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Phototechnik aus Jena, Dresden und Görlitz
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Pancolar 1:1,4/75 mm

1. Vorgeschichte: Drei gescheiterte Anläufe zur Ablösung des Biotars 1,5/75 von 1938
Nur zwei Jahre nachdem im Frühjahr 1936 mit der Kiné-Exakta die erste Kleinbild-Spiegelreflexkamera vorgestellt worden war, wurden in Jena die Konstruktionsarbeiten für ein hochlichtstarkes Zusatzobjektiv fertiggestellt: Das berühmte Biotar 1,5/7,5 cm. Dieses Objektiv mit Rechnungsabschluß vom 20. April 1938 basierte von den Glasarten her auf dem technischen Stand der Biotare 1:1,4 der Jahre 1927/28 mit den beiden hinteren Sammellinsen aus Barit-Flint BaF9. Mit den seit dem Zweiten Weltkrieg deutlich weiterentwickelten Glasarten sah man in Jena offenbar deutliches Potential zur Weiterentwicklung dieses Objektives. Dazu zählte neben einer qualitativen Verbesserung auch die Reduktion auf eine Brennweite von 70 mm.

Der erste Anlauf für ein derartiges Biotar 1,5/7 cm wurde mit dem Versuch V62 bereits im 8. Juni 1949 gestartet. Für den optischen Aufbau wurde auf Glasarten aus den 30er Jahren zurückgegriffen, die Willy Merté, obwohl sie ihm zur Verfügung standen, jedoch 1938 noch nicht verwendet hatte. So bestanden die beiden hinteren Sammellinsen statt aus dem bisherigen BaF9 aus dem Schwerkron SK18 und dem hochbrechenden Barit-Flint BaF10. Oben sind die Bildfehlerkurven dieses Versuchsobjektivs V62 dargestellt. Die Maßangaben im Linsenschnittbild beziehen sich übrigens auf 100 mm Brennweite. Angesichts der realen Brennweite von 70,83 mm betrug die bildseitige Schnittweite 38,49 mm und die Baulänge der Optik nur 61,05 mm. Damit war das Versuchsobjektiv 1,5/7 cm fast 11 mm kürzer geraten als das alte Biotar 1,5/7,5 cm von 1938.

Von der Bildleistung her hatte man sich aber offenbar, trotz Einsatz höher brechender Gläser, nicht verbessert. Zum 10. Mai 1951 wurde daher mit dem Versuch V105 der Aufwand deutlich angehoben. Die Frontlinse bestand nun statt aus dem alten SK4 aus dem neuen Lanthan-Thorium-Schwerkron-Glas SK23 und die Zerstreuungslinse der Frontgruppe aus neuartigem Tief-Flint F17. Diese neuen LaK-Gläser waren zwar bereits während des Zweiten Weltkrieges entwickelt worden, aber für eine Großserienfertigung standen sie erst ab Anfang der 50er Jahre zur Verfügung. Das lag unter anderem auch daran, daß statt des bislang üblichen Schmelzens in Tongefäßen und mit Gasflammen spezielle Platintiegel und Elektrowärme nötig waren, um das Glas frei von Schlieren und Verunreinigungen durch in Lösung gegangenen Tons zu erhalten.

Wie man aus dem obigen Mitteilungsblatt vom 26. Juni 1952 zu diesem Versuch V105 erfahren kann, erachtete man jedoch die Bildleistung dieses neuen Biotars 1,5/70 im Vergleich zum alten Biotar 1,5/75 als noch nicht völlig gelungen. Als Vermerk lesen wir bereits: "Neurechnung V128". Ohne den Grundaufbau zu verlassen, wurde diese erneute Überarbeitung V128 dann zum 15. Juli 1952 abgeschlossen. Als wesentliche Änderung bestand nun auch die zweite Sammellinse der Frontgruppe aus dem Lanthan-Schwerkron SK23.

Die obige Mitteilung zu diesem Versuchsobjektiv V128 vom 19. Januar 1953 belegt, daß man auch mit diesem noch höheren Materialeinsatz keine befriedigende Bildqualität erreichen konnte. Maßnahmen zur Verbesserung des Kontrastes wirkten sich negativ auf den Astigmatismus aus. Man war zur Einsicht gelangt, zur Brennweite von 75 mm zurückzukehren und ein weiteres Versuchsobjektiv zu rechnen. Doch Fritz Disep (1910 - 1984), der bislang das Projekt leitete, gab erst einmal auf und man fertigte das Biotar 1,5/75 von 1938 weiter (was übrigens für die hervorragende Optimierung durch Willy Merté spricht). Es zeigte sich, daß man erst einen völlig neuen Konstruktionsansatz einschlagen mußte, um einen leistungsfähigen Nachfolger für dieses Objektiv schaffen zu können.
2. Das Pancolar 1,4/75 mm von 1964
Reichlich zehn Jahre mußten vergehen, bevor bei Zeiss tatsächlich eine neue "Portraitbrennweite" in Angriff genommen wurde. In dem Jenaer Betrieb hatte sich während dieser Zeit viel verändert. Trotz sozialistischer Planwirtschaft und trotz der scharfen Auseinandersetzungen mit Zeiss West war der VEB Zeiss Jena wieder zur Weltfirma geworden. In der Photo-Abteilung war eine junge Generation an Optik-Konstrukteuren hinzugekommen. Und mit Oprema und ZRA1 hatten völlig neue Möglichkeiten in der Konstruktion und Optimierung optischer Systeme Einzug gehalten.

Für ein zeitgemäßes lichtstarkes Portraitobjektiv blieb man zwar beim Gauß-Typ, doch wurde er einerseits durch Hinzufügen zusätzlicher Elemente erweitert. Zweitens wurden bisherige Kittgruppen vollständig in einzelne Glieder aufgelöst. Das von Harald Maenz (1929 - 2002) zusammen mit Rudolf Wanke entwickelte Pancolar 1,4/75 mm mit Rechnungsabschluß vom 25. September 1964 enthielt nun gar keine Verkittungen mehr. Statt 10 wie beim üblichen Biotar-Aufbau hatte sich die Anzahl der Flächen somit auf 14 erhöht. Auf diese Weise war es den Konstrukteuren gelungen, die außeraxialen komatischen Restfehler zu minimieren, ohne die vom Gauß-Typ bekannte gute Bildqualität in der Bildmitte zu verschlechtern. Dieser Fortschritt wurde im DDR-Schutzrecht Nummer 48.055 vom 9. September 1964 verankert. Dieser für die damalige Zeit sehr fortschrittliche Aufbau des Pancolars 1,4/75 mm muß vor dem Hintergrund des einige Jahre zuvor entwickelten Projektionssystems Visionar gesehen werden, an dem beide Konstrukteure beteiligt waren.

Dieses komplette Auflösen in Einzelelemente ist noch einmal gut aus dem obigen Schnittbild dieses Objektives ersichtlich. Es gibt uns auch Auskunft über die verwendeten Glasarten. Besonders fällt die exzessive Verwendung des Lanthan-Schwerkron SK22 auf. Auf das zur selben Zeit im Pancolar 1,4/55 mm verwendete, wegen seiner starken Gelbfärbung problematische Schwerstkron SSK11 konnte hier also verzichtet werden. Dieses in der Bundesrepublik als LaK2 bezeichnete SK22 enthielt zwar auch Thorium, doch in wesentlich geringerem Umfang. Der VEB Jenaer Glaswerk Otto Schott & Genossen führte das SK22 später als LaK74 bzw. LaK74n.

Das Serienobjektiv des Pancolar 1,4/75 geht auf eine Versuchsrechnung V376 zurück. Oben sieht man das Musterobjektiv dieses Versuchs V376 in einer Normalfassung N51, anhand derer die tatsächliche Bildleistung mit der Rechnung überprüft wurde [Bild: Günther Benedix]. Mit dieser aufwendigen Konstruktion hatte man endlich ein modernes Objektiv geschaffen, das einen würdigen Nachfolger des Biotares 1,5/75 von 1938 darstellte.

Trotz der wieder auf 75 mm angehobenen Brennweite betrug die Gesamtlänge der Optik nur 63,75 mm und war damit mehr als 8 mm kürzer als beim alten Biotar 1,5/75. Wie man oben sieht, war dazu die hintere Hauptebene noch vor die Blende verlegt worden. Mit diesem Aufbau aus sieben einzeln stehenden Linsen war das neue Pancolar 1,4/75 natürlich sehr aufwendig. Doch durch den verzicht auf das extreme Schwerstkron SSK11 lag der Listenpreis mit 515,- Mark sogar etwas niedriger als derjenige des 547,- Mark teuren Pancolar 1,4/55 mm. Dieser ungewöhnliche Umstand, daß ein Portraitobjektiv gegenüber einem Normalobjektiv gleicher Lichtstärke einen niedrigeren Preis aufwies, wäre also demzufolge auf den günstigeren Material- und Verarbeitungskosten zurückführen. Trotzdem wurden von diesem Objektiv letztlich nur bescheidenen Mengen fabriziert. Und das scheint daran gelegen zu haben, daß bei der Fassung der Linsen nur ganz geringe Toleranzen zulässig waren, wenn die volle Bildleistung erreicht werden sollte. So heißt es im Optik-Datenblatt zu diesem Objektiv wörtlich:
"Der Abstandsring zwischen Linse 4 und 5 muß bis auf 4 µ und der zwischen Linse 5 und 6 bis auf 10 µ planparallel sein".
Zum Vergleich: Ein durchschnittliches menschliches Kopfhaar ist etwa 10 mal dicker als diese zulässigen Toleranzen.

Hier sieht man ein Exemplar des seltenen Jena Pancolar 1,4/75 mm (Bild: Thomas Hirt). Sehr befremdlich dessen Seriennummer mit der vorlaufenden Null. Selbst wenn diese Null eine Fehlgravur wäre, würde sich die restliche Ziffernfolge in keines der bekannten Fertigungslose einfügen. Von diesem Objektiv, dessen Rechnung am 25. September 1964 abgeschlossen wurde, soll nämlich laut "Thiele" im Januar 1966 eine Nullserie von 50 Stück (Seriennummern 6.798.651 bis 6.798.700) und anschließend im Sommer 1969 ein einziges Produktionslos von 500 Stück (8.284.429 bis 8.284.928) gefertigt worden sein.
Damit hatte der VEB Zeiss Jena ein weiteres Photoobjektiv geschaffen, das letztlich nicht kommerziell erfolgreich war. Neben der aufwendigen Fertigung lag dies natürlich auch daran, daß die Kamera, für die es gedacht war, zu spät auf den Markt gebracht wurde und dann deshalb kaum internationale Beachtung fand. Dabei waren die Pancolare 1,4/55 und 1,4/75 ja nicht nur optisch, sondern auch mechanisch sehr aufwendig. Sie waren nämlich speziell auf die mechanischen Offenblendenübertragung der Pentacon Super ausgelegt worden. Die Verwendung an einer üblichen Praktica oder jeder anderen Reflexkamera mit M42-Gewinde war zwar nach Abschalten des Übertragungsstößels möglich, doch dann wurde ein Großteil des mechanischen Aufandes dieses Objektives gar nicht genutzt.
Diese beiden Hochleistungsobjektive Pancolar 1,4/55 und Pancolar 1,4/75 müssen daher sehr zwiespältig beurteilt werden. Einerseits bewies der VEB Carl Zeiss JENA Mitte der 60er Jahre, daß er durch Einführung neuer Glasarten, neuer Konstruktionsverfahren sowie neuer Meß- und Prüfmethoden an der Spitze der Objektivfertigung der Welt stand. Im gleichen Atemzug sind diese beiden Pancolare aber Ausdruck für einen einsetzenden Wandel, durch den die einstmals in vielen Bereichen fast konkurrenzlose DDR-Photoindustrie zu einem der vielen Mitbewerber auf dem internationalen Markt geriet. Die Pressephotographen des „Nichtsozialistischen Auslandes“ hatten Ende der 60er Jahre längst ihre Nikon-F-Ausrüstung. Und für Photoamateure war dieses Pancolar 1,4/75 mm sowohl in Hinblick auf eine sinnvolle Anwendung wie auf den Anschaffungspreis ungeeignet. Es sollte mehr als ein Jahrzehnt vergehen, bis Utz Schneider (1943 - 2025) mit dem Pancolar 1,8/80 wieder ein Portraitobjektiv aus dem Hause Zeiss Jena entwickeln würde.
Marco Kröger, Frühjahr 2021
letzte Aktualisierung: 19. November 2025

Yves Strobelt, Zwickau
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