Reflekta und Weltaflex
Reflekta advertisment

Werbeannonce für die Reflekta II in der "Popular Photography" zur Weihnachtszeit 1951

Weltaflex

Die auf der Leipziger Herbstmesse 1954 [Vgl. Die Fotografie 9/1954, S. 233 und 235.] vorgestellte Weltaflex arbeitete daher mit einer gänzlich anders aufgebauten Scharfstellung, bei der nun die gesamte Objektivstandarte parallelverschoben wurde. Dazu wurde das Prinzip einer Kurvensteuerung aufgegriffen, das in den 1930er Jahren in der Firma Franke & Heidecke eigentlich als billige Lösung für die Rolleicord entwickelt worden war, sich dann aber als derart funktionell herausstellte, daß auch die Rolleiflex nach kurzer Zeit auf diese Bauart umgestellt wurde.

Weltaflex Innenaufbau

Bild: Sören Rothe

Interessanteressanterweise hielt man bei der Weltaflex übrigens am Grundkonzept der "Blechkamera" fest, wie man oben auf dem Bild gut sehen kann. Das war angesichts des im Kamerabau mittlerweile vorherrschenden Aluminiumdruckgusses ausgesprochen anachronistisch. Ein Grundchassis aus Druckguß wäre natürlich viel rationeller zu fertigen gewesen, als ein solches aus Dutzenden Blechformteilen, die von Hand miteinander vernietet oder verschraubt werden mußten. Auch das hohe Gewicht der Weltaflex erklärt sich aus diesem Umstand heraus. Aber mit dem Hinüberwechseln zur Druckgußtechnologie wären die Welta-Kamerawerke wohl von einer ziemlich ausgelasteten Zulieferindustrie abhängig gewesen. Weitere Verzögerungen beim Herausbringen dieser neuen Kamera waren aber angesichts einer nach dem 17. Juni "von ganz hoch droben" proklamierten verbesserten Versorgung der Bevölkerung im Konsumgüterbereich nun regelrecht verpöhnt. Ja es war namentlich gerade der VEB Welta-Kamerawerke, der dahingehend von der Führung öffentlich als besonderes Negativbeispiel angeprangert wurde:


"Diesem Beispiel [der Erfolge im VEB Rheinmetall Sömmerda] sollten alle Werke folgen, besonders der VEB Welta-Werke, der mit seiner Neuentwicklung unentschuldbar weit in Verzug ist." [Kresse, Walter: Entwicklung der Fotoindustrie im neuen Kurs; in: Die Fotografie, 6/1954, S. 153f.]


Damit war die Weltaflex gewissermaßen zu einem Politikum geworden, als sie 1955 endlich in den Geschäften auftauchte. Mit dem an der rechten Seitenwand angebauten Gehäuseauslöser und dem auf der gegenüberliegenden Seite befindlichen großen Scharfstellknopf war diese neue Kamera nun deutlich einfacher bedienbar als der Vorgänger. Der große Erfolg dieser nun alsbald in ziemlich großen Stückzahlen ausgestoßenen Weltaflex nach Jehmlich waren es bis 1956 bereits 39.000 Kameras war damit bereits vorprogrammiert, stellte sie doch bis zum Erscheinen der Praktisix die einzige in der DDR produzierte Mittelformat-Reflexkamera dar. So kam es, daß sie zeitweilig sogar von Berufsphotographen eingesetzt wurde.

Weltaflex

Konkurrenz hatte die Weltaflex Mitte der 50er Jahre nur durch die aus der Tschechoslowakei importierte Flexaret. Mit dem Modell Flexaret Automat zog Meopta seinerzeit der Weltaflex aber auf und davon. Eine Kupplung von Filmtransport und Verschlußaufzug konnte bei Welta leider nicht mehr verwirklicht werden. Aber wenigstens gab es noch ein Modell mit einem automatischen Bildtransport, bei dem kein Blick auf das Rotfenster mehr nötig war. Die Kamera blieb in den 50er Jahren beliebt insbesondere bei Schwarzweiß-Photographen, denen das Kleinbild mit den damaligen Dickschichtfilmen zu unscharf war. Von zeitgenössischen Autoren wie Walter Dreizner oder Hans Kleffe wurde dazumal geradezu propagiert, sich neben einer Kleinbildkamera für Farbaufnahmen eine Zweiäugige Reflex für Schwarzweiß zu beschaffen. Mit den verbesserten Dünnschichtmaterialien und der immer dominanteren Farbphotographie ging das Interesse des Amateurs an Zweiäugigen Reflexkameras der einfachen Bauart aber immer weiter zurück. Der "Todesstoß" für die Weltaflex dürfte spätestens mit der völligen Neuorganisation des DDR-Kamerabaus im Zuge der Gründung der Kamera- und Kinowerke zum 1. Januar 1959 gekommen sein. Außer der Praktisix gab es in der DDR nun keine Mittelformat Reflexkamera mehr im Angebot.

Weltaflex ohne und mit Zählwerk und automatischer Bildschrittsteuerung. Für das "bessere" Modell durfte sogar hin und wieder der Prontor SVS aus der Bundesrepublik importiert werden.


Unten: Auszug aus einer Preisliste aus dem Jahre 1956.

Weltaflex Flexini

Für die Weltaflex wurde auch ein Einsatz für die Umrüstung der Kamera zur Anfertigung von Kleinbildaufnahmen geschaffen. Walter Dreizner urteilte dazumal: "Der Wert des 6x6-Formates war bereits eindeutig festgelegt. Wenn nun auch zur WELTAFLEX der Kleinbildeinsatz "Flexini" geschaffen wurde, so nur, um den WELTAFLEX-Besitzer gelegentlich Kleinbildaufnahmen zu ermöglichen. Leider hat man sich bei der Konstruktion zu sehr von dem Begriff "gelegentlich" leiten lassen, denn ausgereift ist der Flexini nicht. Trotzdem wird dieser Einsatz dem Amateur Kleinbildnegative (24 mm x 36 mm) liefern. Die Einfügung der beiden Zwischenstücke, die als Achsenverlängerung für die Filmpatrone dienen, erfordert allerdings etwas Geduld. Eine eingebaute Kontrolle über bereits belichete Aufnahmen fehlt. Ebenso dürfte die gewonnene Bildzahl 27 kaum befriedigen. [...] Der Flexini-Kleinbildeinsatz ist nur für WELTAFLEX-Kameras ohne Zählwerk verwendbar, oder aber für solche mit Zählwerk, wenn diese Kameras mit dem zusätzlichen Entsperrer der Doppelbelichtungssperre versehen sind. Die Aufhebung der Doppelbelichtungssperre ist für den Transport des Kleinbildfilms nötig."

[aus: Fotofalter 7/1959, S. 216.]

Weltaflex Annonce

Marco Kröger


letzte Änderung: 16. Januar 2021