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Das Tessar

Carl Zeiss Jena

Diese halbverkittete Tripletvariante zählt zu den erfolgreichsten Objektivkonstruktionen aller Zeiten. Entwickelt wurde das Tessar zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Paul Rudolph. Sein Assistent Ernst Wandersleb hat dann kurze Zeit danach die Weiterentwicklung dieses Typs übernommen und die lichtstärkeren Versionen 1:4,5 und später sogar 1:3,5 berechnet. Mit Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird dieser interessante Mann, der mit einer jüdischstämmigen Frau verheiratet gewesen ist, sukzessive aus seiner Führungsposition innerhalb der Abteilung Photo des Zeisswerkes verdrängt. Inwieweit daran sein Nachfolger Willy Merté beteiligt gewesen ist, ist mir noch nicht ganz klar. Fakt ist, daß letzterer sowohl Wanderslebs Position innerhalb der Abteilung Photo als auch die Weiterentwicklung der prestigeträchtigen Tessare übernimmt. Merté gelingt es Anfang der 30er Jahre, das Tessar als Normalobjektiv auf die Öffnung 1:2,8 zu bringen. Das war allerdings etwas zu viel des Guten. Bei dieser hohen Öffnung war der Tripletabkömmling deutlich überfordert. Das Tessar als "Adlerauge der Kamera" drohte seinen Ruf einzubüßen, da von der legendären Strichschärfe und vor allem der Brillanz nicht viel übrig blieb. Der Tessartyp ist eigentlich nur bis Öffnungen um 1:4,0 gut auskorrigierbar, ansonsten muß man entweder zu aufwendigeren Konstruktionen übergehen, oder Kompromisse eingehen. Vier Glassorten, sieben Krümmungsradien und zwei Lufträume beschränken halt die Korrekturmöglichkeiten. Andererseits ist durch den vergleichsweise simplen Aufbau das Tessar in der Fertigung sehr gut beherrschbar. Dort wo es nicht auf höchste Lichtstärken ankommt – zum Beispiel im Großformat – ist das Tessar 1:4,5 jahrzentelang der Standard geblieben, an dem sich Normalobjektive mit Bildwinkeln um die 60 Grad messen lassen mußten.

Links das erste Tessar 2,8/50mm von Willi Merté aus dem Jahre 1931 für die Contax. Im rechts gezeigten Prakticar 2,8/50mm steckt auch ein Tessar, und zwar dasjenige von Harry Zöllner aus dem Jahre 1947. Das Besondere ist aber, daß dessen Gläser hier - und auch nur hier! - mehrschichtvergütet gewesen sind. Das nur in geringen Stückzahlen gefertigte Prakticar stellt also die höchste Entwicklungsstufe des Jenaer Tessars 2,8/50 dar.

Für das Kleinbild wurden aber größere Lichtstärken verlangt. Das liegt daran, daß erst bei den kleineren Formaten die Schärfentiefenverhältnisse so günstig sind, daß man die große Blendenöffnung überhaupt ausnutzen kann. Andererseits wurde vor 60...70 Jahren diese Reserve an Lichtstärke auch gebraucht, wenn man beispielsweise auf dem Kodachrome oder Agfacolor Film mit ihren Empfindlichkeiten von 12 ... 13 DIN photographieren wollte. Als nach dem Kriege absehbar war, daß die deutsche Photoindustrie aufgrund der enormen internationalen Nachfrage wieder große Mengen an Kameras absetzen könnte, wurde der Tessartyp aufgrund seiner guten Eignung für die Massenfertigung rasch wieder interessant. Bei Zeiss in Jena wurde noch im Jahr der Demontage das Tessar auf Basis der während des Krieges fortentwickelten Glastechnologie vom damaligen Leiter der Abteilung Photo Harry Zöllner neu berechnet. Das Tessar 2,8/50 mit dem Konstruktionsdatum 29. Oktober 1947 gilt damit als Neuanfang des Jenaer Zeisswerks nach der Katastrophe von 1946/47. Zöllner gelingt es, das Tessar so zu optimieren, daß es bis in das Jahr 1987 – also vier Jahrzehnte lang – optisch unverändert gefertigt wird.

Tessar Fehlerkurven
Tessar Verzeichnung

Die Fehlerkurven des Tessars 2,8/50mm in der Version von 1947. Im Vergleich zur Vorkriegskonstruktion stellte das einen erheblichen Fortschritt dar. Das 2,8/50 lag nun mindestens auf dem Leistungsniveau des Tessars 3,5/50. Auch als später die Qualitätsanforderungen allgemein stiegen, blieb das Tessar 2,8/50 immer noch ein sehr gutes Normalobjektiv für den Amateurphotographen. Eine bei voller Öffnung feststellbare Weichheit verschwindet beim Abblenden rasch. Dann wird dieses einfach aufgebaute Objektiv auch höheren Ansprüchen gerecht.

 

Diese Eigenart des kräftigen Leistungsanstiegs wird vor allem auch an diesen beiden MTF-Diagrammen deutlich, anhand derer man einen direkten Vergleich zwischen dem Tessar und dem zeitgenössischen Meritar 2,9/50mm von Ludwig ziehen kann. Die Aussagekraft solcher Diagramme ist immer begrenzt. Aber man erkennt schon, daß das Meritar das "Schärfekriterium" 40 Linien je Millimeter bei 40 Prozent Kontrast nur geradeso überschreitet. Vergleicht man die Kurven des Tessars allerdings mit denjenigen, die zum Beispiel auf der entsprechenden Seite für das Oreston 1,8/50mm angegeben sind, so erkennt man, daß ein solcher Gaußtyp bei Abblendung noch einmal deutlich besser wird, als das an die Grenzen seiner Leistung gebrachte Tessar 1:2,8. Positiv fallen beim Tessar noch die eng beieinander liegenden Kurven für Mitte und Rand auf, die in der Praxis eine gleichmäßige Verteilung der Schärfe über das Bildfeld hinweg erwarten lassen.

Tessar 3,5/50
Tessar 2,8/50

Zwei Beispiele für Tessare in M42-Fassung: Links ein Tessar 3,5/50 mit Normalblende, mit denen allenfalls die frühen Modelle der Contax S Typ C bestückt wurden. Rechts die für die Contax F gelieferte Version mit Halbautomatischer Springblende. Bewegt man hier den Blendenring über den Öffungswert 2,8 hinaus, so rastet die Blende in der vollen Öffnung ein. Kurz vor Auslösung des Verschlusses wird der Stößel des Objektivs so weit eingdrückt, daß die Rastung aufgehoben wird und die Blende auf den vorher eingestellten Arbeitswert zuspringt. Der Vorteil dieses Systems ist, daß der Auslöser kaum mit einer zusätzlichen Kraft belastet wird. Der Nachteil besteht darin, daß nach jeder Verschlußauslösung die Blende wieder manuell geöffnet werden muß. Daher Halbautomatische Springblende.

 

 

 

 

 

 

MK