Meyer-Optik Görlitz

Meyer-Optik Görlitz 1960er

Die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts waren für die traditionsreiche Fertigungsstätte Meyer-Optik Görlitz eine Epoche der großen Modernisierung. Einmal natürlich im Hinblick auf die Vielzahl an neuen Produkten, die beinah im Jahresrhythmus herausgebracht werden konnten. Mit Hubert Ulbrich hatte ein Generationswechsel im Bereich der Objektivkonstruktion stattgefunden. Schließlich ist der Konstrukteur für eine Objektivbauanstalt in etwa das, was der Emulsionär für eine Filmfabrik ist: Mit seiner Expertise steht oder fällt des Renommee und die Marktposition seiner Firma.

Diese Aufnahmen wurden von Heinz Woost anläßlich des Produktionsstarts des neuen Teleobjektivs Orestegor 4/200 angefertigt [Deutsche Fotothek, Datensatz 71597151 und 71597152]. Nach Aussagen von Zeitzeugen soll es sich bei dem Mann oben rechts um Hubert Ulbrich handeln, der dieses Objektiv so wie viele andere aus dieser Zeit konstruiert hat. Der Mann auf beiden Bildern jeweils links sei Wolfgang Krause, der für die Springlenden-Automatiken der Görlitzer Objektive verantwortlich zeichnete. Mit Hubert Ulbrich haben wird es immerhin mit einem der erfolgreichsten Objektivkonstrukteure der Geschicht zu tun, wenn man allein die schieren Mengen und die lange Produktionsdauer seiner Objektive zum Maßstab nimmt. (Mein Dank gilt Frau Schönfelder, Herrn Olbrich und Gerolf Schwarz für die Klärung dieser "Personalfragen")

Nicht nur, daß mit dem Oreston 1,8/50 ein zeitgemäßes Normalobjektiv geschaffen werden konnte, auch eine komplette Reihe an neuen Wechselobjektiven im Weitwinkel- und Telebereich ergänzte bald das Programm. Dabei konnte neben Fortschritten in der optischen Konstruktion auch die mechanische Auslegung der Objektive stark verbessert werden. Die Einführung der Automatischen Druckblende beim Orestegon 2,8/29 oder beim Orestor 2,8/100 vereinfachte die Handhabung immens und erhöhte zudem die Einstellsicherheit bei der Fokussierung.

Meyer Automatik Objektive

Selbstverständlich mußte zweitens auch die Fertigung mit diesem Niveau schritthalten. Auch hier hatte es seit den späten 50er Jahren sukzessive Modernisierungen gegeben. In einem mehrseitigen Bericht über die Meyer-Objektivfertigung in der „Fotografie“ aus dem Frühjahr 1961 sieht man beispielsweise moderne Revolver-Drehautomaten [Vgl. Kaufmann, Siegfried: So entstehen Objektive von Weltniveau; in: Fotografie 4/1961, S150ff.]. Andererseits muten viele Arbeitsschritte noch ziemlich kleinteilig-manufakturell an. Ich gehe aber davon aus, daß hier in den Folgejahren eine immer größere Automation stattgefunden haben muß, um die stetig wachsenden Stückzahlen vor allem an Normalobjektiven liefern zu können. Denn eines muß man sich bewußt machen: Wenn in Dresden mit dem Anlaufen des zweiten Fließbandes zum Jahresende 1965 nun alle 90 Sekunden eine Praktica vom Band lief, dann mußte in den Optikbauanstalten in Jena (bzw. Saalfeld) und Görlitz auch alle 90 Sekunden ein Normalobjektiv fertiggestellt werden [Vgl. In drei Minuten zwei Kameras; in: Fotokino Magazin 1/1966, S. 2]. Weil im Objektivbau trotzdem viel Handarbeit dominiert, war das Feinoptische Werk Görlitz im Jahre 1963 bereits auf 900 Arbeitskräfte angewachsen [Vgl. Ulbrich, Hubert: Neue Objektive aus Görlitz; in: Fotografie 9/63, S. 350.]

Meyer-Optik 1960er

Diese Aufnahmen von Heinz Woost aus den frühen 60er Jahren vermitteln einen noch eher betulichen Eindruck von der Linsenfertigung und der Objektivmontage im Feinoptischen Werk Görlitz. [Deutsche Fotothek Datensätze Nr. 71597156 und 71597158]

Meyer-Optik 1960er

Die Konsolidierungs-, Modernisierungs- und Konzentrationsprozesse, die nach 1945 innerhalb der Photoindustrie der Deutschen Demokratischen Republik stattgefunden hatten, fanden sodann ein vorläufiges Ende im Jahre 1968 mit der Gründung des Kombinates PENTACON. Das Feinoptische Werk Görlitz wurde nun als bloßer Teilbetrieb in dieses Kombinat eingegliedert. Angesichts der bevorstehenden Einführung einer neuen Praktica-Generation, von der bald noch größere Stückzahlen ausgestoßen werden sollten, war offenbar nur auf diese Weise die Sicherung der nötigen Stückzahlen möglich. Außerdem verlangten immer komplexere Steuerungssysteme der Kameras eine sehr spezifische Anpassung der Schnittstellen zu den Wechselbjektiven.

Übrigens sollte auch dieses Kombinat PENTACON Dresden nur eine begrenzte Lebensdauer haben. Eine letzte große Umstrukturierung in der DDR-Photoindustrie erfolgte, als 1985 das ganze Kombinat wieder zerschlagen und die Teilbetriebe jeweils einzeln dem Kombinat VEB Zeiss Jena unterstellt wurden. Anders als jene von 1985 fand die Umstrukturierung von 1968 aber unter positiven Vorzeichen statt. Durch die Eingliederung des Feinoptischen Werkes in Görlitz wurden Kamera- und Objektivbau in einer vorteilhaften Weise unter einem Dach miteinander "verheiratet". Für den gesamten Industriezweig brach nun die wohl innovativste und vor allem wirtschaftlich einträglichste Phase nach dem Zweiten Weltkrieg an und immerhin sollte sie etwa noch ein Jahrzehnt vorhalten, bis ab Anfang der 80er Jahre DDR-Phototechnik auf den internationalen Märkten zunehmend in die "Kategorie Ramsch" abglitten. Doch damals, in den 60er Jahren, entwickelten junge, wissenschaftlich gebildete und experimentierfreudige Konstrukteure neue Herangehensweisen, Verfahren und auf ihnen basierende Gerätschaften. Als Beispiel dafür soll die oben gezeigte PRAKTICA electronic stehen. Sie war die erste Spiegelreflexkamera der Welt mit einem elektronisch gesteuerten Verschluß. Auch wenn diese Innovationen vorerst im Sande verliefen, so waren sie dennoch ein Ausdruck für die allgemeine Weiterentwicklung der DDR-Photoindustrie. Und zu jener gehörten nun eben auch die kombinatseigenen Qualitätsobjektive, die ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre als komplette Reihe mit Brennweiten zwischen 29 und 500 mm zur Verfügung standen. Niemals wieder sollte es so viele Neuentwicklungen aus dem Görlitzer Hause geben.

Domigor 4/135 mm


Dieses Objektiv wurde ebenso exklusiv für die Pentina geschaffen und teilte dasselbe Schicksal, wie das Jenaer Cardinar 2,8/85mm: Nach dem raschen Auslaufen der Produktion der Pentina wurde die Konstruktion uninteressant, weil sie speziell auf den Zentralverschluß hin gezüchtet worden war. Ich möchte das Domigor hier trotzdem würdigen, weil es mit fünf einzelnstehenden Linsen eine für die Zeit sehr moderne Konstruktion war. Hubert Ulbrich und Otto-Wilhelm Lohberg  standen vor der Aufgabe, ein einigermaßen lichtstarkes, langbrennweitiges Zusatzobjektiv für den recht engen Durchlaß des Prestor Reflex zu schaffen. Der Kunstgriff der Konstrukteure lag dabei darin, den seit Jahrzehnten bekannten Teletyp (z.B. Telemegor) so abzuwandeln, daß zwischen dem vorderen, sammelnden Systemteil und dem hinteren mit zerstreuender Wirkung ein positiver Meniskus mit großer Mittendicke eingefügt wurde. Neben einer strahlenlenkenden, den Querschnitt des Lichtbündels verringernden Aufgabe, wirkt sich dieser Meniskus auch positiv auf die Korrektur der Koma und das Astigmatismus aus, wenn seine Mittendicke zwischen dem 0,08- und 0,1-fachen seiner Brennweite liegt und der Scheitelabstand vom vorderen Systemteil mindestens 5% der Gesamtbrennweite des Objektivs beträgt. Anhand der Daten aus der Patentschrift läßt sich zudem ermitteln, daß für diese mittlere Linse das hochbrechende Schwerkron SK 24 zum Einsatz kam. Wie schon beim Telemegor 4,5/300mm wurde die bislang verkitette Frontruppe in zwei Einzellinsen zerlegt, um mit den gewonnenen Radien und dem veränderlichen Luftabstand neue Optimierungsmöglichkeiten zu schaffen.

Domigor 135mm scheme

In der DDR wurde dieses Objektiv am 25. Februar 1960 zum Patent angemeldet (Nr. 29.586), in der Bundesrepublik einen Tag später (Nr. 1.120.735). Der Linsenschnitt dürfte bisher noch nirgendwo zu finden gewesen sein. Mit 260,- Mark war es für ein Amateurobjektiv übrigens nicht ganz billig. Das trifft freilich für das gesamte Pentina-System zu und dürfte ein weiterer Grund für dessen letztliche Erfolglosigkeit gewesen sein.

Domigor 4/135mm

Ein Orestor 2,8/200 mm (?)

Bei der Recherche zu den ganzen Objektiven, die Sie auf den nachffolgenden Seiten sehen können, ist mir noch ein Patent aufgefallen, mit dem Hubert Ulbrich seine neue, lichtstarke Teleobjektivreihe abschließen wollte [DD70.183 vom 30. August 1968]. Seinen nach dem Sonnartyp aufgebauten Orestoren 2,8/100 und 2,8/135 wäre mit einem Orestor 2,8/200 mm ein noch längerbrennweitiges Exemplar gefolgt.


Das Außergewöhnliche an diesem Objektiv hätte darin gelegen, daß ausschließlich Flintgläser zum Einsatz kommen sollten (nämlich die Barit-Flinte BaF 4 und BaF 5 sowie die Schwerflinte SF 4 und SF 10). Der Grund dafür ist im Patent genannt:  Die üblichen Schwer- und Schwerstkrone mit ihren niedrigen Farbzerstreuungen bei hohen Brechzahlen waren damals mehr als doppelt so teuer als die meisten anderen Gläser. Bei Normal- und Weitwinkelobjektiven mit ihren kleinen Linsen hielt sich dieser Preisunterschied noch in Grenzen. Aber bei lichtstarken Teleobjektiven mit ihren großen Glasmassen sorgten die Materialkosten rasch für eine enorme Preissteigerung. Der Ausweg gelang durch den Einsatz der genannten Barit-Flinte, die bei Brechzahlen über 1,6 Farbzerstreuungen aufweisen, die nahe an denjenigen von Krongläsern lagen.

DD70.183

Ich glaube hier allerdings aber sogleich den Grund nennen zu können, weshalb dieses Objektiv trotz des sehr günstigen Preis-Leistungs-Verhältnisses doch nicht in die Serienfertigung gelangte. Schaut man sich nämlich den obigen Linsenschnitt an, wird klar, daß der Blendenort so festgelegt war, daß keine automatische Springblende umsetzbar gewesen wäre. Ein Teleobjektiv 2,8/200 mm ohne Blendenautomatik – das hat man offenbar bei Pentacon an der Wende zu den 70er Jahren nicht mehr als sinnvoll erachtet.

Marco Kröger


letzte Änderung: 28. April 2022