Contax und Pentacon

Contax S und Pentacon

Als großer Hoffnungsträger für das ausgebombte und demontierte Zeiss-Ikon-Werk aufwendig neu konstruiert und entsprechend vollmundig auf den Markt gebracht, sollte sich die Spiegel-Contax bald als schwere Belastung für den Neuanfang dieses Dresdner Vorzeigebetriebes herausstellen.

Contax S

Die „Spiegel-Contax“ gehört sicherlich zu den faszinierendsten und legendärsten Photogeräten, die der Dresdner Kamerabau je hervorgebracht hat. Das mag natürlich an ihrer Pionierrolle liegen, an der Tatsache, daß sie als die erste wirklich „komplette“ Spiegelreflexkamera angesehen werden kann. Wir müssen uns heute einfach vergegenwärtigen, daß es etwas völlig Neuartiges darstellte, in eine Spiegelreflexkamera „hineinschauen“ zu können wie in eine Sucherkamera und dabei eine aufrechtstehende und seitenrichtige Abbildung auf einer Mattscheibe zu erblicken. Bislang bedeutete der Spiegelreflexsucher immer einen Einblick im rechten Winkel zur Aufnahmerichtung und überdies ein seitenvertauschtes Sucherbild. Beides war beim Amateur unbeliebt und verhinderte eine weitere Verbreitung dieses Kameratyps. Doch diese technische Hürde konnte durch das Umkehrprisma endlich überwunden werden. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, daß mit diesem Schritt das wunderbare Prinzip der Einäugigen Spiegelreflexkamera ein zweites Mal geboren wurde.

Contax S elfenbein

Eine Contax S die im Gleichklang zu einigen Geschmacksmustern der bei Zeiss Jena rekonstruierten Contax II elfenbeinfarben lackiert und braun beledert wurde? Die Authentizität ist fraglich; zumal Zeiss Jena und der VEB Zeiss Ikon in Dresden schließlich nicht dasselbe waren. Hübsch anzuschauen ist  diese Kamera aber auch dann, falls sie eine Fälschung sein sollte. [Bild: Jüttner; Sammlung Baumgartner].

Spätestens seit dem Fall der Mauer hat sich eine lebhafte Debatte um die herausgehobene geschichtliche Bedeutung der Contax S herausgebildet. Die hübsch anzuschauende Kamera wurde offenbar nun auch von westdeutschen Kamerasammlern nicht mehr als "ostzonales", sondern als gesamtdeutsches Erzeugnis anerkannt und sie hat sich im Zuge dessen sukzessive zu einem regelrechten Zankapfel entwickelt. Schließlich ist der Titel "erste Spiegelreflex der Welt mit Geradsichtsucher" zu vergeben. Wahlweise wird die Contax S dann in der Literatur in einen Wettbewerb mit einer italienischen oder einer ungarischen Kamera gebracht und es wird um das früheste Datum des ersten Erscheinens der Kameras gestritten. Diese zum Teil sehr kleinlich geführten Prioritätsdebatten waren für Fachleute lange Zeit wenig interessant, da diese in Konkurrenz zur Contax S gebrachten Erzeugnisse im Grunde genommen nie eine nennenswerte ökonomische Bedeutung erlangt hatten.

Contax S umgebaut auf Typ D

Das Nachvollziehen der historischen Entwicklung dieser Kamera wurde erschwert durch Relikte wie das obige: Eine sehr frühe Contax S aus dem Jahr 1950 – erkennbar an den noch nicht schwarz ausgelegten Gravuren auf der Zierkappe, dem Verschluß des Gehäusedurchbruchs für den Selbstauslöser mit einem Blindstopfen, dem schwarz lackierten Biotar und dem verriegelbaren Auslöser – die aber zugleich als Contax D daherkommt – erkennbar am geräuscharmen Zeitsteuerwerk, der standardisierten Blitzlichtbuchse auf der Deckkappe und dem sichtlich nachträglich angebrachten, schwarz ausgelegten "D". An diesem unerklärlichen Chamäleon, das es zu tausenden in unterschiedlichen Variationen gibt, haben sich die Autoren jahrelang die Zähne ausgebissen und sich zu teils abstrusesten Erklärungen hinreißen lassen [Bild: Steffen Rentzsch].

Technikgeschichtliches Gewicht bekommt dieser Aspekt der Prioritätsfragen allein dadurch, daß sich, je tiefer man sich mit der Entstehung dieser Kamera befaßt, geradezu ein Wust an falschen Inanspruchnahmen und manipulierten Fakten auftut. Es läßt sich zeigen, daß schon in frühzeitigen Veröffentlichungen des Herstellers versucht wurde, die historische Wirklichkeit zu verfälschen und das falsche Bild anschließend zu verfestigen. Es sei hier bereits an dieser Stelle vorweggenommen, daß die Prioritätsansprüche der Contax S in Hinblick auf den Prismensucher in Wahrheit keiner kritischen Betrachtung standhalten. Einen besonders faden Nachgeschmack hat das Ganze aber vor allem deshalb, weil diese Manipulationen den Eindruck hinterlassen, viel mit gekränkten Eitelkeiten und verschleppten Minderwertigkeitskomplexen bei den damals Beteiligten zu tun zu haben. Erschwerend kommt hinzu, daß von Seiten einiger Autoren versucht wurde, dieses schiefe Bild bis in die jüngste Zeit aufrechtzuerhalten, was sich zusätzlich wie ein grauer Schleier über die vorgeblich so glanzvolle Erfolgsgeschichte dieser Kamera legt.

Contax S Februar 1949

Dies ist das Titelbild eines im Februar 1949 gedruckten Prospektes, das sicherlich auf der Leipziger Frühjahrsmesse vom 6. bis 13. März 1949 verteilt worden ist, als die neue Contax S zum ersten Male im großen Stile gezeigt wurde (Sammlung Worsley). Nach allem was bisher bekannt ist, war sie damals jedoch nach wie vor nur ein Prototyp, der noch nicht reif für die Produktionsaufnahme war. Das hatte sich dann zur folgenden Herbstmesse geändert, wo die Kamera im Werte von mehreren Hunderttausend Dollar verkauft wurde, obwohl die Serienfertigung noch nicht einmal richtig angelaufen war (siehe Abschnitte 5.2 und 5.3).


Besondere Aufmerksamkeit soll an dieser Stelle aber schon einmal auf die Prospektabbildung der Kamera gelenkt werden, die schließlich den Eindruck erweckt, das gesamte Prismengehäuse samt Objektiv sei retuschiert worden. Sichtlich fehlt dort der grüne Grundton des restlichen Kameragehäuses. Möglicherweise wurde ein ursprünglich zu sehendes und eigens von Zeiss Ikon für die Contax-S konstruiertes Sonnar 2/57 mm durch ein Zeiss Biotar ersetzt. Eine ganz besondere Rolle spielt aber die zu einem schwarzen Untergrund mit weißem Firmensignet retuschierte Frontfläche des Prismendoms. Denn nach derzeitigem Kenntnisstand wurde genau nach diesem retuschierten Photo später innerhalb der Gerätesammlung des VEB Pentacon oder im damaligen Technischen Museum der Stadt Dresden eine wesentlich jüngere Kamera gefälscht, um sie als Belegexemplar einer frühen Serienkamera der Contax-S zu präsentieren. Wie noch im Abschnitt 5.4 gezeigt werden soll, setzt dieser Fall der ganzen Riege an Manipulationen noch die Krone auf.

Contax S Sonnar 2/55 mm

Anhand von zwei Optik-Datenblättern, die sich wie ein Wunder über diese lange Zeit erhalten haben, läßt sich zeigen, welch eine Priorität die Entwicklung einer Kleinbild-Spiegelreflexkamera für die Zeiss Ikon AG unmittelbar nach Kriegsende hatte [Privatarchiv Benedix]. Bei einer einäugigen Reflexkamera benötigt der Klappspiegel einen ausreichend großen Luftraum hinter der letzten Linse, um seine Arbeit verrichten zu können. Dieses Maß nennt sich bildseitige Schnittweite s'. Bereits im Dezember 1945 (!) wurde daher in Dresden unter der Leitung des "Bertele-Nachfolgers" Robert Geißler speziell für diesen Einsatzzweck an der Reflexkamera ein Sonnar 2/55 mm geschaffen.


Später stellte sich heraus, daß die bei dieser Konstruktion erreichte Schnittweite von 32,72 mm noch lange nicht genügte und deshalb wurde das Objektiv im Juni 1948 auf eine Brennweite von 57 mm angehoben, womit auch die Schnittweite auf ein ausreichendes Maß anwuchs. Wie an dem unten gezeigten Datenblatt Nr. 1587 ersichtlich ist, lag die wahre Brennweite sogar bei 60,79 mm, um eine Schnittweite von 35,5 mm zu erzielen. Das war alles ziemlich ungünstig. Trotzdem sollte die Contax S mit genau diesem Sonnar 2/57 mm ausgeliefert werden – so wie Contax-Kameras bisher stets mit Sonnaren verknüpft waren. Für die Frühjahrsmesse 1949 waren wie gesagt die Prospekte bereits gedruckt worden. Diesem Ansinnen bereitete jedoch Harry Zöllner, der Leiter des Jenaer Photorechenbüros, ein jähes Ende, indem er in der Ausgabe 3 der Fachzeitschrift Foto-Kino-Technik des Jahres 1949 in einem Aufsatz die eindeutige Überlegenheit des Biotar-Typs gegenüber dem Sonnar nachwies. Das hat in Dresden für großen Ärger gesorgt, wie aus dem Protokoll einer Fachausschußtagung Photo vom 26. April  1949 hervorgeht [zitiert in: Thiele, SBZ, S. 27f.]. Die Prospekte wurden daraufhin offenbar in großer Eile umgeändert und die Kamera auf der am 6. März 1949 beginnenden Frühjahrsmesse mit Biotaren statt Sonnaren gezeigt (siehe dazu auch Abschnitt 5.4). Von da ab war das Sonnar als Normalobjektiv für die DDR-Photoindustrie "gestorben".

Contax S Sonnar 2/57 mm

Denn bei genauer Betrachtung fällt ziemlich schnell auf, daß die Geschichte dieser Kamera zunächst wenig glanzvoll gewesen ist. Der fälschlich in Anspruch genommen technischen Priorität steht nämlich die nüchterne Wahrheit gegenüber, daß kurz nachdem die Contax S im Herbst 1949 endlich in die Produktion gelangte und zu Jahresanfang 1950 erstmals ausgeliefert wurde eine jähe Ernüchterung folgte. Wie weiter unten im Abschnitt 5 noch näher ausgeführt werden wird, war zur Leipziger Herbstmesse 1949 eine quasi nicht-serienreife Kamera auf den Markt gebracht und – um die hochgesteckten Exportziele des VEB Zeiss Ikon endlich zu erfüllen – auch gleich noch umfangreich in das westliche Ausland verkauft worden. Der resultierende Reputationsverlust und die daraufhin notwendige Neukonstruktion der Kamera haben den Dresdner Betrieb anschließend sehr belastet. Das hat einen gewichtigen Teil dazu beigetragen, daß der große Kamerabaubetrieb in der Schandauer Straße letztlich nie wieder an diese zentrale weltweite Bedeutung anknüpfen konnte, die er vor 1939 innegehabt hatte.

1. Die Stunde Null als als Chance für Zeiss Ikon

Nüchtern und mit der nötigen Distanz betrachtet, ist unsere "Spiegelcontax" also alles andere als eine reine Erfolgsgeschichte. Sie ist eher das Symptom des insgesamt ziemlich problematischen Wiederaufbaus des VEB Zeiss Ikon nach 1945. Vor dem Hintergrund der Kriegszerstörungen, der anschließenden Demontagen durch die Sowjetunion und vor allem des Verlustes an qualifizierter Facharbeiterschaft ist das nicht gerade verwunderlich. Hinzu kam, daß im Bereich der sogenannten Stehbildsparte die Produktentwicklung in den zehn Jahren bis etwa 1956 einen insgesamt ziemlich erratischen Eindruck hinterließ. Diese Aussage trifft allerdings nicht für das zweite Standbein des Betriebes zu, nämlich den von Ernemann geerbten Laufbildsektor. Offensichtlich konnte in diesem Bereich viel besser an Kontinuitäten angeknüpft werden, sodaß sich die Dresdner Kinomaschinen vom Typ Ernemann VIIb rasch wieder gut verkaufen ließen und mit der Dresden D1 sogar neue Spitzenprodukte auf den Markt gebracht werden konnten.

Dresden D1

Im Bereich der Photokameras war die Situation jedoch viel schwieriger. Das lag unter anderem daran, daß die hochwertigen Rollfilmkameras, für die die Zeiss Ikon AG international bekannt war, bereits in den 30er Jahren im Stuttgarter Werk gefertigt wurden, sodaß es in Dresden für diese Kameras gar keine Fertigungstradition gab. Die innovativen Kleinbildkameras, die aus dem Dresdener Hauptwerk kamen, fielen mit Ausnahme der kleinen Tenax nach 1945 aber ebenso aus dem Angebot heraus. Denn mit der Demontage der Fertigungsanlagen für die Contax II und III und deren Neuaufbau in der Sowjetunion konnten nicht nur diese Meßsucherkamera, sondern auch die auf ihrem Metallrolloverschluß aufbauenden Schwesternkameras wie die Super Nettel nicht in Dresden produziert werden.

Contax II Sonnar

Doch ohnehin hatten sich die Perspektiven im Kamerabau schon seit den seit den 30er Jahren sukzessive verschoben: Von der Sucherkamera mit gekuppeltem Meßsucher hin zur Spiegelreflexkamera. Man darf nicht übersehen, welche Erfahrung des zunehmenden Konkurrenzdrucks die neue Zeiss Ikon AG seit ihrer Gründung 1926/27 bereits gemacht hatte. Es genügte nicht, der größte Kamerahersteller zu sein, wenn ständig kleine, aber sehr innovative Mitbewerber mit einer Vielzahl an neuen Produkten auf den Markt drängten. Dazu gehörten vor allem ernstzunehmende Einäugige Spiegelreflexkameras mit Schlitzverschluß, wie die Reflex-Korelle und die Primarflex. Noch besorgniserregender dürften allerdings die Kiné-Exakta und die Praktiflex gewesen sein, mit denen die neue Sparte der Kleinbild-Spiegelreflexkameras geschaffen worden war und auf die die Zeiss Ikon AG keine Adäquate Antwort parat hatte. Noch wenige Jahre zuvor wäre belächelt worden, wer dem Zeiss-Ikon-Chef Heinrich Küppenbender prophezeit hätte, daß mit der Ihagee und den Kamera-Werkstätten Niedersedlitz binnen kurzer Zeit zwei sehr ernsthafte Konkurrenzfirmen erwachsen würden.

Contaflex 1935

Die Zeiss Ikon AG Dresden hatte im Jahre 1935 eine eigene Kleinbild-Spiegelreflexkamera herausgebracht, mit der man meinte, die technische Führungsrolle für sich gesichert zu haben. Doch diese "Contaflex" genannte Kamera war eine Fehlentwicklung. Klobig, schwer und für die damaligen Verhältnisse völlig überteuert entwickelte sie sich – trotz innovativer Details wie den eingebauten Belichtungsmesser – zum Flop. Durch das bei ihr angewandte zweiäugige Prinzip, bei dem Aufnahme- und Sucherobjektiv getrennt waren, geriet die prinzipiell interessante Möglichkeit, Wechselobjektive zu verwenden, letztlich genauso schwer beherrschbar, wie bei den Sucherkameras Contax und Leica. Das lag daran, daß das Sucherobjektiv nicht mit gewechselt wurde. Mit dem Erscheinen der einäugigen Kiné Exakta der Ihagee Dresden ein Jahr später, war diese überkandidelte Contaflex dann bereits passé – eine schwere Bürde für den Kamerariesen Zeiss Ikon.

Schnitt Contaflex 1935

Doch insbesondere die auf der Frühjahresmesse 1936 vorgestellte Exakta mußte gleich in zweierlei Hinblick ein Schock für die Zeiss Ikon AG gewesen sein. Zum einen hatte es Karl Nüchterlein mit wenigen Kollegen geschafft, nicht nur einen hochentwickelten Schlitzverschluß zu konstruieren, sondern ihn auch noch perfekt mit der Spiegelmechanik und dem Filmtransport zu kuppeln. Dazu hätte es bei der großen Zeiss Ikon vermutlich einer ganzen Entwicklungsabteilung bedurft. Zweitens war es Nüchterlein mit einer ganz simplen Lösung gelungen, einen Großteil der Skepsis gegenüber einer Kleinbildreflexkamera vom Tisch zu wischen. Hatte die Zeiss Ikon AG bei der Contaflex nämlich noch ein Sucherobjektiv mit der längeren Brennweite von 80 mm eingesetzt, um zu einer brauchbar großen Mattscheibenabbildung zu gelangen, so konnte Nüchterlein dieses Problem dadurch lösen, indem er einfach eine vergrößernde Bildfeldlinse in Form einer Visolettlupe verwendete. Das Sucherbild erschien dadurch nicht nur groß genug zum Komponieren des Bildes, sondern es war aufgrund der Kollektivwirkung dieser Linse auch noch bis in die Ecken hell. Die daraufhin vom Markt begeistert aufgenommene Kiné-Exakta muß damals bei der nur wenige hundert Meter entfernten Zeiss Ikon AG einen großen Handlungsdruck ausgelöst haben. Doch der Krieg und die nationalsozialistische Rüstungsfertigung, später die Bombardements und die versprengte Facharbeiterschaft sorgten zu Beginn der 1940er Jahre für eine tiefe Zäsur, die bald alle Kamerabaubetriebe gleichermaßen erfaßte.

Zeiss Ikon 1944

Völlig absurd: Im Jahre 1944, während die Deutschen in ganz Europa Krieg führten und Jagd auf Hunderttausende machten, um sie zu versklaven und zu ermorden, schaltete die Zeiss Ikon AG solche Inserate in der Auslandspresse, wie zum Beispiel in den Niederlanden, um an den Zusammenhalt der Europäer beim wirtschaftlichen Austausch zu appellieren.

Insofern waren die Karten im Frühjahr 1945 neu gemischt worden. Der schleppende Wiederaufbau bei der ausgebombten Ihagee und die großen Probleme bei den Kamera-Werken Niedersedlitz, von einer handwerklichen auf eine industrielle Produktion umzustellen, verschafften Zeiss Ikon eine Zeitspanne, in der eine Aussicht darauf bestand, den wettbewerblichen Rückstand wieder aufholen zu können. Dies wurde auch dadurch beflügelt, daß sich während des Krieges auf den internationalen Märkten ein großer Nachfragestau nach hochwertigen Photogeräten gebildet hatte, der den Aufwand zur Innovation lohnenswert erscheinen ließ.

2. Der lange Weg zum Pentaprisma

2.1 Die Dresdner Entwicklung seit den 1930er Jahren

Dieser Umstand gab der Zeiss Ikon AG eine Chance, nicht nur zu den lange unterschätzten Mitbewerbern aufzuholen, sondern sie sogar wieder zu übertrumpfen. Und diese Chance lag in der einzigen großen Schwäche, die Praktiflex und Exakta noch zeigten: Das seitenverkehrte und nur von oben zu betrachtende Sucherbild. Schließlich war es jener Einblick im rechten Winkel zur Aufnahmerichtung und das im Sucher in falscher Richtung ablaufende Geschehen, das den Kameratyp der Einäugigen Reflexkamera für viele Aufnahmegebiete wie die Kinder- und Naturphotographie, Sport, Portraits, usw., die ein rasches Nachverfolgen des Motivs verlangen, als ungeeignet erscheinen ließ. Die Amateure genauso wie die Berufsphotographen blieben in diesen Motivbereichen daher vorerst lieber bei den Sucherkameras, obwohl sie in Bezug auf Wechselobjektive so viele Nachteile aufwiesen. Genau hier lag nun der Ansatzpunkt, an dem die Zeiss Ikon AG wieder eingreifen und Marktanteile zurückerobern konnte. Es müßte nur gelingen, das seitenverkehrte Sucherbild der Spiegelreflex umzukehren und gleichzeitig den Strahlengang dergestalt abzuknicken, daß man quasi wie bei der Sucherkamera meint, "hindurchzuschauen", obgleich man doch in Wirklichkeit nach wie vor eine Mattscheibenabbildung betrachtet.

CH214.918 ZI Porro-Umkehrsystem

Und tatsächlich kann man nachweisen, daß die Zeiss Ikon AG angesichts der oben aufgeführten Nachteile des herkömmlichen Reflexsuchers bereits seit Ende der 1930er Jahre intensiv an einer einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera mit Geradsichtsucher und seitenrichtigem Sucherbild gearbeitet hat – also schon lange vor dem sogenannten "Syntax-Projekt" der Kriegsjahre. Am 8. September 1938 erfolgte eine Patentanmeldung [auf dessen Existenz allerdings nur noch mithilfe eines Proritätsvermerks in einer Schweizerischen Patentschrift Nr. CH214.918 vom August 1939 geschlußfolgert werden kann] für ein Prismensuchersystem, aus dessen Zeichnungen zu erkennen ist, daß eines der beiden Prismen aus einem rechtwinkligen Halbwürfel gebildet wurde, wie er beim Bau terrestrischer Fernrohre schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts  angewendet worden war. Diese Bauform wird nach ihrem Erfinder auch Porro-Prisma genannt.

CH214.918 ZI Porro-Umkehrsystem

Schaut man sich die oben wiedergegebenen Zeichnungen aus der Schutzschrift genau an, dann kann man ein quadratisches Bildfeld erahnen. Da wir uns zum Zeitpunkt der Patentanmeldung in der Ära der Tenax 24x24 mm befinden, scheint eine solche Annahme nicht ganz unbegründet. Ein ausgesprochen rechteckiges Aufnahmeformat, wie es beim üblichen Kleinbild 24x36 mm der Fall ist, wäre mit einem derart aufgebauten Suchersystem nur schwer abzudecken gewesen. Das liegt daran, daß sich die zwei großen Vorteile, die das Porrosystem im Fernglasbau zu bieten hat, als Umkehrsystem für Kamerasucher zum Nachteil verkehren. Beim Fernglas sorgt der lange Lichtweg durch die beiden miteinander verschränkten Prismen dafür, daß das langbrennweitige Objektiv mechanisch an das Okular herangerückt und damit das Fernglas insgesamt bedeutend kürzer gebaut werden kann. Zweitens führt der prinzipielle Aufbau des Porrosystems dazu, daß die optische Achse des Fernglasobjektivs und des zugehörigen Okulars parallelverschoben sind. Das hat den Vorteil, daß der Objektivabstand eines binokularen Fernglases größer gemacht werden kann, als der Augenabstand, womit die stereoskopische Basis der Augen künstlich erweitert wird und sich der besonders eindrucksvolle plastische Effekt solcher Porro-Ferngläser einstellt.

Contax S

Diese extrem kompakte Bauweise mit einem derart niedrigen Sucherdom, wie bei der Spiegel-Contax, konnte nur durch Anwendung eines Penta-Dachkantprismas aus optischem Glas erreicht werden.

Für einen bildumkehrenden Kamerasucher ist es nun aber gänzlich unerwünscht, wenn sich ein langer Lichtweg zwischen Mattscheibe und Okular ergibt. Ein Fernrohr arbeitet (dem Einsatzzweck entsprechend) mit einem langbrennweitigen Objektiv und einem dazugehörigen engen Bildwinkel. Das verhält sich beim Spiegelreflexsucher aber genau umgekehrt. Hier versucht man, ein möglichst weitwinkliges Okular so nah wie möglich an die Mattscheibe heranzuführen, um das gesamte Sucherbild unter einer möglichst starken Vergrößerung betrachten zu können. Ein Porrosystem mit seinen langen Lichtwegen sorgt dafür, daß sowohl der Betrachtungswinkel stark begrenzt wird, als auch ein langbrennweitiges Okular verwendet werden muß, das dann nur eine geringe Vergrößerung des Mattscheibenbildes zuläßt. Der Zweck des Reflexsuchers, nämlich anhand der Mattscheibenabbildung präzise scharfstellen zu können, wird somit stark in Zweifel gestellt. Wenn überhaupt, dann könnte man mit dem engen Durchlaß des langen Porrosystems allenfalls noch ein quadratisches Mattscheibenbild abdecken. Das Sucherbild wäre aber trotzdem enttäuschend klein und dunkel. Porroprismen- und Porrospiegelsucher haben sich daher im Kamerabau nie richtig durchsetzen können, obwohl es vonseiten der Kamerahersteller nicht an Versuchen gefehlt hat, sie ab und an einzusetzen.


Obwohl diese Porro-Anordnung also noch nicht die finale Lösung für ein Umkehrsystem darstellte, die für eine Kleinbildspiegelreflex geeignet gewesen wäre, hat sich die Zeiss Ikon AG meiner Einschätzung nach mit ihr ein geschickt ausformuliertes Grundlagenpatent sichern können. Das Faktum nämlich, daß es sich bei dem Ausführungsbeispiel um zwei (miteinander verkittete) rechtwinklige Prismen handelt, ist nämlich nur ein kleiner Bestandteil des Patentes, der zudem noch in den Unteransprüchen versteckt ist. Der eigentliche Kern dieses Patentes liegt nämlich vielmehr darin, daß es ein Suchersystem schützt, bei dem zum einen die grundlegende Anordnung eines Prismenumkehrsystems „im Lichtweg zwischen Mattscheibe und Einblicksöffnung“ (Unteranspruch 1) geschützt wird und zum anderen, daß in der Einblicksöffnung ein als „Bildfeldlinse“ bezeichnetes Okular angeordnet ist (Unteranspruch 4). Bei genauer Betrachtung könnte man also schlußfolgern, die Zeiss Ikon AG habe versucht, sich mit diesem Patent die Priorität für Prismenumkehrsysteme bei Reflexkameras schlechthin zu schützen.

DE556783 Staudinger Umkehrsystem

Denn immer wieder wird von verschiedenen Autoren behauptet, ein Patent Kurt Staudingers [Nr. DE556.783 vom 8. August 1931] sei Grundlage für  den Prismensucher der Spiegelcontax gewesen. Dabei muß bei bloßer Betrachtung der beigefügten bildlichen Darstellungen seiner Erfindung sofort auffallen, daß Staudingers Patent ein wesentliches Bauteil fehlt, um es als Suchersystem nach den Bedingungen funktionieren zu lassen, wie ich sie oben bereits umrissen habe: Das Okular nämlich!


Es ist doch ziemlich offensichtlich, daß diese Spiegelanordnung Staudingers noch ganz und gar auf die altmodischen, voluminösen Platten-Spiegelreflexkameras mit einem Aufnahmeformat von etwa 13x18 cm zugeschnitten war. Nur ein solches Mattscheibenbild ist nämlich groß genug, um es aus der für ein normalsichtiges Auge üblichen deutlichen Sehweite von 25 bis 30 cm betrachten zu können. Für alle Formate, die kleiner sind, braucht man aber ein Okular – also ein sammelnd wirkendes Augenglas, durch dessen Wirkung man die physiologisch gegebene deutliche Sehweite unterschreiten kann. Aus diesem Grunde hat beispielsweise das Okular einer Kleinbild-Mattscheibenkamera einen Vergrößerungsfaktor von etwa 1:5, denn 5 x 36 mm Bildbreite ergibt dann wieder die 18 cm, die auch das "unbewaffnete" Auge bequem überblicken kann.

Contax Umkehrsystem

Die Brennweite des dafür notwendigen Okulars erhält man nun, wenn man die deutliche Sehweite von 250 mm durch den Vergrößerungsfaktor teilt. Sie liegt demnach bei etwa 50 mm. Das wiederum bedeutet, daß bei einer Kleinbildkamera zwischen Okular und Mattscheibe nur allerhöchstens 50 mm Luftzwischenraum liegen darf. Das klingt nach viel, aber in der Praxis wird der Lichtweg durch die notwendige zweimalige Spiegelung rasch aufgezehrt. Diese zweimalige Spiegelung ergibt sich, weil das Sucherbild erstens auf Seitenrichtigkeit gedreht und zweitens gleichzeitig aufrecht gestellt werden muß. Anders als in Staudingers Patentzeichnung hat es sich später durchgesetzt, daß das Licht dazu nach Eintritt in das Prisma zunächst auf eine sogenannte Dachkante trifft. Diese bewirkt zwar einerseits, daß die Seitenverdrehung des Bildes behoben wird, andererseits stellt sie dasselbe nun auf dem Kopf. Deshalb ist eine weitere plane Reflexionsfläche vonnöten, die zunächst das Bild wieder aufrecht stehen läßt und als eine zweite Wirkung die gewünschte Knickung des Strahlenganges um 90 Grad hervorruft, sodaß die optische Achse des Suchereinblicks jetzt parallel zur Achse des Aufnahmeobjektivs zu liegen kommt. Für den Kameranutzer ergibt sich dadurch eine Wirkung, wie als würde er direkt "durch das Objektiv schauen".

Prisma Contax S

Für diesen Zweck ein Prisma aus Glas zu verwenden, statt die Reflexion über Spiegel zu bewerkstelligen, bot mehrere Vorteile. Bei einem monolithischen Prisma sind die Winkel der reflektierenden Flächen ein für alle mal exakt festgelegt; eine Verformung beispielsweise durch Wärmeeinfluß ist ausgeschlossen. Außerdem kann bei einem Prisma die notwendige Versilberung außen auf das Glas aufgebracht werden, was Haltbarkeitsprobleme wie bei Oberflächenspiegeln minimiert. Die Versilberung wurde zusätzlich verkupfert und anschließend ein schwarzer Decklack aufgebracht, der zusätzlichen mechanischen Schutz brachte. Ein Glasprisma hat zudem gegenüber einem Spiegelsystem den Vorteil, daß die Brechzahl des Glases eine scheinbare Verkürzung des Lichtweges bewirkt. So wie unter Wasser alle Gegenstände um ein Drittel näher zu liegen scheinen, weil der Brechungsindex von Wasser bei 1,33 liegt, so sorgt ein Glas mit der Brechzahl 1,5 dafür, daß die Mattscheibe um die Hälfte näher und damit auch 50 % größer erscheint, als wenn sich zwischen Okular und Mattscheibe nur Luft befände. Dachkant-Umkehrsysteme auf Basis von Spiegeln wurden später allenfalls bei preiswerten Autofokus-Spiegelreflexkameras eingesetzt, bei denen ein entsprechend kleines und dunkles Sucherbild zugunsten einer massiven Gewichtseinsparung in Kauf genommen wurde.

Contax S Querschnitt

Solcherlei Umkehrprismen brachten anfänglich natürlich etliche konstruktive Schwierigkeiten mit sich. Bildfeldlinse, Prisma und Okular zusammengenommen ergaben schließlich ein optisches System, wie man es im Prinzip auch aus Prismenfernrohren kannte, aber mit dem Unterschied, daß hier ein sehr großer Blickwinkel abgedeckt werden mußte. Bei einem derart großen Blickwinkel hat man aber das Problem, daß die Randstrahlen nicht mehr genau senkrecht auf die Eintritts- und Austrittsflächen des Prismas auftreffen, sondern leicht schräg. Schräger Lichteinfall in ein Prisma bringt aber die Gefahr mit sich, daß das Licht in seine spektralen Bestandteile zerlegt würde. Das hätte eine Abbildung mit farbigen Rändern nach sich gezogen. Außerdem tritt bei schräg durchlaufenden Lichtstrahlen in Prismen leicht Astigmatismus auf. Diese Schwierigkeiten scheinen auch der Grund gewesen zu sein, weshalb ursprünglich bei der Spiegelcontax keine bildaufhellende Feldlinse eingesetzt, sondern kurzerhand die gesamte untere Lichteintrittsfläche mattiert wurde. Durch das auf diese Weise völlig diffus gemachte Licht konnte jegliche problematische Richtungswirkung eliminiert werden. Ein Bericht von einer Tagung des Fachausschusses Photo vom 27. Juli 1948 läßt uns jedoch wissen, daß ursprünglich durchaus eine separate Mattscheibe vorgesehen war. Weil es aber zwischen dieser Mattscheibe und dem Prisma zu Reflexionen kam, fragte der Chefkonstrukteur Winzenburg bei Zeiss an, ob man das Belegen mit T-Belag versuchen könne, um Abhilfe zu schaffen [Zeissarchiv, Bestand 19117]. Da genau dies bei den späteren Seriengeräten nicht umgesetzt wurde, können wir davon ausgehen, daß das direkte Mattieren der Prismenunterseite auch dem Vermeiden von Reflexen geschuldet war. Oder aber es lag an den Schutzrechten, die der Italiener Telemaco Corsi (1899 - 1978) in dieser Beziehung mitlerweile für sich gesichert hatte (siehe Abschnitt 2.2)

Contax S Prism

Zur weiteren Erschwernis bei der serienmäßigen Fertigung dieses Umkehrprismas gesellte sich, daß sich die verwendete Glasart mit hoher Lauterkeit herstellen lassen mußte, denn die besagten langen Lichtwege im Prisma verlangten nach absolut klaren sowie blasen- und schlierenfreien Glasstücken, da eine noch so kleine Störung bei der Sucherbildbetrachtung sichtbar gewesen wäre. Dafür kam nur Borosilikat in Frage. Die Herstellung solcher Glasstücke in großen Stückzahlen war zu jener Zeit offenbar noch eine große Herausforderung, zumal die dafür notwendige technische Ausrüstung den Quellen zufolge 1946/47 in die Sowjetunion verbracht worden war [sog. "Schüttelanlagen", vgl. CIA-RDP82-00457R011800300007-5 und CIA-RDP82-00457R000400690010-5].

Contax S Prisma

An dem Schnitt durch eine Contax S erkennt man oben noch einmal deutlich, wie direkt die Lichteintrittsfläche des Prismas mattiert ist.  Dieser Wegfall einer separaten Bildfeldlinse hatte damals den angenehmen Nebeneffekt, die Kamera insgesamt sehr niedrig halten zu können. Der Nachteil dieser Bauart lag aber darin, daß von der mattierten Prismenunterseite keinerlei Kollektivwirkung ausging, das heißt das Licht wurde wild zerstreut statt gezielt ins Okular gelenkt zu werden. Dadurch erschienen insbesondere die äußeren Bereiche des Bildfeldes derart abgedunkelt, daß als Notbehelf die Ränder der Prismenunterseite facettiert wurden, um auf diese Weise wenigstens einen hellen Rahmen zu erzeugen, der das Bild eindeutig äußerlich abgrenzte. Deutlich sichtbar ist auch, daß Lichteintritts- und Lichtaustrittsfläche keinen 90-Grad-Winkel zueinander bilden. Mit diesem Kunstgriff konnte die Sucherabdeckung bei langen Brennweiten verbessert werden, weil auf diese Weise der Spiegel einen größeren Öffnungswinkel als 45 Grad zur optischen Achse einnehmen konnte.

Contax F Herbstmesse 1956

Im Zuge einer offenbar "schleichenden" Übernahme der Konstruktionsverantwortung für die Spiegelcontax durch den VEB Kamerawerke Niedersedlitz erhielt zur Herbstmesse 1956 [Vgl. Brauer, Egon: Herbstmesse 1956 in Leipzig; in: Bild & Ton, Heft 9/1956, S. 246f.] das neue Modell Contax F nicht nur umgehend eine Springblendenauslösung, wie sie in etwa zur selben Zeit auch bei der neuen Praktica FX2 ergänzt wurde, sondern auch endlich eine – wenn auch recht dünne – Bildfeldlinse. Dadurch konnte nicht nur die Bildhelligkeit in den Randzonen ein wenig erhöht werden, sondern es wurde auch möglich, ein Meßkeilpaar zur besseren Scharfstellung zu integrieren. Damit näherte sich das mittlerweile ziemlich betagte Suchersystem der Spiegelcontax wieder ein wenig dem internationalen Stand der Technik an.

Die Umkehrprismen der Spiegelcontax. Jeweils links die ursprüngliche Bauform, bei der die gesamte Lichteintrittsfläche mattiert war. Gut zu sehen die Abschrägung (Facettierung) am Rand, die den hellen Rahmen zur Abgrenzung des Bildfeldes bewirkt. Ab 1956 wurde das Prisma unten verkürzt und dafür eine flache Bildfeldlinse angekittet. Neben einer leichten Aufhellung des Sucherbildes war es auf diese Weise erstmals möglich, die Contax mit einem Meßkeilpaar anbieten zu können (Contax FM bzw. FBM).

Denn man merkte der Spiegelcontax mittlerweile ihre Pionierrolle deutlich an. Als sie damals im Jahre 1949 erschien, war die herausragende Bedeutung ihres Prismensuchers vielleicht noch nicht zu 100% abzusehen. Die meisten Hersteller von Reflexkameras – und so viele waren das damals noch nicht – hielten erst einmal am Lichtschacht fest oder fuhren zumindest zweigleisig, indem sie das Prisma nur zum auswechseln oder gar nur zum auf den Lichtschacht aufsteckbar anboten. Die Situation kippte erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Die Kameranutzer hatten quasi mittels ihres Kaufverhaltens über die Frage Prismensucher oder Lichtschacht abgestimmt. Am Anfang wurde der Prismensucher von den Herstellern nur als optionales Zubehör angesehen, vom dem man ausging, daß ihn nur die „ernsthaften“ Amateure zusätzlich anschaffen würden. Das stellte sich aber als falsch heraus. Das Umkehrprisma wurde aufgrund seiner Vorteile sehr stark nachgefragt. Und da zum Beispiel das unpraktische Aufsatzprisma für die Praktica FX die besagten Vorteile einigermaßen verspielte, wurde es damals scharf in der Presse kritisiert, woraufhin die Kamerawerke den Lichtschacht der Praktica FX2 derart umkonstruierten, daß das Umkehrprisma regelrecht in ihn hineingesetzt werden konnte, nur um kurze Zeit später diese Bauweise ganz und gar aufzugeben. So geschah es, daß auf der Frühjahrsmesse 1959 gleich zwei konkurrierende Spiegelreflexkameras mit FEST EINGEBAUTEM Prismensucher erschienen: Die Praktica IV und die Exa II. Das fest eingebaute Prisma war auf einmal zur Standardbauweise geworden. Zur selben Zeit beging die Spiegelcontax, die diese Idee etabliert hatte, freilich bereits ihr zehntes Jubiläum.

Contax E

Der Pfad, der letztlich zu dieser Reflex-Contax geführt hat, war jedoch ausgesprochen steinig und lang gewesen. Der ganze Anfang dieses Projektes ist schon allein durch die Vorgabe des damaligen ZI-Chefs Heinrich ("Heinz") Küppenbender erschwert worden, weil dieser unbedingt den patentrechtlich umfassend geschützten Metallrolloverschluß der Contax auch für das Projekt einer Kleinbildreflexkamera eingesetzt sehen wollte. Dieses Ansinnen erwies sich sehr bald als unerfüllbar. Die obere Welle des über die kurze Bildfensterseite ablaufenden Rolloverschlusses befand sich nämlich genau dort, wo bei der Reflexkamera das Prisma und das Okular zu liegen hatten. Diese Syntax als oft erwähnter Ausgangspunkt einer "Spiegelreflexversion" der Contax Meßsucherkamera ist aufgrund eines französischen Patentes Nr. 875.596 vom 1. September 1941 überliefert.  Eine noch während des Krieges unter Friedrich Schieber und dem verwundet nach Dresden zurückgekehrten Siegfried Böhm erarbeitete Alternative war bereits von diesem Ansatz abgekehrt. Doch diese Arbeiten sind bei dem verheerenden Bombenangriff auf die Stadt vom Februar 1945 allesamt verbrannt. Die Entwicklergruppe unter Wilhelm Winzenburg mußte also noch einmal völlig von Neuem beginnen, als sie nur wenige Wochen nach dem Kriegsende zum dritten Mal an die Aufgabe gingen, der Zeiss Ikon endlich zu einer Einäugigen Kleinbildspiegelreflexkamera zu verhelfen.

Syntax-Projekt

Oben ist die sehr bekannte Zeichnung aus dem französischen Patent 884.054 vom August 1941 zu sehen, das stets zur Illustration des Syntax-Projektes angeführt wird. Man erkennt sofort, woran die angestrebte Synthese aus der Contax Meßsucherkamera mit dem Spiegelreflexprinzip damals krankte: Der Schlitzverschluß der Contax vertrug sich nicht mit dem großen Glaskörper des Umkehrprismas.


Wenig bekannt sind übrigens zwei Schweizer Patente zur Syntax mit den Nummern CH219162 vom 15. April 1940 und CH229553 8. Oktober 1941, die sich beide mit dem Spiegelmechanismus dieser Kamera beschäftigen. Das erste beschreibt die Kupplung von Spiegel und Schlitzverschluß, das zweite baute die Lösung sogar für einen echten Rückkehrspiegel aus. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, daß später der Spiegelmechanismus der Stuttgarter Contarex nach diesem Prinzip arbeitete.

2.2 Die Priorität des italienischen Kamerabaus

Zunächst eine persönliche Anmerkung: Mich interessieren solche Prioritätsfragen eigentlich überhaupt nicht und ursprünglich bin ich auf dieser Seite auch nicht weiter darauf eingegangen. In den meisten Fällen ist es ziemlich irrelevant, wer zuerst womit am Markt erschienen ist; vielmehr kommt es doch darauf an, wer mit einem bestimmten Produkt wirtschaftlich erfolgreich war, wer die technische Weiterentwicklung beherrscht hat, usw. Es ist jedoch ein anderer Aspekt, der mich dazu zwingt, hier nun doch einmal eine eindeutige Stellung zu diesem Thema zu beziehen. Schon vor zehn Jahren, als ich den Artikel "Serienmäßig umgebaut" geschrieben habe, war mir aufgefallen, welch ein Schlendrian zum Teil in der Sammlerliteratur vorherrscht. Dort wurde viel behauptet, aber nur wenig davon mit Quellenmaterial belegt; und wenn aber Quellen erwähnt wurden, dann nur diejenigen, mit denen sich eine zuvor schon gefaßte Meinung bekräftigen ließ. Wenn man frisch von der Uni kommt, wo einem die selektive Quellenwahl und mangelnde Quellenkritik gerade ausgetrieben wurden, dann sticht so etwas natürlich ganz besonders ins Auge. Im Falle der Contax S als angeblich erste Spiegelreflexkamera mit Prismensucher hat das Ganze jedoch noch eine andere Dimension. An ihrem Beispiel läßt sich nämlich zeigen, wie die deutschsprachige "Fachautorenschaft" über Jahrzehnte hinweg ihre Leser hinters Licht geführt hat, um eine bereits in der Zeit um 1950 aufgekommene Prioritäts-Behauptung auf Biegen und Brechen fortzuschreiben. Man hat fast den Eindruck einer kollektiven Geschichtsklitterung.

Contax S Reklame 1950/51

"Die erste Spiegelreflex-Camera mit Prismenfernrohrsucher und horizontalem Einblick ist die CONTAX S 24x36 mm" – so zumindest behauptet es die oben zu sehende Werbeanzeige, die der VEB Zeiss Ikon in dieser Form in den Jahren 1950/51 geschaltet hat. Auch wenn man Werbetexte bekanntlich nicht zu ernst nehmen sollte, so verbirgt sich hinter dieser Aussage nicht weniger als die Auseinandersetzung um die Priorität des ersten Einsatzes eines Prismen-Umkehrsystems im Kamerabau schlechthin und damit um die Einführung eines Aufbaus der Reflexkamera, den nur wenige Jahre später alle Hersteller in dieser Form übernommen haben. Dabei hatte sich die über Jahre und Jahrzehnte hinweg wiederholte Behauptung des VEB Zeiss Ikon und seiner Nachfolgebetriebe "wir waren die ersten" so festgesetzt, daß Fachleute völlig verunsichert waren, als sie später auf handfeste Anzeichen dafür stießen, daß die italienische Rectaflex schon Monate vor dem Erscheinen der Contax S mit einem solchen Prismensucher ausgeliefert worden war.

Wann genau man den Startpunkt für die Serienfertigung der Rectaflex ansetzt, ist eine Frage des Standpunktes. In verschiedenen italienischen Veröffentlichungen wird der Jahresbeginn 1949 als Übergang von der Nullserienmontage zur Serienfabrikation angegeben. Weniger in Italien selbst, dafür aber in anderen westeuropäischen Ländern sowie auf dem Nord- und Südamerikanischen Markt tauchte die Rectaflex jetzt nach und nach im Handel auf. Natürlich darf man sich das nicht so vorstellen, daß sie überall in diesen Ländern sofort in den Auslagen aller Fachgeschäfte stand, denn dafür waren die hergestellten Stückzahlen angesichts der recht schleppend vor sich gehenden Fabrikation viel zu klein. Zudem wird von zahlreichen Reklamationen berichtet sowie einem Vorgang, den wir heute als Rückrufaktion bezeichnen würden. Diese Umstände ändern aber rein gar nichts daran, daß die Rectaflex trotzdem die erste Kleinbildspiegelreflexkamera der Welt mit Pentaprismensucher gewesen ist. Und in der Reaktion des VEB Zeiss Ikon, der im März 1949 rasch Patente anmeldete und die Kamera auf der Messe zeigte, obwohl sie noch gar nicht produktionsreif war (siehe folgende Abschnitte), muß man aus heutiger Sicht als eine Panikhandlung ansehen, weil man sich seinerzeit in Dresden bewußt wurde, die Priorität für diese Pionierleistung gerade eingebüßt zu haben. Da half es auch nichts, daß der VEB Zeiss Ikon in der Folgezeit seinen Prioritätsanspruch auf das Penta-Dachkantprisma derart aggressiv in den Werbeannoncen und Pressetexten für sich in Anspruch nahm.

CH264025 Rectaflex

Einen Einblick in die Frühgeschichte der Rectaflex gibt uns dieses Schweizer Patent Nr. 264.025 vom 18. März 1948, das eindeutig einen Prismensucher zeigt, auch wenn hier noch nicht von einer Dachkantfläche zur Herstellung der Seitenrichtigkeit die Rede ist, sondern nur davon, daß das Bild aufgerichtet wird (Unteranspruch 4). In Italien war dieses Patent bereits am 3. Juni 1947 (!) angemeldet worden. Telemaco Corsi war der Mann hinter der Rectaflex. In dieser Form, also durchaus mit einem Prisma, aber wenngleich noch mit einem seitenverkehrtem Sucherbild, ist also die Rectaflex mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Frühjahr 1947 erstmals als Prototyp gezeigt worden.

FR58366E

Zum 24. Mai 1948 wurde in Frankreich (Italien: 16. April 1948) ein Zusatz-Patent Nr. 58.366 nachgeschoben, bei dem verschiedene Bauweisen des Umkehrprismas geschützt wurden. Im Patentbeispiel 2 ist nun eindeutig ein Penta-Dachkantprisma zu sehen. Die in der deutschen Literatur vorgebrachte Behauptung (siehe weiter unten), die Rectaflex sei bis 1949 zunächst nur mit einem Spiegelsucher und einem seitenverkehrten Sucherbild auf den Markt gebracht worden und die Contax S sei deswegen mit ihrem Umkehrsucher früher dran gewesen, entbehrt angesichts dieser Patente jeglicher Grundlage. Im Gegenteil: es wird deutlich, daß die Rectaflex kurz vor der Präsentation auf der Mailänder Messe vom April/Mai 1948, um die sich hier immer alles dreht, mit exakt diesem Dachkant-Pentaprisma ausgerüstet wurde.

GB677639 Rectaflex Prism

Knapp ein Jahr später, zum 22. März 1949, hatte Telemaco Corsi in Italien ein Patent angemeldet, mit dem er dem Übelstand begegnete, daß die Brennweite des Okulars nicht kürzer sein kann als der Lichtweg innerhalb des Umkehrprismas. Dadurch ist die Bildgröße eingeschränkt. Mit dem Einführen von sphärisch gekrümmten statt planen Flächen konnte er nicht nur ein größer erscheinendes Sucherbild erzielen, sondern auch ein deutlich helleres. Diese neue Bauform des Prismas wurde nach allem was bisher bekannt ist ebenfalls noch im Jahr 1949 in die Serie überführt. Übrigens: Mehr als 20 Jahre später hat die Firma Olympus Umkehrprismen mit konvexen Lichteintrittsflächen in ihre OM1 eingebaut und damit ein beeindruckend großes Sucherbild erzielt.

US168088S Rectaflex

Selbst die äußere Gestalt der Rectaflex war in Italien bereits zwei Wochen vor der ersten offiziellen Vorstellung der Contax S am 6. März 1949 geschützt worden, wie durch dieses US-amerikanische Design Patent überliefert ist.

Diese angebliche Priorität bei der Anwendung eines Prismensuchers zum Erzielen eines geradsichtigen Einblicks und eines zugleich seitenrichtigen Sucherbildes durch den Dresdner Kamerabau ist spätestens seit der Jahrtausendwende in der Literatur zweifelsfrei widerlegt und die diesbezügliche Vorreiterrolle der Rectaflex mittlerweile weltweit anerkannt. Wie oben gezeigt werden konnte, finden dabei die in der italienischen Fachliteratur angegebenen Jahreszahlen [Vgl. Antonetto, Marco: Rectaflex, the Magic Reflex, 2002.] ihre unzweideutige Bestätigung in den Schutzschriften. Diese Patente waren übrigens bereits seit den 2000er Jahren online recherchierbar. Um so ärgerlicher ist es, wenn Fachautoren wie Alexander Schulz oder Gerhard Jehmlich diese peinliche Manipulation der Wahrheit bis in die jüngste Zeit durch ihre Veröffentlichungen weiterverbreitet haben.

Alexander Schulz über Rectaflex

Oben ist gezeigt, wie "umfangreich" Alexander Schulz die angebliche Prismensucher-Priorität der Contax S behandelt – eine Priorität, die er immerhin bereits im Untertitel seines im Jahre 2000 erschienen Werkes im Vorhinein proklamiert. Wenn man dann liest, was er tatsächlich zu dieser zentralen Frage zu sagen hat, dann wundert man sich, wie dieser studierte Mann seine Auffassung allen Ernstes aufrecht erhalten konnte. Er schreibt doch selber, daß Corsi bereits 1948 ein Pentaprisma konstruiert hatte. Daß Schulz dann nicht wußte, in welchem Monat genau die Rectaflex in die Serienfertigung ging, das liegt doch ganz allein daran, daß er zur Beantwortung dieser Frage Literatur aus dem Jahre 1987 zu Rate gezogen hatte. Aber noch im Jahre 2008 (!), in der dritten Auflage seines Contax-Buches, hat er diesen Abschnitt genau so publiziert, wie er oben gezeigt ist (nur eben 1:1 ins Englische übersetzt). 2008 hätten jedoch bereits wenige Klicks im Internet genügt, um in dieser Frage zu einer ganz anderen Einschätzung zu gelangen. Doch dann hätte er ja den Untertitel seines Buches abändern müssen.


Um es noch einmal auf einen einfachen Nenner zu bringen: Im Prinzip ist der obige Text Schulzes ja richtig. Es müssen nur zwei Stellen geändert werden. Erstens ist die Wortgruppe "mit sphärischen Flächen" zu streichen, denn die ersten Prismen hatten plane Flächen, die sphärischen kamen, wie weiter oben gezeigt, erst im Jahre 1949. Zweitens ist der Eingangssatz zu korrigieren. Er muß heißen: "Allerdings war die Priorität der Rectaflex äußerst knapp". Denn während die Contax S erstmals im November 1948 öffentlich vorgestellt wurde, geschah dies mit der Rectaflex bereits im April/Mai. Und so problembehaftet die Serienfertigung der Rectaflex auch gewesen sein mag, so war sie dennoch bereits Monate vor derjenigen der Contax S angelaufen. Punktum!

Jehmlich Priorität Contax-Rectaflex

Fast schon absurd wird es jedoch, wenn man sich anschaut, wie Gerhard Jehmlich in seinem Pentacon-Buch aus dem Jahre 2009 diese Frage noch vollends ins Unfaktische stürzt. Zunächst erklärt er diese Prioritätsdebatte a priori als eindeutig geklärt zugunsten der Contax S. Zum Beleg dieses Urteilsspruchs zitiert er dann das Contax-Buch von Schulz, wonach die Rectaflex noch im Mai 1948 ein seitenverkehrtes Sucherbild gehabt habe. Das steht dort aber gar nicht. Wie man oben selbst nachlesen kann, spricht Schulz von der Messe 1947. So sehr ich Dr. Jehmlich eigentlich schätze, aber hier hat er dasselbe getan, wofür ich Hummel immer wieder so angreife: Nämlich sich zu einer wichtigen Frage eine vorgefertigte Meinung gebildet, die er in apodiktischer Manier verkündet und sich dann die Fakten so zurechtbiegt, daß sie auf die Behauptung passen.

An diesem Prospektausschnitt aus dem Jahre 1960 wird deutlich, daß die Manipulationen in Hinblick auf die Priorität der Spiegelcontax eine lange Tradition haben. Mag sein, daß man in Dresden bereits im Jahre  1947 erstmals ein Umkehrprisma in einen Contax-Prototypen eingebaut hat; ein fertiges Produkt war diese Kamera damals aber noch lange nicht!


Mit dieser Rückdatierung auf das Jahr 1947 hat es wohl folgende Bewandtnis: Nach dem Patentrecht vieler Länder wird eine Patentierung dann nichtig, wenn der Gegenstand der Erfindung bereits zuvor angewendet worden ist. So formuliert beispielsweise das deutschen Reichspatentgesetz:


§ 2. Eine Erfindung gilt nicht als neu, wenn sie zur Zeit der auf Grund dieses Gesetzes erfolgten Anmeldung in öffentlichen Druckschriften aus den letzten hundert Jahren bereits derart beschrieben oder im Inlande bereits so offenkundig benutzt ist, daß danach die Benutzung durch andere Sachverständige möglich erscheint.


Wenn auch die Syntax-Prototypen und die Konstruktionszeichnungen im Februar 1945 verbrannt waren, so konnte man in Dresden wohl gerichtsfest nachweisen, bereits 1947 Umkehrprismen verwendet zu haben. Falls es also jemals zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit Telemaco Corsi gekommen wäre, so hätte der VEB Zeiss Ikon auf diese Weise dessen patentrechtliche Priorität in Zweifel ziehen können. Doch dazu kam es nach allem was bekannt ist nie. Auch die westdeutsche Zeiss Ikon AG hatte seit 1954 eine Spiegelreflexkamera mit Prismensucher im Programm, ohne mit Herrn Corsi rechtlich ins Gehege zu geraten. Das liegt auch daran, daß die Firma, die die Rectaflex hergestellt hat, bereits seit 1951/52 sukzessive in die wirtschaftliche Krise abgerutscht war, von der sie sich letztlich nicht wieder erholen konnte. Der Aufbau der ganzen Fabrik war 1947/48 nur durch Aufnahme hoher Kredite möglich gewesen, und nachdem dieses Geld nun langsam aufgebraucht war, ging der Firma die Puste aus. Der Italienische Staat war halt nicht bereit, seine Kameraproduktion so zu subventionieren, wie die DDR das tat (siehe Abschnitt 5.3).

Alexander Schulz - Contax S
Alexander Schulz - Contax S

Oben: Die notwendigen Korrekturmaßnahmen im Überblick

4. Der Schlitzverschluß der Spiegelcontax

Wilhelm Winzenburg und seine Leute haben sich das grundsätzliche Konzept des Leica-Verschlusses zum Vorbild genommen, als sie kurz nach dem Kriegsende das Projekt einer Kleinbildreflexkamera mit Geradsichtsucher wieder aufnahmen. Das erkennt man an wesentlichen Gestaltungsmerkmalen des Verschlußaufbaus. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, die nötigen etwa 40 mm Tuchlänge abrollen zu lassen. Die Schlitzverschlüsse des alten Prinzips arbeiteten quasi alle mit relativ dünnen Walzen, auf denen die Rollos aufgewickelt werden. Diese müssen sich also mehrfach um die eigene Achse drehen, um die gesamte Länge der Vorhänge aufwickeln zu können. Mit der Schlitzweitensteuerung, die sich um weniger als 360 Grad drehen darf, sind diese Walzen daher durch eine Getriebeübersetzung verbunden. Nach diesem Prinzip arbeiten auch die Verschlüsse der Exakta und der Praktiflex/Praktica. Bei der Leica hingegen sind die Rollowalzen derart groß vom Durchmesser gewählt, daß auf ihrem Umfang die gesamte Tuchlänge Platz findet, obgleich der Drehwinkel des Zeiteinstellknopfs ebenfalls unter 360 Grad bleibt. Der große Vorteil dieser Bauart ist, daß schwierig herzustellende, platzintensive und stets Hemmungen mit sich bringende Getriebeteile entfallen können. Bei der Leica kommt noch hinzu, daß der erste Verschlußvorhang den Start des zweiten Vorhanges über eine reine Hebelkonstruktion auslöst, also ebenfalls getriebelos. So eine simple Konstruktion kam für Winzenburg allerdings nicht infrage, denn sein Ziel war es, mit einer einzigen Ansteuerung alle Zeiten von einer Sekunde bis zur Tausendstel abzudecken.

Leica Verschluß Prinzip

Grundsätzliches Funktionsprinzip des Leicaverschlusses mit seinen drei Wellen und der Steuerwalze mit dem großen Durchmesser. Die Getriebeteile, die hier zu sehen sind, haben nur die Funktion, den Verschlußaufzug mit dem Filmtransport zu kuppeln. Für die Verschlußzeitenbildung sind sie prinzipiell  nicht nötig.

Wilhelm Winzenburg (1895 bis 1972) war von Hause aus Kinotechniker. Viel bedeutender als seine Konstruktionsarbeit an der Spiegelcontax war eigentlich sein Beitrag zur Verbesserung der Lichttheaterprojektion. Auf seine Anregung hin wurden ab etwa 1922 statt Linsenkondensoren Spiegeloptiken zur Durchleuchtung des Bildfensters eingesetzt (sog. „Artisollampe“). Die großen Lichtspielhäuser der goldenen Ära des Kinos mit ihren großen Leinwänden und den vielen hundert Sitzplätzen wären ohne solche Spiegelsysteme nicht denkbar gewesen. Winzenburg arbeitete für die Hahn AG in Kassel, die eine Tochterfirma der Goerz AG gewesen ist und zusammen mit dieser 1926 in der neuen Zeiss Ikon AG Dresden aufging. Winzenburg ging nach Dresden und entwickelte hier die Projektoren „Kinobox“ und „Phonobox“, die als kompakte, transportable Projektoren für den Landfilm entwickelt wurden und als Vorläufer des Tonkoffers TK35 angesehen werden können. Während des Krieges war er mit der Konstruktion von Bombenzielgeräten befaßt [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 60.]. Aufgrund seiner umfangreichen feinwerktechnischen Kenntnisse wurde Winzenburg gleich nach dem Kriege wohl auf direkte Anordnung von Seiten der Besatzungsmacht zum Chefkonstrukteur bei der Dresdner Zeiss Ikon AG gemacht, wo er die Arbeiten an der Spiegel-Contax leitete. Nach "Fertigstellung der wesentlichen Arbeiten an diesem Projekt" sei er wieder in sein Spezialgebiet der Kinogeräte gewechselt und unter seiner maßgeblichen Verantwortung wurde die oben bereits gezeigte „Dresden D1“ als Nachfolgerin der berühmten Ernemann VIIB Theatermaschine entwickelt. Später habe er die Gesamtleitung der Abteilung Forschung und Entwicklung des VEB Zeiss Ikon übernommen [Angaben nach Schulze-Manitus, Hans: Technische Filmchronik, Bild und Ton 7/1960, S. 223].

Kuhnert, Hennig, Winzenburg

Das offizielle Pressephoto zeigt den Zeiss-Ikon-Chefkonstrukteur Wilhelm Winzenburg (rechts) zusammen mit seinen beiden Mitstreitern Rudolf Kuhnert (links) und Walter Hennig (Mitte).

Nüchtern betrachtet muß man es im Nachhinein regelrecht als Glücksfall ansehen, daß vom „Syntax-Projekt“ nach dem Ausbrennen des Zeiss-Ikon-Werkes nichts übrig geblieben war. Denn vor allem in Hinblick auf das Herzstück einer solchen Kamera – den Schlitzverschluß nämlich – konnten nun Wilhelm Winzenburg und Rudolf Kuhnert einen völlig neuen Weg einschlagen. Das wirkte sich dadurch letztlich auch positiv auf den gesamten Grundaufbau der Kamera aus. Wenn man es drastisch ausdrücken möchte, so konnten die Konstrukteure sich nun gänzlich von dem Murks frei machen, den es bedeutet hätte, den Zweiwellen-Metallrolloverschluß der Contax-Meßsucherkamera in die Reflexkamera einbauen zu müssen.

4.1 Das Hauptpatent

Sich von einem falschem Konstruktionspfad zu lösen, zieht aber auch zwangsläufig das Problem nach sich, einen besseren finden zu müssen. Schließlich lag die Prämisse ja darin, daß die neue Reflex-Contax kaum mehr bauliches Volumen einnehmen sollte als ihre Meßsucher-Vorgängerinnen. Daher mußten Wege gefunden werden, den nun über die lange Bildfensterseite ablaufenden Schlitzverschluß so kompakt wie möglich zu bauen. Wichtigste Quelle für ein Nachvollziehen der diesbezüglichen Konstruktionsarbeiten Winzenburgs und Kuhnerts ist das Patent Nr. DD5395 „Schlitzverschlußeinrichtung für photographische Kameras“ vom 6. März 1949. Diese umfängliche Patentschrift erhebt nicht weniger als 22 schutzrechtliche Ansprüche. Sie gibt nicht den Entwicklungsstand der Spiegelcontax im Frühjahr 1949 – also nach Abschluß der Entwicklungsarbeiten – wieder, sondern das Grundprinzip des Verschlusses, das über mehrere Jahre hinweg erarbeitet worden war. Nicht alle im Patent genannten Details stimmen daher mit dem tatsächlich in die fertige Kamera eingebauten Verschluß überein, sondern zeigen die verschiedenen Lösungswege, die von der Entwicklergruppe eingeschlagen worden waren. Allerspätestens wenn ein Produkt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist es ratsam, sich diese Neuerungen und Entwicklungspfade patentrechtlich schützen zu lassen, um zunächst einfach einen bloßen Nachbau zu verhindern. Kein Wunder also, daß die Anmeldung der Schlüsselpatente der neuen Kamera mit der Eröffnung der Leipziger Frühjahrsmesse 1949 vom 6. bis 13. März 1949 zusammenfiel. Gleichsam ist eine solche Patentanmeldung natürlich auch eine der wichtigsten Möglichkeiten für Konstrukteure, ihre abgeschlossenen Entwicklungsarbeiten zu Veröffentlichen und damit einen Beitrag zur Eruierung des internationalen technischen Standes zu leisten. Offenbar wurden die Konstruktionsarbeiten für die Spiegelcontax im Frühjahr 1949 als weitgehend abgeschlossen angesehen.

Contax Schlitzverschluß

Bevor ich auf einige Details des Patents eingehe noch ein paar Worte zum Grundprinzip des Contax-Verschlusses. Das absolut Neue und mithin Moderne dieses Verschlusses war ein Aufteilen des Mechanismus in denjenigen Part, der die Rollos antreibt und denjenigen, der den Ablauf dieser Rollos steuert. Bei Kameras wie der Leica, Exakta und Praktica sind diese beiden Teile untrennbar miteinander verknüpft, das heißt diejenige Kraft, die die Rollos bewegt, treibt auch das Zeitsteuerwerk mit an. Die Bildung des Belichtungsschlitzes und damit der Verschlußzeit wird dadurch erreicht, daß aus der Kraft, die den ersten Verschlußvorhang antreibt, ein Hemmwerk angesteuert wird, das den Ablauf des zweiten Vorhanges um den entsprechenden Betrag verzögert. Bei der Spiegelcontax hingegen wird die in den Federwalzen gespeicherte und für eine gleichmäßige Belichtung möglichst exakt justierte Kraft allein zum Ablauf der Vorhänge genutzt. Die Ansteuerung der Vorhänge erfolgt durch ein gesondertes Zeitbildungswerk, das wie eine mechanische Uhr durch eine eigene Feder angetrieben wird, die mit dem Filmtransport/Verschlußaufzug stets aufs Neue gespannt wird. Diese Ablaufsteuerung „sagt“ den beiden Verschlußvorhängen, die bei gespanntem Verschluß durch Klinken festgehalten werden, wann diese ablaufen dürfen. Das ist technikgeschichtlich ein bemerkenswertes Konzept. Zwanzig Jahre später wurde im VEB Pentacon Dresden am Verschluß der Praktica electronic gearbeitet, deren Ablaufsteuerung auf ähnliche Weise funktioniert; mit dem Unterschied, daß hier nicht ein mechanisches Uhrwerk die Zeitbildung bewerkstelligte, sondern eine elektronische Schwellwertschaltung. Der Start des zweiten Verschlußvorhanges wird bei dieser Kamera nur nicht wie bei der Contax auf mechanischem Wege durch eine sich drehende Nockenscheibe ausgelöst, sondern dadurch, daß das Feld eines kleinen Elektromagneten zusammenbricht und dadurch der bis dahin eingeklinkte Vorhang freigegeben wird. Nach genau diesem Prinzip arbeiten alle elektronisch gesteuerten Verschlüsse bis zum heutigen Tag. Der Schlitzverschluß der Spiegelcontax war also nichts weniger als der Pionier der modernen, fremdgesteuerten Verschlußbauarten.

Contax Turmlager

Oben das sogenannte Turmlager der Spiegelcontax, in dem die Steuerwalze des Verschlusses läuft. Gut zu sehen sind die beiden schwarzen Hebel, die die Vorhänge in Position halten, wenn der Verschluß gespannt ist. Diese Hebel werden dann nacheinander vom sogenannten Zeitwerk (unten) ausgerückt, das mit seinen Nocken den Ablauf der Vorhänge wie ein Uhrwerk steuert. Der dritte Hebel aus Messing dient der Blitzsynchronisation. Der zugehörige Kontakt ist ganz links erkennbar.

Contax Zeitwerk

Noch ein Wort zur Gravur der Werte der Verschlußzeiten auf diesem Zeitwerk: Gut ist die Wiederkehr des 1-; 2-; 5-Schemas zu erkennen. 1; 2; 5; dann 10; 20 und 50 sowie 100; 200; 500 und am Ende noch einmal eine 1 bei der 1/1000. Das ist die technische Schönheit, die Ingenieure anstreben. Die Ausführungen bei Hummel (siehe Abschnitt 5.4), die Gravur habe sich gegenüber den Prototypkameras geändert, weil die Zeiten nicht eingehalten werden konnten, sind reine Erfindungen des Autors. Bei keinem mechanisch gesteuerten Verschluß läßt sich dauerhaft eine eindeutige Unterscheidung beispielsweise zwischen einer 1/20 Sekunde (= 50 Millisekunden) und einer 1/25 Sekunde (= 40 Millisekunden) einjustieren. Nicht einzuhalten war die 1/1000 Sekunde. DAS war die kritische Verschlußzeit, und nicht die 1/20 oder 1/200!


Unten ist noch einmal dargestellt, wie lt. Patentschrift die obengenannten Hebel zur Auslösung der Verschlußvorhänge an den Nockenscheiben des Zeitwerkes (bzw. Auslösewerkes) anliegen.

Contax Zeitwerk

Aus der Patentschrift geht übrigens hervor, daß auch der erste Verschlußvorhang vom Zeitwerk ausgelöst wird und nicht direkt vom Auslöser (Patentanspruch 11). Das hat den Hintergrund, daß auf diese Weise der Ablauf des ersten Vorhanges kontrolliert verzögert werden konnte, bis der Reflexspiegel wirklich seine obere Position eingenommen hat. Durch diesen Kunstgriff konnte auf alle Fälle ausgeschlossen werden, daß sich der Verschluß öffnet, noch bevor der Spiegel den Lichtpfad völlig frei gegeben hat. Diesen Fehler zeigte namentlich die Praktica, die Siegfried Böhm (1921-2016) von einem Hub- auf einen Klappspiegel umkonstruiert hatte. In vollem Bewußtsein über dieses Problem, das vor allem bei zu raschem Druck auf den Auslöser zu beklagen war, hatte Böhm die Verschlüsse seiner Praktina und Praktisix so konzipiert, daß diese erst durch den oben angekommen Spiegel ausgelöst wurden. Die Contax ging einen anderen Weg, indem sozusagen eine feste Verzögerungszeit für den Verschlußablauf einprogrammiert wurde, die auch bei einer recht energischen Verschlußauslösung dem Spiegel noch genügend Zeit zum vollständigen Hochklappen beließ.


Der gesamte Verschlußablauf der Spiegelcontax beruht also darauf, daß ein mal als Zeitwerk, mal als Auslösewerk bezeichneter Steuermechanismus stets eine volle Umdrehung ausführt (Patentanspruch 2) und während dieser Umdrehung den ersten Verschlußvorhang durch eine feststehende Nocke, den zweiten Vorhang durch eine in der Position veränderliche Nocke auslöst (Patentanspruch 3). Die Breite des Belichtungsschlitzes und damit die Länge der Verschlußzeit ergibt sich also daraus, welchen Winkel diese beiden Nocken zueinander einnehmen. Dazu ist die Nocke des zweiten Verschlußvorhanges über eine Friktion verstellbar; das heißt ursprünglich wäre eine stufenlose Einstellung der Verschlußzeit möglich gewesen, denn von einer Rastung ist weder im Text noch in der Zeichnung etwas zu erfahren. Ebenfalls später nicht so verwirklicht wurde, daß ein für die längeren Zeiten notwendiges Hemmwerk (Patentanspruch 4) je nach eingestellter Verschlußzeit SELBSTTÄTIG zugeschaltet wurde (Patentanspruch 5). Da sich dieses Ansinnen offenbar nicht umsetzen ließ, wurde bei den späteren Serienkameras das Hemmwerk mit dem bekannten Schieber an der Rückseite der Deckkappe manuell zugeschaltet und gleichsam der Einstellindex auf die roten Zahlen umgestellt. Wichtig zu erwähnen ist noch, daß das Aufziehen des Zeitwerkes in zwangsläufiger Kupplung mit dem Zurückführen der Verschlußvorhänge und dem Filmtransport geschah (Patentanspruch 1). Damit wurde die Energie für den zeitlichen Verschlußablauf bei jedem Filmtransport neu zugeführt. Die übrigen Schutzansprüche beschäftigen sich hauptsächlich mit den nötigen mechanischen Triebmitteln, die ein solch komplexer Aufbau insgesamt benötigt.

4.2 Das Zusatzpatent

Für die Geschichte der Spiegelcontax ziemlich interessant ist weiterhin ein Zusatzpatent Nr. DD5403, das Winzenburg zwar am selben Tag wie das obige angemeldet hat, dessen Ideen aber deutlich jünger zu sein scheinen, weil sie erst im Laufe der Entwicklungsarbeiten zur Contax aufgekommen sein müssen. Das Zusatzpatent befaßt sich mit dem Problem, daß insbesondere die kürzeste Verschlußzeit bei einem Schlitzverschluß große konstruktive Probleme bereitet. Bei einer tausendstel Sekunde liegt die Weite des Belichtungsschlitzes gerade einmal um einen Millimeter herum. Jede kleinste Abweichung von dieser Spaltbreite – und sei es in der Größenordnung eines Zehntelmillimeters – führt dazu, daß die tatsächliche Belichtungszeit massiv vom Nominalwert abweicht. Noch schlimmer ist allerdings, wenn sich diese Abweichungen ergeben, während dieser schmale Spalt über das Bildfenster wandert. Lichtabfall über die Breite des Negativs hinweg oder auch häßliche streifige Belichtung, die mit keinem Mittel der Welt mehr im Kopierprozeß zu korrigieren sind, wären die Folge.

Contax S Belichtungsschlitz-Bildung

Winzenburg hatte seinen Verschluß deshalb in der Weise ausgelegt, daß nach dem im verdeckten Zustand erfolgten Zurückführen der Verschlußtücher in den gespannten Zustand diese freigegeben werden und in ihre bereits oben angesprochenen Halteklinken fallen. Diese sind nun aber so zueinander angeordnet, daß der erste Verschlußvorhang (= Öffnungsvorhang) wieder ein Stück (1 mm) zurückläuft, bevor er in seine Rastung fällt. Dadurch wird der gedeckte Zustand des Verschlusses bereits am Ende des Spannvorganges beendet und es bildet sich ein Belichtungsschlitz von gerade derjenigen Breite heraus, der für die Verschlußzeit von einer 1/1000 Sekunde nötig ist (0,6 mm Normwert lt. Montageanweisung).

Contax Schlitzweitenverstellung

Die genaue Justage der Spaltbreite und damit auch der 1/1000 Sekunde erfolgt an dem im roten Kreis sichtbaren Excenter.

Die Bildung der kürzesten Verschlußzeit wird bei der Contax S also dadurch gewährleistet, daß bei dieser beide Vorhänge in diesem festgelegten Abstand gleichzeitig ausgelöst werden. Die korrekte Spaltbreite kann beim Abgleich des Verschlusses genau einjustiert werden. Der richtige Zeitbetrag von einer Millisekunde über das Bildfenster hinweg muß dann aber im Verbund mit der Variation der Vorhangspannungen abgeglichen werden. Es sei an dieser Stelle schon vorweggenommen, daß nach dem Anlauf der Serienfertigung der Contax S im Herbst 1949 erhebliche Schwierigkeiten durch zurückprellende Vorhänge auftraten. Als Ausweg aus der Not reduzierte man bei vielen Kameras die Vorhangspannung um dadurch die Ablaufgeschwindigkeit der Vorhänge herabzusetzen. Nach allem was bisher bekannt ist, erklären sich daraus die Exemplare der frühen Contax S, bei denen die kürzeste Verschlußzeit nur noch eine 1/500 Sekunde betrug, denn mit langsamer ablaufenden Tüchern war die nötige eine Millisekunde nicht mehr erzielbar.

4.3 Der Schrägauslöser

Ebenfalls am 6. März 1949 wurde noch ein drittes Patent mit der Nr. DD978 angemeldet. Es beschreibt den für die Contax so typischen Schrägauslöser. Zynischerweise hatte die schreckliche Verwüstung Dresdens für Zeiss Ikon den positiven Effekt, daß man quasi von vorn beginnen mußte. Alle Vorarbeiten der Kriegszeit bezüglich der Kleinbildreflexkamera waren zunichte gemacht. So waren Winzenburg und seine Leute gezwungen, „from scratch“ neu zu starten, wie die Engländer sagen. In vielen Beziehungen ist das aus heutiger Sicht als Glücksfall anzusehen, denn so war es möglich, sich von vielem Ballast der Küppenbender-Zeit freizumachen.

DD978

So kann man aus dem besagten Patent Nummer 978 beinah wörtlich herauslesen, daß Winzenburg vom koaxial in den Transportknopf der Contax-Meßsucherkamera eingelassenen Auslöser gar nichts hielt. Er hatte daher den Auslöser bei der Spiegelcontax so angeordnet, daß der Auslösedruck der natürlichen Fingerbewegung folgen konnte. Außerdem stellte sich später heraus, daß die nach hinten unten gerichtete Bewegung die Kamera in die sie haltende Handfläche drückte und damit ein Verreißen der Kamera am besten verhindert werden konnte. Das ist der Grund dafür, weshalb diese Anordnung des Auslösers später zum regelrechten Markenzeichen des Dresdner Kamerabaus geworden ist. Die Praktina, die Praktisix, die Belmira, die Pentacon Super, die Praktica nova und L-Serie– alle diese Kameras haben diesen Schrägauslöser übernommen. Eine bessere Anerkennung für die Arbeit eines Konstrukteurs läßt sich kaum finden.

5. Contax S Zwischen Hoffnungsträger und Belastung

5.1 Schleppender Entwicklungsprozeß

Sowohl die Quellenüberlieferung als auch Indizien an den Kameras zeugen davon, daß Wilhelm Winzenburg und seine Mitstreiter damals große Schwierigkeiten gehabt haben, ihre Neukonstruktion zu einem funktionsfähigen Produkt zuendezuentwickeln. So muß man davon ausgehen, daß sie etwa vier Jahre an dieser Kamera laboriert hatten, nur um dann ab Ende des Jahres 1949 wiederum mit immensen Problemen beim Anlauf der Serienfertigung kämpfen zu müssen. Daraus könnte  man schlußfolgern, daß schlichtweg die Zielvorgaben für die neu zu entwickelnde Präzisionskamera zu hoch gesteckt waren. Die Ansteuerung aller Verschlußzeiten durch ein einziges Hemmwerk stellten eine große Herausforderung dar, zumal der gesamte Verschlußaufbau gleichzeitig auf größte Kompaktheit getrimmt werden mußte, um die Kamera möglichst zierlich zu halten. Zu diesem Bemühen, eine möglichst zierliche Kamera zu schaffen, gehörten auch die kurz gehaltenen Ablaufwege der Verschlußtücher, was sich bald bitter rächen sollte.

Dabei hinterläßt der gesamte Entwicklungsprozeß der Contax S den Eindruck, außergewöhnlich langwierig verlaufen zu sein. Immerhin waren die Arbeiten bereits im Sommer 1945 aufgenommen worden. Daß der Beginn schleppend verlief, das ist zunächst allzu verständlich. Schließlich müssen wir uns vor Augen führen, in welcher katastrophalen Lage sich die Zeiss Ikon AG unmittelbar nach Kriegsende wiederfand. So war beispielsweise der auf die Ernemann AG zurückgehende Gebäudekomplex in der Schandauer Straße Ecke Junghansstraße (oben etwa 1925) im Frühjahr 1945 weitgehend ausgebrannt [Bilder unten: Höhne Pohl, Deutsche Fotothek, Datensatz 70600289]. Nicht viel anders sah es offenbar auch am Stammsitz der Ica AG Schandauer Straße 76 aus, wo sich bis dahin die Entwicklungsabteilung befunden hatte.

Zweitens hatte sich der kleine Stab an Spezialisten, der während der gesamten Kriegszeit am Projekt einer Einäugigen Reflex-Contax weitergearbeitet hatte, nun komplett zerstreut. Zum großen Teil hatten sich diejenigen Konstrukteure, die den Angriff vom Februar '45 überlebt hatten, in die westlichen Besatzungszonen abgesetzt. Die in Dresden Verbliebenen waren dagegen hauptsächlich mit der von der Sowjetischen Besatzungsmacht angeordneten Rekonstruktion der Contax-Meßsucherkamera beschäftigt. Die Neukonstruktion der Contax S muß jedoch während der ganzen Zeit "auf kleiner Flamme" weitergeführt worden sein. Vom April 1946 existieren Protokollvermerke über die Gewährung von Arbeitsstunden für die Konstruktionsarbeit durch die Sowjetische Militärverwaltung und im darauffolgenden September ist in verschiedenen Quellen von ersten Handmustern die Rede, mit denen die Verantwortlichen von der Fortsetzung der Arbeiten überzeugt werden sollten.

Winzenburg Spiegelcontax 1949

Am 2. oder 3. Dezember 1949 gab es im VEB Zeiss Ikon eine Veranstaltung, mit der die Aufnahme der Serienfertigung der Contax S gefeiert wurde. Hier hielt der Chefkonstrukteur Winzenburg eine Rede, bei der er offenbar auch den Werdegang der Neuschöpfung rekapitulierte. Die Aufnahmen von Höhne/Pohl belegen, daß dabei die Funktionsmodelle und Musterkameras präsentiert wurden, die nach und nach entstanden waren. Diese Geräte befinden sich offenbar bis heute in den Technischen Sammlungen der Stadt Dresden, sodaß über den Entstehungsprozeß der Kamera kein Zweifel bestehen kann.

Winzenburg Spiegelcontax 1949

Aus den Jahren 1947/48 sind zwar in der damaligen Fachpresse verschiedene Andeutungen zu einer in Dresden in Konstruktion befindlichen neuen Kleinbild-Spitzenkamera zu finden, doch mit konkreten Aussagen hielt man sich auffallend zurück. Das hat schlicht und ergreifend damit zu tun, daß die Kamera in vielen Details nach wie vor im Prototypstatus verharrte. Und das galt nicht allein für den Schlitzverschluß. Im Abschnitt 2 wurde bereits erwähnt, daß aufgrund einer Mitteilung aus der Tagung des Fachausschusses Photo vom 27. Juli 1948 rückgeschlossen werden kann, daß zu diesem Zeitpunkt auch der Prismensucher noch nicht fertig war. Hier wurde mit einer freistehenden Mattscheibe experimentiert, bei der zum Zwecke der Reflexionsmilderung das Aufbringen eines T-Belages versucht werden sollte. Es ist also verständlich, daß der VEB Zeiss Ikon nicht mit einer unfertigen Kamera an die Öffentlichkeit ging und sich deshalb mit genauen Aussagen auffallend zurückhielt.

Contax-S Frühjahrsmesse 1949

Sie ist da: die "Contax-S". Mit diesem Artikel in der Fachzeitschrift "Die Fotografie", Ausgabe 2/1949 (April/Juni), im Nachklapp zur Frühjahrsmesse 1949, wurde die neue Kamera erstmals dem Fachpublikum in der DDR journalistisch vorgestellt. Wirklich "da" war sie zu diesem Zeitpunkt freilich noch lange nicht. Besonderes Augenmerk sollte übrigens auf die Abbildung der Kamera gelegt werden, die den Eindruck erwecken könnte, die Vorderfläche ihres Prismendoms sei dunkel gefärbt statt verchromt. Auch von einem Selbstauslöser ist nichts zu entdecken, obwohl nach neuesten Erkenntnissen die auf der Messe vorgestellten Prototyp-Geräte ein solches Vorlaufwerk aufwiesen. Diese Details spielen eine gewisse Rolle im Zusammenhang mit der späteren Verfälschung der Geschichtsschreibung zu dieser Kamera (siehe Abschnitt 5.4).

Erst im Herbst 1948 wagte man offenbar eine erste öffentliche Präsentation in Schweden, die allerdings damals von der Fachwelt kaum beachtet wurde. Insofern dürften viele Experten glaubhaft überrascht gewesen sein, als die neue Contax S auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1949 tatsächlich das erste Mal in großem Stile vorgeführt wurde. Dieses plötzliche Erscheinen der neuen Kamera fast vier Jahre nach Kriegsende und obendrein scheinbar aus dem Nichts heraus hat übrigens geradezu absurde Legenden zum Ursprung der Contax S nach sich gezogen. In der Sowjetunion bzw. Rußland muß es beispielsweise eine Veröffentlichung gegeben haben, in der behauptet wurde, die Spiegelcontax sei eine Konstruktionsarbeit eines Majors der Roten Armee gewesen und der VEB Zeiss Ikon habe sie lediglich übernommen. Diese Legende, die Contax S sei russischen Ursprungs, war dort offenbar noch bis in die jüngste Zeit weit verbreitet. Ferner hatte sich in der Ära vor dem Internet durch diverse Sammlerzeitschriften auch eine Erzählung herausgebildet, die Contax S sei eigentlich eine Konstruktion der ungarischen Firma Gamma. Auch diese Legende wurde schon vor Jahren u.a. durch Alexander Schulz richtiggestellt. Es sei an dieser Stelle aber nicht verschwiegen, daß auch von Deutscher Seite immer wieder kräftig an solchen Mythen und Verdrehungen mitgestrickt worden ist.

5.2 Vorschußlorbeeren und verfrühte Lieferverträge

Es ist heutzutage leider nicht mehr nachvollziehbar, was genau sich im Zeitraum zwischen der offiziellen Vorstellung der Contax S zu Jahresanfang 1949 und dem Beginn der Serienfertigung zum Jahresende 1949 bei Zeiss Ikon wirklich abgespielt hat. Man muß wohl intensiv an der Serienertüchtigung der Kamera gearbeitet haben, damit man sie endlich an den Handel ausliefern konnte. Die weitere Geschichte hat aber gezeigt, wie diese offensichtliche Eile und der äußere Druck zur Folge hatten, daß letztlich ein unausgereiftes Produkt das Werk verließ. Diese Tatsache scheint in der jungen DDR tabuisiert und offenbar sogar betriebsintern unter den Teppich gekehrt worden zu sein. Doch eine nüchterne Einschätzung der Arbeit Winzenburgs, die sich der damals noch sehr an Jena und Dresden interessierte Amerikanische Geheimdienst durch einen Informanten eingeholt hat, fällt demgegenüber geradezu entlarvend aus [CIA-RDP82-00457R006200340005-5 vom 20. Dezember 1950].

CIA-RDP82-00457R006200340005-5

Die Zuträger des CIA bescheinigten Winzenburg, er habe in Bezug auf die Konstruktion der Spiegelcontax ein regelrechtes Unvermögen unter Beweis gestellt. Das ganze Rätselraten um die frühe Spiegelcontax, die wenigen Kameras im Originalzustand, die Verwirrung in bezug auf Seriennummern und äußere Erkennungsmerkmale sowie die allgemein im Dunkeln liegende frühe Fertigungsperiode kann man daher als Anzeichen dafür hernehmen, daß der VEB Zeiss Ikon mit einem katastrophalen Produktionsstart der neuen Kamera konfrontiert war, über den man so weit es ging den Mantel des Schweigens gedeckt hat. Die Folgen waren aber immens. Nicht nur mußten offenbar in einem großen Umfang Kameras zurückgerufen und nachgebessert werden, sondern parallel dazu verlangte der quasi funktionsuntüchtige Verschlußaufbau nach einer weitgehenden Neukonstruktion. Neuesten Erkenntnissen zufolge haben der VEB Zeiss Ikon bzw. die Vertragswerkstätten noch auf Jahre hinaus mit dem Umbau der fehlerhaften Kameras auf den nachgebesserten Verschluß zu tun gehabt. Ausführlicher gehe ich auf diesen Aspekt in einem gesonderten Aufsatz ein.

Contax S 1949

Was war damals geschehen? Während im März 1949 in Leipzig von der Contax-S offenbar nur Mustergeräte gezeigt worden waren, wurden nun Ende August/Anfang September auf der Herbstmesse im großen Umfang Verkaufsabschlüsse unterzeichnet. Daraus müssen wir schließen, daß man mittlerweile in die Serienfertigung eingetreten war bzw. man kurz davor stand. War die DDR-Tagespresse im Frühjahr noch weitgehend stumm geblieben, so überschlug sie sich sie jetzt geradezu angesichts der enormen Verkaufserfolge. So wurde beispielsweise die neue Contax S im obigen Bericht der "BZ" vom 4. September 1949, dem Schlußtag der Herbstmesse, einen amerikanischen Handelsvertreter zitierend als "das Großartigste, was je gefertigt wurde" gefeiert. Der Absatz in großen Mengen ausgerechnet an US-amerikanische Abnehmer hatte damals angesichts des sich verschärfenden Kalten Krieges eine enorme propagandistische Wirkung in der Sowjetischen Besatzungszone. Interessant ist aber, daß hier freimütig Handelsketten sowie Waren- und Versandhäuser als Abnehmer genannt werden, also so etwas wie Kaufhof, Hertie oder Neckermann in deutscher Analogie. Wir wissen heute, daß damit bereits der Grundstein dafür gelegt war, daß die Spiegel-Contax in der Folgezeit auf dem US-Markt nicht seriös über den Fachhandel verkauft, sondern über Ladenketten und Mailorder verscherbelt wurde.

Contax Steelmasters 1949-09-08

Die gesamten Geschäfte der Photogerätebranche in der Ostzone mit den USA wurde dabei über die New Yorker Importfirma "Steelmasters" abgewickelt. Der obige Artikel aus dem ND vom 8. September 1949 teilt uns mit, daß bis zum Ende der Herbstmesse Kameras im Werte von 500.000 Dollar in die USA abgesetzt wurden, davon mehr als die Hälfte alleine mit der neuen Contax S. Um den Wert dieser Lieferungen richtig einschätzen zu können, muß man wissen, daß der Dollar damals vor 75 Jahren mehr als 13 mal "wertvoller" war als heute. Für einen Dollar wiederum bekam man ab September 1949 4,20 D-Mark der Westzonen. Wir müssen also die obigen Dollarbeträge mit etwa 55 multiplizieren, um die wahre Bedeutung dieses Exportgeschäfts für die Ostzone ermessen zu können.

Contax S 1949

Am 20. November 1949 hatte es die neue Contax S sogar bis auf die Titelseite der SED-Tageszeitung "Neues Deutschland" geschafft. Im Wert von mehr als einer halben Million Dollar hatte man die Kamera bis dahin bereits allein in die USA verkauft. Vorauseilend wurde der VEB Zeiss Ikon nun zum Vorbild für andere DDR-Betriebe deklariert de facto eine schwere Bürde für den Kamera-Betrieb. Denn wir können uns ausmalen, wie vor diesem Hintergrund die Verantwortlichen in Dresden nun unter Druck standen, die Kamera erfolgreich in die Serienfertigung zu überführen und die Exportaufträge schnellstmöglich zu erfüllen.

Durch einen glücklichen Umstand sind genau von diesem Serienanlauf der Contax S Aufnahmen der Photoreporter Erich Höhne und Erich Pohl erhalten geblieben. Die Deutsche Fotothek gibt zwar bei einigen dieser Bilder an, sie würden vom März 1951 stammen [hier Datensatz 70600522]. Gegen diese Datierung spricht jedoch eindeutig der Blindstopfen auf der Gehäuseöffnung für den Selbstauslöser-Spannhebel, der auf allen Bildern zu sehen ist. Diese verchromte Abdeckung mußte bei den frühen Kameras übrigens nicht deshalb installiert werden, weil man keine Vorlaufwerke produzieren konnte, sondern weil die Kupplung dieses Auslösewerkes mit dem Start des Spiegels und des Verschlusses zusätzliche Probleme bereitete, die bei Serienanlauf der Kamera noch nicht befriedigend gelöst waren. Man wollte schlichtweg zusätzliche Fehlerquellen vermeiden. Im Jahre 1951 waren diese Blindabdeckungen dann nicht mehr nötig.

Erna Nitsche Zeiss Ikon

Bei der Dame oben handelt es sich um Erna Nitsche. Sie war für die Qualitätskontrolle bei der Montage der Contax S zuständig. Die mangelnde Qualität der Kameras, die sich bald herausstellen sollte, war freilich nicht ihr anzulasten, sondern den Konstrukteuren. Im April 1950 wurde Nitsche auf dem Bundeskongreß des DFD als "vorbildliche Frau" geehrt [Vgl. ND vom 21. April 1950].


Unten: Die Verschlußzeiten wurden 1949 bereits mit dem Kurzzeitmeßgerät von Clamann & Grahnert aus Dresden auf optoelektronischem Wege gemessen. Diese genaue Meßmethode, die zuvor nicht verfügbar war, hatte zur Folge, daß man noch während des Anlaufs der Serienfertigung erkannte, daß sich die 1/1000 Sekunde als kürzeste Verschlußzeit nicht garantieren ließ. Dieser ersten Krise im Serienanlauf der Kamera entsprangen die zahlreichen Exemplare mit einer auf die 1/500 Sekunde reduzierten Verschlußzeitenspanne.

Wir können also mit sehr großer Sicherheit davon ausgehen, daß all diese Aufnahmen im Rahmen der bereits erwähnten großen Feierstunde im VEB Zeiss Ikon am 2. bzw. 3. Dezember 1949 entstanden sind [und damit zum Datensatz 70603483 gehören]. Und damit haben wir es bei den hier zu sehenden Kameras leider auch gerade mit denjenigen Geräten zu tun, die dem Betrieb kurze Zeit später so viele Ausfälle bescheren und einen solch nachhaltigen Reputationsverlust einbringen sollten.

Tausendste Contax-S 1949

Anlaß der Feier war die Fertigstellung der tausendsten Contax S. In der Deutschen Fotothek ist zwar der 2. Dezember genannt, aber die Erinnerungsplakette, die jeder Teilnehmer trägt und von denen sich einige erhalten haben, trägt das Datum vom 3. Dezember 1949. Das war ein Samstag. Auch die symbolische Fahrkarte für die Contax "in die weite Welt hinaus", die unten zu sehen ist, trägt als Datum den 3. Dezember.

Winzenburg Contax
Winzenburg Contax
Winzenburg Contax

Auf diesen Bildern sieht man noch einmal unverkennbar Wilhelm Winzenburg bei seinem Vortrag. Leider ist schwer zu sagen, um wen es sich bei den beiden anderen Herren handelt. Möglicherweise waren es der Werkleiter Otto Hechler oder der spätere technische Direktor Johannes Hajesch. Auch ein Herr Part(z)sch und ein Herr Neubert spielten damals im Betrieb eine zentrale Rolle. Sicherlich wird auch der im Jahre 1949 als technischer Direktor fungierende Kurt Maul auf einer der vielen Aufnahmen zu sehen sein. Dieser Mann hatte das Unglück, zum Sündenbock für den völlig mißglückten Serienanlauf der Contax S gemacht zu werden. Seine Kollegen spannen Intrigen gegen ihn, um von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken. Er wurde seiner Funktion enthoben und im Jahre 1952 sogar für mehrere Monate inhaftiert. Die Anschuldigungen wurden jedoch nie aufgeklärt und Kurt Maul auch nie rehabilitiert, weil das ganze Debakel um die fehlkonstruierte Contax S am Ende unter den Teppich gekehrt wurde [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 56.].

Contax S Dezember 1949
Contax S 1949

Die Feier vom 3. Dezember 1949 hinterläßt hingegen den Eindruck, daß man diese Probleme für überwunden glaubte oder man hat sie schlichtweg verdrängt. Oben sieht man ein gigantisches Modell der Spiegelcontax, durch dessen „Spiegelkasten“ offenbar der dahinterliegende Festsaal betreten werden konnte. Weitere Archivbilder zeigen, daß dem förmlichen Teil noch ein ziemlich lustiger Abend folgte. Die neue Kamera wurde nach fast fünf Jahren intensiver Arbeit also gebührend gefeiert. 

Schauen Sie sich diese Bilder von dieser Feierstunde an! Walter Hennig muß vielsagend eine Contax aus einem Käfig befreien, ein anderer Mitarbeiter bekommt die Contax in Form eines Rettungsringes überreicht. Die Symbolik dieser Aufnahmen ist unverkennbar. Es scheint fast, die Contax S verkörpere die ganze Last der Kriegs- und Nachkriegszeit, die nun von dem Menschen abfällt. Im sprichwörtlich aus Ruinen wiederauferstandenen Zeiss-Ikon-Werk feierte man den Befreiungsschlag – noch nichts ahnend von den bald folgenden Ausfällen der zu großen Anteilen sogleich in die USA gelieferten ersten Contax-S-Kameras. Von da ab waren Ideal und Wirklichkeit aufs Tiefste gestört und das Bild nur durch Manipulationen aufrechtzuerhalten!

5.3 Die technische Unzulänglichkeit der neuen Contax S

Welches Problem es damals genau war, das dafür sorgte, daß nach kurzer Zeit jene unvorstellbar hohen Reklamationen von über 50 Prozent der ausgelieferten Kameras zu verzeichnen waren, das läßt sich heute nur noch aus Indizien herleiten. Die größte Schwierigkeiten rührten wohl daher, daß, um eine möglichst kompakte Kamera zu schaffen, die Ablaufwege der Verschlußtücher zu kurz gehalten waren. Die hohe Bewegungsenergie der Vorhänge muß am Ende des Verschlußablaufs ordnungsgemäß abgebaut werden, sonst springen sie wieder zurück. Prellen nennt der Fachmann diesen Vorgang. Dieses Verschlußprellen sorgte einerseits dafür, daß sich die bei der Contax ohnehin recht geringe Überdeckung des Belichtungsschlitzes nach dem Verschlußablauf wieder löste und es dann beim nächsten Spannvorgang durch den sich bildenden Schlitz zu einer Verschleierung des Materiales kam. Das allein war schon ärgerlich genug. Bei der frühen Contax S war es aber offenbar so, daß dieses Prellen auch für ein Blockieren des gesamten Spannmechanismus sorgte. Wurde dann trotzdem mit Kraftaufwand "weitergedreht", dann wurde der fragile Verschluß regelrecht zerstört. Abgerissene Vorhangbänder und verbogene Verschlußwellen waren dann die Folge. Man versuchte diesem Problem offenbar schon während der anlaufenden Serienfertigung zu begegnen, indem man die Ablaufgeschwindigkeit der Vorhänge reduzierte. Eine Folge daraus war, daß sich die 1/1000 Sekunde nicht mehr aufrechterhalten ließ, denn diese war nur im Verbund von einer kleinen Schlitzbreite mit einer großen Ablaufgeschwindigkeit des Schlitzes zu erzielen.

Contax S 1030

Beim Nachvollziehen der damaligen Vorgänge sind wir weitgehend auf die Hinterlassenschaften aus jener Zeit angewiesen. Die Zuschrift unseres Lesers Denis Tkachenko vom Herbst 2025 brachte in dieser Hinsicht wichtige neue Einsichten. Das Bild oben gewährt einen Blick in die Mechanik einer Contax S mit der Seriennummer 1034. Es handelt sich also um eine Kamera aus genau jener Zeit im Dezember 1949. Gut ist zu sehen, daß man sich bei der kürzesten Verschlußzeit bereits auf die 1/500 Sekunde beschränkt hat.

Contax S Nummer 1030

Daraus ergibt sich die Gelegenheit, einen direkten Vergleich zwischen der Mechanik der besagten Contax mit der Nummer 1030 (oben) und einer bereits in mehrfacher Hinsicht veränderten Kamera mit der Nummer 2012 (unten) zu ziehen. Zunächst erkennt man, daß zur Ansteuerung des zweiten Verschlußvorhanges ursprünglich tatsächlich eine einfache gekerbte Scheibe verwendet wurde, wie das in der Zeichnung des Contax-Hauptpatentes (siehe Abschnitt 4.1) dargestellt ist. Gleichsam ist aber auch der Exzenter für die Einstellung der Schlitzweite aus dem Zusatzpatent (Abschnitt 4.2) gut zu erkennen.

Contax S Nummer 2012

Bei der Contax mit der Seriennummer 2012 sieht man, daß ein Hebel zusätzlich in den Mechanismus eingefügt worden ist. Er ist drehbar gelagert unter dem Zwischenrad, der den Transportknopf mit dem Zeitwerk verbindet. Wie die Kameras damals zusammengestückelt wurden, kann man daran ablesen, daß auf dem Hebel die Seriennummer 2010 eingekratzt ist. Möglicherweise markiert genau diese Abänderung den Übergang vom Modell A zum Modell B der Contax S.

Nach allem was bisher in Erfahrung gebracht werden konnte, lag die Aufgabe dieses Hebels darin, das Zurückprellen des zweiten Verschlußvorhanges zu beseitigen. Der mit dem besagten Exzenter versehene Stift der zweiten Vorhangwalze läuft am Ende des Ablaufweges des Vorhanges auf die obere Gabel des Hebels auf und drückt diesen dadurch gegen eine Federkraft nach vorn, wobei die Energie hauptsächlich durch Reibung zwischen Stift und Kante vernichtet wird. Da er mit einer unten rechts sichtbaren Verknüpfung auch in den Transportknopf eingreift, kann man nur vermuten, daß er zugleich auch die Funktion einer Transportsperre einnimmt, wenn der Verschluß sich nicht in der richtigen Position befindet.

Contax S Nummer 1030

Bei der Beschreibung des Verschlußaufbaus der Contax S in Abschnitt 4 wurde ja bereits erläutert, daß die Vorhänge bei dieser Kamera mittels Klinken festgehalten werden. Falls diese zum Beispiel bei starker Erschütterung die Vorhänge vorzeitig freigaben und falls dann erneut gespannt wurde, dann ging der ganze Mechanismus fest. Wurde dann trotzdem mit aller Kraft weitergedreht, weil man nur vermutete, daß der Film "etwas straff geht", dann mündete diese kleine Ursache in einer ernsthaften Beschädigung des gesamten Verschlußwerkes. Das führte dazu, daß offenbar bereits nach kurzer Zeit hunderte dieser Kameras defekt waren und zurückgenommen werden mußten.

5.4 Schleppender Absatz und Preisverfall

Unmittelbare Folge dieses Desasters war wohl ein massiver Reputationsverlust des traditionsreichen Dresdner Kameragiganten insbesondere auf den westlichen Exportmärkten, wohin die Spiegelcontax gleich zu Anfang zu sehr hohen Preisen exportiert worden war. Als weitere Folge ist daher auch ein drastischer Wertverfall dieser Kamera zu verzeichnen gewesen, von dem sich die gesamte Baureihe nie wieder erholen sollte. Die wahren Ursachen dafür wurden in der DDR durch die üblichen Propagandalügen verschleiert, die selbst viele Jahre nach dem Mauerfall noch in diesem Film verbreitet wurden.

Die obige Annonce aus der "Popular Photography" vom März 1950 belegt, wie überstürzt damals die Spiegelcontax einerseits auf den Markt gebracht wurde und wie hoch zudem der Preis angesetzt war. 475 Dollar des Jahres 1950 entsprechen heute, 75 Jahre später, über 6000 Dollar! Man erkennt zudem, daß die Strategie, Kaufdruck aufzubauen, weil nur begrenzte Mengen vorrätig sind, eine lange Tradition haben.

Contax S und Contax IIa April 1950

Ein Grund für die große Eile lag auch im parallelen Erscheinen der Contax IIa von Zeiss Ikon Stuttgart. Schon im Folgemonat April schaltete die Kamera-Handelsfirma von Abe Cohen in der US-Zeitschrift "Popular Photography" die obige Annonce, bei der er die neue Contax S aus der "Eastern Zone" direkt der ebenfalls neuen Contax IIa aus der "Western Zone" gegenüberstellte. Mit dem jeweiligen Normalobjektiv 1:2,0 kostete die westdeutsche Kamera "nur" 385 statt 475 Dollar. Selbst mit dem hochlichtstarken Sonnar 1,5/50 mm war sie noch 15 Dollar preiswerter als das Dresdner Erzeugnis. Angesichts dieser Konkurrenz kann man nachvollziehen, weshalb die Spiegel-Contax wie Blei in den Auslagen der Fachgeschäfte und der Mailorderfirmen lag.

Contax S Mai 1950
Contax S Juli 1950
Contax S August 1950
Contax S September 1950

Diese oben gezeigten Annoncen wurden von der Ercona Corporation aufeinanderfolgend im Mai und Juni, die zweite im Juli, die dritte im August und die vierte im September 1950 in der "Popular Photography" geschaltet. Interessant ist, die jeweiligen Veränderungen des Textes links zu verfolgen. Wenn wir diesen Werbeanzeigen vertrauen schenken können, dann war die erste Lieferung der Contax S bereits zur Mitte des Jahres 1950 ausverkauft. "Die begehrteste Kamera der Welt" lautete der Slogan. Man liest aber auch heraus, daß der Nachschub stockte. Die Augustanzeige bekräftigt, daß die große Nachfrage die Produktionskapazitäten überstiegen hätten, nun aber neue Lieferungen einträfen um die Bestellungen abzudecken. Auch die Anzeige vom September stuft die Contax S noch als schwer erhältlich ein.

Contax S Dezember 1950

Im Dezember 1950 wird mit der obigen Anzeige das Modell 1951 angekündigt, das sich durch den Einbau eines Selbstauslösers von dem vorigen Modell abhebt. Der Preis liegt nach wie vor bei 475 Dollar mit dem Biotar. Ob man diesen behaupteten Verkaufserfolgen glauben schenken darf, oder ob nicht das ganze Gegenteil der Fall war und die Annoncen deshalb geschaltet wurden, weil man die Kamera nicht los wurde, das läßt sich heute nur schwer einschätzen. Aber angenommen, daß der Anfangserfolg wirklich so groß gewesen war, so muß nun in der Folgezeit eine deutliche Sättigung der Nachfrage eingetreten sein, denn Fakt ist, daß sich das Blatt nun rasch Richtung Übersättigung gedreht haben muß und der Verkaufspreis massiv gesenkt werden mußte. Außerdem wissen wir von Äußerungen der US-Vertreter, daß etwa die Hälfte der Kameras wegen Totalausfällen zurückgenommen werden mußten [Vgl. Schulz, Contax, 2006, S. 54.].

Hexacon

Oben: Als eine weitere Folge daraus, daß die Contax S- bzw. Pentacon-Kameras regelrecht auf den amerikanischen Markt geschmissen wurden, häuften sich später größere Überbestände an, die sich offenbar nur schwer abbauen ließen. Verschärfend kam hinzu, daß Zwischenhändler bzw. Ladenketten durch fortgesetztes "Umlabeln" einen Unterbietungswettbewerb in Gang brachten, der letztlich den Preis- und Reputationsverfall dieser Kamera nur noch weiter anheizte. Neben der oben gezeigten "Hexacon" von Peerless [Bild: Paulo Moreira] gab es mindestens noch eine "Astraflex 35" (Sterling-Howard), eine "Consol" (Grand Central Store, Haber & Fink), eine "Ritacon" (American Camera Exchange) sowie eine "Super D". Interessant auch das aus inländischer Produktion stammende Normalobjektiv "AMOTAL" von Taylor & Hobson an der Hexacon.

Hexacon Annonce 1
Hexacon Annonce 2
Ritacon F
Super D Contax

Die hier zu sehenden Annoncen aus der US-Amerikanischen Zeitschrift "Popular Photography" vom Sommer 1956 zeigen sogar auf, daß diese Hexacon mit dem Amotal von Taylor & Hobson 20 Dollar preiswerter angeboten wurde als mit dem Biotar von Zeiss Jena. Der Hintergrund liegt darin, daß dieses Objektiv eigentlich für eine Meßsucherkamera "FOTON" von Bell & Howell gedacht war, nach deren Scheitern aber offensichtlich auf Lager lag und für das M42-Gewinde umgefaßt wurde. Bei dem, was hier als "brand new" angepriesen wurde, handelte es sich also höchstwahrscheinlich in Wahrheit um massiven "stockpile".

Astraflex 35
Contax S in der Presse 1949/50

Oben habe ich einmal den Versuch unternommen, den Fall Spiegel-Contax nachzuvollziehen, wie er sich in den Jahren 1949/50 einem Leser der Tagespresse in der Hauptstadt offenbarte. Anfangs wurde die neue Kamera in der Berliner Zeitung regelmäßig als eindrucksvolles Erfolgsprodukt geschildert. Doch dann wird es plötzlich still um die Contax S. Erst aus einer Meldung in der "Neuen Zeit" vom Dezember 1950 erfährt der Leser, daß es zwischenzeitlich konstruktiver und qualitativer Verbesserungen bedurft hat.

Contax S Preissenkung 1950

Im Dezember 1951 wurde der Verkaufspreis der Contax S mit Biotar von 3000,- auf 2000,- Mark gesenkt. Wir wissen heute, daß mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diese Weise das alte Modell auf dem DDR-Inlandsmarkt abgesetzt wurde, während im Export bereits die ertüchtigten Modelle (Contax B und C) liefen. Versagte dem DDR-Kunden seine Contax S nach Ablauf der Garantiezeit, so konnte er sie zu einem Selbstkostenanteil von 87,- Mark nachträglich auf das Modell D umbauen lassen.

Wenn auch die großen Probleme mit der Funktionssicherheit der Contax schließlich mit dem neu konstruierten Modell D ab der zweiten Jahreshälfte 1952 überwunden werden konnten (siehe Abschnitt 6), so gelang es dennoch nicht, die Reputation der ganzen Reihe völlig wiederherzustellen. Ich habe noch Photoamateure gekannt, die sich dazumal lieber für eine Praktica entschieden haben, weil ihnen der Händler unter vorgehaltener Hand von der Contax abgeraten hatte. Trotzdem sind soweit man Richard Hummels Zahlenangaben Glauben schenken kann bis zum Frühjahr 1962 immerhin 186.990 Stück der gesamten Reihe hergestellt worden. Für eine 13-jährige Produktionszeit und für einen Kamera-Großbetrieb ist das aber eine recht moderate Zahl. Im deutlich kleineren VEB Kamera-Werke Niedersedlitz sind im gleichen Zeitraum von der Praktica-Reihe mit 377.775 Stück exakt doppelt so viele Kameragehäuse gefertigt worden. Und da ist die Praktina mit über 100.000 Stück zwischen 1953 und 1960 noch gar nicht berücksichtigt.

CIA-RDP83-00415R013200080002-4

Aus diesem Grunde arbeitete der VEB Zeiss Ikon bis zu seiner Auflösung fast durchweg verlustbringend [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 58.]. Letztlich bedeutet das, die Kameras wurden weitgehend auf Basis staatlicher Subvention gebaut nicht zuletzt, um die bereits eingeplanten Deviseneinnahmen sicherzustellen. Der obige Ausschnitt aus einem CIA-Bericht [CIA-RDP83-00415R013200080002-4. Der Preis der Contax war im Dezember 1951 auf 2000 Mark gesenkt worden; aus dieser Zeit muß daher auch der obige Bericht stammen.] bringt die schwierige Lage noch einmal drastisch zum Ausdruck, in die der VEB Zeiss Ikon Anfang der 50er Jahre geraten war. Demnach fielen 40% der Kameraproduktion auf die Contax S Modell A bis C (!), diese seien aber qualitativ minderwertig und könnten nicht mit westdeutschen Produkten konkurrieren. Zudem sei das Zeiss-Ikon-Werk in eine finanzielle Schieflage geraten, nicht zuletzt aufgrund der großen Auslandsreklamationen.

Vielsagend: Noch bevor die neue Spiegel-Contax überhaupt der breiten Öffentlichkeit gezeigt worden war, wurde in diesem kleinen Artikel in der Berliner Zeitung vom 18. Januar 1949 bereits darauf verwiesen, daß ihre Produktion unökonomisch ist.

Daß diese Einschätzungen über die Contax S weitgehend zutreffen und sich bereits sehr frühzeitig abzeichnete, daß sich die neue Kamera zu einem wirtschaftlichen Debakel entwickeln könnte, wird durch einen Bericht eines Vertreters der Firma Steelmasters bestätigt, der in Dresden auf einer Tagung des Fachausschusses Photo am 23. Januar 1950 vorgelegt wurde. Anlaß für den Bericht bildeten die ersten 25 Exemplare der Spiegel-Contax, die kurz zuvor in New York eingetroffen waren. Demnach sehe sich die Kamera einer starken Konkurrenz in Form der neuen Contax IIa aus Stuttgart ausgesetzt. Kritisiert wird auch die Lieferung der Gehäuse mit schwarz lackierten Objektiven, die von der Kundschaft abgelehnt würden. Zudem werde eine italienische Kamera mit der zweifellos die Rectaflex gemeint ist zum halben Preis angeboten [Vgl. BACZ 19117, in: Thiele, SBZ, S. 44.]. Letztere Bemerkung bekräftigt noch einmal, daß bei Erscheinen der Contax S auf dem US-Kameramarkt die Rectaflex bereits erhältlich war.

Rectaflex advertisment May 1950

Mit diesem Bericht des Steelmaster-Vertreters vom Januar 1950 haben wir aber auch einen zeitgenössischen Beleg dafür, daß man sich im VEB Zeiss Ikon schon kurz nach Beginn der Auslieferung der auf der Herbstmesse 1949 verkauften Kameras bewußt darüber geworden sein muß, daß diese Verkäufe auf Basis viel zu hoch angesetzter Preise abgeschlossen worden waren. Auch ohne die noch bevorstehenden Reklamationen wegen der technischen Mängel der gelieferten Geräte wäre die Spiegel-Contax wohl ein wirtschaftlicher Fehlschlag geworden. Die zu späte Markteinführung, die erst erfolgte, nachdem man die Konkurrenz schon an den Fersen spürte, hatte zur Folge, daß die Contax S letztlich doch nicht ganz zu jenem Meilenstein geriet, wie sie zuvor die Leica, die Rolleiflex oder die Kiné Exakta verkörpert hatten.

Auch intensivste Bildbearbeitungskunst macht es nicht möglich, den Fließtext dieser "Erinnerungs-Urkunde" vom 3. Dezember 1949 lesbar zu machen. Dazu müsste man das Originalnegativ mikroskopisch untersuchen. Nur mit allergrößter Phantasie läßt sich im dritten Absatz erahnen "Die ersten Vorarbeiten begannen bereits [?] 1945" sowie das Jahr 1947 am Ende der ersten Zeile. Es ist nicht auszuschließen, daß man sich in der Betriebsleitung des VEB Zeiss Ikon bereits zu jenem Zeitpunkt bewußt war, daß die Contax S bei ihrer Markteinführung schon nicht mehr die einzige Kleinbildspiegelreflexkamera mit Prismensucher mehr ist.

5.5 Contax S: Spielball geschichtsverfälschender Manipulationen

Auf der "Erinnerungs-Urkunde" zur Feierstunde vom 3. Dezember 1949 ist ein Detail zu erkennen, auf das ich hier noch einmal gezielt hinweisen will, auch wenn sich auf dem ersten Blick die Relevanz dieses Gesichtspunktes nicht gleich erschließen mag. Offensichtlich scheinen in der Frühgeschichte der Contax S Photos der Kamera bzw. davon abgeleitete Zeichnungen eine dominante Rolle zu spielen, die vom VEB Zeiss Ikon selbst in Werbebroschüren verbreitet wurden, die aber auch den Weg in die Fachzeitschriften fanden. Charakteristisch an diesen besagten Abbildungen ist dabei, daß bei ihnen die Frontfläche des Prismendoms schwarz gefärbt zu sein scheint. Schon auf der allererste Broschüre zur Contax-S vom Dezember 1948 ist dieses Merkmal vorhanden.

Es gibt überhaupt gar keinen Hinweis darauf, daß diese Fläche jemals bei irgendeiner dieser Kameras nicht verchromt gewesen wäre. Eine derartige Retusche der Abbildungen könnte jedoch bewußt vorgenommen worden sein, um angesichts der damaligen drucktechnischen Möglichkeiten das Signet des Herstellers kontrastreicher sichtbar werden zu lassen. Schließlich waren bei den ersten Kameras die Schriftzüge noch nicht schwarz ausgelegt und daher auf Photos bei ungünstigem Lichteinfall unter Umständen nicht so gut lesbar. Das ist aber nur eine Vermutung und man könnte das wie gesagt alles für eine Nebensächlichkeit halten. Das Problem liegt aber darin, daß in den Technischen Sammlungen der Stadt Dresden die berüchtigte Kamera mit der Nummer 1527 vorhanden ist, die als Repräsentantin der Frühphase der Contax S stehen soll.

Die mittlerweile berüchtigte Contax S mit der Seriennummer 1527 und der schwarz lackierten Fläche des Prismengehäuses. Sie wurde viele Jahre lang in den Technischen Sammlungen der Stadt Dresden gezeigt; seit geraumer Zeit ist sie nun aber aus den dortigen Vitrinen verschwunden.

In verschiedenen Veröffentlichungen war bereits vor vielen Jahren darauf hingewiesen worden, daß damit weder ihre vierstellige Seriennummer in Einklang zu bringen ist, noch die Tatsache, daß man deutlich erkennt, wie hier nachträglich die vordere Fläche des Prismendoms mit schwarzer Farbe übermalt worden ist. Man kann also nicht umhin, diese Kamera als historische Fälschung zu bezeichnen und der Skandal liegt darin, daß ihr Ursprung eindeutig in der Gerätesammlung des VEB Pentacon bzw. im späteren Museum zu suchen ist.

Richard Hummel Contax

Diese gefälschte Kamera wurde gebraucht, damit Richard Hummel eine erste Serie der Contax S bildlich belegen konnte, von der seinen Angaben zufolge zwischen September und Dezember 1949 2400 Stück produziert worden seien, die allesamt solch eine schwarz eingefärbte Schrägfläche an der sogenannten Frontkappe (offizielle Bezeichnung lt. Montageanleitung, Teile-Nummer 20) gehabt hätten. Wie man anhand des obigen Ausschnittes aus seinem Werk "Spiegelreflexkameras aus Dresden" sehen kann, wäre seiner Ansicht nach diese schwarze Fläche am Prisma dann erst bei der nächsten Serie ab März 1950 weggefallen. Zweitens sei erst mit dem Modell B im Mai 1950 ein Selbstauslöser konstruktiv ermöglicht worden, der aber dann doch nicht eingebaut wurde, was daher erst jetzt den verchromten Blindstopfen erfordert hätte. Das ist natürlich alles kompletter Unsinn, wie bereits im Abschnitt 5.2 anhand zeitgenössischer Aufnahmen vom Produktionsanlauf der Kameras ersichtlich war. Die Gehäuse hatten alle verchromte Schrägflächen und auch der Blindstopfen für den fehlenden Selbstauslöser war vorhanden. Hummel wollte aber auf diesem Wege unbedingt eine Kontinuität zwischen den seiner Meinung nach bereits im Frühjahr 1948 erstmals präsentierten "Musterkameras" und einer dann zum Jahresende 1949 gebauten Serienkamera konstruieren. Ja eine Identität regelrecht. Und deshalb mußte er das Erscheinungsbild seiner Vertreterin der ersten Serienkameras so fälschen, daß sie zu den Prospektabbildungen des Jahres 1948 paßten. Und zwar zu Prospektabbildungen, die wiederum damals schon eifrig retuschiert worden waren, wie wir heute wissen.

Contax S Nr. 980

Über das charakteristische Erscheinungsbild der frühen Contax S gibt uns das obige Exemplar mit der Nummer 980 Auskunft. Bild: Jacques Morin

Das Problem liegt nun aber darin, daß diese durch Hummel frei erfundenen Unterscheidungsmerkmale dafür gesorgt haben, daß späterhin auch die Authentizität der von ihm angegebenen Modellfolge in Form der Ausführungen A bis C angezweifelt worden ist. Diese Ausführungen A bis C hat es aber gegeben und womöglich stimmen sogar die zugehörigen Stückzahlen. Hinter dieser Einteilung in drei Modelle verbergen sich drei zeitlich voneinander abgrenzbare Schritte der Überarbeitung der Ursprungsausführung, mit denen der Versuch unternommen wurde, die mißglückte Verschluß-Konstruktion doch noch zu retten. Für die Überführung dieser Änderungen in die Produktion wurden die laufenden Montagearbeiten offenbar immer wieder unterbrochen. Am Ende konnte das ganze Dilemma um die Contax S allerdings erst gelöst werden, nachdem mit dem Modell D eine tiefgreifend überarbeitete Kamera geschaffen worden war.

Richard Hummel

Das Unheil, das Richard Hummel mit seinem Buch insbesondere in Hinblick auf die Contax angerichtet hatte, sorgte dafür, daß nach seinem Tode die Debatte um diese Kamera teils in vergiftete Formen abglitt. Verschiedene Autoren verließen sich in den 90er und früher 2000er Jahren in ihren Buch- und Internetveröffentlichung naiverweise auf Hummels Angaben und übernahmen sie. Insbesondere Alexander Schulz wurde anschließend aus Kreisen der Kamerasammler stark angegriffen. Warum sich Hummel und offenbar auch Mitarbeiter des Museums überhaupt zu derartigen Fälschungen hinreißen ließen, ist aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar. Ohne hier psychologisieren zu wollen, fällt bei Richard Hummel allgemein ein Hang zum Minderwertigkeitskomplex ins Auge. So wollte er bei der Kiné Exakta unbedingt ein früheres Erscheinen gegenüber der sowjetischen "Sport" beweisen. Und bei der Spiegel-Contax mußte eben der Vorrang gegenüber der italienischen "Rectaflex" sowie einer ungarischen "Gamma Duflex" aufrechterhalten werden (wobei die Namen dieser Kameras erst von denjenigen in die Debatte eingebracht wurden, die später von ihm abgeschrieben haben).

Hummel zur Contax S

Wie in Abschnitt 2.2 schon gezeigt wurde, ist Richard Hummel nicht der Urheber der Erzählung, die Contax S sei im Prinzip schon 1947 fertig gewesen, aber er ist derjenige, der diese Legende nach der Wende in einer Weise als Wahrheit verbreitet hat [Ebd., S. 206], daß sie sich bis heute hartnäckig hält. Ich bin hier gar nicht weiter darauf eingegangen, daß Hummel die erste Vorstellung der Contax S in seinem Buch sogar auf die Frühjahrsmesse 1948 vorverlegt. Diese Behauptung ist so absurd, daß sie nicht einmal der ansonsten in dieser Frage sehr nachlässige Gerhard Jehmlich übernommen hat (wohl aber Blumtritt!). Auf Seite 109 seines Buches präzisiert Hummel: "Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1948 wurde die Contax S intern speziellen Interessenten vorgestellt." Er suggeriert also, auf einer internationalen Handelsmesse sei ein neues Produkt unter geradezu konspirativen Bedingungen einem ausgesuchten Kreis an Eingeweihten vorgestellt worden. Mit dieser falschen Fährte "des Geheimen" versuchte er wohl einen Grund dafür zu liefern, weshalb es für die von ihm frei erfundene Vorstellung der Kamera im Frühjahr 1948 keinerlei Erwähnung in der Tages- oder Fachpresse gibt.

Spiegel-Contax Frühjahrsmesse 1949

Eine kleine Sensation sind diese Aufnahmen von E. Andres, die uns zeigen, was auf der Leipziger Frühjahrsmesse im März 1949 wirklich gezeigt wurde. Erwartungsgemäß hat keiner der Prototypen eine schwarze Schrägfläche. Dagegen verblüffen die eingebauten Selbstauslöser die man also auf den Prospekten und Presseabbildungen dann wegretuschiert hat! Und die Gehäuse sind bereits mit Biotaren statt Sonnaren komplettiert. Mit diesen Bildern dürften sich endlich alle Manipulationen und Vordatierungen erübrigt haben.

Contax S Frühjahrsmesse 1949

Auch von einer Vorstellung "im internen Kreis" kann angesichts dieser Bilder wohl kaum eine Rede sein. Das ganz große Echo fand die neue Kamera außerhalb der Fachpresse nur deshalb nicht, da noch keine Verkaufsabschlüsse getätigt werden konnten.

Contax S Frühjahrsmesse 1949

Wer sich intensiv mit der Geschichte der Contax S beschäftigt, der wird sich auch für den Eingangssatz des vorletzten Absatzes des obigen Textauszuges interessieren. Hier versucht Hummel das Phänomen zu erklären, daß es Contax-D-Kameras gibt, die keinen Selbstauslöser haben. Hummel fabuliert, die Contax S sei vom Hersteller nun wahlweise mit oder ohne Vorlaufwerk geliefert worden. In Wahrheit handelte es sich jedoch um tausende an Kameras aus den fehlkonstruierten ersten Lieferserien, die nachträglich auf den neuen Verschluß umgebaut worden sind.

Richard Hummel - Fälschungen

Doch derartige dunkle Flecke in der Erfolgsgeschichte paßten Herrn Hummel nicht ins Bild. Die Geschichte mußte makellos geschildert werden. Mit dieser Attitüde hat er dem Dresdner Kamerabau jedoch einen Bärendienst erwiesen. Denn die Wahrheit läßt sich nicht dauerhaft unter den Teppich kehren. Und es ist einfach peinlich, wenn Fachleute im Ausland über die in Deutschland zwanghaft aufrechterhaltenen Legenden resigniert den Kopf schütteln. Für uns muß das heute eine Mahnung sein, sich bewußt zu machen, daß in der Geschichtsschreibung zum Dresdner Kamerabau über lange Zeit manipuliert, zurechtgebogen, gefälscht und gelogen wurde und es deshalb gilt, bei zukünftigen Veröffentlichungen genau nachzuforschen und dabei das nötige Maß an kritischem Blick anzulegen.

6. Der Übergang zum Modell D

Nachdem sich die Probleme mit der Kamera nicht beseitigen ließen, wurde die Konstruktionsverantwortung an Walter Hennig übergeben. Unter dessen Leitung wurde ab 1951 an einer tiefgreifenden Umgestaltung des Verschlusses gearbeitet, deren Hauptziel erkennbar darin lag, durch Einführung neuer konstruktiver Maßnahmen endlich das Prellen der Verschlußtücher zu eliminieren.

Contax D Teile

Zentral dabei war die Einführung der sogenannten Prellsicherung mit der Teilenummer G475. Sie sorgte für die zuverlässige Vernichtung der Bewegungsenergie zunächst des ersten Verschlußvorhanges am Ende seines Bewegungsablaufes, und anschließend auch des nacheilenden zweiten Vorhanges. Erst mit dieser Maßnahme konnten sowohl Lichteinfall als auch das Festgehen des ganzen Kameramechanismus zuverlässig beseitigt werden.

Contax D Prellsicherung G475

Oben sieht man, wie der nachträglich in die Konstruktion eingefügte Hebel der Prellsicherung durch den gesamten Bodenraum des Spiegelkastens geführt wurde. Auf der unteren Seilscheibe des ersten Verschlußvorhanges ist nun eine Nase vorhanden, die den gefederten Hebel Richtung Objektivanschluß schwenkt, wenn der Öffnungs-Vorhang das Bildfenster freigegeben hat. Für die zuverlässige Vernichtung der Energie spielt auch die Reibung zwischen diesen beiden Teilen eine gewichtige Rolle.

Prellsicherung Contax D

Ein zweites Merkmal des überarbeiteten Verschlusses war die Umstellung der Zeitensteuerung von Ankerhemmung (unten links) auf die geräuschärmere Fliehkrafthemmung (rechts). Diese wurde womöglich bereits im Laufe des Jahres 1951 verwirklicht, was aber nicht genau gesagt werden kann, weil eben so viele Kameras nachträglich wieder umgebaut worden sind.

Contax S Hemmwerke

Für die Entwicklung eines zuverlässigen Prellschutzes haben aber Walter Hennig und seine Leute offenbar das gesamte Jahr 1951 benötigt, was bedeutet, daß noch abertausende Contax S mit dem fehlerhaften Verschluß ausgeliefert wurden. Hier wurde tatsächlich erst kurz vor der offiziellen Vorstellung der Contax D zur Herbstmesse 1952 auf die neue Konstruktion umgestellt. Die auf dieser Seite ganz unten thematisierte Kamera mit der Seriennummer 24.672 ist ein Beleg dafür. Denn in diesem Fall ist ein solcher nachträglicher Umbau eines Modells Contax S Typ C auf den neuen Verschluß des Typs D zweifelsfrei dokumentiert. Außerdem bestätigt sie alle Aussagen bezüglich Unzuverlässigkeit der Ursprungskonstruktion, da die gerade erst gekaufte Kamera tatsächlich schon beim ersten Film "festgeht". Glaubt man Hummels Zahlenangaben, dann wurden insgesamt 26.287 der ursprünglichen Contax S gefertigt, was das erwähnte Exemplar als ein sehr spätes ausweisen würde. Es wurde Ende Mai 1952 verkauft. Damit dürfte die Angabe Hummels hinreichend widerlegt sein, daß die Produktion der Contax D bereits ab März 1952 begonnen habe.

Hummel zu Contax D
Contax D Herbstmesse 1952

So stellt sich bei genauem Hinsehen heraus, auch was das Erscheinungsdatum der Contax D anbelangt, hat Richard Hummel wieder manipuliert, indem er dasselbe nämlich auf die Frühjahrsmesse 1952 vorverlegt hat. In Wahrheit ist das Modell D zur Leipziger Herbstmesse 1952 erschienen. Um das herauszubekommen, muß man nicht einmal Spezialliteratur zu Rate ziehen, denn die obige Meldung der DDR-Nachrichtenagentur ADN vom 12. August 1952 wurde in dieser oder ähnlicher Form in jeder Tageszeitung des Landes verbreitet.

Pentacon FBM

Trauen Sie keinen Zahlenangaben von Richard Hummel! Er gibt an, daß genau 186.990 Spiegel-Contax gefertigt wurden. Wie würde er wohl die obige Pentacon FBM mit der Nummer 188.867 erklären? Es sind sogar Kameras mit Seriennummern deutlich über 190.000 bekannt.

Hummel Contax Klein-D

Zum Abschluß soll dem Leser nicht vorenthalten werden, mit welchen Verrenkungen Hummel die Existenz so vieler Contax S mit dem kleinen D zu erklären versuchte wobei für ihn erschwerend hinzu kam, daß etliche dieser Kameras statt des Spannhebels des Selbstauslösers auf einmal wieder den alten Blindstopfen aufwiesen. Die Erklärung, der Selbstauslöser sei jetzt wahlweise angeboten worden ist genauso frei erfunden wie seine "Ausführungen D1 und D2" und die Aufteilung der Stückzahlen auf diese "Modellfolge". Dieser Mann hatte doch jahrelang das Betriebsarchiv des VEB Pentacon unter seiner Hand. Gab es denn wirklich intern keine Akten, aus denen er hätte schließen können, daß abertausende Kameras nachträglich umgebaut wurden? Oder hat er das absichtlich verschwiegen? Zehn Jahre lang zerbreche ich mir darüber nun schon den Kopf...

Contax gif
Hunderttausendste Contax 1956

Auf der Leipziger Herbstmesse 1956 wurde die Hunderttausendste Contax S gezeigt. Als Reklameeinfall war sie als Geschenk für den erfolgreichsten deutschen Sportler bei den Olympischen Sommerspielen 1956 gewidmet worden. Diese Olympiade fand im November/Dezember 1956 in Melbourne statt und war die erste seit Kriegsende, an der auch Sportler aus der DDR teilnahmen.

Subnick 100.000 Contax

Nach meinen Recherchen war der Springreiter Hans Günter Winkler mit zwei Goldmedaillen der erfolgreichste Sportler der gesamtdeutschen Mannschaft. Die Reitwettbewerbe fanden jedoch wegen der strengen Quarantänebestimmungen nicht in Australien statt. Verliehen bekommen hat die Kamera deshalb am 8. Januar 1957 die Läuferin Christa Stubnick, die mit zwei Silbermedaillen die erfolgreichste Sportlerin der DDR war.

Stubnick Contax Rückgabe

Das erwies sich jedoch als keine so gute Idee: Sie mußte die Kamera schon wenige Tage später wieder zurückgeben, weil sie ansonsten den Status als Amateursportlerin verletzt hätte. Die Medaillen waren der DDR wichtiger als die Kamera.

7. Modellübersicht

Contax S Typ C


Sach-Nr. Gruppe:  130

Contax S Nr. 13045 / zeissikonveb.de

Contax S  Nr.  13045,  Fabrikationsnummer  57443  mit Blitzanschluss in der Stativmutter und

feststellbarem Auslöser-Knopf


Kurzanleitung für Contax S / zeissikonveb.de

Contax S Typ D


Sach-Nr. Gruppe:  130

Contax S D Nr. 16442 / zeissikonveb.de

Contax S D  Nr. 16442, Fabrikationsnummer  60793  mit Blitzanschluss auf der Deckkappe, der Auslöser ist nicht mehr feststellbar.

Contax S  D Bedienungsanleitung / zeissikonveb.de
Kurzanleitung für Contax S / zeissikonveb.de

Contax D


Sach-Nr. Gruppe:  130

Contax D Nr. 80732 / zeissikonveb.de

Contax D  Nr. 80732,  Fabrikationsnummer  261135


Mit der Vorstellung der Contax D zur Leipziger Herbstmesse im September 1952, bekam  diese eine Reihe

an Zubehör an die Seite gestellt, was ihre Einsatzgebiete erheblich erweiterte.

Contax D Bedienungsanleitung / zeissikonveb.de
Kurzanleitung Contax D / zeissikonveb.de
zeissikonveb.de/Contax D Nr. 82464

Contax D Nr. 82464,  Fabrikationsnummer  261293






Pentacon "ZI"


Sach-Nr. Gruppe 133


Diese Variante der Pentacon, wie sie eigentlich richtig heißt, wird nur zur Unterscheidung von weiteren  Varianten mit dem Zusatz "ZI" versehen. In den Bedienungsanleitungen wird sie als "Pentacon"  bezeichnet.    Eine Bedienungsanleitung in englischer Sprache beweist die Existenz dieser Variante schon im Jahr 1952.  Niedrige Seriennummern lassen sogar den Schluß zu, das die ersten "Pentacon ZI" zeitgleich mit der  Contax S D gebaut wurden.

Pentacon "ZI" Nr. 66545 / zeissikonveb.de


Pentacon "ZI"  Nr. 66545,  Fabrikationsnummer 245449, Bestell-Nr. 133/62


Die vollständige Dokumentation zu dieser Pentacon umfasst die Bedienungsanleitung, den Garantieschein, die Kontroll-Karte in englisch (Test-card) eine Bedienungsanleitung zur Blendenvorwahl des Objektives und die Rechnung. Die Originalverpackung, das Objektiv und die Bereitschaftstasche sind auch vorhanden.

zeissikonveb.de/Garantieschein 66545
zeissikonveb.de/Garantieschein 66545
zeissikonveb.de/Prüfkarte 66545
zeissikonveb.de/Prüfkarte 66545
zeissikonveb.de/Quittung 66545

Der Garantieschein trägt nur die Fabrikationsnummer, diese ist zudem handschriftlich geändert worden, die genauen Gründe dafür sind noch unbekannt, es ist aber kein Einzelfall. Die Kontroll-Karte trägt vorn den Namen der Kamera, die Bestellnummer und die Fabrikationsnummer. Rückseitig sind die Seriennummer (ganz oben) die Unterschriften der Kontrolleure und die Objektivnummer (handschrifftlich) vermerkt.

Instructions for use Pentacon / zeissikonveb.de
zeissikonveb.de/Pentacon "ZI" Nr. 83665

Pentacon ZI  Nr.: 83665,  Fabrikationsnummer: 262970




Pentacon

Pentacon Nr.: 93049, Fabrikationsnummer: 5009477

Contax E

Contax E Nr. 94727 / zeissikonveb.de

Contax E  Nr. 94727,  Fabrikationsnummer  5018651

 

zeissikonveb.de/Contax E Nr.101017

Die Erste in meiner Sammlung war die  Contax E  Nr. 101017,  Fabrikationsnummer  5031497

Pentacon E

Pentacon F


Sach-Nr. Gruppe:  133

zeissikonveb.de/Pentacon F Nr. 105291

Pentacon F  Nr. 105291,  Fabrikationsnummer  5083208,  Bestell-Nr. 133/854


Zu dieser Kamera liegen der Garantieschein, die Prüfkarte und die Rechnung vor. Die Bestell-Nr. 133/854 belegt, das die Kamera am 16. Oktober 1957 verkauft wurde und das dazugehörige Objektiv ab Werk geliefert wurde. Der zweite Ziffernblock bezieht sich auf das Objektiv, ein C.Z.Jena  B 1:2  f = 58 (Biotar) 

Contax F


Sach-Nr. Gruppe:  130

zeissikonveb.de/Contax F Nr. 106722

Contax F  Nr. 106722,  Fabrikationsnummer  5084296





Pentacon FM


Sach-Nr. Gruppe:  131

zeissikonveb.de/Pentacon FM Nr. 134794

Pentacon FM  Nr. 134794,  Fabrikationsnummer  432438                                     




Pentacon  F


Sach-Nr. Gruppe:  133

zeissikonveb.de/Pentacon F Nr. 140157

Pentacon F  Nr. 140157,  Fabrikationsnummer  471351






Contax  F


Sach-Nr. Gruppe:  130

zeissikonveb.de/Contax F Nr. 152115

Contax F  Nr. 152115,  Fabrikationsnummer  491122





Pentacon  FM


Sach-Nr. Gruppe: 131

zeissikonveb.de/Pentacon FM Nr. 161744

Pentacon FM  Nr. 161744


Diese Kamera wurde laut Garantieschein im Oktober 1959 im Werk geprüft und am 05. Juni 1961 verkauft.

 

zeissikonveb.de/Garantieschein Pentacon FM Nr. 161744
zeissikonveb.de/Pentacon FM Nr. 190106

Pentacon FM  Nr. 190106


Yves Strobelt, Marco Kröger 2017


letzte Änderung: 7. Dezember 2025