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Objektive

Keine Kamera ohne Objektiv! Daher werden auf diesen Seiten die wichtigsten Normal- und Wechselobjektive vorgestellt. Es geht dabei nicht um vollständige Auflistungen, sondern eher darum, zu einigen bemerkenswerten Objektiven Details aufzuzeigen, die viellicht so im Netz noch nicht zu finden sind.

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Zeiss vs. Zeiss – Ost-West-Rivalitäten im Photoobjektivbau

 

Das Jenaer Zeisswerk war wohl einer derjenigen deutschen Vorzeigebetriebe, die nun am stärksten gebeutelt wurden, nachdem die Nationalsozialistische Gewaltherrschaft endlich überwunden worden war. Als ein gewichtiger Schlüsselbetrieb der Rüstungsproduktion und einer der weltweit führenden Hochtechnologiefirmen, war Carl Zeiss Jena wie kaum ein anderer von der geistigen und materiellen Plünderung durch die Besatzungsmächte betroffen. Das könnte man ja noch als gerechte Strafe für den Beitrag zu den Verbrechen des Regimes interpretieren. Aber was nun geschah, war eine Schande für beide Seiten. In der ideologisch aufgeheizten Nachkriegssituation bekriegten sich die beiden deutschen Zeiss-Betriebe auf schändlichste Weise. Selbst ein „politisch unverdächtiger“ Wissenschaftler wie Harry Zöllner sah sich 1954 genötigt, eine kurze Stellungnahme unter dem Titel „Carl Zeiss kann nur in Jena sein“ zu veröffentlichen, in der seine Empörung zum Ausdruck kommt. So schreibt er: „Auf meinem Arbeitsgebiet der Photooptik habe ich mich bemüht, die Entwicklung im Sinn Abbes weiterzutreiben. In den letzten Jahren sind neue Photoobjektive auf dem Markt erschienen, die sich würdig in die bekannten Zeiss-Erzeugnisse einreihen. Und diese Objektive sollen jetzt keine Zeiss-Objektive mehr sein? Dies entbehrt jeder sachlichen und rechtlichen Grundlage!" [Fotografie 7/1954, S. 185.]

 

Auf der Gegenseite argumentierte man natürlich im Wesentlichen mit dem Aspekt der Enteignung und des politisch dominierten Staatsbetriebes in Jena. Und wenn man sich anschaut, zu welchem planwirtschaftlichen Monstrum sich Zeiss Jena in den nächsten drei Jahrzehnten noch entwickeln sollte, war dieses westdeutsche Argument auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Fakt ist, daß aus dieser Zeit tiefe Wunden in der deutsch-deutschen Wirtschaftsgeschichte zurückgeblieben sind. Eine rechtliche Einigung zwischen beiden Zeiss-Betrieben wurde erst Anfang der 70er Jahre erreicht (Londoner Kompromiß). Zu diesem Zeitpunkt hatten sich beide Zeiss-Unternehmen deutlich verausgabt, und zumindest was den Photoobjektivbau anbelangt, war man beiderseits des Eisernen Vorhanges in eine tiefe Krise geraten. Wie auf den folgenden Seiten noch zu lesen sein wird, war bei Zeiss Jena gegen Ende der 60er Jahre in diesem Segment eine deutliche Ernüchterung eingetreten, weil man viele aufwändige Objektive entwickelt hatte, deren Kameras sich als Fehlentwicklungen herausstellten oder einfach am Interesse des Marktes vorbeizielten. Die Neuentwicklungen wurden nun deutlich auf das Nötigste und Aussichtsreichste begrenzt. Und in Heidenheim, Oberkochen und Stuttgart sah es zu jener Zeit noch ein ganzes Stück düsterer aus. Hier ließen sich nicht mal mehr die altbewährten „Butter-und-Brot-Objektive“ verkaufen, weil die zugehörigen Kameras in den Auslagen der Photofachgeschäfte verstaubten. Zeiss Oberkochen mußte Anfang der 70er Jahre dringend neue Absatzmärkte für Massenobjektive auftun, wenn man diese Sparte nicht einbüßen wollte. Und daß dies ernsthaft zu befürchten stand, zeigte der westdeutsche Kamerabau, der sich binnen weniger Jahre fast vollständig ins Nichts aufgelöst hatte.

 

Nun hätte man hoffen können, daß nach dem Ende der Deutschen Teilung und dem sukzessiven Ausscheiden alter „Kalter Krieger“ aus den Chefetagen die lang gehegten Ressentiments langsam hätten verschwinden können. Doch wer glaubte, daß der alte, traditionsreiche Firmensitz in Jena – und sei es wenigstens rein formell – rehabilitiert werden würde, der wurde enttäuscht. Es ist Photofreunden aus aller Welt, gegenüber denen man das Wort „Jena“ nur erwähnen braucht, um Begeisterung hervorzurufen, nur schwer vermittelbar, wieso ein Konzern auf dieses hochgeschätzte Markenzeichen verzichtet. Man muß ihnen dann langwierig eine Lektion deutsch-deutscher Geschichte vermitteln und erntet am Ende doch nur Kopfschütteln. Andere Unternehmen würden auf die Knie fallen, wenn sie in der glücklichen Lage wären, daß ein einziges in den Raum gestelltes Wort genüge, um Kenner hochachtungsvoll Haltung annehmen zu lassen. Und dieses Wort heißt nun einmal Jena, und nicht Oberkochen.

 

Dasselbe mit dem Firmenlogo. Jeder auf der Welt, der auch nur ein Fünkchen Zugang zum Thema Qualitätsoptik hat, kennt den Zeiss-Achromaten mit der Inschrift „Carl Zeiss Jena“. Es ist mit keiner Argumentation vermittelbar, wieso eine Weltfirma nicht auf ein solches Label und dessen Weltruhm zurückgreift. Stattdessen begnügt man sich mit werbegestalterischem 08/15. Es ist eine einzige Schande. Man kann nur hoffen, daß sich kommende Generationen irgendwann ihrer Ursprünge besinnen und zur Vernunft kommen werden. Weder in Württemberg noch in Thüringen müßte sich jemand dabei einen Zacken aus der Krone brechen - die Oberkochener nicht, weil sie nichts zu verlieren haben und auch nicht die Jenaer, weil sie sich längst bewußt gemacht haben, daß ohnehin niemand die Uhr zurückdrehen kann...

 

 

 

Flektogon und Distagon – Dannberg und Glatzel

 

Dabei sind es doch Leistungen, die zählen – nicht Ideologien! Was das betrifft, scheint es weise, sich an den nüchtern strebenden Wissenschaftlern zu halten. Ob er recht hat oder irrt, das läßt sich nämlich in weiten Grenzen objektiv messen. Dazu hier mal ein Beispiel, wie man in Ost und West um 1960 herum neue Lösungsansätze für das brennende Problem des Retrofocus-Weitwinkels für die Mittelformat-Spiegelreflexkamera erarbeitete und – trotz unterschiedlicher Herangehensweisen – zwei respektable, international führende Produkte entwickeln konnte.

In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre setzte nämlich ein Wandel in den Ansprüchen qualitätsbewußter Amateure und Berufsphotographen ein: Nach 25 Jahren Kleinbildphotographie verlangten die Nutzer nun Kameras mit einer ebensolchen Flexibilität und Bequemlichkeit der Kleinbild-Apparate, aber einer gesteigerten Bildqualität. Die Kamerahersteller reagierten auf diese Wünsche, indem sie versuchten, das gut eingeführte Prinzip der Einäugigen Spiegelreflexkamera auch auf das Mittelformat auszudehnen. An Erfahrungen aus der Zwischenkriegszeit anknüpfend, wurde im VEB Kamera-Werke Dresden Niedersedlitz zwischen 1954 und 56 mit der Praktisix eine moderne Reflexkamera für das Format 6x6 entwickelt. Für die stand zwar von Anfang an mit dem Flektogon 2,8/65mm ein Weitwinkelobjektiv zur Verfügung, aber damit konnte sich noch niemand zufrieden geben.

 

Bei Carl Zeiss Jena arbeitete Wolf Dannberg seit 1955 an Retrofokus-Weitwinkelobjektiven für Kleinbildkameras. In Zusammenarbeit mit Eberhard Dietzsch errechnete er aber im März 1958 einen solchen Typ für die neue Mittelformatspiegelreflexkamera, das am 8. März 1960 in der DDR zum Patent angemeldet wurde (Nr. 23.869). Bei einer Nennbrennweite von 50mm wurde ein Bildwinkel von 75 Grad erreicht – ein guter Wert für ein universelles Weitwinkelobjektiv. Dieses Flektogon 4/50 wurde zwar im Mai 1966 neu gerechnet, der optische Grundaufbau blieb aber derselbe. Es wurde in sehr hohen Stückzahlen ziemlich genau 30 Jahre lang gefertigt.

In der Bundesrepublik hinkte man, was diese Entwicklungen betraf, ein wenig hinterher. Für die noch auf den Schlitzverschluß basierenden Hasselblad-Modelle hatte man ein in etwa mit dem Flektogon 2,8/65mm vergleichbares Distagon 5,6/60mm herausgebracht. Um größere Bildwinkel zu erreichen, mußten auch in Oberkochen neue Wege gegangen werden. Hier war es Erhard Glatzel, der mit zwei Patenten vom 25. November 1959 (DBP Nr. 1.187.393) und vom 15. Februar 1962 (DBP Nr. 1.250.153) neue Entwicklungspfade für des Hightech-Segment der Retrofokus-Weitwinkelobjektive aufgezeigt hatte. Die Linsenlage Nr. 4 des letzteren Patentes entspricht in etwa dem Distagon 4/50 von Zeiss Oberkochen, das ab etwa 1964 für die Hasselblad und später auch für die SL66 geliefert wurde.

Schaut man sich die Schnittzeichnungen an – die direkt aus den jeweiligen Patenten entnommen sind und daher nicht ganz den später ausgeführten Objektiven entsprechen – dann wird man das Distagon mit seinen sieben einzelnstehenden Linsen vielleicht als die modernere Konstruktion bezeichnen. Auch kommt das Distagon mit geringeren Durchmessern im vorderen Systemteil aus. Andererseits ist das Flektogon durch seine starke Verkittung nur durch acht Glas-Luft-Grenzflächen belastet, das Distagon freilich mit ganzen vierzehn an der Zahl. Im Zeitalter der einschichtigen Vergütungen spielte das durchaus eine Rolle. In beiden Patentschriften fallen übrigens die mit Zahlenwerten bis zu 1,755 für die damaligen Verhältnisse ziemlich hochbrechenden Gläser auf, die hier offensichtlich eingesetzt wurden. Beide Objektive genießen ja auch eine dementsprechende Reputation – zumal Photographen ohnehin wenig an Unterschieden interessiert sind, die allein in MTF-Kurven zum Ausdruck kommen. Man muß allerdings dazu sagen, daß das Jenaer Flektogon mit 364,- DDR Mark rein betragsmäßig nur etwa 1/10* des westdeutschen Pendants gekostet haben mag und zudem wohl eines der meistgebauten Wechselobjektive für das Mittelformat darstellt.

*Der Einführungspreis des Distagons lag 1966 bei 1075,- DM und war drei Jahre später bereits auf 1166,- DM angestiegen. Selbst wenn man (unzulässigerweise) die Westmark mit der DDR-Mark betragsmäßig gleichsetzt, war das Distangon also damals schon dreimal so teurer. 1990 war der Preis des Distagons auf über 4000 Mark angewachsen; aber das Flektogon war (aufgrund der Mehrschichtvergütung) nur um zwölf Mark teurer geworden. Hier kann sich nun jeder selbst sein Urteil über die DDR-Doktrin der stabilen Preise bilden, die langfristig notwendige Preissteigerungen nur dann zuließ, wenn neue oder in ihrem Gebrauchswert erhöhte Produkte herausgebracht wurden.