Flektogon 2,8/65

Flektogon 2,8/65

Dieses im Jahre 1950 berechnete Weitwinkelobjektiv war wohl die erste Retrofokus-Konstruktion für das Mittelformat. Doch Verzögerungen im DDR-Kamerabau sorgten dafür, daß es erst ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre in nennenswerten Stückzahlen fabriziert wurde.

Einfach gesprochen handelt es sich bei diesem Objektiv um die Mittelformat-Variante des Flektogons 35 mm. Anfang Juli 1949 war im SED-Parteiblatt "Neues Deutschland" verkündet worden, ein in Dresden neu gegründeter Kamerabaubetrieb würde eine modernisierte Version der bekannten Reflex-Korelle herausbringen. Für Jena war das Anlaß, ein Weitwinkelobjektiv für sie zu entwickeln, weil dies zu jener Zeit eine durch keine Konkurrenzfirma abgedeckte Marktlücke war. Denn wie bei den Kleinbild-Reflexkameras war natürlich auch hier im Mittelformat 6x6 eine Spezialkonstruktion nötig. Das liegt daran, daß ein großer Bildwinkel nur im Zusammenhang mit einer kurzen Brennweite erreichbar ist und daher die sogenannte Schnittweite künstlich verlängert werden muß, damit der Klappspiegel seinen ausreichenden Bewegungsspielraum behält. Zwar sind beim Format 6x6 alle Brennweiten um den Faktor 1,8 länger als beim Kleinbild, dafür ist der Spiegel der Rollfim-Spiegelreflexkamera aber auch deutlich größer. Im Endeffekt ist die Aufgabe, für die 6x6-Spiegelreflex ein Weitwinkel zu konstruieren, mit genau denselben optischen Schwierigkeiten beladen, wie beim Kleinbildformat.

Zeiss Jena Flektogon 2,8/65 mm

Bei einer realen Brennweite des Flektogons 2,8/65 mm von 67 mm betrug die bildseitige Schnittweite s' 65,1 mm. Die Gesamtbaulänge der Optik lag bei 68,5 mm

Im Jahre 1950 lief auch die Fertigung der Görlitzer Primarflex in Form des verbesserten Modells II langsam wieder an. So ähnlich hätte das Flektogon 2,8/65 mm an dieser Kamera aussehen können. Doch die Schnittweite von 65,1 mm hätte wohl nicht ganz ausgereicht, wenn nicht die Spiegelaufhängung abgeändert worden wäre. Selbst an der Meister-Korelle ging es knapp zu, wie gleich noch zu lesen sein wird.

1. Das Flektogon nach Versuch V77 von 1950

Mit der dafür nötigen (später so genannten) Retrofokus-Bauweise hatte man sich in Jena bereits seit 1948 beschäftigt. Im Sommer 1949 war die Rechnung für ein Flektogon 2,8/35 mm als Weitwinkel für die Exakta, Praktica und Contax S fertiggestellt worden. Dieses Flektogon wurde dann auf derselben Frühjahrsmesse 1950 vorgestellt, auf der dann auch die Dresdner Firma WEFO ihre Meister-Korelle erstmals zeigte. 

Flektofon 2,8/65 Datenblatt

Da man wie gesagt schon seit dem Frühjahr 1948 mit dem Flektogon-Aufbau Erfahrungen gesammelt hatte, konnte die Entwicklergruppe um Rudolf Solisch die Konstruktionsarbeiten für ein 6x6-Flektogon mit den Daten 2,8/65 mm bereits am 6. Januar 1950 abschließen. Wie oben anhand des originalen Datenblatts des Versuchsobjektivs V77 erkennbar ist, wurde hierfür der sechslinsige Aufbau gewählt (während das 35er Flektogon in seiner ersten Ausführung noch aus sieben Linsen bestand). Gut sichtbar ist, wie das Grundobjektiv auf dem neu entwickelten Biometar basiert, das hier mit Ausnahme der hintersten Sammellinse aus sehr schweren Flintgläsern aufgebaut ist. Die Rück- und die Frontlinse bestehen dagegen aus dem sehr niedrig dispergierenden Schwerkron SK16, wobei für die Frontlinse ein sehr großes Stück Glas benötigt wurde, was entsprechend hohe Materialkosten bedeutete.

Flektogon 2,8/65 mm

Am Linsenschnittbild oben ist noch einmal gut erkennbar, daß das Flektogon 2,8/65 mm zu denjenigen klassischen Retrofokus-Konstruktionen gehört, die man nach Eberhard Dietzsch als Vertreter des ersten Typs bezeichnen könnte. Diese zeichnen sich dadurch aus, daß ein Grundobjektiv eingesetzt wird, das seinerseits bereits in etwa die gewünschte Endbrennweite aufweist. Weil dieses aber eine viel zu kurze Schnittweite hätte, das heißt der Spiegel würde an der hintersten Linse anschlagen, muß dieser Abstand künstlich verlängert werden. Das ist dadurch möglich, daß dem Grundobjektiv eine Zerstreuungslinse vorgesetzt wird, die den sogenannten hinteren Hauptpunkt des Gesamtobjektivs, von dem ab die Brennweite gemessen wird, nach hinten Richtung Bildebene verlagert. Dazu muß diese Zerstreuungslinse allerdings wiederum in der Nähe der dingseitigen Brennebene des Grundobjektivs placiert werden, andernfalls würde sie nur sinnlos die Brennweite des Grundobjektivs verlängern. Diese Forderung hat zwei Folgen: Erstens muß die Zerstreuungslinse in einem ziemlich großen Abstand vor dem Grundobjektiv stehen. Beim Flektogon 2,8/65 mm beträgt die Länge des Luftraumes zwischen Linse 1 und Linse 2 ganze 45,5 mm das sind immerhin fast 70 Prozent der Brennweite des Objektivs. Dieser Umstand führt dazu, daß das Objektiv eine große Baulänge bekommt. Zweitens muß, um den großen Bildwinkel nicht abzuschatten, die weit vorgesetzte Frontlinse auch einen großen Durchmesser haben. Solche klassischen Retrofokusobjektive können daher nie wirklich kompakt ausfallen.

Trotz des Rechnungsdatums vom Januar 1950 wurden die ersten beiden Musterobjektive des Flektogons 2,8/65 mm Nr. 3.543.278 und 279 erst im März 1952 fertiggestellt. Die Musterprüfung erfolgte gar erst im Oktober 1953. Zu diesem Zeitpunkt waren die Meister-Korelle und die Primarflex bereits aus der Produktion genommen und es gab aus der DDR zunächst keine 6x6-Reflexkamera mehr. Im VEB Zeiss Ikon befand ich aber zu jener Zeit gerade eine Rollfilm-Reflexkamera namens Pentosix in Entwicklung sowie bei der Ihagee eine Exakta 6x6. Der obige Prüfbericht läßt erkennen, daß für die damalige Zeit eine ziemlich gute Bildleistung erreicht wurde. Nur die Blendendifferenz war erheblich sowie die massive Vignettierung in den Bildecken.

Flektogon 2,8/65 Versuch V77A

Im Prinzip leuchtete der Versuch V77 das 6x6-Format nicht völlig aus. Schon im Mai 1953 waren daher zwei weitere Musterobjektive gefertigt worden. Bei einem der beiden mit der Nummer 3.780.649 wurde der Durchmesser der Frontlinse um fast 10 mm angehoben, ohne die sonstige Konstruktion des Objektivs anzutasten. Im Mai des darauffolgendes Jahres ergab eine weitere Musterprüfung dieses abgeänderten Objektivs, daß die Randausleuchtung nun akzeptabel war, ohne daß die Bildleistung nennenswert beeinträchtigt worden wäre. Zu einer sofortigen Serienfertigung des Flektogons 2,8/65 mm kam es dennoch nicht, da die Pentosix in der Schublade verschwand und die fehlkonstruierte Exakta 6x6 vom Markt genommen wurde.

Praktisix with Flektogon 65mm

Das änderte sich erst mit der Vorstellung der neuen 6x6-Reflexkamera Praktisix im Herbst 1956. Kurz nach der begeistert aufgenommenen Präsentation dieser Kamera auf der Photokina und der Leipziger Herbstmesse war im September 1956 bereits eine erste Serie von 345 Stück des Flektogons 2,8/65 mm in der hochmodernen Fassung mit vollautomatischer Springblende hergestellt worden. Damit war das Flektogon ihr erstes Wechselobjektiv. Das Flektogon war viermal lichtstärker als das zeitgenössische Distagon 5,6/60 mm zur damaligen Hasselblad 1000F.

Flektogon 2,8/65mm

Der weit vorgerückte zerstreuende Meniskus wurde in einem trichterförmigen Vorbau untergebracht. Der dahinter liegende Objektivkörper hatte dieselben Dimensionen wie beim Normalobjektiv Tessar 2,8/80 ASB der Praktisix. Etwas international völlig neuartiges stellte der rastende Blendenring mit gleichen Abständen zwischen den Blendenzahlen dar.

2. Ein Flektogon 2,8/65 nach Versuch V233 von 1957

Völlig zufrieden scheint man mit dem Flektogon auch nach Vergrößerung der Frontlinse noch nicht gewesen zu sein. Zum 18. Januar 1957 wurde daher ein neuer Versuch V233 fertiggestellt. Der Grundaufbau blieb derselbe, doch man erkennt deutlich, wie sich in den letzten sieben Jahren die Glastechnologie weiterentwickelt hatte. In den Linsen 3 und 6 wurde nun modernes Lanthan-Schwerkron eingesetzt. Die riesige Frontlinse hingegen bestand nun aus relativ billigem und sehr homogenem Barium-Kron BK3.

Flektogon 2,8/65 mm Versuch V233

Von einem der Versuchsmuster V233 des Flektogon 2,8/65 mm hat sich ein Photo erhalten. Gut sieht man, wie "EBO5" die Linsen nur in einer Stopffassung untergebracht und eine Blende weggelassen hat, sodaß "PhoLab" keine Messungen im abgeblendetem Zustand vornehmen konnte, wie im unten gezeigten Prüfbericht zu lesen ist. [Bild: Zeissarchiv, Bestand BIV 57_71.]

Auf dem Prüfbericht ist es handschriftlich schon zu lesen: Der Versuch V233 ging nicht in Produktion. Und das obwohl ein deutlich besseres Auflösungsvermögen als mit all den bisherigen Objektiven erreicht wurde. Noch einmal deutlich besser war auch die Ausleuchtung in den äußersten Bildecken. Wieso dennoch auf die Serienübernahme verzichtet wurde, darüber läßt sich nur spekulieren. Aber das wahrscheinlichste dürfte sein, daß die Beschaffung der Gläser SK21 und SK22 nach wie vor Schwierigkeiten bereitete. Schon bei der Vorbereitung des Versuchs V233 im November 1956 wurde darauf gedrängt, die SK-Gläser mit einem ny-Wert so hoch wie möglich zu bekommen. In der Serienfertigung wäre das möglicherweise ein Knackpunkt gewesen.

Flektofon 2,8/65 mm V233 Gläser

Im Gegensatz zum Flektogon 2,8/35 mm wurde das Flektogon 2,8/65 mm also bis zur Einstellung der Produktion im Jahre 1969 immer in der ursprünglichen Rechnung vom Januar 1950 gefertigt. Als Vertreter der absoluten Pionierzeit des Retrofokus-Weitwinkels ist es daher nicht verwunderlich, daß dieses 65er Flektogon nie das ganz große Hochleistungsobjektiv gewesen ist.

Flektogon 65 mm 1959

Die Begrenztheiten des ursprünglichen Flektogon-Aufbaues waren übrigens bereits seinerzeit bekannt. [Vgl. Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; aus: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002, S 111.]. Harry Zöllner und Rudolf Solisch konnten noch auf keinerlei Erfahrungswissen zurückgreifen, als sie 1948 an die Schaffung eines solchen Objektives herangingen. Sie stützen sich daher als Grundobjektiv auf den Biometartyp, der kurz vorher in Jena als ein für damalige Begriffe hoch auskorrigiertes Hochleistungsobjektiv entwickelt worden war. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Doppelgauß-Variante, die vom Biotar-Typus abgeleitet wurde. Eberhard Dietzsch urteilte über diesen Konstruktionsansatz nachträglich:


"Heute, nachdem zahlreiche Retrofokusobjektive vorliegen, wissen wir natürlich, daß die Verwendung eines Gaußtyps als Grundsystem nicht unbedingt die beste Lösung für ein Retrofokusobjektiv darstellt. Das wurde auch in den nachfolgenden Entwicklungen erkannt." [Ebenda]

Flektogon 2.8/65 cut drawing

Insbesondere nachdem 1960 das Flektogon 4/50 herauskam, das auf einem gänzlich anderen Prinzip fußte, gingen die produzierten Stückzahlen des 65er Flektogons merklich zurück (ein paar Hundert je Produktionslos). Nachdem im Frühjahr 1969 noch einmal 1000 Stück montiert worden waren (im Zebra-Design), wurde dieses Objektiv anschließend endgültig aus dem Programm genommen. Nur 8550 Stück waren bis dahin gefertigt worden. Der Endverbraucherpreis (EVP) lag ursprünglich bei stolzen 502,- Mark! Nach der großen Preissenkung vom Frühjahr 1960 waren es immer noch sehr hohe 412,- Mark also 48,- Mark teurer als das neue Flektogon 4/50 mm. Das beantwortet wohl die Frage, weshalb trotz der mehr als 12 Jahre Bauzeit die Gesamtstückzahlen vergleichsweise niedrig liegen. Wie bereits erwähnt, dürften an diesem hohen Preis die Materialkosten einen nicht geringen Anteil gehabt haben, wenn man  bedenkt, daß für die riesige Frontlinse stets ein großes Stück schweren Kronglases benötigt wurde.

Spätes Flektogon 2,8/65 mm aus der vorletzten Bauserie vom November 1967.

Mir ist es ehrlicherweise bislang noch nicht gelungen, aus den verschiedenen Flektogonen 2,8/65 mm, die ich zur Verfügung habe, wirklich (wie man so sagt) knackscharfe Aufnahmen herauszubekommen. Es handelt sich eben um eine ziemlich betagte Konstruktion aus der Frühzeit der Retrofokus-Weitwinkel. Wie man an den vorderen Treppenstufen erkennen kann, krankt das Weitwinkel zudem ziemlich an Distorsion.

Markus Menzer hatte mit seinem 65er Flektogon offensichtlich etwas mehr Glück (oder Geschick?).

Marco Kröger


letzte Änderung: 4. November 2025