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Die Pancolare 50mm

Carl Zeiss Jena

Die 50er Jahre waren die große Zeit der Normalobjektive mit der Lichtstärke 1:2,0. Das Oberkochener Planar 2/50, das Leitz Summicron 2/50, Ultron, Xenon, Heliogon – das alles waren sehr hochwertige, ausgeklügelte Systeme mit denen sich die Hersteller gegenseitig zu übertreffen versuchten. Manche waren für die Sucherkamera gedacht und daher auf den Zentralverschluß hin optimiert. Aber auch für die einäugige Reflexkamera wurde an solchen Normalobjektiven gearbeitet. Hier war eine lange Schnittweite nötig, weil der Klappspiegel einen großen Raum zwischen Objektivrückseite und Bildebene verlangte. Das verlangte nach sorgfältiger Konstruktionsarbeit.

 

Bei Zeiss Jena wurde seit Beginn der 50er Jahre ebenfalls intensiv an einem solchen Objektiv gearbeitet. 1952 und 53 hat es jeweils zwei Prototypen geben (V130 und V136), und am 5. Oktober 1954 wurde schließlich ein Biotar 2/50 fertiggestellt, von dem zum Jahreswechsel 1956/57 einhundert Stück produziert wurden. Eingebaut wurden sie in eine Fassung für die Praktina IIa mit Automatischer Springblende. Das beweist übrigens auch, daß diese Kamera damals schon auf das neue Blendensystem umkonstruiert war, sonst hätte es ja schließlich keinen Sinn gehabt, hundert ASB Objektive für sie zu bauen. Die Hundert beziehen sich übrigens nur auf das „Biotar 2/50mm“. Im gleichen Monat wurden noch weitere 1000 Stück desselben Objektives als „Flexon 2/50“ montiert. Dieser Namenswechsel muß sehr spontan erfolgt sein, denn beauftragt waren die Objektive offenbar noch als Biotar. Der Grund ist aber schnell ersichtlich, denn die Umbenennung fiel genau in die Zeit, als das 58er Biotar auf den Exportmärkten gerade mit zusätzlichen Vorschraubringen zum „Jena B“ degradiert werden mußte, weil "Zeiss West" den Markennamen für sich beanspruchte.

 

Das Flexon ist in erster Linie als Normalobjektiv für die Praktina gebaut worden. Einige tausend Stück wurden aber offenbar auch für die Exakta gebaut. An diesem Punkt wird es allerdings kompliziert. Ab Sommer 1959 findet sukzessive ein Namenswechsel hin zu „Pancolar“ statt, und zwar offenbar inmitten der laufenden Endmontage zweier Fertigungsaufträge. So gibt es auch Flexone für die Exakta und Pancolare für die Praktina. Es war bereits bekannt, daß das Biotar/Flexon 2/50 1960 neu gerechnet wurde und man nahm bislang immer an, der Namenswechsel sei im Gleichzug mit der Neukonstruktion erfolgt. Seit Erscheinen des „Fabrikationsbuch Photooptik II“ von Hartmut Thiele weiß man aber, daß der Namenswechsel schon vor Errechnung des neuen Pancolars 2/50 in Gang gekommen war. Weshalb der Markenname "Flexon" nun bereits nach kurzer Zeit wieder aufgegeben wurde, ist bislang unklar.

Flexon 2/50mm

Links das Flexon existiert fast ausschließlich in der damals hochmodernen Fassung für die Praktina IIa. Linearisierte Blendenskala und Vollautomatische Springblende waren seiner Zeit weit voraus. Der Linsenschnitt rechts gilt sowohl für das Flexon von 1954 als auch für das Pancolar von 1960.

Pancolar 2/50 Schema

Das Biotar/Flexon 2/50 wurde am 12. September 1956 in der Bundesrepublik unter der Nummer 1.094.997 patentiert. Neben Harry Zöllner war Eduard Hubert an der Entwicklungsarbeit beteiligt. Neu war, daß alle Linsenelemente vor der Blende meniskenförmige Gestalt hatten, also alle sechs Flächen zur Dingseite gewölbt waren. Ebenfalls sehr verblüffend war für mich, daß alle vier äußersten Linsen von ein und derselben Glasart sind, nämlich der Brechkraft 1,622 und der Abbeschen Zahl 56,1. Nur die beiden inneren Linsen sind aus anderem Material.

 

Das Flexon zeichnete sich durch eine gute Mittenschärfe aus, allerding war bei offener Blende ein ziemlich starker Randabfall zu verzeichnen. Dieser Fehler wurde mit der Neuberechnung vom 10. November 1960 weitgehend behoben. Dieses Pancolar 2/50 ist auch aus heutiger Sicht noch ein Spitzenobjektiv in einer hervorragenden Fertigungsqualität.

Pancolar 2/50
Pancolar 2/50 Zebra

Das Pancolar 2/50 ist in M42 nicht sehr häufig anzutreffen, denn die meisten Exemplare wurden für die Exakta Varex gebaut. Insbesondere die rechte Version im Zebradesign ist äußerst selten.

 

Unten mal ein Beispielbild mit dem Flexon 2/50 in der Version von 1954 an der Praktina IIA. Auf dem dicht bewachsenen Jüdischen Friedhof an der Schönhauser ging es trotz Hochsommer nur bei offener Blende und ner 1/15 Sekunde. Wie man sieht kommen trotzdem brauchbare Ergebnisse heraus.

Aber die Entwicklung schritt rasch voran. Den Takt gab nunmehr die japanische Photoindustrie vor. Und die hatte das 1,8er Normalobjektiv zum Standard etabliert. Also wurde in Jena (und übrigens auch in Görlitz) um 1964 an entsprechenden Pendants gearbeitet. Am 10. April 1964 wurde die Rechnung eines neuen Pancolars 1,8/50mm abgeschlossen, die ein Jahr später in Produktion ging. Das Pancolar 1,8 blieb auf den M42-Anschluß beschränkt; für die Exakta wurde die vorige Version weitergebaut. Dieses Pancolar hat eine sehr hohe Abbildungsleistung. Um diese Eigenschaften zu erreichen, wurden allerdings offenbar Glassorten mit Thoriumdioxid verbaut. Solche Linsen haben einen hohen Brechungsindex bei geringer Farbzerstreuung. Aber leider sind sie einerseits (schwach) radioaktiv und zweitens neigen sie bei Dunkellagerung zum Vergilben. Daher wurde dieses Pancolar 1,8/50 nicht sehr lange gebaut. Man findet es nur in der Zebragestaltung. Von seinem Nachfolger läßt es sich anhand der kürzeren Fassung unterscheiden.

Pancolar 1,8 1964 Schema

Bereits 1967 wurde ein neues Pancolar 1,8/50 errechnet (2. Mai). Hier ging man von den problematischen und teuren hochbrechenden Gläsern ab. Vielmehr schafften es Wolf Dannberg und Gerhard Risch unter Verzicht auf solche Sondergläser ein sehr gut auskorrigiertes Normalobjektiv zu schaffen, indem sie den bisherigen Gaußtyp zum Teil in Einzelelemente auflösten. Das besondere an diesem Objektiv ist laut Patentschrift die Luftinse in der hinteren Systemhälfte zwischen dem Innenglied und dem sammelnden Meniskus (also zwischen der vierten und der fünften Linse die bislang stets miteinander verkittet gewesen waren). Die Dicke dieser Luftlinse muß zwischen dem 0,028- und dem 0,048-fachen der Brennweite liegen und deren zerstreuende Wirkung muß größer als 5% aber kleiner als 20% der Wirkung des vor ihr stehenden zersteuenden Innengliedes sein. Hier wird also einmal deutlich, wie sehr sich die optische Wirkung eines zwischen zwei Linsen stehenden Luftzwischenraumes positiv auf die Korrektur des Gesamtsystems auswirken kann.

 

Dieses Pancolar 1,8/50 entpuppte sich damit als einer der glücklichsten Nachkriegsschöpfungen des Zeisswerks. Es wurde bis zum Ende der 80er Jahre in für Zeiss-Verhältnisse sehr großen Stückzahlen gefertigt. Es ist bis heute sehr beliebt. Zum Patent angemeldet wurde es in der DDR am 7. Mai 1969 unter der Nummer 77.830.

Pancolar 1,8/50 1967
Pancolar 1,8/50 1967 Schema
Pancolar 1,8/50 MC
Pancolar 1,8/50
Pancolar 1,8/50 Ratio

Die mehrschichtvergüteten Pancolare waren in schwarzen Fassungen erhältlich. Links ist eine sehr frühe Version vom Januar 1976. Hier stammt die Blendenmechanik noch von der Zebraversion. Die meisten Pancolare gibt es in der mittleren Fassung mit dem "genormten" Anschlußstück, das es mit anderen Zeissobjektiven jener Zeit gemein hatte. Das rechte Pancolar stammt aus der Endphase der DDR und hat eine deutlich kürzere Fassung, die einen sehr eleganten Eindruck macht.

Das nur in geringen Stückzahlen gebaute Pancolar 1,4/55mm ist zusammen mit dem 1,4/75mm unter den Wechselobjektiven der 1960er Jahre beschrieben.

 

 

 

 

 

 

 

M. Kröger, April 2016