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Phototechnik aus Jena, Dresden und Görlitz
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Carl Zeiss Jena 1980er
B-Bajonett und nichtproduzierte Neuentwicklungen
1. Die letzte große Produktinitiative aus Jena
Auf der Leipziger Frühjahresmesse 1979 gab es von Seiten Carl Zeiss JENAs einen regelrechten Reigen an neuentwickelten Objektiven, den es in diesem Ausmaß seit fast 20 Jahren nicht mehr gegeben hatte. So wie im Frühjahr 1960 etliche neu- und umkonstruierte Objektive mit der Automatischen Springblende vorgestellt wurden, so waren es 1979 die Neuerscheinungen für das Praktica B-Bajonett, die endlich wieder einmal für Aufsehen im ansonsten sträflich vernachlässigten Photogerätemarkt der DDR sorgten. Ein Teil davon waren bereits bekannte Konstruktionen, die in den letzten Jahren für das M42-Gewinde eingeführt worden waren und nun lediglich auf das neuentwickelte Praktica Bajonett umgebaut wurden. Dazu zählten die Prakticare 2,8/20; 2,4/35; 1,8/50; 1,8/80 und 3,5/135. Daneben standen aber auch einige bemerkenswerte Neukonstruktionen, nämlich ein Prakticar 2,4/28; ein Prakticar 1,4/50; ein Macro-Prakticar 2,8/55; ein Prakticar 2,8/200 und ein Prakticar 4/300. Aber nur das 1,4/50, das 4/300 und das Makroobjektiv wurden in nennenswerten Stückzahlen gefertigt. 1987 kamen noch zwei Varioobjektive hinzu, die aber auch nur sporadisch produziert wurden und extrem teuer ausfielen.

Es sei also an dieser Stelle bereits vorweggenommen, daß fast die gesamte Zeiss-Prakticar-Reihe, die während der letzten zehn Jahre der DDR noch gefertigt werden wird, auf Optik-Rechnungen aufbaute, die bereits vor 1980 geschaffen worden waren – mit den Rechnungsabschlüssen für das Prakticar 2,8//200 vom Oktober und für das Prakticar 4/300 vom November 1979. Ein neues, zweites Rechnungsdatum für diese Objektive vom Anfang der 80er Jahre hatte im Prinzip nur den Hintergrund, daß problematische Gläser oder schwierig herstellbare Linsenformen ersetzt wurden. Neue Produkte kamen nicht mehr hinzu.

Dabei hat es nicht an Engagement gefehlt. Es ist nur kaum noch etwas aus diesen Entwicklungsarbeiten produktionswirksam geworden. So hatten Harald Maenz in Zusammenarbeit mit Christine Thiele mit dem Vario-Sonnar 4/80-200 mm ein wirklich zeitgemäßes Telezoom entwickelt, das aber erst kurz vor der Wende in geringen Mengen fabriziert wurde. Auch ihr Prakticar 2,8/200 mm wurde nach kurzer Zeit ersatzlos gestrichen, weil der bisherige Aufbau in der Produktion Schwierigkeiten verursachte. Ein von den beiden "Neulingen im Photo-Büro" Volker Tautz und Günther Benedix im Jahre 1981 gerechneter "Ersatz" wurde nicht in die Produktion überführt.
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Im September 2024 hat Dr. Eberhard Dietzsch seinen 90. Geburtstag begangen. Seit den späten 1950er Jahren war er bei Zeiss Jena an der Entwicklung auf dem Spezialgebiet der Retrofokus-Weitwinkelobjektive beteiligt, die er anschließend mit eigenständigen Entwicklungen bereichert hat. Sein Flektogon 2,8/20 mm von 1971 kam erst verspätet in Produktion, dessen Weiterentwicklungen verschwanden dann gänzlich in der Schublade. Photo: Detlev Vreisleben (2006).
Der seit 1954 im Photo-Rechenbüro tätige Eberhard Dietzsch hatte 1971 das Flektogon 2,8/20 mm geschaffen, 1976 das spätere Prakticar 2,4/28 mm und 1978 das Prakticar 1,4/50 mm. Versuche aus den Jahren 1980 und 1984, die Leistung "seines" Flektogons 2,8/20 mm zu verbessern und sogar auf die Lichtstärke von mindestens 1:2,4 zu bringen, wurden zwar patentiert, aber nicht in der Produktion umgesetzt. Mit seinem Patent Nr. DD221.850 vom Januar 1984 sind außerdem Bestrebungen erkennbar, ein lichtstarkes Teleobjektiv (mit etwa den Daten 2,2/200 mm) zu schaffen, das mit einer modernen Innenfokussierung ausgestattet sein sollte. Daß Eberhard Dietzsch zweifellos zu den bedeutendsten deutschen Photooptikern der Nachkriegszeit gezählt werden muß, wird allein dadurch vereitelt, daß etliche seiner wertvollen Erfindungen nicht mehr in die Fertigung gelangten.

Um einmal begreiflich zu machen, wie es selbst in diesem DDR-Vorzeigebetrieb im Laufe der 1980er zu einer derartigen Stagnation kommen konnte, die in großen Teilen auch aus der zunehmenden Resignation der Belegschaft herrührte, ist oben einmal ein typischer Artikel aus der zentralen SED-Zeitung "Neues Deutschland" vom Oktober 1980 gezeigt. Der Text ist eine einzige Zumutung für den Leser. Huldigungen des Generaldirektors Biermann gegenüber dem Genossen Honecker wechseln ab mit Zahlen zur 103,1-prozentigen Übererfüllung der Planvorgaben sowie den Bekräftigungen der Überlegenheit des Sozialismus. Was jedoch zu dieser Zeit definitiv keinerlei Initiative im Betrieb mehr wecken konnte, das waren so etwas wie Parteiwahlen. Bei Zeiss mit all den gut ausgebildeten Facharbeitern und dem hohen Anteil der sog. technischen Intelligenz an der Belegschaft hatte es die SED seit jeher schwer gehabt. Seit dem Ende der 70er Jahre war das Ansehen der Partei jedoch noch weiter verfallen.
"In dem betrachteten Zeitraum bemühten sich Funktionäre der SED-Parteiorganisation, in den Betriebsbelegschaften immer nachdrücklicher für die Politik der SED-Führung zu werben. Sie nutzen dazu vor allem die Zusammenkünfte der Gewerkschaftsgruppen und der Arbeitsbrigaden. Aber ihre Position wurde im Laufe der Jahre immer schwieriger, weil ein zunehmender Teil der Belegschaftsmitglieder mit den Verhältnissen in der DDR, die sich auch an ihren Arbeitsplätzen und in ihrem Alltag negativ bemerkbar machten, unzufrieden war. Bei den Belegschaftsmitgliedern schwand in den achtziger Jahren zunehmend die Hoffnung, daß sich etwas zum Besseren wenden wird. In den Belegschaften machte sich – trotz aller Gegenaktion der Parteifunktionäre – Resignation breit, die auch SED-Mitglieder erfaßte." [Hellmuth/Mühlfriedel, Carl Zeiss In Jena 1945 - 1990, S. 304.]
Günther Benedix erinnert sich, daß – als er 1980 bei Zeiss anheuerte – vom zentralen Mann im Photorechenbüro Neugebauer mit sichtlicher Erleichterung festgestellt wurde, daß der neue Mitarbeiter kein SED-Mitglied war. Man achtete bei Zeiss in den Arbeitskollektiven darauf, sich möglichst keine Genossen "ins Boot zu holen". Lange bevor das SED-Regime am Ende des Jahrzehnts innerhalb weniger Wochen hinweggefegt wurde, hatte es den Rückhalt in der Bevölkerung eingebüßt. Und in den letzten Jahren sogar in den eigenen Reihen.

Wenn man der Frage auf den Grund gehen will, weshalb speziell im Bereich der für den Konsumgütermarkt geschaffenen Photoobjektive die Innovationskraft seit Beginn der 80er Jahre so drastisch in den Keller ging, dann muß man den Wandel im Bezug auf die Ausrichtung des Kombinates Zeiss Jena seit dem Amtsantritt des neuen Generaldirektors Wolfgang Biermann im Oktober 1975 in die Betrachtung nehmen. Die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten sahen sich damals der Gefahr gegenüber, auf militärischen Gebiet gegenüber der NATO ins Hintertreffen zu geraten. Der Betrieb Zeiss wurde daraufhin in beträchtlichem Maße auf die Entwicklung und Fertigung spezieller Rüstungsgüter ausgerichtet, wofür in Göschwitz zu Jahresanfang 1980 ein neues Forschungszentrum mit 815 Beschäftigten geschaffen wurde [Vgl. Hellmuth/Mühlfriedel, Zeiss 1945 - 1990, S. 319.], das intern als "U-Betrieb" bezeichnet wurde. Das im obigen Artikel zu sehende neue Gebäude war im Jahr zuvor eröffnet worden – in einer Zeit, als das Jenaer Hauptwerk wegen "fehlender Baukapazitäten" zusehends verfiel. Das Gelände in Göschwitz war abgesperrt und nur mit Passierscheinen zu betreten.

Problematisch war diese Neuausrichtung des Kombinates nicht allein deshalb, weil für die neuen Aufgaben große Investitionsmittel aufgewendet werden mußten, die dann in den traditionellen Bereichen fehlten, sondern weil sie auch eine innerbetriebliche Talenteabwanderung nach sich zog. Das oben im Ausschnitt gezeigte Dokument von 1984 vermittelt einen Eindruck über die Entwicklungstätigkeit für den Operativ-Technischen Sektor des Ministeriums für Staatssicherheit, wofür sich unter anderem Eberhard Dietzsch vom abgeschotteten U-Betrieb hat abwerben lassen. Für die zur selben Zeit im neuen Forschungsbetrieb W aufgebaute Entwicklung und Fertigung von Speicherschaltkreisen mußten besondere Optiken entwickelt werden, die in der Lage waren, die extrem feinen Strukturen abzubilden. Diese sogenannten UM-Objektive verbrauchten viel Entwicklungs- und Fertigungsaufwand. Auch für die Weltraumforschung wurden aufwendige photographische Objektive geschaffen.
Diese neuen Aufgaben für den VEB Zeiss Jena führten zu immer größeren Diskrepanzen gegenüber den Verpflichtungen in den traditionellen Bereichen, wo der Betrieb entsprechende Deviseneinnahmen zu generieren hatte. Schließlich hatte die Photoindustrie für das kleine Land nach wie vor eine enorme wirtschaftlichen Bedeutung, was sich daran ablesen läßt, daß der absolute Höchstwert an hergestellten Spiegelreflexkameras mit fast 450.000 Stück im Jahre 1984 erreicht wurde, wovon fast zwei Drittel in westliche Länder exportiert wurden. Doch dies war auch das Jahr, in dem entschieden wurde, die DDR-Photoindustrie ab 1985 dem Kombinat Zeiss Jena einzuverleiben. Die Entscheidungen wurden nun nicht mehr in Dresden getroffen, sondern vom Kombinatsdirektor Wolfgang Biermann, der mit der Aussage vor versammelter Mannschaft zitiert wird, er habe "kein Interesse an Fotografie" [Vgl. Jehmlich, Pentacon, 2009, S. 207]. Und da dieser Mann durch seinen engen Kontakt mit dem DDR-Wirtschaftslenker Günter Mittag ein hohes Maß an Einfluß besaß, geriet dessen persönliche Auffassung gleichsam zum Schicksalsspruch über die gesamte Einwicklung der Photoindustrie der DDR und über den Objektivbau bei Zeiss im besonderen. Ende der 80er Jahre gab es ernsthafte Überlegungen, die Produktion von Photoobjektiven in Saalfeld einzustellen und gänzlich nach Görlitz zu verlagern.
2. Ein Photomarkt im Umbruch
Trotz einiger Neuerscheinungen zu Beginn des Jahrzehnts war der DDR-Photomarkt der 80er Jahre also weitgehend durch Stagnation geprägt. Die meisten der Objektive, wie beispielsweise das unten gezeigte Exemplar des Flektogons 4/50 mm aus dem Jahre 1989, waren mittlerweile seit durchschnittlich einem Vierteljahrhundert im Programm.

Man kann diesen Gesichtspunkt natürlich auch komplett umkehren und konstatieren: Wie weit fortgeschritten der DDR-Objektivbau in den 60er Jahren gewesen ist, läßt sich daran ablesen, daß seine Erzeugnisse, trotz der zwei bis drei Jahrzehnte, die mittlerweile an ihnen vorübergegangen waren, noch immer einen hohen technischen und qualitativen Stand darstellten und noch nicht komplett veraltet waren. Das mag freilich auch an den speziellen Gegebenheiten in diesem Teil des Konsumgütermarktes gelegen haben. Ein Flektogon ist eben kein Trabant, wenn ich es einmal so formulieren darf. Wenn ein Resümee über die DDR-Photoindustrie im Rückblick einigermaßen versöhnlich ausfällt, weil man bis zum Ende eben doch noch Geräte hergestellt hat, die man nicht unbedingt als "neu hergestellte Oldtimer" bezeichnen mag, wie es beim Trabant der Fall war, dann liegt das daran, daß diese Beurteilung mit dem Stichjahr 1990 abrupt abbricht. Wir wissen heute, daß es aber genau diese 90er Jahre gewesen sind, in denen mit Autofokus und digitaler Kamerasteuerung die Karten in diesem Marktbereich einmal komplett neu durchgemischt wurden. Und die große Frage – eine hypothetische freilich – ist doch, wie die DDR-Photoindustrie auf diese Entwicklungen hätte reagieren sollen. Mit diesem Knackpunkt ist sie schlichtweg nicht mehr konfrontiert worden.
Die Photoindustrie der DDR der 1980er Jahre war also durch einen deutlichen Zwiespalt gekennzeichnet: Einerseits die zunehmende technische Rückständigkeit, andererseits die Tatsache, daß diese Stagnation oft auf einem durchaus hohen qualitativen Niveau stattfand. Auch das oben gezeigte Prakticar 2,8/20 mm ist ein Beispiel dafür. Es geht zwar auf den Anfang der 70er Jahre zurück, mußte aber 15 Jahre später den internationalen Vergleich immer noch nicht scheuen. Auf diese Weise gelang es dem Kamera- und Objektivbau der DDR noch, sich einigermaßen durch die 80er Jahre zu "mogeln". Dabei half ein stabiles Vertriebsnetz in etlichen westlichen Ländern. Die Exportquote ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) erreichte daher zum Teil über 75 Prozent.
Die japanische Firma Minolta hatte zu Jahresbeginn 1985 eine Kamera auf den Markt gebracht, mit der sie die konkurrierenden Hersteller in einen heute kaum noch vorstellbaren Zugzwang trieb. Schließlich war mit dieser Minolta 7000 AF nicht allein die erste echte Autofokus-Spiegelreflexkamera verwirklicht worden, sondern auch andere Details wie der integrierte Transportmotor und die innovative Bedienung mit Tipptasten waren neu. Die übrigen Firmen brauchten zum Teil mehrere Jahre, bis sie die ungeheuer praktische shiftbare Programmautomatik bieten konnten. Auch die gewagte Einführung eines völlig neuen Objektivanschlusses sollte sich bald als richtige Entscheidung herausstellen.

Bei Recherchen bin ich zufällig auf die obige Verkaufsanzeige gestoßen, die Herr Hofmann aus Ottendorf-Okrilla im März 1989 in einer Tageszeitung geschaltet hatte. Ich kann mir gut vorstellen, daß er seine Minolta 7000 für die veranschlagten 14.000 Mark losbekommen hat, denn es wird sich sicherlich ein freier Photograph gefunden haben, der den Autofokus für seine Reportagen oder Hochzeitsaufnahmen sehr gut gebrauchen konnte. Ebenso das Zoom von 28-135 mm, das es für keine Otsblock-Kamera gab. Für dieses Geld hätte man ein Dutzend Praktica-BX20-Gehäuse kaufen können. Oder fast einen Skoda 105.
Allerdings mit deutlich fallender Tendenz. Als Problem zeichnete sich ab, daß just zu jener Zeit, da die Praktica BX20 auf den Markt kam, international gesehen die Nachfrage rasch auf den neuen Autofokus umschwenkte. Auch Hersteller wie Nikon oder Pentax wurden von diesem Umschwung ziemlich überrumpelt. Lange hatte man hier noch auf mit der BX20 vergleichbare Kameramodelle sowie auf die bewährten Manuellfokus-Objektive gesetzt. Doch mit Aufkommen des Autofokus ab 1985 waren nicht nur diese traditionellen Kameras überholt, sondern auch die zugehörigen Objektivlinien quasi über Nacht inkompatibel geworden. Da half es auch nichts, wenn Pentax und Nikon betonten, das Bajonett sei dasselbe geblieben. Es stellte sich nämlich als eine Illusion seitens der Hersteller heraus, daß die Kundschaft eines der neuen AF-Gehäuse kaufe, um dann ihre alten manuellen Objektive an ihnen weiterzunutzen. Wer Autofokus kaufte, der wollte auch Autofokus haben. Für die etablierten Hersteller lief das letztlich darauf hinaus, daß sie gezwungen waren, ihr gesamtes Objektiv-Sortiment binnen ziemlich kurzer Zeit umzustellen. Überlagert wurde diese Entwicklung noch durch den simultan ablaufenden Trend hin zum Zoomobjektiv. In diesem Zusammenhang ergab sich sogleich noch die weitere Fehleinschätzung, Autofokuskameras seien in erster Linie für Amateurphotographen interessant. So wunderte man sich bei Nikon, als Berufsphotographen ab 1990 vermehrt mit dem Canon EOS-System und ihren Ultraschallobjektiven zu arbeiten begannen, anstatt die F4 zu kaufen, für die es zunächst fast nur Amateur-Zooms mit AF zu kaufen gab.

Im Sachnummernverzeichnis der DDR Photoindustrie sind als Praktica BY 60 zwei Autofokus-Kameras mit unterschiedlichen Belichtungsautomatiken sowie ein weiteres Modell mit sogenanntem "Power focus" verzeichnet, bei dem die Fokussierung zwar ebenfalls elektromotorisch, jedoch am Kameragehäuse von Hand erfolgt. Das alles erinnert sehr an die Modelle OM 707 und OM 101, die die japanische Firma Olympus ab 1986 herausgebracht hatte. Ob Pentacon sich eine (erneute) Zusammenarbeit mit diesem Hersteller erhoffte, ist nicht bekannt. In soweit waren diese Praktica BY-Kameras jedenfalls reine Illusion...
Mit diesen wenigen Worten sollte hier nur einmal im Ansatz angedeutet werden, in was für eine Bewegung der Photomarkt in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre geraten war. Man hat auch manchmal den Eindruck, die oben genannten Hersteller seien selbst vom Erfolg ihrer Autofokuskameras überrascht gewesen, wenn man ihre zum Teil recht merkwürdige Modellpolitik in den ersten Jahren rekapituliert. Und Kamerabaufirmen übrigens, die diesem Trend zum Autofokus nur halherzig folgten (Contax-Yashica, Olympus) oder gar gänzlich verweigerten (Leica), gerieten nach nur wenigen Jahren zum völligen Außenseiter im Kameramarkt. Es bleibt nun der Phantasie des Lesers überlassen, sich auszumalen, welchen Abstieg die Photosparte des riesigen Kombinates Carl Zeiss Jena durchgemacht hätte, wäre die Wende nicht gekommen.

Oben: Noch nach der Währungsunion gebaut: Eines der letzten Olympiasonnare. Optisch war dieses massive Objektiv auf dem technischen Stand der 1960er Jahre, die Grundkonstruktion geht freilich auf die Mitte der 1930er Jahre zurück.

Oben: Exemplar aus der letzten Serie der Pentacon-Six-Normalobjektive von 1989
Oben ein echtes Kuriosum: Das Flektogon 2,8/35 mm, das auf das Jahr 1949 zurückgeht und das damit das erste praktisch verwirklichte Retrofokus-Weitwinkelobjektiv der Welt für Kleinbildkameras gewesen sein dürfte, wurde in einer Fassung mit Exakta-Anschluß noch bis in die 1980er Jahre gefertigt. Offensichtlich waren noch größere Restbestände an vorgefertigten Linsensätzen vorhanden, als 1975 der Nachfolger Flektogon 2,4/35 herausgebracht und sogleich in großen Stückzahlen produziert worden war. Oder es bestand eine anhaltend große Nachfrage, so daß die Fertigung fortgeführt wurde. Die These der Restbestände wird allerdings dadurch genährt, daß trotz des Erkennungsmerkmals der Kreuzrändelfassung keine Mehrschichtvergütung auf die Linsen aufgebracht wurde. Kurios ist dieses Objektiv für mich vor allem deshalb, weil mit Auslaufen der Exa Ia gar keine Kamera mit Exakta-Bajonett mehr gefertigt wurde. Man fragt sich also, wer diese Flektogone gekauft hat. Erst zum Jahresende 1985 (!) gelangen die letzten 500 Stück in die Endmontage. Das letzte Exemplar trägt die Seriennummer 5600, was bedeutet, daß seit 1981 noch einmal 4600 Flektogone 2,8/35mm gefertigt worden waren.
Der Nachfolger Flektogon 2,4/35 "überlebte" das alte 2,8er aber auch nur um drei Jahre, denn bereits zu Jahresende 1988 wurden die letzten 5000 Stück montiert. Von einer "Wende" war da noch nichts in Sicht; damit kann das also nichts zu tun haben. Aber der Markt war damals wohl gesättigt mit solcherlei Festbrennweiten. Immerhin hatte man seit 1975 mehr als 209.000 Flektogone 2,4/35 mit M42-Anschluß gebaut. Darüber hinaus war es beschlossene Sache, die Praktica L-Reihe 1989 endgültig aus dem Programm zu nehmen. Daß der eklatante Rückgang der Nachfrage nach Festbrennweiten trotzdem eine große Rolle gespielt haben wird, erkennt man daran, daß im Herbst 1988 gleichsam die Variante mit B-Bajonett auslief. Immerhin hatte man von diesem Prakticar 2,4/35 mm bis dato beinah 24.500 Stück gefertigt. In einem größeren Exkurs im Aufsatz zu den Pentacon-Objektiven der 1980er Jahre gehe ich ausführlich auf den Trend ein, daß zu jener Zeit gemäßigte Festbrennweiten fast vollständig durch Zoomobjektive substituiert wurden, in denen sie quasi mit enthalten waren. Ein Rückbesinnen auf solche festbrennweitigen Objektive und das Wiederentdecken ihrer qualitativen wie bildgestalterischen Vorteile ist erst seit den letzten Jahren wieder zu verzeichnen. Auch so manche Saalfelder Wertarbeit erlebt auf diese Weise ihre zweite Renaissance...
Oben: In M42-Fassung ein regelrechtes Massenobjektiv, wurden vom Prakticar 3,5/135 mm zwischen Herbst 1980 und Frühjahr 1988 gerade mal etwa 30.000 Stück gebaut. Aber mit 470,- statt 237,- Mark war auch der Preis auf das Doppelte angestiegen. Dafür ist die Fassung nun noch einmal robuster. Ein wirklich wertiges Objektiv.
An diesem Prakticar 135 mm ist bemerkenswert, daß es wohl das am längsten hergestellte Wechselobjektiv aller Zeiten sein wird. Es wurde 1931 für die Contax (Meß-) Sucherkamera als Sonnar 4/13,5 cm herausgebracht. Die Konstruktion stammt von Ludwig Bertele und wurde nie verlassen; auch nicht, als 1965 die Lichtstärke auf 1:3,5 geringfügig erhöht wurde. Wir können also ohne Übertreibung von einer 57-jährigen Fertigungszeit sprechen. Aber auch das ist nicht ganz richtig, denn in Krasnogorsk wurde Berteles Sonnar unter der Bezeichnung Jupiter-11 noch mindestens bis in die 1990er Jahre gefertigt.
Doch was Zeiss-Jena-Wechselobjektive speziell für das Praktica B-Bajonett" betrifft, liegen die 30.000 Exemplare des obigen Prakticars 135 mm ja noch vergleichsweise auf dem Niveau der Massenware. Vom hier gezeigten Prakticar 1,8/80 mm wurden in zehn (!) Jahren gerade einmal 4740 Stück fabriziert. Das ist wirklich wenig. Im Prinzip wurde dieses Objektiv nicht verkauft, sondern handverlesenen Interessenten zugeteilt. Man kann daran zweierlei ablesen: Einmal daß das Praktica B-System auf internationalen Märkten für anspruchsvolle Photographen keine Rolle gespielt hat, denn nur solches Klientel kauft sich überhaupt ein lichtstarkes Portraitobjektiv. Zu Zeiten des M42-Anschlusses waren Zeissobjektive durchaus noch von westdeutschen, britischen oder niederländischen Anwendern gekauft worden, die diese beispielsweise an einer Pentax Spotmatic oder Vergleichbarem benutzten. Mit der zunehmenden Verbreitung von herstellerspezifischen Bajonettanschlüssen fielen diese Formen der Fremdnutzung immer mehr weg. Zweitens muß man aber erschüttert konstatieren: Die Nachfrage im Inlandsmarkt oder vonseiten der übrigen Ostblockstaaten scheint in den 80er Jahren kein ausschlaggebender Anlaß für Zeiss Jena mehr gewesen zu sein, ausreichende Mengen eines kostspieligen Konsumgüterproduktes auszustoßen.
Oben: Wie bereits angedeutet, hat es bei den Jenaer Praktica-B-Objektiven auch noch einmal einen bemerkenswerten Fortschritt gegeben was die Vervollkommnung des Fassungsaufbaus betrifft. So übersichtlich und wartungsfreundlich war noch kein Objektiv aus diesem Werk ausgestaltet. Alle für die Funktion kritischen Teile stecken in dem Bajonettsockel ganz links. Die Ansteuerung für die zirkulare Springblende ist in unzähligen kleinen Kugeln gelagert. Das war auf dem Niveau der besten Wechselobjektive aus japanischer Fertigung jener Zeit. Nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal war der veränderliche Spannungsteiler für die elektrische Blendenwertübertragung, der in weitgehend identischer Form auch für die Praktica-B-Kameras übernommen wurde. Der Blendenkörper war (wie in Japan seit Jahren üblich) endlich ein geschlossenes Bauteil, das nach Lösen von drei Schrauben in seiner Gesamtheit ausgebaut und gewartet werden konnte. Alle Übertragungselemente wurden nun wieder aus Metall gefertigt.
3. Aus Jena nichts Neues...
Die beiden Zooms waren bereits das "Ende der Fahnenstange" was die Entwicklung von Photoobjektiven bei Carl Zeiss Jena nach einer ziemlich genau 100 jährigen Tradition angeht. Angespornt durch die großen Erfolge, die der Einsatz der neuen Schott'schen Gläser bei der Entwicklung von Mikroskop-Objektiven gezeitigt hatte, schlug Paul Rudolph um 1887/88 Ernst Abbe den Eintritt in das Geschäftsfeld des Photoobjektivbaus vor. Als 100 Jahre später diese beiden Zooms in Produktion gingen, nachdem ihre Konstruktion bereits einige Jahre "auf Eis gelegen" hatte, geschah dies bereits im Lichte der Resignation gegenüber der Entwicklung auf dem internationalen Markt.

Freilich hat die photooptische Abteilung des VEB Carl Zeiss JENA während der 1980er Jahre ganz außergewöhnliche Hochleistungsobjektive entwickelt. Nur eben nicht für Sie und mich. Nach Durchsicht der Patente besteht für mich kaum ein Zweifel mehr, daß es sich hier ganz und gar um High-Tech für Militär und Geheimdienst gehandelt hat. Eines von den Patenten ist beispielsweise überschrieben mit "Hochauflösendes Teleobjektiv mit Innenfokussierung und großem Öffnungsverhältnis" [Nr. DD248.858 vom 10. März 1983]. Diese Erfindung scheint übrigens so geheim gewesen zu sein, daß man sie zwar in der Recherchefunktion des Deutschen Patentamtes findet, das Dokument dann aber Angaben zu einem Heizungssystem enthält. Um einen einmaligen Irrtum kann es sich nicht handeln, denn bei den Patenten Nr. DD243.808 "Objektiv mit großem Bildwinkel für den infraroten Spektralbereich" vom 5. Oktober 1982 und Nr. DD290.488 "Weitwinkelobjektiv mit veränderlicher Brennweite für den infraroten Spektralbereich" vom 22. Mai 1986 passiert dasselbe. Möglicherweise handelt es sich aber auch um eine fehlerhafte Registration beim DPMA. Viele dieser Patente wurden erst nach der Wiedervereinigung in der Bundesrepublik veröffentlicht. So zeigen uns wenigstens die Patente Nr. DD300.765 "Hochleistungs-Teleobjektiv für den infraroten Spektralbereich" vom 17. April 1986 und Nr. DD269.692 "Apochromatisches Objektiv" vom 29. Dezember 1987, daß für derartige Belange kein Aufwand zu groß und kein Material zu teuer gewesen ist. Bei ersterem werden Sammellinsen aus Silizium und Zerstreuungslinsen aus Chalkogenidglas C2 eingesetzt, bei letzterem eine eingebettete Sammellinse aus Flußspat.
Als einzig Nennenswertes im Bereich der photographischen Konsumgüterprodukte ist mir noch ein Patent für ein kompaktes Spiegellinsenobjektiv 8/500mm aufgefallen, das Evelyn Koch, Volker Tautz, Günther Benedix und Utz Schneider am 2. September 1987 angemeldet hatten (Nr. DD263.604). Neben Kompaktheit hatten die Erfinder auch besonders auf Streulichtfreiheit Wert gelegt, was man an den exakt bemessenen Störlichtblenden erkennen kann.

Wieso man allerdings gerade an solch einem Projekt Entwicklungsaufwand verschwendete, ist mir schleierhaft. Spiegellinsenobjektive sind vielleicht interessante Spielereien für Objektivkonstrukteure; für den photographischen Praktiker sind sie aber weitgehend unbrauchbar. Die praktische Handhabung gestaltet sich schwierig, weil einerseits das dunkle Sucherbild ein Scharfstellen erschwert, andererseits ein Abblenden zur Steigerung der Schärfentiefe prinzipbedingt ausgeschlossen ist. Ganz davon zu schweigen, daß die kompakten Spiegeltele zum Photographieren aus der Hand verleiten, wodurch die Aufnahmen fast immer verrissen werden. Es darf auch nicht verschwiegen werden, daß zum Zeitpunkt der Entwicklungsarbeiten in Jena derlei Spiegelobjektive auf dem Weltmarkt bereits zu billigsten Preisen ausgestoßen wurden. Massenware aus Fernost, die in der Bundesrepublik zum Beispiel unter der Bezeichnung "Dörr Danubia" (in Fachkreisen: Dörr Dubiosia) vertrieben wurde, hatte den Markt längst überschwemmt. Solche Spiegeltele wurden daraufhin auch von nicht wenigen Amateuren gekauft, verstaubten dann aber alsbald in den heimischen Regalen. Ein derartiges Objektiv von Carl Zeiss Jena wäre also kaum zum einträglichen Geschäft geworden.
Vom November 1989 ist noch eine Rechnung von Harald Maenz und Christine Thiele (mittlerweile verheiratete Schmöller) für ein Zoomobjektiv 3,5-6,5/35-70 mm für eine Kompaktkamera verzeichnet, von dem sogar noch ein Muster gefertigt wurde. Offensichtlich sollte in der DDR eine Zoom-Kompaktkamera entwickelt werden. Doch dafür war die Zeit nun abgelaufen.
4. Das Ende des Photo-Rechenbüros in Jena
Die Abteilung Photo bei Zeiss Jena war gerade 100 Jahre alt geworden, als in der DDR im März 1990 die ersten und zugleich letzten freien Wahlen abgehalten wurden. Für Nachgeborene ist es kaum vorstellbar, in welch rasender Geschwindigkeit damals Dinge "über den Haufen geschmissen" wurden, die zuvor für alle Ewigkeit zementiert zu sein schienen. Das Aufstoßen aller Fenster hatte aber auch zur Folge, daß den DDR-Bürgern plötzlich ins Bewußtsein gebracht wurde, wie abgehängt ihr abgeschottetes kleines Land im Vergleich zu westlichen Standards war. Das Entsetzen war groß, als nun auf einmal der schlechte Zustand der Luft, der Wälder und der Gewässer öffentlich thematisiert wurden, sowie die verfallene Bausubstanz vieler Altstädte und der verheerende Zustand der Verkehrsinfrastruktur – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Zeiss zwischen der immer noch bestehenden Handelsembargo-Liste für die Ostblock-Länder und der "drohenden" Währungsunion mit der Bundesrepublik: Das Interview mit dem neuen Zeiss-Generaldirektor Gattnar im "ND" vom 14. März 1990 – wenige Tage vor den Wahlen – zeigt, daß man sich im Klaren war, wo die Reise hingeht, wenn die D-Mark kommt. Innerhalb weniger Monate werden von den genannten 60.000 Beschäftigen des Kombinates 45.000 entlassen sein.
Hatten die zentral gelenkten Medien der DDR noch bis kurz vor dem Mauerfall mit immer den gleichen Floskeln den bevorstehenden Sieg des Sozialismus verkündet, so wurden die Bürger von den nunmehr frei berichtenden Medien auf einmal mit einer ungewohnt kritischen Berichterstattung überflutet. Trotz der allgemeinen Aufbruchstimmung kamen erstmals ernsthafte Bedenken darüber auf, ob das von der SED gemalte Bild der DDR als zehntgrößte Industrienation der Welt nicht eine reine Illusion sei. Zum Symbol dieser Desillusionierung geriet der Pkw Trabant, dessen "neues" Modell 1.1 plangemäß ausgerechnet in diesem Frühjahr 1990 in die Serienproduktion gelangte. Angesichts dieses hoffnungslos veralteten Autos geriet mehr und mehr die Frage ins Blickfeld, wer diese einheimischen Produkte eigentlich zukünftig noch kaufen soll, wenn in der DDR der Markt geöffnet und die Währung – wie von den Bürgern mit großer Mehrheit gefordert – auf die D-Mark umgestellt wird. In die Wende-Euphorie mischten sich nun zunehmend Ängste um den eigenen Arbeitsplatz.

Und wer hatte es auf dem Schirm, daß selbst der absolute Vorzeigebetrieb der DDR unter maroder Bausubstanz und mangelnder Perspektive litt. Allen war klar, daß der VEB Zeiss in großen Teilen und über Jahrzehnte hinweg auf die Bedürfnisse der Sowjetunion und des von ihr beherrschten RGW zugeschnitten war. Hohe Summen waren zudem seit Mitte der 70er Jahre in den Sektor der Militärgeräte ("U-Betrieb") investiert worden sowie in eine völlig unwirtschaftliche Schaltkreisentwicklung. Das waren aber beides Erzeugnisgruppen, die nun plötzlich überhaupt nicht mehr gebraucht wurden. Zeissianer, die gerade noch privilegiert und mit Sonderverträgen in diesen abgeschotteten Werksteilen gearbeitet hatten, fanden sich nun in einer schwierigen Lage wieder.

Die aufgeblähten Produktionsstrukturen, die nun abgebaut werden mußten, sorgten dafür, daß in kurzer Zeit viele Facharbeiter entlassen werden mußten. Mit all den Folgen, die so etwas nach sich zieht.

Vielsagend: Am 18. Juli 1990, wenige Tage nach Einführung der D-Mark in der DDR, wirbt der Zeiss-Industrieladen am Berliner Alexanderplatz in der "BZ" damit, nun Kameras "der Weltmarke Canon" im Angebot zu führen. Von der Weltmarke Zeiss Jena schien im Sommer 1990 dagegen keiner mehr etwas wissen zu wollen. Die Zeiss-Industrieläden wurden im Jahr darauf von einer Ladenkette für Brillen übernommen.
Und wie sah es speziell mit den Photoobjektiven aus? Es ist nicht ganz klar, woran im Jenaer Rechenbüro nach der Währungsreform noch gearbeitet wurde. Solange jedoch in Saalfeld weiterhin eine Produktion stattfand (siehe Abschnitt 5), waren wohl auch noch Rechenarbeiten nötig.

Oben: einmaliger Einblick in das Photo-Rechenbüro der Carl Zeiss Jena GmbH während der Wendezeit. Die Photo-Optikrechner waren zu diesem Zeitpunkt bereits von ihren Einzelbüros in diesen Großraum zusammengelegt worden. Bild: Sammlung Benedix.

Ort des oben gezeigten Bildes war das im Jahre 1965 fertiggestellte Forschungsgebäude "Bau59". Doch hier konnten die Optikrechner nicht bleiben, da das Gebäude im Jahre 1991 entkernt und seit 1992 umfassend umgebaut wurde, wie diese Aufnahme vom April 1992 belegt. Bild: Sammlung G. Benedix.

Diese Aufnahme vermittelt uns einen Eindruck davon, in welcher Art und Weise die "Auflösung" der wissenschaftlichen Abteilungen damals vonstatten ging. Zeitzeugen, die noch die Demontage von 1946/47 miterlebt hatten, gaben an, daß es damals geordneter zugegangen sei. Denn jetzt wurde alles herausgerissen, um es ein für alle mal zu entsorgen.


Das Rechenbüro mußte in der Folgezeit mehrfach umziehen, weil die Gebäude im Altwerk nach und nach geräumt wurden. Man beachte das alte Emailleschild "Photo-Büro" zwischen beiden Fenstern. Bild: Utz Schneider, Sammlung Benedix.

Auch wenn im Allgemeinen Lothar Späth (1937 - 2016) mit dem "Kahlschlag" im Jenaer Hauptwerk in Verbindung gebracht wird, so waren die Entscheidungen zum Abriß der Gebäude offenbar noch unter der alten Geschäftsführung getroffen worden

Nur einen Tag nach der obigen Meldung wurde bekannt, daß der gerade erst als Ministerpräsident Baden-Württembergs zurückgetretene Lothar Späth vom damaligen Thüringer Ministerpräsidenten Josef Duchač zum Zeiss-Manager gemacht werde, was damals als Skandal wahrgenommen wurde. Selbst der überrumpelte Koalitionspartner FDP zeigte sich öffentlich verärgert. Im Hintergrund hatte wohl Kohl die Fäden gezogen - und mit dieser Personalie den eigentlich schon als Zeiss Manager designierten Friedhelm Farthmann von der SPD verhindert.

Um den vollständigen Kollaps von Zeiss in Jena abzuwenden, wurden ab Sommer 1991 für damalige Verhältnisse unvorstellbar hohe Summen in den Standort gepumpt. Die Zeiss Jena GmbH war de facto zum Landeseigentum Thüringens geworden.

Die Photo-Optikrechner waren nach Übernahme des Hauptwerks in der Jenaer Innenstadt durch die Jenoptik GmbH zunächst in diesem Gebäude untergebracht, dessen Fassade eigentlich einen frisch renovierten Eindruck hinterläßt.

Ende Juni 1992 wurde dieses Gebäude G4 "von hinten her" abgerissen, während vorn die Optikrechner quasi noch an ihren Arbeitsplätzen saßen. Eine absurde Situation, wie sich Günther Benedix erinnert.

Am 9. Juli 1992 war dann dieser Bau G4 fast dem Erdboden gleich gemacht. Die Optikrechner kamen übergangsweise in dem ganz rechts am Bildrand sichtbaren Gebäude unter, dessen Bausubstanz zwar viel schlechter war, das aber noch etwas länger erhalten blieb.
Auf der obigen Abbildung hat Utz Schneider einmal seine Aufnahmen der Gebäude von 1992 dem Lageplan des Zeiss-Hauptwerkes zugeordnet. Dies soll wohl die Verteilung der verschiedenen Rechenbüros der verschiedenen Abteilungen auf dem Gelände dokumentieren.





Und irgendwie ging es in Jena dann doch weiter – auch wenn die Ära der photographischen Objektive ein für alle mal beendet war. Man muß sich aber auch im Klaren sein, wie unwahrscheinlich privilegiert die Zeissianer in Jena damals waren gegenüber anderen Regionen. Fachkräfte anderer DDR-Betriebe wurden nicht jahrelang in einer "Warteschleife" aufgefangen bis man wieder Beschäftigung für sie fand, sondern einfach auf die Straße gesetzt. Zeiss blieb auch nach der Wende der große Renommierbetrieb, für den die Gelder locker gemacht wurden.



Während ältere Kollegen wie Harald Maenz (Jahrgang 1929) und Gerhard Risch (Jahrgang 1936) offenbar in den Ruhestand gingen, wechselte der jüngere Utz Schneider (Bild unten, Jahrgang 1943) zum von Docter Optics übernommenen Zeiss-Standort nach Neustand an der Orla.


Letzte Aufnahmen aus dem Photo-Rechenbüro von Zeiss Jena vom Januar 1992. Dr. Volker Tautz (Jahrgang 1951, oben) wechselte kurz darauf zu Hensoldt, einem traditionsreichen Hersteller von Ferngläsern und Zielfernrohren in Wetzlar, der zur Zeiss-Gruppe gehörte. Der Diplom-Mathematiker Günther Benedix (Jahrgang 1953, unten) ging nach Saalfeld, in das von Bernhard Docter übernommene Werk. Die Rechenmaschine vom Typ Mercedes Euklid, die wohl beim Ausräumen zum Vorschein gekommen war, befand sich natürlich seit Jahrzehnten nicht mehr in Benutzung. Wer weiß, welche bis heute von uns genutzten Objektive einstmals mit ihr durchgerechnet wurden...

5. Objektive aus Saalfeld während der Wendezeit
Aus Zeitungsmeldungen über den Zeiss-Standort Saalfeld erfahren wir, daß für 1991 von den ehemals über 2900 Beschäftigten nur noch etwa ein Zehntel übrig sei. Zum 1. August 1991 übernahm der Wetzlarer Optik-Unternehmer Bernhard Docter den optischen Teil des Saalfelder Werkes. Damit waren die Betriebsteile Eisfeld (Ferngläser) und Saalfeld (Photoobjektive und Elektronik) aus dem riesigen Zeiss-Konglomerat herausgelöst worden. Docter verpflichtete sich, in Saalfeld für 250 Beschäftigte den Arbeitsplatz zu sichern.

Damit haben wir also eine Zeitspanne von 13 Monaten zwischen der Währungsunion und der damit verbundenen Auflösung der VEBs und der besagten Herauslösung des Saalfelder Werkes aus der Zeiss Jena GmbH zum 1. August 1991. Während dieser Monate wird in Saalfeld sicherlich eine heruntergefahrene, aber dennoch nicht abrupt gestoppte Produktion stattgefunden haben. Zentraler Anhaltspunkt dafür sind Objektive, bei denen statt "CARL ZEISS JENA DDR" nun "CARL ZEISS JENA Made in Germany" aufgraviert wurde. Dieses "Made in Germany" verweist wiederum auf eine Herstellungszeit nach dem 3. Oktober 1990, also dem Zeitpunkt, als die DDR aufgehört hatte zu existeren.

Oben ist anhand eines Sonnares 2,8/180 mm ein Beispiel für ein solches Objektiv gezeigt, das noch nach dem 3. Oktober 1990 gefertigt worden sein muß [Foto: Pekka Buttler, Helsinki]. Beim Blick auf die Seriennummer 18.879 fällt auf, daß das Produktionslos, zu dem dieses Objektiv gehört, im "Thiele" gar nicht mehr enthalten ist. Die Endmontage fand daher noch nach dem 22. 11. 1989 statt. Es wird wohl heute kaum noch möglich sein, nachzuvollziehen, ob nur auf Lager liegende oder neu produzierte Teile montiert worden sind.

Ein weiteres Phänomen aus dieser Zeit ist unten aufgezeigt mit einem Tessar 2,8/50 "Made in Germany" [Bild:Felix Heil]. Das Tessar 2,8/50 war ja bereits weit vor der Wende im Jahre 1988 aus der Fertigung genommenen worden. Man darf aber davon ausgehen, daß für Garantieleistungen und Reparaturen Restbestände bzw. Ersatzteile auf Lager lagen. Diese hat man offenbar zwischen Anfang Oktober 1990 und Ende Juli 1991 noch montiert und in den Vertrieb gebracht, was an der Kombination "Made in Germany" mit "Carl Zeiss Jena" zu erkennen ist.

Für eine Produktion unter der Ägide der Firma Docter könnte hingegen die typische vierstellige Seriennummer sprechen. Da das Objektiv bereits aus der Produktion genommen war, hat man völlig neue Seriennummern vergeben (die höchste VEB-Seriennummer von 1988 war 431.020). Man kann also davon ausgehen, daß das Werk Saalfeld noch ein paar Hundert dieser Tessare aus dem vorhandenen Material hat montieren lassen, um den Arbeitskräften Beschäftigung zu geben. Wie diese M42-Tessare noch an den Mann gebracht wurden, ist schleierhaft, denn die Praktica L-Reihe war schließlich bereits im Herbst 1989 ausgelaufen.



Aus den obigen Zeitungsberichten jeweils vom November 1991 und November 1992 erfahren wir, daß Herr Docter nicht nur die Fertigung bestimmter Objektive (wie die speziellen Apo-Germinare) fortführen ließ, sondern auch den Service für ältere Zeiss-Objektive übernahm. Nur drei Jahre später, im November 1995, starb jedoch Bernhard Docter unerwartet und die von ihm geretteten Optik-Betriebe mußten nach der Insolvenz neu strukturiert werden. Die Ära der Photo-Aufnahmeobjektive aus Thüringen ging danach endgültig dem Ende entgegen.
Marco Kröger
Letzte Änderung: 7. Dezember 2025

Yves Strobelt, Zwickau
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