MC-Sonnar 4/300

 MC-Sonnar 4/300

So leistungsfähig das Zebra-Sonnar 4/300 aus dem Jahre 1966 auch gewesen ist, und so eindrücklich es auch als Beweis für das hohe Potential des Sonnartyps allgemein gesehen werden kann, so unübersehbar war jedoch auch, daß seine Grundkonstruktion auf dem Stand der 1930er Jahre verharrte. Und weil unter Wolf Dannberg damals in den frühen 60er Jahren offenbar kein Kompromiß zwischen einem weiterhin die Leistungsanforderungen des Kleinbildes erfüllenden Teleobjektiv und der gleichzeitigen Forderung nach einer Ausdehnung des Bildkreises auf das Mittelformat zugelassen wurde, war eine gleichzeitige Reduktion von Baugröße und insbesondere an Gewicht nicht möglich gewesen. Hinzu kam, daß mit der Einführung des besagten Luftspalts zwischen den Linsen zwei und drei auch die Montage des Objektivs nicht gerade einfacher geworden war. Zur selben Zeit aber begannen Japanische Hersteller mit einer bislang nicht gekannten Fülle an unterschiedlichen Neuentwicklungen die Märkte in den USA und zunehmend auch Westeuropa zu stürmen. So abenteuerlich die Qualität zumindest anfänglich manchmal gewesen sein mag, seit den späten 60er Jahren erweckten die Erzeugnisse durchweg einen ansprechenden äußeren Eindruck und zeichneten sich durch Kompaktheit und geringeres Gewicht aus. Das lag wohl auch daran, daß Hersteller wie Nikon, Canon, Minolta, Pentax usw. ihre 300er Tele nicht gleichzeitig für das Mittelformat ausgelegt hatten.

Sonnar 4/300 comparison Zebra and MC

Jedenfalls muß man im VEB Zeiss Jena Anfang der 70er Jahre durchaus einen gewissen Druck verspürt haben, mit den eigenen Erzeugnissen im Trend zu bleiben. Da man aber die Zweigleisigkeit eines 300er Teles, das gleichzeitig für Kleinbild und Mittelformat verwendet werden sollte, nicht aufgeben wollte, wählte man den Weg des Kompromisses. Wie gleich gezeigt werden soll, war das letztlich eine Fehlentscheidung, auch wenn das primäre Ziel, ein universelles Sonnar 4/300 zu schaffen, das deutlich kompakter (und gleichzeitig auch leichter war), sehr gut erreicht wurde, wie oben im direkten Vergleich sichtbar wird.

MC-Sonnar 4/300 Prototyp V466

Die Konstruktion des späteren MC-Sonnares 4/300 basiert auf einem Versuchsobjektiv Nr. V466 vom 11. Juli 1974, das später auch in genau dieser Konfiguration in Produktion ging. Nur der sogenannte "T3-Belag" der Mehrschichtvergütung wurde beim Serienobjektiv ergänzt. Dabei läßt das oben im Datenblatt angegebene Schnittbild erkennen, daß dieses Objektiv zwar weiterhin als "Sonnar" vermarktet wurde, es aber gar kein Sonnartyp mehr war. Es fehlen die für diesen Objektivtyp charakteristischen dicken Linsen im mittleren Objektivteil, die das bisherige Sonnar 4/300 so schwergewichtig ausfallen ließen und sicherlich auch die Herstellung teuer machten. Zentral ist jedoch die Tatsache, daß die hinterste Linsengruppe nun nicht mehr eine sammelnde, sondern eine zerstreuende Wirkung hatte. Damit gehörte dieses neue MC-Sonnar 4/300 nun eindeutig in die Gruppe der echten Teleobjektive. Seine deutlich dünneren Linsen sorgten für eine ganz erhebliche Gewichtsreduzierung und die flachen Krümmungshalbmesser der Oberflächen reduzierten die Herstellungskosten, weil nun mehr Linsen gleichzeitig geschliffen werden konnten. Auch lassen sich flache Krümmungen der Glasoberflächen viel besser mehrschichtvergüten. Das MC-Sonnar 4/300 muß daher sicherlich als das modernere Objektiv bezeichnet werden. Anders als man meinen könnte, war damit aber alles andere als ein Zugewinn an Bildleistung verbunden. Das ganze Gegenteil war der Fall. Bereits einfache photographische Testaufnahmen genügen, um einen deutlichen Rückgang der Bildleistung gegenüber seinem Vorgänger zu dokumentieren. 50 Jahre nach der Konstruktion des MC-Sonnares 4/300 erlaubt der unten wiedergegebene originale Prüfbericht aus dem VEB Zeiss Jena, diese subjektiv wahrgenommene Einbuße an Bildleistung, die mit der Neuerscheinung einherging, erstmals auch zahlenmäßig zu belegen.

Wenn man die obigen detaillierten Datenangaben zusammenfassen will, dann läßt sich schlußfolgern, daß das neue Objektiv durchaus eine deutliche Anhebung der Bildleistung in den Randbereichen des Mittelformates zu bieten hatte. Doch erkauft wurde dies im direkten Vergleich mit dem Zebra-Sonnar (das oben als Musterobjektiv 99 06 78M bezeichnet ist) mit einem ernüchternden Rückgang insbesondere der Kontrastleistung im zentralen Bereich, was allein deshalb fatal ist, weil eben nach wie vor zweigleisig gefahren wurde: Das MC-Sonnar war Mittelformat- UND Kleinbildobjektiv zugleich und gerade für die Bildhöhen bis etwa 20 mm, die genau das Bildfeld des Kleinbildes betreffen, war das neue Teleobjektiv kein Fortschritt. Allein im Hinblick auf die Verwendung mit der Pentacon Six stellte das MC-Sonnar 4/300 eine deutliche Verbesserung dar, weil es nun im Mittelformates eine sehr gleichmäßige Leistung bis in die Bildecken zeigte. In Bezug auf das Kleinbild jedoch, konnte man sich im VEB Carl Zeiss JENA mit diesem neuen Erzeugnis wirklich nicht zufrieden geben.

MC-Sonnar 4/300 Glasarten

Eher ernüchternd: Wer beim MC-Sonnar 4/300 mm nach außergewöhnlichen Glasarten sucht, der wird ziemlich stark enttäuscht. Es fällt der dominierende Einsatz der Borosilikat-Krongläser BK3 und BK7 auf, die unter den Nummern 802 und 3832 beide bereits im Glaskatalog von 1906 enthalten waren. Sie zählen zu den großen Hervorbringungen des Glaschemikers Otto Schott. Das mit besonders hoher Transparenz lieferbare BK7 war über Jahrzehnte das Standardglas für die Prismen in Feldstechern gewesen. Auch die für die höher brechenden Komponenten verwendeten Schwerflint 2 (Nr. 41) und Baritflint 4 (Nr. 1266) waren bereits 1906 verfügbar. Damit war dieses Jenaer Teleobjektiv sogar weit von dem Aufwand entfernt, der vom Konkurrenten in Görlitz für das Orestegor 4/300 getrieben wurde, dessen Konstruktion auf das Jahr 1961 zurückgeht und bei dem zumindest die Schwer- und Schwerstkrongläser sowie die Schwerflinte aus den 1930er Jahren herangezogen wurden. Abb.: Benedix

Die in den folgenden Jahren gerechneten Varianten des MC-Sonnars, wie eine Version 005.25 vom 17. August 1976 für das Format 56x56 mm oder die Versionen 006.25 vom 14. Juli 1977 und 008.25 vom 30. Oktober 1978 für das Kleinbild, drehten sich nur um geringfügige Änderungen der Linsensdurchmesser oder leichten Anpassungen von Radien und Abständen. Von den verwendeten Glassorten wurde aber nicht abgegangen, weshalb auch keine entscheidenden Verbesserungen erzielt werden konnten und man daher in der Fertigung bei der Rechnung von 1974 blieb. Man muß sich aber in der Abteilung Photo darüber im Klaren gewesen sein, daß man für das Kleinbildformat etwas Anderes, Konkurrenzfähiges benötigte. Dazu mußte aber ein anderer Konstruktionspfad eingeschlagen werden, was jedoch in sehr umfangreichen Entwicklungsarbeiten ausarten sollte, die letztlich erst über Umwegen zum Prakticar 4/300 mm für die neue Praktica B-Reihe führten [Zusammenstellung: Günther Benedix].

Zeiss Teleobjektive 4/300 nach 1945
MC-Sonnar 4/300 Pentacon Six

Das MC-Sonnar 4/300 war ein ausgewogenes Teleobjektiv für das Mittelformat 6x6. Daß es an der Kleinbildkamera in der Paxis einen schlechteren Eindruck hinterließ, lag aber nicht unbedingt daran, weil das MC-Sonnar per se ein schlechtes Objektiv darstellte, sondern durchaus deshalb, weil die vorige Zebra-Version so hervorragend korrigiert war. Die im Prüfbericht bemängelte reale Lichtstärke von 1:4,25 ("Durchmesser der E[intritts]P[upille] außer Toleranz") wurde in der Praxis durch eine gegenüber dem alten Sonnar deutlich bessere Lichtdurchlässigkeit aufgewogen, die durch die dünneren Linsen aus hochtransparenten Gläsern und die Mehrschichtvergütung hervorragende 94 Prozent errichte.

Daß man im VEB Zeiss Jena damals durchaus über die Situation mit dem neuen Objektiv verunsichert gewesen sein könnte, soll an folgendem Umstand deutlich gemacht werden. Normalerweise würde man ja davon ausgehen, daß, wenn ein Nachfolger auf den Markt gebracht wird, der Vorgänger anschließend außer Produktion geht. Aus der Quellenüberlieferung muß man aber ableiten, daß genau dies nicht der Fall gewesen ist. Vielmehr wurden das alte und das neue Sonnar 4/300 eine gewisse Zeit lang parallel zueinander gefertigt, weshalb sich Überschneidungen im Angebot des Werkes nicht allein aus dem Abverkauf des vorhergehenden Erzeugnisses ergaben.

Sonnar 4/300 Übergangsvariante

Es handelt sich immerhin um 2000 Exemplare des Sonnares 4/300, von denen mindestens 500 Stück das oben gezeigte Erscheinungsbild aufweisen [Bild: Andreas Poschinger]. Hierbei handelt es sich um das Objektiv 002.25 von 1963, das im Prinzip auch weiterhin in der "Zebra-Fassung" untergebracht wurde, jedoch wurde das bekannte Zebra-Design durch eine vollständig schwarz lackierte sogenannte "Kreuzrändelung" ersetzt, die eigentlich das neue MC-Sonnar auszeichnete. Dieses MC-Sonnar war am 19. August 1975 mit einer Stückzahl von 200 Exemplaren erstmals in Produktion gegangen. Im Oktober 1975 wurden dann aber wieder 1500 Stück des alten Sonnars 4/300 von 1963 gefertigt (Seriennummernbereiche 9.383.746 bis 9.384.745 sowie 9.930.466 bis 9.930.965). Im Januar 1976 folgten dann 500 Stück des neuen MC-Sonnars 4/300, denen dann aber im August 1976 noch einmal 500 Stück des Zebra-Sonnars (Seriennummern 9.930.966 bis 9.931.465) folgten, die aber in der oben zu sehenden Kreuzrändelfassung untergebracht waren.

Sonnar 4/300 MC Praktica EE2

Es fragt sich nun, wie diese seltsame Parallelproduktion beider Objektive – zumal in derartig signifikanten Stückzahlen – zu erklären ist. Dazu muß man die widersinnig erscheinende Tatsache in die Betrachtung einbeziehen, daß das neue MC-Sonnar 4/300 nun ausgerechnet für die Verwendung an der Kleinbildkamera gebraucht wurde, obwohl es gerade dafür nicht so gut geeignet war. Das hatte folgenden Hintergrund: Bereits im Herbst 1969 hatte der VEB Pentacon Dresden die neue Praktica L-Reihe eingeführt. Spitzenmodell war dabei die Praktica LLC mit ihrer elektrischen Blendenwertübertragung. Außer dem Pancolar 1,8/50 hatte Zeiss jedoch kein Wechselobjektiv im Angebot, das diese Offenblendenmessung unterstütze. Die gesamte Einführung der neuen MC-Objektive und der Kreuzrändelfassungen hatte nun (auch) den Hintergrund, diese sehr unbefriedigende Lage zu überwinden und alle Zeiss-Objektive wahlweise auch mit Blendenelektrik verfügbar zu machen. Bei den MC-Sonnaren 2,8/180 und 4/300 war deswegen eine mechanische Übertragung des eingestellten Blendenwertes an einen M42-Adapter eingeführt worden, damit dieser ihn wiederum in das elektrische Signal für die entsprechenden Praktica-Modelle umcodieren konnte. Genau diese mechanische Übertragung wurde jedoch nur durch das neue MC-Sonnar 4/300 gewährleistet; nicht aber durch das in eine Kreuzrändelfassung gesteckte alte Sonnar von 1963.

Sonnar Blendenwertübertragung

Oben ist der besagte Mitnehmer des MC-Sonnares 4/300 zu sehen, der die Stellung des Blendenringes beim unten gezeigten M42-Adapter mit Blendenelektric an den Schleifer eines Potentiometers weitergibt, der seinerseits die Blendenzahl als elektrischen Widerstandswert simuliert.

Electric Adapter
Prospekt Sonnar 4/300

Absolut verwirrendes Prospekt aus genau jener Zeit, die oben eingehend beschrieben wurde. Auf der Rückseite ist der Linsenschnitt des neuen MC-Sonnars abgebildet und es ist auch von der elektrischen Blendenwertübertragung die Rede, die dieses Objektiv nun ermöglichte. Vorn abgebildet ist aber offenbar das alte Sonnar von 1963 – mindestens aber die alte Fassung, die definitiv keine Mechanik zur Übetragung der Stellung des Blendenringes an den Adapter zuließ. Dafür mußte nämlich erst die Blendenmechanik mittels Bowdenzug eingeführt werden, wie sie hier näher beschrieben ist.

Prospekt Sonnar 4/300

Im Jahre 1976 wurde die Einführung der Praktica EE2 angekündigt, bei der erstmals die Verschlußzeiten automatisch gebildet wurden. Dafür war die Blendenelektrik nun absolut unumgänglich. Mit dem nächsten Produktionslos vom Dezember 1976 wurde jetzt nur noch das neue MC-Sonnar 4/300 gefertigt, bis die Herstellung kurz nach der Wiedervereinigung auslief. Bis dahin waren exakt 13.500 Exemplare entstanden, womit das MC-Sonnar nicht unbedingt ein seltenes Teleobjektiv ist, zumal es mit dem Pentacon 4/300 mm stets einen leistungsmäßig vergleichbaren Konkurrenten hatte, bei dem allerdings auf eine Springblendenautomatik verzichtet werden mußte. Dafür lag der Endverbraucherpreis des MC-Sonnars aber auch bei happigen 849,- Mark – über 300 Mark mehr als das Pentacon-Objektiv.

Besonderer Dank gilt wieder Herrn Günther Benedix für das Zurverfügungstellen der Originalunterlagen.

Marco Kröger 


Letzte Änderung: 10. Januar 2026