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Phototechnik aus Jena, Dresden und Görlitz
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Ciné-Flektogone
Diese Seite beschäftigt sich mit Weitwinkelobjektiven vom Typ Flektogon, die speziell für Schmal- und Normalfilmkameras geschaffen wurden.
1. Flektogon 2,8/12,5 mm
Die Zeiss Ikon AG mit ihren beiden Vorgängerfirmen ICA und Ernemann war während der 1920er und 30er Jahre eine der führenden Firmen der Welt im Bereich hochwertiger 16-mm-Schmalfilmkameras gewesen. Nachdem der VEB Zeiss Ikon nach 1945 einigermaßen die schweren Verwüstungen des Krieges überwunden hatte, sollte ein neues Spitzengerät in diesem Segment entwickelt werden. Die später als AK16 und Pentaflex16 bekannt gewordene, echte Reflexkamera benötigte aufgrund ihres rotierenden Spiegels unbedingt ein als Retrofokus ausgelegtes Weitwinkelobjektivs. Ja es ließ sich sogar belegen, daß sie regelrecht "um dieses Objektiv herum" konstruiert worden ist.

Denn schräg gestellte Spiegel hinter dem Objektiv verlangen immer nach einer ausreichend langen bildseitigen Schnittweite. Zwar waren die Bedingungen nicht ganz so extrem wie beim Flektogon 2,8/35 mm, das ab 1948 für die Kleinbild-Reflexkameras geschaffen worden war, bei denen den Spiegel ja vor dem Aufnahme sogar hinter dem Objektiv nach oben klappen muß. Die Schnittweite mußte beim Flektogon 2,8/12,5 mm daher nicht länger gemacht werden als die Brennweite. Sie durfte aber dennoch nicht wesentlich kürzer als dieselbe ausfallen.

Bei einer realen Brennweite von 12,8 mm lag die bildseitige Schnittweite bei 12,0 mm. Die auf dem Versuch V67 basierende Rechnung wurde zum 29. September 1949 fertiggestellt. Das war nur ein anderthalber Monat nach dem Rechnungsabschluß des Flektogons 2,8/35 mm, bei dem allerdings damals zunächst noch die hinterste Sammellinse als Kittglied ausgeführt war. Das Flektogon 2,8/12,5 mm war jedoch nach dem ursprünglichen Versuch V39 vom Mai 1948 aufgebaut, bei dem die hintere Sammellinse ein einzelnes Element war und was später auch wieder beim 35er Flektogon übernommen wurde.

Auf dem Datenblatt des Versuchs V67 ist übrigens vermerkt, daß dieses Weitwinkel-Objektiv 2,8/12,5 mm für "Arriflex 7,5x10,36 mm" gedacht sei. Im September 1949 war an die spätere AK16 noch nicht zu denken. Aber es war bekannt, daß die Münchner Firma Arnold & Richter an einer 16-mm-Version ihrer bereits im 35-mm-Format etablierten Arriflex arbeitete. Die letztlich auch erst 1952 auf den Markt gebrachte Arriflex 16 (Standard) arbeitete dann aber mit einem völlig anderen Reflexsystem. Anders als bei der im selben Jahr vorgestellten AK16 war die mattierte Bildfeldlinse nicht in der Brennebene des Objektives angeordnet (und damit nicht neben dem Spiegel), sondern vor dem Sucherokular, was durch die Projektion eines Luftbildes bewerkstelligt wurde. Diese sehr aufwendige Bauweise mußte gewählt werden, weil durch die Trennung beider deutscher Staaten die Münchner Firma nicht auf Objektive aus Jena angewiesen sein wollte und westdeutsche Firmen wie Zeiss Oberkochen und Schneider Kreuznach damals noch keine Retrofokus-Weitwinkel liefern konnten. Auf diese Weise blieb es der AK16 vorbehalten, von den Vorteilen des Retrofokus-Aufbaus zu profitieren, was sich an ihrem sehr übersichtlichen und sehr großzügig konzipierten Spiegelreflex-Suchersystem ablesen läßt. Trotz dieser Pionierrolle ist die Bildleistung dieses Flektogons 2,8/12,5 mm erstaunlich gut, was auch daran liegt, daß der Bildwinkel nur etwa 52 Grad beträgt, weshalb die Probleme mit sphärochromatischen Bildfehlern schiefer Büschel ("Farbquerkoma"), die beim Flektogon 2,8/35 mm mehrere Neuberechnungen nach sich zogen, beim 12,5er Flektogon nie eine nenneswerte Rolle spielten. Deshalb blieb es bis zum Schluß bei der Rechnung von 1949. Bis 1965 wurden etwa 8600 Flektogone 2,8/12,5 mm hergestellt.
2. Flektogon 2/10 mm
Auch in der Bundesrepublik zogen die Firmen im Laufe der 1950er Jahre langsam nach. Bei Schneider Kreuznach hatten Karl Macher und Günter Klemt ein Cinegon 1,9/11,5 mm konstruiert, das aber sehr groß gebaut war. Zur Photokina 1958 war jedoch ein Cinegon 1,8/10 mm herausgebracht worden, das deutlich kompakter und schlanker war. Es läßt sich nun nachweisen, daß im VEB Zeiss Jena kurz danach an einem Flektogon 2/10 mm gearbeitet wurde, mit dem auf diese neue Marktlage reagiert werden sollte.

Zum 26. September 1958 wurde mit dem Versuch V265 ein "Objektiv 2/10 mm" abgeschlossen, das bei einer Brennweite von exakt 10 mm eine noch größere Schnittweite von fast 13 mm aufzubieten hatte. Mittlerweile war man bei Zeiss Jena in einer neuen Ära des Objektivbaus angelangt. Für den Bildwinkel von 65 Grad, der für eine Filmkamera ziemlich groß geraten war, mußte die zerstreuende Frontgruppe dreigliedrig ausgeführt werden. Dieses Flektogon 2/10 mm ist deshalb historisch bedeutsam, weil es als Vorarbeit zum 1961 gerechneten Flektogon 4/20 mm mit über 90 Grad Bildwinkel angesehen werden kann. Der negative Vorsatz besteht hier erstmals aus einer vorgesetzten Sammellinse, dem zwei zerstreuende Menisken folgen, und nicht mehr aus einer zwischen zwei Zerstreuungslinsen eingebetteten Sammellinse wie beim Flektogon 4/25 mm. Zudem war das positive Grundobjektiv endlich nicht mehr vom Gaußtyp, sondern vom Triplet abgeleitet, was sehr vorteilhaft war. Der Aufbau mit sieben einzelnstehenden Linsen war für die damalige Zeit sehr modern. Ohne die neue digitale Rechentechnik wäre ein solches Objektiv nicht denkbar gewesen.

Die auf zwei zerstreuende Menisken aufgespaltete negative Brechkraft im vorderen Objektivteil war interessanterweise aus niedrig brechendem Kron und zum anderen aus Schwerflint aufgebaut. Die hintere Sammellinse des Grundobjektivs bestand aus neuartigem Lanthan-Thorium-Schwerkron SSK10. Auch materialmäßig war dieses Objektiv also auf der Höhe der Zeit.

Der Prüfbericht vom April 1959 zu diesem V265 läßt und wissen, daß man bei Zeiss mit dieser Konfiguration noch nicht völlig zufrieden war. Die Bildleistung am Rand und in den Ecken war aufgrund astigmatischer Fehlerreste nicht gerade optimal, was sich auch bei den Werten für das Auflösungsvermögen niederschlägt. Bekanntermaßen läßt sich der Astigmatismus auch nicht durch Abblenden zurückdrängen. Man muß allerdings dazusagen, daß man bei Zeiss Jena sehr "pingelich" war, das die Abbildungsleistung angeht. In den USA hatte man beispielsweise geringere Hemmungen, auch deutlich schlechtere Objektive auf den Markt zu bringen, was angesichts des begrenzten Auflösungsvermögens des 16-mm-Systems in der Projektion kaum auffiel. Nebenbei liefert uns der obige Prüfbericht zum V265 noch das Auflösungsvermögen des Flektogons 2,8/12,5 mm nach V67, das für das Jahr 1949 als sehr gut und vor allem sehr gleichmäßig über das Bildfeld hinweg beurteilt werden muß.

Das obige Fernschreiben vom 28. November 1958 läßt erkennen, daß die Entwicklung des Flektogons 2/10 mm auf Betreiben des VEB Kinowerke Dresden erfolgt war. Hinter diesem Namen verbirgt sich die Laufbildsparte des bereits zerschlagenen VEB Zeiss Ikon. Dessen Betriebsleitung war auf dem V. Parteitag der SED scharf angegriffen worden, weil man über Jahre hinweg die Weiterentwicklung der Geräte vernachlässigt und auf diese Weise den Anschluß zum Weltmarkt verspielt hatte. Das machte sich in deutlich zurückgehenden Verkaufszahlen der Contax S und auch der AK16 im westlichen Auslande bemerkbar. Nach diesem Rüffel mußte es schnell gehen: Man brauchte dringend neue Produkte. Ich erinnere nur an die Pentina, die nun eilig zuende entwickelt wurde (und zu einem Fehlschlag geriet). Schnell mußten noch Gelder für Entwicklungsaufträge ausgegeben werden, damit die Erfüllung der Zahlen vorgewiesen werden konnte.

Die telegraphische Rückantwort von Herrn Neugebauer (der rechten Hand von Dr. Zöllner) an Egon Kaiser (der rechten Hand von Robert Geißler) im Dresdner Optik-Rechenbüro teilt am 5. Dezember 1958 mit, daß über den Erfolg des neuen Weitwinkelobjektivs 2/10 mm erst nach Herstellung und Prüfung eines Musterobjektives entschieden werden kann. Vom oben bereits gezeigten Prüfbericht vom Frühjahr 1959 wissen wir, daß diese Musterprüfung ungünstig ausgefallen war. Aus dem handschriftlichen Vermerk auf dem Prüfbericht müssen wir wohl schlußfolgern, daß diese Objektiventwicklung mit einem Schreiben von Geißler vom 22. Juni 1959 ad acta gelegt worden ist. Aus heutiger Sicht ist das schade. Das Flektogon 2/10 mm wäre für seine Zeit trotzdem ein gutes Objektiv für die AK16 gewesen. Sechs Jahre später, im Oktober 1964, wird man auf Basis dieses Flektogons das Tevidon 2/10 mm für Fernsehkameras entwickeln.
3. Flektogon 2,8/24 mm
Während der 1950er Jahre hatte auch beim 35-mm-Normalfilm eine große technische Weiterentwicklung stattgefunden. Farbaufnahmen waren von der Besonderheit zum technischen Standard geworden. Magnetton war hinzugekommen, der eine stereophone oder sogar quadrophonische Tonwiedergabe ermöglichte. Die Entwicklung von anamorphotischen Breitwandverfahren stellte andererseits hohe Anforderungen an die Bildleistung der Objektive, da Bildfehler stark mitvergrößert wurden. Bei Zeiss Jena hatte man im Jahr 1960 mit dem Versuch V283 ein mittleres Weitwinkelobjektiv für den 35-mm-Tonfilm entwickelt mit den Daten 2,8/24 mm.


Im Hinblick auf die Grundkonstruktion und den Glasaufbau basiert das Flektogon 2,8/24 mm deutlich auf dem Flektogon 2,8/35 mm seit dem V187 von 1955. Wie beim im Abschnitt 1 besprochenen Flektogon 2,8/12,5 mm mußte jedoch auch hier keine Schnittweite erreicht werden, die länger als die Brennweite war, da das Objektiv nicht vor einem Klappspiegel, sondern einem Rotationsspiegel zum Einsatz kam. Zudem war auch hier der Bildwinkel mit 59 Grad nicht ausgesprochen groß.

Der Prüfbericht vom 6. August 1960 läßt uns wissen, daß dieses Objektiv eine ganz ausgezeichnete Bildqualität erreichte. Man sieht, daß es sowohl in der Bildmitte als auch in den Bildecken stets besser war als das Angénieux Retrofocus R2 2,2/24 mm, das von der DEFA als Referenz angegeben wurde. Von diesem Weitwinkelobjektiv wurden im Laufe des Jahres 1961 60 Stück mit Anschluß 546208 hergestellt, hinter dem sich offenbar ein Schlüssel für das Arriflex-Bajonett verbirgt. Die handschriftliche Ergänzung läßt uns wissen daß später eine "Zweitverwertung" dieses Flektogons nach V283 als Dokumar – also als Aufnahmeobjektiv für Reproduktionen auf Mikrofilm – wegen der Verzeichnung von rund 1,5 Prozent nicht in Frage kam.

Hier sieht man eines dieser Flektogone 2,8/24 mm mit Arriflex-Bajonett aus dem Jahre 1961. Da die DEFA wohl kaum alle 60 Stück gebraucht hat, scheinen auch einige ins Ausland gelangt zu sein. Bilder: Jarmo Laine, Finnland.


Oben: Das Musterobjektiv des Versuchs V283 hat sich in der Sammlung des Diplom-Mathematikers Günther Benedix erhalten - desjenigen Zeiss-Optik-Rechners, dem wir zu verdanken haben, daß all diese Originalmaterialien bei Auflösung des Werkes im Jahre 1992 erhalten geblieben sind, ohne die diese Aufarbeitung nicht möglich wäre.
4. Flektogon 2,8/35 mm für 70-mm-Film
Die Weiterentwicklung der Kinotechnik war seit der zweiten Hälfte der 1950er immer weiter vorangeschritten. Um gegen das nun als "Pantoffelkino" bezeichnete Fernsehen konkurrieren zu können und die Zuschauer weiterhin in die Lichtspielhäuser zu ziehen, setzte man auf immer größere und gewaltigere Projektionsbilder. Das analoge Kompressionsverfahren "Cinemascope" gelangte dabei rasch an seine Grenzen, weil einerseits das Auflösungsvermögen des Negativmateriales stark überansprucht wurde und man zweitens durch das kleine Bildfenster des Projektors und der nachfolgenden Entzerrung durch den Anamorphoten das Projektionsbild nicht leuchtstark genug bekam. Beides ließ sich umgehen, indem man die Größe des Negativbildes deutlich anhob.

Von den USA ausgehend hatte sich ein Großbild-Kino entwickelt, das in der Sowjetunion und aufbauend darauf auch in der DDR aufgegriffen wurde. Die Ostblock-Variante hob sich dabei vor allem dadurch ab, daß auch bei der Aufnahme statt eines 65 mm breiten Filmes ein Negativmaterial von 70 mm Breite verwendet wurde. In einem bemerkenswerten Kraftakt wurde durch die staatliche Filmgesellschaft der DDR "DEFA" eine eigene 70-mm-Tonfilm-Reflexkamera entwickelt, die dem damals modernsten Stand der Technik entsprach. Parallel dazu wurde vom VEB Kamera- und Kinowerke eine 70-mm-Theratermaschine zur Verfügung gestellt. Mit der "DEFA 70 Reflex" und dem "Pyrcon UP700" hatte die DDR nun ein eigenes, von ausländischen Lizenzen unabhängiges 70-mm-System zur Verfügung.

Als Normalobjektive und lange Brennweiten für das Nennformat 23x53 mm dieses 70-mm-Filmes konnten bedenkenlos vorhandene Optiken für das Mittelformat verwendet werden. Was jedoch fehlte, war ein für das Format geeignetes Weitwinkelobjektiv. Zum 1. August 1962 wurde bei Zeiss Jena die Rechnung für ein spezielles Flektogon 2,8/35 mm geschaffen, bei dem der Bildwinkel auf 79,5 Grad angehoben war, um das große Bildfeld abdecken zu können. Dies geschah unter einem enormen Materialeinsatz. Vier der acht Linsen bestanden aus Lanthan-Thorium-Schwer- und Schwerstkron-Gläsern.

Anhand der Abbildung oben sieht man, daß der für die Flektogone seit 1948 entwickelte Aufbau mit einem Biometar als Grundobjektiv und einem vorgesetzten streuenden Meniskus angewandt wurde. Da keine übermäßig lange Schnittweite erreicht werden mußte, reichte dieser Ansatz aus. Neu war jedoch der fast planparallele Glasblock zwischen Grundobjektiv und zerstreuendem Vorsatz mit einer stark Richtung Ding gewölbten Kittfläche. Dieser Glasblock hatte mit +0,2 Dioptrien keine nennenswerte Brechkraft, erlaubte aber, den Durchmesser der Frontlinse zu verringern (die ohnehin riesig war). Zweitens wurde mit der Kittfläche sicherlich die Distorsion des Gesamtsystems gesteuert. Ob dieses Spezialobjektiv an der DEFA 70 Reflex tatsächlich zum Einsatz kam, ist allerdings nicht gesichert.
5. Flektogon 2/12,5 mm
Mitte der 1950er Jahre geriet der VEB Zeiss Ikon in eine immer tiefere Krise. Die Geräte, die dieser Großbetrieb im Bereich der Photo- und Laufbildkameras anzubieten hatte, waren entweder bereits wieder überholt oder aber sie waren für den sogenannten Weltmarkt uninteressant geworden, weil es im niedrigen Preissegment mittlerweile genügend Angebot gab. Dies führte dazu, daß der VEB Zeiss Ikon seine ihm eigentlich zugedachte Aufgabe, nämlich der DDR-Volkswirtschaft die nötigen Deviseneinnahmen zu bescheren, immer weniger erfüllen konnte. Neue Spitzenprodukte mußten deshalb her. Im Bereich der Photokameras entwickelte man eine würfelförmige Reflexkamera mit Wechselmagazinen (die freilich nie auf den Markt kam) und bei den Laufbildkameras sollte eine neuartige Spiegelreflexkamera mit Wechselkassetten für den Doppelacht-Film den Durchbruch in der Käufergunst der westlichen Länder bringen. Diese Pentaflex 8 kam allerdings erst heraus, als es den VEB Zeiss Ikon schon nicht mehr gab.

Als diese Kamera unter dem zu Jahresbeginn 1959 geschaffenen Photogeräte-Großbetrieb VEB Kamera- und Kinowerke endlich Gestalt annahm, benötigte man unbedingt ein neues Normalobjektiv. Das erst im März 1954 für die Pentaka 8 geschaffene Biotar 2/12,5 mm war für die Pentaflex 8 ungeeignet, da dessen Schnittweite nur etwa 6,9 mm betrug. Für die Reflex-Filmkamera mußte jedoch eine Schnittweite von knapp 10 mm gewährleistet sein. Das verlangte nach einer Retrofokus-Konstruktion; auch wenn bei einem Bildwinkel von lediglich 27,5 Grad nicht von einem Weitwinkel die Rede sein kann.

Schon im September 1957 hatte man unter dem Versuch V250 ein Flektogon 2/12,5 mm konstruiert. Es kam der übliche Flektogon-Aufbau mit dem Biometar als Grundobjektiv zum Einsatz. Als Besonderheit war die Blende jedoch in den Luftraum hinter der ersten Sammellinse verlegt worden. Da dieser Luftraum beim V250 mit 0,9 mm zu klein war, wurde zum 31. Januar 1959 ein Versuch V286 gerechnet, bei dem dieser Luftraum auf 2,1 mm erhöht werden konnte, ohne daß sich am Grundaufbau etwas änderte.

Beide Versionen dieses Flektogons 2/12,5 mm – mit dem kürzeren Blendenraum nach V250 von 1957 und mit dem größeren Blendenraum V286 von 1959 – wurden zum 10. März 1960 in der DDR zum Patent angemeldet. Gerechnet wurde das Objektiv im Wesentlichen durch Christa Dietzsch. Aus der Patentschrift geht hervor, daß nicht einfach der bisherige Flektogon-Aufbau hergenommen werden konnte, um die Lichtstärke auf 1:2,0 anzuheben, weil die dafür nötigen Dickenanhebungen die Bildleistung verdorben hätten. Aus den zahlreichen Schutzansprüchen geht hervor, daß für diese Leistungssteigerung Erfindungen im erheblichem Umfange nötig gewesen waren.

Auch materialmäßig war dieses Objektiv auf der Höhe der Zeit. für die Sammellinse des Kittgliedes kam neuartiges Lanthan-Thorium-Schwerstkron vom Typ SSK10 zum Einsatz. Bei der Rechnung von 1957 war dies noch barit-Flint BaF13 gewesen, das jedoch nicht serienmäßig hergestellt werden konnte. Für ein Normalobjektiv, das ja für große Stückzahlen ausgelegt sein muß, war das ein beträchtlicher Aufwand. Dieser relativierte sich lediglich dadurch, daß für die kurzen Brennweiten der Schmalfilmkameras nur sehr kleine Linsen und damit wenig Glasmasse je Objektiv benötigt wurden.

Für die Pentaflex 8 allein wäre die Vergrößerung des Blendenraumes mithilfe des V286 nicht nötig gewesen. Doch die obige Mitteilung vom 10. Juli 1959 läßt uns wissen, daß man das "Einbringen einer Blendenautomatik" plante. Die Erweiterung des Luftraumes brachte es als Nebeneffekt mit sich, daß die Bildleistung des Flektogons 2/12,5 mm gleichmäßiger wurde.
Hinter diesem Begriff "Blendenautomatik" verbarg sich die in Entwicklung befindliche Pentaka 8-I automatic, bei der sich die Belichtung des Filmes automatisch regelte. In beiden Kameras konnte nun dasselbe Objektiv verwendet werden, was übermäßige Lagerhaltung erübrigte. Ich muß jedoch an dieser Stelle anmerken, daß mir nicht ganz klar ist, weshalb bei der Pentaka automatic auf das Flektogon 2/12,5 mm gesetzt wurde. Da es sich ja um keine Reflexkamera handelte, sondern sie auf der Mechanik der normalen Pentaka basierte, wäre ja prinzipiell das Biotar 2/12,5 mm verwendbar gewesen, das mit 2,7 mm sogar einen noch größeren Blendenraum gehabt hätte. Aber offenbar war es vorteilhaft, die Blende weit vorn im Objektiv zu haben, um das Drehspulinstrument für die Regelung der Blendenöffnung in der Kamera unterbringen zu können. Vom Flektogon 2/12,5 mm wurden mindestens 16.600 Stück gefertigt, davon etwa 3500 Stück für die Pentaflex 8 (die ja auch mit dem Pentovar ausgeliefert wurde). Die Pentaka 8-I automatic gelangte im Laufe des Jahres 1964 in die Fertigung und wurde zur Frühjahrsmesse 1965 als Neuheit vorgestellt. Das war genau die Zeit, als das neue Super-8-Verfahren auf den Markt kam und Doppelachtkameras von heute auf morgen wie Blei in den Geschäften liegen blieben.
6. Flektogon 2/5,5 mm
Welche Bedeutung dieser neuen Spitzen-Schmalfilmkamera Pentaflex 8 damals innerhalb der DDR-Photoindustrie zugemessen wurde, das läßt sich auch an einem speziell für sie geschaffenen Wechselobjektiv ablesen. Seit Einführung des Doppelacht-Filmes zu Beginn der 1930er Jahre arbeiteten die zugehörigen Kameras mit ausgesprochen langbrennweitigen Normalobjektiven, damit das Motiv wegen des sehr begrenzten Auflösungsvermögens des Filmes möglichst groß abgebildet wurde. Zweitens mußte zwischen Objektiv und Film ein Sektorenverschluß untergebracht werden, der während des Bildtransportes den Lichtpfad unterbrach. Dessen Mechanik benötigte viel Einbauraum, weshalb schon deshalb die Brennweiten nicht zu kurz werden durften, weil sonst nicht genügend Schnittweite übrig geblieben wäre. Damit man sich ein Bild machen kann: Das Nennformat des Doppelacht-Filmes war bei 3,6 x 4,8 mm festgelegt, was eine Diagonale von 6 mm ergibt. Wenn das "Normalobjektiv" eine nominelle Brennweite von 12,5 mm hat, dann handelt es sich in Wahrheit bereits um ein Fernobjektiv. Diese Zusammenhänge erschwerten dem Filmamateur, für den das Doppelacht-System ja geschaffen worden war, die Aufnahme in Innenräumen und überall da, wo es eng zuging.

Um so ambitionierter muß das Projekt des VEB Zeiss Jena angesehen werden, ein Objektiv zu schaffen, dessen Brennweite nicht nur den Wert der Formatdiagonale unterschritt, sondern dessen Schnittweite zugleich auch dermaßen stark künstlich erweitert wurde, damit die kurzbrennweitige Optik an einer echten Reflex-Filmkamera verwendet werden konnte. Zu einer solchen Leistung waren in den 1950er Jahren überhaupt nur eine handvoll Objektivbaufirmen auf der Welt in der Lage.

Das Flektogon 2/5,5 mm basiert dabei auf den Grundlagenarbeiten Wolf Dannbergs für das Zeiss Flektogon 4/25 mm aus derselben Zeit. Gut zu sehen ist Dannbergs Aufbau des vorderen Streugliedes aus zwei negativen Menisken mit einer eingeschlossenen bikonvexen Sammellinse und dem als Triplet ausgelegten Grundobjektiv. Doch anstatt beim Flektogon 2/5,5 mm einen großen Bildwinkel von über 80 Grad zu erreichen, wurde dieser Aufbau hier für eine immense Anhebung der bildseitigen Schnittweite um fast 77 Prozent des Wertes der Brennweite angewandt. Der Bildwinkel lag dagegen "nur" bei 57,5 Grad, was für den 8-mm-Film dennoch einen beachtlichen Wert darstellte.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurde ein für die damalige Zeit außergewöhnlich hoher Materialeinsatz praktiziert. Das Objektiv besteht fast vollständig aus schweren und schwersten Krongläsern – Front- und Rücklinse aus Lanthankron, die Linsen 2; 4 und 5 aus Lanthan-Thorium-Schwerstkron. Die Ausgangsrechnung in Form des Versuchs V247 datiert auf den 12. August 1957. Zehn Jahre nach dem Ende der Demontage des Betriebes durch die Sowjetunion markierte der VEB Zeiss Jena damit wieder die Weltspitze des Photoobjektivbaus.

Der Prüfbericht zu diesem Flektogon 2/5,5 teilt uns eine ganze Menge wertvoller Informationen mit. Zunächst einmal ist das außergewöhnlich hohe Auflösungsvermögen von 3 µm in der Bildmitte und 8 µm am Rand zu erwähnen. Dies liegt bis heute weit über dem, was normale Filmemulsionen zu übertragen in der Lage sind. Zweitens erfahren wir aber, daß es be der ursprünglichen Rechnung sehr knapp mit dem ausgeleuchteten Bildkreis zuging. Dazu ist zu bemerken, daß das positive Grundobjektiv eines solchen Retrofokus das Bild des durch die negative Frontgruppe erzeugten virtuellen Bildes des Aufnahmeobjektes auf die Schicht abbildet. Das vom Flektogon 2/5,5 mm erzeugte Bild wird dadurch streng durch den Durchmesser der Frontgruppe abgegrenzt, weshalb das kreisförmige Bildfeld abrupt endet. Bereits normale Montagetoleranzen bei den Kameras sorgten dafür, daß ein nur im Zehntelmillimeter-Bereich aus der Mitte versetztes Objektiv zu einer scharf abgedunkelten Bildecke führen konnte. In zwei Schritten V247A und V247B wurde daher der Blendenraum des Flektogons 2/5,5 mm verkürzt und damit das Grundobjektiv dem negativen Vorsatz angenähert, wodurch sich der Durchmesser des Bildkreises auf das nötige Maß erhöhte. Trotzdem ging es bei diesem Flektogon stets knapp zu und bei den auf Doppel-Superacht umgebauten Modellen der Pentaflex 8 muß mit Vignettierungen in den Ecken gerechnet werden.
Das Flektogon 2/5,5 mm mit Abschlußdatum vom 18. Juli 1958 wurde zwar mit Hinblick auf die Anforderungen der kommenden Schmalfilm-Spiegelreflexkamera Pentaflex 8 konstruiert, es kam jedoch zunächst für die bereits in Verkauf befindliche Pentaka 8 auf den Markt. Hierfür wurde die oben zu sehende Lösung gefunden, um den fest eingebauten Newton-Sucher dieser Kamera auf den größeren Bildwinkel dieses Objektivs umzustellen.

In der Fassung für die Pentaflex 8 hat das Flektogon 2/5,5 mm keinen Blendenring, da die Steuerung der Blendenöffnung von der Kamera aus über eine entsprechende interne Steuerkupplung geschieht. Eine zusätzliche Steuerkurve, wie sie bei der Kupplung der Pentaka 8 zum Pentafot-Belichtungsmesser auf den Blendenring aufgebracht werden mußte (oben im Bilde andeutungsweise erkennbar), war daher nicht nötig. Damit war das Flektogon 2/5,5 mm für die Pentaflex 8 auch mechanisch auf ungewöhnlich hohem technischen Niveau. Vom Flektogon 2/5,5 mm wurden für beide Kamerasysteme insgesamt etwa 6400 Stück hergestellt.
Das Flektogon 2/5,5 mm ist für mich eines der faszinierendsten Objektive, die der VEB Zeiss Jena je hervorgebracht hat. lange bevor ich den Prüfbericht kannte, war mir klar, daß dieses Objektiv eine ganz hervorragende Bildqualität liefert. Ich habe daher eine rein mechanisch arbeitende, sowjetische Super 8 Kamera auf den Objektivanschluß der Pentaka umgebaut. Der Bildwinkel des Flektogons wird durch das etwas größere Filmbild des Super-8-Formates vollständig ausgereizt, was an den abgedunkelten Ecken erkennbar ist. Die Schärfe ist dennoch einwandfrei.
Marco Kröger
letzte Änderung: 22. November 2025

Yves Strobelt, Zwickau
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