Biotar

Das Biotar 2/58mm

Carl Zeiss Jena

Das Biotar ist eine Weiterentwicklung – oder besser gesagt Vervollkommnung – des Planar-Typs von Paul Rudolph (Patent Nr. 92.313 vom 14. November 1896). Das Verdienst Rudolphs lag seinerzeit darin, das sogenannte Gaußobjektiv mit seinen vielversprechenden Korrektionsmöglichkeiten im Bereich der sphärischen und chromatischen Abweichungen für den Einsatzfall des photographischen Objektivs brauchbar gemacht zu haben, indem er gleichzeitig den bei diesem Typus bislang nicht beherrschbaren Astigmatismus korrigieren konnte. Da nämlich die von Carl Friedrich Gauß vorgeschlagene Linsenkombination aus je einem Kron- und einem Flintglasmeniskus ursprünglich ausschließlich für die Verwendung als Fernrohrobjektiv mit entsprechend kleinem Feldwinkel vorgesehen war, verlangte deren Nutzbarmachung für photographische Zwecke nun eine sorgfältige anastigmatische Bildfeldebnung. Die Idee Rudolphs lag dabei darin, zwei derartige Gauß’sche Fernrohrobjektive symmetrisch zu einer Mittelblende anzuordnen und damit Komaerscheinungen aber insbesondere die ansonsten unvermeidlich hohe Verzeichnung zu beheben (Schutzanspruch 2).

Planar 4,5/5cm

Um nun eine solche anastigmatische Bildfeldebnung, wie sie für das Erreichen eines für photographische Zwecke ausreichenden Bildwinkels erforderlich ist, mit einer Achromatisierung des Gesamtobjektivs in Einklang zu bringen, erachtete es Rudolph als notwendig, die inneren, zerstreuend wirkenden Linsen des Doppelobjektives als Kittglieder auszulegen. Er kombinierte dabei zwei Linsen, die zwar dieselbe Brechkraft, aber eine unterschiedliche Farbzerstreuung aufwiesen (Schutzanspruch 1). Die Gesamtkombination ergab die Möglichkeit, mithilfe der Durchbiegung der entstehenden Kittfläche die chromatische Aberration des Systems zu verändern, ohne die Korrektur der sphärischen Aberration und sogar des Astigmatismus antasten zu müssen. Diesen „Konstruktionskniff“ der „hyperchromatischen Linse“ hatte er sich (offenbar) wenige Monate zuvor in seinem Patent Nr. 88.889 sichern lassen. Mit diesem Potential ließ das Planar sogar die vollkommene Einbeziehung des sogenannten sekundären Spektrums in die Farbkorrektur zu, was erstmals apochromatische Objektive für die damals äußerst bedeutsamen Reproduktionszwecke zuließ.

Paul Rudolph Planar 1896

Links die Grundform des Gaußobjektivs, wie sie im Patent Nr. 92.313 zugrunde gelegt wurde, rechts das später als Planar bekanntgewordene Doppelobjektiv Rudolphs.


zeissikonveb.de

zeissikonveb@web.de

Wie rasch in der Zeit um die Jahrhundertwende die Glastechnologie verbessert werden konnte, kann man daran ablesen,  daß es Friedrich Kollmorgen mit seinem Aristostigmat bereits vier Jahre später gelang, die chromatische, sphärische und anastigmatische Korrektur des Gauß'schen Doppelobjektivs ohne solche zusätzlichen Kittglieder zu erreichen. Aber bald gelangten weitere komplexe Bildfehler ins Blickfeld, für deren Behebung Rudolph mit seinem Planar bereits wichtige Grundlagen gelegt hatte. Das ursprüngliche Gaußobjektiv war nämlich gerade deshalb für stark vergrößernde Fernrohrobjektive gut geeignet, weil es die gleichzeitige Korrektur der sphärischen Abweichung für zwei verschiedene Farben gestattete. Einer der schwerwiegendsten Bildfehler, der die Bildqualität ansonsten gut ausgewogener Objektive immer wieder infrage stellt, ist nämlich die farbabhängige Abweichung der sphärischen Aberration („Sphärochromasie“). Diese Zusammenhänge sind für den Laien kaum noch verständlich, müssen aber vom Konstrukteur lichtstarker Objektive sehr genau beachtet werden.

DE420223 Rudolph Planar Weiterentwicklung

Wenig bekannt ist, daß der Planartypus auch durch Paul Rudolph persönlich weiterentwickelt wurde. Rudolph, der durch seine Grundlagenpatente "ausgesorgt" zu haben schien, hatte sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach heftigen Auseinandersetzungen mit seinem Arbeitgeber ins Privatleben zurückgezogen (und zwar offenbar ins Tal der Göltzsch, auf sein Gut "Grün" bei Lengenfeld im Vogtland). Nach dem Kriege jedoch sah er sich gezwungen, im Alter von 60 Jahren die Konstruktionstätigkeit wieder aufzunehmen. Ein erster Schritt dahingehend war das DRP Nr. 310.615 vom 15. März 1918, mit dem er nach eigener Angabe erstmalig eine wirkliche Sphäro-Achromasie verwirklichen konnte. Dieses Objektiv entwickelte Rudolph später zum "Plasmat" weiter. Doch weder mit dem Patent von 1896, noch mit jenem von 1918 sei ein Mittel zur gleichzeitigen Beseitigung der sphärischen Zonen gefunden worden. Diese besagten Zonen erkennt man gut in der von Rohr'schen Darstellung der spährischen Aberration, wie sie z. B. unten bei Mertés Biotar in der Kurve a) gezeigt ist. Hier sieht man, wie typischerweise der Schärfepunkt einmal in der Bildmitte und ein weiteres mal zum Rande hin genau in der Bildebene zu liegen kommt, für dazwischenliegende Einfallshöhen der Strahlen die Kurve aber oftmals jene charakteristische bauchige Ausbuchtung aufweist. Für gut auskorrigierte Anastigmate, die darüber hinaus das Potential zu hohen Lichtstärken mitbringen sollen, müssen diese Zonen allerdings stark verringert werden. Ganz im Gegensatz zum Patent von 1896 gestaltete Rudolph daher in seinem Patent Nr. 420.223 vom 7. Februar 1924 die innere Kittgruppe aus Gläsern mit stark abweichenden Brechungsexponenten, um bei einer schwachen Krümmung der Kittfläche zu einer erheblichen zerstreuenden Wirkung zu gelangen. "Kittflächen sind bisher in großem Umfange als Korrektionsmittel genutzt worden. Zerstreuende Kittflächen mit stärkerer Krümmung als die der Außenflächen dienen zur Korrektion der sphärischen Abweichung und sammelnde Kittflächen zur Herbeiführung anastigmatischer Bildeldebnung. Die Kittfläche ist dabei meist von relativ schwacher Krümmung." Mit diesem Prinzip der gegensätzlichen Brechzahlabstufung hatte sich Rudolph seit Ende der 1880er Jahre seinen Platz in der Geschichte der rechnenden Optik gesichert. Bemerkenswert an diesem Patent 420.223 ist zudem, daß Rudolph im Gegensatz zu den vorgenannten Patenten den Planartypus auf eine Lichtstärke von 1:3 bringen konnte indem er gleichzeitig dessen strengen symmetrischen Aufbau fallen ließ.

Die ausgezeichneten Korrekturmöglichkeiten für die oben angeführte Sphärochromasie sowie weiterer, von der Lichtwellenlänge abhängiger "Gaußfehler" waren offenbar der Grund, wieso dieser Planartyp wieder interessant wurde, als die Photoindustrie nach immer lichtstärkeren Systemen verlangte. Lange aber war der Planar-Doppelgaußtyp als für ein Universalobjektiv ungeeignet betrachtet worden, weil aufgrund seiner vielen Glas-Luft-Grenzflächen die Abbildung oft durch unerwünschte Spiegelbilder verdorben wurde. Daher konnte das Planar bislang fast nur in der Reproduktionsphotographie erfolgreich eingesetzt werden, wo man die Lichtführung stets unter Kontrolle hatte. Willy Merté gelang mit seinen Biotaren ein entscheidender Durchbruch, indem er diese Reflexe so dirigierte, daß sie nunmehr außerhalb des Bildfeldes lagen oder aber nur als großflächiger, diffuser Schimmer auftraten, der seinerseits zu keiner störenden Schwärzung der Schicht mehr führen konnte. Außerdem ging er nun vollends von dem Verständnis des Gaußobjektivs als symmetrisches Doppelobjektiv ab und korrigierte sein Biotar als Gesamtsystem, wodurch er es auf hohe Lichtstärken ohne eklatante Zugeständnisse an die Abbildungsleistung trimmen konnte. Mit seinem Patent  Nr. 485.798 vom 30. September 1927  brachte er die Lichtstärke dieser Biotare bis auf 1:1,4 und konnte damit Berteles Tripletabkömmling "Ernostar" übertrumpfen. Man beachte die schlanke Kurve der sphärischen Aberration (a) dieses Biotars.

Biotar 1,4 Korrektionszustand

Die folgenden Bilder zeigen ein sehr frühes Biotar 1,4/2,5cm aus dem Jahre 1930, das als Normalobjektiv für die 16mm-Schmalfilmkamera gedacht war. Dieses Metier des Schmalfilms blieb zunächst der erste nennenswerte Einsatzzweck dieses neuen Objektivtyps. Das hatte auch einen unschwer nachvollziehbaren Grund: Ein Objektiv der Lichtstärke 1:1,4 wäre für die Ende der 20er Jahre noch dominierende Plattenkamera 9x12cm schlichtweg unsinnig gewesen. Mit einer für dieses Format notwendigen Brennweite von 150mm wäre ein Scharfstellen unmöglich geworden, zumal die große Glasmasse ein solches Objektiv untragbar hätte werden lassen – und zwar sowohl in Hinblick auf das Gewicht, wie auf den Preis. Erst das nach 1930 aufkommende Kleinbild etablierte quasi einen zwischen dem winzigen Kinofilmbildchen und dem Großformat liegenden Kompromiß. Zur vollen Ausnutzung der Lichtstärke wären zwar gewisse Scharfstellhilfen notwendig, aber Preis und Gewicht eines solchen Objektives würden keine vollkommen utopischen Ausmaße annehmen.

Biotar 1,4/2,5cm
Biotar 1,4 Siemens FII

Die obengenannte Notwendigkeit einer Scharfstellhilfe, wenn man eine solch hohe Lichtstärke sinnvoll ausnutzen will, sorgte für die Entwicklung zweier neuartiger Kameratypen: Die moderne Entfernungsmesserkamera durch Barnack und die moderne Spiegelreflexkamera vom Typ Nüchterlein. Wie kein anderes Kamerasystem zuvor, war nun gerade diese Einäugige Kleinbildspiegelreflexkamera prädestiniert für die Verwendung solch lichtstarker Objektive. Ist bei der Sucherkamera der Entfernungsmesser nur eine Art zusätzliches Hilfsaggregat zum Scharfstellen, so ist die präzise Mattscheibeneinstellung bei der Spiegelreflex Teil ihres Grundkonzepts als "Sehende Kamera". Und weil bei ihr fast ausschließlich Schlitzverschlüsse Anwendung finden, gibt es wesentlich weniger Beschränkungen zum Beispiel was den Durchmesser des Objektivs in Blendennähe betrifft (wie das bei Zentralverschlüssen meist der Fall ist). Allein die Schnittweite des Objektivs darf ein Mindestmaß nicht unterschreiten, damit der Spiegel nicht anstößt. Das ist übrigens der Grund, wieso das Kleinbild-Biotar eine Brennweite von ungewöhnlichen 58mm aufweist. Anders war es mit der Technologie der 1930er Jahre bei einem so lichtstarken Objektiv wie dem Biotar nicht möglich, die mechanischen Erfordernisse der Spiegelreflexkamera einzuhalten. Es gab zwar vor dem Kriege schon ein Schneider Xenon 2/50mm für die Exakta, aber hier bildete wirklich der hinterste Linsenscheitel den mechanischen Abschluß des Objektivs und war dadurch auch den entsprechenden Beschädigungsgefahren ausgesetzt. Erst mit der Weiterentwicklung dieser lichtstarken Normalobjektive in den 1950er Jahren gelang es, die Brennweite auch für Spiegelreflexkameras allgemein auf den Nennwert 50mm zu senken. Diesem Trend folgend wurde bei Zeiss Jena im Jahre 1954 ein Biotar 2/50 gerechnet, das später als Flexon und Pancolar für die Praktina und Exakta geliefert wurde. Neue hochbrechende Gläser und eine meniskenförmige Umgestaltung des vorderen Objektivteiles ermöglichten diesen Fortschritt.

Biotar 2/58 Normalblende
Biotar 58 Springblende

Das Biotar 2/58mm mit dem Konstruktionsdatum 19. Oktober 1936 wurde von Carl Zeiss Jena ziemlich genau 25 Jahre optisch unverändert hergestellt. Es behielt lange Zeit seine Stellung als Spitzenausstattung für die Exakta, die Praktica und die Contax. Zwischen 1945 und 1961 konnte Zeiss Jena auf diese Weise etwa 328.000 Exemplare des Biotars 2/58mm absetzen. Seine absolute Hochphase hatte es dabei übrigens fast am Ende dieser Erfolgsgeschichte: Allein in den beiden Jahren 1958/59 wurden über 50.000 Stück des Biotars in Springblendenfassung gebaut. Es war halt gleichsam die letzte große Zeit, die eine Spiegelcontax und leider auch eine Exakta als internationale Spitzenkameras erlebt haben.


In der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten wurde das Biotar 2/58 übrigens als preisgünstiges Normalobjektiv bis in die Jahrtausendwende hinein in extrem hohen Stückzahlen unter der Bezeichnung „Helios“ gefertigt und in dieser Konfiguration ist es trotz schwankender Fertigungsqualität auch heute noch wegen seiner Abbildungscharakteristik geschätzt. Wenn das keine Anerkennung für die Konstruktionsleistung eines Willy Mertés ist …




Literatur:


Eder, Josef Maria: Ausführliches Handbuch der Photographie, Band I, 4. Teil, Die Photographischen Objektive, 3. Aufl., Halle, 1911.

Flügge, Johannes: Das photographische Objektiv; in: Michel, Kurt [Hrsg.]: Die Wissenschaftliche und angewandte Photographie, Erster Band, Wien, 1955.

Merté, Willy: Bauarten der photographischen Objektive, in: Hay, Alfred (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Band I, Das photographische Objektiv, Wien, 1932.

Biotar 58mm an Kine Exakta

Oben: Ein Biotar 2/5,8 cm aus dem Jahre 1950 mit einer schwarz lackierten Aluminiumfassung an einer Kiné-Exakta II. Es gehört zu den letzten Serien, bei denen die Brennweite noch in Zentimetern angegeben war. Ungefähr im Jahresverlauf 1950 wurde diese Größe bei Zeiss Jena alsdann in Millimetern aufgraviert.


Unten: Eine Aufnahme mit dem Biotar 58 mm bei Blende 2,8; 1/1000 sec., Spiegelcontax

Biotar 2/5,8cm

Dieses frühe Biotar 1:2 f = 5,8cm aus dem Jahre 1938 beweist übrigens, daß sehr wohl nachträglich Vergütungsschichten auf bislang unvergütete Objektive aufgebracht wurden, denn es zeigt deutlich den typisch bläulichen Schimmer auf den Glasoberflächen. Aufgrund einer Mitteilung Robert Richters wissen wir zwar, daß zum Zeitpunkt der Herstellung dieses Biotars die  Linsenentspiegelung nach dem Verfahren A. Smakulas bereits patentiert und praktisch durchgeführt wurde, sie allerdings "jahrelang nur in den wertvollsten Geräten angewandt" worden ist. [Richter, R.: Die Bedeutung der Zeiss-T-Optik für die Photographie und Projektion; in: Zeiss-Nachrichten, Sonderheft 5, Dezember 1940, S.1.] Jetzt aber, da das Verfahren erprobt und vollständig durchgebildet worden sei, solle die Linsenentspiegelung "allgemeiner in jedem Gerät verwendet werden, in dem sie von Nutzen sein kann." [Ebenda].

Biotar F2 5.8cm

Wir können also davon ausgehen, daß die Vergütungsschichten sukzessive ab dem Jahreswechsel 1940/41 auf photographischen Objektiven aufgebracht wurden. Sukzessive deshalb, weil das nicht flächenddeckend der Fall war. Manche Objektive wurden vorerst sowohl mit T-Belag als auch ohne geliefert. Genauere Aussagen  dazu kann man nicht treffen, da wir uns zunehmend in der Zeit der Kriegsproduktion befinden und der Konsumgüteranteil gegenüber der Rüstungslieferung rasch in den Hintergrund tritt.


Man kann deshalb nicht mit Gewißheit sagen, WANN dieses Biotar vergütet wurde, klar ist nur, daß es nachträglich geschehen sein muß, denn 1938 ist es definitiv nicht so geliefert worden. Daß es wiederum die originalen Gläser aus dem Jahre 1938 sind, die vergütet wurden, ist dadurch gesichert, weil die inneren Linsengruppen fest  mit ihrer Gewindehülse verpreßt sind und daher nicht nachträglich von irgendjemand lediglich die Linsen ausgetauscht worden sein können. Das ist schon alles professionelle Arbeit gewesen. Dieses wertvolle Exemplar eines Biotars in seiner schweren, hartverchromten Messingfassung muß seinem Besitzer also lieb und teuer genug gewesen sein, es nachträglich aufwerten zu lassen – Vergütung im doppelten Sinne also.

Jena Biotar 2/58mm

Es gibt noch ein interessantes Detail zu diesem Biotar zu berichten: Bei dessen Reinigung war mir aufgefallen, daß die Irisblende eine eigentümlich gewölbte Form annahm, wenn man sie schloß. Ich konnte zwar erkennen, daß dies explizit so konstruiert war, der Grund dafür war mir aber zunächst nicht ersichtlich. Nun habe ich allerdings eine Patentschrift gefunden, die diesbezüglich Aufklärung liefert. Wenn man nämlich lichtstarke Objektve abblendet, dann wird das durch das Objektiv durchtretende Licht mit immer kleinerer Apertur abgebildet, während der Flächeninhalt der Blende mit verhältnismäßig großer Apertur zur Abbildung gelagt. Durch Reflexion des Lichtes insbesondere an konkaven Oberflächen von Objektivlinsen wird diese hell erleuchete Blende wie ein Spiegel auf die lichtempfindliche Schicht projiziert, wo sie mehr oder weniger scharf begrenzte helle Flecke erzeugt. Um diese lästige Erscheinung zu mildern, kam man bei Zeiss Jena auf die Idee, die Öffnung der Blende nicht mehr in einer gleichbleibenden Ebene zu anzuordnen, sondern ihre verschiedenen "Öffnungsstadien" entlang der optischen Achse wandern zu lassen [DRP Nr. 591.304 vom 17. März 1933]. Diese aufwendige mechanische Konstruktion konnte freilich sofort wieder ad acta gelegt werden, sobald ab Anfang der 1940er Jahre die Glasoberflächen von Objektiven entspiegelt wurden.

DRP 591.304 Gewölbte Blende

Unten sieht man nun die Apparatur, mit der im VEB Carl Zeiss JENA in den 1950er Jahren die Vergütung auf den Glasoberflächen aufgebracht wurde. Das Aufsublimieren des Belags im Vakuum war sichtlich arbeits- und zeitaufwendig und mußte ganz genau kontrolliert werden. [phot. Wolfgang Schröter (1928-2012), Deutsche Fotothek]

Linsenvergütung im VEB Carl Zeiss Jena

Zum Biotar 58mm dürfte noch die folgende Mitteilung des VEB Carl Zeiss JENA von Interesse sein:


„Wußten Sie schon…


... daß zur mathematischen Berechnung des bekannten Foto-Objektivs ‚Biotar‘ 1:2, f = 58mm 480 Berechnungsgänge notwendig waren, die ein Manuskript von 3200 eng mit Zahlen beschriebene Seiten ergaben, an dem 2 Rechner 3 Jahre lang gearbeitet haben? [...]


… daß das bekannte Foto-Objektiv ‚Biotar‘ 1:2, f = 58mm, in der Ausführung mit Springblende für die ‚Exakta Varex‘ aus 85 Teilen besteht?


… daß zur Herstellung dieses Objektivs 1243 Arbeitsgänge und 336 Kontrollarbeitsgänge erforderlich sind?


… daß bei diesem Objektiv für die Lamellen der Irisblende Schräubchen und Niete verwendet werden, von denen etwa 600 Stück in einem normalen Fingerhut Platz finden?


… daß die Schichtdicke des Transparenzbelages vergüteter Foto-Objektive fast 0,0001 mm beträgt?


… daß die durchschnittliche optische Schleifgenauigkeit bei 0,0006 mm liegt?


… daß durchschnittlich etwa 9 Monate vergehen, ehe ein Foto-Objektiv im Rahmen einer Serie fertiggestellt wird?“


[aus: Steiner, Johannes: Fototaschenbuch 1959, Halle, 1958, S. 156 und 256.]



Für uns heute ist besonders interessant, wie lange der Herstellungsprozeß der Objektive in den 50er Jahren gedauert hat – also vom Schmelzen der Gläser bis zur Auslieferung. Die Angaben bei Thiele beziehen sich immer auf das Fassen des ersten Objektivs der Serie bzw. den Beginn der Endmontage. Von den oben angegebenen 1243 Arbeitsgängen wären das also stets die ziemlich späten.




Biotar versus Sonnar – konzerninterne Rivalitäten



Abschließend vielleicht noch ein paar Worte zum Biotartypus schlechthin. Das Biotar 2/58 sticht ja vor allem deshalb hervor, weil es in mehr als 20 Jahren in solch großen Stückzahlen gefertigt wurde. Doch seit der zweiten Hälfte der 1930er Jahre sind Bestrebungen erkennbar, den Biotartyp generell als neuen Standard für lichtstarke Normalobjektive bei Zeiss Jena durchzusetzen und damit ein Gegengewicht zum zahlenmäßig dominierenden Sonnartyp zu schaffen.


An dieser Stelle habe ich versucht, den Werdegang des konkurrierenden Sonnars in knapper Form aufzuzeigen. Dieser Objektivtyp mitsamt seinem Konstrukteur Ludwig Bertele müssen stets vor dem Hintergrund des Konzerngefüges Zeiss Jena – Zeiss Ikon gesehen werden sowie der Geschichte deren Vorgängerfirmen. Denn trotz der Tatsache, daß die Zeiss Ikon eine Kamerabauanstalt "von Jenaer Gnaden" gewesen ist, behielt sich Dresden doch lange Zeit noch eine erstaunliche Selbständigkeit vor. Ablesen kann man das eben unter anderem daran, daß Zeiss-Ikon-Kameras bevorzugt mit den firmeneigenen Sonnaren ausgerüstet wurden – das gilt gleichermaßen für Kleinbild- wie für Schmalfilmkameras. Biotare gab es hier allenfalls zusätzlich. Auffallend ist jedoch, daß, abgesehen vom professionellen Einsatz im Bereich der Kinematographie, Sonnare als Standardbestückung nur in seltenen Fällen für Kameras anderer Firmen geliefert wurden. Was also lichtstarke Normalobjektive betrifft, wurden für Kamerahersteller außerhalb des Zeisskonzerns bevorzugt speziell gerechnete Biotare geschaffen. Solche externen Kamerahersteller waren in der Zwischenkriegszeit allem voran naturgemäß die Ihagee mit ihren Exaktas, ab 1938 aber auch gefolgt von den aufstrebenden Kamera-Werkstätten Niedersedlitz mit ihrer Praktiflex.

Biotar 2/4cm

Aber auch das oben gezeigte Biotar für den (nicht "die") Robot aus dem Jahre 1938 ist ein Beispiel für diese Praxis. Obgleich ein Sonnar-Objektiv für diese Kleinbildkamera mit seinen drei Glas-Luft-Grenzflächen damals vielleicht günstiger gewesen wäre, lieferte Zeiss Jena selbstverständlich ein Biotar aus dem eigenen Konstruktionsbüro, statt ein in Dresden entwickeltes Sonnar. Diese Zusammenhänge – man könnte quasi von konzerninternen Animositäten sprechen, die größtenteils noch aus Zeiten der Vorgängerbetriebe herrührten – sind mir erst in den letzten Wochen so recht bewußt geworden. Ich habe den Eindruck, daß man in Jena stets ein gewisses Problem damit hatte, lediglich als Linsenschleiferei für in Dresden entwickelte Objektive zu dienen.

Sonnar 2/4cm

Diese gesamte, aus heutiger Sicht verquer anmutende interne Konzernpolitik wird überdeutlich, wenn wir das oben abgebildete Sonnar in die Betrachtung einbeziehen. Ein solches konzerninternes Konkurrenzobjektiv hat es nämlich tatsächlich gegeben. Mit einer Lichtstärke von 1:2,0 und einer Brennweite von 4cm bot es nicht nur dieselben optischen Daten, sondern erfüllte darüber hinaus auch noch denselben Einsatzzweck: Das Biotar 2/4cm und das Sonnar 2/4cm waren beide Normalobjektive für Kleinbildkameras des Aufnahmeformates 24x24mm. Das Sonnar wurde für die Tenax II geschaffen, das Biotar für den Robot II. Beide Objektive wurden im selben Jahr konstruiert; das Sonnar am 16. April 1937, das Biotar am 7. Dezember 1937. Zwei Spitzenobjektive also, die quasi dieselbe Aufgabe erfüllten. Ich kann leider nicht umhin, aus diesen Fakten eine eindeutige Rivalität zwischen dem Jenaer und dem Dresdner Konstruktionsbüro des Zeisswerkes herauszulesen. Dazu muß man sich auch noch einmal vergegenwärtigen, wie unglaublich aufwendig das Errechnen eines Objektives in den 30er Jahren gewesen ist. Aber Prestige und Vormachtstellung gegenüber dem konzerninternen Konkurrent scheinen wichtiger gewesen zu sein, als Aufwand und Kosten. Erst äußerer Druck von höchster politischer Seite unter dem Zustand der Kriegswirtschaft hat dazumal diesem Spiel ein Ende setzen können (vergleiche wiederum hier).


Zum Biotar 2/4cm möchte ich abschließend noch ein Wort verlieren; es existieren nämlich zwei grundverschiedene Varianten. Das oben gezeigte, das wie gesagt für den Robot mit seinem kleineren Bildformat 24x24mm ausgelegt gewesen ist und das am 7. Dezember 1937 gerechnet worden war, sollte keinesfalls mit einem namensgleichen Biotar 2/4cm verwechselt werden, das als Rechnungsabschluß den 28. Dezember 1932 hat und das als eine Art lichtstarkes Weitwinkel für die Contax angeboten wurde. Mehr als 350 Stück wurden von Letzterem aber bis 1935 nicht fabriziert. Das Robot-Biotar war hingegen mit mehr als 16.000 Stück für damalige Verhältnisse ein regelrechtes Massenobjektiv – ja es war bis 1945 noch vor dem Biotar 2/5,8cm (ca. 4000 Stück) das am meisten hergestellte Biotar für die Kleinbildkamera. Man sieht auch daran wieder, daß sich das Biotar erst nach und nach durchsetzen konnte. Daran hatte wie bereits erwähnt die Einführung der Entspiegelungsschichten einen ganz bedeutenden Anteil.


Zu guter letzt: Viele Contax-Anwender und Sammler sind verwirrt, weil es später noch ein Biotar 2/4,25cm gegeben hat. Lassen Sie sich nicht durcheinander bringen! Es handelt sich um haargenau dasselbe Biotar vom 28. Detember 1932, das ich oben bereits als Contax-Weitwinkel erwähnt habe. Wie wir aufgrund einer Mitteilung Willy Mertés wissen dürfen, hat es nämlich im Deutschen Reiche zum 1. Januar 1938 eine Festlegung gegeben, nachdem der auf dem Objektiv aufgravierte Wert der Brennweite nicht mehr als 6% vom Meßwert der tatsächlichen Brennweite abweichen durfte [Vgl. Merté, Willy: Das photographische Objektiv seit dem Jahre 1929; in: Michel, Kurt (Hrsg.): Handbuch der wissenschaftlichen und angewandten Photographie, Ergänzungswerk, Band I, Wien, 1943, S.  15f.]. Aus diesem Umstand heraus ist leicht erklärbar, weshalb die letzten 250 im Jahre 1938 hergestellten Contax-Biotare nunmehr mit der "ehrlichen" Angabe 4,25cm graviert worden sind, obgleich sich am optischen Aufbau nichts geändert hatte.





Marco Kröger


letzte Änderung: 12. Dezember 2019