Orestor

Das Orestor

Als Orestor wurde bei Meyer-Optik in den 60er Jahren eine neue Reihe an lichtstarken Teleobjektiven bezeichnet, die vom Sonnar-Typ abgeleitet waren.

Meyer Orestor 2,8/100 mm

Orestor 2,8/135 mm

Die Firma Meyer-Optik in Görlitz hatte sich frühzeitig einen guten Namen im Bereich der Fernobjektive für Kleinbild- und Schmalfilmkameras gemacht. Um bei den besonders langbrennweitigen Objektiven die Baulänge der Fassung angenehm kurz zu halten, waren unter Stefan Roeschlein in den 30er Jahren die Telemegore 1:5,5 mit verkürzten Schnittweiten entwickelt worden. Wem deren Lichtstärke nicht genügte, dem konnte Meyer-Optik mit den Primotaren 3,5/135 und 3,5/180 eine Alternative anbieten. Diese Fernobjektive waren jedoch Abwandlungen des Tessartyps, weshalb deren Schnittweiten kaum kürzer gerieten als ihre Brennweiten. Durch den dadurch recht großen Luftraum hinter der Optik fielen die Fassungen dieser langbrennweitigen Primotare auch entsprechend voluminös aus. Trotz ihrer guten Abbildungsleistung galten diese Primotare daher seit den späten 50er Jahren als deutlich veraltet.

Orestegor 2,8/135

Um den Anschluß an die Entwicklungslinien im internationalen Photomarkt nicht zu verlieren, wurde deshalb unter Hubert Ulbrich während der 60er Jahre das gesamte langbrennweitige Sortiment des Görlitzer Herstellers modernisiert und die bisherigen Typen sukzessive durch völlig neuartige ersetzt. Der erste Schritt dazu war im Mai 1961 mit dem Orestegor 4/200 mm getan worden, das ab Herbst 1963 das veraltete, aber bis zum Schluß beliebte Telemegor 5,5/180 ablöste. Zwischen dem Trioplan 2,8/100 und diesem neuen Orestegor 4/200 klaffte nun jedoch eine ziemlich große Lücke, die mit einem modernen Teleobjektiv mit 135 mm Brennweite ausgefüllt werden sollte.

DD33141 Orestor 2,8/135

Wie nun die zugehörige DDR-Patentschrift Nummer 33.141 vom 15. Februar 1962 wissen läßt, mußte Ulbrich dazu allerdings einen völlig anderen Weg einschlagen, als noch im Jahr zuvor mit seinem Orestegor 200 mm. Orestegore gehören zu den Teleobjektiven im engeren Sinne, die sich durch einen vorderen sammelnden Systemteil und einem hinteren zerstreuend wirkenden auszeichnen. Derartige Typen ließen sich mit den damaligen Mitteln aber nur bis zu Lichtstärken von 1:4 auskorrigieren. Bei dem neuen 135er sollte aber die Lichtstärke auf 1:2,8 angehoben werden. Ulbrich ging daher zu einer Bauart des Teleobjektivs über, die sowohl vor, als auch hinter der Blende aus zwei sammelnd wirkenden Komponenten besteht, die zusammen jedoch einen negativen Meniskus von großer Mittendicke einschließen. Die Glasdicke dieses zerstreuenden Teils beträgt dabei immerhin zwischen 15 und 30 Prozent der Objektivbrennweite. Derartige Tripletabwandlungen, die aufgrund der inneren Brechkraftverteilung trotzdem eine mit den echten Teleobjektiven vergleichbare kurze Schnittweite aufweisen und daher auch bei längeren Brennweiten sehr kompakt gebaut werden können, sind in den 20er und 30er Jahren von Ludwig Bertele bei Ernemann bzw. Zeiss Ikon in Dresden als Ernostare bzw. Sonnare geschaffen worden. Das Orestor 2,8/135 ist somit ein Vertreter des klassischen Sonnartypus.


Hubert Ulbrichs patentfähige Verbesserung dieser vielbenutzen Objektivbauart bestand nun freilich darin, den hinter der Blende stehenden sammelnden Systemteil in zwei Einzelkomponenten aus einer Sammel- und einer Zerstreuungslinse aufzubauen. Neben der dadurch erzielten guten Beherrschung des Farbvergrößerungsfehlers (chromatische Querabweichung) ergab dieser Schritt zudem einen nenneswerten fertigungstechnischen Vorteil. Während bei Berteles Sonnaren aus den 30er Jahren hinter der Blende meist sehr dicke Linsen mit starken Krümmungen standen, von denen immer nur wenige auf einer Schleifschale platzfanden, kam Ulbrich jetzt hier mit zwei dünnen und flachen Linsen aus, die sich viel besser in großen Stückzahlen fertigen ließen. Denn das Orestor war von vornherein so ausgelegt, daß es sich bei möglichst guter Bildleistung so wirtschaftlich wie möglich fertigen ließe:


"Ein gemäß der Erfindung aufgebautes System basiert auf der Aufgabenstellung, für die Kleinbildphotographie ein Teleobjektiv mit einem Öffnungsverhältnis 1:2,8 und mit einer Brennweite, deren Wert mindestens dreimal so groß ist als die Formatdiagonale, zu schaffen, bei dem aus wirtschaftlichen Gründen ein geringer Aufwand an Linsen verlangt wird, wobei relativ billige Glastypen Verwendung finden sollen."

Orestor 2.8/135 scheme

Zum Ausdruck kommt diese Prämisse der kostensparenden Herstellung also auch darin, daß mit den im Patent angegebenen Schwerkronen und Schwerflinten nur solcherlei Glassorten zum Einsatz kamen, die dem Optikkonstrukteur bereits seit den 1930er Jahren zur Verfügung standen und die sich mittlerweile preisgünstig massenfabrikatorisch hergestellen ließen. Damit war von vornherein klar, daß mit einem derartigen Materialeinsatz zwar ein gutes, aber keinesfalls ein ausgesprochenes Hochleistungsobjektiv auf dem neusten Stand der Technologie erreichbar war. Um einen Vergleich zu ziehen: Etwa zwei Jahre zuvor hatte ein gewisser Eugen Hermanni für die Ernst Leitz GmbH ein Elmarit 2,8/135 geschaffen, das zunächst für den Leica Spiegelkasten und später auch für die Leicaflex geliefert wurde [DBP Nr. 1.101.791 vom 2. Januar 1960]. Dieses wie das Orestor dem Sonnartypus zugehörige Elmarit verwendete in seinen beiden Frontlinsen ein extrem niedrigdispergierendes Kronglas (vermutlich ein Phosphat-Schwer-Kron), das zu deutlich höheren Herstellungskosten geführt haben wird. Das Elmarit-R 2,8/135 kostete dann auch fast 700,- D-Mark.


Mit 191,- DDR-Mark amateurgerecht preiswert fiel hingegen im Vergleich dazu das Orestor 2,8/135 aus. Das waren sogar noch sieben Mark weniger als das Jenaer Sonnar 4/135 mit Vorwahlblende kostete, das noch einige Zeit parallel lieferbar blieb. Dabei hatte das Orestor den großen Vorteil, mit demselben Adaptersystem zu arbeiten wie das Orestegor 4/200. Diese beiden Objektive waren daher freizügig gegeneinander austauschbar an Praktica-, Praktina- und Exakta-Gehäusen verwendbar. Ja, sogar einen Adapter für Altix-Kameras gab es einige Zeit, auch wenn diese Kombination angesichts der fehlenden Scharfstellhilfe nur wenig sinnvoll war. Allerdings konnten die beiden Tele mit demselben Altix-Adapter auch an der Pentaflex 8 Schmalfilmspiegelreflexkamera verwendet werden, wo sie angesichts des winzigen Filmbildes freilich zu regelrechten Superteles mutierten.

Die vier Adapter zum Orestor 2,8/135 und Orestegor 4/200: Praktica M42, Exakta/Exa, Praktina und Altix (von links nach rechts)

Meyer Orestor Patentversion
Pentacon 2,8/135 Serienversion

Im Zusammenhang mit seinem sonnartypischen Aufbau ist übrigens erwähnenswert, daß für das Orestor bzw. Pentacon 2,8/135 mm in den Werbeschriften des Feinoptischen Werkes Görlitz über 25 Jahre hinweg der falsche Linsenschnitt angegeben wurde. Die in den Schnittzeichnungen der Prospekte gezeigte Formgebung der charakteristischen mittleren Kittgruppe mit seiner großen Glasdicke stimmt einfach nicht mit der tatsächlich im Objektiv verbauten überein. Schuld daran dürfte die Werbeabteilung des Feinoptischen Werkes gewesen sein. Diese hatte offenbar die Zeichnung aus Hubert Ulbrich Patentschrift übernommen, obwohl das Objektiv nicht genau nach dieser Konstruktion gefertigt wurde. Der Unterschied ist marginal und hat lediglich etwas damit zu tun, daß die mechanischen Anforderungen beim Befestigen der Linsen innerhalb der Fassung manchmal bestimmte Formgebungen erfordern. Trotzdem freue ich mich, daß ich diesen Irrtum nach all den Jahrzehnten einmal richtigstellen kann.

Orestor Kittgruppen

Für den kleineren Bruder – das Orestor 2,8/100 mm, auf das ich weiter unten eingehe – hat man aber stets den korrekten Linsenschnitt angegeben. Gut ist zu sehen, wie – von der unterschiedlichen Größe abgesehen die Kittgruppen der Orestore 2,8/100 mm (links) und 2,8/135 mm (rechts) identisch sind.

Im Jahre 1968 wurde das Feinoptische Werk Görlitz in das Kombinat VEB PENTACON Dresden integriert. Daraufhin wurde ab etwa 1970 die Markenbezeichnung "Meyer-Optik" fallengelassen und das zugegebenermaßen verwirrende und fatal an schlechte Wortspiele erinnernde Durcheinander an Objektiv-Eigennamen wie Oreston, Orestor, Orestegor und Orestegon durch das einheitliche Label "Pentacon" ersetzt.

Pentacon 2,8/135

Das Orestor 2,8/135 wurde in Pentacon 2,8/135 umbenannt und verblieb nachweislich bis in das Jahr der Wende im Angebot des Görlitzer Werkes – zuletzt in der oben gezeigten, sehr gefälligen Fassung. Wieso es aber überhaupt noch mit der einfachen Vorwahlblende gefertigt wurde, scheint mehr als schleierhaft. Immerhin hatte selbst die einfache Exa seit Ende der 70er Jahre einen Mechanismus zum betätigen der Druckblende. Und eine Blendenautomatik erleichtert das Arbeiten mit einer Telebrennweite schließlich ungemein. Der Grund mag schlichtweg darin gelegen haben, daß über ein Vierteljahrhundert hinweg der Preis dieses Teleobjektivs bei 191,- Mark fixiert blieb. Und wer auf den Pfennig zu schauen hatte, der konnte offenbar auch verschmerzen, daß er auf eine Mehrschichtvergütung verzichten mußte.

Pentacon auto und electric 2,8/135 mm

Es ist ja nun nicht so, daß das Kombinat Pentacon aufs Geratewohl gegründet und der Görlitzer Objektivhersteller aus einem reinen Machtkalkül heraus eingegliedert worden ist. Im Dresdner Kamerabau standen Ende der 60er Jahre weitreichende Veränderungen bevor. Eine neue Praktica-Generation befand sich in der Entwicklung und es war klar, daß durch die Modulbauweise dieser neuen Kameras noch einmal deutlich größere Stückzahlen ausgestoßen werden könnten. Gleichzeitig wuchsen durch immer komplexere Formen der Kommunikation zwischen Kameragehäuse und Wechselobjektiv aber auch die Anforderungen an die mechanischen und nunmehr sogar elektrischen Verknüpfungen zwischen den beiden Erzeugnissen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Kamera- und Objektivhersteller wurde deswegen immer unausweichlicher.

 

Zu den neuen mechanischen Herausforderungen gehörte, daß mit Einführung der Praktica-L-Reihe die Druckblendenmechanik der Objektive nicht mehr langsam und sukzessive mit dem Drücken des Auslösers geschlossen wurde, wie bei den bisherigen Praktica-Kameras seit 1956. Vielmehr geschah dies nun ruckartig und mit hoher Beschleunigung, indem ein vorher gespannter Kraftspeicher ausgelöst wurde. Görlitzer und Dresdner Konstrukteure mußten daher Blendenmechaniken entwickeln, die genügend reibungs- und trägheitsfrei arbeiteten.

Während nun bereits mit dem Erscheinen der neuen L-Reihe im Herbst 1969 das Orestegon 2,8/29 und das Orestor 2,8/100 (s.u.) mit einer solchen Blendenmechanik zur Verfügung standen, hat es nachweislich einige Zeit länger gedauert, auch das Orestor 2,8/135 auf eine die oben angeführten Bedingungen erfüllende Blende umzubauen. Das is auch verständlich, denn je länger die Brennweiten sind, um so größer werden für gewöhnlich auch die zugehörigen mechanischen Bauteile, wodurch auch die Verstellkräfte anwachsen.

Der oben gezeigte Prototyp eines Orestor 2,8/135 mit einer ungewöhnlichen Ansteuerung der Druckblendenautomatik [Bilder: Birk Noack] konnte in dieser Form auch deshalb nicht in die Serienfertigung gehen, weil zur den komplexeren mechanischen Anforderungen nun auch die neuartige elektrische Offenblendenmessung der Praktica LLC als weitere Anforderung hinzukam. Um diese zu gewährleisten, mußte der am Blendenring eingestellte Blendenwert über einen verstellbaren Spannungsteiler in einen Widerstandswert umgewandelt werden, der über Kontakte an der Rückseite des Objektivs auf rein elektrischem Wege an die Kamera übermittelt wurde. Das dazu notwendige Potentiometer und der zugehörige Schleifer mußten dafür nicht nur im Objektiv untergebracht, sondern auch elektrisch isoliert mit der Blendenmechanik verknüpft werden. Der Fachliteratur zur Folge hat es schließlich bis zum Frühjahr 1974 gedauert, bis mit den Modellen Pentacon auto und Pentacon electric 2,8/135 mm endlich ein drittes Görlitzer Wechselobjektiv mit automatischer Druckblende bzw. automatischer Druckblende und elektrischer Blendenwertübertragung zur Verfügung gestellt werden konnte [Vgl. Richter Johannes, 135-mm-Objektiv von Pentacon in zwei Varianten; in: Fotografie, Heft 3/1974, S34/35.]. Optisch war diese neue Version freilich völlig unverändert.

Pentacon auto 2,8/135
Pentacon auto 2.8/135 MC

Oben ist wieder der Übergang von der einschichtig enspiegelten Version aus der ersten Hälfte der 70er Jahre zum Modell mit Mehrfachbeschichtung zu sehen, die äußerlich durch des Aufbringen eines sogenannten Kreuzrändels auf dem Metering charakterisiert ist. Die Fuß-Skala war noch rot eingelassen, wurde aber spätestens während der 1980er auf eine grüne Leuchtfarbe umgestellt.

Prakticar 2,8/135

Zunächst kostete das Pentacon auto 220,- Mark und die electric-Version 267,- Mark. Mit Einführung der MC- Vergütung ab etwa 1976 erhöhten sich die Preise um 16,- Mark. Das war aber noch moderat im Vergleich dazu, daß sich für das Prakticar 2,8/135 mm mit B-Bajonett Anfang der 80er Jahre der Preis mit 468,- Mark in etwa verdoppelte, obwohl sich am "Inhalt" eigentlich nichts geändert hatte.

Pentacon 2,8/135 Schnittbild

Das Pentacon 2,8/135 mit Vorwahlblende sowie das Pentacon auto 2,8/135 mm entwickelten sich in den 70er und 80er Jahren zu einem der beliebtesten Wechselobjektive für die Besitzer einer Praktica Kamera. Entsprechend groß waren daher die Produktionsziffern. Die gegenüber der Bilddiagonale (= Normalbrennweite) dreimal längere Brennweite sorgt bereits für einen deutlich spürbaren "Fernglas-Effekt". Trotzdem bleibt ein solches Teleobjektiv gerade noch klein genug, damit der Photoamateur es problemlos auf Städtereisen, Wanderungen, Sportveranstaltungen, etc. mitführen kann, ohne das Gepäck unzumutbar zu belasten.


Letztlich dürfte Hubert Ulbrichs "Dauerbrenner" ziemlich genau 30 Jahre lang ununterbrochen im Angebot gewesen sein. Jedenfalls weist ein "Fotomagazin Einkaufsberater" von 1994 letztmalig einen Verkaufspreis von etwa 130 Mark aus. Als Prakticar 2,8/135 war es aber offenbar sogar noch ein wenig länger lteferbar, was daran liegen kann, daß entweder noch größere Lagerbestände vorhanden gewesen sind oder daß die nach Rumänien verlegte Herstellung noch weiter lief, nachdem das Feinoptische Werk in Görlitz längst schon dicht gemacht worden war. Offiziell endete die Geschichte dieses 1990 in eine GmbH umgewandelten Betriebes zum 30. Juni 1991. Daß man sich bis dahin mit der Herstellung von fast 30 Jahre alten Amateurobjektiven über Wasser gehalten hat, ist allerdings kaum vorstellbar.

An dieser Stelle mal ein Vergleich des "guten alten" Orestors mit einem datengleichen Exemplar eines damaligen japanischen Mitbewerbers, der später noch zum gefragten Markenhersteller aufsteigen sollte. Aus diesem Diagramm kann man gleich mehrere interessante Informationen ablesen. Zum Beispiel, daß das Orestor nun nicht unbedingt zu den absoluten Spitzenobjektiven zu zählen ist. Selbst im günstigsten Fall, nämlich der Wiedergabe grober Strukturen, liegt die Kontrastübertragung nur bei Werten um die 60 Prozent und sinkt bei immer feiner werdenden Strukturen kontinuierlich. Das ist aber offensichtlich typbedingt zu jener Zeit normal gewesen, denn die Mitbewerber waren mit ihren 135ern allesamt kaum besser. Als positiv fällt beim Orestor allerdings auf, daß die MTF-Kurven für Bildmitte und Rand sowie voller Öffnung und Blende 5,6 recht nah beieinander liegen. Das zeitgenössische Tamron beweist, daß das alles noch einmal deutlich schlechter ging! [Fotomagazin 3/1970, S. 54]

Wohl aus einer gewissen Gutmütigkeit heraus und offenbar um die unter Heinrich Manderman wiederaufgenommene Praktica-Fertigung in Dresden zu unterstützen, hatte das seinerzeit recht bedeutende "Fotomagazin" in seinem Juliheft 1992 noch einmal einen Test einiger Pentacon-Objektive veröffentlicht. Wer heute den zugehörigen Begleittext zu dem Test liest, wird sich kaum ein Schmunzeln verkneifen können. Den typischen altväterlichen Nachwendeton haben viele Ossis noch im Ohr. Zur unfreiwilligen Komik trägt auch das Mißverständnis bei, daß die meisten der getesteten Objektive bereits billigste koreanische Massenware von Samyang darstellte, die nur noch als "Pentacon" gelabelt wurde. Gerade bei diesen fernöstlichen Fabrikaten wird aber bewundert, wie schön es doch sei und wie es vom Fortschritt in Ostdeutschland kunde, daß man sie endlich einer modernen Verpackung entnehmen könne. Sei es drum: Neben dem tatsächlich in Görlitz entwickelten Pentacon 2,8/29 mm und dem Pentacon 4/300 mm ist eben auch das 135er dem damaligen standardisierten Testverfahren unterzogen worden. Und  hier hat das betagte Objektiv gar nicht so schlecht abgeschnitten. In der Bewertung hieß es: "Bei offener Blende gute bis sehr gute Schärfe und Brillanz. Nach Abblendung (Blende 8) sehr gut". Die Testnote lag bei 8,4 für die Optik und 8,8 für die Mechanik. Was man auch immer von solchen Tests halten mag – eine kleine Bestätigung für die Arbeit Hubert Ulbrichs aus dem Jahre 1962 ist er aber allemal.

Test Pentacon 2.8/135 Fotomagazin 7/1992

Neben der Eigenschaft, Entferntes heranzuholen, sorgen solche mittleren Teleobjektive auch für einen deutlichen Freistellungs-Effekt, durch den unwichtige und verwirrende Motivdetails wirksam ausgeblendet werden, ohne daß gleich das komplette Sujet verloren geht. Photographiert von Jiří Junek, Prag, Prakticar 2,8/135mm an der Praktica BX20, Fomapan 100.


Unten: Das Pentacon electric 2,8/135 MC abgeblendet auf 1:4 an der Praktica EE3. Agfa Vista 200. Bei Gegenlichtaufnahmen macht sich der dreischichtige Entspiegelungsbelag spürbar positiv bemerkbar.

Bei voller Öffnung der Blende ergibt sich eine etwas "duftige" Schärfe, die jedoch manchen Sujets ganz gut zu Gesicht steht. Sehr spätes Prakticar 2,8/135 "ratio" an der Praktica BX20, Ilford Ortho 80.

Orestor 2,8/100 mm

Dieses Objektiv ist quasi der kleine Bruder des Orestor 2,8/135. Es wurde auch optisch auf dessen Basis entwickelt, erschien aber erst zur Leipziger Frühjahrsmesse 1968 [Vgl. Fotografie 3/68, S 3]. Man kann es damit gleichsam als endgültige Ablösung des Trioplans 2,8/100 ansehen, das Meyer-Optik mehr als 30 Jahre im Programm hatte und das nur wenige Jahre zuvor noch mit aktuellen Gläsern modernisiert worden war. Die Zeit war nun aber reif für ein deutlich kompakteres Objektiv, das außerdem mit einem kleineren Durchmesser im Blendenraum bessere Voraussetzungen für eine schnell schließende Druckblendenmeachnik mitbrachte.

Orestor 2,8/100 Rastblende
Orestor 2,8/100 Druckblende

Solange noch die sogenannte Zebra-Gestaltung aktuell war, wurde dieses kleine Teleobjektiv in zwei unterschiedlichen Fassungen geliefert. Als Orestor 2,8/100 SR mit einer einfachen Rastblende fiel es äußerst kompakt aus – es ragt nur etwa 55 mm aus der Kamera hervor. Mit 149,- Mark war diese Variante zudem amateurgerecht preiswert. Ein reichliches Jahr später kam mit der neuen Praktica L-Reihe eine weitere Version als Orestor auto 2,8/100 heraus, die mit einem Druckblendenmechanismus für Kameras mit M42-Gewinde sowie für die neue Exakta RTL 1000 ausgestattet war und 185,- Mark kostete. Auch eine electric-Variante für die Praktica LLC und ihre Nachfolgerinnen war erhältlich. Diese kostete dann allerdings gleich stolze 232,- Mark.

Orestor 2,8/100 Exakta RTL1000

Die Abbildungsleistung des Orestor bzw. Pentacon 2,8/100 mm ist augrund der kürzeren Brennweite sogar noch ein wenig besser als bei der Variante mit 135 mm Brennweite. In Verbindung mit Zwischenringen oder einem Balgengerät ist es zudem ein sehr gutes Objektiv für Nahaufnahmen. Nach Auslaufen des Biotars 1,5/75, des Kleinbild-Biometars 2,8/80 und vor Erscheinen des Pancolars 1,8/80 war es quasi die einzige Portraitbennweite aus DDR-Produktion. Dieses sehr empfehlenswerte Objektiv mit seiner guten perspektivischen Wirkung wurde aber leider aus dem Programm genommen, noch bevor in der zweiten Hälfte der 70er Jahre die Mehrschichtvergütung eingeführt worden ist. Eine Version mit Kreuzrändel-Fassung dürfte es daher nicht mehr gegeben haben.

Orestor 100mm scheme
Exa II Meyer Orestor 2,8/100

Bei direktem Vergleich der Kontrastübertragungsfunktionen des Orestor 2,8/135mm mit der Version von 100mm Brennweite erkennt man den Vorsprung des Letzteren. Die Kurven liegen allesamt ein Stück weiter nach oben auf der Ordinate versetzt. Abgeblendet auf 1:5,6 wird bei einer Ortsfrequenz von 40 Linien je Millimeter eine Kontrastübertragung von über 40% erreicht. Seinerzeit galt das Überschreiten dieser Schwelle als Ausweis für eine sehr gute Bildleistung. [Fotomagazin 2/1970, S. 51.]

Marco Kröger


letzte Änderung: 11. Mai 2022