Certo Six

Certo Six

Die letzte Spitzen-Kamera dieses kleinen Photogerätewerks

Mit der Marke "Certo" verbinden sicherlich Viele die "Plastik-Phantastik"-Kameras des SL-Systems aus den 70er und 80er Jahren, mit denen sie vielleicht ihre ersten photographischen Gehversuche gemacht haben. Es gab aber einen Zeitabschnitt in der Geschichte des Certo-Kamerawerkes Fritz von der Gönna & Söhne, da hatte dieser Betrieb ausschließlich zwei ambitionierte Faltkameras im Sortiment. Die eine war die Super Dollina II für Kleinbildaufnahmen, die andere die Certo Six für den Rollfilm 6x6. Erstere ging auf eine Vorgängerin aus der Zwischenkriegszeit zurück, die Certo Six war hingegen eine völlige Neuentwicklung. Für den damals noch rein privat geführten Betrieb, der mit seinen etwa 75 Arbeitskräften [im Jahre 1954, nach CIA-RDP79-01093A001000080001-9] im Vergleich zu den anderen Dresdner Kameraherstellern geradezu winzig war, ist das eine große Leistung gewesen. Bevor wir uns aber diesen beiden Kameras zuwenden, erscheint es mir notwendig, einmal die Entwicklung dieser Firma näher zu beleuchten, denn ihre Firmengeschichte wurde bislang völlig verfälscht wiedergegeben. Als Ursprung dieser falschen Darstellung ist wieder einmal Richard Hummel auszumachen.

Ein Blick in die Geschichte des Certo-Kamerawerks

Es ist schon interessant, daß man über die Geschichte des Certo-Werkes noch so viel Neues herausfinden kann, wenn man sich wirklich einmal mit den Quellen befaßt. Überall war bisher zu lesen, die Firma sei 1902 gegründet worden, nur weil Richard Hummel dies in seinem Buch "Spiegelreflexkameras aus Dresden" so angibt. Es mag ja sein, daß das spätere Certo-Werk aus einer schon bestehenden kleinen Werkstatt für Photogeräte heraus entstanden ist. Was sich aber wirklich als verläßliches Gründungsdatum angeben läßt, das ist der 10. Februar 1904. An diesem Tage lassen sich nämlich ein Herr Peppel und ein Herr Lippert in Dresden ihre Handelsgesellschaft Peppel & Lippert behördlich eintragen [Vgl. Reichsanzeiger v. 12. 2. 1904, S. 27.].

Certo Peppel & Lippert 194

Der interessantere Mann von beiden ist eigentlich zunächst Peppel. Er hieß aber nicht Karl, wie es Hummel angibt, sondern Otto Hermann Ferdinand, genannt Otto. Dieser 1853 in Danzig geborene Otto Peppel war einige Zeit Inhaber der Zigarettenfabrik "Basma" in Dresden erst zusammen mit einem Moritz Wisotzky, ab August 1891 dann aber allein [Vgl. Reichsanzeiger v. 2. 9. 1891, S. 10.]. Im Dezember 1899 zog er sich aber aus dieser Zigarettenfabrik ins Privatleben zurück. Peppel starb am 1. Oktober 1911 mit 59 Jahren an einem Herzschlag.

Certo Lippert 1904

Möglicherweise sah Otto Peppel damals im aufstrebenden Kamerabau einen derart lukrativen Wachstumsmarkt, daß ihn dies zur erneuten unternehmerischen Aktivität reizte. In der neuen Firma fiel ihm nicht nur der kaufmännische Part zu, als wohlhabender Mann brachte er sicherlich auch das nötige Startkapital ein. Doch bereits zum 7. Mai 1904, also nach weniger als drei Monaten, schied er wieder aus dem Unternehmen aus [Vgl. Reichsanzeiger v. 10. 5. 1904, S. 35.]. Interessant ist, daß der am 5. März 1904 angemeldete Firmenname Peppel & Lippert erst zum 26. September im Warenzeichen-Register aufgenommen wurde, nachdem er zu diesem Zeitpunkt also schon gar nicht mehr aktuell war [Vgl. Reichsanzeiger v. 21. 10. 1904, S. 22.].

Certo 1904

Auszug aus den Schutzrechtsanmeldungen der Firma in der Ära Lippert:


223.710 - Lichtschutzkappe für photographische Kameras mit doppeltem, aufklappbarem und eine Belichtungstabelle einschließendem Oberteil vom 7. 04. 04.

154.382 - Einstellvorrichtung für photographische Kameras vom 10. 02. 04.

241.204 - Objektiv-Verschluß für photographische  Apparate,mit durch Uhrwerk betätigter Verschlußscheibe vom 16. 12. 04.

244.701 - Sucher für photographische Apparate, mit von einem Pendel beeinflußten Zeiger zum Anzeigen von Abweichungen der Kamera aus der vertikalen Ebene vom 25. 01. 05.

242.867 - Visierscheibe für photographische Kameras, bestehend in einem rouleauartig auf- und abrollbaren, die Mattscheibe ersetzenden Blatt aus durchscheinendem Material vom 24. 03. 04.

245.522 - Mit Anschlag und einer Federung versehene, zweiteilige Spreize für photographische Kameras vom 15. 02. 05.

250.573 - Photographische Klappkamera mit am Gehäuse gelenkig befestigtem, unter Federwirkung stehendem und in das Gehäuse einschlagbarem Sucher vom 08. 04. 05.

Certo Warenzeichen 1904

Denn Alfred Lippert machte nun alleine weiter. Das Warenzeichen "Certo" ließ er sich noch zum Ende des Jahres der Firmengründung schützen [Vgl. Reichsanzeiger v. 28. 03. 1905, S. 38.]. Das lateinische Adverb bedeutet so viel wie sicher, sicherlich oder gewiß. So sehr diese Attribute auch auf seine Kameraschöpfungen zugetroffen haben mögen, so unsicher gestalteten sich hingegen offenbar seine wirtschaftlichen Verhältnisse. Zum 10. April 1905 verlegt Alfred Lippert die Firma nach Großzschachwitz bei Dresden. Die Eintragung in das nun zuständige Handelsregister von Pirna erfolgt zum 5. Mai 1905 [Vgl. Reichsanzeiger v. 09. 05. 1905, S. 28.].

Certo Großzschachwitz 1905

Dieses Pirnaische Handelsregister läßt uns nun wissen, daß Herr Lippert bereits im November 1905 Konkurs anmelden mußte [Vgl. Reichsanzeiger v. 21. 10. 1905, S. 21.]. Zum 22. März 1906 ist dann die Gesellschaft erloschen [Vgl. Reichsanzeiger v. 26. 03. 1906, S. 40.]. Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Das haben wir bisher noch in keinem Buch über Dresdner Kameras so gelesen.

Certo Lippert Konkurs
Certo Lippert erloschen 1906

Vielmehr ist die Geschichte der Firma Certo ganz anders verlaufen als das in den bisherigen Geschichtsdarstellungen zum Dresdner Photogerätebau angegeben wurde. Und zu dieser Wahrheit gehört, daß der Firmengründer Alfred Lippert das Werk letztlich nur kurze Zeit besessen hat. Er verschwindet nach dem Konkurs 1906 regelrecht aus allen Quellen. Ob er derjenige Ingenieur Alfred Lippert ist, der 1910 der Firma Adam in Berlin Geld schuldete, ist leider nicht mehr genau feststellbar.

Alfred Lippert 1910 in Berlin?

Um nachvollziehen zu können, was mit dem Certo-Kamerwerk passiert ist, nachdem es Lippert aus den Händen geglitten war, müssen wir noch einmal in die Zeit vor dem Konkurs zurück. Ich kann Ihnen, lieber Leser, genau sagen wie es damals war: Der Ingenieur Alfred Lippert war garantiert ein Mann mit gutem technischen Sachverstand, aber zugleich wenig Ahnung davon, wie man ein Unternehmen leitet. Diesen Part sollte ja wie gesagt eigentlich Herr Peppel übernehmen. Doch der hatte sich frühzeitig zurückgezogen und so holte sich Lippert im Sommer 1905 einen Kaufmann namens Wilhelm Siedel in die Firma [Vgl. Reichsanzeiger v. 30. 06. 1905, S. 29.].

Certo Wilhelm Siedel

Offensichtlich ist es nun dieser Wilhelm Siedel, der nach der Pleite Lipperts die Konkursmasse der Firma übernimmt und so zum Geschäftsführer der neu gegründeten Certo GmbH wird, wie die Eintragung im Handelsregister vom 14. Februar 1906 bezeugt [Vgl. Reichsanzeiger v. 19. 02. 1906, S. 38.]. Er ist also derjenige, der das bisher nur für die Produkte vorgesehene Warenzeichen zum Bestandteil des Firmennamens macht. Gesellschafter sind ein Gustav Fischer und ein Reinhold Boer, die das nötige Stammkapital einbringen. Damit beginnt der zweite Abschnitt in der Geschichte dieses Kamerawerkes.

Certo GmbH Gründung 1906

Auszug aus den Schutzrechtsanmeldungen der Firma in der Ära Siedel:


288.512 - Einstellvorrichtung für photographische Kameras, mit einem sie feststellenden, an einem Knebel drehbar befestigten federnden Bügel mit in der Handgriffstellung in den Knebelsteg einspringenden Aussparungen vom 5. 9. 06.

288.513 - Schutzblech für die zur seitlichen Verschiebung des Objektivträgers dienende Schraubenspindel vom 5. 9. 06

288.514 - Sperrfeder für den sich selbsttätig vorschiebenden Objektivteil vom 5. 9. 06.

293.791 - Einer Damentasche gleichende, zum Einschieben eines photographischen Apparats dienende Umhüllung vom 2. 11. 06

309.671 - Vorrichtung zum Festlegen der Einstellschraube an photographischen Apparaten, bestehend aus einem über eine Schneide zu schiebenden, mit der Schraubenachse verbundenen Zahnrädchen vom 26. 4. 07

Certo Max Baumgürtel

Es sollten aber wiederum nur wenige Monate vergehen, bis es zu einem erneuten Wechsel in der Leitung der Firma kommt und diese von Wilhelm Siedel auf Max Baumgürtel übergeht [Vgl. Reichsanzeiger v. 22. 06. 1907, S. 22.]. Es ist dieser Max Baumgürtel, der das Certo-Kamerawerk fast ein Jahrzehnt lang führen wird, bevor er es im Januar 1917 an Emil Zimmermann abgeben wird [Vgl. Reichsanzeiger v. 20. 01. 1917, S. 18.]. Er wird zwar hier als Kaufmann genannt, scheint aber auch technisches Verständnis gehabt zu haben. Aus seiner Zeit sind etliche Schutzrechte auf den Namen der Firma sowie auf seinem eigenen Namen überliefert. Doch man sieht auch, wie die Kamerafabrikation nach Ausbruch des Weltkrieges umgehend ihre Einträglichkeit verliert. Schon im Juni 1916 hatte Baumgürtel in Gommern eine eigene Maschinenfabrik und Dreherei gegründet [Vgl. Reichsanzeiger v. 20. 06. 1916, S. 18.]. Der Zweck: Baumgürtel setzt auf die lukrativere Rüstungsfertigung. Daher wohl auch der Verkauf der Kamerafabrik mitten im Kriege. Statt Kameras, die sich aufgrund der Blockaden nicht mehr ins Ausland absetzen lassen, sind jetzt Granatenhülsen gefragt. Laut einer Annonce vom Mai 1917 schafft er 300 bis 350 Stück pro Tag je nach Geschoßart. Zugleich sucht er in den Inseraten nach "dauernd laufender Friedensarbeit", weil das Geschäft mit dem Kriege offenbar sehr sprunghaft und unzuverlässig läuft. Wie all diese Rüstungsfirmen wird Max Baumgürtel 1918 schwer von der Umstellung auf Friedenswirtschaft getroffen. Er repariert nun Elektromotoren, bis seine Firma 1930 erlischt [Vgl. Reichsanzeiger v. 07. 10. 1930, S. 10.].

Max Baumgürtel Certo 1917

Auszug aus den Schutzrechtsanmeldungen der Firma in der Ära Baumgürtel:


318.117 - Seitwärtsführung der Standarte photographischer Apparate mit zwei aus dem Fleisch der Führung geformten Haltefedern vom 24.8.07.

318.118 - Vorrichtung zum Vorziehen der Balgenfalten an photographischen Apparaten durch schwingend aufgehängte, von den Apparatspreizen beeinflußte Hebel vom 24. 8. 07

318.119 - Spreize für photographische Klappkameras, mit hinter dem Lagerpunkt angeordneter, aus dem Fleisch der Spreize geformter Feder. vom  24. 8. 07

318.120 - In einem Klemmrahmen verschiebbar ruhende Skala für photographische Apparate vom 24. 8. 07

318.121 - Mit dem Objektivträger in Verbindung stehender, an der Standarte beweglich befestigter Hebelarm zum Senkrechtverschieben des Objektivs photographischer Apparate vom 24. 8. 07

322.208 - Schlittenauszug, aus einem Stück gefertigt, gekennzeichnet dadurch, daß die Führungsleiſten nicht aufgenietet, noch ausgefräst, sondern nach oben aus der gleichen Metallplatte, in der gleichen Metallstärke gedrückt sind. vom 19. 8. 07

323.886 - Schlittenunterbau für Feststellung des photographischen Objektivträgers, gekennzeichnet dadurch, daß derselbe aus zwei Teilen besteht und die Feststellung ohne Feder durch Exzenter bewirkt wird vom 19. 8. 07

350.675 - Photographische Kamera mit im Kameragehäuse verschiebbar lagerndem, unter Federwirkung stehendem Führungsteil für die Standarte vom 4. 8. 08.

440.114 - Flach zusammenlegbarer Spiegelsucher Max Baumgürtel, 27. 9. 10

440.115 - Photographischer Apparat mit in einer halbrunden Schlitzführung bewegbarem Sucher  Max Baumgürtel, 27. 9. 10

470.598 - Standartenblech mit leicht auswechselbarem Objektivhalter vom 2. 6. 11.

479.245 - Objektivblech mit Sucher für photographische Apparate vom 31. 8. 11

505.419 - Vorichtung zum Schrägstelen des Laufbodens photographischer Apparate vom 9. 3. 12

567.836 - Stativkopf vom 31.1. 13.

Certo Stammkapital 1918

Die Zeiten für den Kamerabau stehen indes schlecht und sie scheinen sich, je länger dieser Krieg dauert, auch immer weiter zu verschlechtern. Im Juni 1918 sieht sich der neue Eigentümer Emil Zimmermann gezwungen, das Stammkapital der GmbH von 160.000 auf lediglich 30.000 Reichsmark herabzusetzen das lag nur noch knapp über dem damaligen gesetzlichen Mindestwert [Vgl. Reichsanzeiger v. 18. 10. 1918, S. 14.]. Ein Konkurs konnte jedoch abgewendet werden. Man kann nur vermuten, daß die Firma gleich nach Kriegsende wieder an ihr altes Exportgeschäft anknüpfen konnte. Im November 1920 gerät die Firma in die Schlagzeilen, weil das Fabrikationsgebäude ausbrennt. Aus einem Registereintrag vom 23. August 1921 geht hervor, daß zu diesem Zeitpunkt Zimmermann der einzige Gesellschafter der Certo GmbH gewesen ist. Zum 27. November 1924 konnte er das Stammkapital wieder auf 60.000 Reichsmark anheben [Vgl. Reichsanzeiger v. 12. 11. 1925, S. 11.].

Certo Zimmermann gestorben 1937

In den 1920er Jahren steigt die Certo GmbH dann sukzessive zu einem der bekanntesten Dresdner Kamerawerke auf. Am 17. Juli 1937 verstirbt der Inhaber des Certo-Werkes Zimmermann zwei Jahrzehnte nach der Übernahme der Firma. Weshalb hier allerdings der Vorname auf Paul lautet, während seit 1917 im Handelsregister von einem Emil die Rede war, das ist bislang nicht klar.

An dieser Stelle läßt sich eine weitere der vielen falschen Fährten aus der Welt schaffen, die uns Richard Hummel gelegt hat. Jener behauptet nämlich, daß nach dem Tode des Paul bzw. Emil Zimmermann die Firma Certo an seinen Enkel Eckart übergegangen sei, dieser jene aber nicht leiten konnte, weil er noch zu jung gewesen sei, weshalb sein Vater Fritz von der Gönna diese Aufgabe für ihn übernommen habe. Aus dem oben wiedergegeben Registereintrag ist jedoch ersichtlich, daß die Geschäftsleitung zum 4. Oktober 1937 in Wahrheit auf einen Hans Voigtländer überging [Vgl. Reichsanzeiger v. 15. 10. 1937, S. 16.]. Julius Hermann Hans Voigtländer hatte seit Januar 1929 Prokura [Vgl. Reichsanzeiger v. 18. 01. 1929, S. 13.]. Von einer Übergabe der Firma Certo an die Familie von der Gönna findet sich hingegen keinerlei Zeugnis. Auf Fritz von der Gönna war zwar seit Oktober 1922 eine Photo-Großhandlung in Dresden eingetragen [Vgl. Reichsanzeiger v. 06. 10. 1922, S. 11.], daß er aber seit 1919 beim Schwiegervater Zimmermann gearbeitet hätte, wie es Hummel angibt, läßt sich nicht belegen.

Certo Januar 1940
Eckart von der Gönna 1938

Das einzige, was sich mit Sicherheit angeben läßt, liegt darin, daß der gerade erst 14-jährige Eckart von der Gönna im Februar 1938 Inhaber einer Firma für Grundstücksvermittlungen wird. Wenn aber Eckart von der Gönna alt genug für eine Grundstücksfirma war, wieso sollte er dann zu jung für eine Kamerafabrik gewesen sein? Dieses Beispiel zeigt noch einmal, wie die Geschichtsschreibung zur Firma Certo bislang ein Wust an Behauptungen und falschen Schlußfolgerungen gewesen ist. Und damit ich mich nicht in diese Riege der Behauptungen einreihe: Ich kann Ihnen, lieber Leser, auch nicht genau sagen, wann genau Fritz von der Gönna Inhaber bzw. Leiter der Firma geworden ist.

Certosport 6x9

Schon in den 1930er Jahren hatten die Platten-, Rollfilm- und Kleinbildkameras von Certo eine ganz bemerkenswerte Fertigungsqualität erreicht.

Certo Super Sport Dolly
Certo Super-Dollina
Certo Super Dollina II
Certo 1948

Nach dem Zweiten Weltkrieg firmiert das Certo-Kamerawerk dann zweifelsfrei unter dem Namen Fritz von der Gönna & Söhne. Das Werk wurde zwar demontiert, war aber nicht ausgebombt worden. Essentielle Werkzeuge sowie Teile zur Fertigung der Präzisionskamera Super-Dollina seien von Werksangehörigen versteckt worden, wie Blumtritt berichtet [Vgl. Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 151.]. Auf diese Weise konnte schon frühzeitig die Produktion wieder aufgenommen werden.

Certo Super Dollina Montage
Certo Super Dollina

Die ersten Jahre in der aus der Sowjetischen Besatzungszone hervorgegangenen DDR waren für Privatunternehmer eine sehr sehr schwierige Zeit. Als Kapitalisten verunglimpft wurden ihnen alle möglichen Steine in den Weg gelegt. Kein Wunder daß in dieser Zeit tausende und abertausende von ihnen in die Bundesrepublik flüchteten. Ein Mittel des SED-Staates, Privatunternehmer in die Knie zu zwingen, lag darin, ihnen eine übermäßige Steuerlast aufzubürden. Fritz von der Gönna wandelte das Certo Werk daher 1950 in eine offene Handelsgesellschaft um.

Certo Super Six 1954

Die Politik der SED gegenüber der Privatwirtschaft wandelte sich vollkommen nach dem 17. Juni 1953. Plötzlich wurde insbesondere die private Konsumgüterindustrie geradezu hofiert, hatte man doch bei ihr das Potential ausgemacht, am schnellsten auf die Konsumbedürfnisse der Bevölkerung zu reagieren. Die SED tat damals alles daran, den Volkszorn zu zügeln, indem sie wenigstens seit der 1952 verkündeten "Sowjetisierung der DDR" immer leerer gewordenen Verkaufsstellen wieder zu füllen. Die Firma Certo sowie ihr Konstrukteur Erhard Hempel wurden nicht nur öffentlich geehrt. Gleichzeitig wurde es ihnen ermöglicht, ihre Photogeräte weiterzuentwickeln und neue zu schaffen.

Certo Super Dollina III

Ergebnis war einerseits die zur Super-Dollina II verbesserte Kleinbildkamera mit gekuppeltem Entfernungsmesser. Parallel dazu wurde bei Certo die Meßsucher-Rollfilmkamera Certo Supersix entwickelt. Die Grundprinzipien, die man oben an der Super-Dollina II erkennt, die sollten auch bei dieser neuen Certo Six übernommen werden: Zum einen der mit der Scharfstellung gekuppelte Entfernungsmesser und zweitens die Standartenverstellung des Objektivauszugs. Beides sind Merkmale für die hochwertigste Bauart unter den Sucherkameras. Der Hintergrund ist folgender: Bei einer Faltkamera mit Balgen gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten scharfzustellen. Meist wird die sogenannte Frontlinsenverstellung gewählt, bei der die Frontlinse des Objektivs um ganz geringe Beträge herausgeschraubt wird, wodurch sich die Brennweite des Gesamtobjektivs verkürzt, weshalb man man trotz unveränderter Bildweite näher ans Motiv herangehen kann.

Certo Super Dollina III

Das ist toll für den Kamerahersteller (weil er sich viel Aufwand spart), aber läßt dem Objektivkonstrukteur die Haare zu Berge stehen. Dieser hat nämlich die Abstände von Linsen und Gruppen in seinem Objektiv genauestens berechnet und ihre präzise Einhaltung ist von großer Wichtigkeit. Werden diese Abstände angetastet, so verschlechtert sich insbesondere bei lichtstarken Objektiven die Bildqualität immens. Und das Tessar 1:2,8 war damals lichtstark! Der bessere Weg lag stets darin, die Bildweite zu verlängern, um die Gegenstandsweite verkürzen zu können. Dazu muß die vordere Standarte einer Balgenkamera längs der optischen Achse verstellbar sein. Bei Certo schlug man mit dieser Klappe gleich noch eine zweite Fliege: Die Aufhängung der Standarte mithilfe mehrerer Hebelarme war bei der Certo-Six nämlich so gewählt, daß diese sich beim Naheinstellen leicht nach oben (Richtung Sucher) bewegte und damit ein Anwachsen der Sucherparallaxe verhindert wurde. Da bei Naheinstellung der nutzbare Bildwinkel des Objektivs anwächst, geschah diese "Shiftbewegung" des Objektives ohne qualitative Nachteile.

Certo Six

Dabei ergaben sich bei der Certo Six gegenüber der Super Dollina zwei Weiterentwicklungen. Der Wesentlichere ist der Mischbild-Entfernungsmesser in Form eines sogenannten Meßsuchers. Sucher und Entfernungsmesser waren also einblicksgleich zusammengelegt und es mußte nicht mehr zwischen beiden Okularen hin- und hergewechselt werden. Als zweite Veränderung geschah das Scharfstellen nicht mehr über eine fummelige Schraube an der Seite des Gehäuses, sondern mithilfe eines großen Hebels an der Unterseite der Kamera. Leider ist dieser Hebel aber mit den starken Federn des Springmechanismusses belastet und läßt sich oftmals nur mit viel Kraftaufwand ruckartig und wenig präzise bewegen. Das wurde damals auch kritisiert.

Certo-Super-Six 1953

Die Kamera wurde als Certo-Super-Six bereits 1953 das erste Mal auf der Leipziger Herbstmesse vorgestellt [Vgl. Fotografie, 10/1953, S289.]. In dem weiter oben bereits gezeigten Artikel aus der Berliner "Neuen Zeit" vom 1. Dezember 1954 erfahren wir, daß die Fertigung der Certo-Super-Six noch in diesem Quartal (also Jahresende 1954) anlaufe, sie aber ausschließlich für den Export bestimmt sei.

Die hier zu sehenden Aufnahmen  wurden von Roger Rössing auf der Leipziger Herbstmesse 1954 angefertigt [Bildquelle: Deutsche Fotothek]. Zu sehen ist eine Certo-Six mit zusätzlichem Balgen für Nahaufnahmen. Über die dargestellten Personen kann man indes nur spekulieren. Ich halte es aber für sehr wahrscheinlich, daß auf dem obigen Photo rechts der Firmeninhaber Fritz von der Gönna zu sehen ist. Auf den Bildern darunter könnte es sich um einen seiner Söhne handeln. Und links? Ist das der Certo-Chefkonstrukteur Erhard Hempel?

Objektivbestückung als wichtiger Indkator

Schon vor der Herbstmesse 1954, im Laufe des Jahres 1954 waren 1250 Stück des Tessares 2,8/80 mm an Certo geliefert wurden. Im Spätsommer 1955 folgten weitere 1000 Stück. Dieses Tessar 2,8/80 mm war erst kurz zuvor bei Zeiss Jena völlig neu entwickelt worden. Es war das erste Normalobjektiv dieser Firma, das in seinem Aufbau eine Linse aus den neuartigen Lanthan-Thorium-Schwerkrongläsern enthielt. Charakteristisch für diese Neukonstruktion ist zudem, daß die Positionierung von Sammel- und Zerstreuungslinse im bildseitigen Systemteil gegenüber dem bisherigen Tessar vertauscht ist und deshalb die sammelnde Kittfläche nicht Richtung Bild, sondern Richtung Blende durchbogen ist.

Tessar 2,8/80 mm (1950)

Eine wirkliche Großserienfertigung der Certo-Six scheint allerdings erst ab 1956 in Gang gekommen zu sein. Fast 11.000 Tessare 2,8/80 mm wurden zwischen Januar 1956 und Oktober 1957 nachweislich an Certo geliefert. Und auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1957 wurde die Certo-Six regelrecht ein zweites Mal vorgestellt [Vgl. dazu Brauer, Egon: Leipziger Frühjahrs-Messe 1957; in: Bild & Ton, Heft 3/1957, S.59.]. Das könnte den Hintergrund haben, daß diese Kamera erstmals in größeren Stückzahlen auf dem DDR-Inlandsmarkt vertrieben wurde. Das kann man auch daran ablesen, daß nun fast nur noch der DDR-Verschluß "Tempor" verwendet wurde. Teure Compurverschlüsse wurden meist nur dann importiert, wenn Aussicht auf Deviseneinnahmen durch den Export der fertigen Kamera ins NSW bestand.

Certo-Six

Auf dieses Tessar 2,8/80 mm schauen wir hier deshalb so genau, wenn wir die Herstellungszeiträume und die produzierten Mengen der Certo-Six abschätzen wollen, weil es ohne jeden Zweifel das am meisten in dieser Kamera eingesetzte Objektiv gewesen ist. In nicht näher zu beziffernden Mengen ist die Certo-Six aber auch mit einem Meyer Primotar 3,5/80 mm ausgeliefert worden. Es scheint sich nur um ein paar 100 Stück im Seriennummernbereich 1.513.XXX zu handeln.

Certo Six Primotar

Sehr interessant wird es auch, wenn man sich unten die beiden (in der DDR-Presse geschalteten!) Werbeanzeigen anschaut. In beiden ist auf dem Objektiv "Rodenstock" zu lesen. Es könnte also sein, daß für den Westexport auch ein bislang nicht näher bekanntes Objektiv dieses Herstellers verwendet worden ist.

Certo Six
Certo Six

Wenn Ihre Certo-Six mit einem Tessar ausgestattet ist, dann läßt sich deren Entstehungszeit anhand der Seriennummer des Objektivs auf folgende Zeiträume abschätzen:

Seriennummernbereich

ungefähre Herstellungszeit

3.903.701 - 3.903.950

4.016.301 - 4.017.300

1954

4.379.001 - 4.380.000

1955

4.765.651 - 4.766.000

4.863.401 - 4.863.495

4.863.665 - 4.863.669

5.053.701 - 5.056.100

1956

5.074.401 - 5.075.900

5.133.401 - 5.135.100

5.213.001 - 5.216.000

5.327.101 - 5.328.950

1957

Die tatsächliche Montage der Kamera und vor allem ihr Verkauf im Handel kann natürlich sehr viel später erfolgt sein. Und falls Ihr Tessar eine Seriennummer hat, die hier nicht vorkommt, dann melden Sie sich bitte bei uns!

Ein Generationswechsel führt die in schleichende Enteignung

Ende der 50er Jahre brach für das Certo-Werk eine neue Zeit an. Zunächst verstarb der langjährige Firmeninhaber Fritz von der Gönna im Jahre 1958 [Vgl. Blumtritt, Fotoindustre, S. 151.]. Seine beiden Söhne Armin und Eckart übernehmen daraufhin die technische bzw. die kaufmännische Leitung der Firma. Im Jahr darauf gehen sie eine staatliche Beteiligung ein, um weiterexistieren zu können. Als Gegenleistung für verläßliche Materiallieferungen und Kredite für Betriebserweiterungen mußten die Inhaber ein Mitspracherecht staatlicher Institutionen bei strategischen Richtungsentscheidungen hinnehmen.

Certo 1960

In dieser Zeit geht es für den Betrieb durchaus voran: Auf der Leipziger Herbstmesse 1958 konnte die ungewöhnlich hochwertig gebaute Boxkamera Certo-Phot vorgestellt werden. Auf der Frühjahrsmesse 1960 folgte die mit einem Belichtungsmesser versehene Certo-matic. Und der obige Bericht aus der "Neuen Zeit" vom 21. April 1960 deutet bereits die Entwicklung der vollautomatischen Kleinbildkamera Certi an.

Certo-Six Preissenkung 1960

Doch in Wahrheit läutete diese Umwandlung des Certo-Werks in eine Kommanditgesellschaft bereits ihr Ende als Hersteller hochwertiger Markenkameras ein. Die Firma wurde in der Folgezeit mehr und mehr zum Opfer staatlicher Entscheidungen. Und diese Entscheidungen führten sukzessive weg aus dem Spitzensegment in Richtung billiger Massenware. Zwar hatte die Ausweitung der Produktion der Certo-Six in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zur Folge gehabt, daß diese hochwertig verarbeitete Kamera nun auch endlich in den Photogeschäften der DDR anzutreffen war. Hier stellte sie mit einem Verkaufspreis von 455,- Mark die mit Abstand teuerste Rollfilm-Faltkamera dar. Doch diese Situation hielt nicht lange an. Die große Preissenkung vom Mai 1960 hatte zur Folge, daß dieser Verkaufspreis durch behördliche Entscheidung auf 313,30 Mark herabgesetzt wurde. Ab diesem Punkt wird sich eine Produktion dieser aufwendigen Präzisionskamera für den Hersteller nicht mehr gelohnt haben. Nach einem Abverkauf verschwand sie rasch aus dem Angebot der Fachgeschäfte.

Certo Six

Als Mittelformatkamera und auch aufgrund ihrer wertigen Ausführung ist die Certo Six eine ziemlich große und auch schwere Kamera. Doch im zusammengeklappten Zustand ist sie aufgrund ihrer konstruktiven Auslegung als Faltkamera außerordentlich flach und daher gut transportabel.

Noch eine Anmerkung: Für diese Kamera finden sich in der zeitgenössischen Literatur drei Schreibweisen, die abwechselnd vorkommen: Certo-Six, Certo Six und Certosix. Die Variante "Certo 6", die im Internet anzutreffen ist, hat jedoch keinen historischen Ursprung in Dresden und sollte deshalb besser nicht verwendet werden.

Besondere Konstruktionsmerkmale der Certo-Six

Was meiner Beobachtung nach Kamerafreunde auch heute noch an der Certo Six auf den ersten Blick begeistert, ist die Tatsache, daß sie einen Transporthebel aufweist. Aber damit nicht genug: sie hat sogar eine automatische Filmlängensteuerung. Diese ist zwar technisch sehr einfach gelöst, funktioniert aber in der Praxis ausreichend genau. Die Zunahme der Spulendicke auf der Aufwickelseite wird registriert und auf diese Weise der Schwenkwinkel des Transporthebels in drei Stufen begrenzt. Nach zwei Schwenkbewegungen liegt ein frisches Filmstück im Bildfenster und das Zählwerk zeigt die nächste Bildnummer an. Erst dann läßt sich der Verschluß auslösen – eine Doppelbelichtungssperre. Nur eines hat man leider nicht hinbekommen: Der Filmtransport ist nicht mit dem Verschlußaufzug gekuppelt. Man muß den Verschluß gesondert spannen.

Certo Six

Oben sieht man, wie der Transportmechanismus der Certo-Six mit dem Bildzählwerk und der Doppelbelichtungssperre gekuppelt ist. Diese Bauweise hat sich der Konstrukteur dieser Kamera Erhard Hempel am 30. März 1952 mit dem DDR-Patent Nr. 8831 schützen lassen.

Certo Six

Auf dem Photo oben aus dem Innenleben der Certo-Six sieht man vorn rechts auch den Schwenkhebel, der mit der Abtastung der Aufwickelspule verbunden ist. Er bildet einen veränderlichen Anschlag für den Filmtransporthebel, wodurch eine einfache Bildlängensteuerung erreicht wird. Auch diesen Mechanismus hat sich Herr Hempel in einem Patent Nr. 7874 vom 9. Dezember 1952 schützen lassen. Die Zeichnungen aus dem Patent verdeutlichen das einfache, aber wirkungsvolle Funktionsprinzip.

Certo Six
Certo Six

Auch die oben schon angesprochenen Besonderheiten des Spreizensystems für die Frontstandarte der Certo Six sind in einem Schutzrecht verankert worden [Nr. DD9869 vom 19. März 1952]. Durch die Verwendung von Knickspreizen (an Stelle einer Schlittenführung, wie noch bei der Super Dollina) konnte der Fertigungsaufwand verringert werden, ohne daß sich dies auf die Präzision des Unendlichanschlages auswirkte. Als Besonderheit verweist Hempel in seinem Patent auch darauf, daß durch diese Bauart die Kamera geschlossen werden kann, ohne daß sich die Entfernungseinstellung verändert. Wird der Balgen wieder ausgefahren, ist wieder auf dieselbe Entfernung fokussiert, wie vor dem Einklappen des Laufbodens. Die Bildweite wird durch einen Exzenter verstellt, der unten in einer Zeichnung dargestellt ist. Die Realisierung an der Kamera sieht etwas anders aus, läuft technisch gesehen aber auf dasselbe hinaus.

Certo Six
Certo Six

Eine zweite Zeichnung dieses Patents Nr. 9869 verdeutlicht uns noch einmal den Knickspreizenmechanismus. Besonders hinweisen möchte ich auf die strichpunktierte Kurve, die den Verstellweg der Frontstandarte darstellt. Wesentlich für uns ist der Teil der Kurve links vom Drehpunkt der Standarte, der den besagten Ausgleich der Sucherparallaxe aufzeigt.

Certo Six

Ein weiteres Patent Hempels mit der Nummer DD9076 vom 21. November 1950 wurde hingegen nicht verwirklicht. Statt des hier beschriebenen Entfernungsmessers mittels Schwenkkeil wurde, wie oben auf dem Bild vom Innenleben der Certo Six zu sehen, ein viel einfacheres System mit einem feststehenden teilversilberten und einem schwenkbaren vollversilberten Planspiegel umgesetzt. 

Certo Six

Als besonders interessantes Detail möchte ich noch erwähnt haben, daß laut einer Urschrift zu einer Patentanmeldung Herr Ingenieur Erhard Hempel eine Zeit lang wohhaft in Pöcking bei Starnberg gewesen ist – also in der Bundesrepublik. Später ist aber Dresden Wachwitzer Bergstraße 20b angegeben. Er scheint also noch vor dem Mauerbau in die DDR gegangen zu sein. Hempel hat noch bis weit in die späten 70er Jahre Entwicklungen für das Certo Kamerawerk beigesteuert. Er war der Patentliteratur zufolge auch an Grundlagenarbeiten zu den SL-Kameras dieses Werkes beteiligt.

Certo Super Dollina II
Certo Six Prospekt

Marco Kröger


letzte Änderung: 16. Februar 2026