenfalls zu träumen gewagt.

Gleichermaßen gehaßt und gefürchtet: Der Kombinatsdirektor Wolfgang Biermann. Arbeitswütig, Kontrollfanatiker, Autokrat. Man mag ihm zugute rechnen, daß er den VEB Carl Zeiss JENA  während seiner Führung zu einem der wenigen DDR-Betriebe gemacht hat, die auch ohne Schönung schwarze Zahlen geschrieben haben. Aber zu welchem Preis? In Jena wurden Prestigeprojekte wie der Megabitspeicherchip U61000 durchgedrückt, damit Erich Honecker und Günter Mittag etwas hatten, mit dem sie sich brüsten konnten. Die exorbitanten Anstrengungen, die dafür nötig waren, wurden mit harter Hand und zum Teil persönlicher Diffamierung  der untergeordeten Leitungsebene erzielt. Das Betriebsklima wird von Zeitzeugen als zerrüttet beschrieben. Und die ehedem stolzen Kamera- und Objektivbaufirmen in Dresden und Görlitz wurden nach 1985 zu bloßen Betriebsteilen und Befehlsempfängern der Jenaer Kombinatsleitung degradiert. Jegliche Eigeninitiative ermattete jetzt endgültig. Der Staat und seine Wirtschaft waren nun in einer vollständigen Erstarrung angelangt, an der letzten Endes beide zugrunde gehen sollten. Bild: Gerhard Kiesling, Deutsche Fotothek.

1. Görlitzer Objektive für das neue Praktica B-Bajonett

1.1 Prakticar 2,8/135


Aber zurück nach Görlitz. Die Objektivpalette dieses Herstellers war schon seit den 70er Jahren auf wenige Modelle eingedampft worden, die aber nun in um so größeren Stückzahlen ausgestoßen wurden. Der grundsätzliche Ansatz lag also darin, diese offensichtlich genau auf die Bedürfnisse des Photoamateurs zugeschnittenen Modelle auch auf den neuen Bajonettanschluß umzustellen. So zumindest geschah es mit dem sehr beliebten Pentacon 2,8/135 mm, das sich als Orestor 2,8/135 schon seit 1962 im Angebot befand und während der 70er Jahre erst auf automatische Druckblende und später auf Mehrschichtvergütung umgestellt worden war. Als "Prakticar 2,8/135" bekam es also lediglich eine neue Fassung für das B-Bajonett. Aus 236,- Mark für das Pentacon auto 2,8/135 wurden mit diesem Schritt 468,- Mark für das Prakticar.

Prakticar 2,8/135 "ratio"

Oben sieht man das Prakticar 2,8/135 in einer späten Version, bei der einige äußere Fassungsteile durch Plastik ersetzt wurden.


Unten: Trotzdem nebenher noch bis 1989 im Warenkatalog enthalten: Das Pentacon 2,8/135mm, das auf das Jahr 1962 zurückging, mit Vorwahlblende für nach wie vor 191,- Mark inkl. M42-Adapter. Einschichtig vergütet und der Aufschrift nach in der DDR gefertigt. Und zwar vollständig aus Metall und Glas.

Pentacon 2,8/135mm

1.2 Prakticar 2,8/28 mm


Ich habe im Abschnitt zu den 1970er Jahren behauptet, das Pentacon auto 4/200mm sei die letzte Neukonstruktion dieses Werkes gewesen, die wirklich in die Produktion gegangen sei. Ganz stimmt diese Aussage nicht. Im Zuge der Einführung des Praktica B-Bajonettes wurde nämlich das alte Orestegon 2,8/29 neu berechnet. Der Grundaufbau mit sieben einzelnstehenden Linsen blieb zwar derselbe, aber sowohl die Linsenformen änderten sich leicht, als auch die Position des Blendenkörpers. Dieser wanderte nun genau zwischen streuendem und sammelndem Teil – also eine Linse weiter vor. Zudem wurden offenbar auch andere Gläser eingesetzt, denn nicht nur die Brennweite verkürzte sich auf übliche 28mm, sondern auch die Bildqualität konnte um einiges verbessert werden. Das Prakticar 2,8/28mm ist wirklich ein sehr gutes Weitwinkelobjektiv. Die Überarbeitung wurde wohl durch Wolfgang Gröger besorgt. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger aus dem Jahre 1964 reicht beim Prakticar bei voller Öffnung die Schärfe bis in die Bildecken. Auch an der Kontrastleistung gibt es nun bei offener Blende nichts mehr auszusetzen. Randabschattung und Verzeichnung sind erstaunlich gering. Die untenstehende Aufnahme zeigt einen Blick in die Kuppel der Nikolaikirche in Potsdam bei voller Öffnung der Blende. Selbst in den Randzonen des Bildes liegt das Auflösungsvermögen dieses Objektivs über dem des Filmmateriales (und des Scanners).

Prakticar 2.8/28 @ f/2.8

Während also andere Firmen in der Zeit um 1980 ihre 28-mm-Amateurobjektive aus Kostengründen vereinfachten (das wohl bekannteste Beispiel ist das Nikon E 2,8/28 mit lediglich fünf Linsen, das später sogar in der Autofokus-Version weiterverwendet wurde), modernisierte das Feinoptische Werk in Görlitz das siebenlinsige Orestegon in einer Weise, daß es zu den Spitzenobjektiven seiner Zeit aufschließen konnte. Freilich mußte dazu auch hier der Preis von 227,- Mark für das Pentacon auto 2,8/29 MC auf 471,- Mark für das Prakticar mehr als verdoppelt werden. An diesem Punkt wird auch verständlich, wieso das aufwendige Jenaer Prakticar 2,4/28 mm nicht in Serie gefertigt wurde. Dieses hätte sicherlich noch einmal das Doppelte gekostet.

Pentacon Prakticar 2,8/28mm

Oben ein Vergleich zwischen den beiden Varianten des Prakticar 2,8/28. Links die Metallfassung mit dem typischen genopptem Gummiring und rechts die sogenannte "Ratiofassung" mit weitgreifendem Kunsstoffeinsatz.


Nicht wundern sollte man sich, wenn man diese Objektive mit Plastik-Fassung auch ab und an mit der Aufschrift "Carl Zeiss Jena P" statt "Pentacon Prakticar" findet. Es dürfte klar sein, daß es sich dabei trotzdem um dieselben Objektive handelt. Der Hintergrund leuchtet leicht ein: Nachdem das Kombinat Pentacon 1985 aufgelöst und die Teilbetriebe ins Kombinat Carl Zeiss JENA eingegliedert worden waren, hätte man theoretisch jetzt überall "Zeiss Jena" draufschreiben können. Und zum Teil tat man das wohl auch für bestimmte Exportmärkte.

1.3 Prakticar 4/200 mm



Ähnlich wie das Zeiss Prakticar 2,4/28, so zielte auch das Jenaer Prakticar 2,8/200 eher auf den Profi ab. Allerdings wurde damals offenbar bereits nach kurzer Zeit klar, daß die Praktica Modelle B200 und B100 nicht unbeding gerade diesen Käuferkreis ansprachen. Daher sollte auch an die Stelle des nicht serienmäßig produzierten Zeiss Prakticar 2,8/200 ein Görlitzer Prakticar 4/200 treten, das das vom Preis und auch vom Gewicht her eher auf den Amateur hin zugeschnitten war. Dieses 200er Prakticar hätte auf dem 1979 noch parallel zur B-Serie erschienenen M42-Objektiv Pentacon auto 4/200 basieren sollen, das oben bereits erwähnt wurde. Es handelte sich wiederum um eine deutlich aufgewertete Variante des bereits seit 1963 produzierten Orestegor 4/200, das durch Roswitha Kaiser im Jahre 1976 komplett überarbeitet worden war. Leider kam bei diesem sehr hochwertigen Teleobjektiv in der Bajonettvariante keine größere Serienfertigung zustande, sodaß für die Praktica B kein 200er erhältlich war. Das Prakticar 4/200 hätte aber 647,- Mark kosten sollen, so viel kann man aus zeitgenössischen Preislisten zumindest noch berichten. Zu teuer für ein Amateurobjektiv. Zwischen dem nach wie vor gefertigten Pentacon 4/200 mit Vorwahlblende für 220 Mark und dem Pentacon auto 4/200 mit Druckblende für 415,- Mark hatte es ja auch bereits eine beträchtliche Preissteigerung gegeben, die eine für das Photo-Hobby vorgesehene Sparbüchse kaum noch verkraftete.

2. Ratio statt Innovation ohne Schwung in die Wende

Und sonst nichts? Nicht wirklich. "Im Osten nichts neues" das könnte man für das Feinoptische Werk Görlitz in den 80er Jahren sagen. Und anders als uns manche Autoren glauben machen wollen, war diese Stagnation bereits vor der "feindlichen Übernahme" durch Zeiss Jena eingetreten. Man fragt sich schlichtweg, was die Görlitzer Entwicklungsabteilung in den 80er Jahren überhaupt gemacht hat. Zumindest ganz offensichtlich nicht Konsumgüterprodukte entwickelt. Außer Arbeiten an einem Standardzoom, auf die ich weiter unten noch nähr eingehen werde, kam zumindest nichts über den Prototypstatus hinaus. Zwar sind Entwicklungsarbeiten an einem Spiegelobjektiv nachweisbar, aber hier ging es nicht um eine Anwendung in der Photographie, sondern in Kopiergeräten nach dem Xerographie-Verfahren. Ein solcher Kopierer "SECOP" wurde in den 80er Jahren im VEB Secura-Werke Berlin hergestellt und kostete in etwa so viel wie ein Wartburg. Mit viel Aufwand mußte man in der DDR Geräte eben "neu erfinden", die anderswo auf der Welt längst schon kostengünstig von der Stange gefertigt wurden.


Solche aufwendigen "Nebenkriegsschauplätze" und dazu wäre unbedingt auch noch die zunehmende Rüstungsproduktion in den Betrieben des VEB Pentacon zu zählen erklären auch, weshalb man in Görlitz offenbar immer weniger Fertigungskapazitäten für den Photoobjektivbau zur Verfügung hatte.  Soweit ich das zu diesem Zeitpunkt sagen kann, wurden die Görlitzer Normal- und auch einige Wechselobjektive überwiegend bei Întreprinderea Optică Română (IOR) in Bukarest gefertigt, wo seit Ende der 60er Jahre sukzessive entsprechende Fertigungsmöglichkeiten geschaffen worden waren. Der Objektivbau war und ist nach wie vor ein ziemlich arbeitsintensives Metier mit einigem Montage- und Prüfaufwand und in Görlitz hatte man dafür offenbar immer weniger Personalkapazität zur Verfügung.


Und auch der Kostendruck schien sich im RGW langsam als Phänomen zu etablieren. Ab der zweiten Hälfte der 80er wurden bei Pentacon-Objektiven Materialeinsparungen durchgesetzt, die ihren Ausdruck in den sogenannten rationalisierten Fassungen („Ratio“) finden. Hier wurde das Metall der äußeren Fassungsteile und des Blendenrings durch Kunststoff ersetzt. Auch der sehr griffige und gestaltungsmäßig gefällige genoppte Gummi am Meterring wurde eingespart. Hier wurde nur noch ein Griffraster ins Plaste gepreßt. Wirklich schlechter wurden die Objektive dadurch nicht, aber für den aufmerksamen Beobachter büßten sie doch einiges an Exklusivität ein. Der Preis blieb aber ausdrücklich derselbe. „Ratio“ wurde für den DDR-Bürger also zu so etwas wie „Gebrauchswerterhöhung“, nur ohne Preisanstieg.


Und tief in dieser "Innovationsdepression" wurde das traditionsreiche Görlitzer Werk von der Wende überrascht. Denkbar schlechte Voraussetzungen. Betrieben, die keine auch nur ansatzweise marktfähige Produkte herstellten, hatte im Wendeprozeß kaum einel Chance zu überleben. Das läßt sich heute in der Rückschau so sagen sagen, da wir mehr als 30 Jahre später gut beurteilen können, welche Ostbetriebe und -produkte überhaupt übriggeblieben sind. Ein Betrieb voller gut ausgebildeter Facharbeiter genügte jedenfalls nicht. Andererseits war auch ein innovatves Produkt allein noch kein Erfolgsgarant (vgl. Fall FORON). Insgesamt ist diese Frage der Überführung der DDR-Industrie in die Marktwirtschaft ein äußerst schweriges Feld.


Obwohl es noch keine 30 Jahre her ist, konnten mir nicht einmal ehemalige Görlitzer Mitarbeiter genau sagen, was am Schluß in Görlitz eigentlich noch an Photoobjektiven hergestellt wurde. Zu ihrer Entlastung könnte man vorbringen, daß mit fortschreitendem Zerfall der DDR die Zeit recht schnelllebig wurde. Man kann nachträglich davon halten was man will, aber es war damals mehrheitlich politisch so gewollt, daß zum 1. Juli 1990 eine Wirtschafts- und Währungsunion zwischen der Bundesrepublik und der DDR umgesetzt werden sollte. Dazu wurde zum 1. März 1990 die berühmt berüchtigte Treuhandgesellschaft gegründet, deren Aufgabe es war, die DDR Betriebe von der Plan- in die Marktwirtschaft überzuleiten. Damit einhergehend mußten die Volkseigenen Betriebe in privatwirtschaftliche umgewandelt werden. Um diesen Schritt vorzubereiten, wurde die Görlitzer Fertigungsstätte ab April 1990 umstrukturiert, aus dem Kombinat Carl Zeiss JENA herausgelöst und zum Stichtag 1. Juli 1990 in eine GmbH umgewandelt. Wie alle Betriebe auf DDR-Gebiet, so hatte auch die neue "Feinoptisches Werk Görlitz GmbH" nun eine D-Mark-Eröffnungsbilanz vorzulegen. Löhne mußten nun in harter Mark bezahlt werden, was große Entlassungswellen auslöste. Und da jetzt auch die Verkaufspreise der Ostprodukte in D-Mark ausgewiesen wurden, hatten die DDR-Bürger zum ersten Mal eine reelle Vergleichsmöglichkeit. Damit waren aber auch die Zeiten vorbei, wo eine Praktica hochsubventioniert für unter 300,- D-Mark bei Quelle verscheuert werden konnte. Produkte also, die eigentlich niemand mehr haben wollte, wurden nun zu allem Unglück auch noch stark verteuert.

Objektive aus der Wendezeit: Wir sehen ein Prakticar 1,8/50 in der sogenannten Ratio-Fassung, wie es in der zweiten Hälfte der 80er Jahre quasi zu jeder Praktica BC1, BCA, BCS usw. geliefert wurde, weil das Jenaer Prakticar 1,8/50 (also das Pancolar in B-Fassung) bereits 1981 aus der Produktion genommen worden war. Bei diesem Exemplar gibt es aber gleich zwei Besonderheiten: Einmal der M42-Gewindeanschluß und zweitens die Gravuren.


Nach Hinweisen rumänischer Photofreunde wurden diese Prakticare 1,8/50 vor und während der Wende in großen Stückzahlen in Bukarest gefertigt. Das würde auch erklären, weshalb noch neue (und eben sogar als "Meyer Optik, Made in Germany") gelabelte Objektive der bekannten Bauart in den Handel kamen, nachdem die Fertigungsstätten in Dresden und Görlitz eigentlich schon dichtgemacht worden waren. Ob es sich bei dem hier gezeigten 1,8/50 um ein gänzlich in Görlitz hergestelltes oder um ein in Görlitz lediglich auf M42-Anschluß modifiziertes IOR-Objektiv handelt, das konnte mir bislang noch niemand glaubhaft nachweisen. Ich möchte auch zu bedenken geben, daß das Label "Made in Germany" unter Umständen genau so viel Wahrheitsgehalt haben könnte, wie zuvor das Label "Made in German Democratic Republic" auf Objektiven, die offenbar trotzdem aus Bukarest stammten. (Photos von Marc-Alexander Heckert)

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde vielen Betriebsleitungen klar, daß unter diesen Umständen keinerlei wirtschaftliche Produktion mehr möglich sein wird. Es ist bekannt, daß es gerade der ehemalige Stammbetrieb des Kombinates Pentacon in Dresden war, der als erster Großbetrieb der DDR liquidiert worden ist – beschlossen noch am letzten Tag der Existenz der DDR. Wer aber meint, dafür allein "die Treuhand" verantwortlich machen zu müssen, dem sei gesagt, daß Pentacon nicht erst seit Einführung der D-Mark unrentabel wirtschaftete. Seit Jahren bereits kostete die Herstellung jeder Praktica Geld, anstatt welches einzubringen. Da jedoch Mitte der 80er Jahre dreiviertel der Kameraproduktion ins NSW exportiert wurde und auf diese Weise dringend benötigte Devisen einbrachte, wurde auf Gedeih und Verderb an dieser Praxis festgehalten [Vgl. dazu Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 206 sowie Fußnote 6 auf Seite 210]. Das war übrigens in der DDR mitnichten ein Einzelfall. In jedes Moped, das in Suhl produziert wurde, hat die DDR-Volkswirtschaft Geld reingesteckt – in diesem Fall um die politisch-ideologisch gewollten Verkaufspreise einhalten zu können. Diese Praxis, daß auf so manchen DDR-Betrieb über Jahrzehnte hinweg wie aus heiterem Himmel Geld herabregnete, hatte sich zu einer Selbstverständlicheit herausgebildet, die selbst von den Betriebsdirektoren bald nicht mehr hinterfragt wurde. Um so mehr stehen einem heute die Haare zu Berge, wenn dieselben Leute den abrupten Niedergang ihrer Betriebe nach dem Juli 1990 allein auf eine Treuhandgesellschaft zu schieben versuchen.

Heute im Herbst 2019, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, scheinen die Erinnerungen an die Spätphase der DDR bei Vielen langsam zu verblassen. Fragwürdige Bewegungen, die eine "Wende 2.0" fordern, scheinen die Verantwortung für den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Ostens in der Nachwendezeit allein "dem Westen" anlasten zu wollen. Die Rolle der SED und ihrer vergreisten Führungsfiguren wird ausgeblendet. An den durch diese Personen verantworteten vier Jahrzehnten Ahnungslosigkeit laboriert der Osten aber noch heute.


Von daher hielt ich es für passend, hier ein Interview einzufügen, die die von mir sehr geschätzte Sabine Adler, langjährige Osteuropakorrespondentin des Deutschlandfunk, mit dem Ex-Treuhand-Direktor Detlef Scheunert im Oktober 2019 geführt hat. Passend ist es schon deshalb, weil Scheunert dazumal für den Bereich Optik-Feinmechanik zuständig gewesen ist und den VEB Pentacon Dresden (natürlich nicht Radeberg) auch ausdrücklich als Paradigma anspricht. Daß über die Fakten, die hier Scheunert unverblümt auf den Tisch knallt, manche Ältere sagen werden: "wissen wir doch alles", werden Nachgeborene wie ich stets in Kauf nehmen müssen. Dieselben aber gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen; das wäre angesichts fortschreitender Mythenbildung jedoch allzu fatal!

Für den Überrest des Görlitzer Feinoptischen Werkes ging es offiziell noch ein Jahr weiter, nämlich bis Ende Juni 1991. Wie mir versichert wurde, war bis zu diesem Punkt eigentlich die meiste Belegschaft entlassen, sodaß unklar ist, was und durch wen überhaupt zuletzt noch gefertigt worden ist. Ob es sich bei dem oben abgebildeten "Meyer Optik" 1,8/50mm Normalobjektiv wirklich um ein vollständig in Görlitz hergestelltes Produkt handelt, oder ob frische Lieferungen bzw. Lagerbestände von IOR Bukarest lediglich in Görlitz mit einem neuen Rückteil mit M42-Anschluß versehen wurden, läßt sich unter Umständen nie mehr richtig klären. Durch das Label "Made in Germany" kann man einzig mit Gewißheit sagen, daß diese geheimisvollen Objektive zwischen dem 3. Oktober 1990 und dem 30. Juni 1991 entstanden sein müssen. Weiter unten auf der Seite ist eine Objektivaufschlüsselung aus dem letzten Praktica-Katalog von 2001 wiedergegeben, die aufzeigt, daß die Prakticare 2,4/50 und 2,8/28 bis zum Schluß lieferbar blieben.

3. Ein Varioobjektiv aus Görlitz

Wirft man einen Blick darauf, welche wesentlichen Entwicklungen der Photomarkt in der Bundesrepublik ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre genommen hat, dann fallen im gehobenen Amateursektor zwei Tendenzen auf: Einmal die Ablösung der mechanisch gesteuerten Spiegelreflexkamera mit integrierter Nachführmessung ("Belichtungshalbautomatik") durch Modelle mit Zeit- oder Blendenautomatik einerseits und die Propagierung und zunehmende Verbreitung von Varioobjektiven ("Zooms") auf der anderen Seite. In der zeitgenössischen Literatur taucht dabei ständig das Argument auf, wieviele Einzelbrennweiten ein solches Zoom doch ersetzen würde. Und trotz der mannigfaltigen Nachteile dieser frühen Zoomobjektive entwickelte sich dieser Marktbereich sehr vehement. Dazu trug auch bei, daß in den 80er Jahren qualitativ hochwertige Farbnegativ- und Umkehrfilme mit einer Empfindlichkeit von 27 DIN/400 ASA herausgebracht wurden, mit denen die bescheidene Lichtstärke von Zoomobjektiven zu einem gewissen Teil wieder kompensiert werden konnte. Neben den (oft recht teuren) Originalherstellern gesellten sich Fremdanbieter, die mit ihrer raschen Modellfolge und den großen Absatzzahlen das Marktsegment der Zooms unaufhaltsam vorantrieben. Die anfangs oft recht abenteuerlichen und qualitativ zweifelhaften Objektive wurden durch neue Berechnungsmethoden und neue Fertigungsverfahren aber immer weiter optimiert. Größe und Gewicht konnten sukzessive gesenkt werden, während gleichzeitig die Zoomfaktoren und die Abbildungsqualität angehobenen werden konnten. Was das Zoomobjektiv betrifft, wurde während der 1980er Jahre ein unglaublicher Fortschritt erzielt, der diesen Objektivtyp überhaupt erst salonfähig machte. Selbst "ernste" Photographen kamen um ein Zoom bald nicht mehr herum.


Eigentlich konnte es sich zu jener Zeit kein großer Kamerahersteller mehr leisten, das Segment der Zooms gänzlich außen vor zu lassen. Der VEB Pentacon Dresden tat aber genau dies. Dabei war der Dresdner Kamerabau damals wirklich noch ernstzunehmend groß. Im letzten Jahr seiner vollen Selbständigkeit produzierte das Kombinat Pentacon 1984 nicht weniger als 450.000 Spiegelreflexkameras [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 177], von denen sage und schreibe 77 Prozent in das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet exportiert wurden [Vgl. ebenda, S. 206]. Ein Standardzoom zur Erstbestückung, das international gesehen das bislang übliche Normalobjektiv abzulösen begann, fehlte freilich. Seit den späten 1970er Jahren kooperierte man daher mit japanischen Objektivbaufirmen, um das eigene Sortiment wenigstens mit solchen Zoomobjektiven vervollständigen zu können. Auf diesen interessanten Punkt gehe ich weiter unten noch etwas konkreter ein.


An Zoomobjektive für die Kleinbildreflexkamera aus Volkseigener Produktion war indes vorerst nicht zu denken. Meiner Einschätzung nach lag das hauptsächlich an zwei nur schwer überwindbaren Hürden: Erstens waren Zooms damals noch Neuland, die nach intensiver Forschung verlangten. Lösungswege für bestimmte prinzipielle Problemstellungen waren rasch durch Patentschutz einzelner Firmen gesichert und daher für den Konkurrenten verbaut. Die Patentliteratur zu Zoomobjektiven aus den 70er und 80er Jahren ist schier unüberschaubar. Zweitens verkomplizierten sich bei Varioobjektiven die Anforderungen insbesondere an die mechanischen Komponenten in solch einer drastischen Weise, daß die Fertigung dieser Produkte nur mit der allerneusten Maschinentechnologie machbar war, die extrem hohe Investitionsaufwendungen erforderte. Um es kurz zu machen: Nach allem was ich in Erfahrung bringen konnte, war dies der hauptsächliche Knackpunkt, der den Zoomobjektivbau in der DDR derart gehemmt hatte. So lag beispielsweise das Jenaer Vario-Pancolar 2,7-3,5/35-70mm schon seit 1983 als Entwicklung vor, gelangte allerdings erst 1987 in Saalfeld in die Fertigung. Die hergestellten Stückzahlen, die im Vergleich zum Volumen der produzierten Kameras im Promillebereich rangierten, zeigen, daß für diese Objektive offenbar keine ausreichenden Fertigungskapazitäten vorhanden waren.


Trotz dieser denkbar schlechten Vorraussetzungen sind in der zweiten Hälfte der 80er Jahre Bemühungen des VEB Feinoptischen Werkes in Görlitz nachweisbar, ein universell verwendbares Standardzoom des Brennweitenbereichs 35-70mm zu entwickeln. Schon dieser bescheidene Ansatz mit einem lediglich zweifachen Zoombereich zeigt, daß man der internationalen Entwicklung bereits etwa ein Jahrzehnt hinterherhinkte. Zoomobjektive mit diesen Daten waren Ende der 80er Jahre schon billige Kaufhaus- oder Katalogware geworden. Wie ich weiter unten zeige, wurden derlei Standardzooms in Japan und Korea seinerzeit bereits massenhaft ausgestoßen. Wenn so eine Standardware nun in Görlitz noch einmal "neu erfunden" werden mußte, dann zeigt das, wie sehr dieses kleine Zoomobjektiv auch dazu herhalten mußte, erst einmal Rückstände auf dem Gebiet der optischen Konstruktion und der mechanischen Fertigung aus den letzten zehn Jahren aufzuholen und Erfahrungen zu sammeln.

Pentacon Prakticar 35-70mm Prototyp

Versuchsmuster eines Görlitzer Varioobjektivs 3,5-4,8/35-70mm

(Photos von Marc-Alexander Heckert)

Pentacon 35-70mm Prototyp

Daß man in Görlitz damals Neuland betrat, läßt sich auch daran ablesen, daß sich in Verbindung mit diesem Standardzoom einige Patentanmeldungen finden lassen. Eine von ihnen mit der Nummer DD247.295 vom 31. März 1986 beschäftigt sich mit einer mechanischen Lösung, um die Drehbewegung eines Einstellringes in lineare oder nichtlineare "Hubbewegungen" umwandeln zu können – essentielle Basis eines jeden Zoomobjektivs. Wolf-Dieter Prenzel war der Urheber. Weitere Schutzrechtanmeldungen belegen, daß man überhaupt erst einmal Grundlagen für das Justieren und Einmessen eines solchen Objektives schaffen mußte. Die Patentschrift Nr. DD268.066 vom 22. Dezember 1987 beschreibt ein Verfahren zur Begrenzung der axialen Bildauswanderung, die für uns deshalb noch von besonderem Interesse ist, weil sie meiner Auffassung nach eine Alternative zum im VEB Carl Zeiss Jena praktizierten Justierverfahren beschreibt. Jene war offenbar unter Mitwirkung Karin Holotas erarbeitet worden, die als Co-Patentinhaberin des Vario-Pancolars 2,7-3,5/35-70mm bekannt ist. Dabei umgeht die Görlitzer Lösung die einzelnen "Annäherungsschritte" an eine ideale Justierung, wie sie beim Jenaer Verfahren offenbar notwendig waren. Das kann man als Hinweis darauf ansehen, daß die Görlitzer Entwicklung von vornherein speziell auf eine Massenfabrikation ausgelegt werden sollte, um ein Zoomobjektiv in den nötigen Größenordnungen ausstoßen zu können, die eine wirkliche Standardbestückung ermöglichen würde. Einen dazu fast deckungsgleichen Inhalt weist auch die Patentschrift Nr. DD270.385 vom 25. März 1988 auf. Neben Prenzel werden auch die Herren Brunkel, Herrig und Glier als Erfinder benannt. Ferner scheinen auch die Patente Nr. DD285.308 und DD291.153 vom Juni und Dezember 1989 in Bezug auf dieses Görlitzer Standardzoom erarbeitet worden zu sein, die Gerätschaften und Verfahren zur Justage und Prüfung beschreiben.


Diese charkteristische Form dieser Patentüberlieferung läßt also erahnen, welche Schwierigkeiten überwunden werden mußten, um den Herstellerbetrieb erst einmal in die Lage zu versetzen, ein zu entwickelndes Zoomobjektiv überhaupt herstellen zu können. Viel deutet darauf hin, daß nicht die optische Berechnung des Zoomobjektivs Probleme bereitete, sondern die Entwicklung und massenfabrikatorische Fertigung der Objektivfassung. Daß diesbezüglich bis in die Wendezeit hinein Grundlagenpatente angemeldet wurden, zeigt, wie umfassend man Neuland betrat und wie weit der Rückstand gegenüber der international verfügbaren Fertigungs- und Prüftechnologie angewachsen war. Man war in der DDR halt in vielen Bereichen gezwungen, das Rad ein zweites Mal zu erfinden. Das dürfte auch der Grund dafür sein, daß dieses kleine Zoomobjektiv zu Zeiten des Volkseigenen Betriebes Feinoptisches Werk Görlitz nicht mehr in die Serienfertigung gelangte. Dennoch ist bekannt, daß von diesem Objektiv (bzw. einer Nachfolgeversion) eine kleine Serie gefertigt wurde, die mit "Meyer-Optik" und "Made in Germany" beschriftet war, was demnach eigentlich nur nach dem 3. Oktober 1990 erfolgt sein konnte. Wolf-Dieter Prenzel selbst schreibt hierzu:


"Zur Photokina 1990 wurde das erste Zoom-Objektiv der Görlitzer Meyer-Optik vorgestellt. Es war gleichzeitig das letzte Objektiv von Meyer-Optik aus Görlitzer Produktion. Von einer ersten Serie des Vario-Standard 1:3,5-4,8/35-70 mm wurden von 1991 bis 1992 genau 150 Stück montiert und verkauft." [www.optik-labor.com]

Meyer-Optik 3,5-4,8/35-70

Bild: Jörg Kannwischer

Ob das Jahr 1992 stimmt, muß an dieser Stelle offen bleiben, denn der Literatur zufolge wurde die Feinoptisches Werk Görlitz GmbH bereits im Sommer 1991 liquidert. Dieses zuvor noch in Görlitz in Kleinserie gefertigte Zoom 35-70mm mit seinen 8 Linsen in 7 Gruppen unterschied sich nun äußerlich deutlich von dem oben gezeigten Versuchsobjektiv. Die äußeren Fassungsteile waren durch weitgreifenden Kunststoffeinsatz gepägt, während der Prototyp noch eine hochwertige Metallfassung auzuweisen hatte, die eine verblüffende äußerliche Ähnlichkeit mit dem seit 1987 in kleinen Stückzahlen gefertigten Vario-Pancolar zeigte. Man kann daher vermuten, daß die Fassung des obigen Versuchsmusters auf Saalfelder Bearbeitungsmaschinen gefertigt wurde – also wenigstens während der Forschungsphase "kombinatsintern" ausgeholfen wurde.


Für die schlechten Erfolgsaussichten dieses Görlitzer Standardzooms war letztendlich auch der kaum marktgerechte Preis von um die 300,- D-Mark ausschlaggebend. Mit der Praktica BMS und der BX20 vergleichbare konkurrierende Manuellfokus-Spiegelreflexkameras, wie sie Anfang der 90er Jahre beispielsweise bei Foto Quelle angeboten wurden (meist von Cosina hergestellt), kosteten zwischen etwa 300,- und 450,- D-Mark. Bei diesem Preis war freilich ein einfaches 35-70 Zoom bereits inklusive...

4. Görlitz ganz zum Schluß

Nach diesem Exkurs möchte ich noch einmal auf den Görlitzer Hersteller zurückkommen. Es bleibt nämlich noch eine Entdeckung nachzutragen: Es scheint so, als sei das Nummerierungssystem der Pentacon-Objektive in der zweiten Jahreshälfte 1989 umgestellt worden; und zwar auf jenes Prinzip, das bei Carl Zeiss Jena seit Anfang der 80er Jahre verwendet wurde. Nicht mehr alle Objektivtypen wurden fortlaufend in einem gemeinsamen Nummernsystem untergebracht, sondern jeder Typ einzeln für sich gezählt. Geht man davon aus, daß wie bei Zeiss mit der Nummer 1000 begonnen wurde, dann haben wir es bei dem unten gezeigten Pentacon 2,8/29mm, das am 29. Dezember 1989 verkauft wurde, mit dem hundertundersten (bzw. hundertzweiten) Objektiv seit der Nummernumstellung zu tun. Und ziehen wir in Betracht, daß dieses Objektiv verkauft wurde, als gerade der Anfang vom Ende der DDR besiegelt worden war, so wird es plausibel, weshalb diese Objektive mit den niedrigen Seriennummern vergleichsweise selten anzutreffen sind.

Spätes Pentacon 2,8/29mm in einer geringfügig geänderten Fassung. Wurde der zugehörige Garantieschein ab Werk falsch ausgefüllt? Müßte nicht bei "Objektiv" 2,8/29 SD stehen und bei "Nummer" die 1101? Auf dem Kassenzettel steht jedenfalls # 1101.

Rätsehaft bleibt auch, inwiefern die neuartige Nummerierung in geordneter bzw. konsequenter Art und Weise angewendet worden ist, wie diese doppelte Vergabe der "Startnummer" 1001 nahelegt (Bild von Rakata Wibowo, Bandung, Indonesien). Man könnte gar den Eindruck gewinnen, 1101 und 1001 stellten überhaupt  keine Objektivnummern im eigentlichen Sinne dar, sondern eher Typnummern.

Ferner möchte ich darauf aufmerksam machen, daß diese späten Objektive ein etwas anders gefrästes Griffrändel am Meterring haben. Ob diese Änderung schon vor der Nummernumstellung produktionswirksam geworden ist, kann ich bislang nicht mit Gewißheit sagen. Es fällt aber auf, daß diese umgestalteten Objektive quasi nur in Verbindung mit sehr späten Prakticas MTL5b und MTL50 zu finden sind. Und trotz glaubwürdiger Hinweise, daß die Fertigung  dieser M42-Objektive in Rumänien erfolgte, prangt auf der Fassung überdeutlich die Gravur "German Democratic Republic". Was diese Frage betrifft, herrscht bislang also  alles andere als Klarheit.

5. Letzte Neuentwicklungen

Zum Abschluß kann ich doch noch zwei klitzekleine Neuentwicklungen vermelden: Rolf Jurenz war bei Pentacon der Fachmann für die Suchersysteme und deren Verknüpfung mit der Belichtungsmessung. Als Pentacon Ende der 80er Jahre eine neue Generation einfacher Kompaktkameras herausbringen wollte, sollte dazu ein einfaches Fixfokusobjektiv mit Hinterblende entwickelt werden. Jurenz legte bei seiner Erfindung [Nr. DD245.275 vom 30. Dezember 1985] einen Zusammenhang zugrunde, der mir bislang auch nicht bewußt war und der ein verblüffendes Resultat zeigt: Allgemein bekannt dürfte sein, daß die Lichtstärke eines Objektives durch dessen Eintrittspupille bestimmt wird. Die Eintrittspupille ist das, was man sieht, wenn man aus einem gewissen Abstande in das Objektiv hineinschaut. Schaut man hingegen von der Rückseite, dann sieht man die Austrittspupille. Interessanterweise liegen die optischen Zusammenhänge nun dergestalt, daß die Austrittspupille die Schärfentiefe eines Objektives bestimmt. Jurenz' Idee lag daher darin, ein Objektiv zu konstruieren, bei dem der sogenannte Pupillenmaßstab Werte um 1:√2 erreichte, also die Eintrittspupille etwa um einen Blendenwert größer war als die Austrittspupille. Das hatte zur Folge, daß das kleine Weitwinkelobjektiv zwar eine Lichtstärke von 1:5,6 bieten konnte, die Abbildung aber eine Schärfentiefe aufzuweisen hatte, die derjenigen bei Blende 8 gleichkam. Eine solche Eigenschaft ist bei Fixfokuskameras, bei denen das Objektiv also auf eine bestimmte Entfernung fest eingestellt wird und man auf eine große Schärfentiefe angewiesen ist, sehr förderlich. Jurenz hatte zwei Ausführungen seiner Erfindung entwickelt; eine mit einer asphärischen Frontlinse aus Plast mit den Daten 5,6/38mm und eine Ausführung ganz aus Glas mit den Daten 5,6/35mm. Möglicherweise kam eine der beiden Konstruktionen in der neuen Kleinbild-Sucherkamera "Praktica 35M" zum Einsatz, die offenbar im Jahr der Wende in Freital noch (kurzzeitig) in Produktion war. Sie hätte laut Warenkatalog 1989/90 120,- DDR-Mark kosten sollen – viel Geld für eine ansonsten erschütternd spartanisch ausgestattete Kamera.

DD245275
Praktica 35 M

In dieser Praktica 35 M könnte eines der beiden obigen Objektive eingesetzt worden sein. Es könnte aber auch ein klassischer Dreilinser sein. Jedenfalls handelt es sich bei dieser Plastikknippse wohl um die letzte Neuerscheinung der DDR-Photoindustrie. Sie kam in die Geschäfte, als sich das Land gerade auflöste und fand daher wenig Beachtung. Bild: Gerhard Belitz


Auf einem ganz anderen technischen Niveau lag ein Kompaktobjektiv, das Hubert Ulbrich und Wolfgang Gröger am 18. Juni 1984 zum Patent angemeldet hatten [Nr. DD224.413]. Der Patentüberlieferung nach zu urteilen arbeitete der VEB Pentacon Dresden seit den späten 1970er Jahren an einer Sucherkamera mit Autofokus. Bekanntlich ist daraus kein fertiges Produkt geworden. Möglicherweise war dieses aufwendige Objektiv 2,8/34mm für eine derartige Kameraentwicklung vorgesehen. Drei der fünf Linsen bestanden aus einem hochbrechenden Kronglas mit der Brechzahl n = 1,7564 und der Abbeschen Zahl v = 52,9. Es handelt sich dabei um das Schwerstkron SSK11, das ansonsten nur in wenigen und besonders anspruchsvollen Photoobjektiven wie dem Prakticar 1,4/50mm eingesetzt wurde.

DD224.413

Marco Kröger


letzte Änderung 9. Januar 2022