Flektogon 2,8/35

Flektogon 2,8/35 mm

Als in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre der neuartige Typus der Kleinbild-Spiegelreflexkamera aufkam und sich rasch zu einem unerwartet großen Erfolg entwickelte, da ergab sich das Problem, daß die bisher für die Kleinbildkamera geschaffenen Weitwinkelobjektive nicht für die neue Kamerabauart geeignet waren. Um wenigstens ein wenig mehr Bildwinkel anbieten zu können, wurde bei Zeiss Jena im Januar 1938 ein Tessar 4,5/4 cm geschaffen. Bei einer Bilddiagonale von 43,3 mm sind natürlich 40 mm Brennweite kein wirkliches Weitwinkel. Zwar hatte Ludwig Bertele mit dem Biogon 2,8/35 mm schon in den 30er Jahren gezeigt, daß lichtstarke Objektive mit mehr als 60 Grad Bildwinkel durchaus im Bereich des Machbaren liegen. Allerdings war dieses Objektiv für die Spiegelreflexkamera gänzlich ungeeignet, denn seine Rücklinse reichte bis kurz an die Verschlußvorhänge. Ein Weitwinkel für die Reflexkamera müßte so konstruiert sein, daß trotz der kurzen Brennweite noch genügend Freiraum hinter dem letzten Linsenscheitel frei bleibt, damit der Spiegel nicht anschlägt. Schnittweite nennt der Fachmann diesen Abstand zur Brennebene. 


Eine Verlängerung dieser Schnittweite ist möglich, wenn man einem kurzbrennweitigen Grundobjektiv ein zerstreuend wirkendes Glied vorsetzt. Normalerweise würde eine solche Zerstreuungslinse nur die Brennweite des Grundobjektivs sinnlos verlängern, wie dazumal die Distarlinsen in der Zeit der Plattenkamera. Ordnet man sie allerdings genau im vorderen Brennpunkt dieses Grundobjektivs an, dann bleibt die äquivalente Brennweite des gesamten Systems unangetastet und es findet lediglich eine Verschiebung des hinteren Hauptpunktes Richtung Bildebene statt. Der gewünschte Effekt stellt sich nun dadurch ein, daß das gesamte optische System um diesen Betrag von der Bildebene weggerückt werden kann und auf diese Weise genügend Spielraum für den Reflexspiegel frei wird.


Beim Flektogon 2,8/35 mm besteht nun dieses Grundobjektiv aus dem für die Contax Meßsucherkamera entwickelten Biometar 2,8/35, dem in einem entsprechend großen Luftabstand ein zerstreuender Meniskus beachtlichen Durchmessers vorgesetzt wurde. Im Prinzip ähnelt ein solches als „Retrofokus“ bezeichnetes Weitwinkelobjektiv einem umgedrehten Teleobjektiv. Statt aber die Hauptebenen nach vorn zu verlegen, damit der Teletyp möglichst nah an die Brennebene gerückt werden kann, wird beim Retrofokus quasi der umgekehrte Weg beschritten und die Schnittweite verlängert.

Flektogon 35mm Version 1949/1952

Die Initiative zum Bau eines solchen Weitwinkels ging vom Leiter der Abteilung Photo des VEB Carl Zeiss JENA, Harry Zöllner, aus. Der eigentliche Konstrukteur war aber ein Mann namens Rudolf Solisch, der die Durchrechnung dieses Weitwinkels zu großen Teilen persönlich bewerkstelligte und dabei lediglich von einer Reihe Optik-Rechner unterstützt wurde [Vgl. Dietzsch, Retrofokusobjektive, 2002, S. 4]. Der Ansatz, das hoch auskorrigierbare Biometar als Grundobjektiv zu verwenden, war zwar vielversprechend, der Erfolg aber alles andere als sicher, da es keinerlei Vorbilder gab. Als Indiz dafür, daß sich tatsächlich gewisse Schwierigkeiten bei der Optimierung dieser Konstruktionsidee ergaben, könnte man hernehmen, daß in der ersten Version von 1949 das Biometar-Grundobjektiv noch mit einer hinteren Kittgruppe versehen werden mußte. Viele Jahre später, nachdem man ausreichend Erfahrungen mit Retrofokusobjektiven gesammelt und dahingehende wissenschaftliche Untersuchungen unternommen hatte, kam man zu der Erkenntnis, daß ein Gaußtyp nicht unbedingt die beste Lösung für das Grundobjektiv eines Retrofokus darstellt [Vgl. Dietzsch, Retrofousobjektive, 2002, S.  6].


Was übrigens heute keiner mehr weiß: Rudolf Solisch muß dann einige Monate nach der Patentierung des Flektogon 35mm, die erst 1953 nachgeholt wurde, in den Westen gegangen sein, denn er hat am 10. November 1956 ein Patent für die Firma  ISCO Optische Werke in Göttingen angemeldet (Nr. DE1.063.826). Diese Schutzschrift beschreibt ein Retrofokus-Weitwinkel, das unter der Bezeichnung Westrogon 4/24 mm bekannt geworden ist. Es handelt sich wiederum eine echte Pionierleistung, da es bei diesem Objektiv zum ersten Male gelang, den Bildwinkel eines Kleinbildobjektives auf über 80 Grad auszudehnen, ohne daß die Funktion des Reflexspiegels behindert wurde. Der Weggang des Zeissinaers Rudolf Solisch war demnach ein echter Verlust für Zeiss Jena. Die dadurch verursachte Einbuße an Konkurrenzfähigkeit konnte erst sukzessive durch die Arbeiten der Konstrukteure Wolf Dannberg und Eberhard Dietzsch wieder aufgeholt werden. Rudolf Solisch ist heute zu Unrecht ein vergessener Meister seines Faches!


Die allererste Version des Flektogon 2,8/35 mit Rechnungsdatum vom 13. August 1949 wurde nur in zirka 250 Exemplaren gefertigt. Hier war das Grundobjektiv wie gesagt noch aus sechs Linsen zusammengesetzt. Die heute bekannte Form des Flektogons 35mm wurde am 8. Februar 1952 abgeschlossen. Auf Basis dieser Rechnung begann ab 1953 die erste nennenswerte Serienfertigung dieses Weitwinkelobjektives. Beide Versionen sind  durch die Patentschriften 10.604 (DDR; 8. März 1953) und 953.471 (Bundesrepublik; 20. Dez. 1953), sowie ferner in den USA und Großbritannien (1955) geschützt worden.

Flektogon 2,8/35

Das hier abgebildete Flektogon stammt aus jener ersten großen Bauserie ab 1952/53, erkennbar am noch fehlenden Filtergewinde (Aufgrund des großen Bildwinkels brauchte man Filter in W-Fassung, die anfänglich nur als Aufsteckfilter geliefert wurden. Später gab es diese auch zum einschrauben). Schon zum 6. September 1955 wurde das Flektogon wieder neu gerechnet (und zum 12. März 1956 eine Version speziell für die Werra). Eine letzte Neuberechnung fand zum 23. September 1960 statt. Das war auch die „finale Version“ nach der das Flektogon 2,8/35 nun fast 25 Jahre unverändert gefertigt wurde.


Wieso auf einmal dieser Bruch im „Neuberechnungsreigen“? Nun, ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre stand dem VEB Carl Zeiss JENA einer der ersten Computer auf deutschem Boden zur Verfügung, mit dem jetzt Objektivberechnungen automatisiert durchgeführt werden konnten. Mit dieser Optikrechenmaschine OPREMA konnten die riesigen Mengen an Parameterrechnungen, die durch Änderung von Linsenradien, -dicken, und Brechkräften bei einem sechslinsigen Objektiv in tausende – ja zehntausende – Rechenoperationen ausarten, schnell, fehlerfrei und ohne Ermüdungserscheinungen durchgeführt werden. Damit war es jetzt möglich, sich auf dem Gebiet der Fehlerbeseitigung einem Optimum anzunähern, wie es in dieser Art vorher nicht möglich war. Das bedeutet natürlich nicht, daß die älteren Versionen des Flektogons unbrauchbare Objektive sind. Aber da auf dem Gebiet der Retrofokusobjektive Neuland betreten wurde, waren erst langwierige Optimierungsarbeiten nötig, die durch die neue Rechentechnik überhaupt möglich wurden. Auf diese Weise wurde aber auch aufgedeckt, daß sich bestimmte Fehler (vor allem am Bildrand) einfach nicht korrigieren ließen, wie die Abbildung unten zeigt.  [aus: Dietzsch, Eberhard: Die Entwicklungsgeschichte der Retrofokusobjektive vom Typ Flektogon; aus: Jenaer Jahrbuch zur Technik- und Industriegeschichte, Bd. 4, 2002, Anhang.] Genauere wissenschaftliche Untersuchungen auf diesem Gebiet, die durch Wolf Dannberg und Eberhard Dietzsch vorangetrieben wurden, führten letztlich dazu, daß der dem Flektogon 2,8/35 mm inneliegende Konstruktionsansatz später gänzlich verlassen werden mußte.

Dieses Mäkeln auf hohem Nivau sollte freilich nicht vergällen, daß das Flektogon 2,8/35mm in all seinen Versionen ein sehr gutes gemäßigtes Weitwinkel darstellt. In der oben abgebildeten Version der 50er Jahre mit Vorwahlblende kostete es damals 280,- Mark. Mit Halbautomatischer Springblende für M42 oder Exakta lag der Preis zunächst bei 348,- Mark, wurde dann aber im Frühjahr 1960 um  über 100 Mark auf 245,- Mark gesenkt. Das Modell mit Vollautomatischer Springblende für die Praktina IIA kostete 1959 gar 396,- Mark.


Erwähnerswert ist noch, daß die reale mittlere Brennweite des Flektogons 2,8/35mm bei etwa 36,6mm liegt [Vgl. Fincke, H. E.: Physikalisch-optische und physiologische Grundlagen; in Teicher (Hrsg.): Handbuch der Fototechnik, 2. Auflage, 1963, S. 35]. Eine in der Sowjetunion in Lizenz gefertigte Version des Flektogons unter der Bezeichnung Mir-1 hatte daher stets die "ehrliche" Brennweitenangabe von 37mm.


Alle Typen und Rechnungsvarianten zusammengenommen wurden zwischen Mitte 1950 und Jahresende 1985 über 196.000 Flektogone 2,8/35mm hergestellt. Damit dürfte das 35er Flektogon nicht nur zu den ersten, sondern auch den am längsten gebauten Retrofokusobjektiven der Geschichte gehören.

Das Flektogon 2,8/35mm ist bei vielen photographischen Praktikern beliebt, weil es sich sehr gut als Schnappschußobjektiv eignet. Insbesondere die sogenannte Zebra-Version mit ihrem extrasteilen Schneckengang ermöglicht ein flexibles Arbeiten mit diesem Werkzeug (mehr dazu bei den Objektiven der 1960er Jahre). Über die Bildwirkung braucht man wohl keine weiteren Worte verlieren. Photographiert von Avital Nathansohn, Israel, mit der Exakta Varex .

Flektogon 2.8/35

Egal ob 1960 oder 1975 das Flektogon ging mit der Zeit.

Praktica LTL2 Flektogon 35mm
Jena Flektogon 2,8/35mm

Die unten gezeigte Fassungsgestaltung des Flektogons 2,8/35 mm war Anfang bis Mitte der 60er Jahre üblich. Dabei wurden offenbar zwei Variationen gleichzeitg geliefert: Die Kunststoffarmierung auf dem Meterring war ursprünglich ein Vulkanitbelag, wie er vom Fernglasbau oder von der Außenhaut der Werra her bekannt war. Offensichtlich um den Aufwand zu reduzieren, wurde auch das Aufspritzen eines Ringes aus einer anderen Kunststoffart versucht, die dann das unten gezeigte Erscheinungsbild mit sich brachte. Dieses Material bewährte sich aber nicht. Es ging keine feste Haftung mit dem Alumiunium ein, sodaß der Ring oft nach kurzer Zeit zum freien Durchdrehen neigte. Außerdem schien der verwendete Kunststoff rasch zu verspröden und zerbrach dann bei äußerer Belastung. Auf die Tatsache, daß dem Herstellerbetrieb dieses Problem bereits seinerzeit bewußt gewesen sein muß, schließe ich daraus, daß immer wieder parallel Objektivserien in schwarzlacklierter Aluminiumfassung geliefert wurden, die den deutlich haltbareren Ring aus Vulkaitbelag aufweisen.


Als wirklich kurios ist anzusehen, daß das alte Flektogon 2,8/35 noch bis 1985 weiter gefertigt wurde, nachdem sein Nachfolger Flektogon 2,4/35 längst schon in Produktion war. Trotz schwarzer Kreuzrändelfassung hat das 2,8/35 aber keine mehrschichtvergüteten Glasoberflächen, was auf ein Aufbrauchen vorhandener Linsensätze schließen ließe. Eigenartig ist zudem dieTatsache, daß diese späten Flektogone eine Exakta-Fassung aufweist, obgleich in der DDR schon seit Ende der 70er Jahre keine Kameras mit diesem Anschluß mehr hergestellt wurden.

Marco Kröger


letzte Änderung: 14. November 2021