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Das Biotar 2/58mm

Carl Zeiss Jena

Das Biotar ist eine Weiterentwicklung – oder besser gesagt Vervollkommnung – des Planar-Typs von Paul Rudolph (Patent Nr. 92.313 vom 14. November 1896). Das Verdienst Rudolphs lag darin, das sogenannte Gaußobjektiv mit seinen vielversprechenden Korrektionsmöglichkeiten im Bereich der sphärischen und chromatischen Abweichung für den Einsatzfall des photographischen Objektivs brauchbar gemacht zu haben, indem er gleichzeitig den Astigmatismus korrigieren konnte. Paul Rudolph hat den zerstreuend wirkenden Teil des „Doppelgauß“ mithilfe zweier, miteinander verkitteter Einzellinsen aufgebaut, was den damals zur Verfügung stehenden, unzureichenden optischen Gläsern geschuldet war. Er kombinierte zwei Linsen, die zwar dieselbe Brechkraft, aber eine unterschiedliche Farbzerstreuung aufwiesen. Die Gesamtkombination ergab die Möglichkeit, die chromatische Aberration des Systems zu verändern, ohne die Korrektur der sphärischen Aberration antasten zu müssen („hyperchromatische Linse“). Noch genauer gesagt ging es darum, die farbabhängigen Abweichungen der sphärischen Aberration (Sphärochromasie) zu steuern. Diese Zusammenhänge sind für den Laien kaum noch verständlich, müssen aber vom Konstrukteur lichtstarker Objektive sehr genau beachtet werden.

 

Die ausgezeichneten Korrekturmöglichkeiten für die oben angeführte Sphärochromasie sowie weiterer von der Lichtwellenlänge abhängiger "Gaußfehler" waren offenbar der Grund, wieso dieser Planartyp wieder interessant wurde, als die Photoindustrie nach immer lichtstärkeren Systemen verlangte. Lange aber war der Doppelgaußtyp als für ein Universalobjektiv ungeeignet betrachtet worden, weil aufgrund seiner vielen Glas-Luft-Grenzflächen die Abbildung oft durch unerwünschte Spiegelbilder verdorben wurde. Daher konnte das Planar bislang nur als Reproduktionsobjektiv erfolgreich eingesetzt werden, wo man die Lichtführung stets unter Kontrolle hatte. Willy Merté gelang mit seinen Biotaren ein entscheidender Durchbruch, indem er diese Reflexe so dirigierte, daß sie nunmehr außerhalb des Bildfeldes lagen oder aber nur als großflächiger, diffuser Schimmer auftraten, der seinerseits zu keiner störenden Schwärzung der Schicht mehr führen konnte. Außerdem ging er nun vollends von dem Verständnis des Gaußobjektivs als symmetrisches Doppelobjektiv ab und korrigierte sein Biotar als Gesamtsystem, wodurch er es auf hohe Lichtstärken ohne eklatante Zugeständnisse an die Abbildungsleistung trimmen konnte. Mit seinem Patent Nr. 485.798 vom 30. September 1927 brachte er die Lichtstärke dieser Biotare bis auf 1:1,4 und hatte damit den Anschluß an den Tripletabkömmling "Sonnar" geschaft. Man beachte die schlanke Kurve der sphärischen Aberration (a) dieses Biotars.

Biotar 1,4 Korrektionszustand

Wie kein anderes Kamerasystem zuvor, war die Einäugige Kleinbildspiegelreflexkamera prädestiniert für die Verwendung solcher lichtstarker Objektive. Ist bei der Sucherkamera der Entfernungsmesser nur eine Art zusätzliches Hilfsaggregat zum Scharfstellen, so ist die präzise Mattscheibeneinstellung bei der Spiegelreflex Teil ihres Grundkonzepts als "Sehende Kamera". Und weil bei ihr fast ausschließlich Schlitzverschlüsse Anwendung finden, gibt es wesentlich weniger Beschränkungen zum Beispiel was den Durchmesser des Objektivs in Blendennähe betrifft (wie das bei Zentralverschlüssen meist der Fall ist). Allein die Schnittweite des Objektivs darf ein Mindestmaß nicht unterschreiten, damit der Spiegel nicht anstößt. Das ist übrigens der Grund, wieso das Biotar eine Brennweite von ungewöhnlichen 58mm aufweist. Anders war es mit der Technologie der 1930er Jahre bei einem so lichtstarken Objektiv wie dem Biotar nicht möglich, die mechanischen Erfordernisse der Spiegelreflexkamera einzuhalten. Es gab zwar vor dem Kriege schon ein Schneider Xenon 2/50mm für die Exakta, aber hier bildete wirklich der hinterste Linsenscheitel den mechanischen Abschluß des Objektivs und war dadurch auch den entsprechenden Beschädigungsgefahren ausgesetzt. Erst mit der Weiterentwicklung dieser lichtstarken Normalobjektive in den 1950er Jahren gelang es, die Brennweite auch für Spiegelreflexkameras allgemein auf den Nennwert 50mm zu senken. Bei Zeiss Jena wurde 1954 ein Biotar 2/50 gerechnet, das später als Flexon und Pancolar für die Praktina und Exakta geliefert wurde. Für die Spiegel-Contax blieb es beim Biotar 2/58mm - zuletzt mit Halbautomatischer Springblende.

Biotar 2/58 Normalblende
Biotar 58 Springblende

Das Biotar 2/58mm mit dem Konstruktionsdatum 19. Oktober 1936 wurde von Carl Zeiss Jena mehr als zwanzig Jahre optisch unverändert hergestellt. Seine Schärfeleistung in der Bildmitte ist auch nach heutigen Maßstäben vorzüglich. Freilich kann es mit moderneren Konstruktionen wie etwa dem späteren Leitz Summicron 2/50 nicht mithalten. Aber solche Normalobjektive mit ihren hochbrechenden Gläsern liegen in den Anschaffungskosten gern um den Faktor 10 höher. In der Sowjetunion und den Nachfolgestaaten wurde das Biotar 2/58 übrigens als preisgünstiges Normalobjektiv in extrem hohen Stückzahlen unter der Bezeichnung „Helios“ gefertigt und wird auch heute noch wegen seiner Abbildungscharakteristik geschätzt. Wenn das keine Anerkennung für eine Objektivkonstruktion ist…

 

 

 

Literatur:

 

Eder, Josef Maria: Ausführliches Handbuch der Photographie, Band I, 4. Teil, Die Photographischen Objektive, 3. Aufl., Halle, 1911.

Flügge, Johannes: Das photographische Objektiv; in: Michel, Kurt [Hrsg.]: Die Wissenschaftliche und angewandte Photographie, Erster Band, Wien, 1955.

Merté, Willy: Bauarten der photographischen Objektive, in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band I, Das photographische Objektiv, Wien, 1932.

 

 

MK

Passend zu diesem Thema noch folgende Mitteilung des VEB Carl Zeiss JENA

 

„Wußten Sie schon…

 

… daß das bekannte Foto-Objektiv ‚Biotar‘ 1:2, f=58mm, in der Ausführung mit Springblende für die ‚Exakta Varex‘ aus 85 Teilen besteht?

 

… daß zur Herstellung dieses Objektivs 1243 Arbeitsgänge und 336 Kontrollarbeitsgänge erforderlich sind?

 

… daß bei diesem Objektiv für die Lamellen der Irisblende Schräubchen und Niete verwendet werden, von denen etwa 600 Stück in einem normalen Fingerhut Platz finden?

 

… daß die Schichtdicke des Transparenzbelages vergüteter Foto-Objektive fast 0,0001 mm beträgt?

 

… daß die durchschnittliche optische Schleifgenauigkeit bei 0,0006 mm liegt?

 

… daß durchschnittlich etwa 9 Monate vergehen, ehe ein Foto-Objektiv im Rahmen einer Serie fertiggestellt wird?“

 

[aus: Steiner, Johannes: Fototaschenbuch 1959, Halle, 1958, S. 256.]

 

 

Für uns heute ist besonders interessant, wie lange der Herstellungsprozeß der Objektive in den 50er Jahren gedauert hat – also vom Schmelzen der Gläser bis zur Auslieferung. Die Angaben bei Thiele beziehen sich immer auf das Fassen des ersten Objektivs der Serie bzw. den Beginn der Endmontage. Von den oben angegebenen 1243 Arbeitsgängen wären das also stets die ziemlich späten.