Mimosa

Die Mimosa

1. Die Herkunft der Mimosa


Sie zählt zweifellos zu den rätselhaftesten und geheimnisvollsten Kameras, die uns heute die Hersteller zwischen Werra, Elbe und Neiße als Relikt hinterlassen haben. Das liegt daran, daß die "Mimosa" bereits im Frühjahr 1948 herausgebracht wurde, zu einer Zeit also, da noch keiner der namhaften gesamtdeutschen Photobetriebe mit irgendeiner Neukonstruktion am Markt erschienen war. Drei Jahre nach dem Kriegsende waren viele der Hersteller eher noch mit dem Wiederaufbau ihrer Gebäude- und Maschineninfrastrukur beschäftigt. Bis zur Jahresmitte wurde dafür noch mit der wertlos gewordenen Reichsmark bezahlt. Deshalb dominierte der Ausstausch mit Naturalien und die berüchtigten Schmuggelgeschäfte diese Ära. Und offenbar genau zu jener Zeit wurde in Dresden eine komplett neue Kamera entwickelt – also keine mehr oder weniger modernisierte Variation eines bereits aus der Zwischenkriegszeit bekannten Produkts, sondern etwas völlig Eigenständiges. Noch verwunderlicher ist dabei, daß sie unter dem Markenzeichen eines Herstellers für photographische Platten, Filme und Photopapiere erschien, der sich bislang in keiner Beziehung als Kamerahersteller hervorgetan hatte. 

Mimosa I Stelo

Sehr frühe Mimosa I mit der Kameranummer 124 aus dem Jahre 1948 - ausgestattet mit dem einfachen Automatverschluß "Stelo"  der Gebrüder Werner aus Tharandt. Bild: Stefan Lange


Unten: Mimosa-Filmschachteln aus den 30er Jahren. Die Mimosa AG war eine unter den damals noch außerordentlich zahlreichen kleineren photochemischen Werke in Deutschland, die neben Photopapieren auch Photoplatten, Filmpacks und Rollfilme fabrizierten. Namen wie Eisenberger, Hauff, Herzog, Schleussner, Perutz, Kranseder oder gar Westendorp & Wehner sind dabei heute fast völlig vergessen.

Mimosa Filme

Als Erlärung für die Aufnahme der Kameraproduktion in diesem Werk wird eine "einsame Entscheidung" der Mimosa-Geschäftsleitung angebeben [Vgl. Blumtritt Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 220.]. Dabei drängt sich doch die Frage auf, ob eine solch ausgereifte Kamera und vor allem ihr Zentralverschluß wirklich "mal eben" von Mitarbeitern eines Photopapierwerkes entwickelt worden sein können. Zwar wird in der Literatur der Name Robert Graichen genannt, aber weitere Angaben fehlen. Auch Schutzschriften sind keine auffindbar. Doch mysteriös wird die Geschichte um die Mimosa doch erst deshalb, weil sie später unvermittelt zu einem Produkt des VEB Zeiss Ikon wird. Bislang wurde für diesen nachträglichen Wechsels des Herstellers in der Literatur das Jahr 1950 angegeben [Vgl. Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 156.], was etwa der Hälfte der gesamten Produktionszeit dieser Kamera entspräche. Angesichts dessen drängt sich doch regelrecht der Verdacht auf, es könne sich bei den Entwicklern und Monteuren dieser Kleinbildkamera von vornherein um versprengte Zeiss-Ikon-Leute gehandelt haben und die Mimosa-Werke hätten nur für kurze Zeit als Dach für die Produktion fungiert.


Immerhin müssen wir uns vor Augen führen, daß es ein eigenständiges Dresdner Werk "Zeiss Ikon" um 1947/48 formell gar nicht gegeben hat. Vielmehr existerte immer noch eine Zeiss Ikon AG mit ihren Haupt-Produktionsstandorten in Stuttgart, Berlin und Dresden. Die Fragen um den Sitz der Aktiengesellschaft, die Verfügungsgewalt über das Vermögen und Immobilien sowie die Namensrechte waren quasi völlig ungeklärt und nur ein Spielball der jeweiligen Interpretation beider Seiten [Vgl. dazu auch Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 108 bis 124]. In der DDR bzw. in den heutigen östlichen Bundesländern Deutschlands hat man auf diese Lage oftmals einen etwas verstellten Blick, weil hier nach wie vor eine "offizielle DDR-Sicht" das Bild prägt, wonach die alte Zeiss Ikon AG nun einmal von den hiesigen Behörden rechtmäßig enteignet und zu einem VEB gemacht worden sei. Wir müssen aber verstehen, daß es sich dabei letztlich nur einsitige Schritte der Sowjetzone bzw. der DDR gehandelt hat, die – wie sich später zeigen sollte – quasi so gut wie keine rechtliche Bindungskraft aufwiesen. Aus Sicht der gesamten westlichen Welt hatte die Zeiss Ikon AG nämlich schlichtweg im März 1948 ihren Sitz erfolgreich nach Stuttgart verlegt [Vgl. ebd. S. 122] und alle andersartigen Behauptungen aus der völkerrechtlich nicht anerkannten DDR änderten daran letztlich nur wenig. Dies läßt sich auch daran ablesen, daß die DDR-Seite in dieser Frage gegenüber Stuttgart bzw. Heidenheim ein paar Jahre später einfach nur noch kapitulieren konnte.


Angesichts dieser Lage der Zeiss Ikon AG während der Besatzungszeit könnte man den Hintergrund der Mimosa also sogar dahingehend interpretieren, daß diese neukonstruierte Kleinbildkamera bewußt nicht unter dem ungeklärten Zeiss-Ikon-Label herausgebracht wurde, sondern sicherheitshalber unter dem unverdächtigen Dach einer im Kamerabau bislang nicht in Erscheinung getretenen Filmfabrik. Und das mit dem Dach wäre ganz wörtlich zu nehmen, weil die Fabrikräume an der Ecke Bärensteiner Straße/Hepkestraße nur als bloße Fertigungsstätte für die Kamera gedient hätten. Nimmt man diese These wirklich ernst, dann würde auch ein ganz besonderes Licht auf den Umstand fallen, daß die Verlegung des Zeiss-Ikon-Sitzes nach Stuttgart just in derselben Woche erfolgte, in der die Mimosa auf der Frühjahrsmesse in Leipzig zum ersten Male der Öffentlichkeit präsentiert wurde [Vgl. Die Fotografie, Heft 2/1948, S. 48.]. Auch wenn es sich bei dieser Parallelität der Ereignisse sicherlich nur um eine historische Koinzidenz handelt, so ruft sie uns doch ins Bewußtsein, mit was für einer bewegten Zeit wir es hier zu tun haben. Könnte es am Ende gar so gewesen sein, daß man in Dresden für das neue Produkt kurzerhand auf den Namen einer brachliegenden Filmfabrik auswich, in dem Bewußtsein, daß eine baldige Verlegung des Zeiss-Ikon-Gesellschaftssitzes nach Stuttgart drohe? Diese Vermutung über den geschichtlichen Ablauf drängt sich doch heute nur deshalb auf, weil später dann, als die Währungen getrennt, zwei deutsche Staaten formiert und die Märkte bereits weitgehend abgeschottet hatten, die Mimosa II eben doch noch offiziell als Zeiss-Ikon-Kamera geführt werden wird.

Die Kardinalfrage zur Geschichte der Mimosa dreht sich also darum, wie genau diese Kamera zu einem Produkt des VEB Zeiss Ikon geworden ist. Der oben wiedergegebene Messebericht [Fotografie 4/1951, S. 104] wirft nun ein ganz neues Licht auf diese Frage, denn jener Übergang von Mimosa zu Zeiss Ikon muß mindestens ein Jahr später verortet werden, als das bislang angenommen wurde. So muß man verblüfft feststellen, daß die Mimosa II mit Schneckangangeinstellung noch auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1951 (4. bis 11. März) als Produkt des VEB Mimosa vorgestellt wurde. Und zwar eines VEB Mimosa, der in diesem Messebericht explizit unter dem Dach der VVB Fotografie eingeordnet wird, also als Teil der vereinigten Film- und Photopapierhersteller der DDR. Ich hatte bislang immer angenommen, die Umstellung auf den Schneckengang, die ja einen ziemlich tiefen Eingriff in die bisherige Konstruktion der Kamera erforderte, sei als sicheres Anzeichen für eine Konstruktionsübernahme durch den VEB Zeiss Ikon zu deuten. Doch genau dies ist offenbar nicht der Fall. Nach dem was der obige Messebericht suggeriert, muß man im Gegenteil sogar davon ausgehen, daß die Mimosa bis mindestens in das zweite Quartal 1951 hinein eine ganz und gar eigenständige Entwicklung jener Dresdner Emulsionsfabrik gewesen ist.

CIA-RDP83-00415R013200080002-4 Zeiss Ikon Betriebsteile

Dem steht freilich gegenüber, daß der oben wiedergegebenen Quelle zufolge im Jahre 1952 eine Fertigungsstätte "Mimosa" den Betriebsteil Nummer 4 des VEB Zeiss Ikon gebildet hat [CIA-RDP83-00415R013200080002-4. Dieser Geheimdienstbericht gibt ein internes Dokument des VEB Zeiss Ikon wieder. Welches Dokument das war und von wem es stammt, ist allerdings für uns aus Datenschutzgründen geschwärzt.]. Nach diesem Bericht sei dort neben der Mimosa II seinerzeit auch die Ercona und die Tenax von etwa 250 Arbeitskräften montiert worden, was späterhin offenbar völlig in Vergessenheit geraten ist. Aus der Tatsache heraus, daß im VEB Mimosa- natürlich auch weiterhin Photopapier produziert wurde, muß man schlußfolgern, daß in dem großen Fabrikgebäude an der Bärensteiner Straße/Hepkestraße nur einzelne Räumlichkeiten diesen Zeiss Ikon Betriebsteil bildeten.


Wenn man all diese Informationen zusammenfaßt, ergibt sich das Bild, daß unsere Mimosa in den Jahren 1947/48 tatsächlich durch eine weitgehend demontierte Filmfabrik entwickelt und produziert wurde (von welchem Facharbeiterstamm auch immer), daß aber zwischen 1951 und 1952 etwas vorgefallen sein muß, weswegen die eigentlich fachfremde Produktion dieses Werkes plötzlich in die Verantwortung des VEB Zeiss Ikon gerät und trotzdem innerhalb des Mimosa-Werkes fortgeführt wird. Auch hier kann man wieder nur über die Gründe spekulieren. Zum einen hatte der VEB Zeiss Ikon dazumal ein immenses Platzproblem, weil fast das komplette Ica-Gebäude und auch Teile des Ernemannbaus durch fremde Nutzer belegt war. Das würde erklären, weshalb dann 1952 auch die Fabrikation der Taxona und die Ercona hier in der Filmfabrik aufgezogen wird.


Zweitens muß man auch in die Betrachtung einbeziehen, daß die Dresdner Kameraindustrie um 1950 herum mit immensen Qualitätsproblemen zu kämpfen hatte. Namentlich die Zentralverschlüsse waren derart unzureichend, daß Dresdner Sucherkameras nur überhaupt dann exportfähig waren, wenn sie mit Westverschlüssen ausgerüstet wurden. Und neben dem Velax des VEB Mimosa betraf dies nicht zuletzt auch den Spannverschluß Ovus, den das kleine Balda-Werk als Nachbau eines älteren Compurs fabrizierte. Und bezeichnenderweise wird auch diese Verschlußfertigung von Balda um 1951/52 herum kurzerhand in die Verantwortung des VEB Zeiss Ikon übergeben. Es ging wohl offensichtlich darum, mit diesem Schritt endlich ein Minimum an Qualitätssicherung in die Konstruktion und Fertigung hineinzubekommen. Dabei steht freilich auf einem anderen Blatt (und auch in dem obigen CIA-Bericht), daß der VEB Zeiss Ikon im Zusammenhang mit der Spiegelcontax selbst mit massiven Zuverlässigkeitsproblemen zu kämpfen hatte. (Die Contax ist in diesem Geheimdienstbericht deshalb mit K geschrieben, weil es sich offensichtlich um Niederschriften von Funksprüchen handelt.)


Unter der Ägide des VEB Zeiss Ikon wird die Produktion der Mimosa allenfalls nur noch ein paar Monate fortgesetzt. Der Abverkauf mag allerdings noch deutlich länger gedauert haben, weshalb sich viele dieser späten Kameras mit Zeiss-Ikon-Bedienungsanleitungen erhalten haben. Auch übernimmt Zeiss Ikon den Kundendienst für die Mimosa, wie diese Veröffentlichung in der Fotografie im Januarheft 1955 auf Seite 26 beweist.

Mimosa I Compur

Frühe Mimosa I mit der Kameranummer 340 aus dem Jahre 1948 - ausgestattet mit dem damaligen Spitzenverschluß Compur Rapid und einem unvergüteten Trioplan. Bild: Stefan Lange

2. Die Zentralverschlüsse der Mimosa


Wie oben bereits angedeutet, dreht sich einer der Schlüsselaspekte zum Hintergrund der Mimosa um ihre Zentralverschlüsse. Dieser ziemlich ungewöhnliche Selbstspannverschluß mit Räderhemmwerk vom Typ "Velax", mit dem die absolute Mehrzahl dieser Kameras ausgerüstet sind, wurde bei Mimosa selbst entwickelt und gefertigt. Das ist gut belegt aufgrund überlieferter Archivalien, die sich nun ausgerechnet mit den Qualitätsproblemen dieses Verschlusses befassen. So hatte Carl Zeiss Jena sogar den Einsatz des weltberühmten Tessars in diesem Verschluß untersagt, weil die hohe Qualität des Objektives nicht mit den minderwertigen Leistungen des Velax zu vereinbaren wäre [Vgl. Tagung vom 15. 06. 1949; in: Thiele, Hartmut: Die Photoindustrie der SZ und DDR - 1945 bis 1959, 2013, S. 30ff.]. In einem Protokoll vom 29. Dezember 1949 ist auch belegt, daß sich Mitarbeiter von Zeiss sogar gezwungen sahen, sich selbst ein Bild von der Fertigung im Mimosa-Werk zu machen [Vgl. Ebenda, S.36].

Mimosa Velax

Ein Blick in den geöffneten Velax zeigt uns, daß es sich dabei um einen einfachen Automatverschluß mit lediglich zwei Verschlußsektoren handelt. Deutlich aufgewertet wird er allerdings durch das rudimentäre Räderemmwerk, das den Zeitenbereich auf die damals sehr wichtige Verschlußzeit 1/10 Sekunde verlängerte und außerdem die 1/25 Sekunde sicherer machen sollte, als bei anderen zeitgenössischen Fabrikaten von Selbstspannverschlüssen. Nach der Quellenüberlieferung gab es beim Velax trotzdem immer wieder Probleme mit diesen beiden Verschlußzeiten.

Im obigen Messebericht aus dem Jahre 1951 wurde bereits angedeutet, daß im Mimosa-Werk zu jener Zeit auch die Konstruktion eines hochwertigen Spannverschlusses in Angriff genommen wurde [Vgl. dazu auch: Thiele, Photoindustrie, S. 33]. Aus dem Protokoll einer Tagung vom 23. Januar 1950 [Vgl. Ebenda, S.37 ff] geht hervor, dass ein solcher Verschluß der Baugröße 00 voraussichtlich im März 1950 als Null-Serie vorgeführt werden könne und er den Namen Heliax tragen wird. Im Messebericht oben und in einem Prospekt  unten auf der Seite ist wiederum von einem Spannverschluß Corona die Rede. Doch weder jener Heliax, noch der Corona gelangten letztlich bei Mimosa in die Produktion. Unser Leser Stefan Lange verweist aber darauf, wie sehr sich die Daten jener beiden Projekte (u.a. der Verschlußzeitenbereich 1...1/300 Sekunde) mit dem späterem Tempor 00 überschneiden, der ab etwa 1952 in der Taxona eingebaut wurde. Lediglich das Vorlaufwerk ("Selbstauslöser") ist nicht vorhanden und zwar indem der Verschluß offenbar einfach nicht mit den nötigen Bauteilen des Hemmerkes bestückt wurde. Nicht auszuschließen also, daß die Vorarbeiten zu diesen Mimosa-Spannverschlüssen vom VEB Zeiss Ikon genau so übernommen wurden, wie die gesamte Fertigungsstätte.

Mimosa II Prontor II

Als im Januar/März-Heft 1949 der Fachzeitschrift "Die Fotografie" auf Seite 2 die Mimosa wörtlich als Neukonstruktion vorgestellt wurde, war ein Exemplar abgebildet wie das oben gezeigte - also die bereits weiterentwickelte Mimosa II mit einem Prontor II und dem Meritar. In Wirklichkeit war die Kamera bereits im Jahr zuvor gezeigt worden. Bild: Stefan Lange


Unten: Werbung für die Mimosa II in der Bild & Ton vom November 1949.

Mimosa II Werbung 1949

3. Das frühe Aufgeben der Mimosa-Konstruktion


Ein solcher Spannverschluß – gleichgültig ob nun Heliax, Corona oder Tempor genannt – mit seinem größeren Verschlußzeitenbereich und vor allem seinem deutlich besseren Wirkungsgrad ist aber offenbar während der gesamten restlichen Produktionszeit der Mimosa nicht mehr bei ihr zum Einsatz gekommen. Für solche gehobenen Ansprüche mußte daher beispielsweise der Prontor II (bis 1/250 s) oder Prontor S (bis 1/300 s) aus der Bundesrepublik importiert werden. Anhand eines solchen Mimosa-Exemplars mit Prontorverschluß, wie es oben zu sehen ist, kann man aber auch wunderbar aufzeigen, wieso es letztlich gar nicht sinnvoll war, einen hochwertigen Spannverschluß gezielt für die Mimosa zu entwickeln. An und für sich war die Mimosa ja eine recht einfach zu bedienende Kamera. Nach dem Einlegen des Filmes war nur noch abwechselnd der Film zu transportieren und auszulösen. Das lag daran, daß der Velax einer Mimosa genau in dem Augenblick gespannt wurde, wenn man ihren Auslöseknopf niederdrückte. Daher schließlich der Name Selbstspannverschluß. Mit dem Einsatz eines Spannverschlusses kam nun aber stets ein zusätzlicher Bedienungsvorgang hinzu: Nach dem Filmtransport mußte in einem zweiten Bedienschritt der Verschluß gesondert gespannt werden, bevor ausgelöst werden konnte. Das war um 1950 einfach nicht mehr zeitgemäß – vor allem für eine Kleinbildkamera starrer Bauart.


Die konstruktiv ziemlich simpel aufgebaute Mimosa war aber in der Weiterentwicklungsfähigkeit sehr beschränkt. Eine Ertüchtigung hin zur Kupplung von Filmtransport und Verschlußaufzug war auf der bestehenden Kamera-Basis einfach ausgeschlossen. Zwar ist im Besprechungsprotokoll der oben bereits erwähnten Fachausschußtagung vom 29. Dezember 1949 erwähnt, daß bereits an einer Mimosa III mit Schnellaufzug und Entfernungsmesser gearbeitet werde, doch diese Arbeiten wurden bekanntermaßen nicht zuendegeführt. Schließlich wäre es mit dem besagten Schnellaufzug nicht getan gewesen. Um damit auch den Verschlußaufzug zu verknüpfen, hätten aufwendige Koppelgetriebe in der Kamera untergebracht werden müssen. Das ist nur selten bei einer bereits bestehenden Kamera im Nachhinein machbar. So läßt sich an der Altix wunderbar ablesen, wie eine solche nachträgliche Kupplung letztlich auf eine völlige Neukonstruktion der Kamera hinauslaufen mußte.

4. Die ihrer Ära geschuldete Typenvielfalt der Mimosa


Geradezu legendär sind bei dieser Mimosa vor allem in ihrer Anfangszeit die unglaublich vielen Varianten, bedingt durch die Bestückung mit verschiedensten Verschlüssen und Objektivtypen mannigfaltigster Provenienz. Man erkennt an diesem Umstand, in welcher Zeit diese Kamera gefertigt wurde und wie schwer es gewesen sein mag, das notwendige Material zu beschaffen. Kaum eine erhalten gebliebene Kamera gleicht daher heute der anderen. Man darf wohl zudem davon ausgehen, daß damals sowohl neuproduzierte Teile wie auch "aufgetriebene" Lagerware verbaut wurde. Seltsame Blüten trug dieser Umstand nicht selten wie zum Beispiel bei der unten gezeigten Mimosa II, wo die Blendenskala in ihrem linken Teil nach der alten deutschen, ab Blende 8 aber nach der internationalen Blendenreihe skaliert ist. Oder schauen Sie sich bei den wenigen auf dieser Seite gezeigten Kameras die Verknüpfung zwischen Gehäuseauslöser und Verschluß an: Bei fast allen Verschlußtypen mußte eine individuelle Adaption vorgenommen werden.

In den letzten Jahren und speziell unter der Zeiss-Ikon-Ägide hat es dann dahingehend eine gewisse Vereinheitlichung gegeben. Auch steigt meiner Sicht nach die Fertigungsqualität etwas an. Besonders hervorzuheben ist jedoch die Einführung von Modellen mit einer Schneckengang-Scharfstellung. Damit wurde das Problem beseitigt, daß die bisherige Frontlinseneinstellung zwar eine mechanisch sehr simple Lösung darstellte – allerdings leider auch stets ein wenig auf Kosten der Abbildungsqualität. Für die gerade erst mit neuen Glassorten überarbeiteten bzw. neukonstruierten Objektivbestückungen wie das Meritar und vor allem das Trioplan, die zudem jetzt auch durchweg vergütet geliefert wurden, war eine solche Frontlinsenverstellung eine recht zwiespältige Sache, weil mit dem Antasten von Linsenabständen der Zugewinn an Bildleistung bei den neuen Objektiven sogleich wieder infrage gestellt wurde. Es darf freilich nicht verschwiegen werden, daß der Einbau eines Schneckengangs eine deutliche Verkomplizierung und damit auch Verteuerung der Herstellung der Mimosa bedeutete.

Dieses Bild einer Mimosa II hat schon für viele Zuschriften gesorgt. Viele bezweifeln, daß diese Kamera von Anfang an mit dem Tessar ausgestattet gewesen ist, vor allem, weil Zeiss Jena explizit keine Bestückung des Velax mit diesem Objektivtyp wünschte. Auch deutet die Gravur der Blendenzahl 2,9 auf einen nachträglichen Umbau hin. Für solche Umbauten oder Ersatzbestückungen gibt es etliche Beispiele.

Für die unter der Ägide des VEB Zeiss Ikon gefertigten Mimosas ist charakteristisch, daß sie sowohl eine Kamera- wie eine Fabrikationsnummer tragen. In dieser offenbar nur kurz andauernden Phase werden aber noch einmal erstaunlich große Stückzahlen erreicht.

In der obigen Draufsicht auf eine Mimosa erkennt man sofort, woher sich ihr Spitzname "das Brikett" ableitet: Die erhebliche Dicke ihres Kameragehäuses. Abschließend will ich daher noch auf einen weiteren Grund verweisen, wieso die Mimosa nach so kurzer Zeit bereits wieder unmodern geworden war und eine technisch nicht weiterentwicklungsfähige Sackgasse darstellte. Legt man nämlich bei einer Kleinbildkamera eine Brennweite ihres Objektivs von 50 mm zugrunde, dann bedeutet dies im Endeffekt nichts anderes, als daß die Mitte dieses Objektivs in etwa 5 cm von der Bildebene entfernt sein muß. Wenn man die Kamera nun so konzipiert, daß der Zentralverschluß ganz klassisch zwischen den beiden Hälften des Objektives angeordnet sein soll, dann rückt dieser Verschluß weit von der Bildebene weg und sorgt für eine insgesamt recht ausladende Bauart.


Diese unangenehme Verdickung der Kamera hatte man bis dahin oft dadurch zu vermeiden versucht, indem man sie als Springkamera auslegte, die sich auf Knopfdruck öffnete und quasi entfaltete. Diese Art der Photogeräte mit ihren wackeligen Objektivstandarten und dem anfälligen Lederbalg waren aber für das hohe Präzision verlangende Kleinbild eine ziemlich ungünstige Lösung. Deshalb war ja die starre und vollständig aus Metall bestehende Mimosa zunächst ein sehr großer Fortschritt. Doch bereits in der Zwischenkriegszeit hatte man mit Kameras wie der Tenax eine Bauart entwickelt, bei der der Verschluß nicht inmitten des Objektivs saß, sondern zwischen ihm und dem Kameragehäuse. Ursprünglich als Lösung dafür gedacht, auch bei Zentralverschlußkameras Wechselobjektive möglich zu machen, wurde diese Bauart des Hinterlinsenverschlusses nach dem Zweiten Weltkrieg auch gern bei Sucherkameras mit fest eingebautem Objektiv angewendet, weil dadurch der eigentliche Kamerakörper so schlank gehalten werden konnte, wie bei den Springkameras. Der "tote Raum" zwischen Objektiv und Gehäuse wurde bei diesen Typen nämlich sinnvoll durch den Zentralverschluß ausgefüllt. Nur Objektiv und Verschluß ragten als Tubus aus dem schlanken Kameragehäuse hervor.


Die bekanntesten Kameras aus der DDR, die dieser Konstruktionsidee folgten, waren die Werra des VEB Carl Zeiss Jena und die Altix der Altissa-Werke. Auch bei mannigfaltigen Herstellern der Bundesrepublik war diese Bauweise in den 50er Jahren sehr beliebt. Vor diesem Hintergrund erklärt sich, weshalb die brikettartige Mimosa offenbar schon zu ihrer Zeit als eine Kuriosität des Kameramarktes angesehen wurde und ihre Formgebung daher kaum Nachahmer fand.


Hervorzuheben ist aber noch, daß die Mimosa trotz ihres eher schlichten Aufbaus eine konsequente Doppel- und Leerschaltsperre zu bieten hatte. Es war also weder möglich, den Verschluß auszulösen, bevor nicht ein unbelichtetes Stück Film im Bildfenster lag, noch konnte zum nächsten Bild transportiert werden, bevor nicht ausgelöst worden war. Diese wichtige Eigenschaft war damals bei einfachen Amateurkameras längst noch nicht Standard. Vor allen bei den Mimosa-Modellen mit dem automatischen Velax hatte sich dadurch die Bedienung der Kamera sehr vereinfacht. Konnte die Kamera nicht ausgelöst werden, mußte erst der Film transportiert werden. Konnte hingegen der Film nicht transportiert werden, so war die Aufnahme eben noch nicht belichtet worden.


Bei den nach dem Krieg bereits "modernisierten" Kleinbildkameras wie der Beltica oder der Welti I wurde zwar nun der Bildtransport automatisch nach einer Bildlänge gestoppt, aber für die Freigabe zur nächsten Aufnahme war zusätzlich zum Auslöser noch eine separate Freigabetaste zu drücken. Bei der Beltica konnte man obendrein noch unabhängig vom Filmtransport mehrfach auslösen oder eben auch gar nicht. In dieser Hinsicht war die Mimosa trotz ihrer Einfachheit von Anfang an gut durchkonstruiert und muß daher als vorbildlich für ihre Klasse der einfachen Amateurkameras angesehen werden.

Nach Einschätzung von Stefan Lange dürften von der Mimosa in den maximal vier Jahren Produktionszeit alles in allem nur knapp über 20.000 Stück hergestellt worden sein. Davon wiederum zwischen zweieinhalb- und dreitausend Stück der Mimosa I. Auch die Frage, wie lang die Produktion andauerte, ist nicht völlig geklärt. Sie könnte bereits spät im Jahr 1951 geendet haben; wahrscheinlicher ist aber eine Montage bis 1952. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß die Mimosa Platz machen mußte zugunsten der kleinen zierlichen Taxona, die im gleichen Werk gefertigt wurde und deren Stückzahlen ab 1952 stark gesteigert wurden (was sich aus einem hohen Ausstoß des Tessars 3,5/37,5 mm bei Zeiss Jena ab Sommer 1952 schließen läßt).

Oben ist eine Bedienungsanleitung der frühen Mimosa II zu sehen, die im Februar 1949 gedruckt wurde. Bemerkenswert ist die Dominanz des Prontor II Zentralverschlusses in dieser Anleitung, was sich mit der Beobachtung Stefan Langes deckt, daß frühe Mimosa II sehr oft mit genau diesem Verschluß ausgestattet sind. Nachdem offenbar ein Kontingent dieses westdeutschen Verschlusses aufgebraucht war, wird aber in der Folgezeit fast ausschließlich der Velax verwendet und Mimosas mit Spannverschlüssen geraten zur Ausnahme.


Unten die wohl letzte Bedienungsanleitung zur Mimosa, gedruckt im Februar 1952 in einer Auflage von 5000 Stück. Es mag wohl sein, daß unsere Mimosa zu jener Zeit schon nicht mehr gefertigt wurde, aber wir können sicher sein, daß noch Kameras auf Lager lagen, die für den Verkauf mit einer Anleitung komplettiert werden mußten. Die Herstellerangabe lautet jetzt VEB Zeiss Ikon und die Möglichkeit, daß die Kamera einen anderen Verschluß als den Velax haben könnte, ist nicht einmal mehr erwähnt.

Zu schlechter letzt:


Aus der Literatur wird ersichtlich, daß der VEB Mimosa Dresden in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre genau so von Auseinandersetzungen mit bundesrepublikanischen Firmen um die Warenzeichenrechte betroffen war, wie der VEB Zeiss Ikon. Nicht nur, daß der Betrieb zum 1. Januar 1959 auf den Markenname "Mimosa" vollständig verzichten mußte [Vgl. Fotofalter, 3/1959, S. 79.], sondern drei Jahre später sah er sich sogar gezwungen, überstürzt das Vephota-Warenzeichen aufzugeben, weil es offenbar zu sehr an dasjenige von Mimosa angelehnt war [Vgl Fotofalter, 4/1962, S. 98]. Wir Deutschen werden mit unserer Geschichte konfrontiert, wo auch immer wir genauer hinschauen...

Vephota
Fotofalter 3/1959
Fotofalter 4/1962

Marco Kröger


letzte Änderung: 5. Oktober 2021