Mimosa

Die Mimosa

1. Die Herkunft der Mimosa


Sie zählt zweifellos zu den rätselhaftesten und geheimnisvollsten Kameras, die uns heute die Hersteller zwischen Werra, Elbe und Neiße als Relikt hinterlassen haben. Das liegt daran, daß die "Mimosa" bereits im Jahre 1948 herausgebracht wurde, zu einer Zeit also, da noch keiner der namhaften gesamtdeutschen Photobetriebe mit irgendeiner Neukonstruktion am Markt erschienen war. Drei Jahre nach dem Kriegsende waren viele der Hersteller eher noch mit dem Wiederaufbau ihrer Gebäude- und Maschineninfrastrukur beschäftigt. Bis zur Jahresmitte wurde dafür noch mit der wertlos gewordenen Reichsmark bezahlt. Deshalb dominierte der Ausstausch mit Naturalien und die berüchtigten Schmuggelgeschäfte diese Ära. Und offenbar genau zu jener Zeit wurde in Dresden eine komplett neue Kamera entwickelt – also keine mehr oder weniger modernisierte Variation eines bereits aus der Zwischenkriegszeit bekannten Produkts, sondern etwas völlig Eigenständiges. Noch verwunderlicher ist dabei, daß sie unter dem Markenzeichen eines Herstellers für photographische Platten, Filme und Photopapiere erschien, der sich bislang in keiner Beziehung als Kamerahersteller hervorgetan hatte. 

Mimosa I Stelo

Sehr frühe Mimosa I mit der Kameranummer 124 aus dem Jahre 1948 - ausgestattet mit dem einfachen Automatverschluß "Stelo"  der Gebrüder Werner aus Tharandt. Bild: Stefan Lange

Schon auf dieser Seite habe ich daher in Zweifel gezogen, daß eine solch ausgereifte Kamera und vor allem ihr Zentralverschluß "mal eben" von Mitarbeitern eines Photopapierwerkes entwickelt worden sein konnten. Zwar wird in der Literatur der Name Robert Graichen genannt, aber weitere Angaben fehlen. Auch Schutzschriften sind keine auffindbar. Meine These, daß es sich bei den Entwicklern und Monteuren dieser Kleinbildkamera um versprengte Zeiss-Ikon-Leute gehandelt haben könnte und die Mimosa-Werke nur als Dach für die Produktion fungierten, kann ich freilich auch nicht belegen. Ich habe aber bislang auch noch nichts Schlüssigeres gelesen.


Immerhin müssen wir uns vor Augen führen, daß es ein eigenständiges Dresdner Werk "Zeiss Ikon" um 1947/48 formell gar nicht gegeben hat. Vielmehr existerte immer noch eine Zeiss Ikon AG mit ihren Haupt-Produktionsstandorten in Stuttgart, Berlin und Dresden. Die Fragen um den Sitz der Aktiengesellschaft, die Verfügungsgewalt über das Vermögen und Immobilien sowie die Namensrechte waren quasi völlig ungeklärt und nur ein Spielball der jeweiligen Interpretation beider Seiten [Vgl. dazu auch Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 200, S. 108 bis 124]. In der DDR bzw. in den heutigen östlichen Bundesländern Deutschlands hat man auf diese Lage oftmals einen etwas verstellten Blick, weil man es als unerschütterliche Tatsache hinnimmt, daß die alte Zeiss Ikon AG nun einmal von den hiesigen Behörden enteignet und und zu einem VEB gemacht worden sei. Wir müssen aber heute verstehen, daß es sich dabei letztlich nur einsitige Schritte der Sowjetzone bzw. der DDR gehandelt hat, die – wie sich später zeigen sollte – oftmals so gut wie keine rechtliche Bindungskraft aufwiesen. Dies läßt sich auch schlichtweg daran ablesen, daß die DDR-Seite um 1957/58 in der Zeiss-Ikon-Frage letztlich vor Stuttgart bzw. Heidenheim kapitulieren mußte.


Vor diesem Hintergrund sollte uns also nicht verwundern, daß 1947/48 eine Kameraneuerscheinung der gerade erst enteigneten Dresdner Photoindustrie gar nicht unter dem unsicheren Zeiss-Ikon-Label herausgebracht werden konnte, sondern sicherheitshalber erstmal unter dem sicheren Dach einer im Kamerabau bislang nicht in Erscheinung getretenenen Filmfabrik. Später dann, als mit der Trennung der Wirtschaft durch die Währungsreform vom Sommer 1948 und mit der Gründung zweier deutscher Staaten eine gewisse Faktizität im deutsch-deutschen Gefüge erreicht war, konnte die Mimosa II dann auch offiziell als Zeiss-Ikon-Kamera geführt werden. So jedenfalls interpretiere ich den Hintergrund dieser ziemlich merkwürdigen Mimosa.

Mimosa I Compur

Frühe Mimosa I mit der Kameranummer 340 aus dem Jahre 1948 - ausgestattet mit dem damaligen Spitzenverschluß Compur Rapid und einem unvergüteten Trioplan. Bild: Stefan Lange

2. Die Zentralverschlüsse der Mimosa


Der zweite interessante Aspekt zum Hintergrund der Mimosa ist wie oben bereits angesprochen ihr Zentralverschluß. Dieser ziemlich ungewöhnliche Selbstspannverschluß mit Räderhemmwerk vom Typ "Velax" wurde bei Mimosa selbst gefertigt. Das ist gut belegt aufgrund überlieferter Archivalien, die sich nun gerade mit den Qualitätsproblemen dieses Verschlusses befassen. So hatte beispielsweise Carl Zeiss Jena den Einsatz des weltberühmten Tessars in diesem Verschluß untersagt, weil die Qualität des Objektives nicht mit den minderwertigen Leistungen des Velax in Einklang standen [Vgl. Tagung vom 15. 06. 1949; in: Thiele, Hartmut: Die Photoindustrie der SZ und DDR - 1945 bis 1959, 2013, S. 30ff.]. In einem Protokoll vom 29. Dezember 1949 ist auch belegt, daß sich Mitarbeiter von Zeiss selbst ein Bild von der Fertigung im Mimosa-Werk gemacht hatten [Vgl. Ebenda, S.36].

Mimosa Velax

Ein Blick in den geöffneten Velax zeigt uns, daß es sich dabei um einen einfachen Automatverschluß mit lediglich zwei Verschlußsektoren handelt. Etwas aufgewertet wird er durch das rudimentäre Räderemmwerk, das den Zeitenbereich auf die damals sehr wichtige Verschlußzeit 1/10 Sekunde verlängerte und außerdem die 1/25 Sekunde sicherer machen sollte, als bei anderen zeitgenössischen Fabrikaten von Selbstspannverschlüssen. Nach der Quellenüberlieferung gab es beim Velax trotzdem immer wieder Probleme mit diesen beiden Verschlußzeiten.

Diese als "Mimosa-Werk" bezeichneten Fabrikräume an der Ecke Bärensteiner Straße/Hepkestraße waren Anfang der 50er Jahre offiziell Betriebsteil Nummer 4 des VEB Zeiss Ikon (neben dem Ica-Werk, dem Ernemannbau und dem Fabrikteil Reick mit seiner Optikfertigung) [Vgl. dazu CIA-RDP83-00415R013200080002-4 vom November 1952.]. Nach diesem CIA-Bericht sei dort neben der Mimosa II seinerzeit auch die Ercona und die Tenax von etwa 250 Arbeitskräften montiert worden.


Es gibt auch Anzeichen dafür, daß in diesem Mimosa-Betriebsteil zu jener Zeit auch die Konstruktion eines Spannverschlusses in Angriff genommen wurde [Vgl.Thiele, Photoindustrie, S. 33]. Aus dem Protokoll einer Tagung vom 23. Januar 1950 [Vgl. Ebenda, S.37 ff] geht hervor, dass ein solcher Verschluß der Baugröße 00 voraussichtlich im März [1950] als Null-Serie vorgeführt werden könne und er den Namen Heliax tragen wird. Im Prospekt unten auf der Seite ist wiederum von einem Spannverschluß Corona die Rede. Auch wenn weder jener Heliax noch der Corona produziert wurden, so ist doch nach Auffassung unseres Lesers Stefan Lange sehr auffällig, wie sich die Daten jener beiden Projekte (u.a. der Verschlußzeitenbereich 1...1/300 Sekunde) mit dem späterem Tempor 00 überschneiden, wie er in die Taxona eingebaut wurde. Lediglich das Vorlaufwerk ("Selbstauslöser") ist nicht vorhanden und zwar indem es offenbar einfach nicht mit den nötigen Bauteilen für das Hemmerkes bestückt wurde. Nicht auszuschließen also, daß die Vorarbeiten zu diesen Mimosa-Spannverschlüssen später im Tempor 00 von Zeiss Ikon mündeten.

Mimosa II mit Prontor

3. Das frühe Aufgeben der Mimosa-Konstruktion


Dieser Spannverschluß aus eigenem Hause – gleichgültig ob nun Heliax oder Corona genannt – mit seinem größeren Verschlußzeitenbereich und vor allem seinem deutlich besseren Wirkungsgrad ist aber offenbar während der Produktionszeit der Mimosa (also bis 1951) nicht mehr fertig geworden. Für solche gehobenen Ansprüche mußte also beispielsweise der Prontor S aus der Bundesrepublik importiert werden. Anhand eines solchen Mimosa-Exemplars, wie es oben zu sehen ist, kann man aber auch wunderbar aufzeigen, wieso es letztlich gar nicht sinnvoll war, einen hochwertigen Spannverschluß gezielt für die Mimosa zu entwickeln. An und für sich war die Mimosa eine recht einfach zu bedienende Kamera. Nach dem Einlegen des Filmes war nur noch abwechselnd der Film zu transportieren und auszulösen. Das lag daran, daß der Velax einer Mimosa genau in dem Augenblick gespannt wurde, wenn ihr Auslöser niedergedrückt wurde. Daher schließlich der Name Selbstspannverschluß. Mit dem Einsatz eines Spannverschlusses kam nun aber plötzlich ein zusätzlicher Bedienungsvorgang hinzu: Nach dem Filmtransport mußte in einem zweiten Bedienschritt stets der Verschluß gespannt werden, bevor ausgelöst werden konnte. Das war um 1950 einfach nicht mehr zeitgemäß – vor allem für eine Kleinbildkamera starrer Bauart.


Die konstruktiv ziemlich simpel aufgebaute Mimosa war aber in der Weiterentwicklungsfähigkeit sehr beschränkt. Eine Ertüchtigung hin zur Kupplung von Filmtransport und Verschlußaufzug war auf der bestehenden Kamera-Basis einfach ausgeschlossen. Zwar ist im Besprechungsprotokoll der oben bereits erwähnten Fachausschußtagung vom 29. Dezember 1949 erwähnt, daß bereits an einer Mimosa III mit Schnellaufzug und Entfernungsmesser gearbeitet werde, doch diese Arbeiten wurden bekanntermaßen nicht zuendegeführt. Schließlich wäre es mit dem besagten Schnellaufzug nicht getan gewesen. Um damit auch den Verschlußaufzug zu verknüpfen, hätten aufwendige Koppelgetriebe in der Kamera untergebracht werden müssen. Das ist nur selten bei einer bereits bestehenden Kamera im Nachhinein machbar. So läßt sich an der Altix wunderbar ablesen, wie eine solche nachträgliche Kupplung letztlich auf eine völlige Neukonstruktion der Kamera hinauslaufen mußte.





4. Die ihrer Ära geschuldete Typenvielfalt der Mimosa

Mimosa II Ovus
Mimosa II Prontor II
Mimosa II Compur Rapid

Oben drei Exemplare der Mimosa II, die stellvertretend stehen sollen für den geradezu unüberschaubaren Variantenreichtum dieser Kamera: Ganz oben mit dem Ovus der Balda-Werke in Dresden (später Belca), in der Mitte mit dem Prontor II aus dem württembergischen Calmbach und unten mit dem Spitzenverschluß Compur-Rapid aus München. Alle drei sind Spannverschlüsse, die daher einen zusätzlichen Bedienhandgriff erfordern. Dafür bieten sie einen sehr viel besseren Wirkungsgrad als die Automatverschlüsse und kürzere effektive Verschlußzeiten. Bilder: Stefan Lange

Geradezu legendär sind bei dieser Mimosa die unglaublich vielen Varianten, die vor allen Dingen in verschiedenen Verschlüssen und Objektivbestückungen zum Ausdruck kommen. Man erkennt an diesem Umstand, in welcher Zeit diese Kamera gefertigt wurde und wie schwer es gewesen sein mag, das notwendige Material zu beschaffen. Kaum eine Kamera gleicht daher der anderen. Man darf wohl zudem davon ausgehen, daß sowohl neuproduzierte Teile wie auch "aufgetriebene" Lagerware verbaut wurde. Seltsame Blüten trug dieser Umstand nichtselten wie zum Beispiel bei der unten gezeigten Mimosa II, wo die Blendenskala in ihrem linken Teil nach der alten deutschen, ab Blende 8 aber nach der internationalen Blendenreihe skaliert ist.

Unter der Zeiss-Ikon-Ägide hat es dann dahingehend eine gewisse Vereinheitlichung gegeben. Auch steigt meiner Sicht nach die Fertigungsqualität etwas an. Besonders hervorzuheben ist jedoch die Einführung von Modellen mit einer Schneckengang-Scharfstellung. Damit wurde das Problem beseitigt, daß die bisherige Frontlinseneinstellung zwar eine mechanisch sehr simple Lösung darstellte – allerdings leider auch stets ein wenig auf Kosten der Abbildungsqualität. Für die mit neuen Glassorten überarbeiteten bzw. neukonstruierten Objektivestückungen wie das Meritar und vor allem das Trioplan, die zudem jetzt auch durchweg vergütet geliefert wurden, war eine solche Frontlinsenverstellung eine recht zwiespältige Sache, weil mit dem Antasten von Linsenabständen der Zugewinn an Bildleistung bei den neuen Objektiven sogleich wieder infrage gestellt wurde. Es darf freilich nicht verschwiegen werden, daß der Einbau eines Schneckengangs eine deutliche Verkomplizierung und damit auch Verteuerung der Herstellung der Mimosa bedeutete.

Dieses Bild einer Mimosa II hat schon für viele Zuschriften gesorgt. Viele bezweifeln, daß diese Kamera von Anfang an mit dem Tessar ausgestattet gewesen ist, vor allem, weil Zeiss Jena explizit keine Bestückung des Velax mit diese Objektivtyp wünschte. Auch deutet die Gravur der Blendenzahl 2,9 auf einen nachträglichen Umbau hin. Für solche Umbauten oder Ersatzbestückungen gibt es etliche Beispiele.

Ab Anfang der 50er Jahre findet die Produktion der Mimosa unter der Ägide des VEB Zeiss Ikon statt, unter der nun auch deutlich größere Stückzahlen erreicht werden. Diese Kameras erkennt man daran, daß sie – zeiss-ikon-typisch – zugleich eine Kamera- und eine Fabrikationsnummer tragen.

In der obigen Draufsicht auf eine Mimosa erkennt man sofort, woher sich ihr Spitzname "das Brikett" ableitet: Die erhebliche Dicke ihres Kameragehäuses. Abschließend will ich daher noch auf einen weiteren Grund verweisen, wieso die Mimosa nach so kurzer Zeit bereits wieder unmodern geworden war und eine technisch nicht weiterentwicklungsfähige Sackgasse darstellte. Legt man nämlich bei einer Kleinbildkamera eine Brennweite ihres Objektivs von 50 mm zugrunde, dann bedeutet dies im Endeffekt nichts anderes, als daß die Mitte dieses Objektivs in etwa 5 cm von der Bildebene entfernt sein muß. Wenn man die Kamera nun so konzipiert, daß der Zentralverschluß ganz klassisch zwischen den beiden Hälften des Objektives angeordnet sein soll, dann rückt dieser Verschluß weit von der Bildebene weg und sorgt für eine insgesamt recht ausladende Bauart.


Diese unangenehme Verdickung der Kamera hatte man bis dahin oft dadurch zu vermeiden versucht, indem man sie als Springkamera auslegte, die sich auf Knopfdruck öffnete und quasi entfaltete. Diese Art der Photogeräte mit ihren wackeligen Objektivstandarten und dem anfälligen Lederbalg waren aber für das hohe Präzision verlangende Kleinbild eine ziemlich ungünstige Lösung. Deshalb war ja die starre und vollständig aus Metall bestehende Mimosa zunächst ein sehr großer Fortschritt. Doch bereits in der Zwischenkriegszeit hatte man mit Kameras wie der Tenax eine Bauart entwickelt, bei der der Verschluß nicht inmitten des Objektivs saß, sondern zwischen ihm und dem Kameragehäuse. Ursprünglich als Lösung dafür gedacht, auch bei Zentralverschlußkameras Wechselobjektive möglich zu machen, wurde diese Bauart des Hinterlinsenverschlusses nach dem Zweiten Weltkrieg auch gern bei Sucherkameras mit fest eingebautem Verschluß angewendet, weil dadurch der eigentliche Kamerakörper so schlank gehalten werden konnte, wie bei den Springkameras. Der "tote Raum" zwischen Objektiv und Gehäuse wurde bei diesen Typen sinnvoll durch den Zentralverschluß ausgefüllt. Nur Objektiv und Verschluß ragten nun als Tubus aus dem schlanken Kameragehäuse hervor. Die bekanntesten Kameras aus der DDR, die dieser Konstruktionsidee folgten, waren die Werra des VEB Carl Zeiss Jena und die Altix der Altissa-Werke. Auch bei mannigfaltigen Herstellern der Bundesrepublik war diese Bauweise in den 50er Jahren sehr beliebt. Vor diesem Hintergrund erklärt sich, weshalb die brikettartige Mimosa offenbar schon von den Zeitgenossen als eine Kuriosität des Kameramarktes angesehen wurde und kaum Nachahmer fand.

Marco Kröger


letzte Änderung: 28. Juli 2021