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Phototechnik aus Jena, Dresden und Görlitz
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Flektogon 4/20
Mit diesem Weitwinkelobjektiv gelang es Carl Zeiss Jena als erstem Hersteller der Welt, den Bildwinkel einer Retrofokuskonstruktion auf über 90 Grad auszudehnen.
Der VEB Zeiss Jena war zwar mit dem seit Frühjahr 1948 entwickelten Flektogon 2,8/35 mm zweifellos einer der Pioniere bei der Schaffung von Retrofokus-Weitwinkelobjektiven für Spiegelreflexkameras gewesen, doch mit dem erreichten Bildwinkel von knapp über 60 Grad war zugleich die Grenze des mit diesem Aufbau Machbaren erreicht worden. Dieser Aufbau lag darin, einem positiv wirkenden Grundobjektiv in einem großen Luftabstand eine einzelne Zerstreuungslinse vorzusetzen, die dafür sorgte, daß die Schnittweite um das nötige Maß verlängert wurde. Ein Versuch V88 vom August 1950 für ein Flektogon 4/30 mm, mit dem ausgelotet werden sollte, ob auf dieser technischen Basis die Ausweitung des Bildwinkels auf 70 Grad zu möglich sei, war jedoch erfolglos verlaufen. Es hatte sich erwiesen, daß für die Erlangung noch größer Bildwinkel, noch kürzerer Brennweiten und damit prozentual zur Brennweite gesehen noch weiter verlängerter Schnittweiten die Brechkraft des vorgesetzten Zerstreuungsgliedes so weit angehoben werden müsse, daß mit einer einzelnen Linse nicht mehr auszukommen war. Während die französische Firma Angénieux bereits im Frühjahr 1952 einen Schritt weiter ging und das Patent für ein Retrofocus 3,5/28 mm anmeldete, ging es für Zeiss Jena in diese Richtung zunächst nicht weiter. Verschärft wurde die Situation dadurch, daß der Errechner des Flektogons 2,8/35 mm, Rudolf Solisch, in der Folgezeit aus der DDR in die Bundesrepublik flüchtete und seine Expertise für den VEB Zeiss Jena auf diesem Spezialgebiet damit verloren ging.
Wie einschneidend diese "Fachkraft-Abwanderung" für den VEB Zeiss Jena gewesen ist, läßt sich daran ablesen, daß Solisch nur kurz darauf mit dem Isco Westrogon 4/24 mm [DE1.063.826 vom 10. November 1956] ein Retrofokus-Weitwinkel mit einem Bildwinkel von mehr als 80 Grad für diese westdeutsche Konkurrenzfirma geschaffen hatte. In Jena mußten auf diesem Gebiet nun völlig neue Grundlagen geschaffen werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese Aufgabe übernahm der damals etwa 37-jährige Diplom-Physiker Wolf Dannberg. Dieser hatte, offenbar bevor er zum Kriegsdienst eingezogen worden war, zwei Semester Mathematik studiert [Vgl Gesprächsprotokoll mit russischer Kommission vom 8. Oktober 1948.], sich bei Zeiss betriebsintern zum Optik-Konstrukteur qualifiziert und dann in den 50er Jahren seinen akademischen Abschluß nachgeholt. Im Artikel zum Flektogon 4/25 mm ist aufgezeigt, wie Dannberg im Jahre 1955 einen Weg gefunden hatte, die immense Distorsion des Bildes, die sich bei der Erhöhung der Brechkraft des negativen Vorsatzsystems ergibt, zu kompensieren. Dazu wurde die zerstreuende Wirkung auf zwei Linsen aufgeteilt und zwischen ihnen eine bikonvexe Sammellinse eingefügt. Es waren etwa fünf Jahre Entwicklungszeit nötig, um aus diesem Ansatz heraus das auf der Frühjahrsmesse 1960 herausgebrachte Flektogon 4/25 mm zu schaffen. Mit diesem neuen 80-Grad-Weitwinkelobjektiv hatte der VEB Zeiss Jena den Anschluß an den internationalen Trend auf dem Gebiet moderner Retrofokus-Systeme gefunden. Und auch wenn dieses Objektiv im Hinblick auf die Bildleistung dem oben erwähnten Isco-Westrogon weit überlegen war, so drängten mit dem Angénieux-Retrofocus R61 3,5/24 mm [FR1.214.945 vom 9. Oktober 1958] und dem Enna Lithagon 4/24 mm [DE1.228.820 vom 22. September 1960] sogleich weitere Konkurrenzerzeugnisse auf den Markt.

Der Walter Ulbricht zugeschriebene Slogan "überholen ohne einzuholen", den er offenbar so nie wirklich ausgesprochen hatte, ist oft parodiert worden - vor allem seit die DDR in wirtschaftlicher wie in gesellschaftlicher Hinsicht seit Mitte der 70er Jahre stagnierte. Aber auch die DDR hatte einmal ihre "Wirtschaftswunderzeit", die ausgerechnet damit zusammenhing, daß man die eigene Bevölkerung eingemauert hatte. Und nach den im Sommer 1963 beschlossenen Wirtschaftsreformen, die unter der Abkürzung "NÖSPL" bekannt geworden sind, wurde jedes Beispiel dafür herausgehoben, daß man gegenüber dem Westen vorausgeeilt war.
Bei Zeiss Jena hatten sich während dieser Zeitspanne die Methoden zur Durchrechnung optischer Systeme in einer revolutionären Weise gewandelt. Die meisten optischen Rechenarbeiten sind aus mathematischer Sicht gar nicht sonderlich anspruchsvoll. Die überwiegende Zahl der Rechenoperationen beschränken sich auf Multiplikationen und Divisionen. Es ist ein anderer Aspekt, der das Optikrechnen derart anspruchsvoll macht: Die schiere Menge der nötigen Berechnungen. Immer wieder sind Fläche für Fläche die gleichen Rechenschritte nötig. Das führt zu einer Masse an Zahlenkolonnen, die ganze Stapel an Papier füllen. Diese für Menschen sehr stupide Arbeit war stets der größte Hemmfaktor für die Optikentwicklung gewesen. Denn jede Änderung an nur einem der zahlreichen Parameter zog nach sich, daß auch alle anderen Parameter neu durchgerechnet werden mußten. Doch genau dasjenige, was diese Aufgabe für den Menschen so stupide macht, läßt sie perfekt geeignet für eine Maschine werden. Das Denken, die Kreativität wurde den Konstrukteuren nicht abgenommen, doch die mühseligen Durchrechnungen nach immer demselben Schema wurden seit Mitte der 1950er Jahre in den optischen Anstalten zunehmend von digital arbeitenden Großrechnern übernommen. Das Besondere beim VEB Zeiss Jena liegt darin, daß er sich diese Rechenanlagen auf Eigeninitiative selbst geschaffen hatte, statt auf externer Expertise angewiesen zu sein. Nachdem man seit 1955 mit der berühmten OPREMA erste Erfahrungen gesammelt hatte, nahm schon kurze Zeit darauf mit dem Zeiss-Rechenautomaten ZRA1 eine neue Genartion an Computern Gestalt an, die nicht nur schneller und leistungsfähiger war, sondern den immensen Vorteil bot, daß das jeweilige Rechenprogramm vorher ausgearbeitet und dann dem Rechner "extern" zugeführt werden konnte, ohne daß dieser für die Programmierung außer Betrieb genommen werden mußte. Diese Umstände muß man technikgeschichtlich im Hinterkopf haben, wenn man sich gedanklich in die Entwicklungszeit des Flektogons 4/20 mm hineinversetzen will.

Unmittelbar nach Erscheinen des Flektogons 4/25 im Frühjahr 1960 begann Wolf Dannberg mit Arbeiten, den Bildwinkel eines Retrofokus-Weitwinkels auf über 90 Grad auszudehnen. Unterstützt wurde er durch den damals 25-jährigen Eberhard Dietzsch, der sich seit 1954 bei Zeiss zum Optikrechner qualifiziert hatte. Der bisherige Aufbau, bei dem die Sammellinse zwischen beiden zerstreuenden Menisken untergebracht war, und der beispielsweise auch für das Flektogon 2/5,5 mm mit großem Erfolg Verwendung gefunden hatte, ließ sich nicht mehr beibehalten, da angesichts des großen Bildwinkels die Durchmesser der Frontgruppe exorbitant angewachsen wären. Eberhard Dietzsch gibt in einem Beitrag zur Entwicklung der Zeiss Flektogone an, er habe daraufhin durch eigene Untersuchungen herausgefunden, daß die Sammellinse an die erste Position gerückt werden müsse, gefolgt von den beiden zerstreuenden Menisken [Vgl. Dietzsch, Historie der Entwicklung der Retrofokusobjektive vom Typ "Flektogon", 2002, 12.]. Es läßt sich allerdings nachweisen, daß genau dieser Aufbau des Vordergliedes bereits zwei Jahre zuvor bei einem Prototyp für ein Flektogon 2/10 mm nach V265 angewendet worden war, der damals zwar nicht in die Fertigung gelangte, aber später im Tevidon 2/10 mm wieder aufgegriffen wurde. Zweifellos lagen die Anforderungen an dieses Vorderglied angesichts des immens angewachsenen Bildwinkels nun auf einem neuen Niveau.
Dieser Aufbau des vorderen Objektivteiles sei laut Dietzsch durch Überlegung und systematische Untersuchungen gefunden worden. Er habe sich zudem beim Einsatz automatischer Korrektionsprogramme, die in späterer Zeit zur Verfügung standen und immer weiter verbessert wurden, schließlich auch von selbst eingestellt, ohne daß dem Konstrukteur immer bewußt gewesen sei, weshalb.

Im Vergleich zum negativen Vorsatz erscheint das positiv wirkende Grundobjektiv auf den ersten Blick erstaunlich einfach ausgelegt zu sein. Bei einem Vorversuch, den Dietzsch angibt, bestand dieses Grundobjektiv lediglich aus einem Triplet. Die sammelnde Vorderlinse dieses Triplets war als Kittglied ausgelegt, bei der die negative Komponente aus dem höher brechenden und zugleich niedriger dispergierenden Glas bestand, was zu einer zerstreuend wirkenden Kittfläche führte, womit die sphärische Abweichung und die Bildfeldwölbung positiv beeinflußt werden konnte [Vgl. ebenda.]. Und die hinter der Blende folgende Zerstreuungs- und Sammellinse des Triplets wurde mit einem niedrig brechenden Kronglas ausgefüllt, wie dies Bertele mit seinen Sonnaren eingeführt hatte. Dieser "Trick", mit dem sich die Anzahl der Glas-Luft-Grenzflächen bei einem so viellinsigen Objektiv herabsetzten ließ, war zuvor schon beim Flektogon 4/50 mm angewendet worden. Trotz dieser an sich relativ einfachen Auslegung gibt Dietzsch an:
"Insgesamt war es mit diesem Aufbau möglich, sämtliche monochromatischen Schärfefehler einschließlich der durch das zerstreuende Vorderglied eingebrachten negativen Koma – wenn auch mit höherer Ordnung – zu kompensieren." [Ebenda.]

Dieser "Vorversuch" für das kommende Flektogon 4/20 mm war zwar baulich ausgesprochen kurz geraten, dafür war zugleich der negative Vorsatz viel zu groß. Der Durchmesser der Frontlinse lag bei über 70 mm, womit das System nicht mehr in die schon für das Flektogon 4/25 mm geschaffene Fassung gepaßt hätte. Eine Verkleinerung dieses zerstreuenden Vorsatzes wäre aber nur dadurch möglich gewesen, indem man seine Brechkraft erhöht hätte, was sich aber sehr negativ auf die Abbildungsfehler ausgewirkt hätte – insbesondere im Hinblick auf den ohnehin bereits ziemlich ausgeprägten Farbquerfehler. Stattdessen kamen Dannberg und Dietzsch auf die Idee, den großen Luftraum zwischen Vorder- und Hinterglied durch einen Glasblock von großer Dicke auszufüllen. Dieser Glasblock, der mit weniger als 2 Dioptrien kaum Brechkraft hat (im Vergleich zu den 50 Dioptrien des Gesamtobjektivs), bewirkte, den dingseitig sehr aufgeweiteten Strahlengang stark einzuschnüren. Durch diese Maßnahme wurde das Objektiv zwar baulich verlängert, die Frontdurchmesser aber letztlich stark genug reduziert, daß das Objektiv in die bestehende Fassung paßte.

Ein Schnitt durch die Objektivfassung auf der Ebene der optischen Achse offenbart die äußerst gedrungene Linsenanordnung des Flektogons 4/20 mm, die es erlaubte, die aufwendige Optik in einer für damalige Verhältnisse recht kompakten Fassung unterzubringen.

Für das Flektogon 4/20 konnte im Prinzip genau derselbe moderne Fassungsaufbau mit der Vollautomatischen Springblende weiterverwendet werden, der bereits 1959 für das Flektogon 4/25 entwickelt worden war. Das läßt sich sehr gut zeigen an diesem Umbau eines 20er Flektogons auf Praktina-Bajonett, für das es dieses Objektiv nie im Handel zu kaufen gab, weil die Praktina bei Erscheinen dieses Objektivs bereits aus der Produktion genommen war.

Die Maßnahme mit dem Glasblock habe auch den entscheidenden Erfolg in Bezug auf die Verringerung des Astigmatismus (oben links) und die Verkleinerung der Verzeichnung (Mitte) gebracht. Zu den weiterhin stark im Negativen liegenden Kurven für die beiden Bildschalen merkt Dietzsch an, in Wirklichkeit weise das Objektiv eine sogenannte schiefe sphärische Aberration auf, sodaß unter der Berücksichtigung der Koma die meridionale und sagittale Bildfeldwölbung effektiv und praktisch verschwinde [Vgl. Ebenda]. Das beträchtliche Ausmaß der Farbquerabweichung (rechts) wurde behoben, indem einerseits beim Serienobjektiv die Frontlinse aus niedrig dispergierendem Lanthan-Kron ausgeführt, und zum zweiten der besagte Glasblock mit einer chromatisch unterkorrigierenden Kittfläche versehen wurde, die zur Unterstützung der negativen Frontgruppe zerstreuend wirkt. Dazu wurde eine fast plankonkave Zerstreuungslinse aus dem Lanthan-Thorium-Schwerstkron SSK10 mit einer dicken Sammellinse aus gewöhnlichem Flint vom Typ F9 verkittet.

Oben ist die Verbesserung der Distorsion beim Flektogon 4/20 mm zwischen dem Vorversuch (blau) und dem späteren Serienobjektiv (rot) noch einmal deutlicher aufgezeigt. Auf der x-Achse ist der halbe Bildwinkel und auf der y-Achse der Wert der Verzeichnung in Prozent der gesamten Bildformathöhe angegeben. Mit einer Amplitude von -3,3 war der Vorversuch an der Grenze des Erträglichen. Die -2,6 des späteren Serienobjektivs liegen hingegen im Rahmen des Üblichen bei Superweitwinkelobjektiven.

Überhaupt fällt der außergewöhnlich hohe Materialeinsatz bei diesem ersten Serienobjektiv des Flektogons 4/20 mm, das auf einem Versuch V314 mit Rechnungsabschluß vom 24. Oktober 1961 (!) basiert. Nach der vorderen Sammellinse mit ihren 57 mm Durchmesser aus Lanthan-Kron SK23 folgen drei Zerstreuungslinsen abnehmender Größe aus dem damaligen Spitzenglas SSK10 (n = 1,6935; ny = 53,6). Das war ein materialmäßig teurer Aufbau. Schon zum 17. November 1964 wurde das Flektogon 4/20 daher einer weitgreifenden Überarbeitung unterzogen, bei der das ziemlich stark thoriumhaltige SSK10 vollständig aus dem System eliminiert wurde. Stattdessen wurde in der Frontlinse nun das ältere, aber nach wie vor für ein Schwerkronglas unschlagbar niedrig dispergierende SK16 verwendet, während die nachfolgenden Zerstreuungslinsen auf das Lanthan-Kron SK22 umgestellt wurden.

Die erste Version aus dem Jahre 1961 ging im Sommer 1963 in die Fertigung. Zuvor war das Superweitwinkel auf der Frühjahrsmesse 1963 erstmals gezeigt worden. Als es auf der folgenden Herbstmesse mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde, berichtete sogar Tagespresse über das neue Flektogon – wie hier in der "BZ" vom 29. Dezember 1963. Im November 1964 wurde es neu berechnet (Seriennummern über 7.206.500). Laut Thiele sollen von der ersten Version bis 1966 etwa 7600 Exemplare gebaut worden sein, doch das ist unsicher. Es scheint im Sommer 1966 einen fließenden Übergang zur Rechnung von 1964 gegeben zu haben, nachdem das auf Lager liegende Glas aufgebraucht war. Bemerkenswert ist, wie trotz der niedrigeren Brechzahlen der abgeänderten Glasarten der gleiche hohe Korrektionszustand erreicht wurde. Das war zweifellos ein Ergebnis der immer weiter verbesserten Berechnungsmethoden.

Oben ist der faszinierende Verlauf der Strahlenbüschel durch das extrem asymmetrisch gebaute Objektiv gezeigt. Und zwar rot für den Einfall parallel zur optischen Achse und blau für die volle Hauptstrahlneigung von 46,5 Grad. Dabei lohnt ein Blick auf den Durchmesser dieser Büschel, bevor sie auf die Frontlinse treffen. Trotz des extremen Einfallwinkels ist das blaue Büschel nur geringfügig schwächer als das rote, was zur Folge hat, daß die Vignettierung Richtung der Bildecken vergleichsweise klein ist. Hier kommt ein Vorteil der Retrofokusobjektive zum Tragen, nämlich daß das negative Frontglied mit dem großen Durchmesser eine künstliche Erweiterung der Eintrittspupille für schräg einfallende Strahlen bewirkt, was eine viel bessere Ausleuchtung des Bildfeldes zur Folge hat, als wenn das kurzbrennweitige Objektiv in herkömmlicher Weise als Triplet oder Doppelobjektiv gebaut wäre. In der Umkehrung hat diese Erweiterung der Eintrittspupille für die Schrägstrahlen freilich den Effekt, daß auch Bildfehler wie die Koma "weniger vignettiert werden" und deshalb sehr aufwendig auskorrigiert werden müssen. Darin liegt einer der Hauptgründe, weshalb derartige Superweitwinkel in Retrofokus-Bauweise damals nur von den absoluten Spitzenherstellern geschaffen werden konnten.
Die zweite optische Klippe, die man direkt aus der obigen Darstellung ablesen kann, ist die extreme Verlagerung der bildseitigen Hauptebene weit hinter das optische System, um zu einer Schnittweite zu gelangen, die mittlerweile fast doppelt so lang sein mußte wie der Wert der Brennweite. Man sieht auch gut, daß das Gesamtobjektiv durch starke Verkittung bei zehn Linsen nur zwölf Glas-Luft-Grenzflächen aufzuweisen hat. Das war zu Zeiten einschichtiger Vergütungen ein großer Vorteil im Hinblick auf Reflexfreiheit und Transmission.

Zum Patent angemeldet wurde das neue Flektogon 4/20 mm kurz vor Beginn der Leipziger Frühjahrsmesse zum 19. Februar 1963 unter der Nummer DD30.477. Es ist immer interessant zu schauen, auf welche Aspekte in so einer Schutzschrift abgestellt wird, um die Erfindung gegenüber dem technischen Stand abzugrenzen. So bezieht sich das Patent in wesentlichen Teilen eher auf das Grundobjektiv, indem hervorgehoben wird, daß fast die gesamte Brechkraft des sammelnden Objektivteiles durch dessen mittleres Glied erzeugt werde, das eine geringere Brennweite als das Gesamtsystem habe. Tatsächlich beträgt dessen Brennweite im realen Objektiv 16 mm, während das vorstehende Doublet fast 600 mm und das nachfolgende dreiteilige Kittglied 373 mm Brennweite hat. Da dieses kurzbrennweitige Kittglied aus den Linsen 6 und 7 nicht zur chromatischen Korrektur verwendet werde, brauchen die beiden Glasarten keine weit auseinander liegenden Abbeschen Zahlen aufzuweisen. Das ist der Grund, weshalb hier mit dem BaSF8 und dem BasF3 ungewöhnlicherweise zwei Barit-Schwerflintgäser miteinander verkittet sind, die bei ny-Werten um die 40 mit n = 1,7234 und n = 1,6072 erheblich voneinander abweichende Brechzahlen aufweisen, obwohl sie demselben Typus an Gläsern angehören.

Oben ist einmal ein zeitgenössischer Vergleich des Flektogons 4/20 mm mit dem 1967 auf den Markt gebrachten Nikkor 3,5/20 mm und dem Canon FL-R 3,5/19 mm von 1966 gezeigt [aus: Fotomagazin 10/1969, S. 41.]. Inwiefern diese uralten Messungen der Kontrastübertragung aus heutiger Sicht in ihren Absolutwerten noch Aussagekraft haben, das entzieht sich meiner Beurteilung. Auch ist die Art der Darstellung für uns ungewöhnlich, weil hier der Bildkontrast in Abhängigkeit von den Ortsfrequenzen dargestellt ist, und nicht wie heute üblich für drei oder vier feste Frequenzen die Kontrastleistung über das Bildfeld hinweg. Das ist aber insofern bedeutungslos, da die drei Objektive ja unter denselben Bedingungen vermessen wurden, und die Kurven daher in Relation zueinander ausgewertet werden können. Und was das angeht, weist der obige Vergleich zweifellos das Nikkor als Spitzenkonstruktion der damaligen Zeit aus. Sowohl in der Bildmitte, als auch am Bildrand werden bessere Werte erreicht als beim Flektogon. Das Canon 3,5/19 mm liegt in etwa dazwischen. Im Vergleich zum Nikkor fällt beim Flektogon aber sehr positiv auf, daß es quasi nichts ausmacht, ob man mit offener Blende oder abgeblendet photographiert. Die Kurven für Mitte und Rand jeweils mit offener Blende und bei Blende 8 liegen so nah beieinander, daß sie das Flektogon als sehr ausgewogene Konstruktion ausweisen. Das Canon verhält sich ähnlich, aber wieso man hier nur von 1:3,5 auf 1:4 abgeblendet hat, ist schleierhaft. Daß bei allen drei Objektiven die Kurven für die Bildränder so viel tiefer liegen als in der Mitte, wird wohl auch mit der Vignettierung zusammenhängen. Jedes Meßverfahren hat halt seine Grenzen. Auch modernere Retrofokus-Weitwinkel zeigen in solchen MTF-Diagrammen teils erhebliche Einbrüche an den Bildrändern, ohne daß sie in der Praxis wirklich schlecht waren.
Die überwiegende Zahl der Flektogone 4/20 mm sind in einer Fassung untergebracht worden, die dieser auffälligen Gestaltung nach als "Zebra-Design" bezeichnet wird. Offiziell wurde sie bei Zeiss "Flachnutenrändel" genannt.

Mitte der 70er Jahre wurde bei Zeiss Jena und auch im Feinoptischen Werk Görlitz eine neue Fassungsgestaltung eingeführt, die nach dem charakteristischen Muster auf dem Entfernungseinstellring als "Kreuzrändelfassung" bezeichnet wurde. Mit dieser Designänderung war aber eigentlich ein kompletter Umbau des Fassungsaufbaus verknüpft, mit dem endlich gewährleistet werden sollte, daß alle Zeiss-Objektive wahlweise mit elektrischer Blendenwertübertragung geliefert werden konnten. Im Falle des 20-mm-Objektives sollte dieser Schritt eigentlich mit dem neuen Flektogon 2,8/20 mm erfolgen, dessen Produktionsablauf aber durch die Einführung der Mehrschichtvergütung verzögert wurde. Also mußte für das alte Flektogon 4/20 im Jahre 1975 noch kurzfristig eine schwarze Kreuzrändelfassung geschaffen werden, um das einheitliche Erscheinungsbild der Objektivpalette zu wahren. In dieser Gestalt ist das Flektogon 4/20 mm sehr selten. Bild: Henryk Ditze
Weiter oben war schon die Rede davon, daß nicht genau gesagt werden kann, wie viele Fletogone 4/20 wirklich nach der ersten Rechnung gebaut wurden. Zählt man die im Fabrikationsbuch Thieles angegebenen Stückzahlen zusammen, dann wären von der Rechnung 1964 zwischen 1966 und 1978 etwa 41.400 Stück gebaut worden, also beide zusammengenommen insgesamt 49.000 Stück. Diese Zahl ist jedoch zu niedrig.

Oben ist ein Flektogon 4/20 mm in einer schwarzen Kreuzrändelfassung gezeigt. Dieser Zwischentyp wurde geschaffen, um die Zeitspanne bis zum Produktionsanlauf des Nachfolgers Flektogon 2,8/20 mm zu überbrücken. Aus irgendeinem, heute nicht mehr nachvollziehbaren Grund wurden einige dieser Objektive als Flektogon 11/20 mm geführt. Wie das oben gezeigte Exemplar aus genau diesem Nummernkreis belegt, handelt es sich aber um das serienmäßige Flektogon 4/20 mit Rechnungsdatum vom November 1964. Zumindest die 1500 Stück der Dispositionskarte mit der Nummer 1856 müssen also zur produzierte Menge hinzugefügt werden, wodurch sich eine Gesamtzahl von mindestens 50.500 Stück ergibt. Für ein solches Spezialobjektiv sind das recht beachtliche Werte. Immerhin war es mit 487,- Mark für die damalige Zeit ein ziemlich teurer Spaß. Die eigentliche Herstellung des Flektogon 4/20 lief zum Jahresende 1975 aus und es machte quasi nahtlos dem Flektogon 2,8/20 mm Platz, das jetzt endlich auch mit Blendenelektrik lieferbar war. Im Sommer 1978 wurden allerdings noch einmal 150 Stück in schwarzen M42-Fassungen montiert, erkennbar an den Seriennummern über zehn Millionen. Interessant ist, daß auf dem originalen Optik-Datenblatt mit dem Änderungsdatum vom 6. April 1978 vermerkt ist, daß die Flächen 1; 7; 9; 12; 13 und 16 mit T3-K-Belag versehen werden sollten. Ob diese Exemplare wirklich jemals mit Mehrschichtvergütung ausgeliefert wurden, ist bisher nicht bekannt.
Mit Einführung der Praktica L Reihe ab Herbst 1969 stand den hochwertigen Zeissobjektiven endlich eine Kamera zur Seite, die sowohl in ihrer äußeren Erscheinung, als auch was ihren modernen konstruktiven Aufbau betraf, international konkurrenzfähig war. Sie trug das Gütezeichen Q daher wirklich nicht zu Unrecht. Daß der VEB Pentacon Dresden ab Mitte der 70er Jahre immer mehr seine Unfähigkeit offenbarte, mit den internationalen Trends zur elektronischen Steuerung der Kamerafunktionen mitzuhalten, das steht freilich auf einem anderen Blatt. Aber 1969 war diese neue Praktica-Generation die richtige Kamera zur richtigen Zeit. Eine Minolta SR-T, Pentax Spotmatic, Canon FT, Nikkormat, etc. konnten damals auch nicht viel mehr, als die Prakticas LTL oder LLC. Diese neuen Dresdner Spiegelreflexkameras vermochten es endlich, eine Nachfrage nach den Objektiven aus Jena und Görlitz sichern, wie das Kamera-Experimente à la Pentina zurvor nicht vermocht hatten. Die L-Reihe gab 1969 dem DDR-Photogerätbau somit einen Startbonus für die kommenden 70er Jahre, von dem die bundesdeutsche Photoindustrie zur selben Zeit nur träumen konnte...



Es ist gar nicht so leicht, ein Objektiv mit über 90 Grad Bildwinkel sinnreich einzusetzen und passende Motive dafür zu finden. Nur selten wird man Innenarchitektur zu photographieren haben. Und wenn man Gebäude von außen ablichtet, dann sollte man peinlichst darauf achten, die Kamera nicht zu verkippen, denn dann konvergieren die Linien sofort extrem, was nur manchmal gekonnt aussieht! Absolut falsch ist es, ein 20-mm-Objektiv einfach in die Landschaft zu halten, denn diese Versuche, "alles drauf zu bekommen", enttäuschen meist sehr. Den enormen Bildwinkel nutzt man am besten immer dann aus, wenn es wirklich extrem eng zugeht und/oder sehr weite Distanzen zugleich erkennbar wiedergegeben werden sollen, wie hier in dieser Stahlskulptur. Als grobe Faustregel gilt auch dann, möglichst zusätzlich den Bild-Vordergrund zu beleben, da diesem aufgrund der besonderen perspektivischen Wirkung von Superweitwinkelobjektiven die dominierende Rolle zukommt. Praktica DTL3, Tmax 100.

Oben: Blick gegen die Decke. Die Verzeichnung ("Distorsion") spielt beim Flektogon 4/20 mm in der Praxis keine Rolle. Es arbeitet beinah orthoskopisch. Und das ist angesichts seiner mehr als sechs Jahrzehnte zurückliegenden Konstruktion außerordentlich bemerkenswert.

Marco Kröger
Letzte Änderung: 3. Dezember 2025

Yves Strobelt, Zwickau
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