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Phototechnik aus Jena, Dresden und Görlitz
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Prokinar und Visionar
Mit den wachsenden Ansprüchen an die Bildqualität in den Lichtspielhäusern wurden in den 1950er Jahren im VEB Zeiss Jena neue Bauformen von Projektionsobjektiven geschaffen.

1. Vorgeschichte: Das Kipronar genügt nicht mehr
Seit es das Kino gab, wurden die Schirmbilder fast durchweg mit Petzval-Objektiven projiziert. Diese Objektivbauform war seit Jahrzehnten für ihre hohe Mittenschärfe bei zum Teil beträchtlichen Öffnungsverhältnissen bekannt. Große Bildwinkel wurden bei der Projektion nicht gebraucht, da der Projektor ohnehin in einem Raum hinter dem Zuschauersaal untergebracht war und die sich daraus ergebende Projektionsdistanz nach entsprechend langen Brennweiten verlangte. Man hatte zudem Fortschritte darin gemacht, diesen Objektivtyp astigmatisch zu korrigieren. Das heißt für seinen ohnehin engen Bildwinkel war es gelungen, sagittale und meridionale Bildschale zusammenzulegen. Was jedoch an Restfehler übrig blieb, das war eine Wölbung des Bildfeldes. Die beiden Bildschalen waren zwar einander angenähert worden, konnten aber nicht zugleich mit der Bildebene vereint werden. Das führte bei den vom Petzval abgeleiteten Konstruktionen zu nicht behebbaren Rand-Unschärfen, die die Optikrechner dazu brachten, für höhere Ansprüche echte Anastigmate als Grundlage für die Projektionsoptik einzuführen. Ich möchte an dieser Stelle an den Ursprung des Ernostars erinnern, mit dem Ludwig Bertele den Triplet-Typ auf eine für Projektionszwecke ausreichende Lichtstärke gebracht hatte.

Der Petzval-Aufbau blieb aber verlockend. Das hatte auch Kostengründe. Er arbeitete mit relativ flachen und dünnen Linsen, was bei den ziemlich großen Linsendurchmessern der langen Brennweiten die Schwierigkeiten mit dem Glas reduzierte. Bei geschickter Auslegung ließen sich zudem beide Hälften als Kittglieder ausführen, was die Anzahl der Glas-Luft-Grenzflächen reduzierte und das Objektiv brillanter arbeiten ließ. Oben ist das Deutsche Reichspatent Nr. 544.429 vom April 1930 gezeigt, womit es dem von Goerz stammenden Zeiss-Rechner Robert Richter gelang, mit seinem Kipronar den Petzval-Grundtyp auf einen neuen Stand zu bringen. Wie wir in der Patentschrift lesen können, überwand er die Schwierigkeit, das Bildfeld des Petzvals zu ebnen und gleichzeitig die dabei stark ansteigenden komatischen Fehler in den Griff zu bekommen. Für den neuen Tonfilm, bei dem ein noch kleineres Bild noch stärker vergrößert werden mußte, bedeutete das astigmatisch und auf Wölbung hin korrigierte Kipronar einen enormen Fortschritt.

In den Jahren 1948/49 wurden alle seit 1929 geschaffenen Kipronare mit anderen Glasarten neu gerechnet. Da der VEB Zeiss Jena beauftragt war, ähnlich dem TK35 auch ein Tonkoffer-System für den 16-mm-Film zu schaffen, mußte ein neues lichtstarkes 1,4/50 mm als Standard-Projektionsobjektiv gerechnet werden. Hierzu haben sich in den Unterlagen zwei Versuchsrechnungen V30 und V32 vom Februar und April 1948 erhalten. Um die Schnittweite von problematisch kurzen 21 auf fast 31 mm zu verlängern, wurde beim V32 eine schwach negativ wirkende Linse großer Mittendicke zwischen die beiden Achromate eingefügt. Eine vollbefriedigende Bildleistung wurde damit aber offenbar nicht erreicht.
2. Das neue Prokinar
Harry Zöllner, der Leiter des Photorechenbüros des VEB Zeiss JENA, hatte erkannt, daß mit der bisherigen Konstruktion nicht weiter zu kommen war. Stattdessen wandte er sich dem Doppel-Gauß-Typ zu. Zusammen mit Rudolf Wanke entwickelte er in den folgenden Monaten ein völlig neues Projektionsobjektiv, das vom Biotar abgeleitet wurde. Da die Bildwinkel den Wert von 20 Grad kaum zu überschreiten drohten, konnte eine Vereinfachung dahingehend erzielt werden, daß die vordere Kittgruppe aufgegeben und als einzelner dicker Meniskus ausgeführt wurde.

Dieses neue Projektionsobjektiv wurde zum 8. März 1953 in der DDR zum Patent angemeldet. Die Entwicklung geht aber bereits auf das Jahr 1950 zurück. Die neuen 16-mm-Filmprojektoren benötigten ein kurzbrennweitiges Projektionsobjektiv 1,4/35 mm für kleinere Räume und kurze Abstände zur Bildwand. Man hatte bei Zeiss zwar im Februar 1948 mit dem Versuch V31 ein Kipronar 1,4/35 mm gerechnet, das aber sicherlich im Hinblick auf die Bildleistung nicht befriedigte, aber vor allem mit 16,4 mm eine viel zu kurze Schnittweite hatte. Stattdessen richtete man nun die Bemühungen mit einem Versuch V89 vom 15. September 1950 für ein System 1,4/35 mm auf den besagten Prokinar-Typ

Aus der obigen Abbildung ist ersichtlich, daß dieser V89 im Kittglied mit den Glasarten SF21 und SK21 arbeitete. Beide Gläser hatten mit n = 1,657 und 1,658 quasi identische Brechzahlen. Dagegen hatten beide mit 29,6 und 57,1 extrem voneinander abweichende ny-Werte. Die sich ergebende, stark Richtung Dingebene erhabene Kittfläche hatte also auf die Brechkraft der Linse keine Wirkung, dagegen eine sehr große in Hinblick auf farbabhängige Bildfehler.
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Für dieses Prokinar 1,4/35 mm nach Versuch V89 hat sich der oben gezeigte Prüfbericht erhalten, der uns das Auflösungsvermögen für zwei Musterobjektive angibt. Leider ist das Protokoll etwas nachlässig beschriftet, sodaß nicht genau erkennbar ist, worauf sich die Zahlenwerte beziehen. Aus anderen Prüfberichten muß man schließen, daß hier das Auflösungsvermögen in µm in Bezug auf den halben Bildwinkel angegeben ist, und zwar einmal für die meridionale und einmal für die sagittale Bildschale. Falls dies wirklich so ist, dann wären für uns die Zahlenwerte zwischen 10 und 11 ausschlaggebend – also bei etwa 21 Grad Bildwinkel. Und wie man sieht, hat dieses Prokinar 1,4/35 bis zu genau diesem Punkt ein sehr gutes Auflösungsvermögen. Höchster Kontrast und höchste Mittenschärfe lagen allerdings nicht zusammen, sodaß hier in der Praxis vermittelnd eingestellt werden mußte. Ab einer Projektionsentfernung von 1,5 Metern waren keine Farbsäume mehr erkennbar. Die Schnittweite war mit 24 mm lang genug geraten.

Es ist nicht mehr genau nachvollziehbar, weshalb zum 17. Oktober 1950 ein Versuch V92 für ein weiteres Prokinar 1,4/35 mm gerechnet wurde, bei dem in der Kittgruppe die zuvor verwendeten Glasarten durch die Kombination SF15 und SSK10 ausgetauscht wurden. Dazu muß man wissen, daß das Lanthan-Thorium-Schwerstkron SSK10 das aufwendigste Hochleistungsglas der damaligen Zeit gewesen ist. Auch SF15 mit n = 1,699 hatte gegenüber SSK10 mit n = 1,693 fast dieselbe Brechzahl, während die Abbezahlen wiederum stark voneinander abwichen. Das Wirkprinzip des Kittgliedes blieb also dasselbe. Dieser Ansatz nach V92 ist deshalb verwunderlich, da er laut obigem Prüfprotokoll ein zwar weiterhin gutes, aber gegenüber dem V89 sichtlich schlechteres Auflösungsvermögen lieferte. Es waren zwar kaum noch Farbsäume wahrnehmbar, aber auch hier lagen Kontrast und Schärfe nicht auf derselben Ebene. Verwunderlich ist der V92 deshalb, weil dieses trotz höheren Glasaufwandes nicht unbedingt bessere Objektiv genau dasjenige war, von dem ab Juni 1952 die ersten 400 Stück in Serie gefertigt wurden.

Dieser schwer verständliche Schritt wurde jedoch bereits mit einem Versuch V108 nach einer Rechnung vom 3. August 1951 wieder revidiert. Bei dieser Version wurde in der Sammellinse des Kittgliedes wieder das Lanthan-Kron SK21 eingesetzt. Wie man sieht, wurde bis zu einem halben Bildwinkel von 10 Grad ein gutes Auflösungsvermögen erreicht. Meridionale und sagittale Schale waren offenbar derart befriedigend miteinander vereint, daß eine gesonderte Auswertung unterbleiben konnte. Der Kontrast war gut und Farbsäume ab einer Projektionsentfernung von einem Meter nicht mehr sichtbar. Damit hatte man den Prokinar-Aufbau einem Optimum angenähert. Bis 1967 wurden von dieser Rechnung etwa 1250 Stück hergestellt.

Dieser neue Glasaufbau des V108 war bereits im Monat zuvor mit einem Versuch V107 für ein Prokinar 1,4/50 mm gefunden worden. Auch die Prokinare der anderen Brennweiten folgten diesem Schema prinzipiell. Nur in Linse Nummer 2 kamen nach wie vor die beiden Schwerkrongläser SK7 und SK11 wechselweise vor.

Das Auflösungsvermögen blieb bis zu einem halben Bildwinkel von 10 Grad im Bereich von 20 µm, um dann sofort beträchtlich abzufallen. Das Prokinar hatte in diesem Sinne keine Bildwinkel-Reserve – eine Eigenschaft, die sein Anwendungsspektrum begrenzte und es für die bevorstehende Weiterentwicklung der Kinotechnik ungeeignet machte, wie gleich noch gezeigt werden wird.


Bei Konzentration auf denjenigen Einsatzzweck, für das es geschaffen war, bot das Prokinar jedoch eine hervorragende Leistung. Vom hochwertigen 16-mm-Standard-Objektiv Prokinar 1,4/50 nach Rechnung vom 17. Juli 1951 wurden zwischen Oktober 1952 und Mai 1960 immerhin knapp 5000 Stück hergestellt und hauptsächlich im Zeiss Schmalfilmprojektor SK16 bzw. TK16 und LMP16 eingesetzt. In den Jahren 1953/54 wurden dabei Kipronar und Prokinar 1,4/50 kurzzeitig noch parallel gefertigt, bis das Kipronar endlich eingestellt wurde.


Das Prokinar 1,4/70 mm war diejenige Brennweite, die gleichermaßen für den 16-mm-Schmalfilm wie für den 35-mm-Normalfilm geeignet sein sollte (70 mm Brennweite ergeben beim Normalformat 15,2 x 20,9 mm einen Bildwinkel von 20,92 Grad). Die Rechnung geht auf einen Versuch V111 mit Abschlußdatum vom 6. September 1951 zurück. Doch nur etwa 180 Stück wurden mit der Lichtstärke 1:1,4 hergestellt. Bei den übrigen 1300 Stück wurde die Öffnung auf 1:1,6 reduziert. Wieso ist nicht klar. An der Bildqualität kann es eigentlich nicht gelegen haben, wie das obige Prüfprotokoll zeigt. Man kann nur vermuten, daß man durch Reduktion seiner Öffnung das Objektiv noch in der Fassung mit dem genormten Durchmesser 42,5 mm unterbringen konnte, die sich bei den 16-mm-Projektoren durchgesetzt hatte. Für den Normalfilm scheint diese kurze Brennweite hingegen in der Praxis keine Rolle gespielt zu haben.

Bei den längeren Brennweiten war die Öffnung generell auf 1:1,9 begrenzt, wie oben anhand des Prokinars 1,9/90 mm gezeigt. Das hatte nichts mit der Bildleistung zu tun, sondern mit der Prämisse, den Durchmesser der Optik so gering zu halten, daß die Fassung das übliche Standardmaß von 62,5 mm nicht überschritt. Das war wichtig für die Kompatibilität der Normalfilm-Prokinare mit dem in der DDR sehr weit verbreiteten Kofferprojektor vom Typ TK35, bei dem die Objektive innerhalb des Gehäuses untergebracht und die Durchmesser deshalb auf dieses Maß begrenzt waren. Vom Prokinar 1,9/90 mm nach Versuch V122 vom 28. Februar 1952 wurden zwischen 1953 und 1959 mehr als zweieinhalb tausend Stück gebaut. Ähnlich erfolgreich war ein Prokinar 1,9/105 mm. Für größere Projektionsdistanzen gab es noch ein Prokinar 1,9/120 und ein 1,9/140 mm, von denen aber nicht so viele existieren, da gleichzeitig die Kipronare mit diesen Brennweiten weitergebaut wurden. Bei diesen langen Brennweiten störte die Bildfeldwölbung des Kipronars nicht mehr, da nur noch der zentrale Teil des Bildwinkels genutzt wurde.
Das zweifellos bekannteste Prokinar dürfte aber das 1,4/17,5 mm sein. Es wurde mit einem Versuch V706 vom 27. November 1953 gerechnet und war für die 8-mm-Projektoren des VEB Feingerätewerk Weimar vorgesehen. Es wurden zwischen 1955 und 1968 fast 110.000 Stück (!) dieses Prokinars 1,4/17,5 mm gefertigt. Für größere Räume gab es noch ein Prokinar 1,4/22,4 mm, doch von dem wurden nur bescheidene 800 Stück gebaut.



Oben: der Co-Konstrukteur des Prokinars Rudolf Wanke stellt seine Neuentwicklung im Januarheft 1954 der Fachzeitschrift "Bild & Ton" vor. Insbesondere Abbildung Nummer 3 gibt noch einmal eine unzweideutige Darstellung über die Qualitätsverbesserung gegen über dem Kipronar außerhalb der Bildmitte.
3. Neue Höchstleistung: Das Visionar
Doch just in dem Moment, als das Prokinar in den Lichtspielhäusern und vor allem beim Landfilm Einzug hielt, ereignete sich von den USA ausgehend eine massive Umwälzung in der Kinotechnik. Hauptsächlich um gegenüber dem "Pantoffelkino" konkurrenzfähig zu bleiben, wurde von dem fast quadratischen Schirmbild abgegangen zugunsten einer sogenannten Breitwand-Projektion. Nicht nur daß das Schirmbild dadurch generell größer wurde – das stark horizontal gestreckte Bildformat führte dazu, daß die Leinwand nun fast die gesamte Breite des Saales einnehmen konnte, was die Projektion sehr eindrucksvoll werden ließ. Es zeichnete sich auch rasch ab, daß sich für die Masse der Filmproduktionen nicht das aufwendige Cinerama oder die 70-mm-Technik durchsetzten werde, sondern das anamorphotische Kompressionsverfahren nach dem Vorbild des CinemaScope.

Jenes hatte den entscheidenden Vorteil, daß mit den vorhandenen Kameras und vor allem mit den vorhandenen Projektoren weitergearbeitet werden konnte. Allerdings stiegen nun die Anforderungen an die Lichtleistungen der Theatermaschinen und an die Bildleistung der Projektionsoptik erheblich, da durch die Entzerrung Licht verloren ging, während zugleich die vorhandenen Restfehler der Optiken in der horizontalen Richtung um den Faktor 2 vergrößert wurden. Diese Umstände sorgten dafür, daß nach kurzer Zeit ein noch weiter perfektioniertes Projektionsobjektiv entwickelt werden mußte: Das Zeiss Visionar.

Neben Rudolf Wanke waren der junge Harald Maenz und der seit 1943 bei Zeiss tätige Robert Tiedeken an der Entwicklung beteiligt. Letzterer war für einige Jahre in der Sowjetunion deportiert gewesen und leitete nach seiner Rückkehr die Abteilung Proki. Tiedeken war es, der die Abstufungen der Brennweiten auf eine wissenschaftliche Basis gestellt hatte, indem er die Formatfaktoren zwischen Standard-, Kasch- und Cinemascope-Bildgrößen analysierte. Dies führte bei den neuen Visionaren zu den etwas seltsam erscheinenden Brennweiten wie 71; 77; 84; 92 mm und so weiter.

Auf den ersten Blick fällt beim Visionar sofort die Verbannung jeglicher Kittschichten auf. Nicht nur, daß man mit dieser Maßnahme bei einem Sechslinser alle zwölf Flächen "zur freien Gestaltung" zur Verfügung hatte. Mit den zu erwartenden enormen Lichtmengen ersparte man sich auf diese Weise auch jegliche Probleme mit Verkittungsschäden durch die hohe Wärmebelastung. Es läßt auch aufhorchen, daß in der Patentschrift ausdrücklich erwähnt wird, man habe sich mit dem neuen Aufbau unabhängig von den Lanthangläsern gemacht. Tatsächlich kommt das Visionar mit Glasarten aus, die bereits seit den 1930er Jahren verfügbar waren. Hinter diesem Erfolg stehen die Fortschritte in der Berechnung von optischen Systemen, die bei Zeiss seit Einführung der digitalen Rechentechnik Mitte der 1950er Jahre gemacht wurden.

Stellvertretend für die anderen Brennweiten ist oben einmal das Visionar 1,6/60 mm mit Rechnungsdatum vom 3. Februar 1960 gezeigt. Die Schnittweite war etwas länger als die halbe Brennweite, da sich im Gegensatz zum Prokinar die hintere Hauptebene wieder im vorderen Systemteil befand. Da das Visionar nicht für den Schmalfilm vorgesehen war, und daher keine kurzen Brennweiten vorkamen, waren die prozentual etwas geringeren Schnittweiten in der Praxis kein Problem. Obwohl das Visionar gegenüber dem Prokinar eine Linse mehr besaß, hatte sich die Gesamtbaulänge der Optik verkürzt, was im Wesentlichen auf die flacheren und dünneren Linsen des Visionars zurückzuführen war. Dünne Linsen waren bei derartigen Projektionsobjektiven besonders erstrebenswert, da eine nie gänzlich vermeidbare Eigenfärbung der verwendeten Glasarten nicht nur zu einem Lichtverlust durch Absorption führte, sondern unter Umständen auch zu einer starken Erwärmung, weil die Systeme in der Praxis mit extremen Lichtströmen belastet wurden.

Mit dem Prokinar war zwar eine gute Bildfeldebnung erreicht worden. Aber dem Gaußtyp hatte über Jahrzehnte hinweg der Makel angehaftet, daß sich die astigmatische Bildebnung nur schwer mit einer gleichzeitigen Behebung der Fehler schiefer Lichtbüschel durchführen ließ. Was genau diesen Aspekt anbetraf, wurden jedoch seit etwa 1950 international große Fortschritte erzielt, die jene enorme Verbreitung des Doppelgauß in der Folgezeit mit sich brachten. Tiedeken, Wanke und Maenz war es mit dem Visionar gelungen, die dem Prokinar noch anhaftenden Reste meridionaler Koma weitgehend zu beseitigen.
"Die durch die äußersten unteren und oberen Komastrahlen hervorgerufenen Komaauswischer, die sich bei der Projektion vor allem bei hoher Beleuchtungsstärke auf dem Bildschirm sehr ungünstig für die Bildgüte auswirken und charakteristisch für den Gaußtyp sind, mußten bis auf kleinste Restaberration beseitigt werden." [aus: Maenz, Tiedeken, Wanke: Verbesserte Kinoprojektionsobjektive für neue Filmverfahren, Jenaer Jahrbuch 1960, S. 53ff.]
Dies wurde im Vergleich zum Prokinar erreicht durch Schaffung eines zerstreuend wirkenden Luftraumes im vorderen Objektivteil und das Auflösen des hinteren Kittgliedes, was zu einem weiteren Luftraum führte, der seinerseits von Linsen mit relativ flachen Krümmungen umgeben war, was sich entsprechend günstig auf die Koma und den Astigmatismus auswirkte. Man sollte in diesem Zusammenhang den Aufbau dieses Visionars einmal mit dem des späteren Pancolars 1,4/75 mm vergleichen, welches von Maenz und Wanke gerechnet wurde.

In der obigen Abbildung ist das Auflösungsvermögen der Systeme Prokinar 1,6/90 und Visionar 1,6/92 gegenübergestellt. Dabei ist die Auflösung um so feiner, je kleiner die in Mikrometer gemessene, gerade noch wiedergegebene Struktur ist. Für die x-Achse ist nicht wie in den Prüfprotokollen der Bildwinkel, sondern die Bildhöhe in mm gewählt worden. Zur Erinnerung: Das Format des CinemaScope Filmbildes betrug ursprünglich 18,1 x 23,1 mm, was eine Diagonale von 29,35 mm ergab. Deshalb ist hier die zur optischen Achse symmetrische halbe Bildhöhe von 15 mm gewählt worden. Man sieht gut, wie das Prokinar bei gleicher Mittenauflösung von 10 µm am Rande auf 30 µm abfällt, während sich beim Visionar das Auflösungsvermögen nur auf 20 µm halbiert. Diese 20 µm Auflösung erreichte das Prokinar beim bisher verwendeten Tonfilmformat 15,2 x 20,9 mm, dessen Diagonale 25,8 mm beträgt. Man kann also schlußfolgern: Mit dem Visionar wurde eine Bildleistung für das Cinemascope-Verfahren erreicht, die das Prokinar für den bisherigen Normalfilm bot.

Oben: Prokinar und Visionar haben praktisch dieselbe Korrektur bezüglich des Kugelgestaltsfehlers.
Unten: die Korrektur des Astigmatismus ist sogar etwas günstiger beim Visionar und beide Bildschalen sind auch sichtlich abgeflachter.

Unten: Ab den 1950er Jahren setzte sich die Darstellung der sogenannten Queraberrationen gegenüber dem Tangens des Bildwinkels durch. Für den Laien kaum noch verständlich, kann der Fachmann daran das Ausmaß der besagten Komafehler ablesen.

Die Entwicklung dieses neuen Objektivtyps geht auf das Jahr 1957 zurück. Die ersten Rechnungen für die Brennweiten 77 und 84 mm wurden zu Jahresende 1957 fertiggestellt. Zu Beginn der Serienfertigung im Laufe des Jahres 1959 wurden die neuen Projektionsobjektive noch Vistagor genannt. Die Umbenennung in Visionar muß kurz vor der Frühjahrsmesse 1960 erfolgt sein. Etwa ab der zweiten Jahreshälfte 1963 wurde die Herstellung der Visionare an den VEB Rathenower Optische Werke abgegeben, der sich auf das Spezialgebiet der Projektionsoptik spezialisierte.

In den 1960er und 70er Jahren lautete auf den Fassungen der Visionare die Herstellerbezeichnung "Rathenower Optische Werke" (ROW). Ab den späten 70er Jahren wurde wieder "Zeiss Jena" als Hersteller graviert. Wahrscheinlich erfolgte die Fertigung ab diesem Zeitpunkt in Saalfeld.


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Die geöffnete Fassung erlaubt uns einen Blick auf den Linsensatz eines Visionars. Für die Konstruktionszeit 1957 bis 1960 war das sehr modern und international führend. Neben der guten optischen Leistung muß hier die wärmemäßige Entkopplung der einzelnstehenden Linsen untereinander erwähnt werden. Die damals noch fast durchweg mit Kohlebogenlampen betriebenen Projektoren erzeugten enorme Wärmemengen in Form von Konvektion und natürlich Strahlung mit hohem Infrarotanteil.

Oben die einzelnen Brennweiten des Visionar-Typs mit den wesentlichen mechanischen Abmessungen. Anhand der Spalte 1 und 3 läßt sich auch noch einmal gut ausrechnen, daß die Schnittweite stets etwa 56 Prozent der Brennweite betrug.

Zum Abschluß sollte nicht unerwähnt bleiben, daß man in Jena zum Jahresende 1962 doch noch ein Visionar für den Schmalfilm entwickelt hatte. Bei einer Nennbrennweite von 18 mm wurde die Lichtstärke 1:1,2 erreicht. Die Schnittweite war etwa 2 mm kürzer als beim Prokinar 1,4/17,5 mm. Damit diese noch lang genug war, wurde bei diesem Typ die bildseitige Hauptebene in den hinteren Systemteil verlegt. In Linse Nummer 2 kam hier wieder Lanthan-Kron vom Typ SK22 zum Einsatz. Eine Serienfertigung dieses hochwertigen Projektionssystems fand leider nicht statt.
3. Verwendung an der Fernsehkamera: Das Tevinar
Unter der Bezeichnung "Tevinar" wurden bei Zeiss Jena Aufnahmesysteme geführt, die für das professionelle Fernsehen geschaffen worden waren – also für den damaligen DFF. Die Konstruktionen waren verschieden: es wurden Flektogone, Biometare und Sonnare verwendet (wie zum Beispiel das Cardinar 4/240 mm). Zwei extrem lange Brennweiten waren als Achromate ausgelegt. Die Objektive waren alle für eine Bildgröße von 24x32 mm ausgelegt (Diagonale 40 mm), was den großen Orthikon-Aufnahmeröhren der neuen Fernseh-Universalkamera FUK5 entsprach.

Zwei der Systeme waren aber eindeutig vom oben besprochenen Visionar abgeleitet worden: Das Tevinar 2/109 mm und das Tevinar 2,8/135 mm. Es handelt sich um eigenständige Konstruktionen, das heißt sie waren keine Ableitungen aus den Projektionssystemen. Geschaffen wurden sie von Harald Maenz in den Jahren 1962/63.

Wieso für das sehr gering auflösende Fernsehen diese aufwendigen Doppelgauß-Abwandlungen verwendet wurden, das ist nicht mehr genau nachvollziehbar. Aber auch für das sogenannte industrielle Fernsehen wurden Visonar-Typen verwendet, die sogar zu Retrofokusaufbauten verwandelt wurden. Bei Betrachtung der Strahlenverläufe durch die Visionare fällt jedenfalls die Form desjenigen Strahlenkegels auf, welches das System mit voller Hauptstrahlneigung verlässt. Die äußersten Randstrahlen treffen fast senkrecht auf die Bildebene auf. Nun ist aus dem Optik-Datenblatt des Tevinar 2/109 mm zu entnehmen, daß dessen Austrittspupille 387,1 mm hinter dem System liegt und dort einen Durchmesser von 292,1 mm erreicht. Das ist jeweils ein Mehrfaches der Brenn- bzw. Schnittweite dieses Objektivs. Nach Ernst Abbe arbeitet ein Objektiv bildseitig telezentrisch, wenn seine Austrittspupille im Unendlichen liegt. Dann verlassen die schräg in das Objektiv einfallenden Hauptstrahlen das System allesamt parallel. Visionare sind in diesem Sinne nicht telezentrisch, aber sie unterscheiden sich aufgrund ihrer weit zurückverlegten Austrittspupille in Bezug auf den Lichtaustritt zugleich deutlich von anderen Objektivtypen. Ob diese Eigenschaft für Projektionsobjektive Vorteile mit sich brachte, ist mir nicht klar. Daß es aberbei elektronischen Bildwandlern vorteilhaft ist, wenn das Licht unter einem möglichst geringen Winkel auftrifft, das erscheint dagegen sehr plausibel.
Marco Kröger. Bilder: Espen Susort
letzte Aktualisierung: 25. November 2025

Yves Strobelt, Zwickau
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